Teil 1    Unser Planet 

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1. Im Großen gesehen: Sind wir der Endpunkt eines so großen Systems?

 

Das tägliche Heer

Ein kleiner Planet unter Millionen Sternen der Milchstraße

Gibt es noch anderwärts menschliches Leben?

Der Mensch: 1 Prozent seines Lebens «kultiviert»

Seine ursprünglich geringe Zahl 

 

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Gestern morgen blickten mehr als 175.000 Mütter auf die unbestimmt und ahnungslos drein­schauenden Augen ihrer neuge­borenen Kinder. Heute tut eine ähnliche Anzahl das gleiche, und ebenso wird es morgen sein und übermorgen. All diese Kindlein sind sich sehr ähnlich; die Farbe ihrer verschleierten Augen und ihrer kleinen, sonderbaren Körper wechselt ein wenig, sonst aber sehen sie ganz gleich aus, mögen sie nun in Jakutsk oder Feuerland, in Schanghai oder Brooklyn, in Budapest oder London das Licht der Welt zum erstenmal erblicken.

Das sind die Kinder unserer Erde; jeden Tag, in jedem Lande stellen sie sich ein; das ist das Heer, das Tag für Tag in aller Welt für das Fortleben der menschlichen Gattung sorgt. Jeden Tag ist im Durchschnitt ihre Zahl ein wenig größer als am vorher­gehenden. Daß dem in den letzten dreihundert Jahren so war, wissen wir.

Aus früheren Zeiten kennen wir keine bestimmten Einzelheiten außer der einen, daß vor Jahrtausenden die ersten, zerstreut wohnenden Gruppen von Männern und Frauen lebten; die ursprünglichen Stammeltern, von denen die heute lebenden, mehr als zwei Milliarden Menschen abstammen.

So groß ist der Harst* der Neugeborenen, die Tag für Tag, aus dem Dunkel des Mutterleibes befreit, lebendige Mitglieder der Umwelt werden, in die sie hineingeboren sind. Deren Stärke und Schwäche wird auch die ihre sein. Innert* zweier Lebensdauern hat sich diese täglich eintreffende Menschheits­schar fast verdreifacht. [detopia: Harst: Wort aus der Schweiz: Kriegshaufe, -schar, Heerhaufen. "Innert": innerhalb]

Die zweite Hälfte des Wortes Christi «Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen» hat sich erfüllt. Heute ist die Menschheit in großer und ständig wachsender Zahl über fast sämtliche bewohnbaren Gebiete der Erde verbreitet, doch diese Herrschaft des Menschen zeichnet sich weder durch Sanftmut noch durch Verständigkeit aus.

Als der Psalmist sang «Seine Seele wird im Guten wohnen, und sein Same wird das Land besitzen», da verlieh er einer Hoffnung der Menschheit Ausdruck, die der Lauf der Geschichte enttäuschte. Ein Kind, das vor nur zwei Lebensaltern zur Welt gekommen ist, hätte niemals, selbst wenn ihm die höchsten prophetischen Gaben eigen gewesen wären, die Entwicklung voraussehen können, die in gewissem Sinn die Apotheose* aller früheren menschlichen Geschichte darstellen.

In dieser kurzen Spanne, oder innerhalb von nur sechs Generationen ist die Bevölkerungszahl der Erde von gegen siebenhundert Millionen auf fast zwei Milliarden gewachsen. Kontinente, die noch vor kurzem unbewohnt waren, sind «erobert» und bevölkert. Daß der Mensch das Erdreich erben solle, ist heute zur vollendeten Tatsache geworden, doch als Erbe hat er die Worte des hohen Nazareners mißachtet und bereits einen großen Teil seines Erbes vergeudet. So sehr verkannte er, daß er ein Kind dieser Erde sei und daß er daher, um am Leben bleiben zu können, verständnisvoll mit der Natur zusammenschaffen müsse und nicht im Kampf gegen sie. In der richtigen Erkenntnis dieser Fehler der Vergangenheit liegt die einzige Hoffnung für die Zukunft und die einzige Möglichkeit, dem Tag der Vergeltung zu entgehen, der mit jedem Jahr näher und näher rückt.

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In dem, was man den «weiten Gesichtspunkt» nennen kann, liegt ein eigener Wert. Vielleicht verstehen wir die heutige Lage der Menschheit am ehesten, wenn wir sie zunächst einmal in den größten Maßstäben von Raum und Zeit betrachten. Wer weiß? Mancher Standpunkt offenbart seine besonderen Einsichten.

Unsere Heimat, die Erde, ist einer von den kleinsten der neun Planeten, die zu dem Stern gehören, den wir Sonne nennen. Dieser Stern hat etwa 109 mal den Durchmesser der Erde und etwa 1.300.000 mal ihr Volumen. In unseren Augen ein majestätischer Gegenstand und in Wahrheit der Quell unseres Lebens! So haben denn die Menschen durch Jahrtausende die Sonne ab eine Gottheit verehrt, und wahrlich, sie hatten ein Recht, so zu tun.

* (d-2011:)  Apotheose: Vergöttlichung, Verherrlichung; wirkungsvoller Schluß eines Bühnenwerks oder Tonstücks.

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Und doch ist die Sonne in Wahrheit nur ein recht unbedeutender Stern, ein einzelner in der großen Gruppe oder dem Sternsystem, das wir als galaktisches kennen und das unzählige andere Sterne umfaßt, die größer und heller sind. Wir kennen Sterne, die zum wenigsten zehntausendmal soviel Licht aussenden wie die Sonne; manche sind so riesenhaft, daß unsere Sonne viele Millionen mal in ihrem Inneren Platz fände.

Weiter ist das galaktische System, zu dem unsere Erde und Sonne gehören, und das wir als Milchstraße kennen, nur eines unter Millionen von ähnlichen galaktischen Systemen. 

Nicht weniger unermeßlich sind die Entfernungen im Weltall – sie übersteigen völlig unser Vorstellungs­vermögen. 

Zuweilen gelingt es uns, einen Leitfaden zu erhaschen und ihm zu folgen, aber bald verlieren wir ihn wieder. So fassen wir beispielsweise die Lichtgeschwindigkeit ins Auge und berechnen, daß das Licht die Erde in einer einzigen Sekunde siebenmal zu umkreisen vermag. Dann erscheint die Entfernung der Erde von der Sonne einiger­maßen vorstellbar: Licht von der Sonne erreicht uns in etwa acht Minuten. Doch unser Vorstellungs­vermögen verläßt uns bald, wenn wir hören, daß die Explosion eines Sternes im Bild des Perseus, die 1901 beobachtet wurde, tatsächlich etwa 300 Jahre früher stattgefunden hatte, und daß der Lichtblitz, der uns die Kunde vermittelte, so lange brauchte, um uns zu erreichen.

Solche Unendlichkeiten von Raum, Zeit und Materie können wir uns nicht vorstellen, wir können sie höchstens empfinden.

Doch was hat das mit der Menschheit und ihrer Zukunft zu schaffen? Sind wir Menschen etwas Einmaliges — das Endresultat solch eines riesigen Systems? Oder gibt es vielleicht noch andere Planeten, die von Wesen bewohnt werden, die ähnlich hoch entwickelt sind wie wir Menschen? Wir meinen nicht nur die Planeten, die es in unserem kleinen Sonnensystem gibt, sondern auch solche, die in vielleicht unermeßlicher Zahl anderwärts existieren?

 

Wenn dem so wäre, müßte man doch wohl den Kampf des Menschen um seine Existenz und die Errungenschaften der Kultur mit etwas anderen Augen ansehen. 

Betrachten wir die menschliche Kultur hier auf unserer Erde unter der Perspektive des großen kosmischen Schemas, so müßte doch wohl die Gesamtheit all unserer Tätigkeit, um uns zum Überleben zu berechtigen, zum wenigsten die Minimal­bedingungen dauernden Daseins erfüllen, die andere, vielleicht anderswo bestehende Kulturen erfüllt haben. 

Herrschen wir auch auf dieser unserer Welt, so genügen wir vielleicht doch nicht den Maßstäben des Universums.

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Seit Jahrhunderten bildet die Möglichkeit, daß andere Welten bewohnt sein könnten, ein unwiderstehliches Feld für Vermutungen. In den letzten Jahrzehnten haben sich die Wissenschaftler bemüht, mit Hilfe von Riesenfernrohren Planeten außerhalb unseres kleinen Sonnen­systems direkt zu beobachten, um zu entdecken, ob es dort so etwas gibt wie Leben. Bei solchen Forschungen nimmt man gemeinhin an, daß überall, wo man Lebensbedingungen findet, die denen auf der Erde ähnlich sind, sich auch das Leben automatisch eingestellt hätte.

In unserem eigenen Sonnensystem hat man nur zwei Planeten gefunden, die dafür in Betracht kämen, Venus und Mars. Die Venus wäre für ein Leben ähnlich unserem eigenen wohl ausgerüstet. Sie hat etwa die gleiche Größe wie die Erde, ist der Sonne etwas näher, jedoch vermutlich nicht viel wärmer, und sie besitzt eine genügend dichte Atmosphäre. Überraschenderweise gelang es auf spektroskopischem Weg nicht, Anzeichen für die Gegenwart von freiem Sauerstoff in der oberen Atmosphäre zu entdecken, und das erweckt Zweifel, ob es auf dem Planeten überhaupt freien Sauerstoff gibt. So ist es bisher noch nicht endgültig ausgemacht, ob dort freier Sauerstoff vorhanden ist oder nicht. Sicher aber gibt es viel Kohlendioxyd (Kohlensäure). Die Venus ist beständig mit dichten Wolken und Nebel bedeckt, und so kann man ihre Oberfläche nicht untersuchen.

Dagegen ist die Oberfläche des Mars klar erkennbar. Luft und Wasser sind vorhanden, allerdings nur in kleiner Menge. Seine Atmosphäre ist weniger dicht als die der Erde, aber wohl noch ausreichend für ein Leben. Sie enthält mutmaßlich Sauerstoff. Das Bild der Marsoberfläche zeigt rötliche Wüsten und dunklere Flächen, die den Eindruck von feuchten, fruchtbaren Gebieten erwecken. Ausgedehnte weiße Kappen um die Pole sind offensichtlich Schneeschichten; da sie jedoch im Sommer abschmelzen, müssen sie recht dünn sein. Gelegentlich bedecken Wolken größere Gebiete, doch herrscht zumeist klares Wetter. Es hängt wohl mit der anscheinenden Existenz einer Vegetation auf dem Mars zusammen, daß sich auf ihm Sauerstoff findet.

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Die Felsbedeckung der Erdoberfläche absorbiert Sauerstoff und würde ihn wohl in kurzem zum Verschwinden bringen, wenn nicht die grünen Pflanzen bei dem Prozeß der Photosynthese Sauerstoff abgäben. Es ist berechtigt, anzunehmen, daß auf dem Mars eine Vegetation eine ähnliche Rolle spielt. Selbst wenn man es nun für sicher hält, daß es auf dem Mars ein Pflanzenleben gibt, darf man dann auch annehmen, es gäbe dort auch eine Tierwelt? 

Diese Frage vermögen wir nicht sicher zu beantworten; da sich aber auf der Erde Tier- und Pflanzenleben miteinander entwickeln, darf man wahrscheinlich auch annehmen, daß sie sich aui dem Mars zusammen entwickelten. Man hat vermutet, daß gewisse mehr oder weniger gerade Systeme von Linien auf dem Mars ein künstliches Bewässerungs­system darstellten, und also eine entwickelte Kultur anzeigen würden. 

Hierher gehört noch eine andere Bemerkung über den Mars. 

Er ist ein Planet, der seine Jugendzeit längst hinter sich hat, und es erscheint wenig wahrscheinlich, daß auf zwei Planeten, die sich so stark unterscheiden wie Erde und Mars, zur gleichen Zeit die gleiche Stufe der biologischen Entwicklung herrschen sollte.

 

Ob es nun aber auf einem Planeten unseres eigenen Sonnensystems Leben, ähnlich dem des Menschen, gibt oder nicht: von den ungezählten Millionen von Planeten, die es im ganzen Universum vermutlich gibt, werden sicherlich viele ganz ähnliche physik­alische Bedingungen aufweisen wie diejenigen, die auf unserer Erde herrschen. Die chemischen Atome, die es bei uns gibt, existieren überall, und sie müssen allerorts die gleichen Eigenschaften besitzen; daher ist es äußerst wahrscheinlich, daß sich auch allerorts die gleichen anorganischen Verbindungen bilden wie bei uns.

Trotz allem war die Wissenschaft bisher nicht imstande, die Frage zu beantworten, ob es noch anderwärts im Universum ein menschliches Leben gebe oder nicht. 

Kehren wir zu unserem ersten Gedanken zurück. Falls es noch andere menschliche Kulturwelten geben sollte, und vielleicht recht viele, haben wir die Probleme des Lebens und Überlebens so erfolgreich gemeistert wie sie?

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All diese Vermutungen über die Existenz eines Lebens, ähnlich dem des Menschen irgendwo im weiten Reich des Kosmos, mögen müßig sein. Bei unserer Unfähigkeit, sich solch eine Möglichkeit auszumalen, sind sie jedenfalls beunruhigend. 

Auch das starke Gefühl für die eigene Bedeutungs­losigkeit, das solche Gedanken erweckt, schmeckt uns nicht. Und ist nicht zu allem geschrieben; «Der Mensch sei der Herrscher des Alls»? Nun ja — und was folgt daraus?

Es ist offensichtlich, daß das Leben des Menschen auf dieser Erde, wie es sich in unserer Kultur abspielt, nichts ist als ein Element im grenzenlosen, unermeßlichen System der Natur. Lassen wir also die Schwierigkeiten beiseite, die sich ergeben, wenn wir zu den Fragen des Daseins des Menschen­geschlechts und seines zukünftigen Geschicks besondere Antworten aus dem Blickwinkel des Gesamtkosmos zu gewinnen versuchen, und sehen wir einmal zu, welches Licht, und ob überhaupt Licht auf diese Fragen geworfen wird, wenn wir des Menschen Ursprung, seine Umwelt in früheren Tagen und sein ältestes Leben auf dieser unserer Erde betrachten.

Im Zusammenleben mit seiner urtümlichen Umwelt erwarb der Mensch charakteristische Formen des Denkens und Handelns, unterlag bestimmten emotionellen Reaktionen, kurz, er bildete seine Persönlichkeit aus. Man glaubt heute, daß es menschliche Wesen, die als solche deutlich von affenähnlichen Tieren unterschieden sind, zum wenigsten seit einer Million Jahren gibt – vielleicht noch länger.

Was wir die Geschichte der Kultur nennen, reicht weniger als ein Prozent dieses Zeitraums zurück. 

Vergleichen wir diesen Zeitraum der menschlichen Existenz mit der Lebenszeit eines Individuums von, sagen wir, dreißig Jahren, so ist es so, als hätte dieses Individuum neunundzwanzig Jahre seines Lebens als Wilder verbracht, und unter den Einfluß der gegenwärtigen sozialen und kulturellen Umwelt wäre er seit weniger als vier Monaten geraten.

Sicherlich ist dieser Vergleich nicht ganz stichhaltig, denn die Menschen sind anpassungsfähig und lernen schnell. Das aber bleibt wahr, daß viele unserer Merkmale – im Guten wie im Bösen – ungeändert auf die primitiven Tage menschlicher Existenz zurückgehen. Eins dieser Merkmale – der Drang zu herrschen und zu zerstören – hat dauernd die schlimmsten Wirkungen, nicht nur im sozialen und politischen Sinn, sondern auch im rein physischen. 

Gerade im Hinblick hierauf wurde dies Buch geschrieben; nicht nur gegen seines­gleichen hat sich die Zerstörungssucht des Menschen gerichtet, sondern auch gegen diese unsere gute Erde – den Urquell seines Lebens.

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Unsere Kenntnis der ausgestorbenen Vorfahren und urweltlichen Verwandten des Menschen ist noch lückenhaft. Im Gegensatz dazu können wir beispielsweise die Entwicklung des heutigen Pferdes von seiner prähistorischen Stammform, dem kleinen, vierzehigen Eohippus, anhand von fossilen Überresten verfolgen, deren älteste bis in die Periode des Eozän von einigen 50.000.000 Jahren zurückreicht.

Auch noch bei anderen Säugetieren wurde eine solche Menge fossilen Materials ausgegraben, daß wir über ihre aufeinander­folgenden Entwicklungs­stufen recht gut Bescheid wissen. Das gilt zum Beispiel im Fall des Elefanten, des Kamels, des Rhinozerosses, des Wildochsen, ja selbst für die Menschenaffen. Gerade die letzteren verdienen natürlich unsere besondere Aufmerksamkeit, und wir werden bald darauf zurückkommen.

Betrachten wir die Gründe, warum die fossilen Zeugnisse für die Vorfahren des Menschen verhältnismäßig so selten sind, so sollten wir uns zuerst klar werden, was wir uns unter solchen Vorfahren vorstellen, und in welcher Beziehung sie wohl zu den Menschen­affen – Gorilla, Schimpanse, Orang-Utan und Gibbon – stehen, die Earnest Hooton «des Menschen arme Verwandte» genannt hat.

Vom anatomischen und physiologischen Standpunkt aus sind die Ähnlichkeiten zwischen Mensch und Menschenaffen so eng und so zahlreich, daß es im Rahmen unseres Buches nicht nötig ist, sie eingehend herauszuarbeiten. Andererseits herrscht über die Theorie vom Ursprung des Menschen immer noch ein grundsätzliches Mißverständnis. Die wissenschaftlichen Untersuchungen, die viele Beweise dafür erbracht haben, daß Menschen und rezente Menschenaffen gemeinsame Vorfahren haben, sind in Laien­kreisen vielfach so gedeutet worden, als bewiesen sie, «daß der Mensch vom Affen abstammt» in der Meinung, die Menschen­affen, wie wir sie heute kennen, seien die Stammeltern des Menschen. Diese Mißdeutung des wissenschaftlichen Standpunkts ist alt. Anscheinend tauchte sie auf, als Darwins Buch <The Origin of Species> veröffentlicht wurde, ein Buch, das die ganze Art des menschlichen Denkens aufs tiefste beeinflußte.

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Darwin drückte seine Theorie so aus: «Gibt man zu, daß die anthropomorphen Affen eine natürliche Untergruppe bilden, und daß der Mensch mit ihnen übereinstimmt... so muß man schließen, daß irgendein Mitglied dieser anthropomorphen Untergruppe den Menschen hervorbrachte.» 

Als das Buch veröffentlicht wurde, war es für die menschliche Empfindlichkeit und für den alten Glauben, Gott habe den Menschen am sechsten Tage erschaffen, derart anstößig, daß sich Kirche, Staat und der Mann der Straße zur Abwehr dagegen zusammenfanden. Durch die Prinzipien, die Darwin aussprach, wurden aber doch die Menschenwesen zur Einsicht gebracht, daß sie aus dem gleichen Stoff gemacht seien wie alles Leben auf dieser Erde, und daß sie mit anderen Lebewesen unzählige Ähnlichkeiten teilten.

Besitzen wir auch keine Einzelgeschichte, die Schritt für Schritt belegt ist, wie im Fall des Pferdes und anderer Säugetiere, so besitzen wir dafür viel Beweismaterial, daß in längst vergangenen Zeiten der Erdgeschichte eine Ur- oder Stammform auftrat, aus der sich in aufeinander folgenden, divergierenden Entwicklungsstufen zwei Arten von Nachkommen entwickelten – der Mensch auf der einen und die Menschenaffen und hochentwickelten Affenarten auf der anderen Seite.

Diese primitive oder Stammform lebte vor vielen Millionen Jahren, zur Zeit, als in der Entwicklungs­geschichte von Mensch und Affe der Verzweigungs­punkt gekommen war. In den wissen­schaftlichen Überlegungen der letzten Jahre verlegte man den Ursprung des Menschen in ältere und älteste Zeiten zurück, und die Anthropologen glauben heute, daß der Mensch in einer Form, die der gegenwärtigen recht ähnlich ist, seit etwa einer Million Jahren lebt.*

Es gibt mehrere Gründe, warum man so wenige versteinerte Überreste der ältesten Menschen gefunden hat. 

Zunächst einmal war sicherlich die Bevölkerung der Erde durch primitive Menschen zu allen Zeiten eine recht dünne. Es ist eine überraschende Tatsache, auf die wir in einem späteren Kapitel eingehender zu sprechen kommen werden, daß die Bevölkerung der Erde selbst noch im 17. Jahrhundert die Zahl 400.000.000 nur wenig überschritt, also nur etwa ein Fünftel der heutigen betrug.

* (d-2011:) Heute, 50 Jahre später, glaubt man, seit zwei Millionen Jahren.

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Wenn auch für frühere Zeitpunkte keine umfassenden Untersuchungen über die Bevölkerungszahl der Welt vorliegen, so gibt es doch viele Anzeichen dafür, daß diese Zahl früher niemals überschritten wurde, und alles spricht dafür, daß durch Hunderte und Tausende von Jahren der Mensch im Lauf seiner frühen Entwicklung aus einem sehr kleinen ursprünglichen Stamm ganz langsam seine Zahl vergrößert hat.

Damit verglichen war die Individuenzahl vieler großer, prähistorischer Säugetiere, über die man recht vollständige Fossilreihen aufgefunden hat, zweifelsohne sehr groß. In Nordamerika finden wir eine recht gute Illustration für diesen Tatbestand. Wir besitzen viele Beweise dafür, daß dieser Erdteil in prähistorischen Zeiten ungeheure Mengen der damals lebenden verschiedenen Tierarten beherbergte, darunter Pferde, Kamele und Mastodonten. Die Menge fossilen Materials, die in anderen Erdgegenden gefunden wurde, zeigt, daß die Erde von einer großen Zahl Tiere der verschiedensten Arten bewohnt wurde. Ein großer Teil dieser Arten ist heute ausgestorben, sei es, daß sie keine genügende Anpassungsfähigkeit an die Umwelt besassen, sei es – und das kommt für die jüngeren Zeiten in Betracht –, daß ihnen eine der Eiszeiten, deren erste vor etwa einer Million Jahren in der Zeit des Pleistozäns eintrat, den Garaus machte.

Es gibt ein ganz junges Beispiel dafür, wie groß die Zahl der großen Säugetiere im Vergleich zur recht begrenzten menschlichen Bevölkerung war. Als der weiße Mann den Boden Amerikas betrat, lebten nördlich des Rio Grande schätzungsweise 1.000.000 eingeborene Indianer; diese Zahl stellt die geschätzte Bevölkerungszahl aller Stämme in den ganzen Vereinigten Staaten mitsamt Kanada dar*. 

Hornvieharten waren dagegen in diesen Gebieten in ungezählten Mengen von Millionen verbreitet. Man hat abgeschätzt, daß das Bison allein zum mindesten in 50.000.000 Exemplaren vertreten war. Dazu kamen noch ungeheure Herden von Elchen, Hirschen, Renntieren und Antilopen, zusammen mit einer beträchtlichen Zahl von Moosedeers (Aices amerikanus, eine Elchart). Ein anderes junges Beispiel sieht man in Afrika; auch dieser Erdteil beherbergte, als er zuerst von der weißen Rasse betreten wurde, eine sehr zahlreiche Großtierwelt, im Vergleich mit der die menschliche Bevölkerung verschwindend gering war.

So bildete der Mensch durch lange Zeitalter zahlenmäßig eine kleine Minderheit, und eben wegen dieser seiner Seltenheit ist die Wahr­schein­lichkeit recht gering, eine beträchtliche Zahl fossiler Überreste von ihm zu finden; und diese Möglichkeit wird auch wohl immer recht spärlich bleiben.

* (d-2011:) Heute meint man wohl, es waren 18 Millionen.

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Eine weitere Schwierigkeit, die menschliche Geschichte an Hand von fossilen Überresten zu verfolgen, entsteht dadurch, daß er, relativ betrachtet, ein Neuling auf der Erdoberfläche ist, und daß daher von ihm keine Überreste in den Gesteinen älterer geologischen Epochen existieren. 

Auch im günstigsten Fall ist es keine ganz einfache Sache, zum Fossil zu werden. Das verlangt meist einen Prozeß, durch den die Knochengewebe von Mineralien durchsetzt oder von ihnen verdrängt werden. So bleibt, zu Stein verwandelt, die Form der Knochen erhalten, und anstatt zu zerfallen und zu vergehen, werden sie unzerstörbar. Die Überbleibsel eines verendeten Tiers können also gemeinhin zum Fossil werden, wenn sie genügend rasch nach dem Tod in mineralhaltigem oder sonstwie schützendem Material eingebettet werden, bevor noch der Angriff von Luft und Wasser den Verwesungsprozeß vollendet haben kann.

Vielleicht liegt der Hauptgrund, daß menschliche Fossilien so selten sind, darin, daß der frühe Mensch, gleich anderen alten Primaten, vor allem in Wald­gebieten lebte, eine Umwelt, die für die Erhaltung tierischer Überreste als Fossil nicht sehr geeignet ist. Ein kennzeichnendes Merkmal der fossilen Urkunden ist im Vergleich zu der Fülle von Tieren, die im offenen Gelände leben, die Seltenheit von Waldtieren. Auch die höhere Intelligenz, die den Menschen seit den frühesten Zeiten seines Daseins auszeichnete, muß ihn - merkwürdig genug - davor bewahrt haben, daß seine Überreste zum Fossil wurden. Zweifellos war er von jeher schlau genug, Unfälle wie das Hineingeraten in schlammige, sumpfige Reste von Seebetten zu vermeiden, die den Tod vieler Tiere verschuldeten. Wir kennen schlagende Beispiele dafür, daß gerade Unfälle dieser Art großen Mengen von Mammuts, den Vorfahren der heutigen Elefanten, zustießen, als sie den Norden Amerikas räumten und in Sümpfen und Wasserlöchern ihr Ende fanden; wir haben davon noch zu reden.

Oder denken wir auch an den Tar-Lake bei Los Angeles, der gleich einem Magnet des Todes Scharen von Tieren in seine verräterischen Tiefen lockte. Beim Aufdecken von deren wohlkonservierten Resten durften wir vielleicht einen der dramatischsten Blicke auf unsere Erde von gestern werfen.

Damals, vor etwa vierzigtausend Jahren lebte dort eine ungeheure Tiergemeinschaft – königliche Mammuts, Kamele, Jaguare, oft Säbelzahn-Tiger genannt, riesige Bodenfaultiere, Wölfe, Bisons und Pferde. 

Die meisten dieser Arten sind heute ausgestorben. Ihre Fähigkeit, den Anforderungen des Überlebens zu genügen, reichte nicht aus.

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Fairfield Osborn 1948 Unsere ausgeplünderte Erde Our Plundered Planet

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