Teil 1   

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2. Im Dämmerlicht der Urzeit: Vergangene Äonen leben mit uns 

 

 

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Doch zum Schluß erschien der Mensch. Er errang den Verstand. Sein Geist greift nach den fernsten Sternen der Milch­straße. Unbeschreiblich ist die Pracht seiner Kultur — unbeschreiblich auch ihre Schrecken. Die segnende Hand des Schöpfers gab ihm eine Seele, die ihn zur Glorie erhebt. Doch oft auch fällt er.

Diese Blicke auf die Erdenheimat der Menschheit und die Anfänge ihrer Entwicklung lassen mehr als nur ahnen, wie fest der Mensch in einen universellen Kosmos hineingeboren ist. Neunundneunzig Hundertstel verbrachte er als primitives Wesen in einem Zustand, den die einen den des Wilden, die anderen den der Natur nennen.

Es ist interessant, kurz bei einigen Faktoren in der Umwelt des frühen Menschen zu verweilen, bei einigen Bedingungen, unter denen der Mensch die Periode seines Heranreifens verlebte. Beweggründe wie Reaktionen der verschiedensten Art entstammen zumeist früheren Erfahrungen. In welchem Grad liegen unsere Instinkte und vor Urzeiten erworbenen Gewohnheiten unseren heutigen Schwierigkeiten zu Grunde? 

Es gibt eine klare und klärende Definition, die hierher gehört. Sie lautet: «Es gibt keine Äußerung des Intellekts, in der sich nicht Spuren von Instinkten entdecken lassen, genauer; es gibt keinen Instinkt, der nicht mit einer Hüllschicht von Intellekt umgeben ist... Weder Intellekt noch Instinkt sind Begriffe, die sich scharf abgrenzen lassen: beides sind Strebungen und nicht Gegenstände.» 

Aus dieser Feststellung ergeben sich Folgerungen, die zu betrachten sich nicht nur im Zusammenhang mit der jüngsten Geschichte, sondern auch mit dem Verhalten jedes Einzelnen lohnt.

Der grauenvollste, tödlichste, weltumspannende Krieg ist gerade vorüber — noch versuchen wir, uns von der Erinnerung an die Schrecken und Scheußlichkeiten dieses Krieges zu erholen. Gibt es etwas bei unseren Vorstufen, gibt es ererbte Strebungen und menschliche Instinkte, die für solch eine Handlungsweise verantwortlich sind? Aus der Untersuchung der frühesten Menschen läßt sich wenigstens eine Teilantwort finden. Die unangenehme Wahrheit ist, daß der Mensch seit undenklichen Zeiten der Vergangenheit ein Räuber war — ein Jäger, ein Mörder und Fleischfresser.

Der Punkt, in dem sich die Entwicklung des Menschen von dem der Menschenaffen abgabelt, ist durch die Entwicklung von Lebensgewohnheiten unserer primitiven Vorfahren gekennzeichnet, die alles andere sind als ein reiner Segen für die menschliche Rasse. Auf einer sehr frühen Stufe wurde der Mensch zum Jäger und Mörder, während seine nächsten tierischen Verwandten, die ihm physiologisch am meisten ähneln, Vegetarier blieben, die niemals bis zum heutigen Tage für ihr Weiterleben auf den Tod anderer Kreaturen angewiesen waren. Wahrscheinlich führten nicht alle primitiven Menschen ein Raubtierdasein, und so ist es glaublich, daß beträchtliche Gruppen primitiver Völker sich von Pflanzen und Früchten nährten, vor allem solche, die tropische und subtropische Gebiete bewohnten.

Aber gerade die explosiven, herrschenden Gruppen, die auf den Lauf der Kulturgeschichte den stärksten Einnuß gehabt zu haben scheinen, und die vornehmlich in der gemäßigten Zone lebten, befaßten sich seit den ältesten Zeiten mit Jagen, Kämpfen und Töten. Man hat Steinwaffen gefunden, die von Menschenwesen vor mehreren 100 000 Jahren in den Zeiten der palaeolithischen Ära benutzt wurden. In den präpalaeolithischen Zeiten, die etwa 500.000 Jahre zurückreichen, lebte eine Abart des primitiven Menschen, die wissenschaftlich als Sinanthropus bezeichnet wird und von der man populärer auch als vom Peking-Menschen redet. Er kannte zweifellos den Gebrauch des Feuers, und zusammen mit seinen Überresten fand man Knochen, die darauf hinweisen, daß er Tiere als Nahrung benutzte. Aus den gleichen, weit zurückliegenden Zeiten menschlicher Entwicklung sind zahlreiche Röhrenknochen aufgefunden worden, die ganz offensichtlich aufgespalten worden waren, um zum Mark zu gelangen.

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Alle Anzeichen sprechen dafür, daß der Peking-Mensch und seine Zeitgenossen überaus bösartig waren, daß sie gewohnt waren, die Knochen ihrer Mitmenschen zu spalten und daß sie Kannibalismus betrieben. Es ist schwer, der Folgerung auszuweichen, daß die Tendenzen eines außerordentlich aggressiven Wesens tief in den Instinkten der menschlichen Gattung verankert sind.

In diesem Zusammenhang schreiben wir auch heute noch gerne anderen Gattungen von Lebewesen Merkmale zu, die nicht die ihrigen, sondern unsere eigenen sind. Dafür gibt es manche Beispiele. Im Fall der Menschenaffen etwa werden dieser Tiergruppe immer wieder Eigenschaften zugeschrieben, die ihnen ganz und gar nicht zukommen. Der Gorilla erscheint auf Plakaten und lebt in der Volksmeinung immer wieder als blutrünstiger Mörder. Doch das ist er nicht. Die Gorillas sind Vegetarier, und in ihrer natürlichen Lebensweise weichen sie nie von ihrem Wege ab, um anderen Lebewesen ein Leid anzutun: Kraft und Herrschaft des Männchens dient ausschließlich zum Schutz seiner eigenen Familie und sozialen Gruppe.

Es gibt noch eine andere Seite dieses Themas von unseren ererbten, instinktiven Strebungen. Sie hat zu tun mit den Angst- und Wutreaktionen des Menschen; psychologisch eng zusammenhängend ist die letztere Emotion sehr häufig eine Folgeerscheinung der ersten. In fast jeder Hinsicht ist der Mensch ein generalisierter Tiertypus und kein spezialisierter. Er war von jeher in der Lage, eine Menge Dinge recht ordentlich zu verrichten, doch das einzige, worin er Ausgezeichnetes leistete, war die Benutzung seines Witzes und seiner Hände, und, nur dies bewahrte ihn vor dem Aussterben.

Der primitive Mensch lebte inmitten vieler Tiergattungen, die physisch besser ausgerüstet waren als er selber: einige waren größer und stärker, andere waren schneller, wieder andere, wie die mit Hörnern und Stoßzähnen, besaßen ihre körpereigenen Waffen, die zu Angriff wie Verteidigung gleich brauchbar waren. Selbst die Geschicklichkeit, schnell zu klettern, die seine nächsten Verwandten, die Affen, bewahrt haben und die ihnen erlaubt, sich vor allen auf dem Boden lebenden Feinden in Sicherheit zu bringen, hat er verloren.

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In dieser Umgebung, und bei diesen schwerwiegenden Handicaps verdankt es der Mensch in erster Linie seiner überlegenen Intelligenz, der hervorstechendsten Eigenheit seit den frühesten Tagen seiner Entwicklung, daß er überlebte. Im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, daß die Entwicklung des menschlichen Gehirns einer der außerordentlichsten Fälle von Spezialisation ist, der sich in der Natur findet. Es stimmt sicherlich, daß Angstreaktionen verschiedenster Arten und Stärken tief in der Psychologie fast aller Lebewesen verankert sind. Nun entwickelte sich aber der frühe Mensch ganz augenscheinlich in einer Umgebung, in der ihn ständig kraftvollere Lebewesen bedrohten, und so wurde Angst für ihn zu einem sehr gewöhnlichen Motiv. Langsam jedoch erlangte er die Fähigkeit, sich selber zu schlitzen und entwickelte dann seine eigenen Arten der Aggression. Oft muß dann der Angstkomplex in Wut, ja in Kampflust umgeschlagen sein. In unserer Umgebung haben wir täglich Gelegenheit, Beispiele für das Wirken dieser seit langem eingefahrenen Bahnen instinktiver Reaktion zu beobachten.

Zum Gegenstand der Kampflust möchten wir betonen, daß sich zur Kriegführung, wie sie der Mensch praktiziert, in der Natur keine Parallele auffinden läßt. Das will sagen, daß man niemals und nirgends innerhalb der höher entwickelten Tierwelt unserer Erde ähnliche Gemetzel unter der eigenen Spezies beobachten kann. Man muß in der Tat bis zu den niedersten Formen tierischen Lebens zurückgehen, um etwa bei einigen Ameisenarten etwas ähnliches zu entdecken wie die menschliche Kriegführung. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß die Menschheit das Töten ihrer eigenen Artgenossen so gerne damit rechtfertigt, daß sie annimmt, so etwas sei «ein Gesetz der Natur».

Über die Naturgesetze laufen eine Menge falscher Vorstellungen um, und diese ist eine der irrtümlichsten und verhängnisvollsten. Auf ihm wurden politische Ideologien aufgebaut, die fast zur Vernichtung jeglicher menschlicher Kultur geführt hätten. Die Theorie, der Krieg sei eine biologische Notwendigkeit, er stelle die Methode der Natur dar, die Bevölkerungszahl zu kontrollieren, und das Überleben der Stärksten und die Austilgung der Schwachen zu sichern, ist ungenau und unhaltbar. Im letzten Jahrhundert, während dessen Kriege in der ganzen Welt etwas ganz Verbreitetes waren, hat sich die Bevölkerung der Erde fast verdoppelt.

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Das Prinzip vom «Überleben der Tüchtigsten» bedeutet etwas ganz anderes, als ihm gemeinhin unterschoben wird. Darwin hat seine Schlüsse aus weitgespannten Beobachtungen über die Methoden der Lebewesen gezogen, und diese führten ihn darauf, zu folgern, daß diejenigen Arten überlebten, die am besten geeignet seien, sich ihrer Umwelt anzupassen, aber nicht solche, die möglichst tüchtige Massenmörder seien. 

Man muß weiter beachten, daß die Fleischfresser, also Tiere, die vom Tod anderer Tiere leben, innerhalb der Gesamtheit der größeren und höher entwickelten Säugetiere Außenseiter darstellen — sie bilden nur einen ganz kleinen Bruchteil. Man hat abgeschätzt, daß die Zahl der Fleischfresser oder Raubtiere innerhalb der Tierwelt Afrikas oder Amerikas ursprünglich — das heißt, bevor der weiße Mann die Tierwelt dieser Kontinente dezimierte — ein Prozent nicht überschritten hat. Nur in ganz außergewöhnlichen Fällen finden wir unter den höheren Formen des Tierlebens ein organisiertes Morden innerhalb der eigenen Spezies, ja selbst Kämpfe sind selten außer zum Schutz der Mitglieder der eigensten Familie oder sozialen Gruppe oder beim Streit der Männchen um die Führung.

Diese Betrachtungen über den frühesten Menschen zusammen mit der Beachtung wohlgesicherter zoologischer Prinzipien führt uns auf einen neuen Gedanken, der für eines der wohl dringlichsten Probleme der gegenwärtigen Weltsozietät von ausschlag­gebender Bedeutung ist — für das der Beziehungen der Rassen und Nationen. Daß vom biologischen Standpunkt aus alle Menschen auf der Oberfläche unserer Erde grundsätzlich von gleicher Art sind, ist erst durch die jüngste Entwicklung der Wissenschaften Anthropologie und Erblehre ganz klargestellt worden. 

Geht man daran, physiologisch-wissenschaftlich die Unterschiede der Menschen verschiedener Nationen und Länder festzustellen, so kann das schon darum nur mit allergrößten Schwierigkeiten gelingen, weil alle bekannten Menschenrassen sich wechselseitig kreuzen lassen, und weil schon seit undenklichen Zeiten örtliche Gruppen, die durch lange Inzucht vielleicht einen besonderen Charakter entwickelt hatten, aus ihrem Stammgebiet verschlagen wurden, in Territorien anderer Gruppen eindrangen und so Anlaß gaben zu den zahllosen Mischungen, die heute vorliegen.

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Was wir als Parallelismus kennen — die Tatsache, daß sich in verschiedenen Zweiglinien des gleichen Grundstamms ähnliche Merkmale entwickeln können, nachdem die Zweige sich getrennt haben —, macht die Behauptung zweifelhaft, alle Menschen hätten sich von gemeinsamen Vorfahren aus entwickelt; vielleicht stammen sie von verwandten vormenschlichen Formen ab. Der zoologische Terminus Spezies wird, wenn er auch schwer exakt zu definieren ist, allgemein verstanden und angewandt, um eine Differenzierung der Arten von Lebewesen zu kennzeichnen.

Wollte man den Begriff jetzt auf menschliche Wesen anwenden und versuchen, die verschiedenen Bevölkerungen unserer Erde in verschiedene Spezies einzuteilen, so stände der Fachmann vor einem unlösbaren Problem, wenigstens unter der selbstverständlichen Voraussetzung, er wolle dabei die gleichen Methoden der Klassifikation anwenden, die er auch bei anderen Formen animalischen Lebens benutzt. Ein Versuch, die Unterschiede im Körperbau zur Klassifikation heranzuziehen, kann nur zu Teillösungen führen, weil eine große Gleichartigkeit des Körperbaus durch die Individuen aus weit voneinander liegenden Rassengruppen hindurchläuft. 

Der Spruch «Unter der Haut sind wir alle Brüder» hat eine wissenschaftliche Tatsache zur Grundlage. Im Naturzustand findet eine gegenseitige Befruchtung zwischen Tieren verschiedener Spezies nur äußerst selten statt, und alle Vereinigungen, die zwischen Mitgliedern verschiedener Spezies vorkommen mögen, bleiben gemeinhin unfruchtbar. Im Gegensatz dazu lassen sich alle verschiedenen Typen von Menschen untereinander kreuzen. Die Abneigungen zwischen Nationen und Rassen, der Kultus von «überlegenen» und «minderwertigen» Rassen läßt sich biologisch nicht unterbauen.

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Im Sprachgebrauch des Zoologen bedeutet ein «generalisiertes» Tier eines, das an der allgemeinen Standard-Form seiner Vorfahren festhält und das durch die Bestimmung geleitet wird, sich, wenn überhaupt, nur konservativ und ohne starke Abweichungen weiter zu entwickeln.

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Im Gegensatz dazu sind «spezialisierte» Tiere solche, die in der einen oder anderen Hinsicht eigenartig entwickelt sind. Sie «wählen», bildlich gesprochen, eine ganz bestimmte Lebensweise und bauen ihr Geschick und knüpfen all ihre Hoffnungen, zu überleben, an die Erwartung, daß die Umweltbedingungen annähernd so bleiben werden, wie sie sind. Die Tierwelt ist reich an Beispielen, und einige von ihnen, wie der Ameisenbär, das Faultier, die Giraffe und das Nilpferd, streifen ans Groteske. Sind auch die Vorteile solcher Spezialisierung klar genug, so sind doch auch ihre Nachteile sehr schwerwiegend. Ein Grund dafür ist, daß als allgemeines Gesetz der Entwicklungs­vorgang nicht umkehrbar ist. Wenn es auch Ausnahmen von dieser Regel gibt, so ist es doch gemeinhin so, daß eine Entwicklungs­richtung, wenn sie erst einmal richtig eingeschlagen ist, nicht mehr abgelenkt werden kann. Im Ergebnis führt das zu einem engen Verhaftetsein mit einem ganz besonderen Milieu.

Viele Lebewesen zeigen Merkmale, die es erlauben, sie in die Klasse der generalisierten oder die der spezialisierten Typen einzuordnen. Nicht nur auf die hochentwickelten Formen der Tierwelt läßt sich diese Unterscheidung mehr oder weniger genau anwenden, sondern in der ganzen Entwicklungsskala herunter und selbst auf die Pflanzenwelt.

Der Mensch ist eines der besten Beispiele des generalisierten Typs. Wie schon bemerkt, fehlte dem frühen Menschen jede beimerkenswerte oder spezialisierte physische Ausstattung. In keiner Hinsicht zeichnete er sich aus, außer durch den Gebrauch seines Verstandes und seine Fähigkeit, mit seiner Hand zu arbeiten. Er verdankt sein Überleben vor allem der Anwendung seiner wachsenden Intelligenz und das in einer Umwelt, in der er im Wettkampf mit vielen Formen des Lebens stand, die stärker oder schneller waren als er, oder die andere physische Eigenarten besonderer Natur besaßen, die sie schützten. Vom physischen Standpunkt aus blieb der Mensch ein generalisiertes Tier, nur drei Merkmale sind spezialisiert. Deren erstes ist das menschliche Auge; es ist kompliziert und hoch entwickelt und gleich geeignet, dreidimensional wie farbig zu sehen. Ein weiteres sind die menschlich spezialisierten Eigenheiten des Fußes. Durch die «Umbildung» des elementaren Primatenfußes zu einer gewölbten Plattform, die es erlaubt, mit dem Ballen einen kräftigen Druck auszuüben, ist er zu einem wunderbaren Mechanismus geworden, der so den einzigen Fuß darstellt, der einen menschlichen Gang ermöglicht.

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Dadurch ist der Mensch imstande, sich mit Leichtigkeit in aufrechter Stellung zu bewegen, eine Errungenschaft, die er mit keinem Menschenaffen teilt. Das letzte ist das menschliche Gehirn, ohne Zweifel einer der allerungewöhnlichsten Fälle von Spezialisierung, der sich in der Natur findet. Wird es sich als Instrument der Voraussicht und Weisheit, ja selbst der über­raschendsten Genialität bewähren?

Ein Überblick über die ungezählten Arten von Lebewesen, die seit Beginn der paläozoischen Epoche vor annähernd 500.000.000 Jahren auf der Erde gelebt haben, zeigt, daß die Haupttendenz der Entwicklung auf Spezialisierung gerichtet ist, die sich bewährt, solange sich die Lebensbedingungen nicht ändern. Beobachtet man jedoch die Gegenwart und schaut zurück auf das Riesen­panorama der Zyklen und Zeitalter unserer Erdgeschichte, dann wird vor allem ein Tatbestand deutlich, und zwar der, daß sich die Bedingungen beständig verändern, wenn auch in der Regel nur unmerklich. Angesichts veränderter Bedingungen muß das Leben entweder in Gebiete mit ähnlichen Bedingungen auswandern, oder sich auch verändern, um den neuartigen Bedingungen gerecht zu werden; gelingt es ihm nicht, auszuwandern oder sich anzupassen, so geht es zugrunde. Zumeist wird die Wahl nicht getroffen, beziehungsweise es besteht keine Möglichkeit, sie zu treffen. Es sind mehr Arten von Lebewesen ausgestorben, als heute existieren. Der Preis des Überlebens ist hoch.

Es ist unmittelbar deutlich, daß der Mensch seinem physischen Aufbau nach extrem generalisiert ist, und das trägt zu seiner Fähigkeit ibei, sich leicht ans extremste physikalische Milieu anzupassen. Es gibt wohl keine höhere Lebensform, sicherlich kein Säugetier, das je eine ähnliche Fähigkeit entwickelte. Der Mensch kann in der äußersten Kälte der Polarregion leben, in der dünnen Luft auf den höchsten Bergen der Erde, in der Hitze der Wüste und in der alles durchsetzenden Feuchtigkeit der Tropen. Garantiert diese erstaunliche Fähigkeit sein Überleben? Sicherlich, müßten wir nicht noch andere viel gewichtigere Umstände berücksichtigen.

Langsam tritt das Grundsätzliche in der Lage des Menschen zu Tage. Im Verlauf der biologischen Geschichte bedeutete bis in die jüngste Zeit seine Anpassungs­fähigkeit die ihr eigene Sicherheit fürs Überleben.

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Die Kennzeichnung des Menschen als eines generalisierten Typus, und also als eines solchen, der aufs äußerste zur Anpassung an veränderte Umweltbedingungen geeignet ist, scheint, widersinnig genug, durch den Lauf der Ereignisse gerade in den letzten paar Jahrzehnten überholt.

Heute können wir uns den Menschen nicht mehr herausdenken aus der Umwelt, die er selbst sich geschaffen hat. Sicherlich, es war niemals berechtigt, das zu tun. Doch selbst vor kurzem, in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, waren die Auswirkungen des menschlichen Geistes, die er in Gestalt physischer Veränderungen an unserer Erde selber hervorgerufen hatte, nicht genügend ausgedehnt, um als neue tiefgreifende Umwälzung in der Entwicklung, ja im Geschick der Menschheit erkennbar zu werden. Der Grundstein wurde in vergangenen Jahrhunderten gelegt. Die welterschütternde Explosion ereignete sich in diesem einen. Die mechanische, chemische und elektrische Wissenschaft, diese Blickfeld­erweiterungen des Menschen, verändern das Antlitz der Erde. Ein erst kürzlich ausgedrückter Gedanke spricht davon, daß jetzt zum erstenmal der Mensch zu einer weiträumigen geologischen Kraft geworden ist.

Die Auswirkungen auf die sozialen und politischen Beziehungen der Menschen liegen nicht im Rahmen unseres Buches, wenn auch die augenblickliche weltumspannende Verwirrung menschlicher Kultur zum mindesten teilweise durch die Verwüstungen verursacht ist, die der Mensch in seiner natürlichen Umwelt anrichtete, und von der die folgenden Seiten handeln. Diese Verwirrungen werden an Gewaltsamkeit ohne allen Zweifel selbst bis zum Punkt der völligen Auflösung jeder Gesellschaft anwachsen, wenn die Zerstörung der Lebensquellen unserer Erde mit der heutigen Geschwindigkeit weiter betrieben wird. Es steht in des Menschen Macht, dieser Verwüstung Einhalt zu tun. Noch hat er genügend Heilmittel für den Schaden, den er angerichtet hat, in der Hand, um das Fortleben seiner Kultur zu ermöglichen. Die Frage ist: wird er sie einsetzen, und wird er sie früh genug einsetzen?

Denn der Mensch hat die Sicherheit und Biegsamkeit seines generalisierten Wesens, die seit seinen primitiven Tagen viel zu seinem Überleben beitrug, gegen eine äußerste Spezialisierung eingetauscht. 

Durch die Entwicklung der physikalischen Wissenschaften und deren Inkarnation in großen industriellen Systemen erschuf er eine neuartige Umwelt, neue Bedingungen, und er fährt fort, dies zu tun. Die Bedingungen, unter denen er leben muß, ändern sich ständig, und er selbst ist die Ursache dieser Veränderungen. Bei dieser Metamorphose hat er bereits die Einsicht in die Tatsache verloren, daß alle lebendigen Quellen seines Lebens aus seiner Erdenheimat entspringen und nicht aus der Kraft seines Geistes. Mit der einen Hand bändigt er gewaltige Wassermengen, und mit der andern bringt er die Quellen des Wassers zum Versiegen. 

Mit den veränderten Bedingungen muß er sich selber verändern oder untergehen. Er erobert einen Kontinent und verwandelt einen großen Teil von ihm in einem Jahrhundert in die blanke Wüste. Er muß wandern, um neues, unverdorbenes Land zu finden. Er muß, er muß — aber wohin? Seine Zahl wächst, Hungersnöte spotten seiner — selbst nach seinen Kriegen bleiben noch zu viele am Leben. Er bewirkt, daß der lebensspendende Boden, auf dem seine Ernten reifen, ins Meer gespült wird. Er greift zu Beruhigungsmitteln und hetzt ein Heer von Chemikern darauf, Ersatzmittel für die organischen Naturprozesse zu erfinden. Kann das glücken? Kann der Chemiker die Natur entbehren und das Wirken der Erde selbst übernehmen? Er hofft es. Hoffnungen werden zu Überzeugungen — er muß, sonst geht er zugrunde. Ist er nicht die «glorreiche Krönung» der Natur? Kann er sich von seinem Schöpfer abwenden? Wer hat das bessere Recht? Er hat augenscheinlich die Geheimnisse des Universums «entschleiert». Was tut denn nun noch not: nach diesen Prinzipien zu leben!

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Fairfield Osborn 1948 Unsere ausgeplünderte Erde Our Plundered Planet

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