Teil 1    

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3. Die neue geologische Kraft: Der Mensch

 

— Durch das explosive Wachstum der Menschenzahl nimmt die übervölkerte Erde Schaden 

— Die Erde schrumpft

— Verfügbarer produktiver Boden

— Die Verteilung der Menschheit

— Kann die Rechnung aufgehen?

 

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Bevor wir uns diese unsere Erdenheimat genauer betrachten, auf der mehr als zwei Milliarden Menschen für ihr Überleben schaffen, wollen wir einen Blick auf die drastischen Veränderungen werfen, die die Reihe der aufsehenerregenden, sich rasch folgenden modernen Erfindungen in unserem Weltbild hervorgerufen haben. 

In mehr als einer Hinsicht ist die Erde heute nicht mehr, was sie war — was sie noch gestern war.

Raum und Zeit sind relativ, unsere Vorstellungen von ihnen ändern sich dauernd. Die moderne Erkenntnis hat eingesehen, daß Raum und Zeit eng zusammengekoppelt sind. Diese Einsicht hat im laufenden Jahrhundert zu einer neuen Theorie über den Aufbau des Kosmos geführt, in der selbst der Begriff der Unendlichkeit neu gefaßt werden mußte. Dieser Gedankenkreis, der sich mit den entferntesten Grenzen des Universums beschäftigt, hat ja nun auf unsere Betrachtungen über die Beziehung des Menschen zur Natur oder, genauer gesagt, zu unserem eigenen Lebensraum keinen unmittelbaren Einfluß. Wir können aber sehen, daß in den letzten Jahrzehnten auch unsere ganze Art, diese unsere Erdenheimat anzuschauen, sich grundlegend gewandelt hat. Die beachtliche Entwicklung der angewandten Wissenschaften hat dahin geführt, daß, gleich allen anderen Dingen, auch die Erde beständig kleiner wurde.

In einem früheren Kapitel sprachen wir von der Erde als einem kleineren Planten, der zu einem Stern mäßiger Größe gehört. Mit dieser Beschreibung allein können wir nicht allzuviel anfangen, vor allem, da in ihr nur die Größe, also etwas Räumliches betrachtet, zur Zeit aber keine Beziehung hergestellt wird. Die Schnelligkeit der Nach­richten­übermittlung, die Geschwindigkeit unserer Transportmittel haben die Entfernungen zusammen­schmelzen lassen.  

Seit gestern benutzen wir die Mondoberfläche als Spiegel für Radarsignale, die wir auf die andere Seite der Erde senden wollen. Noch kürzlich — genauer gesagt im sechzehnten Jahrhundert — dauerte eine Reise um die Erde mehr als drei Jahre, gleich lange brauchte eine Nachricht für den gleichen Weg. Heute können wir eine Meldung in einigen Sekunden um den Erdball jagen, und um die Erde reisen wir in vier Tagen.

So kommt es, daß die Erde ständig kleiner wird. Genauer müßte man sagen, unsere Kenntnisse lassen sie uns in raschem Tempo kleiner und kleiner erscheinen, was aber im Grunde aufs gleiche herauskommt. In der Folge denken wir uns heute auch die Menschheit als eine einzige, erdumspannende Sozietät. Die Grenzen und Barrieren zwischen den Bewohnern von Gegenden, Staaten, ja Erdteilen sind in voller Auflösung.

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Vom sozialen und politischen Gesichtspunkt aus ist der Prozeß langsam und äußerst schmerzlich — Gehässigkeit, Grausamkeit, Eifersucht und Kriege von unvorstellbarer zerstörerischer Wirkung zeichnen seinen Weg. Vom physischen Standpunkt gesehen, das heißt, insofern man von den Menschen selber redet, liegt im Grunde keine Veränderung vor. Die Menschen der ganzen Welt kommen nur allmählich dazu, sich der grundsätzlichen Einheit der Menschheit bewußt zu werden. 

Die oben angeführten Erwägungen über die Gleichartigkeit aller menschlichen Wesen, die Tatsache, daß sich vom biologischen Standpunkt aus Nationen und Rassen nicht abtrennen lassen, daß die Menschen in aller Welt zu einer Spezies gehören — die höchstens in einander sehr ähnliche Gruppen oder Spielarten aufteilbar ist —, machen diese Wandlung unserer Vorstellung von der menschlichen Kultur zwingend und unvermeidlich. Weiter sind dank des heute bestehenden, weltumspannenden Handelssystems und dank des neuen, sogenannten höheren Lebensstandards alle Nationen für Produkte, Rohstoffe und Waren, die für die Mehrzahl der Bewohner unserer Erde zu einem notwendigen Bestandteil des täglichen Lebens geworden sind, mehr oder weniger aufeinander angewiesen.

Alle Bedingungen — materielle, soziale, ja selbst ideologische —, die bei der Bevölkerung eines Teils unserer Erde herrschen, haben heute auf das Leben in weit entfernten Ländern Einwirkungen. Kein amerikanischer Bürger bleibt unbeeinflußt von den Veränderungen der Lebensbedingungen anderer Völker, mögen sie nun auf der westlichen Hemisphäre oder auf der gerade entgegengesetzten Seite der Erde leben. Heute können nicht mehr 3.000.000 Menschen in Indien einer Hungersnot zum Opfer fallen, wie es 1943 geschah, ohne daß es ausgeprägten und weitreichenden Einfluß auf den Engländer in Sussex ausübte. Wird im Tal des gelben Flusses in China der Boden ruiniert und dann durch Hochwasser fortgeschwemmt, so beeinträchtigt das früher oder später die Wohlfahrt von Menschen, die in weitentfernten Gebieten leben.

Durch gemeinsame Interessen und Bedürfnisse, deren wichtigste naturgemäß Nahrungsmittel und andere grundlegende, lebenswichtige Waren sind, ist die Bevölkerung der Erde heute — ob sie es will oder nicht — zu einer Einheit verschmolzen. All diese Dinge stammen aus der Natur und nur aus der Natur — aus Wäldern, Weiden und den Wasserläufen.

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In den ältesten, im Dämmer der Geschichte verschwindenden Tagen, war es das Problem des Menschen, aus diesen Elementen seine Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Wohl schwingt das Rad des menschlichen Geschickes um; die Grundtatsachen des Lebens bleiben unverändert die gleichen. Das Grundproblem des Menschen ist das gleiche geblieben — kann er aus der Natur seine Lebensbedürfnisse befriedigen? Die Bevölkerung der Erde hat sich in den letzten drei Jahrhunderten nahezu verfünffacht, ja, in dem letzten allein verdoppelt. Die Kultur des Menschen hat tatsächlich jeden bewohnbaren Fleck der Erdoberfläche durchsetzt. Wir werden in späteren Kapiteln zeigen, daß große, fruchtbarste Gebiete in verschiedensten Teilen der Erde vom Menschen zugrunde gerichtet wurden, aus vielen von ihnen wurden Wüsten und unbewohnbare Einöden. Blühende Kulturen sind in solchen Gebieten verschwunden, ihre Städte liegen unter Bergen von Sand begraben, und ihre Bewohner sind in andere Gegenden verstreut. Aber heute gibt es, mit ganz unbedeutenden, unzugänglichen Ausnahmen, nirgendwo mehr neue, jungfräuliche Landstriche. So war die Lage noch niemals im Laufe der menschlichen Geschichte.

Die Erde, als der Ort betrachtet, an dem wir leben müssen, ist viel kleiner, als wir es uns vergegenwärtigen. Auch als Erwachsene bewahren wir die Kindheits­vorstellung von der Riesenhaftigkeit des «großen runden Erdballs». Dabei vergessen wir, daß fast zwei Drittel der Erdoberfläche von Wasser bedeckt sind und daß mindestens die Hälfte der Landbedeckung nicht bewohnbar ist, da sie entweder ins Polargebiet oder in extrem hohe Gebirgszüge fällt oder aus Wüsten besteht. So bleiben nur etwa 65 Millionen Quadratkilometer übrig, die man als ursprünglich für menschliche Besiedlung geeignet ansehen kann. Durch die Zahl der heute lebenden Menschen geteilt, bedeutet das, daß auf jeden Einzelnen bei einer gleichmäßigen Aufteilung alles bewohn­baren Landes ein theoretisches Maximum von weniger als 3 Hektar kämen. Dabei müssen wir an alle Arten von Nutzung denken, an Waldgebiete, an Weidegegenden und an solche, die zum Ackerbau geeignet sind.

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Die gegenwärtigen statistischen Erhebungen gestatten nicht, genau anzugeben, welcher Bruchteil der bewohnbaren Fläche der Erde den einzelnen Arten der Ausnutzung unterliegt, die der Mensch auf ihr betreibt. Wir wissen, daß bereits große, ursprünglich bewohnbare Landstriche vom Menschen so mißnutzt wurden, daß sie ihre ganze Fruchtbarkeit verloren. In allen Erdteilen gibt es große von Menschenhand erzeugte Wüsten — unwiderruflich steril und unfruchtbar. Unzählige andere Gegenden in aller Welt haben durch Raubbau soviel ihres Wertes eingebüßt, daß ihre Bearbeitung kaum noch lohnt; die Früchte dieser Gebiete sind energiearm; ihre Bevölkerung ist unterernährt.

Auf welchen Betrag sind nun die zur Kultivierung geeigneten Landstriche zusammengeschmolzen? Man hat abgeschätzt, daß der fruchtbare Boden der Erde so begrenzt ist, daß zur Befriedigung der Lebensbedürfnisse von 2 Milliarden Menschen nicht mehr als 1,6 Milliarden Hektar Land bleiben, die unter den Pflug genommen werden können. Eine Untersuchung des Staats­departements der USA gibt an, das Gesamtgebiet kultivierbaren Landes auf der ganzen Erde habe vor dem zweiten Weltkrieg noch nicht 0,6 bis 0,8 Milliarden Hektar betragen. Nehmen wir selbst die größere Zahl von 1,6 Millionen Hektar als Fläche, die zur Bearbeitung verfügbar und geeignet ist, so bedeutet das pro Kopf weniger als 80 Are. Im Vergleich damit ist es eine allgemein anerkannte Abschätzung, daß l Hektar Land mittleren Ertragsreichtums nötig ist, um eine minimale, ausreichende Ernährung eines Menschen sicherzustellen. In vielen Ländern fallen weniger als 40 Are auf jeden Kopf der Bevölkerung. Da dürfen wir uns nicht mehr wundern, daß allenthalben Mangel herrscht und daß viele Völker Hungersnöten ins Auge sehen müssen.

Blind für die Notwendigkeit, mit der Natur zusammen zu arbeiten, zerstört der Mensch die Quellen seines Lebens. Noch ein Jahrhundert wie das vergangene, und die Kultur steht vor einer tödlichen Krisis. Können wir auch eine wachsende, angstvolle Einsicht der kommenden Gefahr feststellen — in einzelnen Ländern wurden schon mit beachtlicher Energie die ersten Schritte zu einer Korrektur unternommen —, so bleibt es doch wahr, daß noch in keinem Land der Wendepunkt zur Besserung und Wieder­herstellung erreicht ist. Die Aufgabe ist in gar keiner Weise gelöst.

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Die dritte unserer vier Freiheiten, «Freiheit von Not», Dumbarton Oaks, die Konferenz von San Franzisco, die Sitzungen der Vereinigten Nationen — all diese Fortschritte menschlichen Herzens und Geistes werden leere und müßige Worte bleiben, solange diese Aufgabe nicht gemeistert ist; solange wir nicht durch eine erdum­spannende Planung zunächst einmal schützen, was noch vorhanden ist, und sodann, wo immer es angeht, den langen, harten, langsamen Weg der Wieder­herstellung einschlagen.

Dieser Weg zurück kann nur gefunden und begangen werden, wenn man die grundlegenden Probleme versteht, mit denen wir zu rechnen haben. Alle Programme, internationale und nationale, müssen mit ihnen im Einklang stehen. Bevor wir einigen der verwobenen Vorgänge unsere Aufmerk­samkeit zuwenden, durch welche die Natur die Grundstoffe hervorbringt, die fürs Überleben der Menschheit nötig sind, wird es gut sein, das erstaunliche Anwachsen der Bevölkerungszahl, namentlich in den letzten Jahrhunderten, zu bedenken.

 

In den dunklen Äonen der Vergangenheit, als die menschliche Gattung das Antlitz des Lebens noch kaum beeindruckte, muß die Zahl der Menschen in jeder Gegend sehr beschränkt geblieben sein. Durch die Zeit der Jahrtausende wuchs die Zahl der Menschen, die die Erde bevölkern, nur ganz allmählich. In einer Gemeinde von Jägern oder Hirten war es eine harte Arbeit, «seinen Lebensunterhalt zu erwerben».

Selbst für den größten Teil der schriftlich bezeugten Geschichte besitzen wir keine Daten über die Gesamt­bevölkerung der Erde. Für die frühen Zeiten des siebzehnten Jahrhunderts jedoch hat man aus allen Kontinenten und Ländern genügend viel Angaben zusammen­tragen können, um eine einiger­maßen zuverlässige Abschätzung der Gesamt­bevölkerung der Erde vorzunehmen. Dieser «Weltzensus» zeigt, daß die Gesamtzahl damals die 400.000.000 gerade überschritt. Für das Jahr 1630 haben wir also zum erstenmal eine Vorstellung davon, wieviele «Nachbarn» wir auf der Erde besitzen. Das war, kann man sagen, «gerade gestern» — vor nur zwölf Generationen oder nur vier Menschenleben.

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Es ist unwahrscheinlich, daß die Bevölkerung der Erde vorher größer war — in Zehntausenden von Jahren scheint ein langsames Anwachsen erfolgt zu sein, nur hier und dort durch Hungersnöte und Seuchenzüge unterbrochen, das endlich zu dieser Zahl von über 400.000.000 geführt hat. In den nächsten zwei Jahrhunderten herrschte ein ständiges Wachstum, so daß sich ums Jahr 1830 die Bevölkerung der Erde verdoppelt hatte.

Dann setzte ein heftiger, explosiver Anstieg in der Zahl der Menschen ein. Ums Jahr 1900 oder innert dreier Generationen hatte sich die Erdbevölkerung wiederum verdoppelt und erreichte die Zahl von einer Milliarde sechshundert Millionen Seelen. Im Jahre 1940 hat die Ziffer die Zwei-Milliarden-Grenze mit Sicherheit überschritten und wächst ständig weiter. Die Wachstumsrate beträgt heute etwa ein Prozent pro Jahr. Hält diese Rate an, so bedeutet das eine Verdoppelung der Bevölkerung in etwa 70 Jahren. Sicherlich werden die veränderten Lebensbedingungen in vielen Ländern in den nächsten Jahrzehnten diese Wachs­tums­rate beeinflussen, aber Bevölkerungs­statistiker betonen, daß am Ende unseres Jahrhunderts eine weitere halbe Milliarde Menschen leben und daß die Bevölkerungsziffer in hundert Jahren die Drei-Milliarden-Grenze weit überschritten haben wird.

Solche Berechnungen basieren auf einer Extrapolation des Trends der Bevölkerungszahl, wie er in der Mehrzahl der Länder beobachtet wird. Es ist nicht die Aufgabe solcher Forscher, uns zu sagen, wie solch eine große Zahl von Menschen ihre Nahrung finden, und wie sie genügende Mengen der übrigen lebenswichtigen Grundhilfs­quellen unserer Erde erschließen soll. Diese Frage wird besonders kritisch, wenn man bedenkt, daß schon heute Hunderte von Millionen unterernährt sind oder Mangel an anderen Existenzgrundlagen leiden, die allein die Fruchtbarkeit unserer Erde zu gewähren imstande ist. Welch trübe Aussicht! Gewiß, wir alle wissen, daß uns noch kritische Tage bevorstehen, und daß sich viel ereignen kann, was die Bevölkerung der Erde dezimieren würde, darunter selbst die verheerende Benutzung der Atombombe in einem neuen Krieg.

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Es ist schwer, sich darauf einzustellen, daß es den laufenden Verhandlungen zwischen den Nationen nicht gelingen sollte, solch einer barbarischen Verneinung des Daseins­rechts des Menschen zuvorzukommen, und daß das Problem des Drucks der wachsenden Bevölkerungszahl — wohl das schwerste Problem, dem sich die Menschheit heute gegenübergestellt sieht — sich nicht auf eine andere Weise sollte lösen lassen, die mit den Idealen der Humanität in besserem Einklang stände.

Andererseits gewahrt man noch kaum den Schimmer einer Einsicht in die selbstverständliche Tatsache, daß dieser Druck einer der Hauptgründe für das weltweite Ausbluten der natürlichen Lebenshilfsquellen unserer Erde ist. Um es anders auszudrücken: Fast jedermann lebt noch in der Vorstellung, die Lebensquellen auf unserer Erde seien unbegrenzt, und man könne auf sie rechnen, als stellten sie ein uner­schöpf­liches Reservoir dar. Wie naiv, aber auch typisch ist die Bemerkung, die kürzlich ein führender amerikanischer Geschäftsmann machte, als man ihm vorstellte, die Wälder unseres Landes seien bald erschöpft: «Schön, aber darüber, daß wir unsere Wälder aufgebraucht haben, brauchen wir uns doch keine grauen Haare wachsen zu lassen. Wir werden dann eben das Holz, das wir brauchen, aus Mexiko beziehen.» Er sollte einmal nach Mexiko fahren und sich ansehen, was dort geschieht!

 

Um zunächst nochmals ein paar Schritte zurück zu gehen. — Wir verdanken das explosionsartige Anwachsen der Bevölk­erungs­zahl im letzten Jahrhundert offenbar den Erfindungen, die es möglich machten, die natürlichen Lebensquellen aller Erdteile wirksamer auszunutzen als vorher und die Produkte rasch von einem Teil des Globus zum ändern zu transportieren. Es besteht ein deutliches Zusammen­gehen zwischen der Steigerung der Geschwindigkeit des Handels und der Geschwind­igkeits­steigerung bei der menschlichen Vermehrung. Wenn das Dr. Malthus geahnt hätte!

Er hatte nicht so Unrecht, wenn er behauptete, das Wachstum der Bevölkerung zeige die Tendenz, stärker zu wachsen, als die Ernährungs­möglichkeiten auf der Erde es zuließe, und während die Nahrungsmittel­produktion etwa in arithmetischer Reihe zunähme, wüchse die Bevölkerung in geometrischer Progression. Verschiedene Entwicklungen sah der pessimistische Herr Doktor nicht voraus, vor allem nicht die Erschließung der westlichen Hemisphäre, vornehmlich der Vereinigten Staaten und Kanadas. Auch nicht die Entwicklung der Transport­mittel wie die Schaffung des Systems der Dampfer­linien, der Eisenbahnen und kürzlich der Fluglinien.

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Vor allem rechnete er nicht mit der Erfindung des Verbrennungsmotors, der es möglich macht, die Hilfsquellen der Erde, die Wälder und daß Fruchtland wesentlich schneller auszubeuten. Diese Erfindung tat unendlich viel Gutes, das den Schaden, den sie anrichtete, bei weitem übertrifft.

Nebenbei sei bemerkt, daß die industrielle Revolution in Europa und das überraschende Anwachsen der Bevölkerung, das sie begleitete, zu einem großen Teil durch die Vereinigten Staaten und Kanada getragen wurde, deren Bodenreichtum hastig erschlossen und verschwend­erisch ausgenutzt wurde, um den drängenden Bedürfnissen einer Bevölkerung zu entsprechen, die in wenig mehr als einem Jahrhundert von 175.000.000 auf gegen 400.000.000 anwuchs.

Heute nähern wir uns dem Tag, an dem die Rechnung aufgehen sollte. Aber ist das überhaupt möglich? Die einst unerschöpflich scheinenden Hilfsquellen des Amerikanischen Kontinents reichen heute wenig weiter, als die ständig wachsende eigene Bevölkerung zu erhalten, und die Landreserven in abgelegenen Teilen der Erde sind durch Raubbau verdorrt.

Dividiert man die gesamte Landfläche der Erde, die etwas über 130.000.000 Quadratkilometer beträgt, durch die Zahl aller Bewohner der Erde, so kommt man auf eine mittlere Bevölkerungsdichte von etwa 105 Personen pro Quadratkilometer. Doch diese Berechnung ist bedeutungslos, weil über die Hälfte der Landbedeckung der Erde unbewohnbar ist.  

Wie die meisten statistischen Angaben, hat auch diese nur eine relative Bedeutung, abgesehen davon, daß sie einen dazu veranlaßt, die Verteilung der Menschheit über die Erdoberfläche näher zu untersuchen. Solch eine Untersuchung zeigt viele erstaunliche Dinge; das erstaunlichste ist vielleicht, daß über die Hälfte aller Menschen auf einem Zwanzigstel der Gesamt­landfläche der Erde mit einer mittleren Bevölkerungs­dichte von gegen 1000 Personen pro Quadratkilometer lebt. Ein weiteres Viertel der Menschheit lebt auf weiteren 13 Prozent der Landfläche oder bei einer Dichtigkeit von etwa 220 Köpfen je Quadratkilometer.

Betrachtet man die gleiche Bevölkerungs­verteilung etwas anders und achtet darauf, wo die Haupt­konzentrationen auftreten, so erkennt man, daß drei Häufungs­stellen der Bevölkerung in drei vergleichsweise kleinen, besonders günstig gelegenen Gebieten anzutreffen sind.

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Das erste dieser dichtbevölkerten Gebiete, in Europa und dem westlichen Rußland, wird im Norden von einer Linie begrenzt, die wenig oberhalb Stockholm durch Leningrad läuft, im Osten durch den Ural, im Südosten durch das Kaspische Meer und die persische Wüste und im Süden durch die Wüsten Arabiens.

Dies Gebiet beherbergt über 500.000.000 Bewohner, die auf weniger als 8.000.000 Quadratkilometer Fläche wohnen. Im fernen Osten sind zwei weitere große Häufungen von Menschen. Die größere von ihnen liegt in einem Gebiet, das die Mandschurei, China bis südlich gegen Tonking und Japan umfaßt. Hier lebt etwa die gleiche Zahl von Menschen auf einer Fläche von unter 4.600.000 Quadratkilometer. Die dritte Häufung liegt in Indien und Ceylon zwischen der Wüste Tharr und dem östlichen Zipfel von Bengalen. Dort leben einige 400.000.000 Menschen, oder besser gesagt: sie hungern auf etwa 2.600.000 Quadratkilometer Boden.

So sind in diesen drei relativ engen Gegenden der alten Welt, die zusammen noch kein Achtel der Gesamtlandfläche der Erde ausmachen, über zwei Drittel der Gesamt­bevölkerung der Erde zusammengedrängt. Das bedeutet, beiläufig gesagt, eine Dichte von 1000 Personen pro Quadrat­kilometer, eine Zahl, die das achtfache der Bevölkerungs­dichte der Vereinigten Staaten darstellt.

Auf den ersten Blick sollte man nun glauben, die verbleibenden 700.000.000 Menschen hätten Überfluß an «Lebensraum». Doch man muß bedenken, daß von der restlichen Landfläche weit über die Hälfte zu trocken, zu kalt oder zu gebirgig ist, um bewohnbar zu sein und daß die bewohnbaren Gebiete die sind, die in der westlichen Hemisphäre, in Afrika, Australien und in einigen der großen Inseln, wie Groß­britannien und Java liegen. Die beiden letzteren sind heute bis zum Bersten gefüllt; in ihnen erreicht die Bevölk­erungs­dichte gegen 1800 Personen pro Quadratkilometer, zählt man die Einwohner zusammen, so reicht man an die 100.000.000-Grenze — das ist ein Fünftel der Gesamt­menschheit vor nur 12 Generationen!

Die Mehrzahl der dann noch übrigen 600.000.000 Menschen der Erde leben in Amerika, Afrika oder Australien. Auf den folgenden Seiten müssen wir beschreiben, wie sie es dort treiben, und wie sie mit den Naturreichtümern, mit Wäldern, Boden und Wasser gewirtschaftet haben.

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Diese Beschreibungen werden für sich selber sprechen. Sie widerlegen die Vorstellung, die drei Haupt­häufungen der Menschheit in der alten Welt, die viel zu groß sind, um von der Produktions­kapazität der Länder, in denen sie leben, getragen zu werden, könnten unbegrenzt auf den Reichtum dieser neuen Gebiete rechnen, in die die Kultur erst in den letzten Jahrhunderten eingezogen ist.

Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß die ungewöhnliche Konzentration fast der halben Erdbevölkerung in städtische Zentren die oft vorgebrachte Meinung Lügen straft, es gebe genügend Produkte des Bodens, um sie überall zu verteilen und alle Notlagen, die aufträten, seien nur durch das Fehlen geeigneter Methoden der Verteilung verschuldet. Es ist offensichtlich, daß die Arten, wie man die Produkte des Bodens von ihrer Erzeugungsstelle zu den Zentren schafft, in denen sie verbraucht werden, wie die Dinge liegen, in hohem Grade kunstgerecht und wirkungsvoll sein müssen, weil sonst große Teile der Erdbevölkerung überhaupt nicht am Leben bleiben könnten.

Verbreitet ist die Meinung, es beständen große Möglichkeiten, zusätzliche Subsistenzmittel aus der Erde durch die Entwicklung von tropischen Gebieten in Afrika oder im Amazonasgebiet zu gewinnen, Gebiete, die aus klarliegenden Gründen bis heute nur eine sehr begrenzte Bevölkerung beherbergen. Man ist geneigt, zu fragen: «Wer möchte denn dort leben?» 

Man muß zugeben, daß dort Möglichkeiten bestehen, und daß sich wohl Mittel und Wege werden finden lassen, um diese Gebiete mehr oder weniger produktiv zu machen; aber es bleibt richtig, daß diese tropischen Gebiete wegen der dort herrschenden Hitze und der wolken­bruch-artigen Regenfälle nicht gerade zur Bebauung einladen, vom Besiedeln ganz zu schweigen. Nur mit ungeheuren Kosten könnte man diese tropischen Gegenden zu produktiven Agrikultur­landschaften umgestalten. Auch wird nur ein Zwang der äußersten Art die Menschen bewegen, aus ihrem Land in ein fremdes überzusiedeln.

Die zwingendste Antwort aber an alle, die von der Entwicklung dieser Gebiete eine teilweise Befreiung von der harten Not erhoffen, die heute so viele Menschen bedrängt, ist die Erwägung, daß solch eine Entwicklung auch im besten Fall nur von vorübergehender Natur wäre und eher ein Aufhalten als ein Heilen darstellen würde. Es kann keine wirkliche Lösung gefunden werden, wenn die Menschheit nicht ihre Betrachtungsweise der Natur­reichtümer und der Methoden, sie auszubeuten, von Grund auf umstürzt. Stützen wir uns nicht alle angesichts des ständig wachsenden Druckes der dauernden Bevölkerungs­zunahme in allen Kontinenten unseres Planeten auf das schwankende Rohr wunschgeborener Hoffnungen?

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Fairfield Osborn  1948  Unsere ausgeplünderte Erde  Our Plundered Planet 

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