Teil 1   

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4. Leben zeugt Leben - Alle Lebewesen hängen voneinander ab

 

 

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Alle Einzelteile im Mechanismus der Natur sind voneinander abhängig. Entfernt man einen wesentlichen Teil, so bricht das Ganze zusammen. Das ist eine grundlegende Tatsache, und keine andere ist von ähnlicher Bedeutung. 

Einigen antiken Völkern war diese Tatsache bekannt, und in einzelnen Kulturen wurde sie periodisch wieder entdeckt, aber während des größten Teils der menschlichen Geschichte geriet sie völlig in Vergessenheit. Sie ist das Grundprinzip in dem jüngst entwickelten Zweig der angewandten Biologie, den man in Amerika «Conservation» nennt. Diese gegenseitige Abhängigkeit der Elemente ist in Wahrheit das Grundgesetz der Natur. Wenn also der Mensch seiner nicht achtet, wird die Natur nicht für ihn schaffen.

Man muß daher alle Produktivkräfte der Natur in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit betrachten. Was die bewohnbaren und bebaubaren Teile der Erdoberfläche angeht, so sind es vor allem vier Elemente, die nicht allein unser Leben, sondern zu einem guten Teil auch die industrielle Wirtschaft ermöglichen, auf denen unsere Kultur aufbaut. Diese vier Elemente sind:

Die letzten beiden Elemente sind belebt und der Reproduktion fähig; der Conservationist nennt sie «sich selbst erneuernde Hilfs­quellen».

In Wirklichkeit kann man aber auch den produktiven Boden — also den, der benutzt werden kann, um die Dinge hervorzubringen, deren der Mensch bedarf — als ein lebendiges Wesen betrachten, denn er beherbergt unendliche Mengen kleinster lebender Formen der Flora, die als Bakterien, und kleinster Tiere, die als Protozooen bezeichnet werden. Ohne sie würde der Boden tot und unfruchtbar werden.

Angesichts der Tatsache, daß aller wirklich produktiver Boden, also jeder Humus, das Ergebnis eines verwickelten Zusammenspiels zwischen Lebewesen und den von der Natur gelieferten Resten von Lebewesen in Gemeinschaft mit feinst ausgewogenen mineralischen Elementen ist, ist es dem Menschen nicht möglich, produktiven Boden zu machen, außer mit Laboratoriums­mitteln im kleinsten Maßstab. Düngmittel sind Zusätze, nicht mehr. Sie helfen nur in erschöpften Böden bestimmte Elemente zu ersetzen.

Wasser ist natürlich das Element, das vor allen anderen das Leben überhaupt ermöglicht. Die Rolle des Wassers im Schema des Lebens ist so klar und so allgemein bekannt, daß es sich erübrigt, auf seine Wichtigkeit besonders einzugehen. Die Vegetation besteht zum größten Teil aus Wasser; auch vom Gewicht unseres Körpers sind über 70% Wasser. In Gegenden, die bewohnbar sein sollen, muß also Wasser überall und zu allen Jahreszeiten zur Verfügung stehen. Pflanzen aller Art, von Bäumen bis zu Tomaten, müssen es regelmäßig und in ausreichender Menge bekommen; auch die Tierwelt, der Mensch nicht ausgenommen, muß sich zu allen Zeiten des Jahres auf seine Gegenwart verlassen können.

Wie wir gerade betont haben, müßte das gesamte System der Natur zusammenbrechen, wenn wir einen wesentlichen Teil entfernten. Der regelmäßige und ausreichende Zufluß von Wasser nun basiert auf der Erhaltung großer Waldungen vor allem in den Gebieten der Wasserscheiden, in denen die Ströme und Flüsse ihren Ursprung haben. Die Bewässerung hängt aber auch von der Pflanzen­decke des offenen Landes ab. 

Werden die natürlichen Bedingungen zu sehr verändert, dann wird die Wasser­versorgung schlechter oder hört ganz auf. Infolge einer Senkung des Grund­wasser­spiegels versiegen Quellen. Regenfälle, die sich auf Land ergießen, das unvorsichtigerweise seiner Wald- oder anderer Vegetations­decke beraubt wurde, werden im Boden nicht festgehalten und fließen hemmungslos in die Strom- und Flußbetten ab; so kommt es zu heftigen Schwankungen zwischen Dürre und Hochwasser, die im Laufe der Zeit immer krasser werden.

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Ein weiteres Element, vielleicht das lebenswichtigste in unserer kurzen Zusammenfassung des Haushalts der Natur, ist der produktive Boden. Er ist das Mittel, die Quelle, auf der alles Leben auf Erden beruht. Verschwindet er, so müssen auch wir verschwinden.

Die Oberfläche aller bewohnbaren und kulturfähigen Gebiete ist, oder besser gesagt, war im Naturzustand mit einer Schicht produktiven Bodens bedeckt. Die Dicke dieser Humusschicht schwankt beträchtlich, doch hat man ihre mittlere Mächtigkeit auf der Erde insgesamt auf nicht über 30 cm geschätzt, wahrscheinlich ist diese Schätzung noch reichlich hoch. So hat man beispielsweise überschlagen, daß in den Vereinigten Staaten ursprünglich eine Humusschicht von 18 bis 20 cm die Landfläche bedeckte. Das ist, so müssen wir nochmals betonen, die hauptsächliche Nahrungszone der Pflanzen; aus ihr stammt jedes Nahrungsmittel für Mensch und Vieh, die Faserstoffe für unsere Kleidung und das Holz für unsere Behausung und viele andere industrielle Zwecke. Die Natur braucht, so genau wie man das überhaupt feststellen kann, unter den günstigsten Bedingungen — dazu gehört eine gute Baumbedeckung, Gras und andere schützende Vegetationsschichten — zwischen 100 und 300 Jahre, um einen einzigen Zentimeter Humus zu bilden.

Was so Jahrtausende zu seiner Bildung gebraucht hat, kann durch Erosion in einem einzigen Jahr, ja in einem Tag weggeschafft werden, und an vielen Stellen ist so etwas geschehen. Wo das Gleichgewicht der Natur gröblich gestört wird, setzt eine beschleunigte Erosion ein. Durch das, was der Mensch für seine unmittelbaren Bedürfnisse hält, stört er dauernd das Gleichgewicht der Natur, ohne auch nur ein paar Jahre in die Zukunft zu blicken; oder er ist zu dumm und habgierig dazu.

Überall in der ganzen Welt stoßen wir auf das gleiche verderbliche Wirken der Erosion. Ohne des Menschen Eingriff in die natürliche Ordnung der Landschaft findet sie im allgemeinen nicht statt. Gewiß, gelegentlich tritt sie auch unter natürlichen Bedingungen auf, vor allem in Gegenden, in denen seit prähistorischen Zeiten von Natur aus Wüsten bestanden haben.

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Nehmen wir aber die Erde als Ganzes, so war vor der Ankunft des Menschen das natürliche Gleichgewicht bewahrt, und der Humus, der an einer Stelle auf naturgemäße Weise verschwand, wurde durch Neubildung aus Material der Nachbarschaft ständig ersetzt.

Die Erosion gewinnt die Oberhand, wenn man ihr das Land durch falsche Nutzung oder durch Übernutzung frei aussetzt, wenn man die schützende Bedeckung mit Wiesen oder Wäldern leichtsinnig abträgt, oder wenn man die gleichmäßige Wasser­versorgung stört, die zum Gedeihen der schützenden Pflanzendecke notwendig ist. Jede solche Mißhandlung legt den Humus bloß, so daß er vom Wind fortgeblasen oder von Regenfällen weggespült werden kann. So wurde häufig Land zur nutzlosen Einöde ausgewaschen, die wieder zu sanieren kaum, ja meist gar nicht möglich ist. Wohl jeder hat schon die von Schlamm braunen Fluten angeschwollener Flüsse gesehen: der wertvolle Humus einer flußaufwärts gelegenen Gegend wird ins Meer geschwemmt. In Amerika ist der Anblick von nackten Erosionsstreifen keine Seltenheit, die entweder bei einem Sturm plötzlich gebildet, oder durch dauernde Regenfälle langsam eingeschnitten wurden.

Der Schock des Jahres 1934 sitzt dem amerikanischen Bürger noch in den Gliedern. In diesem Jahre verbreitete ein trans­kontinentaler Sandsturm, der die Sonne verdunkelte, die Nachricht, daß riesige, einst fruchtbarste Gebiete der fünf westlichen Staaten Kansas, Texas, Oklahoma, Colorado und New Mexico zu trostlosen Sandhaufen geworden waren. Diese Katastrophe war der Effekt einer Übernutzung durch zu große Herden von Rindern und Schafen und des Umbrechens von Weideland, das niemals so hätte genutzt werden dürfen, zu Äckern. 

Und doch haben wir, oder wenigstens die meisten von uns, diesen Zwischenfall vergessen. Aber Zehntausende von Menschen haben das nicht. Das sind die, die vor der Unmöglichkeit standen, ihr Land wieder nutzbar zu machen, oder die nicht in der Lage waren, die langwierige und kostspielige Arbeit der Wieder­gutmachung durchzuhalten.

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Die verbreiteste und sicherlich die heimtückischste Art der Erosion ist die sogenannte «Flächenerosion». Wie der Name besagt, handelt es sich dabei um ein mehr oder weniger gleichmäßiges Abtragen des Bodens in dünnen Schichten, das ganz allmählich durch den ständigen Angriff von Wind oder Wasser fortschreitet. Meist läuft ihre Wirkung auf einen allmählichen Transport von Bodensubstanz aus höher gelegenen Gebieten in tiefere hinaus. Unscheinbar, wie ihre unmittelbaren Wirkungen sind, kann man sich doch gerade gegen diese Art der Abtragung nur äußerst schwer schützen.

Bemerkenswert ist bei der Erosion die sortierende Wirkung von Wind und Wasser, die den Boden abtragen. Beide, Wind und Wasser, verschleppen gerade die lebensspendenden organischen Teile des Bodens und die feinsten, wertvollsten Mineral­körnchen über große Strecken, während sie den wertlosen gröberen Sand und Steinbrocken zurücklassen. Ströme und Flüsse setzen die organischen und anderen feinkörnigen Stoffe gewöhnlich erst weit draußen im Meer ab, wo sie nicht mehr von Nutzen sind, und der Wind kann den feinen Staub in den Höhen der Stratosphäre halbwegs um die Erde oder noch weiter tragen. Auch wenn sich dieser feine Staub niederschlägt, fällt sein Großteil ins Meer.

Die verschiedenen Ursachen der von Menschenhand eingeleiteten Erosion in der ganzen Welt aufzuzählen, würde schwer fallen; die Folge der Ereignisse zeigt überall, wo wir auch hingehen, das gleiche Bild. Um Nahrungsmittel anzupflanzen, schlägt der Mensch Wälder kahl oder bricht in natürlichem Weideland den schützenden Rasen zu Pflanzland um. Dann sät er sein Korn oder anderes Getreide, dies Jahr, das nächste Jahr und wieder ein Jahr. Dabei läßt er während der stürmischen Jahreszeit zwischen den Ernten zu oft sein Land nackt und ungeschützt vor den Elementen. In flachen Gegenden ist der Erosions­vorgang wenig augenfällig, aber dauernd am Werk. In abgedachtem Gelände, und in solchem liegt der größte Teil der anbauwürdigen Gebiete der Erde, ist die Erosion aktiv und auf jeden Fall verhängnisvoll, wenn der Mensch ihr nicht wehrt, und das geschieht nur allzu selten. Kann der Mensch aus einem Boden von Ernte zu Ernte weniger Frucht ziehen, so sieht er sich nach einem neuen Platz für seine Pflanzung um und überläßt den alten seinem Schicksal, das die Erosion schnell vollenden wird.

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Richtige Anbaumethoden, die man heute genau kennt, sind imstande, diesen zerstörenden Kreislauf der Ereignisse zu vermeiden. Doch in großen Gebieten der Erde zog der Mensch bis in die jüngste Zeit von Ort zu Ort und ruinierte das Land, ohne an etwas anderes zu denken als an seine unmittelbaren physischen Bedürfnisse; ja, in seiner unersättlichen Gier nach schnellem Gewinn trieb er den schändlichsten Raubbau mit Böden, die ihm für alle Zeiten hätten dienen können. Heute sind die Tage, in denen man neues jungfräuliches Land finden kann, bereits vorüber.

Ein anderer Grund für Erosion ist die Übernutzung von Weideland, auf dem die Viehhalter, beim Versuch, eine möglichst große Kopfzahl auf kleinstem Raum zu halten, zu allen Jahreszeiten, zur Zeit und Unzeit, weiden lassen und so Rasen und Sträucher in einem Ausmaß zerstören, daß wenig mehr als der nackte Untergrund übrig bleibt. Solch mißhandeltes Land wird durch Regen­fälle fortgewaschen, fällt der Flächenerosion zum Opfer oder unterliegt einer dramatischeren und fürchterlicheren Verwüstung durch Stürme und Wolkenbrüche.

Das Ausholzen oder Niederbrennen von Wäldern ohne Auswahl ist eine der verbreitesten Ursachen der Erosion. Zu ausgedehnte Kahlschläge sind, vor allem auf geneigtem Terrain, genau so verderblich wie die Waldbrände, die wir alle zu fürchten gelernt haben. Fehlt erst einmal der Wald, so ist das vorher von ihm geschützte Land bei jedem stärkeren Regen der Gefahr ausgesetzt, von wildbachartigen Wasserströmen weggeschwemmt zu werden. 

Jetzt wird das Wasser nicht mehr genügend lange an der Oberfläche festgehalten, um Zeit zu finden, langsam in den Grund einzusickern, aus dem es später als Quelle wieder zutage tritt, und so läuft zu Zeiten zu viel Wasser in die Ströme, zu anderen zu wenig; durch beides wird das Land ruiniert, der Wasserspiegel der ganzen Gegend abgesenkt, und in weiten Gebieten lösen sich zum Schluß Dürre und Hochwasser ab. Staubecken werden mit Schlamm verstopft, der von den einst waldgeschützten Abhängen niedergewaschen wurde, und verlieren so langsam ihre Fähigkeit, das Wasser zu speichern und zu verteilen. So läßt sich mit ihnen Hochwasser nicht mehr vermeiden, die Bewässerung nicht sicherstellen, sie produzieren weniger Energie und können nur noch einen Teil der tiefer gelegenen Regionen versorgen, für deren Speisung man sie einst angelegt hatte.

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Es gibt noch eine große Ursache für die Vernichtung der eng verkoppelten Reichtümer von Wald und Boden. In gewisser Hinsicht ist sie die grausigste Ironie des heutigen Menschendaseins. Es ist der Krieg des Menschen mit seinesgleichen. Der dringende Bedarf an Forstprodukten während des letzten Krieges hat die Zerstörung der rasch zusammen­schmelzenden Wald­reserven in vielen Ländern beschleunigt, während zur gleichen Zeit der Druck auf die Landwirtschaft, auf schnellstem Wege Nahrungsmittel zu beschaffen, so groß war, daß er dazu führte, das Fruchtland, anstatt seine ordnungsgemäße Benutzung zu fördern, durch zu schnelle Neubepflanzung unterminiert wurde. Die Nachwirkungen werden sich noch in Jahrzehnten zeigen, ja, dank der Denudation durch Erosion, die den Kahlschlag der Wälder und dem Raubbau am Ackerboden folgt, wird der Schaden in vielen Gegenden irreparabel bleiben.

Es gibt noch weitere, weniger wichtige Gründe für die Vernichtung der lebendigen Reichtümer von Wald und Boden; die angeführten bezeichnen einige der wichtigsten zivilisatorischen Störungen des Gleichgewichts, von dem alle Quellen des Lebens abhängen.

 

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Wie könnte man über die Tierwelt sprechen und nur ihren Nutzen im Auge haben? Unser Gefühl sträubt sich dagegen und ruft Bilder und Klänge aus unserem Gedächtnis wach — den raschen Flug des Vogels oder seinen Gesang in der Tiefe des Waldes; die hurtigen Sprünge des kleinen pelzbekleideten Tierchens, das seinem Futter nachgeht; den Wirbel im ruhigen Wasser des Flußufers; den Ruf, der aus der Luft der Dämmerung von südwärts reisenden Geschöpfen zu uns dringt; die Silhouette der einsamen Kreatur mit ihren gewundenen Hörnern nahe dem Bergesgipfel. Weit weg, in den entlegensten Gewässern der Erde, leben Riesentiere, zwölfmal so groß und schwer wie ein Elefantenbulle, Warmblütler, die in den eisigen Regionen des subarktischen Meeres ihre Jungen säugen. Einst lebten ihre Vorfahren auf dem Land, doch das ist eine Geschichte für sich.

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Unter unseren Händen, und doch nicht weniger fern von uns, leben unzählige, kleinste Wesen. Wie können wir die Geheimnisse ihres Daseins heraufbeschwören? Halten wir staunend stille im Gedanken an die Schönheiten, die unendliche Vielfalt und die Mysterien des Tierlebens, so stehen wir vor dem großen Rätsel, das uns die Tiere mit ihrem Handeln nach Motiven aufgeben. Die Feststellung, die wir oben zitierten: «Es gibt keine Äußerung des Intellekts, in der sich nicht Spuren von Instinkten entdecken lassen, genauer, es gibt keinen Instinkt, der nicht mit einer Hüllschicht von Intellekt umgeben wäre ...» eröffnet einen Zugang; doch inwieweit kann man von hier aus das Handeln der Tiere verstehen, mögen sie nun auf der Skala des Lebens auf einer Stufe stehen, die wir hoch oder tief nennen.

Die höheren scheinen unserem Verständnis näher zu stehen, zweifellos, weil sie, vor allem die Säugetiere, Lebensgewohnheiten haben, die in vieler Hinsicht unseren eigenen ähnlich sind. Vielleicht sollten wir bei der Betrachtung von Motiv und Handlung ein Rätsel ins Auge fassen, wie es uns eins der «Kleinsten der Kleinen», beispielweise das winzige, Sitaris genannte Insekt aufgibt. 

Es ist das allgemeine Problem, den Nachkommen einen möglichst günstigen Start ins Leben zu sichern, das Sitaris dadurch meistert, daß sie ihre Eier am Eingang unterirdischer Röhren ablegt, die eine Anthophorus genannte Pelzbienenart gegraben hat. Aus dem Ei schlüpft eine Larve, die sich nach kurzer Zeit an eine männliche Biene anheftet, wenn diese das Erdrohr verläßt. Dort bleibt sie bis zum «Hochzeitsflug», wo die Larve die Gelegenheit benutzt, um das Männchen zu verlassen und sich einem Bienenweibchen anzuheften, wo sie verweilt, bis dies seine Eier ablegt. Dann begibt sie sich selber zu einem der Eier, das ihr im Honig des Bienennestes als Träger dient, frißt in wenigen Tagen das Ei auf und vollzieht auf der leeren Eihülle wie auf einem Schiff treibend ihre erste Metamorphose. Für den Augenblick wohlverproviantiert, schwimmt sie auf dem Honig, der ihr als Nahrung dient, wird bald zur Puppe und endlich zum reifen Insekt. Was veranlaßt die Sitaris-Mutter, ihre Eier gerade an der Eingangstüre abzulegen, so daß das Junge nun wieder ... und wieder ... und wieder ...? Doch, warum sich darüber den Kopf zerbrechen?

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Es gibt ungezählte andere Beispiele von Impulsen und Handlungsweisen bei höheren und niederen Formen der Tierwelt, die unser Begreifen ganz ähnlich übersteigen.

Wie sehr täuschen wir uns, wenn wir uns einbilden, gewisse Erfindungen oder Fertigkeiten seien ausschließliches Eigentum des Menschen. Radar, Feststellung der Richtung mit Ultraschall-Wellen oder, wie man neuerdings vermutet, auch durch elektro­magnetische Wellen, lange Nonstop-Flüge, Hinabtauchen in die tiefsten Tiefen des Ozeans, die Fähigkeit, kunstvoll zu bauen — der Mensch ist nicht der Erste, der all diese Dinge gekonnt hat. Sie wurden von den verschiedensten Tierarten im Laufe der ungezählten Jahrtausende erfunden und betrieben, selbst lange bevor der Mensch diese Erde betreten hatte. Wir haben diese Tatsachen nicht erwähnt, um uns in Gedanken zu verkleinern, noch wollen wir damit die offenbare und vollständige Überlegenheit des menschlichen Geistes in Frage stellen. Wir stehen lediglich vor einem Tatbestand, der symbolisch ist für die Verbundenheit des Menschen mit anderen Lebewesen. Er verkündet auf seine Art die Einheit alles Lebens.

Ein Tier, ein Säuger, ein Vogel, ein Reptil, Fisch oder Insekt, ist nicht nur die Gestalt, die uns ins Auge springt. Es ist ein dynamischer Teilausdruck des Naturprozesses, der sich in unermeßlichen Zeiträumen abspielt, engverknüpft mit anderen Lebewesen — gleich wie diese wieder mit ihm. Es ist eine Stimme in einem alten, ewig neuen Thema, das sich unmerklich wandelt. Es ist Glied wie Kette, Stamm und Zweig.

Mit solchen Gedanken im Kopf ist es schwer, sich dazu zu zwingen, das Tierleben nur vom Standpunkt seiner Nützlichkeit aus zu besprechen, oder sagen wir besser von seinem funktionellen Beitrag zur Fruchtbarkeit unserer Erde aus. Wenn ich auch zutiefst davon durchdrungen bin, daß jedes wildlebende Geschöpf dem Auge eine Freude und ein faszinierender Gegenstand unserer Studien ist, und daß es ein Fehler ist, irgendeines leichtsinnig zu vernichten, so habe ich doch dies Büchlein zunächst nicht in irgendeiner ästhetischen oder ethischen Absicht geschrieben.

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Der Zwiespalt löst sich, sobald man einsieht, daß wenn immer der Mensch andere Kreaturen tötet, ohne zu verstehen, welche Rolle sie im großen Spiel des Gesamtlebens spielen, er an der Minderung seines eigenen Lebens arbeitet. Manchmal ist es ganz in der Ordnung, wenn der Mensch andere Wesen tötet; dann, wenn er sich nah genug ans Vorbild des Gesamtlebens hält — das heißt einigermaßen nahe genug —, um sich zu rechtfertigen. Doch kritisch wird es, sobald wir töten, ohne uns über die weiteren Folgen genügend im Klaren zu sein.

Ohne jede Gefahr kann man platterdings behaupten, daß der Mensch in einer Welt, in der alle anderen Lebewesen ausgerottet wären, selber zugrunde gehen müßte. Diese Tatsache — wer will, mag auch sie eine Theorie nennen — ist sicherer als die allgemein ange­nommene Relativitätstheorie. In ihm zeigt sich tatsächlich ein anderes Prinzip der Relativität, die wechselseitige Verbunden­heit aller Lebewesen.

Als etwas extremes Beispiel unter ungezählten anderen betrachte man die Form des Lebens, die der Mensch am wenigsten schätzt, von der der Gedankenlose sofort zu sagen bereit ist: «Töte sie alle.» Ich meine die Insekten. Unter der ungewöhnlich großen Zahl von Insektenarten auf Erden — gegen dreiviertel Millionen Arten wurden bisher identifiziert — ist eine kleine Minderzahl für den Menschen schädlich, wie etwa die Stechmücke Anopheles, die Läuse, die Tsetse-Fliege und viehtötende Insekten. Andere, ungezählte Arten dagegen sind ihm nützlich und wohltätig.

Fruchtbäume und viele Arten Feldfrüchte sind für die Bestäubung oder Befruchtung aufs Insektenleben angewiesen. Böden werden bebaut und bekommen ihre fruchttragenden Eigenschaften nicht zuletzt dank dem Dasein der Insekten. Gäbe es keine Insekten, der Unterhalt der Menschheit wäre gefährdet. Auf der anderen Seite befreite der Mensch selber die Insekten, die zu unglaublich rascher Vermehrung befähigt sind, von verschiedenen natürlichen Feinden, die ihre Zahl in Schranken hielten, wie etwa den Vögeln, deren Zahl so zurückgegangen, oder von den Fischen, einst einem mächtigen Faktor zur Beherrschung der Insektenzahl, die aus vielen Seen, Flüssen und Strömen verschwunden sind, in denen, verschmutzt wie sie heute sind, jegliches Wasserleben ausgestorben ist. Beim Versuch, für diese natürlichen Kontrollen einen Ersatz zu finden, griff der Mensch zur Benutzung von Chemikalien wachsender Wirksamkeit. 

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Vor einigen Jahren kamen Arsenverbindungen in Mode und wurden weidlich angewandt, um Fruchtgärten vor Schädlingen zu schützen. So erfolgversprechend die Methode auch aussah — heimtückischerweise war ihr Erfolg nur zu oft der, daß die insektenfressenden Vögel vergiftet wurden; und nach einigen Jahren wurde in vielen Obstgärten der Boden selber mit Gift so durchtränkt, daß die Fruchtbäume angegriffen und ihr Ertrag vermindert wurde.

Neuerdings tauchte die äußerst wirksame, als DDT bekannte, chemische Verbindung als Allheilmittel auf. Bei einigen ersten Versuchen wurde dieser Insektentöter der Vogelwelt gefährlich, indem Vögel Insekten fraßen, die mit der Chemikalie vergiftet waren. Unvorsichtige Anwendung von DDT kann auch das Leben von Fischen, Fröschen und Kröten vernichten, die alle von Insekten leben. Dies neue chemische Mittel ist für viele Insektenarten tödlich — daran besteht kein Zweifel. Doch was ist sein endgültiges Reinergebnis fürs gesamte Lebensbild unserer Erde? Noch an einer anderen Front liegt der Mensch in einem blinden Kampf mit der Natur und übersieht nur zu häufig, daß das Tierleben auf unserer Erde, die Ordnung seiner inneren Beziehungen und dessen Erhaltung mit seiner eigenen Wohlfahrt eng verknüpft ist. Wird man sich das eines Tages allgemein klar machen?

Hier stoßen wir auf eine Art Paradoxon. Es ist ganz offenbar, daß die niederen Lebensformen — vom Protozoon aufwärts zu den Insekten und anderen Wirbellosen, ja sogar bis herauf zu Reptilien, Fischen, Vögeln und einigen kleinen Säugern — im Haushalt der Natur eine wesentliche Rolle spielen. Andererseits wäre es nicht leicht zu beweisen, daß einige der höheren Ordnungen oder Familien unter den Säugetieren für das Gesamtleben der Erde notwendig sind, zum wenigsten beim heutigen Zustand der Erde, wo die Menschen derartig zahlreich sind und ihr Bedürfnis nach Lebensraum und Unterhalt so drängend. Unter den großen Säugetieren sind die Ungulaten oder Huftiere sowohl nach Zahl der Arten wie auch der der Individuen die bei weitem häufigsten. Früher, in primitiven Zeiten, machten die Ungulaten wohl beträchtlich über neun Zehntel der Gesamtzahl aller großen Säugetiere in allen Kontinenten außer Australien und vielleicht auch Südamerika aus. 

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Eine weitere Gruppe entwickelter Säugetiere ist die der fleischfressenden oder Raubtiere, sie wirkte als eine Art Kontrollfaktor, der ein zu starkes Anwachsen der Zahl der Huftiere verhinderte. Es ist unwahrscheinlich, daß die Zahl der Raubtiere je mehr ausmachte als 1 % der Gesamtzahl aller großen Säugetiere. Außerdem gab es noch die Primaten, die vor allem in den tropischen Gebieten Asiens, Afrikas und der westlichen Hemisphäre lebten.

Befassen wir uns also mit der Rolle, die die höher entwickelten größeren Säugetiere im Haushalt der Natur spielen, so betreffen unsere Fragen vor allem die Ungulaten. Angesichts des Umstands, daß das Nahrungsbedürfnis der gezähmten Huftiere dem ihrer wildlebenden Vorfahren recht ähnlich ist, kann es nicht überraschen, daß die domestizierten Pferde, Rinder und Schafe den größten Teil der Steppen und anderer Gebiete mit Beschlag belegt haben, die einst von der großen natürlichen Gemeinschaft der Huftiere, wie verschiedener Arten von Hirschen, Antilopen und Wildochsen, belebt wurden. Jeder Versuch, abzuschätzen, welche Wirkung dieser Ersatz der wildlebenden Vorfahren durch die gezähmten Huftiere auf die Fruchtbarkeit der Erde hatte, ist dazu verurteilt, reine Spekulation zu bleiben, da keine sichere Methode besteht, die Frage anzugreifen und da viel zu viele unbekannte Wechselbeziehungen sich nicht berechnen lassen.

Ein interessantes Schlaglicht wird allerdings auf dies Thema geworfen, wenn man die gegenwärtige Anzahl zahmer Huftiere mit der vermutlichen Zahl ihrer wilden Vorgänger in Nordamerika vergleicht. Die Zahlen, die von den Regierungen Kanadas und der Vereinigten Staaten für das Jahr 1945 beziehungsweise 1946 veröffentlicht wurden, zeigen, daß die Zahl der zahmen Pferde, Rinder und Schafe im Kontinent annähernd 179.000.000 Köpfe betrug. Als der weiße Mann den amerikanischen Kontinent betrat, fand er ihn unvergleichlich reich an großen «Jagd-Tieren» — Bisons, Hirsche verschiedener Gattung, darunter Elch und Moosedeer, Antilopen, wilde Schaf- und Ziegenarten, und im Norden große Herden von Renntieren.

Selbst eine rohe Schätzung ihrer Zahl ist schwer. Glücklicherweise existieren wenigstens für die ursprüng­liche Zahl der Bisons, die unter der Bezeichnung Büffel besser bekannt sind, einigermaßen zuverlässige Schätzungen, und zwar, weil sie hauptsächlich im offenen Gelände lebten und daher leichter gezählt werden konnten; dann wurden sie vor allem wegen ihres Fells gejagt, und daher kann man Wirtschaftsziffern heranziehen.

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Man nimmt allgemein an, daß ihre Zahl wenigstens 50.000.000 erreichte, wahrscheinlich übertraf. Übrigens wurde die Zahl der Büffel im Verlauf eines kurzen Jahrhunderts derart vermindert, daß im Jahre 1905 in den ganzen Vereinigten Staaten weniger als 500 von ihnen lebten. In diesem kritischen Augenblick wurden sie endgültig geschützt, so daß die prächtige Gattung vor dem Aussterben bewahrt blieb. Heute leben in Refugien wie dem National-Park und anderen Schutzgebieten etwa 6000 dieser Tiere.

Es ist eine vernünftige Annahme, daß die Tiere der übrigen Gattungen, darunter Hirsche, Elche, Moosedeers, Schafe, Ziegen und Renntiere zusammengezählt ihrerseits 50.000.000 ausmachten, was uns darauf führt, daß in diesen Gebieten zum wenigsten 100.000.000 wilde Huftiere lebten.

Diese Angaben über die frühere Zahl der Wild- und die jetzige der Haustiere dieser Kategorie sagen uns wenig, das uns helfen könnte, zu bestimmen, ob das Verschwinden einer so großen Zahl von Wildtieren auf den «Haushalt der Natur» in den USA und Kanada irgendeine ausschlaggebende Wirkung hatte, mit Ausnahme eines Faktors, der — an sich von untergeordneter Bedeutung — durch seine indirekten Folgen wichtig wird. Man erfaßt die Sachlage am besten, wenn man von dem allgemein anerkannten Prinzip ausgeht, der dauernde Ertragsreichtum des Bodens hänge davon ab, daß das organische Material, das aus ihm erwachsen ist, ihm wieder zurückgeliefert wird. Mit Recht spricht man symbolisch von einem Kreislauf der Natur.

Das frühere Wildtierleben war als Glied in diesem organischen Kreislauf eingebaut. Unsere heutigen Haustiere aber stellen einen Teil des organischen Ganzen dar, den man nicht zur Erde seines Ursprungs zurückkehren läßt. Sie enden in den Verbrauchszentren, ihre Überreste wandern auf die Schuttabladestellen oder in den Ozean. Schlimmer noch ist nun, daß genau das gleiche heute für einen großen Teil der Produktion der Erde gilt — für Tier- und Pflanzenwelt samt einem großen Teil der Forstprodukte. 

Es fließt ein beständiger Strom organischen Materials in die Ortschaften, großen Städte und Industriezentren — dort wird es verbraucht oder als Abfall fortgeworfen, nie aber kehrt es zu seinem Ursprungsboden zurück. Leichtfertig hantieren wir mit dem Ring der Einheit alles organischen Lebens und der schöpferischen Prozesse der Natur. Die Schicksalsfrage ist, werden wir ihn eines Tages endgültig zerbrechen?

Heute hängt das Tierleben auf unserer Erde von der Vorsorge des Menschen ab, und seit neuestem hat man auch dement­sprechend gehandelt. Mehr und mehr hat sich in der öffentlichen Meinung die Erkenntnis durchgesetzt, daß wir es schützen müssen, gleichgültig ob wir seiner für praktische Zwecke bedürfen oder nicht. In den Vereinigten Staaten und vielen anderen Ländern wurden den Wildtieren National Parks und Schutzgebiete eingeräumt. Doch Zivilisation und wachsende Bedürfnisse einer steigenden Menschenzahl drücken schwer gegen die letzten Reste freier Wildnis. 

Der Mensch muß leben, doch zuweilen, in träumerischen Augenblicken, fragt man sich, ob wir dabei nicht doch auf eine Grundforderung aller Ethik Rücksicht zu nehmen haben. Sollte nicht der Mensch, und sei es nur um seines eigenen Seelenfriedens willen, sich selber als Beschützer und nicht nur als Verbraucher betrachten? Vergessen wir ihrer, so werden die Tiere verschwinden, gleich vielen ihrer Genossen vergangener Epochen. Die Erde ist heute Eigentum des Menschen. Man sollte sich doch fragen, welche Verpflichtungen diese unbegrenzte Herrschaft ihm auferlegt. 

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