Teil 2 

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8. Rußland - Das Leben beruht auf dem großen Dreieck, dem «Kernland»

 

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Es gibt ein anderes Symbol als Sichel und Hammer, das die Sowjets zum Symbol Rußlands und seiner Bewohner hätten wählen können. Dies andere Zeichen ist ein Dreieck: denn im Innern eines großen Dreiecks liegt praktisch aller produktiver Boden, der sich in dem weiten Land finden läßt. Nur dank diesem Dreieck kann das russische Volk existieren.

Rußland ist ein Land der Gegensätze. Trotz seiner ungeheuren Ausdehnung legen klimatische Bedingungen der einen oder anderen Art der Produktivität des Bodens große Beschränkungen auf. Infolge dessen ist Rußland, was seine Benutzbarkeit durch den Menschen angeht, wesentlicher kleiner, als es auf der Karte aussieht. Das ist heute angesichts der drastischen Veränderungen, die die Sowjetregierung in die Beziehungen der Bewohner zu ihren natürlichen Unterhaltsquellen hineingebracht hat, besonders interessant.

Rußland bedeckt ein Sechstel der gesamten Landfläche der Erde. Es ist das größte Land mit zusammen­hängendem Gebiet und besetzt den Großteil der östlichen Hälfte von Europa und des nördlichen Drittels Asiens. Es breitet sich über ein Gebiet von mehr als 20.000.000 Quadratkilometer aus, von Indien bis zur Arktis, von der Ostsee bis zu dem schmalen Meeresarm, der Asien von Nordamerika trennt. Elf Stunden braucht die Sonne, um über dies Gebiet zu wandern.

Wenn es an der westlichen Grenze Nacht wird, dämmert an der östlichen Grenze, am Ufer des Bering-Meeres, der Morgen. Die Entfernung zwischen diesen Grenzen ist gleich groß wie die von Patagonien nach New York. Doch zuweilen vergißt man, daß Rußland ein sehr nördliches Land ist. Fast die ganze Sowjet-Union liegt nördlicher als die Grenze zwischen der USA und Kanada, und das Schwarze und das Kaspische Meer, die südliche Begrenzung Rußlands, liegen auf der gleichen Breite wie die großen Nordamerikanischen Seen.

Eine lange Vegetationsperiode und eigentlich gemäßigtes Klima finden wir nur in dem Baumwoll- und Feigenland der südlichen Oasen, den Gebieten östlich des Schwarzen Meeres, in denen Zitrusfrüchte und Tee reifen und in den Reisgebieten der Küstenprovinz am Pazifischen Ozean. All diese Gebiete zusammen umfassen nur einen kleinen Bruchteil der Landfläche.

 

Rußland beherbergt in seinen gegenwärtigen Grenzen nach Schätzungen eine Bevölkerung von 195.000.000 Personen oder beinahe ein Zehntel der gesamten Menschheit. Seine Bevölkerungsziffer ist heute mindestens doppelt so groß als zu Beginn des Jahrhunderts und nimmt noch jährlich um mindestens 1 ½ Prozent zu.

Trotz der Größe des Landes sind in seinen meisten Teilen die klimatischen Bedingungen recht ähnlich; große Abweichungen vom Mittel finden sich vor allem an den Ufern des Schwarzen und des Kaspischen Meeres und in den fernöstlichen Gebieten des Landes an der Pazifischen Küste. Naturgemäß herrschen lange Winter vor. Merkwürdigerweise ist die jährliche Regenmenge in Rußland insgesamt recht niedrig. Millionen von Quadratkilometern sind faktisch unfruchtbar und daher unbewohnbar, teilweise, weil die Vegetationsperiode zu kurz, teils, weil die Niederschlagsmenge zu gering ist.

Der allgemeine Mangel an Regen ist auffallend, aber verständlich, wenn man daran denkt, daß Regen durch die Kondensation von Wasserdampf aus dem Ozean oder anderen großen Wasserflächen entsteht, der vom Wind landeinwärts getragen wird und sich dann über Kontinentalgebieten als Regen niederschlägt. Wenn auch im Norden und Süden, im Osten und Westen des Landes Meere liegen, so hat doch das Land von ihnen, was den Regen betrifft, wenig Nutzen. Der Arktische Ozean ist den größeren Teil des Jahres hindurch zugefroren, und der Indische Ozean liegt zu weit entfernt hinter hohen Gebirgsbarrieren. Der Pazifische Ozean liegt auf der wind-abgewandten Leeseite des Kontinents.

So kommt es, daß Wasser, das über dem Atlantischen Ozean in die Atmosphäre gestiegen und von den Winden ostwärts getragen wurde, durch ganz Rußland hin die Hauptquelle des Regens bildet, so daß selbst in Zentral-Sibirien mehr als dreiviertel aller Regenfälle atlantischen Ursprungs sein dürften.

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Die hauptsächlichsten Flüsse Rußlands ergießen sich entweder in die vereiste Arktis oder in eins der beiden südlichen Meere, das Kaspische oder das Schwarze. Die Wolga fließt in das isoliert liegende Kaspische Meer, während Lena, Ob, Jenissei und andere kleinere Flüsse ins nördliche Eismeer münden. Der Amur wendet sich scharf nach Norden, bevor er den Pazifik gegenüber Sachalin an einem Punkt erreicht, der mit Süd-Labrador auf gleicher Höhe liegt. Man ist erstaunt, wenn man erfährt, daß es in Eurasien Gebiete von insgesamt 13.000.000 Quadratkilometern gibt, die so regenarm sind, daß sie zu keinem Ozean einen Abfluß haben. Diese Tatsachen haben bei der Erhaltung der Bodenreichtümer Rußlands ihren bestimmenden Einfluß und haben sogar die gegenwärtige Regierung zu einem ungewöhnlichen Experiment der Wetterbeeinflussung veranlaßt, auf das wir bald zu sprechen kommen werden.

Breite Waldgürtel erstrecken sich nach Ost und West praktisch durch ganz Zentralrußland. Die Waldgebiete bedecken mehr als 40 Prozent des ganzen Landes und machen etwa ein Fünftel aller Waldungen der ganzen Erde aus. Nördlich dieser Wälder liegen die leeren Einöden der Tundren, ein baumloses Land der Flechten, Moose und niederen Büsche, das bis zum Eismeer reicht. Ein großer Teil des russischen Waldgebiets liegt im asiatischen Rußland.

Wegen des Fehlens von Straßen wurden bis in die jüngste Zeit diese Wälder nicht auf Bauholz ausgebeutet, jetzt aber sind sie erschlossen, und der Ertrag steigt von Jahr zu Jahr. Eine weitere Waldreserve liegt an den Abhängen des Kaukasus zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Die Zukunft wird lehren, ob die Waldungen Rußlands jetzt weitsichtig, auf Grund einer rationalen Forstwirtschaft genutzt werden, oder ob ihre Ausbeutung in den gleichen Bahnen weiterläuft wie in den Tagen des Zaren, in denen in vielen Gebieten durch Kahlschläge die größten Schäden angerichtet wurden, immer mit den gleichen katastrophalen Resultaten, die man in so vielen anderen Teilen der Erde beobachten kann.

Trotz der weiten Erstreckung ist ein großer Teil Rußlands in Wahrheit unbewohnbar, sei es, daß er zu kalt, zu trocken oder zu unzugänglich ist. Gebiete, die man als gute landwirtschaftliche Gegenden betrachten kann, umfassen nicht mehr als 2.600.000 Quadratkilometer und liegen zur Hauptsache im Innern eines Dreiecks, dessen östliche Spitze in der Nähe des Baikalsees zu suchen ist, und dessen westliche Basis sich von Leningrad im Norden bis ans Schwarze Meer im Süden erstreckt.

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Die Ukraine ist ein Teil dieses fruchtbaren Gebiets. Auch anderwärts, in weit abgelegenen Distrikten findet man Mineralschätze und gelegentlich, wie etwa in den Tälern des Kaukasus, auch umschriebene Gebiete hoher Fruchtbarkeit; doch verhindern in weiten Teilen des Landes die oben erwähnten ungünstigen Klimaverhältnisse eine normale Besiedelung. So kommt es, daß in dem erwähnten fruchtbaren Dreieck die meisten Städte, Pflanzungen, Industrie­unternehmungen und so weiter gelegen sind, die die Stärke der Sowjet-Union ausmachen.

Noch ein anderer Punkt verdient Erwähnung, der große Anteil des Flachlandes an den fruchtbaren Gebieten Westrußlands. Fast das ganze Gebiet von den europäischen Grenzen bis ostwärts nach Sibirien bildet eine große, flache Ebene von fast 5000 Kilometer Länge, die sich wenig über den Meeresspiegel erhebt mit Ausnahme der Mittelregion, in der der Ural die Ebene durchsetzt. Das vermindert in erheblichem Umfang gerade für die fruchtbarsten Teile Rußlands die Gefahr der Erosion durch Wasser. Wegen der geringen Niederschlagsmenge im Großteil des Gebiets, und weil es leicht langen Dürreperioden ausgesetzt ist, ist dagegen das zur Kultur geeignete Land für die Winderosion besonders verwundbar.

Diese Gefahr bildete stets eins der größten Probleme bei der Aufrechterhaltung der Ertragsfähigkeit des Bodens und wird es auch in den kommenden Jahren weiter bleiben. Was die Winderosion dem Boden anzutun vermag, hat man in den ebenen Weststaaten von Amerika zu sehen bekommen; das schlimmste Beispiel bietet das Dust Bowl- (Streusandbüchsen-) Gebiet. Die Sowjetregierung ist sich anscheinend der Gefahr bewußt. Sie kann tatsächlich gar nicht überschätzt werden.

Das fruchtbare Gebiet innerhalb des großen Dreiecks, das zuweilen als «Kernland» bezeichnet wird, war ursprünglich eine große, offene, Steppe genannte, Graslandschaft. Heute ist praktisch alles zu Kulturland umgebrochen und wegen des vorzüglichen Bodens, der Chernozem oder «schwarzen Erde» berühmt.

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Es liegt südlich des zentralen großen Waldgürtels, wo das natürliche Baumwachstum durch den Mangel an Regen begrenzt wird. Diese reiche Ackerkrume bedeckt über 12 Prozent des ganzen. Landes und stellt die größte zusammenhängende Region schwarzer Erde auf der Welt dar. In den Vereinigten Staaten existiert ein kleineres Gebiet schwarzer Erde, das sich in Nordsüd-Richtung von Nord-Dakota nach Texas zieht. Wir haben gesagt, das russische Land der schwarzen Erde sei gut ausgenutzt; richtiger wäre es, zu sagen, man habe mit ihm Raubbau getrieben, denn Jahr um Jahr wurde auf ihm geerntet, ohne daß man genügend Bedacht genommen hätte, durch Fruchtwechsel oder Düngung den Boden zu nähren. Noch weniger acht gab man, die Felder vor den trockenen Winden der Sommer zu schützen, in denen die ausgedörrte Erde oft von Stürmen weggeblasen wurde. Infolgedessen hat das Land unzweifelhaft von seiner früheren Lebenskraft und seinem früheren Reichtum verloren.

Durch allgemeine, weite Gebiete erfassende Dürreperioden hat Rußland immer wieder großen Schaden erlitten. In zaristischen Zeiten führten Dürren häufig zum Verlust der gesamten Getreideernte in weiten Regionen und so zu Millionen von Todesfällen durch Hungersnot. Im Wolgagebiet beispielsweise ereigneten sich in den Jahren 1891 bis 1921 vier Trockenkatastrophen, die so extrem waren, daß die ganze Ernte verloren ging. Die alte Art, das Land in kleinen Feldern zu bebauen, wie es früher — als das Land den einzelnen Bauern gehörte — üblich war, setzte das Fruchtland den Gefahren der Dürre stärker aus, als es die gegenwärtige Kollektiv­wirtschaft tut, die wenigstens rationellere Methoden eingeführt hat, wie vermehrte Aussaat von Winterfrucht, zeitigere Frühjahrs­bestellung und Anbau von Getreiderassen, die Dürreperioden besser gewachsen sind. Auch erlaubt die Ausrüstung mit modernen landwirtschaftlichen Maschinen ein schnelleres Einbringen der Ernte, falls das notwendig wird. Trotz alledem wird die Dürre auch weiterhin für Rußland das Hauptproblem bleiben, nicht nur, soweit es die Sicherung der Ernten, sondern auch, soweit es die Gesunderhaltung des Bodens angeht.

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Um die ganze Lage in einer dauerhafteren Art zu meistern, begann die Sowjet-Union einige Jahre vor dem Krieg mit Arbeiten nach einem erstaunlich umfassenden Plan. Ein Teil dieses einsichtsvollen Projekts besteht im Versuch, die Wolga zu bändigen und derart zu regulieren, daß das Hochwasser des Frühjahrs, das 70 Prozent der jährlichen Gesamt-Wasserführung ausmacht, gespeichert und für Bewässerung während des ganzen Jahres genutzt werden könnte. Es ist wieder bemerkenswert, daß in den Jahrzehnten vor der Revolution die Waldungen in den oberen Quellgebieten der Wolga so sinnlos abgeholzt wurden, daß das Wasser der Schneeschmelze im Frühjahr nicht mehr vom Boden aufgesogen wird, sondern in verheerendem Strom meerwärts flutet und dabei im Frühling zerstörende Hochwasser, während des restlichen Jahres dafür Wassermangel entsteht. Immer wieder die gleiche, alte Geschichte!

Folgerichtig hat denn auch die Sowjetregierung eine Arbeit unternommen, die wohl die umfassendste ist, die auf diesem Gebiet jemals von Menschen in Angriff genommen wurde. Umfang und Vielfalt überschreiten die der Tennessee Valley-Entwicklung in den USA beträchtlich. Man machte sich klar, daß der Spiegel des abflußlosen Kaspischen Meeres erheblich sinken wird, wenn man das Wasser der Wolga zu Bewässerungs­zwecken verteilt, da dann die Verdunstung die Wasserzufuhr durch den Fluß übersteigen muß. Dadurch aber würden Häfen trockengelegt, Städte und Industriegebiete würden vom Ufer getrennt werden, und die Fischerei müßte erheblichen Schaden leiden.

Man begann eine Untersuchung, um zusätzliches Wasser aufzufinden, das man der Wolga zuführen kann, um so deren Wasserführung soweit zu heben, daß der Spiegel des Kaspischen Meeres unverändert bleibt. Man hatte beschlossen, durch Staudämme und Reservoire einige nordische Flüsse, die ins Eismeer fließen, ins Wolgabecken umzulenken, ja sogar den Don, dort wo er der Wolga am nächsten kommt — nahe bei der Stadt Kalach — anzuzapfen; an dieser Stelle fließt der Don auf größerer Meereshöhe als die Wolga. Dieser Plan hat allerdings auch seine Schwierigkeiten und kann nur dann zur Ausführung angenommen werden, wenn es sich zeigt, daß der Don genügend viel Wasser abgeben kann, ohne dadurch selber für die Erfüllung seiner Aufgaben unfähig zu werden; zu diesen Aufgaben gehört die Flußschiffahrt, die Wasserversorgung der großen Städte an seinen Ufern und nicht zuletzt die Süßwasser­versorgung der Muschelbänke im Asowschen Meer an der Donmündung, die bei einer wesentlichen Veränderung in den Wasserverhältnissen zugrunde gehen müßten.

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 Daß man auch an solche Meeresschätze — eine nicht unwesentliche Quelle von Nahrungsmitteln — denkt, zeigt, mit welcher Sorgfalt die Russen alle verkoppelten Faktoren berücksichtigen, die betroffen werden. Alles in allem hat das Projekt titanische Proportionen.

Man muß sich doch fragen: Wäre diese gewaltige, kostspielige Unternehmung auch notwendig geworden, wenn man die waldbedeckten Abhänge des Quellgebiets der Wolga in früheren Jahren nicht so leichtsinnig ausgeplündert hätte? Werden die neugebauten Staubecken nicht wieder mit Schlamm gefüllt und verstopft und damit wieder unbrauchbar werden, wie es in den Vereinigten Staaten so oft geschehen ist? Es ist ganz offenbar, daß die Russen ihren Plan wohl durchdacht haben. Aber haben sie an alles gedacht?

Die Natur wirkt als ein untrennbares Ganzes. Hat man wirklich kein Teilstückchen übersehen? Ist aber das der Fall, dann kann es mit der Zeit leicht dahin kommen, daß auch dieser Plan wieder zu einem neuen Denkmal für die Verständnis­losigkeit des Menschen wird. Man denke nur an die großen Bewässerungssysteme vorchristlicher Zeit in Mesopotamien, heute einer menschenleeren Wüstenregion. Haben wir genug gelernt, um unsere Zivilisation den dauernden, allmächtigen Kräften der Natur einzupassen?

Die Veränderung, die unter dem Sowjetregime mit dem Volk und seinem Land vor sich geht, ist, welchen politischen und sozialen Standpunkt man auch einnehmen mag, der Beachtung wert. In den Zeiten vor der Revolution war der Ackerbau in Rußland dadurch gekennzeichnet, daß große Teile des Bodens in der Hand einiger reicher Großgrundbesitzer konzentriert waren, und daß auf der anderen Seite unter den selbständigen Bauernhöfen die kleinen Zwerggüter in der Mehrzahl waren. Viele ursprüngliche Bauern­anwesen waren wiederholt im Laufe der Generationen beim Tod des jeweiligen Besitzers unter die Familien­mitglieder aufgeteilt worden und zum Schluß zu so kleinen Landparzellen geworden, daß sie völlig unwirtschaftlich waren.

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Der Endeffekt war, daß eine große Zahl von Bauern von ihrer Scholle getrieben wurde und gezwungen war, ihre kleinen Felder einem reichen Nachbarn zu verkaufen; die große Masse der Bauern-Bevölkerung lebte so in einer sklavischen Abhängigkeit von einigen Großgrundbesitzern. Trotz all dem gab es bis zum Jahre 1927 noch mehr als 24.000.000 kleine Bauernhöfe in der Sowjetunion, die im Mittel je 4,45 ha Boden unter dem Pflug hatten, so daß im ganzen also noch mehr als 110.000.000 Hektar von Kleinbauern bearbeitet wurde.

Im folgenden Jahr trat der Regierungsplan zur Kollektivierung der Landwirtschaft in Wirksamkeit, und in den folgenden vier Jahren wurden 226.000 Kollektivbetriebe errichtet, die über 90.000.000 Hektar bewirtschaften. Diese Umwandlung der Besitzverhältnisse ist inzwischen ständig weitergegangen, und das kollektive System der Bewirtschaftung wurde auch auf andere Arten der Bodennutzung ausgedehnt als den reinen Getreidebau, etwa auf die Zucht von Rindern, Schweinen und Geflügel, die Schafzucht und die Forstwirtschaft. Weiterhin wurden kraftvolle Versuche unternommen, die Lebensbedingungen in den nördlichen Teilen des Gebiets zu verbessern.

Anstatt daß jede Bauernfamilie ihr eigenes kleines Besitztum bewirtschaftet, sind in einer kollektiven Farm der ganze Grundbesitz, die Viehhaltung zusammen mit den Wirtschafts-Gebäuden zu einem einheitlichen Unternehmen zusammengefaßt. Gleichwohl behält jede Familie ein gewisses Privateigentum, darunter ihr Haus, beziehungsweise ihre Wohnung, dazu einen kleinen Küchengarten, etwas Geflügel und etwas Vieh, zum Beispiel ein bis zwei Kühe für den persönlichen Bedarf der Familienmitglieder. Die Bauern des Kollektivbetriebs kommen zusammen, um die Arbeiten zu organisieren, einen Vorsteher, Rechnungsführer und andere Beamte zu wählen und nach Richtlinien, die der die Regierung vertretende Departementsbeamte aufgestellt hat, die Gesetze ihrer Kollektivfarm festzulegen. Jeder einzelne wird nach seiner Arbeitsleistung bezahlt, dabei entspricht einem «Arbeitstag» das Umpflügen einer bestimmten Fläche, das Melken einer bestimmten Anzahl Kühe, die Durchführung einer bestimmten Verwaltungsarbeit und so weiter.

Nachdem Vorratsreserven und Saatgut für die Produktion des kommenden Jahres beiseite gelegt worden sind, wird der Ernteüberschuß auf verschiedene Arten verwertet. Ein Teil wird als Einkommensteuer an den Staat abgeliefert; ein Teil wird zur Bezahlung der von einer Regierungsstelle bezogenen landwirt­schaftlichen Geräte verwendet oder als Miete für Maschinen, die dem Staate gehören; ein dritter Teil wird auf Grund eines bestimmten, von der Regierung vorgeschriebenen Prozentsatzes gegen Barentschädigung abgeliefert, jedoch zu einem im voraus festgesetzten Preis, der niedriger ist als der, der auf dem freien Markt zu erzielen ist.

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 Im Effekt ist auch dies eine direkte Steuer, die der Staat von der Landwirtschaft erhebt. Als Entgelt für diese Zahlungen empfängt der Betrieb von den landwirtschaftlichen Fachexperten Unterweisung und Hilfe. Die Pflichtmengen an Getreide, Milch und anderen Produkten, werden im Verhältnis zur Bodenfläche des Betriebs und nach seiner Eigenart berechnet, und daher sind diese Quoten und die Arten der Produkte von Distrikt zu Distrikt verschieden. Bei dem ganzen System ist die Absicht bemerkbar, den gemischten Anbau verschiedener Produkte, wie auch ein Maximum des Ertrages zu fördern. Dies System der zwangsweisen Einschätzung durch den Staat wurde in den früheren Jahren auch — neben anderen, die zugleich angewendet wurden — als eine der Methoden benutzt, die die individuellen Land­eigentümer dazu bringen sollten, mit ihrer Arbeitsleistung und ihren Eigentumsverhältnissen zum Kollektivsystem überzugehen. Man kann eben das gleiche Mittel zu allen möglichen Zwecken benutzen.

Der Überschuß der jährlichen Ernte kann von den einzelnen Mitgliedern auf dem freien Markt verkauft werden. Die Zahlungen, die aus den Verkäufen an die Regierung erlöst werden, werden gemäß ihrem, in Arbeitstagen bemessenen, Verdienst unter die Mitglieder des Kollektivbetriebs verteilt. Es ist nicht unsere Absicht, auf weitere Einzelheiten des Sowjetsystems einzugehen, nur möchten wir noch erwähnen, daß das Einkommen der Leiter und Vorsteher in diesen Kollektiv­betrieben vielfach höher ist als das der gewöhnlichen Mitarbeiter.

 

In den ersten Jahren der 1917 von der Sowjetregierung eingeleiteten Bewegung zur Kollektivierung der Landwirtschaft wurden nur geringe Fortschritte erzielt, und die Erfolge waren keineswegs die, die man von einer Motorisierung der Landwirtschaft in großem Maßstab erwarten sollte. Die große Masse der Landbevölkerung war mit Maschinen überhaupt nicht vertraut und völlig außerstande, die von der Regierung gelieferten Traktoren und andere moderne landwirtschaftliche Maschinen zu handhaben.

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Im Jahre 1928 wird in Berichten erwähnt, daß auf kollektiven Farmen die Traktoren etwa die Hälfte der Zeit unbenutzt herumstanden. Im allgemeinen genügte die landwirtschaftliche Produktion kaum für die Landbevölkerung selber und war viel zu knapp, als daß genügend viel in die Städte hätte abgeliefert werden können, die ihrerseits als Folge der Welle von Industrialisierung, die über das Land zog, so rapid wuchsen. Der Wendepunkt wurde mit der Gründung der ersten Staatsfarm in der Ukraine nahe bei Odessa erreicht. Diese neuartige landwirtschaftliche Unternehmung anerbot sich, mit ihren Traktoren den umliegenden Dörfern Hilfsdienste zu leisten unter der Voraussetzung, daß die individuellen Eigentümer ihre kleinen Besitzungen derartig zusammenlegten, daß die Traktoren große, der Natur des Bodens angepaßte Stücke bearbeiten konnten. Dieser erste Versuch wurde zu einem vollen Erfolg. Diejenigen Familien, die für die laufende Bestellungsperiode ihre Ländereien für die motorisierte Bearbeitung zusammengelegt hatten, erzielten große Ernten, während die Nachbarn nur sehr geringe Erträgnisse erreichten.

Dieser erste Versuch war von Stalin persönlich beobachtet worden, der in seiner nächsten Adresse über landwirt­schaftliche Fragen auf ihn als auf die Lösung der Probleme der motorisierten Landbearbeitung hinwies. Zu gleicher Zeit wurde die Einrichtung getroffen, daß einige 2000 Betriebsleiter aus dem ganzen Land freie Fahrt nach Odessa erhielten, so daß sie sich selber an Ort und Stelle von den Ergebnissen des Versuchs überzeugen konnten. Das Wetter war in dieser Gegend recht ungünstig gewesen, und die Felder der individuellen Bauern standen recht schlecht; die Dörfer aber, die sich der modernen Maschinen unter der Anleitung erfahrener Agronomen bedient hatten, hatten außerordentlich hohen Ertrag erzielt. Selbst nachdem sie ein Drittel der Ernte als Entgelt für die geleisteten Dienste an die Staatsfarm abgeliefert hatten, behielten die Bauern, die sich dem Plan angeschlossen hatten, noch dreimal so viel pro Hektar als ihre unmittelbaren Nachbarn. Von da an wuchs die Zahl der Staatsbetriebe rasch an, so daß es 1939 etwa 4000 von ihnen mit einer mittleren Größe von etwa je 4000 ha gab.

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In den folgenden Jahren wurden viele dieser Betriebe auf bisher unkultiviertem Boden, wie etwa in den Trocken­steppengebieten, errichtet. Sie waren durchaus nicht alle auf Getreidezucht um jeden Preis ausgerichtet, viele von ihnen dienten lediglich zur Zucht von Geflügel, Schafen, Schweinen oder anderen Nutztieren; 31 von ihnen, die hoch im Norden eingerichtet wurden, waren Renntier­farmen.

Während diese umstürzenden Neuerungen in der Nutzung und Bearbeitung des Bodens eingeführt wurden, griff eine weitere große Änderung Platz. Wir meinen die Metamorphose eines Landes zum Industriestaat.

Zu Beginn des Jahrhunderts gab es in Rußland nur 14 Städte mit über 100 000 Einwohnern, und vier Fünftel der ganzen Bevölkerung war in der Landwirtschaft tätig. Die Industrieproduktion belief sich auf gegen 40 Prozent, die landwirtschaftliche auf gegen 60 Prozent des totalen Volks­einkommens. Unmittelbar vor dem Krieg war die Produktion der Industrie auf über 75 Prozent angestiegen. Diese grundsätzliche Änderung brachte naturgemäß ein außergewöhnliches Wachstum der Städte mit sich. In den letzten fünfzehn Jahren vor dem Krieg hatte sich die Bevölkerung von Moskau und Leningrad verdoppelt, und 1940 gab es 81 Städte mit über 100 000 Einwohnern. Das ist vergleichbar mit den 92 Städten dieser Größe, die es in der USA gibt.

 

Man kann nicht wagen, eine kategorische Meinung darüber zu äußern, welche langfristige Wirkung die Verstädterung und Industrialisierung auf die Erhaltung der natürlichen Lebensquellen der Erde haben wird. Vielleicht wird einmal ein gesundes Gleichgewicht erreicht werden. Heute sind wir jedenfalls von solch einem Gleichgewicht weit entfernt, denn viel Material pflanzlichen oder tierischen Ursprungs wird in den Städten und Industriezentren verbraucht und nicht zur Düngung auf das Land, aus dem es gezogen wurde, zurückgebracht.

Die riesigen, blinden Bedürfnisse des Markts in den großen Städten, die aus fernentlegenen Gegenden große Mengen von Produkten der verschiedensten Arten heraussaugen, mögen weitgehend für einen Prozeß der Bodenerschöpfung verantwortlich sein, der unmöglich ins Ungemessene weiter gehen kann. Man kann nicht umhin, sich zu fragen, ob sich nicht in Rußland das Industrienetz so schnell ausgebreitet hat, daß das Land geschädigt wurde.

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Beim Niederschreiben dieser Seiten waren wir oft in Versuchung, über die Wirkungen zu sprechen, die Kriege auf unsere mißhandelte Erde ausüben, obgleich sich über diese Wirkung schwer etwas Bestimmtes ausmachen läßt. Ganz offenbar werden die eigentlichen Kampfgebiete aufs schwerste geschädigt.

Aber Schädigung bleibt durchaus nicht lokalisiert, sondern trägt, wegen der zwingenden Bedürfnisse nach Forst- und Bodenprodukten, die der Krieg mit sich bringt, ihre Spuren selbst bis zu den Weltteilen, die weit vom Kampfgebiet entfernt liegen. All diese Produkte werden wahrhaft vom Moloch Krieg verschlungen. Der Einfall der Deutschen in Rußland tat dem Land schwersten Schaden, selbst wenn man von der Zerstörung und Wegführung großer Mengen von landwirtschaftlichen Geräten absieht, die zur Bodenkultur benutzt werden.

Das meiste von den Deutschen besetzte, fruchtbare Land litt lange Zeit unter dem Fehlen einer Kompostdüngung und eines vernünftigen Fruchtwechsels, und die Fortnahme großer Teile der für die Mistdüngung des Bodens so wichtigen Rinder und übrigen Viehherden, verursachte eine Herabsetzung der Fruchtbarkeit des Bodens, die sich gar nicht abschätzen läßt. Es sieht aus, als sei die Wirkung dieses Raubbaus rein temporär. Bedenkt man aber weiter, daß im besetzten Gebiet alle Staumauern von Bedeutung zerstört wurden, was natürlich die zerstörenden Hochwasserwirkungen mit sich brachte, und daß die Wälder in großem Umfang abgeholzt und niedergebrannt wurden, dann könnte sich die Schädigung in gewissem Umfang doch als eine dauernde erweisen.

Wegen der Begrenztheit der eigentlich produktiven, fruchtbaren Gebiete Rußlands hat sich die gegenwärtige Regierung auf eine Anzahl neuartiger Versuche eingelassen, um die Existenzbasis des Landes zu verbessern, was vor allem wegen der rapid ansteigenden Bevölkerungszahl dringend nötig ist. Wie in anderen Ländern wurden auch dort in den vergangenen Jahrhunderten planlos und verderblich Waldgebiete ausgeschlagen, teils um das Holz zu gewinnen, teils um den Boden zur Bebauung zu roden.

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als ständen dem russischen Volk, bei seinem riesigen Bodenbesitz, von dem ein großer Teil mit Wald bedeckt ist, ungeheure Möglichkeiten offen, durch Rodung und Anpassung an den Ackerbau noch große Gebiete der Landwirtschaft zu erschließen. Wegen der Natur der Böden in den meisten mit Wald bestandenen Gebieten, vor allem in denen mit vorherrschender Nadelholzbedeckung, ist es aber außerordentlich schwierig, so vorzugehen.

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Mit dem Wachsen der Wissenschaft der Bodenchemie hat man langsam Einsicht darin gewonnen, welche Gebiete der Erde mit Nutzen zum Ackerbau verwendet werden können und welche nicht. In den guten alten Zeiten der Pioniererschließung der Vereinigten Staaten breiteten sich die alten Siedler in die oberen Gebiete Neuenglands aus und rodeten das Land, das zur Hauptsache mit Wäldern von Nadelhölzern, wie Kiefer, Rot- und immergrüner Hemlock-Tanne, bedeckt war. In diesem Teil des Landes finden wir heute eine endlose Kette verlassener Farmen; und zwar wurden diese Farmen einmal aufgegeben, weil die Gegend zumeist gebirgig oder hügelig ist und daher der raschen Erosion unterworfen, doch zum großen Teil auch deshalb, weil die Art des Bodens sich nicht für Ackerbauzwecke eignet.

 

In Rußland bedecken sogenannte Podsol-Böden fast die Hälfte des ganzen Gebiets; solche Böden stellen eine organische Deckschicht dar, die hauptsächlich Nadelwaldungen ihr Dasein verdankt. Podsolbildung führt zu einer Verarmung des Bodens an den günstigen basischen Bestandteilen und zu einer Verschiebung der allgemeinen Bodenreaktion ins saure Gebiet. Der Prozeß tritt mit Vorliebe in Waldgebieten auf, die durch ein relativ kaltes, feuchtes Klima gekennzeichnet sind, er wirkt aber auch in tropischen Regionen, und in Wahrheit findet man ihn selbst auch auf mit Harthölzern bestandenen Flächen gleich wie auf solchen, die eine Nadelholz­decke tragen. Wir haben diesen kurzen Exkurs ins Gebiet der Bodenkunde hauptsächlich unternommen, um zu betonen, daß trotz der großen Ausdehnung Rußlands das Problem, für die große, wachsende Bevölkerung die Existenz­grundlage zu schaffen und zu erhalten, alles andere als einfach ist.

Die Anstrengungen der Sowjetregierung, eine größere Ergiebigkeit des Bodens zu erreichen, erstrecken sich auch auf die Tundren, jene riesigen kalten, baumlosen Landstrecken, die das ganze nördliche Gebiet längs des Eismeeres erfüllen. Abgesehen von einigen Tropengebieten, ist Nordsibirien das letzte große Pionierland; die Russen sind in großer Zahl in dies Gebiet eingedrungen und tun es noch weiterhin. Die Regierung hat Programme zur systematischen Erschließung organisiert, und zwar teilweise aus militärisch-strategischen Erwägungen heraus, doch auch aus anderen, die vor allem darauf hinzielen, herauszufinden, in welchem Umfang das Land dieser nördlichen Regionen menschliches Leben zu erhalten vermag.

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Die gleichen Unternehmungen sind auch vom Bestreben diktiert, zu erforschen, inwieweit sich die Tierwelt, die Robben, Walrosse und Wale der nördlichen Meere, die Eiderenten und andere nordische Vögel, und die weißen Polarfüchse und andere Pelztiere zu Ernährungs- oder Gewinnzwecken ausnutzen läßt. 

In diesen abgelegenen, ungastlichen Gebieten ist der Boden bis zu großen Tiefen dauernd gefroren, an manchen Stellen bis zu einigen 600 Metern unter der Oberfläche. Und doch sproßt auf der aktiven Bodenschicht, die während des Sommers auftaut, das Pflanzenleben der Arktis und während der kurzen Periode der frostfreien Tage, die zwischen 70 und 125 im Jahre schwanken, blüht die Tundra mit einem Schwall von Grün.

Selbst auf der Taimyr-Halbinsel, dem nördlichsten Gebiet Rußlands, das sich bis auf 1350 km gegen den Nordpol hin erstreckt, sind Pflanzenspezialisten an der Arbeit. Vom Enthusiasmus des Entdeckers getrieben, haben sie herausgefunden, daß in den Überschwemmungsgebieten der Flüsse arktische Himbeeren und Flachs zur Reife kommen. Sie betonen nun, daß diese Pflanzen zur Reifung genau so viel Sonnenwärme benötigen wie Gerste und Kartoffel. Während des langen Polartages reifen die Pflanzen mit tropischer Schnelligkeit, und tatsächlich muß man das Wachstum künstlich begrenzen, indem man zeitweise Segel über die Rahmen der Mistbeete ausspannt und so eine künstliche Nacht erzeugt. Wir sind auf diese Dinge eingegangen, weil sie symptomatisch sind für die Bedürfnisse und Anstrengungen der Menschen in Zeiten, in denen sie durch den Druck der Bevölkerung gezwungen sind, neue Lebensgebiete zu erschließen, oder in denen sie sich in entlegene Gebiete der Erde begeben, um dort Mineralschätze oder andere Reichtümer auszubeuten.

 

Zwei mächtige Nationen, die eine im Westen, die andere im Osten, sehen wir heute in schicksalsschwere Vorgänge verstrickt. Es ist nicht unsere Aufgabe, Vermutungen darüber zu äußern, welche Folgen für sie selber und für alle anderen Nationen sich zum Schluß ergeben werden; höchst bezeichnenderweise sind sich beide Nationen mehr oder weniger bewußt, daß irgend etwas mit ihren Lebensgrundquellen nicht ganz in Ordnung ist.

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Beide Nationen haben in den letzten Jahrzehnten begonnen, Korrektiv­maßnahmen zu treffen. Jede bewegt sich dabei in der Linie ihrer politischen und sozialen Ideologie. Angesichts der Tatsache, daß in Rußland praktisch alles Land dem Staat gehört, werden die Richtlinien zur Ausnutzung von Wald und Kulturland, der Wasserläufe und der Tierwelt von der Regierung formuliert und für bindend erklärt. Diese Art des Vorgehens ist im Prinzip genau die entgegengesetzte wie die in Amerika maßgebliche, wo bis auf kleine Ausnahmen alle Naturreichtümer in Privatbesitz sind, und wo die Regierung im Grunde nicht mehr tun kann, als eine vernünftige und angemessene Benutzung des Bodens vorzuschlagen und zu unterstützen.

Es ist wichtig, sich klar zu machen, daß in Nordeuropa noch ein weiteres System existiert, das gleich verschieden vom russischen wie vom amerikanischen ist. In Ländern wie Dänemark und Schweden bleiben Wälder und Kulturboden im Privatbesitz; ihre Benutzung unterliegt aber streng den Anweisungen und Regelungen, die die Regierung aufgestellt hat. Diese Länder bilden ein Beispiel für eine erfolgreiche Verschmelzung der Interessen des Individuums und denen des Staates in den Fragen der Ausnutzung der Naturreichtümer.

 

Es ist ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß im Verhältnis zur Bevölkerung die Vereinigten Staaten und Rußland die gleiche Fläche für die Landwirt­schaft geeigneten Landes besitzen. Die letzten Schätzungen in den Vereinigten Staaten ergaben gegen 190.000.000 Hektar, was bei der Division durch die Zahl der augenblicklichen Einwohner eine Subsistenzbasis von 3,4 ha pro Kopf ergibt.

Die von Natur fruchtbaren Gebiete des Kernlandes oder großen Dreiecks in Rußland stellen 260.000.000 Hektar dar, und teilt man diese Zahl durch die gegenwärtige Bevölkerungsziffer dieses Landes, so ergibt sich für jeden Russen ungefähr die genau gleiche Bodenfläche. Was also die grundlegende Existenzbasis angeht, gehen beide Länder mit den annähernd gleichen Voraussetzungen in die Zukunft. Welche Nation die Naturgegebenheiten besser zu benutzen und zu bewahren versteht, muß die Zukunft erweisen.

Angesichts der alarmierenden Entwicklung, die in den Vereinigten Staaten vor sich geht, wird sich die amerikanische Bevölkerung bald vor einer kritischen Entscheidung sehen. Entweder sie läßt es zu, daß auch weiterhin Bedingungen herrschen, durch die die ständig schrumpfenden natürlichen Lebensquellen dieses großen Kontinents bis zum Untergang der ganzen Nation erschöpft werden, oder aber es setzen sich neue Vorstellungen über die Verantwortlichkeit des Eigentums durch, auf daß diese Quellen derart benutzt, behandelt und beschützt werden, daß sie den Interessen der Gesamtnation dienen.

Der amerikanische Weg ist, daß sich von Universitäten und Hochschulen aus durch die ganze öffentliche Meinung eine Einsicht in die Vorgänge verbreitet und daß diese Einsicht zu einer aktiven, freiwilligen Zusammenarbeit zwischen Volk und Regierung führt; aber wird dies Erwachen noch rechtzeitig stattfinden?

Eine Demokratie vermag mit ihrer ganzen Macht aufzustehen und sich selber zu organisieren, um alle Kräfte zum erfolgreichen Durchfechten eines Krieges einzusetzen. Doch das ist nur möglich, wenn das ganze Volk den Sinn des Einsatzes erkennt. Der Kampf um die Erhaltung der Lebensgrundlagen, in den Amerika verstrickt ist, ist vielleicht nicht so unmittelbar drängend, jedoch gleich kritisch wie die Gefahren irgendeines Krieges.

Eine gleiche Prüfung hatte bisher noch keine Demokratie zu bestehen. Sieht Amerika weiterhin untätig zu, wie die Elemente, auf denen sein Leben und seine Stärke beruht, aufgezehrt werden, dann wird ihm kein irgendwie geartetes politisches und soziales Glaubensbekenntnis etwas nützen. 

Die demokratische Überzeugung wird dann nicht mehr zählen, denn die Theorie der Demokratie setzt voraus, daß Bedingungen herrschen, die jedem ein vernünftiges Maß von Wohlbefinden sichern. Not war von jeher ein Nährboden, auf dem Ideale und höhere Strebungen nur schlecht gedeihen.

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