Teil 2

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10. Die Neue Welt — Nicht mehr "neu".

 

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Es gab eine Zeit — gerade gestern im Strom der Ereignisse —, da konnte man die westliche Hemisphäre mit Recht noch «die Neue Welt» nennen. Sie ist nicht mehr «neu». Eher das Gegenteil. In vielen Gegenden der beiden nördlichen und südlichen Kontinente, deren Naturreichtum einst grenzenlos erschien, gibt es heute weite Flächen, die bereits tot sind: große, leere, vom Menschen erschaffene Wüsten. Millionen von Menschen stehen vor der letzten kritischen Frage menschlichen Daseins — vor der Frage, aus der Erde noch ein Minimum von Unterhalts­möglichkeiten zu gewinnen.

Wir würden uns sehr erleichtert fühlen, träfen wir bei unserer Durchmusterung der Bodenverhältnisse in der Welt in Zentral- oder Südamerika auf eine günstige Situation. Man klammert sich an den Gedanken, irgendwo müsse es doch noch einen Kontinent geben, in dem das Verhältnis zwischen Mensch und Natur nicht aus dem Gleichgewicht geraten sei. Leider wird es offenbar, daß der wachsende Bevölkerungsdruck im Verein mit der Einsichtslosigkeit in die letzten Wirkungen schlechter Bodenbenutzung in der südlichen Hälfte der Neuen Welt vielerorts zu Zuständen geführt haben, die in ihrer Bedenklichkeit ohne Parallele sind.

Erst in allerletzter Zeit ist man in Lateinamerika erwacht und zur Einsicht in die wachsende Gefahr gekommen, die in der Verwüstung der natürlichen Lebens­grundlagen liegt. Die erste umfassende Bewegung, diese Dinge anzugehen, wurde erst vor fünf Jahren von der Panamerikanischen Union eingeleitet, einer internationalen Organisation der einundzwanzig amerikanischen Republiken, die sich zusammenschlossen, um konstruktive Zusammenarbeit zu fördern. Eine gewaltige Arbeitsleistung wurde seither bewältigt, und in einigen Ländern sind die Untersuchungen abgeschlossen. Obgleich noch keine Berichte über alle Länder Lateinamerikas vorliegen, so sprechen doch gute Gründe dafür, daß die alarmierenden Berichte über die Vernichtung des Bodenreichtums, die aus den von den Untersuchungen erfaßten Ländern stammen, bezeichnend, wenn nicht geradezu typisch für das sind, was sich im ganzen Kontinent abspielt.

Nach zwei Jahren Feldarbeit sah sich der Chefspezialist, dem von der Panamerikanischen Union die Leitung der Untersuchung übertragen war, veranlaßt, Südamerika als einen «verschwindenden Kontinent» zu bezeichnen.

Kommende Ereignisse werfen oft ihre Schatten voraus, und häufig sind vergangene Ereignisse Vorboten der künftigen. Wir sahen oben, wie in längst vergangenen Zeiten an verschiedenen Orten der Erde Kulturzentren entstanden, um wieder zu verschwinden, nachdem die glänzende Zeit ihrer Macht und Herrlichkeit vorüber war. Im Licht der heutigen Kenntnisse wird es deutlicher und deutlicher, daß eine der Ursachen für den Zerfall wohl jedes Mal die Zerstörung war, die der Mensch in seiner lebenden Umwelt anrichtete. Auch in der Neuen Welt, auf der westlichen Hemisphäre gab es einst ein Zentrum hoher menschlicher Kultur, reich geschmückt mit herrlichen Bauwerken, das der Vergeltung der Natur nicht zu entgehen vermochte. Heute legen im Petén-Distrikt in Guatemala die Ruinenstädte des Mayareiches, das seit dem vierten Jahrhundert nach Christus für fast sechshundert Jahre blühte, stummes Zeugnis dafür ab, daß es dort einst große und blühende Bevölkerungs­zentren gab.

Im Laufe der Zeit wurden die verschiedensten Theorien darüber entwickelt, warum diese so beachtliche Kultur vom Erdboden verschwunden ist: Erdbeben, heftige klimatische Umwälzungen, wiederholte Seuchenzüge von Krankheiten wie Malaria oder gelbem Fieber, Eroberung durch Fremde und Bürgerkriege, intellektuelle und ästhetische Degeneration und endlich, die Unfähigkeit des Ackerbausystems der Maya, einer ständig wachsenden Bevölkerung zu genügen. Die lange Reihe der wissen­schaftlichen Untersuchungen, an sich schon ein sehr interessanter Gegenstand, scheint die Theorie zu stützen, daß das alte Mayareich zugrunde ging, weil seine Bevölkerung fehlerhafte Methoden des Ackerbaus benutzte und ihre Gebiete der Wälder entblößte. Heute steht wieder ein neuer Urwald auf schweigender Wacht; die Städte und ihre Einwohner sind nicht mehr.

Tausend Jahre sind vergangen. 

Im Licht der Ereignisse, die sich heute in Mittel- und Südamerika abspielen, nimmt die Maya-Episode die Gestalt eines Vorläufers an, einer ungehörten Warnung. Gerade im Norden von Mexiko wird die gleiche Geschichte mit geringen Variationen genau wiederholt.

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Die Ergebnisse der neuerlichen Untersuchungen, die die Conservation Section der Panamerikanischen Union in diesem Lande vornahmen, sind recht beunruhigend und deuten auf eine zunehmend ernster werdende Situation, gegen die bisher keinerlei adäquate Korrektur in Angriff genommen wurde. Die Untersuchungen wurden hier besonders eingehend durchgeführt, weil man erkannt hat, daß die geographischen und kulturellen Bedingungen in Mexiko denen vieler lateinamerikanischer Staaten ähnlich seien, und daß daher die Ergebnisse auch für andere Länder der südlichen Halbkugel von Bedeutung sein würden. Viele von den Zuständen, die durch die Studien in Mexiko aufgedeckt wurden, sind kennzeichnend für diejenigen, die in den meisten Ländern südlich des Rio Grande herrschen.

Mexiko ist ein zumeist gebirgiges Land und daher heftiger Erosion besonders ausgesetzt. Man hat geschätzt, daß weniger als ein Drittel der Landfläche eben, oder wenigstens annähernd eben ist, so daß nur ein kleiner Teil des Landes ungefährdet zum Ackerbau benutzt werden kann, ohne daß man ungewöhnliche Vorsichtsmaßregeln anwendet, die bisher nicht verwendet werden. Wegen dieser Knappheit an ackerfähigem Boden hat die Bevölkerung Mexikos den Getreidebau auf zunehmend steile Hänge ausgedehnt und damit schwere und ausgedehnte Erosionsschäden heraufbeschworen. 

Große Teile des Landes waren einst reich bewaldet, doch heute zeigt sich in Mexiko ein wachsender Waldmangel mit den üblichen Folgen der Entwaldung: zerstörerische Hochwässer, Versiegen der Quellen, Versagen der regelmäßigen Wasserversorgung. In den letzten fünfzehn Jahren hat sich die Bevölkerung von Mexiko um fast ein Drittel vergrößert und beläuft sich heute auf über 22.000.000. Der wachsende Bevölkerungs­druck zusammen mit der weitergreifenden Beschädigung von Kulturland durch Erosion zwingt die Einwohner, Land zum Getreidebau zu benutzen, das dafür vollkommen ungeeignet ist, und gleichwohl muß sich das Land für viele der Haupt­nahrungs­mittel ganz auf die Einfuhr verlassen. Man darf nicht vergessen, daß Landhunger auch die Haupttriebkraft der Revolution in Mexiko war.

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Die Industrialisierung des Landes hängt so sehr von den Wasserkräften ab, daß man behaupten kann, die leichtfertige Entwaldung, die heute stattfindet, nage an den Wurzeln von Mexikos Industrialisations­programm. Einer der Gründe für die Zerstörung der Wälder ist hier, wie in anderen Ländern Mittel- und Südamerikas, der Mangel an Kohle. Daher wird viel Holz zur Erzeugung von Holzkohle geschlagen, die allgemein zu Heiz- und Kochzwecken benutzt wird.

Vor Jahren wurden mehr als vierzig National-Parks errichtet. Heute ist der Holzfäller und Viehtreiber auch in deren Gebiet eingedrungen. Zur Zeit der Untersuchung, von der wir gerade berichten, lebte in meilenweiten Gebieten einiger dieser National-Parks nicht ein einziger Waldhüter, so daß keinerlei wirksamer Schutz bestand.

Auch hier treffen wir eine vollkommene Unkenntnis der Rolle, die das Tierleben aller Art in der Lebensgesamtheit der Natur zu spielen hat. Nicht nur die größeren Wildformen sind beinahe ausgerottet, auch jagdbare Vögel und kleine Säugetiere werden «für den Suppentopf» geschossen. Man kann beobachten, daß gewöhnliche Vögel, wie Schneefinken, Häher, Rotkehlchen und Blaukehlchen, in der Nähe bewohnter Plätze sehr selten geworden sind; diejenigen, die man noch trifft, sind, weil häufig Jagd auf sie gemacht wird, derartig scheu, daß es meist unmöglich ist, nahe an sie heran zu kommen, während man sich den gleichen Vögeln in den Vereinigten Staaten, wo sie sorgsam gehegt werden, ohne weiteres nähern kann. Die Kosten, die aus der Ausrottung der insekten­fressenden Vögel erwachsen, sind ein weiterer Verlustposten in der Wirtschaft des Landes.

Ein bedeutender italienischer Botaniker, der den Süden Mexikos vorzüglich kennt, hat kategorisch erklärt, der Staat Oaxaca werde in fünfzig Jahren eine Wüste sein. Der Leiter der Conservation Section der Panamerikanischen Union sagt, man müsse keinerlei prophetische Gaben besitzen, um zu erkennen, daß fast ganz Mexiko (wenn man zuließe, daß die Dinge wie bisher weitergingen) innerhalb eines Jahrhunderts derartig erodiert sein werde, daß das Land bestenfalls seine Bewohner auf dem allertiefsten Existenzniveau erhalten könne. Könnte man die Geschwindigkeit der heutigen Raubwirtschaft exakt messen, und sollte sie weiter gleich bleiben, so würde sich diese Vorhersage wahrscheinlich als zu vorsichtig erweisen.

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Auf alle Fälle deutet die heutige Lage auf den sicheren Zusammenbruch der ganzen Wirtschafts­struktur hin und erweist, wenn auch nur die wenigsten das erkennen, daß Mexiko in einem verzweifelten Kampf ums Überleben verstrickt ist.

Die ganze Art der Landbenutzung folgt noch heute den Stichworten der alten Bevölkerung – «Schlage kahl, verbrenne, pflanze, zerstöre, zieh weiter». Das ist eine Methode, die man Milpa nennt, und die nicht nur in Mexiko, sondern in den meisten Ländern Lateinamerikas, ja, im Grunde überall in der Welt, gebräuchlich ist. Solch eine Methode ist noch angängig, wo wenige Menschen über weite Räume verfügen, so daß sie sich Von einem Ort zum andern bewegen können und es der Natur und der Zeit überlassen, die Wunden zu heilen, die sie dem Land schlugen. Doch bei dem Druck der so erschreckend angewachsenen Bevölkerung, dem Wachstum der Groß- und Kleinstädte, dem Verschwinden neuen, jungfräulichen Bodens müssen die endgültigen Wirkungen solch eines Systems tödlich sein.

Neuere ähnliche Untersuchungen in Guatemala, Salvador, Venezuela und Chile ergeben, daß dort der Trend in den meisten Beziehungen dem in Mexiko parallel läuft. In all diesen Ländern führt die Verhinderung von ungeeigneter Nutzung des Bodens zusammen mit der wachsenden Bevölkerung zu einer rapiden Verschlechterung der natürlichen Lebensquellen.

Eine Situation, die für viele ähnliche typisch ist, wurde durch die jüngsten Untersuchungen in Chile ans Licht gebracht, die ergaben, daß das breite Tal des Bio-Bio-River-Systems, einst eine weite, fruchtbare Gegend, heute für den Ackerbau tatsächlich unbrauchbar ist. Dieser unglückselige Verlust entstand durch heftige Erosion, die einsetzte, nachdem man die umgebenden Berge ihrer Walddecke beraubt hatte. Der Großteil des Humus dieser einst fruchtbaren Täler wurde ins Meer gespült und liegt heute als weites Schlammfeld im Pazifischen Ozean, wo er nun wieder dem maritimen Leben schwer geschadet hat, vor allem den Muschel­bänken längs der Küste. Man muß sich die Bedingungen, wie sie etwa in Chile herrschen, klar vor Augen halten, wo nicht nur die Rodung des Landes mittels Niederbrennen der Wälder noch eine allgemeine Gewohnheit der Siedler ist, sondern auch die Regierung noch nicht den ersten Schritt getan hat, ein Korps von Feuerwächtern anzustellen oder sonstige waldschützende Maßnahmen zu treffen. 

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Mit anderen Worten: zur gleichen Zeit, in der die Regierung jedes Jahr große Summen für Heer und Flotte ausgibt, um das Land vor Angriffen von außen zu schützen, läßt man zu, daß ein Besitz, der fürs Überleben der Nation unumgänglich ist, von innen her gemordet und dezimiert wird.

In Argentinien wurden weite Grasflächen zum Anbau von Weizen und Korn umgebrochen, ähnlich wie im Mittelwesten der Vereinigten Staaten. Man traf keinerlei Vorkehrung, die Humusschicht durch eine Pflanzen­bedeckung zu sichern, und seine Fruchtbarkeit durch Fruchtwechsel und andere Maßnahmen aufrecht zu erhalten. Die große Viehindustrie führte gleichzeitig zur Überbenutzung der Weiden; und so entstand eine Situation, die in vieler Hinsicht den Dust-Bowl- (Sandhaufen-) Gebieten der westlichen Staaten der USA gleicht.

Schaut man auf Südamerika insgesamt und versucht, die hervorstechenden physischen und klimatischen Eigentümlichkeiten festzulegen, so wird es einem klar, daß der weitaus größte Teil des Landes für den Anbau ungeeignet ist, solange nicht fortschrittliche Methoden des Ackerbaus – wie Terrassenbildung, Pflügen nach Höhenlinien, Bestellung in kleinen Streifen – allgemein angenommen sind. Über diese Methoden läßt sich heute nur sagen, daß man sie vollkommen vermißt. Der Kontinent enthält nur kleine Gebiete, die einen Anbauwert besitzen, der sich mit den weiten Flächen natürlich fruchtbaren Landes in den Vereinigten Staaten und Kanada, in Westeuropa oder in Rußland vergleichen läßt. 

Land mit einer Steigung unter 8 Prozent – anders gesagt, Land, das von sich aus leicht und sicher eine Bebauung zuläßt – ist äußerst selten, außer in den Pampas Argentiniens, in Teilen Patagoniens und im Amazonasbecken. Ein Blick auf die Niederschlagskarte offenbart andererseits die ungünstige Tatsache, daß viele dieser ebenen Gebiete dank der starken Klimavariationen entweder zu viel oder zu wenig Niederschlag aufweisen. Das niederschlagsarme Gebiet, in dem die charakteristischen großen Wüsten Perus liegen, erstreckt sich durch die Hochländer Boliviens nach Südargentinien hin. Im krassen Gegensatz dazu empfängt das im Nordosten Brasiliens liegende Amazonasbecken, das sich südlich des Äquators hinzieht, wolkenbruchartige Tropenregen.

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Fast das ganze Gebiet ist mit dichtem, tropischem Urwald bedeckt. Entfernt man das schützende Laubdach der Bäume, so werden durch die Gewalt der tropischen Regengüsse schnell die lebensspendenden Mineralelemente aus dem Boden ausgelaugt. Zudem ist der größte Teil des Gebiets durch die extrem hohen Temperaturen sehr benachteiligt.

Wegen dieser durchgängigen klimatischen und physischen Bedingungen ist die Masse der mittel- und südamerikanischen Bewohner entweder genötigt, sich auf den recht begrenzten, natürlich fruchtbaren Gebieten zu konzentrieren und sie so übermäßig auszunutzen, oder sich auszubreiten und steil abschüssiges Gelände zu bebauen, was unweigerlich zu Entwaldung und später zu Erosion führt. Was im Peténdistrikt geschah, droht allem Land vom Rio Grande bis zum Kap Horn. Die Geschichte des Mayareichs wird sich vielleicht als mikrokosmischer Vorbote dessen erweisen, was sich heute in kontinentalem Maßstab abspielt.

 

*

 

Und jetzt kommen wir zu den Vereinigten Staaten, dem Land der großen Illusion, dem Lande, «das die Welt zu ernähren vermag». Was geschah dort in der stürmischen, unvorstellbaren Zeit der Entwicklung, und was geschieht dort heute?

Das Kapitel, wie diese Nation in den letzten Jahrhunderten Wälder und Weiden, Tierleben und Wasserkräfte nutzte, ist eins der fürchterlichsten und destruktivsten, das in der langen Geschichte der Kultur jemals geschrieben wurde. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Ereignisse abspielten, ist ohne Parallele, und wir stehen ihnen noch so nahe, daß es beinahe unmöglich ist, sich klar zu werden, was vorging, und was noch wichtiger wäre, was heute noch vorgeht. Es ist wahrlich die Geschichte gedankenloser, ungezügelter menschlicher Energie. Ohne Zweifel, hier finden wir Grund für unsere neuartige, oben erwähnte Vorstellung vom Menschen als einer geologischen Kraft.

Wir wollen etwas zurückgehen, um zu versuchen, so wenigstens einen gewissen Überblick zu bekommen. Die Neuankömmlinge betraten ein von der Natur einzigartig gesegnetes Land – mit verschiedenen, aber durchweg günstigen klimatischen Bedingungen –, dessen Boden geradezu unbegrenzte Reichtümer zu bergen schien. 

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Eine unglaubliche Energie kennzeichnet die Anstrengungen einer jungen Nation, Heimstätten für freiheits­liebende Menschen aus der weiten Wildnis der Wälder, die sich endlos bis zu den Grasgebieten des Mittelwestens hin erstreckten, herauszuhauen. Unvermeidlicherweise wurden die raschesten Methoden angewendet, um das Land urbar zu machen, nicht die wünschenswertesten. Große Waldgebiete wurden mit Feuer oder Axt freigelegt, ohne daß man sich über die Beziehungen zwischen Wald und Wasser oder gar dem Boden selber viel Gedanken machte. 

Wegen des raschen Nachströmens neuer Siedler herrschte ein ständig wachsendes Bedürfnis nach Kulturland. Um 1830 war fast alles bessere Land östlich des Mississippi besetzt. In diesem Jahre lebten gegen 13.000.000 Menschen in diesem Gebiet oder weniger als ein Zehntel der heutigen Bevölkerung. Inzwischen wurde das seit langem besetzte Land im Süden, ein Teil der ursprünglichen Kolonie, in weiterem und weiterem Umfang zur Erzeugung von Baumwolle benutzt, die gewinnreich zu den Webstühlen Englands ausgeführt werden konnte, oder zum Anbau von Tabak, für den sich ein wachsender Markt entwickelte. Das sind Gewächse, die auf «sauberem Boden» gezogen werden, das heißt, bis auf die angepflanzten Stauden bleibt der Boden nackt, und bei dieser Art der Benutzung ist der Humus ganz besonders der Erosion ausgesetzt. Heute ist ein großer Teil (etwa ein Drittel bis ein Zweitel) des ursprünglich für den Baumwoll- und Tabakbau produktiv benutzten Landes Ödland geworden und mußte aufgegeben werden. Es ist bei den Bewohnern der Südstaaten üblich geworden, ihre Verarmung dem Bürgerkrieg und seinen Folgen zuzuschreiben. Doch der Niedergang hat ganz andere Gründe.

Wir brauchen die Geschichte des großen Zugs der Siedler nach Westen über die großen Grasebenen jenseits des Mississippi und zu den großen waldbedeckten Abhängen am Ufer des Pazific nicht wieder zu erzählen; jedermann kennt sie. Es ist aber bezeichnend, daß diese Bewegung, dramatisch wie nur ein Ereignis in der menschlichen Geschichte, durch die Schlagworte symbolisiert wurde: «Das Land bezwingen» und «den Kontinent erobern». 

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Es war eine positive Leistung, wenn man die menschliche Energie und Tapferkeit betrachtet. Es war eine zerstörerische Eroberung und ist es noch heute, wenn man an den menschlichen Unverstand denkt, der die Natur als Feind und nicht als Verbündeten betrachtet.

Übrigens, man vergegenwärtigt sich zumeist nicht, daß die Prärien, das Land des hohen Grases, und die Ebenen, das Land des niederen Grases, nahezu 40 Prozent der Bodenfläche der Vereinigten Staaten einnahmen. Hier sind heute die ausgedehntesten Produktions­gebiete der Welt für Korn und Getreide – und ebenso die größten Weiden für Rinder und andere Zuchttiere. Hier wurden unermeßliche natürliche Weideflächen für den Getreidebau unter den Pflug genommen. Damit aber sind auch alle Möglichkeiten für den Prozeß der dauernden, unerbittlichen Bodenverschlechterung gegeben. Eine richtige Behandlung des Bodens kann diese Gefahr bannen, aber sind die Menschen vorbereitet und organisiert, um die Kenntnisse anzuwenden, die wir über eine richtige Benutzung und einen langfristigen Schutz der fruchtbaren Böden besitzen? 

Man muß da an jenen Farmer denken, der sein Land schlecht behandelte, und den man veranlassen wollte, zu einer Versammlung zu gehen, auf der über die Methoden der Bodenerhaltung gesprochen wurde. «Was soll das für einen Sinn haben», sagte er, «wenn ich mir Reden über bessere Farmmethoden anhöre, die guten Methoden, die ich heute schon kenne, wende ich ja auch nicht an.» Die endgültige Bewährungsprobe für die Vereinigten Staaten von Amerika, eine Entscheidung, die uns noch bevorsteht, wird sein, ob die nationale Einstellung der jenes Farmers gleicht, oder ob man die Voraussicht und Intelligenz aufbringen wird, zu handeln, bevor der Zusammenbruch da ist, der täglich drohend näher und näher rückt.

Eine eingehende Beschreibung dessen, was sich Landstrich für Landstrich ereignete, würde Bände füllen. Eine Menge genauer Einzelheiten wurden von verschiedenen Regierungsstellen gesammelt, von privaten Stellen, die an der Landerhaltung interessiert sind, und von einer Handvoll einzelner, deren Empfinden sie veranlaßt, ihre Aufmerksamkeit auf dieses Drama zu lenken, das sich in unserer Mitte abspielt und das nur so wenige gewahr werden.

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Die allgemeinen Tatsachen, die wir im folgenden darlegen wollen, sollen einiges Licht auf das werfen, was mit dem Land seit jenen leuchtenden Tagen, in denen man anfing, «den Kontinent zu erobern», vor sich ging.

Die Bodenfläche der Vereinigten Staaten beträgt etwa acht-hundertundfünfzig Millionen Hektar. Im ursprünglichen oder natürlichen Zustand bedeckte urwüchsiger Wald gegen 40 Prozent, ungefähr ein gleich großer Teil war Gras- oder Weideland, den Rest bildeten natürliche Wüsten und schroffe Gebirge.

Heute ist der urwüchsige oder jungfräuliche Wald derart zusammengeschmolzen, daß er nur noch 7 Prozent der ganzen Bodenfläche deckt. Nimmt man andere Waldgebiete dazu, auf denen der Wald zum zweiten oder sogar dritten Mal nachgewachsen ist, und die sich teilweise in recht mäßiger Verfassung befinden, und zählt man auch noch die verstreuten Baumbestände der einzelnen Farmen hinzu, so findet sich, daß alle Waldungen zusammen wenig über 20 Prozent der ganzen Landfläche einnehmen. Zieht man die Fläche der Städte, der Wüsten oder Einöden und die Gebirgsteile ab, so bleiben etwa 400 Millionen Hektar, die grob in drei Kategorien aufgeteilt werden können: das Farm-Fruchtland, das Farm-Weideland und das Natur­weideland.

Die Zustände in den noch bestehenden Waldungen werden zusehends bedenklicher. Einen gewissen Einblick in die jüngst verflossene und die gegenwärtige Entwicklungsrichtung gewinnt man aus dem letzten Jahresbericht der Forstabteilung des Federal Government, in dem festgestellt wird, daß der Bestand an sägewürdigem Nutzholz im ganzen Land im Jahre 1909 auf 800 Milliarden Festmeter geschätzt wurde, und daß die Schätzung fürs Jahr 1945 nur noch 450 Milliarden Festmeter beträgt; das zeigt also an, daß in 36 Jahren der nationale Holzbestand um annähernd 44 Prozent verringert wurde. Der Bericht betont im folgenden, daß der Verlust an stehendem Nutzholz seit 1909 wesentlich größer sei, als es diese Zahlen erkennen lassen. Viele Baumarten, die 1909 für nutzlos erachtet wurden, werden nun benutzt und sind in den Zahlen für 1945 eingeschlossen. 

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Mit besonderem Nachdruck wird darauf hingewiesen, daß mehr als die Hälfte des gegenwärtigen sägewürdigen Holzes in den Resten des jungfräulichen Waldes steht, und daß 96 Prozent der jungfräulichen Holzbestände in den westlichen Staaten liegen. Gerade die letzte Angabe ist von besonderem Interesse im Licht einer neuen ernsthaften Gefährdung, auf die wir sogleich zu sprechen kommen werden.

Der Abgang, den die Wälder an Brennholz, Papierholz und Holz für andere Fabrikationsprozesse erfahren, zusammen mit den Verlusten, die durch Brände, Wind- und Eisbruch, durch Insektenfraß und Baumkrank­heiten entstehen, wird durch den jährlichen Zuwachs gerade aufgehoben; jedoch die Masse der Holzindustrie hängt vom sägbaren Holzbestand ab. Der jährliche Abgang für diesen Zweck beträgt aus den Wäldern der Nation gegen 2 Milliarden Festmeter, während der jährliche Nachwuchs nur gegen 1 Milliarde beträgt. Mit anderen Worten, der jährliche Verlust überschreitet den Neuwuchs um mehr als 50 Prozent. Man braucht kein großer Mathematiker zu sein, um zu berechnen, daß Amerika nicht länger so fortfahren kann.

Doch gerade im Augenblick wird ein neuer, schwerster Schlag gegen Amerikas Wälder geführt. Es ist ein dreifach gefährlicher Schlag, denn ein Schlag gegen die Waldreserven hat automatisch zur gleichen Zeit eine verderbliche Wirkung auf Wasser­verhältnisse und Boden­ergiebigkeit — er ist letztlich so tödlich, wie nur irgendeine Zeitbombe. Kleine, hoch organisierte Gruppen unternehmen den entschlossenen Versuch, die staatlichen Landbesitzungen im Westen ihrer Bestimmung zu entfremden und diese Gebiete für sich selber auszunutzen. Im Innern dieser Staatsdomänen liegen große Weidestrecken, die die Viehzucht­industrie des Westens tragen halfen. Diese Ländereien stehen den einzelnen Viehhaltern gegen geringe, in Wahrheit rein nominelle Gebühren zur Benutzung offen. Auf ihrem Gebiet liegt aber auch der größte Teil der letzten großen Waldreserven.

Diese Staatsgebiete (public land), an denen jeder Amerikaner Miteigentümer ist, liegen zur Hauptsache in elf westlichen Staaten, nämlich in Arizona, Californien, Colorado, Idaho, Montana, Nevada, New Mexico, Oregon, Utah, Washington und Wyoming.

Diese Staatsallmenden entstammen den ältesten Tagen der amerikanischen Geschichte. Sie wurden gebildet, um eine Frage zu lösen, die die dreizehn «alten Staaten» beunruhigte, als sich die Union bildete.

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Diese kleinen Küstenstaaten bestanden darauf, daß in die Bundesverfassung Bestimmungen aufgenommen würden, die verhindern sollten, daß die landreichen Staaten der Appalachengrenze ihre Gebiete unbeschränkt gegen Westen vorschieben könnten, und dergestalt in der Regierung dominierten. Daher verzichteten damals alle Gründerstaaten auf ihre Einzelansprüche an Land im Westen und übertrugen sie auf die Bundesregierung. Es wurde vorgesehen, daß mit der fortschreitenden Besiedelung des Westens auf diesen riesigen Gebieten neue Staaten mit den gleichen Rechten wie die der ursprünglichen Staaten gebildet werden sollten. Die Verfassung, die man 1787 auf Grund dieser Verständigung errichtete, wurde zum Grundgesetz der Vereinigten Staaten. Durch Verträge mit auswärtigen Mächten hat die Nation seither beträchtliche Gebietserweiterungen erfahren, wie durch den Kauf von Louisiana, den von Florida und die Aufnahme von Texas. Doch das gehört nicht hierher.

In jedem der fünfundvierzig Staaten wurden Stücke von diesen Staatsdomänen herausgeschnitten, jeder einzelne bekam eigenen Bodenbesitz, häufig viele Millionen Hektar, aber jedenfalls wurden bei der Gründung neuer Staaten im Namen der Bundesregierung und zum Nutzen der ganzen Bevölkerung der Nation eben diese Gebiete des öffentlichen Bundes-Besitzes festgehalten. Im neunzehnten Jahrhundert schien es, als sei das Land unbegrenzt, und nur wenige machten sich Gedanken darüber, wie man es benutzte. Trotzdem tauchen schon 1836 im Kongress die ersten Gesetze auf, die gewisse Schutz­bestimmungen für das Land in Regierungsbesitz enthalten.

Der Anteil an Bundesland, das als öffentliche Allmende erhalten blieb, verändert sich von Staat zu Staat; in Iowa sind es unter 40.000 Hektar, in Nevada 85 Prozent des ganzen Gebiets. Diese Ungleichheit der Bundesgebiete im Verhältnis zum Besitz des Einzelstaats und der Privaten dient als eins der Argumente in der gegenwärtigen Kontroverse. Man darf sie aber nicht für einen ernsthaften Beweggrund halten. Der heftige Angriff, der heute von einer kleinen Minoritätsgruppe gegen die Bundes-Ländereien im Westen geführt wird, hat einen einzigen Beweggrund und einen einzigen Zweck — die Ausbeutung dieser Weideflächen und dieser letzten Waldreserven bis auf den letzten Dollar Profit, der aus ihnen herausgepreßt werden kann.

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Dies Profitmotiv haben wir in anderen Ländern am Werk gesehen; treibt man es auf die Spitze, dann führt es unweigerlich stets zum gleichen Endergebnis – zum endgültigen Tod des Landes.

Die elf westlichen Staaten, in denen der größte Teil des Bundesbesitzes liegt, sind unter der Bezeichnung «public land states» bekannt geworden. In praktisch jedem von ihnen ist die Viehzucht oder der Holzschlag die wichtigste Industrie. Die Nutzung des öffentlichen Bodens durch die Viehhalter wurde seit jeher gestattet und Erlaubnis zu kontrolliertem Holzschlag in den National-Wäldern wurde regelmäßig erteilt. Oft waren diese Rechte zu extrem niedrigen Preisen zu erhalten. Die Gebühren jedenfalls, die heute für die Weideerlaubnis erhoben werden, sind in jeder Hinsicht rein nominelle. Vor einigen Jahren wurde die Übernutzung des Weidelandes in den Bundes-Domänen derart alarmierend, daß 1934 eine als Taylor Grazin Act bekannte Gesetzgebung durchging, die den Mißbrauch steuert.

Für eine Weile hatte diese Gesetzgebung günstige Folgen, sucht man aber nach den heilsamen Wirkungen, die dies Gesetz, das «zur Verhinderung der Überweidung und der Bodenverschlechterung» gedacht war, heute ausübt, so könnte es genau so gut niemals erlassen worden sein. Mächtige Minoritätsgruppen von Viehhaltern beherrschen heute seine Durchführung; ihre Vertrauensleute sitzen in den beratenden Behörden, die in allen Viehindustrie-Staaten gebildet wurden. In Wahrheit erfüllen diese Behörden überhaupt keine beratende Funktion mehr, sondern haben im Laufe der Jahre genügend Einfluß gewonnen, um die Regulation maßgeblich zu beeinflussen, und zwar sowohl, was die Zahl der Rinder angeht, die in diesen Gebieten zur Weide zugelassen werden, als auch bei der Festsetzung der Gebühren für das Weiderecht, von denen die Hälfte dem Staat zufällt, in dessen Gebiet das Land liegt (hauptsächlich zu Gunsten der Landwirtschafts-Schulen), während die andere Hälfte der Bundesregierung zufließt.

Die Manöver dieser machtvollen Minoritätsgruppe von Viehzuchtmännern, die mit großem Geschick von ihren Vertretern im Kongreß unterstützt werden, sind von bestimmendem Einfluß auf die Erhaltung der noch verbliebenen Waldreserven in den westlichen Staaten. 

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Nachdem sie den Föderal Grazing Service praktisch beherrschen, versuchen sie nun ähnlichen Einfluß auf den Forest Service zu gewinnen, und von ihrem Standpunkt aus mit guten Gründen. Die Nationalwaldungen in den westlichen Staaten bedecken annähernd 55.000.000 Hektar, in etwa 40.000.000 Hektar weiden heute Rinder oder Schafe. Soweit es dem Forest Service möglich ist, die Zahl der Tiere zu kontrollieren, die in diesen Gebieten zur Weide zugelassen werden, hat er beachtliche Erfolge, doch sind auch heute schon in einzelnen Nationalwaldungen beträchtliche Schädigungen durch zu starke Beweidung festzustellen.

Doch die Herdenbesitzer sind nicht zufrieden und wünschen weitere Vorrechte. Sie haben fast zu leichtes Spiel, die Methoden, ihre Ziele zu erreichen, sind zu einfach. Der Grazing Service wurde vom Kongreß dadurch entmachtet, daß man sein Außen­dienst-Budget auf ein Drittel der Summe beschnitt, die für eine ordnungsmäßige Überwachung der Gebiete nötig gewesen wäre. Es gibt meist mehr als einen Weg, sein Ziel zu erreichen! Für Waldungen ist es wegen der Erosion im Ergebnis gleich verderblich, wenn man in ihnen zu große Herden weidet, wie wenn man sie für die Sägemühle abholzt. 

Übrigens sollte auch kein Amerikaner glauben, gewisse selbstsüchtige Gruppen der Holzschlag-Industrie seien nicht gewillt, in den öffentlichen Wäldern jeden Stamm zu fällen, den man ihnen zu fällen erlaubt. Gewiß, sie werden für das Schlagrecht bezahlen, aber sie können gar nie genug bezahlen, denn die wenigen Wälder, die es noch gibt, sind unbezahlbar! Wenigstens die National-Parks blieben bisher unverletzt, aber einer von ihnen, der Olympic im Staate Washington, ist durch die Gesetzgebung im Kongreß gefährdet, die ein Gebiet von einigen 22.000 Hektar jungfräulichen Waldes zur Ausbeutung freigeben will. Urtümliche Wildnis, ein kostbares Erbstück, soll in die kreischende Sägemühle wandern!

 

Der Angriff, der heute gegen die Bundesallmenden geführt wird, findet seinen Ausdruck in einer Reihe von Gesetzesvorlagen, die in den letzten zwei, drei Jahren dem Kongreß vorgelegt wurden. Sie stellen eine Bedrohung dar, die fürchterlicher ist als irgendeine ähnliche in der ganzen Geschichte der USA.  

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Die Absicht der vorgeschlagenen Gesetze ist in der Hauptsache, die Kontrolle über diese Schätze von der Bundesregierung auf die Einzelstaaten zu übertragen, und dahinter steckt die Gefahr, daß sie später in die Hände einzelner fällt, die sie endgültig liquidieren. Wird einer der Vorschläge zum Gesetz erhoben, dann ist der erste Nagel in den Sarg geschlagen; hat der Angriff im ganzen Erfolg, dann bedeutet das einen nicht wieder gut zu. machenden Schaden für große Regionen, deren natürliche lebendige Reichtümer als Gesundbrunnen für die Wohlfahrt der ganzen Nation dienen. Schatten der Mesta!

Eine Betrachtung der Bodenreichtümer im ganzen Land zeigt, daß es außer den Wäldern, wie schon oben erwähnt, noch gegen 400.000.000 Hektar gibt, die auf die drei Kategorien Farm-Fruchtland, Farm-Weideland und Naturweide der offenen Gebiete entfallen. Von diesen dreien besetzen die Farm-Fruchtländer die weiteste Fläche, ungefähr 190.000.000 Hektar. Was geschah mit dieser Hilfsquelle, und was geht heute mit ihr vor?

 

Der letzte Bericht des Soil Conservation Service (Boden-Erhaltungs-Dienststelle) der Regierung enthält einige Feststellungen, die hierher gehören. Es handelt sich um rein sachliche Feststellungen. Sie deuten auf einen Verlust der Grundlebens­elemente Amerikas hin, der, wenn er mit unverminderter Geschwindigkeit weitergeht, eine nationale Katastrophe heraufbeschwören wird. Schon heute wird jeder Amerikaner auf die eine oder andere Weise von dem betroffen, was da vorgeht. Der Bericht stellt fest, daß von den oben erwähnten 400 Milliarden Hektar schon beträchtlich mehr als ein Viertel ruiniert oder schwer verarmt, und daß auch der Rest in wechselndem Umfang beschädigt sei. Weiterhin dauert die Beschädigung bei allen Arten des Landes weiter an – bei Fruchtland, bei natürlicher und bei gepflegter Weide.

Hier ein paar weitere Streiflichter aus dem Bericht:

«Der Verlust, den wir durch diese fortdauernde Erosion erleiden, ist bedenklich. Nach sorgfältigen Schätzungen, die sich auf tatsächliche Messungen stützen, beträgt der Humusverlust durch Erosion auf dem Gesamtgebiet der Vereinigten Staaten jährlich 5.400.000.000 Tonnen. Der Verlust des Farmlands allein beträgt 3 Milliarden Tonnen, genug, um einen Güterzug zu füllen, der 18mal um die Erde reicht. Geht der Verlust ungehindert derartig weiter, so wird das Ergebnis für Amerika und die ganze Welt tragisch werden.»

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«Die Folgen sind nicht nur auf die Dauer katastrophal – sie sind bereits heute weitaus zu kostspielig, als daß das Land sie weiter tragen könnte. In einem normalen Erntejahr beispielsweise nimmt die Erosion durch Wind und Wasser 21 mal soviel Pflanzennahrung fort als die Früchte, die auf dem Lande gezogen werden.»

«Der Verlust an Pflanzennahrung ist nicht der einzige, den wir durch die Erosion erleiden. Die Kosten, die den Vereinigten Staaten jährlich durch unkontrollierte Erosion und durch Wasserschäden erwachsen, werden auf 3844 Millionen Dollar veranschlagt. Darin sind enthalten: der Wert des erodierten Humusmaterials und der Pflanzennährmittel, die es enthält, der unmittelbare Verlust, den die Farmer zu tragen haben, und weiter die Schäden, die durch Hochwasser und Erosion an Überlandstraßen, Eisenbahnen, Wasserstraßen und an anderen Einrichtungen und Hilfsmitteln angerichtet werden.»

«Der Verlust, den die Produktionskapazität unserer Farmen erleidet, läßt sich nicht so leicht in Zahlen angeben. Es ist aber offensichtlich, daß Farmland, das durch Erosion einen Teil seiner Humusschicht und seiner Pflanzennährstoffe verloren hat, nicht mehr so ergiebig tragen kann, wie er es tat, bevor er von der Erosion ausgewaschen und verarmt wurde.»

«Darin liegt die Bedeutung des amerikanischen Erosionsproblems für jeden amerikanischen Bürger. In Zukunft werden wir nicht mehr allzuviel gutes Fruchtland besitzen, um unsere wesentlichen Nahrungsmittel- und Faserstoff-Pflanzen darauf wachsen zu lassen. Schützen wir nicht den Boden, den wir noch besitzen, und gewinnen wir das Land nicht zurück, das noch zu Produktions­zwecken zurückgewonnen werden kann, dann muß bald der Augenblick kommen – wie er für viele Gebiete der Erde schon gekommen ist –, in dem das Farmland der Vereinigten Staaten nicht mehr genügend viel erzeugen kann, um uns und unsere Nachkommen zu nähren und zu kleiden.»

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Der Soil Conservation Service besteht erst seit 1935. In diesem Jahre wurde er im Kongreß ins Leben gerufen, und zwar nicht vornehmlich wegen der Einsicht und Strategie der Regierung, sondern vor allem, weil die Bevölkerung des ganzen Landes aufs tiefste über das Aufbäumen der Natur gegen den Menschen erschrocken war, das in der Sandsturm-Katastrophe des 12. Mai des vorhergehenden Jahres allen vor Augen gerückt worden war.

Man wird sich erinnern, daß an diesem Tage von den Rocky Mountains bis zur Atlantischen Küste die Sonne durch riesige Wolken kleinster Erdpartikelchen verdunkelt war, die der Wind aus der großen Ebene aufgewirbelt hatte, die im westlichen Kansas, Texas, Oklahoma und im östlichen New Mexiko und Colorado gelegen ist — einst ein Gebiet fruchtbarsten Weidelands, heute durch Raubbau entblößt, großen Teils bis zur endgültigen Verödung. Bei der Förderung der Wissenschaft richtiger Bodenbenutzung, bei der Hilfe in «Soil Conservation»-Distrikten, die unter gesetzlichem Schutz stehen, und bei der Unterstützung freiwilliger kooperativer Bestrebungen unter den Farmern, hat die Regierungsstelle in den Jahren seit ihrer Errichtung außerordentliche Ergebnisse erzielt. Diese Conservation-Distrikte gibt es heute in allen Staaten, und sie sind das Medium, durch die sich in vielen Farmgegenden bessere Methoden der Bodennutzung verbreitet haben. Aber auch im besten Fall kann man von diesem lebenswichtigen Programm – einem der elementarsten, das das Leben jedes einzelnen im ganzen Land beeinflußt – höchstens sagen, daß es einen guten Anfang genommen habe.

 

In einem Buch, das kurz vor dem Krieg erschien und das sich mit dem Weltproblem der Erosion befaßt, stellen die Verfasser fest, die Vereinigten Staaten seien mehr «erosionsbewußt» als irgendein anderes Land und dort sei die Organisation zur Bannung dieser Gefahr weiter fortgeschritten als bei anderen Nationen. Gegen diese Bemerkung muß man die Feststellungen halten, die wir gerade aus dem Bericht des Regierungsdepartements mitgeteilt haben, das versucht, diesen Kampf zu führen. Nur versucht! Kaum einen Anfang hat man gemacht.

Die Zuwendungen der Bundesregierung an Erhaltungsarbeiten aller Art – für Böden, Wälder, Wasserführung, Meliorations­projekte und so weiter – betragen weniger als 1 Prozent des heutigen jährlichen National-Budgets. Muß man auch die Summen, die die Einzelstaaten zum gleichen Zweck aufwenden, dazu zählen, so bleiben doch alle zusammen­gezählten Regierungsausgaben nur ein Bruchteil dessen, was nötig wäre, um die Grundelemente für die heutige und zukünftige Stärke der Nation zu schützen.

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Es wäre ein schwerer Irrtum, zu glauben, die wachsenden Schwierigkeiten, denen sich die USA gegenüber sehen werden, seien leicht zu beheben. Die Bodenerosion ist nur ein einzelner Faktor in einer Störung kontinentalen Ausmaßes. Sie ist nur das Schlußresultat anderer Zustände physischer wie wirtschaftlicher Natur, ja sogar politischer und sozialer.

 

Vom physischen Standpunkt aus kann der Kampf um die Beherrschung der Bodenerosion nicht als gewonnen angesehen werden, bevor die Amerikaner ihre Wälder derart geschützt haben, daß der jährliche Abgang in ihnen den jährlichen Neuwuchs nicht übersteigt. Einen großen Teil der Aufwendungen, die man heute zur Regulierung der Hochwässer macht, wird man in wenigen Jahren über Verlustkonto abschreiben müssen, wenn nicht die Quellgebiete so geschützt werden, daß dort wieder eine genügende Walddecke besteht und daß man auch in den dort liegenden Weide- und Fruchtlandgebieten, der Erosion Meister wird. Heute haben wir es noch nicht fertig gebracht, die verschiedenen Anstrengungen zu synchronisieren. 

Die Ingenieure, die sich mit Hochwasserkontrolle befassen, schauen nicht stromaufwärts. So sind beispielsweise im Quellgebiet des Rio Grande in New Mexiko Pläne zur Hochwasserkontrolle und zur Flußkorrektion in Ausarbeitung, deren Kosten auf über 100.000.000 Dollar veranschlagt werden, ohne daß man die Notwendigkeit beachtet, zu gleicher Zeit Meliorationspläne für das erodierte, schlamm­erzeugende, mißnutzte Land der Quellgebiete zu entwickeln. Man spricht von dieser Gegend bereits als vom «zum Tod verurteilten Tal, dem Schulbeispiel für den Selbstmord einer Landschaft». Es ist nicht der einzige gefährdete Punkt — es gibt deren nur allzu viele. Ist der Angriff auf die Bundesallmenden im Westen ein erfolgreicher, so wird er weitere gebären.

 

Wie steht es nun um das Tal des größten Stroms Nordamerikas, des Mississippi, dessen Bett so gehoben ist, dessen Wasser so verschlammt, so beladen mit den Auswaschungen produktiven Landes ist, daß zu Zeiten höchsten Wasserstands der Strom hoch über den Straßen von New Orleans dahinfließt? 

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Wie schon so oft in historischen Zeiten wird die Natur in der Kraft ihrer Empörung eines Tages alle Bande sprengen, die ihr der findigste moderne Ingenieur anlegen kann. Man sollte doch endlich begriffen haben, daß man mit den Kräften der Natur nicht derartig umgehen kann. Und wieder finden wir, gleich einem Echo aus längst vergangenen Zeiten – einem Echo aus den verwüsteten Ländern Kleinasiens, aus Palästina, aus Griechenland und Spanien –, unter den ersten Ursachen, die das Tal des Rio Grande in seine jetzigen Schwierigkeiten gebracht haben, den uralten verderbensschwangeren Konflikt zwischen Hirten und Ackerbauern.

Das alte Lied wird heute in etwas anderer Tonart gespielt. Die Züge der Hirten der alten Zeit finden im zwanzigsten Jahrhundert ihr Gegenstück in der Wirkung politischer Machtgruppen, die in den Sälen des Kongresses die Interessen der Viehhalter machtvoll vertreten. Zu ihnen stoßen Vertreter der Holzschlag-Industrie, die Bedingungen zu erreichen streben, durch die der Gewinn ihrer Korporationen gesichert, ja, wenn möglich vergrößert wird. So wie man heute diese Dinge betrachtet, ist an all dem nichts Unmoralisches. Im Augenblick ist das ja der amerikanische Weg, seine Geschäfte zu machen. 

Aber in Zukunft sollte im Licht der bewiesenen Tatsachen, die Benutzung des produktiven Bodens und der nachwachsenden Reichtümer – der Wälder, des Tierlebens und der Wasserschätze – ausschließlich zum Nutzen aller geleitet werden. Das ist auch eine moralische Frage. Nach dem geltenden Strafrecht kann jemand, der Holz von einem Lagerplatz stiehlt, ins Gefängnis gesperrt werden. Seine Tat schädigt ausschließlich den Besitzer des Holzes. Wenn nun aber die Eigentümer von Waldland am Oberlauf der Flüsse zum Nutzen der eigenen Tasche den Hügeln ihre Walddecke fortnehmen, dann ist das Endresultat nicht, daß einem «Eigentümer», sondern daß allen «Eigentümern» – nämlich allen Farmern das Tal herab – das Brot weggenommen wird; denn der Kahlschlag der Waldbedeckung in den oberen Quellgebieten muß unweigerlich die Wasserführung im ganzen Tal flußabwärts schädigen, vielleicht soweit, daß Quellen und Brunnen ganz versiegen. Ungezählte Tausende von Bodenbesitzern sind so in Amerika schon zum Bankrott gebracht worden. Sieht man die Dinge so an, erscheinen dann unsere gegenwärtigen moralischen Sätze noch vernünftig?

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Es ist keine revolutionäre Anschauung, die lebendigen, nachwachsenden Reichtümer seien Eigentum des Volkes, und die Nutzung des Landes müsse daher nach einem umfassenden Plan koordiniert werden. Das Prinzip ist in manchen anderen Demokratien bereits anerkannt. In vielen Ländern Westeuropas zum Beispiel kann ein privater Waldbesitzer unter gar keinen Umständen auch nur einen einzigen Stamm aus seinem Besitztum fällen, wenn solch ein Schlag nicht mit den Prinzipien einer gesunden Forst­wirtschaft übereinstimmt, wie sie die Forstverwaltung der Regierung vorschreibt. Das kommt darauf hinaus, daß Privat­eigentum an Bodenreichtümern des Landes nur insoweit geduldet wird, als die Ausnutzung dieser Reichtümer nach den Interessen des gesamten Volkes ausgerichtet ist.

Die Vereinigten Staaten haben in den letzten Jahrzehnten angefangen, sich in dieser Richtung zu bewegen. Ein erster Schritt, natürliche Reichtümer des Landes in einem einheitlichen Programm zusammenzufassen, fand seinen Ausdruck in der Tennessee Valley Authority, die 1933 nach vielen schwierigen Versuchen vom Kongreß errichtet wurde.

Dies Unternehmen, das ganz dem Sinn des amerikanischen Schlagworts «wenn du etwas tust, dann gleich in größtem Maßstab» entspricht, ist ein Experiment der einheitlichen Planung und Entwicklung eines großen Flußgebiets und seiner Wasser- und Bodenschätze. Es beeinflußt unmittelbar Leben und Vermögen von mehr als 3.000.000 Menschen. Während ihres kurzen Daseins von wenig mehr als zehn Jahren, hat sie sich, vorzüglich verwaltet, nicht allein als soziales Experiment bewährt, sondern auch als Bemühung, die Bedürfnisse des Menschen mit den Naturprozessen harmonisch auszugleichen. Zu all dem haben wir hier noch ein Beispiel, an dem sich viel für die Lösung der Probleme lernen läßt, denen sich das ganze Land gegenübergestellt sieht. Die wechselseitige Verbundenheit aller Elemente des schöpferischen Naturganzen ruft nach der klaren Erkenntnis, daß jedes Programm, durch das die Lage gerettet werden soll, eine höchste, koordinierte, die ganze Nation umfassende Anstrengung verlangt.

Die allerverschiedensten Bedingungen spielen zusammen – soziale, finanzielle, politische genau so wie die rein physikalischen. Heute wartet solch ein Programm noch darauf, formuliert zu werden.

Dies ist die große Frage: Werden die Vereinigten Staaten von Amerika fortfahren, auf dem gleichen, trüben, verderbens­schwangeren Wege weiterzuschreiten bis zum tödlichen Ende, wie es andere mächtige und herrliche Nationen getan haben, oder sind sie weise genug, den einzigen Weg zu wählen, der nicht zu dem Zusammenbruch führt, dem schon so manche andere Völker dieser Erde erlegen sind?

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Fairfield Osborn  1948  Unsere ausgeplünderte Erde  Our Plundered Planet

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