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Schlußfolgerungen

 

 

 

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Der übliche Brauch würde es verlangen, daß jemand, der Betrachtungen wie die hier geäußerten anstellt, zum Schluß eines von zwei Dingen täte — entweder sollte er ein Programm vorschlagen, um die Situation zu retten, oder aber, er sollte seine Hoffnungs­losigkeit eingestehen und resigniert der Meinung Ausdruck geben, wir steuerten dem Ende jeder Kultur zu.

Doch die vorstehenden Seiten wollen nur Ausdruck einer Theorie über die Beziehungen zwischen dem Leben des Menschen und der lebendigen Welt, die uns umgibt, sein. Das Bedürfnis, dies kurze Büchlein zu schreiben, entstammt der Überzeugung, daß wir Menschenwesen gedankenlos vorwärts hasten durch die Tage unglaublicher Errungenschaften, des Ruhms und der Tragik, daß unsere Augen die fernsten Sterne suchen — oder auch nur allzu oft in Haß und Streit auf einander gerichtet sind —, und daß wir über all dem unsere Erde vergessen haben — vergessen insofern, wir sie nicht als den Urquell all unseres Lebens erkannt haben.

Es ist erstaunlich, wie weit man gehen muß, um, selbst unter den bestinformierten Personen, jemanden zu finden, der sich des Vorgangs bewußt ist, daß wir unsere Lebensgrundlagen mehr und mehr zerstören. Und die wenigen, die diese tödliche Tatsache erkennen, bringen sie gemeinhin nicht in Verbindung mit der großen Flut und dem Druck der wachsenden Bevölkerung. Doch das sind Dinge, die nicht getrennt voneinander, sondern zusammen betrachtet werden müssen. Und weiter, wie klein ist die Zahl der Spezialisten, der Menschen mit wundervollen und tiefen Kenntnissen, sei es auf dem Gebiet der Agronomie, der Chemie, der Biologie, der Wirtschaft oder der Politik, die einsehen, daß ihre Spezialkenntnisse nur dann von wirklich größtem Nutzen sein können, wenn man sie mit denen aller übrigen zusammen vereinigt?

Solche Äußerungen mögen den unangenehmen Eindruck erwecken, als stammten sie von einem Menschen, der glaubt, er besitze eine ganz besondere Einsicht, wie die Gesellschaft wirken solle, und wie die Paradoxien des menschlichen Lebens aufzulösen seien.

Doch wenn die vorhergehenden Seiten einen Wert haben, so beruht er sicherlich nicht auf irgendwelchen speziellen Kenntnissen, sondern gerade auf einer Übersicht, die dem Fehlen solcher Spezialkenntnisse ihr Dasein verdankt. Es war daher nur mein Bestreben, den Versuch einer Synthese einiger biologischer und historischer Tatsachen des Menschendaseins zu geben. Mag es also auch der Brauch fordern, daß solch eine Darlegung entweder in einem Programm oder einer Prophezeiung ausläuft, so möchte ich es doch kompetenteren Personen überlassen, ein Programm zu formulieren und mutigeren, sich das Recht zur Prophezeiung zu nehmen.

Wenn ich mich so bemüht habe, mich vor der Versuchung zu bewahren, etwas in Angriff zu nehmen, was wohl die Fähigkeit jedes einzelnen übersteigen dürfte, darf ich doch wohl einige Beobachtungen über die Situation mitteilen, die gemeistert werden muß, soll anders die Kultur überleben. Ich kann keine wirkliche Hoffnung für die Zukunft finden, wenn wir nicht bereit sind, die Vorstellungen anzunehmen, daß der Mensch gleich allen anderen Lebewesen, ein einziger Teil in einem großen einheitlichen Naturganzen ist.  

Es wird Menschen geben, die das leugnen, gerade so wie die Führer und Völker verschwundener Nationen diese Wahrheit in der Vergangenheit nicht erkennen wollten. Heute hat noch fast jede Absicht und Handlung des menschlichen Daseins den Vorrang vor der einen grundlegenden Notwendigkeit, die lebenden Reichtümer und Lebensquellen der Erde zu erhalten. Es herrscht mehr und mehr ein Bewußtsein davon, daß nicht alles zum besten steht, und in vielen Völkern, in denen wenigstens die ersten Schritte zur Bewältigung des Problems unternommen wurden, eine Beunruhigung und eine Erregung.

Doch auch im besten Fall stehen wir erst an einem allerersten Anfang.

In meinem eigenen Land, in den Vereinigten Staaten, bestehen wenigstens wirkliche Gründe zur Hoffnung. Im letzten Jahrzehnt haben wir mehr erreicht als in allen vergangenen Jahren unserer Geschichte. Bundes- und einzelstaatliche Stellen leisten ständig wirksamere Arbeit, und den fähigen und einsichtsreichen Männern, die alles, was in ihrer Macht steht, tun, um Amerika für seine künftigen Kinder zu bewahren, sollte unbegrenzter Kredit gewährt werden.

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Doch unter dem Druck der wachsenden Bevölkerung, der Bedürfnisse der Industrie und der Verantwortung für die Welt haben wir gerade erst begonnen, ein Gleichgewicht zu suchen und den lebenden Besitz des Landes zu schützen.

Daß «Conservation»-Arbeiten erst eine sehr kleine Rolle in der Tätigkeit unserer Bundesregierung bilden, geht schon allein daraus hervor, daß weniger als 1 Prozent des jährlichen Budgets der Nation für solche Zwecke aufgewendet wird. Wenn auch die Einzelstaaten Summen für solche Arbeiten bereitstellen, so bleiben doch die Gesamtzuwendungen aller Regierungen nur ein Bruchteil von dem, was bei der drängenden Not der Lage nötig wäre. Man kann wohl fragen, was soll denn die Regierung da tun? Theoretisch läge in einem Land der freien Wirtschaft die Verantwortung bei der privaten Initiative, aber auf diese kann man nur zählen, wenn ein allgemeines Verständnis für die Lage und die Mittel, sie zu meistern, herrscht. Doch diese Kenntnis fehlt in der städtischen Bevölkerung, und das ist beträchtlich mehr als die Hälfte der Nation.

In der ländlichen Bevölkerung gibt es glücklicherweise ein wachsendes Bewußtsein dafür, daß die Produktivität des Bodens bedroht ist, und die Kenntnisse dessen, was gegen die Gefahr unternommen werden sollte, breiten sich aus. Dieser hoffnungerweckende Zug stammt vornehmlich aus der Bewegung, die erst 1935 von der Regierung durch die Errichtung der sogenannten Conservation-Distrikte ins Leben gerufen wurde. Diese Bewegung gewann wesentliche Bedeutung, so daß jetzt in allen Staaten Gesetze existieren, durch die auf dem Weg selbst verwaltender und kooperativer Distriktplanung, wirksamere Methoden der Bodennutzung in die Praxis eingeführt werden. Doch bisher ist nur ein relativ kleiner Teil unseres produktiven Landes genügend gut organisiert, und weiter richtet sich diese Bewegung vornehmlich nur auf die Erhaltung des fruchtbaren Humus in den Ackerbaudistrikten.

Unsere Wälder werden immer noch in einem Umfang ausgeholzt, der das jährliche Wachstum weit übersteigt, und daher sind die Wasserläufe, das Wildleben und die übrigen damit verkoppelten Elemente des Naturhaushalts noch immer gefährlich beeinflußt. 

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Als ein Beispiel dafür, wie man die Dinge weiter treibt, sind vor kurzem dem Kongreß eine Reihe von Gesetzesvorschlägen vorgelegt worden, die – wenn sie durchgehen – nur den Erfolg haben können, daß das Weideland und die Reserven an jungfräulichen Wäldern, die noch in den Staatsdomänen der westlichen Staaten liegen, irreparabel geschädigt werden. 

In diesen Gebieten liegen die Quellen der großen Flußsysteme des Rio Grande und des Colorado, deren Wasser in weiter Entfernung in Texas und Kalifornien Millionen von Menschen das Leben ermöglichen. Wir rutschen noch immer auf jener Spirale abwärts, die schon viele Nationen in Dunkelheit, ja, in völlige Vergessenheit fallen ließ.

Die Handlungsweise der Regierung beruht naturgemäß, richtig gesehen, letztlich vor allem auf der Betrachtungsweise des Volkes. Daß mehr als 55 Prozent der Bevölkerung der USA in Städten und Großstädten lebt, führt naturgemäß zu einer Entfremdung vom Boden und zur Gleichgültigkeit dafür, wie dessen lebendige Hilfsmittel behandelt werden. Zur Zeit hat daher die Mehrzahl der amerikanischen Bürger von den Problemen, denen sie gegenüberstehen, keine Kenntnis und macht sich über sie keine Gedanken. Infolgedessen sind die erwählten Vertreter dieser Mehrheit genau so gleichgültig.

Dieser große Teil des Volkes der USA, aber auch weite Kreise der Landbevölkerung wissen entweder gar nicht, was vorgeht, oder sie wiegen sich in einem falschen Gefühl der Sicherheit, das aus falschen Berichten über den Zustand ihrer lebens­spendenden Grundquellen seine Nahrung zieht, die von Gruppen ausgegeben werden, die an solchen Besitztümern wie Holzbeständen, Weiden oder Wasserrechten spezielle Interessen haben.

Wahrscheinlich aber stammt das stärkste Schlafmittel, das die öffentliche Meinung einlullt, aus dem Glauben, den wir wohl heute alle unwillkürlich teilen, die Wunder der modernen Technik könnten jedes Rätsel des Lebens bewältigen. Die wunderbare Folge der modernen Erfindungen hat unser Denken und unser Alltagsleben derart beeinflußt, daß es uns schwer fällt, einzusehen, daß alle Genialität des Menschen nicht fähig sein wird, das Grundproblem zu lösen — Unterhalt aus dem Boden zu gewinnen.

Es wird sich als große, fürchterliche Illusion erweisen, daß der Mensch etwas anderes an die Stelle des elementaren Wirkens der Natur setzen könne.

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Man wird sich erinnern, daß an dem dramatischen Tage, als die Staubwolken aus dem fernen Westen im Kapitol zu Washington die Sonne verschwinden ließen und die Städte im Osten verdunkelten, die ganze USA ernsthaft alarmiert war, und daß sie diese Beunruhigung zur Tat werden ließ.

Brauchen wir die Warnung durch eine weitere Naturkatastrophe, damit wir zu weiteren Taten schreiten, oder sind wir nicht jetzt schon imstande, so viele Zeichen der herannahenden Krisis zu erkennen und die geeigneten Schritte zu unternehmen, um ihr zuvorzukommen? Nur eine große, die ganze Nation umfassende Anspannung kann uns für die Zukunft Sicherheit geben. Dies verlangt die völlige Zusammenarbeit von Regierung und Industrie, getragen vom Drängen des Volkes, daß die Arbeit getan werden muß. 

Wie man sie auch ansehen mag, die Aufgabe, die vor uns liegt, ist ungeheuerlich, und vielleicht ist bei ihr der schwierigste Teil der, die öffentliche Meinung insgesamt in Bewegung zu bringen. Dazu wird es der vereinigten Anstrengung aller Gruppen, der Regierung und der Privaten bedürfen, die sich mit der Sache der «Conservation» befassen. Auf lange Sicht sollten in unserem ganzen Erziehungssystem Vorkehrungen getroffen werden, damit die kommende Generation im Bewußtsein der Lage aufwächst, die die Wurzel des Wohlstands der ganzen Nation bildet. 

Es ist unglaublich, daß es bisher, mit wenigen Ausnahmen, nichts derartiges in unseren Schulen und Universitäten gibt wie einen allgemeinen Unterricht über Conservation. Das Studium der Geschichte gewänne an Klarheit, legte man Nachdruck auf die Tatsache, daß Verhältnisse, die der Mensch durch Mißnutzung seiner natürlichen Lebensquellen geschaffen hat, bestimmende Ursachen für die Bewegungen der Völker und für das Ausbrechen von Kriegen waren. Auch der Unterricht in Wirtschaftslehre, Technik, Chemie, Biologie, Soziologie, ja, selbst in Philosophie würde belebt, schlösse man die Betrachtung der Beziehungen des Menschen zur natürlichen physikalischen Welt, in der er lebt, mit ein.

Und zum Schluß: Wann endlich wird in den internationalen Angelegenheiten die Wahrheit ans Licht kommen? Wann wird man offen erkennen, daß eine der Hauptursachen für das aggressive Verhalten einzelner Nationen und für einen großen Teil der gegenwärtigen Spannungen unter den Gruppen von Nationen auf den Druck der verminderten Produktivität des Bodens und der wachsenden Bevölkerung zurückgeführt werden kann?

Jede einzelne Nation in der ganzen Welt ist von einer kommenden Krisis bedroht. Die Zeit für Verallgemein­erung, wie die dritte unserer berühmten vier Freiheiten, ist vorüber. «Freiheit von Not» bleibt eine illusorische Hoffnung, koppelt man mit ihrer Verkündung nicht eine Feststellung, die das gegenwärtige Problem klar ins Licht rückt, auf daß die Menschen in aller Welt sich vereinen, um es in gemeinsamer Arbeit zu bewältigen. 

Die Flut der Bevölkerung der Erde steigt, die Reservoire der Lebensquellen der Erde leeren sich.  

Die Techniker mögen sich bei der Schöpfung neuer Ersatzstoffe für natürliche Hilfsmittel selber übertreffen, neue Gebiete, vor allem solche in den tropischen oder subtropischen Regionen mögen der menschlichen Benutzung erschlossen werden, doch selbst solche Erfindungen oder Entwicklungen dürfen keine Hoffnung erwecken, mit ihnen könne man dem gegenwärtigen fürchterlichen Angriff auf die natürlichen lebens­spendenden Elemente der Erde wieder einrenken. 

Es gibt nur eine Lösung:  

Der Mensch muß erkennen, daß er genötigt ist, mit der Natur zusammen zu arbeiten. Er muß seine Begierden zügeln und die natürlichen, lebendigen Schätze dieser unserer Erde in der Art nutzen und erhalten, die allein eine Gewähr für die Fortdauer unserer Kultur bietet. 

Die endgültige Antwort läßt sich nur finden, indem man die ewigen Naturvorgänge begreift. Die Zeit des kindischen Trotzes ist zu Ende.

 

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E n d e 

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Fairfield Osborn  1948  Unsere ausgeplünderte Erde  Our Plundered Planet

Fairfield Osborn  1948   Our Plundered Planet 

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