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Vorwort 1968 von Georg Picht 

 

 

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Der Versuch, für ein breiteres Publikum in eng gestecktem Rahmen eine Übersicht über die großen Zukunftsaufgaben zu geben, geht auf eine Anregung von Johannes Schlemmer zurück. [Redakteur im Südd. Rundfunk]

Aus eigenem Antrieb hätte ich schwerlich gewagt, mich auf ein so kühnes und in vieler Hinsicht so problematisches Unter­nehmen einzulassen. Die Vorlesungsreihe wurde im Sommer 1968 vom Süddeutschen Rundfunk übertragen. Sie spricht von den zentralen Themen einer Wissenschaft, die es erst in Ansätzen gibt, nämlich der Wissenschaft von der Zukunft. 

Alles, was wir wünschen, hoffen, planen, vollbringen und denken, ist auf Zukunft bezogen und wird in der Zukunft seine Wirkung haben. Leben vollzieht sich als Vorwegnahme von Zukunft. Wir sind deshalb zur Orientierung über unsere Zukunft und zur Antizipation von Zukunft gezwungen. 

Sooft wir uns beim Ausblick in die Zukunft verschätzen und uns dabei von falschen Bildern leiten lassen, dann denken und handeln wir falsch und müssen später dafür büßen.

Ein Denken und Handeln, das sich verantworten läßt, kann deshalb der Verpflichtung nicht ausweichen, sich eine Übersicht über jene Fakten der zukünftigen Weltentwicklung zu verschaffen, die heute schon — in verschiedenen Graden der Wahrscheinlichkeit — berechnet werden können und deshalb schon heute als Realitäten der Politik, der Ökonomie und des gesellschaftlichen Prozesses betrachtet werden müssen. Vor allem muß die Politik von allen Möglichkeiten wissenschaftlicher Prognose Gebrauch machen, über die wir verfügen; versäumt sie das, so ist sie illusionär und dient, wie die Geschichte beweist, der Vorbereitung von Wirtschaftskrisen, Revolutionen und Kriegen. 

Die Vorlesungsreihe wird den Nachweis führen, daß sämtliche Staaten sich durch die Ideologien, die sie beherrschen, in einem Netz von politischen Illusionen verfangen haben. Deshalb treibt unsere Welt in rasender Geschwindigkeit einer schwer abzuschätzenden Katastrophe entgegen.

Es ist von dem die Rede, was alle wissen müßten und was fast niemand weiß.  

Ich bin weit davon entfernt, den Anspruch zu erheben, daß ich selbst dieses unent­behrliche Wissen besitze. Die Wissenschaft der technischen Zivilisation hat sich die Institutionen noch nicht geschaffen, die nötig wären, wenn wir Prognose und Planung, ohne die unsere Welt nicht zu bestehen vermag, auf eine zuverlässige Basis stellen wollten. Deswegen sind wir bisher nicht in der Lage, die riesige Masse von Informationen über die Zukunft, welche die Wissenschaft besitzt, zu übersehen und kritisch auszuwerten; — jenen Universal­wissenschaftler, der einer solchen Aufgabe gewachsen wäre, kann es nicht geben. 

Ich habe dankbar eine große Zahl von Publikationen über diese Probleme zu Rate gezogen. Aber zur kritischen Prüfung der oft höchst widersprüchlichen Auskünfte, die sich dort finden, wäre in jedem Fall ein spezial-wissenschaftlicher Sachverstand erforderlich, der mir nicht zur Verfügung steht und den ich durch Konsultation von sachkundigen Freunden, so hilfreich sie waren, nicht ersetzen konnte.

Bevor man jedoch darangeht, die einzelnen Informationen zu analysieren, zu gruppieren und in partielle Voraussagen zusammenzufassen, ist eine Vorarbeit nötig, zu der auch die Wissenschaft, die ich zu üben versuche, nämlich die Philosophie, gebraucht wird. Informationen sind wertlos, solange man das Koordinaten­system nicht kennt, in das sie gehören. Die wichtigsten Zukunftsprognosen ergeben sich nicht aus der Erkenntnis isolierter Tatbestände, sondern aus der Analyse des Geflechtes von Interdependenzen, von denen jeder dieser Tatbestände abhängig ist. Deshalb kam es mir vor allem darauf an, eine Methode zu entwickeln, nach der wir die tragenden Strukturen der künftigen Welt und ihre Determinanten ermitteln können. 

Diese Strukturen sind nicht statisch, sondern dynamisch. Erst wenn wir von der »Physik« dieser Dynamik und ihrem offenen System etwas verstehen, werden wir in der Lage sein, die uns verfügbaren Informationen über die zukünftige Weltentwicklung auszuwerten. Das ist die Leitfrage dieser Vorlesungs­reihe; die Auswahl der Informationen, die sie enthält, ist nur im Hinblick auf die Klärung dieser »systematischen« Problemstellung zu beurteilen.

Ein solches Unternehmen ist ein Abenteuer, das ich im vollen Bewußtsein meiner unzureichenden Ausrüstung unternommen habe. Es rechtfertigt sich durch die Hoffnung, daß andere, die es besser können, sich durch Zustimmung oder Widerspruch anreizen lassen, das unbekannte und stürmische Meer der Zukunft des Menschen­geschlechtes zu erkunden. 

Den Freunden, die mir geholfen haben, mein zerbrechliches Fahrzeug für einen so gewagten Vorstoß auszustatten, darf ich hier insgesamt meinen Dank aussprechen. Besonderen Dank schulde ich Herrn Dr. Jürgen Heinrichs von der Forschungsstelle der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, der mir die Vorarbeiten zu der von der VDW publizierten Studie über die Welternährungskrise zur Verfügung gestellt hat. 

Sonst habe ich mich vorwiegend auf Literatur gestützt, die allgemein zugänglich ist; einiges habe ich aus eigenen früheren Arbeiten übernommen. Ich verzichte darauf, die Quellen — die ich nicht ohne Kritik benutzt habe — im einzelnen aufzuzählen, weil ich nicht den Anschein erwecken möchte, als hätte ich sie systematisch ausgewertet. Dazu wäre heute ohnehin nur noch ein Institut von beträchtlichem Umfang in der Lage. 

 

 Hinterzarten, den 1. August 1968
Georg Picht

 

 

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