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4  Welternährung, Geburtenkontrolle und Bevölkerungslenkung

 

 

 

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In den drei ersten Vorlesungen habe ich versucht, die Umrisse des Rahmens zu skizzieren, in den wir alle Überlegungen über die Zukunft des Menschen­geschlechtes, alle Prognosen und alle Planungen, alle Zielsetzungen und alle Wünsche einzuordnen haben. 

Die erste Vorlesung sollte zeigen, daß die Menschheit heute gezwungen ist, in bewußter Erkenntnis der möglichen Folgen ihres gegenwärtigen Handelns die Verantwortung für ihre zukünftige Geschichte zu über­nehmen. Sie muß ihre Zukunft selbst produzieren. Das geschieht, wie die zweite Vorlesung ausgeführt hat, durch den planmäßigen Aufbau jener künstlichen Welt, die allein noch fähig ist, der wachsenden Menschheit einen Lebensraum zu gewähren. 

Die künstliche Welt kann, wie die dritte Vorlesung zeigte, nur eingerichtet werden, wenn die Erhaltung des Weltfriedens garantiert ist. Die einzig wirksame Garantie des Weltfriedens wäre eine politische Ordnung, die es den Staaten technisch unmöglich macht, Kriege zu führen.

Aber durch die Verhinderung von Kriegen ist noch nicht der Friede hergestellt. Infolge der wachsenden Verelendung und des Hungers der Welt droht vielmehr eine neue Form von Gewalt: der Weltbürgerkrieg, gegen den die technischen Waffen machtlos sind. 

Die hier ausbrechende Gewalt ist selbst schon durch Gewalt provoziert: durch die offene Gewalt der Polizeistaaten und Militärdiktaturen oder durch die lautlose Gewalt des erzwungenen Elends, der Ausbeutung und der Unterdrückung. Man kann sie deshalb nicht mit Gewalt bekämpfen, man muß ihre Ursachen beseitigen. Die schlimmste dieser Ursachen ist der Hunger. 

Deswegen müssen wir uns in einem nächsten Schritt dem Problem der Welternährung und den damit zusammenhängenden Problemen der Geburten­kontrolle und der Bevölkerungslenkung zuwenden.

 

Zunächst ist es nötig, daß wir uns kurz die wichtigsten Tatsachen vergegenwärtigen. 

Die Zahl der heute lebenden Menschen beträgt etwa 3,5 Milliarden. Die Zuwachsrate, die in den drei Jahrhunderten der Neuzeit von ungefähr 4 pro Tausend im Jahr auf 10 pro Tausend allmählich anstieg, hat sich infolge der Einwirkung der Wissenschaft sprunghaft erhöht und jetzt die Zahl von 20 pro Tausend erreicht. Deshalb werden 1975 fast 4 Milliarden, 1985 etwa 5 Milliarden und im Jahr 2000 nach zurückhaltender Schätzung 6,1 Milliarden, nach anderen Schätzungen über 7 Milliarden Menschen auf der Erde leben. 

Das bedeutet, daß sich die Erdbevölkerung zwischen 1960 und 2000 etwa verdoppeln wird.

Der Zuwachs der Erdbevölkerung verteilt sich nicht gleichmäßig über die Kontinente. In den Entwicklungsländern beträgt die Geburtenrate zwischen 39 und 50 pro Tausend, während sie in den meisten Industrienationen zwischen 17 und 23 pro Tausend liegt. Die Bevölkerung wächst also in den Ländern am schnellsten, die ökonomisch, gesellschaftlich und politisch am wenigsten in der Lage sind, diesen Zuwachs zu bewältigen. Im Jahr 1970 werden in den hochentwickelten Staaten 1,1 Milliarden Menschen, in den weniger entwickelten Staaten 2,5 Milliarden Menschen leben. Im Jahr 2000 hingegen stehen 1,4 Milliarden der hochentwickelten Staaten 4,7 Milliarden in den unterentwickelten Ländern gegenüber. Die volkreichsten Entwicklungs­länder sind China, Indien, Pakistan, Indonesien, Brasilien, Nigeria und Mexiko. In diesen sieben Ländern leben 48% der Erdbevölkerung.

Es ist statistisch nachgewiesen, daß der schnelle Bevölkerungszuwachs nicht auf ein Steigen der Geburtenraten in den Entwicklungsländern zurück­zuführen ist; die Geburtenraten bleiben auf gleicher Höhe oder sie fallen sogar leicht. Die Bevölkerungsvermehrung erklärt sich vielmehr durch den starken Rückgang der Sterberaten, den wir der Medizin und Hygiene verdanken.


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Die sogenannte Bevölkerungsexplosion ist also eine mittelbare Folge der Einwirkung der Wissenschaft. Bei der gemäßigten Schätzung, nach der die Weltbevölkerung im Jahr 2000 auf 6,1 Milliarden Menschen angestiegen sein wird, ist bereits eingerechnet, daß familien-planerische und bevölkerungs­politische Programme ihre Wirkung zeigen. Rechnet man mit einer konstanten Vermehrung, so wären 7,5 Milliarden Menschen für das Jahr 2000 zu erwarten. Man sieht daraus, daß auch eine systematische Geburtenkontrolle den etwa 1980 einsetzenden kumulativen Effekt der Bevölkerungs­vermehrung nur zum Teil eindämmen kann.

Wie wirkt sich diese demographische Entwicklung auf die Ernährung aus? 

Früher hatten die Entwicklungsländer erhebliche Exportüberschüsse an Nahrungsmitteln; darauf beruht die überkommene Vorstellung von der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung zwischen Industrie- und Agrargebieten. In den Jahren von 1920 bis 1960 hat sich aber die Bevölkerung dieser Länder um 830 Millionen Menschen vermehrt, und dieses Wachstum setzt sich rapide fort. Hingegen hat die Erweiterung der Anbauflächen, die in den letzten Jahrzehnten eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion erlaubte, jetzt ihre Grenzen erreicht; zusätzliche Anbauflächen könnten nur mit großem technischen Aufwand erschlossen werden, für den in diesen Ländern die Voraussetzungen fehlen. Deswegen herrscht Hunger. Etwa 20% der Bevölkerung der Entwicklungsländer leiden an Unterernährung, das heißt, sie hungern oder verhungern. Etwa 60% leiden an Mangelernährung. 

In unseren Ländern stehen pro Kopf und Tag 45 g Protein tierischer Herkunft zur Verfügung, in den Entwicklungsländern nur 9,5 g. Von 53% der Weltbevölkerung werden nur 28% der Gesamtmenge an Nahrungsmitteln verbraucht. Das umgekehrte Verhältnis zeigt sich in den industrialisierten Regionen: ein knappes Drittel der Menschheit verfügt über zwei Drittel der anfallenden tierischen Nahrungsmittel. Der qualitative Nahrungsmangel, also der Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen, vor allem aber an Proteinen, hat neben spezifischen Mangelkrankheiten körperliche und geistige Leistungsminderungen verschiedenen Grades zur Folge.


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Die hungernde Mehrheit der Erdbevölkerung ist durch Krankheit und Schwäche daran verhindert, ihre Lage zu verbessern. Bei Kindern hat die unzureichende Eiweißversorgung Entwicklungsstörungen zur Folge, die später nicht mehr ausgeglichen werden können. Von 950 Millionen Kindern auf der Welt sind 600 Millionen schlecht oder unterernährt. Sollen bei steigenden Bevölkerungszahlen Unterernährung und Mangelernährung überwunden werden, so muß die gesamte Nahrungsmittelerzeugung in den unterentwickelten Ländern bis zum Jahr 2000 auf das Vierfache, die Erzeugung tierischer Nahrung sogar auf das Sechsfache gesteigert werden.

Die Unterernährung in den Entwicklungsländern erklärt sich zu einem großen Teil daraus, daß die Agrarerzeugung im Vergleich zu den Leistungen der Landwirtschaft der Industrienationen außerordentlich niedrig ist. 

Das hat eine ganze Reihe von Gründen: 

1.  
Es fehlen industrielle Produktionsstätten für die technischen Hilfsmittel, die man zur Steigerung des Ertrages braucht. Neben Ackergeräten, Maschinen und Traktoren fehlen chemische Hilfsmittel, also Düngemittel, Unkrautvertilger, Mittel zur Schädlingsbekämpfung und zur Bekämpfung von Pflanzenkrankheiten. Besonders schwerwiegend ist der Mangel an Mineraldünger. Aber mit all dem wäre noch nichts geholfen, solange kein Infrastruktursystem aufgebaut ist. Eine moderne Agrarwirtschaft braucht Verkehrswege zur Verteilung der Hilfsmittel und der Erzeugnisse. Sie braucht Vermarktungseinrichtungen und Industrien, die durch moderne Konservierungs- und Verpackungsmethoden eine ökonomische Verwertung der Produktion ermöglichen. Das ist rasch aufgezählt, aber man muß sich klarmachen, was es bedeutet. Die gegenwärtige primitive Subsistenzwirtschaft vermag ökonomisch den Übergang zu moderneren Formen der Landwirtschaft nicht selbständig zu leisten. 


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Die Anstöße zu einer Steigerung der Agrarerzeugung müssen aus den übrigen Wirtschaftsbereichen kommen. Deshalb ist die Industrialisierung der Entwicklungs­länder, so paradox das zunächst klingen mag, die unabdingbare Voraussetzung für eine Steigerung ihrer Agrarproduktion. Eine Industrialisierung ist auch deshalb nötig, weil nur eine einheimische Industrie die Infrastruktur aufbauen kann, die erforderlich ist. Man hört heute vielfach, die Entwicklungshilfe müsse ganz auf Agrarhilfe umgestellt werden. Das Gegenteil ist richtig: die ökonomischen Impulse für eine Modernisierung der Agrarwirtschaft können nur von einem raschen und richtig abgewogenen Ausbau des industriellen Sektors und des Handels in diesen Ländern ausgehen. Wenn man bedenkt, welche Investitionen allein für den Ausbau der Verkehrswege benötigt werden, so bekommt man eine Vorstellung davon, was wirtschaftlich in wenigen Jahrzehnten geleistet werden muß, oder genauer: schon in den vergangenen Jahrzehnten hätte geleistet werden müssen; denn jetzt ist die Katastrophe teilweise bereits eingetreten, und sie kann unvorstellbare Ausmaße annehmen. Zur Verhütung des Schlimmsten sind Maßnahmen erforderlich, deren Durchführung eine Umverteilung des Reichtums der Welt bedeutet.

2.  
Eine weitere unabdingbare Voraussetzung für die Modernisierung der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern ist eine wirtschaftlich vernünftige Landverteilung. Wenn nicht im Lauf von wenigen Jahren in der Mehrzahl der Länder der »dritten Welt« eine radikale Bodenreform durchgeführt wird, sind alle übrigen Versuche, die Welternährungskrise zu überwinden, illusorisch. 

Bedenkt man, auf welche Schwierigkeiten die Bodenreform schon in einem hochentwickelten Land wie der Bundesrepublik Deutschland stößt, bedenkt man ferner, daß der ganze Vietnam-Krieg hätte vermieden werden können, wenn in Südvietnam rechtzeitig eine Bodenreform durchgeführt worden wäre, so läßt sich ermessen, was diese Forderung bedeutet. Sie bedeutet, daß in einem großen Teil der Welt eine revolutionäre Veränderung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Strukturen unvermeidlich ist. 


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Man kann Revolutionen auf dem Wege der Vernunft mit friedlichen Mitteln durchführen. Geschieht das nicht, so werden die hungernden Millionen zum Bürgerkrieg geradezu gezwungen. Es ist — um vorsichtig zu sprechen — eine offene Frage, ob das labile politische und militärische Gleichgewicht unserer gegenwärtigen internationalen Ordnung einen Weltbürgerkrieg überstehen könnte.

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Kulturell ergibt sich aus der agrarischen Rückständigkeit, daß ein großer Teil der Erdbevölkerung noch in den Lebensverhältnissen der jüngeren Steinzeit befangen ist. Etwa 60% der heutigen Bauern arbeiten noch mit dem Grabstock oder mit primitiven Holzpflügen; schon die Einführung von Eisenpflügen und Zugtieren würde die Verhältnisse revolutionieren. Solange diese primitiven Wirtschaftszustände herrschen, werden die Menschen daran gehindert, auch gesellschaftlich, politisch, religiös und überhaupt in der gesamten Verfassung ihres Bewußtseins aus der Steinzeit herauszutreten. 

Die Modernisierung der Landwirtschaft kann aber nur gelingen, wenn diese Bauern in wenigen Jahrzehnten Jahrtausende der Kulturentwicklung überspringen. Sie ist nur möglich, wenn eine moderne Verwaltung eingerichtet wird, und wenn die Menschen dazu angeleitet werden, das Land nach rationalen Methoden zu bestellen und sich an die Wirtschafts- und Rechtsformen des 20. Jahrhunderts zu gewöhnen. Dazu braucht man Armeen von Verwaltungsbeamten und Instrukteuren. Ihre Ausbildung ist eine gigantische Aufgabe, auf die ich in der sechsten Vorlesung noch zurückkommen werde. 

Es genügt nicht, für die heranwachsenden Kinder Millionen von Schulen zu bauen und mit Lehrern zu versorgen; die Modernisierung der Landwirtschaft kann nur gelingen, wenn in den nächsten 20 Jahren auch der Analphabetismus der Erwachsenen überwunden wird; und mit Lesen, Schreiben und Rechnen allein ist es noch nicht getan. 

Wenn nicht einmal ein hochentwickeltes Land wie die Bundesrepublik die für das Bildungswesen erforderlichen Mittel aufzubringen vermag, so läßt sich ungefähr ermessen, welche Probleme sich stellen und in welche ökonomischen Größenordnungen man gelangt, wenn man die Kosten kalkulieren will, die für den Aufbau des Bildungswesens in den Entwicklungsländern erforderlich sind. 


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Die Bildungsinvestitionen sind aber für jede Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion ebenso unentbehrlich wie die Industrialisierung und die Bodenreform. Hier müssen die hochentwickelten Länder nicht nur durch Geld, sondern vor allem durch Hunderttausende von Lehrern helfen. Würden alle Industrienationen auf diesem Feld das gleiche leisten wie Frankreich, so stünde etwa eine halbe Million Lehrer zur Verfügung. Frankreich hat auf diesem Wege erreicht, daß die französisch sprechenden Länder Afrikas vor anderen Ländern mit gleichen Ausgangsbedingungen einen Vorsprung haben.

*

 

Wir haben versucht, uns die Tatsachen vor Augen zu stellen, die man kennen muß, wenn man die Welternährungskrise beurteilen will, um aus ihnen in großen Zügen einige elementare Folgerungen ableiten zu können, die sich mit zwingender Konsequenz ergeben, gleichgültig, wie man sonst die höchst komplexe Problematik beurteilen mag, in die man sich bei jeder detaillierten Diskussion der möglichen Lösungsversuche alsbald verstrickt. 

Wir bewegen uns hier nicht auf dem Feld unbestimmter Vermutungen, sondern in dem Bereich dessen, was unausweichlich ist. Es geht also um jene harten Fakten der Zukunft, von denen ich schon in der letzten Vorlesung sagte, daß eine vernunftgemäße Politik sie bereits heute als Realitäten behandeln muß. An den statistischen Zahlen, die ich zu Anfang nannte, ließe sich nur dann etwas ändern, wenn Hunderte von Millionen Menschen dem Hungertod zum Opfer fallen oder wenn ein Atomkrieg die Erdbevölkerung dezimiert. Katastrophen von einem solchen Ausmaß würden aber eine Erschütterung des internationalen Gefüges zur Folge haben, die auch die hochindustrialisierten Länder so oder so zum Einsturz bringen müßte. Die technische Zivilisation ist auf das Funktionieren der Weltwirtschaft angewiesen; es ist den Industriestaaten nicht möglich, die Schotten dicht zu machen und sich um das Schicksal der hungernden Völker nicht zu kümmern.


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Jedes Erdbeben in der »dritten Welt« überträgt sich sofort auf die überaus empfindlichen Systeme der hochentwickelten Industriegesellschaften. Ihre politische und gesellschaftliche Existenz ist mit dem Geschick der übrigen Welt untrennbar verflochten. Die Welt ist faktisch zu einer Einheit geworden, selbst wenn die Völker und die Regierungen das noch nicht begreifen

Deshalb ist die Solidarität der gesamten Menschheit heute nicht nur eine moralische Forderung, sie ist zu einem technischen Zwang geworden. Die Überwindung der Welthungersnot ist auch für die reichen und prassenden Länder ein Gebot der Selbsterhaltung. Wenn sie diese Aufgabe nicht zu lösen vermögen, werden sie von dem Strudel selbst verschlungen.

Was kann geschehen? Die öffentliche Diskussion dieser Frage wird einstweilen von der Tendenz beherrscht, den gewaltigen Anstrengungen und Opfern, die erforderlich sind, wenn man den Hunger in der Welt überwinden will, dadurch auszuweichen, daß man die Meinung verbreitet, die Welternährungskrise könnte durch eine systematische Geburtenkontrolle bewältigt werden. Bevor wir die Geburtenkontrolle und ihre Möglichkeiten diskutieren, müssen wir uns deshalb klarmachen, was sie erreichen kann und was nicht. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß die Bevölkerungs­vermehrung nicht durch die Steigerung der Geburtenzahlen, sondern durch eine Senkung der Sterblichkeitsrate, vor allem bei Kindern und Säuglingen, verursacht wurde. 

Die Menschen, die ernährt werden müssen, sind zum größten Teil schon geboren, und man wird sie nicht dazu zwingen können, überhaupt auf Kinder zu verzichten. Die Statistiken, von denen ich ausging, setzen voraus, daß es einer zielbewußten und konsequenten Bevölkerungspolitik gelingt, das Anwachsen der Menschheit bis zum Jahr 2000 um 1,5 Milliarden zu reduzieren. Das ist eine optimistische Schätzung, und selbst in diesem Fall wird sich die Erdbevölkerung in diesem Zeitraum nahezu verdoppeln. Durch diese Feststellung wird die Notwendigkeit einer systematischen Geburtenkontrolle nicht eingeschränkt; aber die Probleme rücken in die rechte Proportion. Keine der vorhin aufgezählten Konsequenzen der Welternährungskrise kann durch Geburten­kontrolle verhütet werden.


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Trotzdem besteht kein Zweifel, daß die Familienplanung, also eine durch staatliche Bevölkerungslenkung mit allen moralisch vertretbaren Methoden ermöglichte kollektive Geburtenkontrolle, für die Menschheit zur Existenzbedingung geworden ist. Es ist dem Menschen nicht möglich, sich selbst inmitten der künstlichen Welt, die er aufbaut, in seinem generativen Verhalten als bloßes Naturwesen zu verstehen; er muß die Rationalität, die er der übrigen Natur oktroyiert, auch auf sich selbst anwenden. Es ist heute nicht mehr eine Frage der privaten, religiösen oder weltanschaulichen Entscheidung, ob man Geburtenkontrolle will oder nicht; die Menschheit ist zur Geburtenkontrolle gezwungen, denn die einzige Alternative ist der direkte oder indirekte Massenmord. 

Hingegen sollte weit sorgfältiger, als es in der Regel geschieht, durch individuelle Beratung versucht werden, die Geburtenkontrolle selbst zu kontrollieren und sie in Formen zu vollziehen, die sich verantworten lassen. Gefahrlose Methoden der Geburtenkontrolle gibt es nicht, denn jedes Verfahren hat gesundheitliche oder psychologische Begleiterscheinungen, die zum großen Teil noch zu wenig erforscht sind. Außerdem treten immer auch soziale, demographische und politische Nebeneffekte auf, die man nicht vernachlässigen darf. Gerade weil die Bevölkerungslenkung und die Familienplanung unausweichlich sind, müssen wir alle Gefahren, die damit verbunden sind, sorgfältig analysieren und durchdenken. 

Ein so schwerwiegendes Problem darf nicht mit der Primitivität und Bedenkenlosigkeit behandelt werden, mit der man es heute vielfach noch diskutiert. Jede Geburtenkontrolle und Bevölkerungslenkung ist ein rationaler Eingriff in biologische Zusammenhänge, der die Selektionsbedingungen und damit die biologische Konstitution der zukünftigen Menschheit planmäßig beeinflußt. Sie ist also, so sehr wir uns dagegen sträuben mögen, ein Akt der Züchtung. Wir sollten bei der Züchtung des künftigen Menschen wenigstens den Grad von Sorgfalt und Differenziertheit der Methoden aufbringen, der uns bei der Züchtung von Pflanzen oder Tieren selbstverständlich ist.


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Bei der Geburtenkontrolle geht es um die Frage, mit welchen Methoden die Regierungen der heutigen Welt Hunderte von Millionen Menschen dazu veranlassen können, einen der elementarsten Triebe, nämlich den Trieb sich fortzupflanzen, unter rationale Kontrolle zu nehmen und Grundvorstellungen zu verändern, die durch Religion und Sitte sanktioniert sind. Das ist eine politische und gesellschaftliche Aufgabe von der gleichen Größenordnung wie die Abschaffung des Krieges. Will man bei der Bevölkerungslenkung Fehler vermeiden, so muß man sich die Motive klarmachen, die bisher das generative Verhalten der Mehrzahl der Erdbewohner bestimmt haben. 

Wie unsere politischen Grundvorstellungen, so haben auch die Familienordnungen und die Gewohnheiten, die bisher die Erzeugung von Kindern regulierten, ihre Wurzeln in den agrarischen Verhältnissen, in denen die meisten Menschen faktisch noch leben. In allen primitiven Formen der Agrarwirtschaft wird eine hohe Kinderzahl angestrebt, weil Kinder billige Arbeitskräfte sind und später für die alten Menschen sorgen. Dabei geht es nicht nur um die Erhaltung der Familie; auch die übergreifenden Ordnungen der Sippe, des Clans und des Stammes spielen, wie sich nachweisen läßt, für die Einstellung zur Erzeugung von Kindern eine beträchtliche Rolle. 

Noch heute steht in einem Teil der jungen Staaten jeder Stamm in Konkurrenz mit anderen Stämmen, die ihn mit Ausrottung oder Unterwerfung bedrohen. Er kann sich in diesem Kampf nur durch seine Zahl behaupten; hier wird die hohe Kinderzahl zum Gebot der nackten Selbsterhaltung. Daraus folgt, daß innerhalb des Stammes die Sippe und innerhalb der Sippe die Familie ihr Ansehen, ihre Stellung und ihren Einfluß nur durch die Zahl der Kinder erringen und behaupten kann. Es ist statistisch nachgewiesen, daß in großen Familienverbänden die durchschnittliche Fruchtbarkeit höher ist als in aufgesplitterten Familiensystemen; das erklärt sich aus der Bedeutung der Kinder für das Prestige und die Stellung der Eltern. 


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Auch in den religiösen Vorstellungen spiegeln sich diese Lebensverhältnisse der agrarischen Kulturen. Kinderreichtum gilt als ein Beweis für die Gunst der Götter. Der Wert des Mannes und der Segen der Frau finden in der Zahl der Kinder ihren Ausdruck. Die Kinderlosigkeit wird als ein Zeichen dafür angesehen, daß man im Schatten eines Fluches steht. Diese einfachen Grundvorstellungen werden heute auf den Kampf zwischen den Rassen transponiert. Es gibt eine Gegenpropaganda gegen Familienplanung, die sich des nicht ganz unbegründeten Argumentes bedient, die Geburtenkontrolle sei eine listige Erfindung des weißen Mannes, weil ohne sie die farbigen Völker durch ihre Überzahl die Vorherrschaft gewinnen würden.

Das Problem der Geburtenkontrolle ist also nicht damit gelöst, daß die Wissenschaft perfektionierte Methoden der Empfängnisverhütung anbieten kann. Wenn man die Menschen dazu bringen will, daß sie zu einer Familienplanung bereit sind, so muß man ihre Motivationen verändern, und das setzt, wie nun deutlich geworden ist, eine Veränderung der politischen, der sozialen und der wirtschaftlichen Verhältnisse voraus. Die Familien können auf die Altersfürsorge durch ihre Kinder nur dort verzichten, wo eine funktionierende Sozialversicherung eingerichtet ist. Wenn man die Bauern dazu veranlassen will, sich freiwillig die billige Arbeitskraft der Kinder zu versagen, so muß man ihnen landwirtschaftliche Maschinen liefern und ihnen beibringen, wie man damit umgeht. 

Solange die politische Ordnung in den jungen Staaten nicht in der Lage ist, die Stammeskriege zu verhindern, werden die Stämme weiterhin gezwungen sein, ihre Existenz durch die Erzeugung einer möglichst großen Zahl von Kindern zu sichern. Hat man das erkannt, so verändert sich der Begriff der Bevölkerungs­lenkung. Ein erfolgreiches System der kollektiven Familienplanung setzt genau die gleichen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Maßnahmen voraus, die auch ergriffen werden müssen, wenn man die Rückständigkeit der Agrarwirtschaft in den Entwicklungsländern überwinden will. 

Ernährungspolitik und Bevölkerungspolitik sind keine Alternativen, sondern zwei verschiedene Aspekte des gleichen Prozesses. Eine entschlossene Modernisierung der rückständigen Teile der Welt ist der einzige Weg, der uns offenbleibt. Wenn das aber so ist, dann können Geburtenkontrolle und Ernährungswirtschaft nicht isoliert betrachtet werden; sie hängen zusammen mit dem Problem der Industrialisierung der Welt, und dieses Problem ist, wie wir schon sahen, von den drei anderen Grundfaktoren der künstlichen Welt abhängig: der Weltwasserversorgung, der Weltenergieversorgung und der Überwindung des Weltbildungsdefizits. 

War in der letzten Vorlesung von der negativen Aufgabe einer Weltfriedenspolitik, nämlich von der Verhinderung der Kriege die Rede, so sehen wir jetzt in einem ersten Umriß die positiven Aufgaben einer solchen Politik vor uns aufsteigen. Die Neubegründung einer Friedensordnung in der künstlichen Welt wird diese vier Zentralprobleme zu lösen haben. Daraus ergeben sich die wichtigsten Strukturen der neuen Weltpolitik. Ich werde in der nächsten Vorlesung versuchen müssen, genauer zu bestimmen, welche weltpolitischen Konsequenzen nach unseren bisherigen Ergebnissen unausweichlich sind.

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