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8  Wissenschaft und Technologie 2  

 

  

 

 

 

 

  

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Einer der bedeutendsten Physiker unseres Jahrhunderts, der Nobelpreisträger I. Rabi, langjähriger Berater des Präsidenten der Vereinigten Staaten und Vorsitzender der amerikanischen Atomenergiekommission, sagt, daß die Wissenschaft der Integration bedarf, wenn sie ihrer neuen Funktion in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft gerecht werden soll. 

Tatsächlich vollziehe sich jedoch infolge der wachsenden Spezialisierung eine »Balkanisierung der Wissenschaft«, durch die sich das wissenschaftliche Denken immer weiter von seinem eigentlichen Sinn und Wesensgehalt entferne. Er fordert deshalb einen neuen, humanistischen Typ von wissenschaftlicher Bildung; die Elemente der älteren klassischen Bildung müßten wieder stärker zur Geltung gebracht werden. »Ohne eine solche neue Bildungsform«, so stellt er fest, »sind wir gegen die Gefahren des Kernzeitalters, der Automation und der neu entstandenen Gesellschaftsformen inmitten einer Welt von Unbildung, Krankheit und Armut nur schlecht gewappnet« (<Unsere Welt 1985>, von Jungk* und Mundt, München 1965, S. 27). 

So bestätigt Rabi das Ergebnis, zu dem wir in der letzten Vorlesung gelangt sind; auch er fordert angesichts der großen Weltprobleme, mit denen er sich in seinen Ämtern wie nur wenige Wissenschaftler unserer Zeit auseinandersetzen mußte, einen durchgreifenden Bewußtseinswandel der Wissenschaft selbst.

»Balkanisierte Wissenschaft« ist vernunftlose Wissenschaft. Rabis Forderung, die Wissenschaft müsse zur Integration gelangen, deckt sich also mit jener Frage, die ich als eines der großen Weltprobleme bezeichnet habe: wie kommt die Wissenschaft zur Vernunft?  

 

* (d-2012)
Robert Jungk bei Detopia 

 


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Diese Frage zu formulieren ist leicht; sie zu beantworten scheint unmöglich zu sein. Die modernen Spezialwissenschaften haben einen Komplikationsgrad erreicht, der es selbst qualifizierten Wissenschaftlern nicht mehr erlaubt, das Feld ihrer eigenen Wissenschaft zu überschauen. Noch weniger sind Laien in der Lage, sich über die Inhalte und die möglichen Auswirkungen der Wissenschaft unserer Zeit ein Urteil zu bilden. Es wird immer schwerer, die abstrakten Methoden moderner Forschung in die Sprache des gemeinen Menschenverstandes zu übersetzen.

Der große welthistorische Prozeß, der sich in den Forschungs­instituten und Laboratorien abspielt, ist für Reporter unzugänglich. Die Kluft zwischen dem Bewußtsein der modernen Forschung und dem öffentlichen Bewußtsein läßt sich auf der gegenwärtigen Stufe der Wissenschaft nicht mehr überbrücken. Deswegen entzieht sich das größte Machtpotential der heutigen Welt, das Potential der Wissenschaft, jeder politischen Kontrolle.

Die Wissenschaft ist aber auch der Kontrolle durch die Wissenschaft selbst entzogen. Alle Erfolge der modernen Wissenschaft beruhen auf dem mit letzter Konsequenz auf die Spitze getriebenen Prinzip der Arbeitsteilung. Der riesige Apparat moderner Forschung ist in unzählige Zellen aufgespalten, in denen kleine Gruppen von Eingeweihten, durch ihr Spezialwissen isoliert, ihr esoterisches Handwerk betreiben. Was in der Nachbarzelle geschieht, bekümmert sie nicht, und sie vermögen nicht zu überschauen, wie ihre eigenen Resultate in das unkontrollierte Räderwerk des wissenschaftlichen Betriebes eingreifen. Zwar wird infolge der Verschmelzung von Wissenschaft und Technologie jede Entdeckung kurzfristig in technische Produktion übersetzt; nichts hemmt das ungezügelte Spiel mit der Macht des Gedankens über die Kräfte der Natur; aber die Auswirkungen dieses Tuns werden weder bedacht noch kontrolliert, weil keine Spezialwissenschaft dafür zuständig ist. 

Die folgenreichsten Auswirkungen der modernen Wissenschaft sind nicht die vorausberechneten und geplanten Effekte, sondern die unvorhergesehenen Nebenwirkungen. 


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Das irrationale Produkt dieser Nebenwirkungen ist die Zivilisation, in der wir leben. Die riesigen Weltprobleme, von denen in den ersten Vorlesungen die Rede war, die Bevölkerungsexplosion, der Wassermangel und die Mißwirtschaft in der Energieversorgung, sind ausnahmslos ein Ergebnis der Nebeneffekte. Niemand hat bei der Malariabekämpfung daran gedacht, daß die am Leben erhaltenen Menschen auch ernährt werden müssen. Der vernunftgemäße Aufbau der künstlichen Welt, den wir gefordert haben, weil er zur Existenzbedingung geworden ist, setzt eine systematische Kontrolle der Nebenwirkungen der Wissenschaft voraus. Er fordert also eine bisher unbekannte Form der Wissenschaft, die zu einer solchen Kontrolle in der Lage ist.

Das Problem einer Kontrolle der Nebenwirkungen ist für den Einbau der Wissenschaft in die zukünftige Welt von so fundamentaler Bedeutung, daß ich es durch ein weiteres Beispiel erläutern möchte. Die Pharmakologie hat eine ganze Serie von Mitteln erzeugt, die von der Schmerz- und Schlaftablette bis hin zu den Psychopharmaka die Menschen in einen künstlichen Seelenzustand versetzen. Die Produktion wurde in Gang gebracht und die Gesellschaft der hochindustrialisierten Staaten in eine partiell narkotisierte Gesellschaft verwandelt, bevor man die psychischen und gesellschaftlichen Wirkungen dieser neuen Form von Massenkonsum studiert hatte. 

Der Physiopathologe Zenon Bacq prophezeit als Ergebnis dieser Entwicklung, daß in naher Zukunft der gesunde Mensch in einer von Tabletten und Pülverchen beherrschten Gesellschaft als Abnormität auffallen wird. Er sagt: »Statt eines breiten Spektrums kluger und starker Persönlichkeiten werden wir eine langsam um sich greifende Aushöhlung des Charakters und eine Kastration der Persönlichkeit erleben« (<1985>, Hg. von R. Jungk und H. J. Mundt, München 1965, S. 186). Dies ist nur eines unter vielen Beispielen dafür, daß die Auswirkungen der Wissenschaft die psycho-physische Konstitution des Menschen auf unkontrollierbare Weise affizieren.


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Das Beispiel illustriert aber zugleich unsere Feststellung aus der letzten Vorlesung, daß die Frage nach den Auswirkungen einer Forschung von der Frage nach den verborgenen Motivationen dieser Forschung nicht getrennt werden kann. Die Pharmakologie hat einen außergewöhnlichen Aufschwung genommen, weil riesige Finanzmittel dafür eingesetzt werden. Finanziert und damit zugleich gesteuert wird diese Forschung von der pharmazeutischen Industrie; das Studium der Nebeneffekte wird auf einen sehr bescheidenen Umfang eingeschränkt, weil es dem Interesse der Geldgeber widersprechen würde. Die pharmazeutische Industrie wiederum kann nur deshalb so große Mittel investieren, weil sie mit einem nahezu unbeschränkten Bedarf kalkuliert. 

Das Bedürfnis der Gesellschaft nach Mitteln, die sie in einen künstlichen Seelenzustand versetzen, entsteht aus Mechanismen dieser Gesellschaft selbst, über die in einer späteren Vorlesung noch gesprochen werden soll. Die Wissenschaft käme erst dann zur Vernunft, wenn sie zugleich mit ihren Nebenwirkungen auch die versteckten Triebkräfte studieren würde, von denen ihre Produktion in Gang gehalten wird. Aber dadurch würden vitale Interessen der wissenschaftlichen Kommunität gefährdet. Die Wissenschaft ist also an der Irrationalität ihrer Geldgeber und damit an der Irrationalität ihres Betriebes selbst interessiert. 

Erst wenn man eingesehen hat, daß die Wissenschaft auch durch höchst massive eigene Interessenlagen in ihrer Vernunftlosigkeit erhalten wird, begreift man, wie schwer es ist, auf die Frage: wie kommt die Wissenschaft zur Vernunft? eine Antwort zu finden.

Die Tragweite dieser Feststellung wird erst sichtbar, wenn man sich klarmacht, welche Folgen es hat, daß eine Wissenschaft, die durch das Medium der Technik und der industriellen Produktion die Welt, in der wir leben, beherrscht, sich nicht nur jeder politischen Kontrolle, sondern auch ihrer Selbstkontrolle entzieht. Die wissenschaftliche Forschung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist, wenn man die Gesamtheit ihres Apparates ins Auge faßt, das größte Machtinstrument, das die Menschen je besessen haben. 


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Kleine Gruppen von bescheiden auftretenden und schlecht bezahlten Herren in weißen Kitteln verfügen durch die Macht des Gedankens und durch das Instrumentarium ihrer Methoden über die Kräfte der Natur, über die Mechanismen der Wirtschaft, über die Organisation der Gesellschaft und über die unsichtbaren Schaltstellen, durch deren Schematismus der Gang der Politik tatsächlich beherrscht wird. 

Die Aktionen der Präsidenten, Kanzler und Marschälle erscheinen, verglichen mit der lautlosen Arbeit der Wissenschaftler, als ein bloßer Theaterdonner. 

Es gibt Schreibtische und Laboratorien, die ein größeres Machtpotential repräsentieren als ganze Armeen. Aber dieses ungeheure Machtpotential ist dem blinden Spiel des Zufalls und der unreflektierten Interessen überlassen. Die politischen Institutionen unserer Welt, die Regierungen, die Parlamente, die großen Organisationen und die Wirtschaft, vermögen sich des Machtpotentials der Wissenschaft nicht vernunftgemäß zu bedienen, weil ihnen der wissenschaftliche Sachverstand fehlt, um die Möglichkeiten der Wissenschaft zu überschauen. Die Wissenschaft selbst ist rational, doch ihre Anwendung ist blind und wird von undurchsichtigen Interessen bestimmt.

Aber selbst wenn der politische Wille, der sich des Instrumentes der Wissenschaft bemächtigt, blind ist und nicht zu übersehen vermag, was er tut, setzt er eine ungeheure Entfaltung von Macht und eine außerordentliche Beschleunigung des wissenschaftlichen Fortschritts in Gang. Da die Gestaltung der zukünftigen Welt nur aus der Verbindung von politischen Energien mit wissenschaftlichen Möglichkeiten hervorgehen kann, hängt viel davon ab, daß wir aus den bisherigen Experimenten der politischen Operation mit wissenschaftlicher Macht die richtigen Konsequenzen ziehen. 

Deswegen wollen wir das eindrucksvollste Beispiel, die Konstruktion der Atombombe, kurz betrachten.


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Die kleine Gruppe von Physikern, die während des letzten Krieges durchgesetzt hat, daß unter Einsatz gewaltiger Mittel die erste Atombombe gebaut wurde, war der naheliegenden, aber irrigen Meinung, daß sonst die deutschen Physiker für Adolf Hitler die furchtbare Waffe herstellen würden. Das in der bisherigen Wissenschafts­geschichte beispiellose finanzielle und industrielle Potential, das etwa 60.000 Arbeitskräfte umfaßte, wurde ihnen zur Verfügung gestellt, weil Krieg war, und weil sie auf Grund von falschen Informationen die Politiker zu überzeugen vermochten, daß ihr wissenschaftliches Projekt als integraler Bestandteil der Kriegführung betrachtet werden müßte. 

So wurde erreicht, daß jene politischen Energien, die in der bisherigen Geschichte der Menschheit nur für den Krieg zu mobilisieren waren, als Motor für ein wissenschaftliches Unternehmen dienten. Das Ergebnis hat in wenigen Jahren die Welt verwandelt, aber die Entscheidung über den militärischen Einsatz der ersten Atombomben wurde nicht auf Grund einer rationalen und mit wissenschaftlichen Methoden durchgeführten Analyse der möglichen Konsequenzen getroffen, sondern erfolgte weitgehend irrational nach jenen primitiven Faustregeln der Strategie, die man für den Umgang mit Kanonen und Maschinen­gewehren entwickelt hatte. 

Es ergibt sich also, daß eine irrationale Vorentscheidung in einer von irrationalen Kräften bestimmten Situation zu einer äußersten Konzentration der Rationalität geführt hat, die wiederum irrationale Folgen hatte. Diese Irrationalität ist, wie ich in der dritten Vorlesung zu zeigen versuchte, für die Weiter­entwicklung der nuklearen Waffensysteme bestimmend geblieben. Die Rationalisierung der Politik, die über den Gebrauch oder Mißbrauch dieser furchtbaren Instrumente zu entscheiden hat, bleibt unermeßlich weit hinter der Stufe der Rationalität zurück, die zu ihrer Konstruktion erforderlich war.

 

Auch bei analogen Vorgängen, wie etwa beim Aufbau der Weltraumforschung oder bei der Entwicklung der neuen Kommunikations- und Planungs­techniken, sind außerordentliche wissenschaftliche Leistungen erst dadurch möglich geworden, daß sich ein konzentrierter politischer Wille aus irrationalen Motivationen des wissenschaftlichen Potentials zu bedienen vermochte.

Besonders bemerkenswert ist in allen diesen Fällen, daß auch rein wissenschaftsorganisatorische Probleme, die als unüberwindbar gelten, wie zum Beispiel das Problem der interdisziplinären Zusammenarbeit, wie mit einem Zauberschlag gelöst werden konnten, wo immer der politische Wille stark genug war, um ihre Lösung zu erzwingen.


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Deshalb hat — es ist leider nicht zu leugnen — blinder politischer Wille auch in der Wissenschaftsentwicklung einen qualitativen Sprung zu induzieren vermocht, zu dem die Wissenschaft aus sich selbst heraus nicht fähig war. Wir lernen also aus der bisherigen Erfahrung des politischen Umgangs mit der Wissenschaft, daß einerseits ungeheure Leistungen möglich werden, sobald sich ein politischer Wille formiert, der von dem Machtpotential der Wissenschaft Gebrauch macht, und daß andererseits aus eben diesem Grunde unermeßliche Gefahren heraufbeschworen werden, wenn der politische Wille selbst vernunftlos ist und weder seine Motivationen noch seine Methoden noch seine Zielsetzungen kritisch zu durchleuchten vermag. 

Es gibt in unserer Welt bisher noch keinen Schutz gegen den Mißbrauch der Wissenschaft durch politische Macht. Die Wissenschaft kann sich gegen einen solchen Mißbrauch nicht wehren, denn sie ist in ihrer gegenwärtigen Verfassung desintegriert oder, wie Rabi sagt, »balkanisiert«, und hat bisher noch keine Theorie über ihre eigenen Zielsetzungen entwickelt; sie ermangelt der aufgeklärten Utopie. Solange aber die Wissenschaft selbst nicht weiß, welchen Gebrauch man von ihren Möglichkeiten machen soll, kann den Politikern der Mißbrauch oder die Vernachlässigung des wissenschaftlichen Potentials kaum vorgeworfen werden.

Wir wurden zu diesen Überlegungen genötigt, weil uns die Übersicht über die großen Weltprobleme, die ich in der ersten Hälfte dieser Vorlesungsreihe zu geben versuchte, auf die Frage geführt hat, ob das Bewußtsein der Menschen den Realitäten gewachsen ist, mit denen uns diese Probleme konfrontieren werden. Im eigentlichen Zentrum des Bewußtseins der wissenschaftlichen Zivilisation steht die Wissenschaft selbst. Es ist nicht denkbar, daß ein außer­wissen­schaftliches Bewußtsein die Reflexionsstufe erreicht, die nötig ist, wenn menschliche Vernunft die rationalen Instrumente der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts beherrschen soll. 


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Das Ergebnis, zu dem wir geführt wurden, ist erschreckend genug. Die modernen Spezialwissenschaften sind innerhalb ihres eng beschränkten Horizontes auf eine so hohe Stufe der Rationalität und der methodischen Reflexion gelangt, daß ihre Denkweisen sich nicht mehr in das allgemeine Bewußtsein übersetzen lassen und vom politischen Bewußtsein resorbiert werden können. Gleichzeitig aber ist die Wissenschaft bei der Reflexion auf ihre eigenen Voraussetzungen und Konsequenzen in einer Naivität befangen, die sich über die Bewußtseinsstufe des durchschnittlichen Laienverstandes nicht erhebt. Deshalb sind die rationalen Apparate der Wissenschaft und ihre unermeßlichen Machtpotentiale dem blinden Spiel von irrationalen Gewalten ausgeliefert. 

Die Rationalität der Wissenschaft potenziert die Irrationalität der politischen oder wirtschaftlichen Macht; und irrationale Impulse aus Wirtschaft oder Politik führen zu neuen Steigerungen der wissenschaftlichen Rationalität. Die Struktur der Wissenschaft selbst steht einer Rationalisierung des Umgangs mit der Wissenschaft im Wege, und in den wissenschaftlichen Institutionen sind Interessen investiert, die sich jeder Rationalisierung der wissenschaftlichen Produktion widersetzen müssen. Die Strukturen, die uns hier begegnen, stehen in einer genauen Analogie zu den politischen Strukturen, die wir in der dritten Vorlesung bei der Analyse des Systems der Territorialstaaten angetroffen haben. Auch die politische Organisation der heutigen Welt widersetzt sich jeder Integration. 

Auch politisch ist die Welt »balkanisiert«. 

Auch in der Politik verhindern die vorgegebenen Strukturen und die in ihnen investierten Interessen die Ausbildung eines Bewußtseins, das den Problemen unserer Welt vernunftgemäß zu begegnen wüßte. Im Wechselspiel von Wissenschaft und Politik kommt es nur selten dazu, daß politisches Handeln durch wissenschaftliche Reflexion rationalisiert, oder daß umgekehrt durch politische Vernunft die Wissenschaft zur Reflexion auf ihre eigenen Zielsetzungen veranlaßt würde. Hingegen gibt es eine verborgene Allianz zwischen den irrationalen Interessen beider Partner. In dieser Verfassung unseres Bewußtseins treibt uns die ungeheure Dynamik der durch die Wissenschaft entfesselten Gewalten des Weltprozesses mit rasender Geschwindigkeit jenen Krisen entgegen, die sich auf Grund der Analyse der Weltprobleme heute schon berechnen lassen.


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Die Frage, auf die wir eine Antwort suchen, hieß: Wie kommt die Wissenschaft zur Vernunft? Die Ursachen der Vernunftlosigkeit der Wissenschaft sind uns jetzt deutlicher geworden. Die Wissenschaft ist vernunftlos, weil sie zwar alles macht, was sie machen kann, aber nicht darauf reflektiert, was sie machen soll. Die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts hat sich mit einer solchen Ausschließlichkeit auf die Strukturen und Methoden der hochspezialisierten Forschung festgelegt, daß sie nicht in der Lage ist, auf sich selbst und ihre eigenen Konsequenzen zu reflektieren. Sie ist im strengen Sinne des Wortes nicht verantwortungsfähig. 

Es fehlt eine Wissenschaft in der zweiten Potenz, die den gesamten Komplex der Spezialwissenschaften zum Gegenstand der Forschung machen und ihre möglichen Konsequenzen untersuchen würde. Es fehlt eine wissenschaftliche Theorie von den Weltbezügen der Wissenschaft. Es fehlt auch eine Theorie von den Zielsetzungen der Wissenschaft. 

Wie wäre eine solche Theorie zu entwickeln?  

Die Analyse der großen Weltprobleme hat uns zur Antwort auf diese Fragen den Weg gewiesen. So groß das Machtpotential der heutigen Wissenschaft auch sein mag, es reicht bei weitem noch nicht aus, um unter dem mörderischen Zeitdruck, in den uns die Welthungerkatastrophe versetzt, die riesigen Forschungsprogramme durchzuführen, von denen der Bestand der Menschheit abhängig ist. Werden diese Aufgaben aber nicht gelöst, so zerbrechen auch die politischen und gesellschaftlichen Ordnungen, auf denen die Wissenschaft beruht. Die Wissenschaft wird also um ihrer Selbsterhaltung willen gezwungen sein, sämtliche Kräfte auf die Lösung der großen Weltprobleme zu konzentrieren. Die Forschungs­programme werden durch den Zwang der Not unerbittlich diktiert. 


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Die Wissenschaftler werden nicht mehr lange wie spielende Kinder nach freiem Belieben treiben können, was ihnen Spaß macht. Auch hier erweist sich also der Zwang der Not als der einzige Weg, auf dem sich menschliches Denken, allen Widerständen zum Trotz, zur Vernunft bringen läßt.

Die Forschungsprogramme werden, so sagte ich, der Wissenschaft durch die großen Weltprobleme diktiert. Aber eine präzise Analyse der Frage, welche Forschungsaufgaben in welcher Reihenfolge und in welcher Verkettung gelöst werden müssen, wenn wir der unaufhaltsamen Dynamik der Weltentwicklung nachkommen sollen, ist eine wissenschaftliche Aufgabe, deren Umfang und Schwierigkeit hinter den übrigen großen Problemen der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts um nichts zurücksteht. Die Wissenschaft ist aus den genannten Gründen auf die Lösung eines solchen Problems nicht vorbereitet, ja, sie vermag es noch nicht einmal zu stellen. Gerade deshalb ist eine systematische Erforschung der Lebensbedingungen unserer Zivilisation eine Aufgabe, deren Priorität allen übrigen Prioritäten der Forschung vorangeht.

Was wird die Wissenschaft entdecken, wenn sie diese Aufgabe in Angriff nimmt?  

Sie wird entdecken, daß der Spielraum ihrer theoretischen Möglichkeiten zwar unbegrenzt, daß aber ihre realen Möglichkeiten endlich sind. Auf der einen Seite wird die Expansion der wissenschaftlichen Forschung dadurch eingeschränkt, daß die Ressourcen, die ihr zur Verfügung stehen, bei weitem nicht ausreichen, um die Fülle dessen, was der Wissenschaft heute möglich wäre, zu realisieren. Dazu fehlen ihr nicht nur die finanziellen Mittel, sondern auch die Institute und vor allem die Wissenschaftler. Noch radikaler aber wird der Spielraum der Wissenschaften dadurch begrenzt, daß durch die unvorhergesehenen Auswirkungen der Wissenschaft selbst der gesellschaftliche und politische Unterbau der Wissenschaft des 20. Jahrhunderts unterminiert wird. Die Wissenschaft wird deshalb gezwungen sein, die Herstellung ihrer eigenen Voraussetzungen zum Gegenstand ihrer Forschung zu machen, und das wird Anstrengungen erfordern, die einen sehr rasch wachsenden Prozentsatz der gesamten Kapazität der Wissenschaften in Anspruch nehmen.


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Die Endlichkeit dessen, was inmitten eines unbegrenzten Spielraumes theoretischer Möglichkeiten wirklich realisiert werden kann, ist aber nicht nur ein negativer Tatbestand. Gerade durch die Erkenntnis ihrer Endlichkeit wird nämlich die Wissenschaft zur Vernunft gezwungen. Sie wird zu der Einsicht gezwungen, daß sie nicht länger alles machen kann, was sie machen könnte, sondern daß sie aus allem, was machbar wäre, eine wissenschaftlich begründete Auswahl treffen muß. Sie wird gezwungen, eine wissenschaftliche Theorie der Prioritäten der Forschung zu entwickeln. Sie wird also gezwungen, eine wissenschaftliche Antwort auf die Frage zu finden, was denn von allem, was gemacht werden kann, in welcher Reihenfolge gemacht werden soll. 

So wird die Erkenntnis der Endlichkeit der Realisierungsmöglichkeiten jene Reflexion der Wissenschaft auf sich selbst erzwingen, die dann die Wissenschaft als Ganzes aus dem artifiziellen Paradies ihrer bisherigen Naivität vertreiben und durch die Besinnung auf sich selbst auf eine höhere Bewußtseinsstufe führen wird. Die wissenschaftliche Planung der Wissenschaft: das ist die Zukunftsaufgabe, die bewältigt werden muß, wenn uns die Wissenschaft bei der Lösung der großen Weltprobleme nicht im Stich lassen soll.

Wir haben in der letzten Vorlesung festgestellt, daß es eine zukünftige Geschichte der Menschheit nur geben kann, wenn das Bewußtsein der Wissenschaft den Realitäten gewachsen ist, mit denen uns die Weltentwicklung in den nächsten fünfzig Jahren konfrontieren wird. Da aber die zukünftige Menschheit, wie wir bereits gesehen haben, nur noch in einer künstlichen Welt zu existieren vermag, die von Wissenschaft und Technologie produziert werden muß, ist die Wissenschaft selbst eine der großen Realitäten der zukünftigen Welt, ja, sie ist die beherrschende Realität. Die wissenschaftliche Erkenntnis und die wissenschaftliche Analyse der Realitäten der zukünftigen Welt müssen deshalb mit einer Selbsterkenntnis und einer Selbstanalyse der Wissenschaft beginnen.

Aus einer solchen Reflexion der Wissenschaft auf ihren eigenen Auftrag und ihre eigenen Möglichkeiten entspringt dann jene aufgeklärte Utopie, von der ich schon gesprochen habe. Wir können jetzt den Inhalt dieser Utopie bestimmen: Wenn es die Aufgabe der Wissenschaft ist, eine künstliche Welt zu produzieren, in der die Erhaltung des Menschengeschlechtes gesichert bleibt, so ist der Entwurf dieser künstlichen Welt im ganzen der Inhalt jener großen Zielplanung, zu der die Wissenschaft heute gezwungen wird. Die Wissenschaft wird sich entschließen müssen, sich ihrer Verantwortung bewußt zu werden und in ihrer Gesamtheit als ein aufgeklärtes Subjekt unserer zukünftigen Geschichte zu handeln. 

Wie kommt die Wissenschaft zur Vernunft? 

Durch die Erkenntnis ihrer Verantwortung für die zukünftige Geschichte der Menschheit.

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Georg Picht / Mut zur Utopie / Die großen Zukunftsaufgaben / Zwölf Vorträge