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10  Die menschliche Gesellschaft in der technischen Welt  

 

 

 

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Wir untersuchen die Möglichkeiten einer zukünftigen Geschichte der Menschheit. Die menschliche Geschichte resultiert, so sagten wir, aus der Einstellung des menschlichen Bewußtseins zu vorgegebenen Realitäten. 

In der ersten Hälfte der Vorlesungsreihe haben wir versucht, ein Bild davon zu gewinnen, welche Realitäten der zukünftigen Geschichte der Menschheit vorgegeben sein werden. Es sind jene Fakten, die sich schon heute berechnen lassen. 

Eine zukünftige Geschichte der Menschheit wird es nur geben, wenn es dem menschlichen Bewußtsein gelingt, diese harte und grausame Wirklichkeit zu meistern. Die einzige menschliche Macht, auf die wir uns dabei verlassen können, ist die Macht der Vernunft. Deswegen haben wir in der siebten bis neunten Vorlesung die Frage untersucht, wie sich im Bereich des größten Machtapparates der heutigen Welt, nämlich im Bereich von Wissenschaft und Technologie, Vernunft realisieren läßt. 

Bei dieser Untersuchung trat aber sehr deutlich hervor, daß jede mögliche Gestalt des kollektiven Bewußtseins von der institutionellen und gesellschaftlichen Situation abhängig ist, in der sie sich ausbildet. Es ist nicht möglich, von Vernunft abstrakt zu reden. Vernunft kann nur zur Ausbildung und zur Herrschaft gelangen, wenn sie sich in einer gesellschaftlichen Situation befindet, die eine Entfaltung vernünftigen Denkens und Handelns erlaubt. 

Die geschichtliche Existenz der Vernunft ist von gesellschaftlichen Bedingungen abhängig. Vernunft wird sich in dieser Welt nur durchsetzen können, wenn es gelingt, einen Weltzustand herbeizuführen, in dem vernunftgemäße Formen der menschlichen Gesellschaft möglich werden. So ist uns durch den Weg, den wir in diesen Vorlesungen durchlaufen haben, die Fragestellung vorgezeichnet, die uns bei der Untersuchung der zukünftigen Situation der menschlichen Gesellschaft in der technischen Welt die Richtung weist.

Diese Fragestellung unterscheidet sich von den Perspektiven und den Methoden, die heute die Sozialwissenschaften und die politischen Wissenschaften beherrschen, dadurch, daß sie bewußt von jener Form der Utopie ausgeht, die ich als aufgeklärte Utopie bezeichnet habe. 

Utopisches Denken gilt als unwissenschaftlich. Ein Wissenschaftler, der sich in kritischem Denken geübt hat und der die Selbstkritik für ein Grundprinzip der Vernunft hält, wird sich deshalb nicht leicht entschließen, eine Utopie bewußt zur methodischen Basis eines theoretischen Entwurfes zu machen. 

Aber wir befinden uns in der paradoxen Situation, mit Sicherheit wissen zu können, daß die gesamte technische Welt und alles, was wir bisher »Gesellschaft« nennen, zusammenbrechen wird, wenn es uns nicht gelingt, durch unser eigenes Denken und Handeln die utopische Hypothese zu verifizieren, daß die großen Weltprobleme durch die Macht der Vernunft zu lösen sind. 

Die Utopie, die wir zugrunde legen, ist die einzige Basis, von der aus überhaupt eine Theorie der zukünftigen Gesellschaft entworfen werden kann; denn jede andere Grundannahme hätte zur Folge, daß es diese zukünftige Gesellschaft gar nicht geben wird. Wir sind deshalb zur Utopie gezwungen. Aus diesem Grunde sind wir aber auch methodisch berechtigt, beim Entwurf der zukünftigen Möglichkeiten einer Entwicklung der menschlichen Gesellschaft nicht von der Frage auszugehen, welche Zustände sich durch Extrapolation aus den bisherigen Trends ableiten lassen, sondern von der Frage, welche Zustände herbeigeführt werden müssen, wenn eine zukünftige Gesellschaft überhaupt möglich sein soll. 


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Die aus der Empirie unserer bisherigen Geschichte abgeleitete Betrachtungsweise der heutigen Sozialwissenschaften verliert durch diesen veränderten Ansatz nicht ihren Wert; mag sie prognostisch noch so fragwürdig sein, so hat sie doch die kritische Funktion, uns Schritt für Schritt dazu zu zwingen, daß wir auf die Voraussetzungen, die Implikationen und die Realisierungsmöglichkeiten jedes utopischen Entwurfes reflektieren, und daß wir aus den blinden Utopien, in denen jegliches Denken bewußt oder unbewußt befangen bleibt, in den Bereich der aufgeklärten Utopie übertreten. 

Alles menschliche Denken, so sagte ich, ist in blinden Utopien befangen. Das gilt auch von den Sozialwissenschaften jeglicher Richtung. Ich kenne keine sozialwissenschaftliche Theorie, die nicht in ihren Grundannahmen von Vorurteilen bestimmt wäre, die sich aus der gesellschaftlichen Situation der Wissenschaften, welche die Theorien entwerfen, ableiten lassen.

Die Sozialwissenschaften unserer Zeit sind ein Produkt der hochindustrialisierten Gesellschaften und spiegeln die Bewußtseinslage, die Mentalität, die psychischen Krisen, die Neurosen, die Bedürfnisse und die Ambitionen der Intellektuellen in diesen Gesellschaften wider.

Deswegen sind die Gesellschaftstheorien unseres Jahrhunderts trotz ihrer rationalen Virtuosität und ihrer hohen Differenziertheit von irrationalen Motivationen durchzogen. Sie sind um so wirklichkeitsfremder, je mehr sie sich in das Flitterwerk empirischer Daten hüllen und in der Attitüde des Positivismus auftreten. 

Die Irrealität des Bewußtseins jener Sozialwissenschaften, in denen die hochindustrialisierte Gesellschaft ihr eigenes Malaise reflektiert, ist aber zu einer Großmacht in der heutigen Weltpolitik geworden; denn die Führungseliten der Entwicklungsländer, die in den hochentwickelten Ländern ausgebildet werden, gewinnen gerade aus den irrationalen und affektiv aufgeladenen Tendenzen der heutigen Sozialwissenschaften ihre ideologischen Impulse. Die Ressentiments der Intellektuellen der westlichen Welt liefern den Zündstoff für die Weltrevolution. Die Frage: wie kommt die Wissenschaft zur Vernunft? betrifft deshalb die Sozialwissenschaften nicht weniger als Naturwissenschaften und Technologie. Versteckte Irrationalität im Bewußtsein der Sozialwissenschaften kann ebenso verhängnisvolle Folgen haben wie versteckte Irrationalität im Umgang mit den Gewalten der Natur. 


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Niemand ist gegen diese Irrationalität gefeit; denn da sich unser aller Bewußtsein im Medium einer hochgradig irrationalen Gesellschaft entfaltet, spricht die Wahrscheinlichkeit dafür, daß jeder Entwurf, der aus der Mitte dieser Gesellschaft hervorgeht, vom Stigma der Irrationalität gezeichnet ist. Man kann sich dieser Fessel nicht entziehen. Aber auch der Kranke kann wissen, daß er krank ist, und kann sich bemühen, gewisse Vorsichtsmaßregeln anzuwenden, die sich im Falle einer solchen Krankheit empfehlen.

Die Methode, die wir bisher verfolgt haben, bietet einen gewissen Schutz gegen die in jedem von uns wirksamen Tendenzen, in die Bilder, die wir uns von der Zukunft machen, nur unser eigenes Unbehagen an einer nicht bewältigten Gegenwart zu projizieren. Wir sind von zukünftigen Tatbeständen ausgegangen, die — wie etwa das Bevölkerungswachstum — mit einem hohen Grad von Zuverlässigkeit berechnet werden können, und haben uns bemüht, durch eine kontrollierbare Analyse die Maßnahmen zu ermitteln, die erforderlich wären, um die berechenbaren Situationen zu meistern. Auch hier sind Fehlurteile unvermeidlich, denn die Wissenschaft, die uns erlauben würde, die Aussagen, zu denen wir genötigt sind, einer genauen Kontrolle zu unterwerfen, ist erst im Entstehen. 

Aber die Methode, die drei Grundformen der denkenden Antizipation von Zukunft, nämlich Prognose, Utopie und Planung, in ihrer unaufhebbaren Verschränkung so durchsichtig zu machen, daß sie sich wechselseitig kritisch beleuchten, ist, wie ich glauben möchte, unanfechtbar. Ich habe mich bemüht, diese Methode in sämtlichen Vorlesungen zu befolgen. 

Da wir uns bei der Frage nach den Entwicklungsmöglichkeiten der menschlichen Gesellschaft in der technischen Welt auf ein besonders unsicheres Gelände vorwagen müssen, war es an dieser Stelle nötig, ausdrücklich auf die Methode zu verweisen, von der ich mich bei dieser Untersuchung leiten lasse.


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Die methodische Basis, von der wir ausgehen, ist also die utopische Hypothese, daß es der menschlichen Vernunft gelingen wird, die großen Weltprobleme zu lösen. Wir fragen, welche gesellschaftlichen Bedingungen realisiert werden müssen, wenn diese Hypothese durch eine kollektive Anstrengung verifiziert werden soll, wenn also der Weltzustand herbeigeführt werden soll, dessen Möglichkeit die Hypothese postuliert. Dabei setzen wir die Ergebnisse unserer Analyse der politischen Strukturen voraus. Wir setzen voraus, was strenggenommen nur im Zusammenhang mit den Gesellschaftsstrukturen erörtert werden dürfte, daß es nämlich in den kommenden Jahrzehnten gelingen wird, supranationale Systeme zu entwickeln, mit deren Hilfe die Irrationalität der gegenwärtigen politischen Organisation des Erdballs überwunden werden kann. 

Diese Voraussetzung mußte gleich zu Beginn mit Nachdruck in Erinnerung gerufen werden, weil keines der ökonomischen Probleme der zukünftigen Welt auf nationalwirtschaftlicher Basis gelöst werden kann. Wir sind also genötigt, hypothetisch vorauszusetzen, daß in den nächsten Jahrzehnten ein politischer Rahmen geschaffen wird, in dem eine gigantische Expansion der Weltwirtschaft realisiert werden kann. Tatsächlich sind der politische, der ökonomische und der gesellschaftliche Prozeß untrennbar ineinander verwoben, und wenn man genetisch vorgehen wollte, wäre die Isolierung der Probleme, die wir vornehmen, unerlaubt. Da aber ohne eine Neuordnung des Systems der Weltpolitik die erforderliche Expansion der Weltwirtschaft nicht in Gang kommen kann, und da ohne eine solche Expansion die großen Weltprobleme nicht zu lösen sind, ist für uns, die wir von der Möglichkeit der Zukunft ausgehen, eine solche Annahme erlaubt. Denn sollte diese Annahme sich als falsch erweisen, so wird es — wie wir schon sahen — die zukünftige Gesellschaft, von der jetzt zu reden ist, gar nicht geben.

Selbst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, bleibt die Tatsache bestehen, daß die Welt infolge der Bevölkerungsvermehrung in eine Epoche des wachsenden Elends, der wachsenden Not und der wachsenden Armut eintritt. Die hochindustriellen Gesellschaften leben heute im Überfluß. Sie bilden sich ein, die Verelendung des Weltproletariats ignorieren zu können. 


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Aber wir haben bereits gesehen, daß eine so verblendete Politik auf die Dauer undurchführbar ist. Wir fragen deshalb, was geschehen muß, wenn der zunehmende Abstand zwischen dem Lebensstandard der reichen und dem Elend der armen Nationen nicht zu einer Weltkatastrophe führen soll. Die Menschheit kann nur erhalten werden, wenn es gelingt, in allen Ländern der Erde in kurzer Zeit jene Infrastruktur aufzubauen, auf der die technische Welt beruht. Dazu sind ökonomische Leistungen erforderlich, denen, wie sich zeigte, die gegenwärtige Kapazität der Weltwirtschaft nicht gewachsen ist. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Gesellschaften in allen Ländern der Erde muß also gewaltig gesteigert werden. Zur Zeit sind die hochindustrialisierten Gesellschaften nicht einmal in der Lage, ihre eigene Infrastruktur zu planen und zu finanzieren. 

Der Wohlstand, in dem wir leben, ist ein Betrug, denn er wird durch die Vernachlässigung der Schulen und Universitäten, der Krankenhäuser und Alters­heime, des Straßenbaues und der Wasserversorgung bezahlt. In Zukunft werden aber die Industrieländer zusätzlich noch einen beträchtlichen Teil der Infrastrukturausgaben der Entwicklungsländer übernehmen müssen, denn die Nationalwirtschaften dieser Länder vermögen die Last nicht zu tragen. In den hochindustrialisierten Ländern ist ein so großer Teil des wirtschaftlichen Potentials unseres Erdballes konzentriert, daß ihre industrielle Leistungsfähigkeit auch in den Dienst der anderen Länder gestellt werden muß. Das ist im Rahmen der gegenwärtigen politischen Strukturen nicht möglich. Aber die Not der Welt wird eine Veränderung dieser Strukturen erzwingen.

Im Widerspruch zu allen Prognosen, die der Gesellschaft der hochindustrialisierten Staaten einreden wollen, daß die Menschen in Zukunft nicht mehr wissen werden, was sie mit ihrer Freizeit anfangen sollen, ist festzustellen, daß das so viel diskutierte Freizeitproblem nur eine Übergangsphase charakterisiert, in der die hochentwickelten Länder es sich leisten können, von dem wachsenden Elend der übrigen Welt keine Notiz zu nehmen. Schon jetzt geht diese Übergangsphase zu Ende. 


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In den kommenden Jahrzehnten wird ein ständig wachsender Druck dafür sorgen, daß in allen Ländern der Erde die Leistungsfähigkeit aller Schichten der Gesellschaft bis an die äußerste Grenze beansprucht wird. Der Kampf ums nackte Dasein, der in den hungernden Ländern geführt werden muß, wird sich in anderer Gestalt auch in die Lebensformen der industriellen Gesellschaft übersetzen. Das Wachsen der Erdbevölkerung, die Hungersnot und die zur Überwindung des Elends erforderlichen technologischen, wirtschaftlichen und politischen Anstrengungen werden eine solche Dynamik der Weltentwicklung entfesseln, daß Mobilität ein viel zu schwaches Wort ist, um jene permanente Revolution aller Verhältnisse, die wir erleben werden, zu beschreiben. 

Diese Dynamik übersetzt sich innerhalb der industriellen Gesellschaften notwendig in einen mörderischen Konkurrenzkampf, denn durch die Schnelligkeit der Veränderungen wird jegliche Stabilität der Gesellschaftsordnungen unterspült. Es gibt keine wirtschaftliche Position und keinen sozialen Status, die inmitten einer solchen Dynamik noch gesichert wären. Jeder Staat, jede gesellschaftliche Gruppe und jeder einzelne werden ihre wirtschaftliche, politische und soziale Existenz durch eigene Leistungen immer neu begründen müssen. Die Zeiten, in denen man noch hoffen konnte, auf dem Wege der Ochsentour in einer fest etablierten Karriere zu einem friedlichen und gesicherten Lebensabend zu gelangen, sind vorbei. Allenthalben wird sich das Leistungsprinzip in seinen grausamsten Formen durchsetzen. Die Not der Welt wird zur Folge haben, daß wir in eine Phase der Geschichte eintreten, in der in allen Kontinenten der Kampf ums Dasein wieder das ganze Leben beherrscht.

Verändern wird sich die Art der Leistungen, die von jedem einzelnen gefordert werden. Der Motor, durch den sich Hunger und Armut der Welt in gesellschaftliche Entwicklungen übersetzen, ist der technologische Fortschritt, der gewaltig gesteigert werden muß, wenn es gelingen soll, das Elend zu überwinden. Technologischer Fortschritt hat in sämtlichen Ländern und für alle Schichten der Bevölkerung einen unaufhörlichen Wandel der Arbeitsplatzanforderungen und rapide steigende Ansprüche an die geistige Leistung zur Folge; die körperlichen Anforderungen gehen zurück. 


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Wer seinen Arbeitsplatz nicht verlieren und seinen sozialen Status behaupten will, wird also gezwungen sein, einen großen Teil seiner Zeit, seiner Kraft und seiner moralischen Energien auf die Entwicklung seiner geistigen Fähigkeiten, auf den Erwerb von weiteren Qualifikationen und auf die Erweiterung seines geistigen, gesellschaftlichen und politischen Horizontes, also auf Lernen in jedem Sinne dieses Wortes zu konzentrieren. Die Gesellschaft des wissenschaftlich-technischen Zeitalters ist nur als gebildete Gesellschaft lebensfähig. Sie muß den Ausbildungsgrad erreichen, der sie für hochtechnisierte Arbeitsprozesse qualifiziert, und sie muß ein kollektives Bewußtsein entwickeln, das den in ununterbrochener Folge auf sie eindringenden neuen gesellschaftlichen und politischen Problemen, die gelöst werden müssen, gewachsen ist.

Die Vermehrung der Erdbevölkerung wird sowohl innerhalb der Staaten wie über die Staatsgrenzen hinweg große Bevölkerungsverschiebungen zur Folge haben. Das wird allein schon der Wassermangel erzwingen. Die Menschenmassen werden sich in jenen Regionen zusammendrängen, in denen der zivilisatorische Fortschritt so weit gediehen ist, daß erträgliche Lebensbedingungen herrschen. Aber eben durch diese Zusammenballungen werden die Lebensverhältnisse auch in den Kulturoasen unseres Planeten unerträglich werden. Die Städte werden an ihrer eigenen Expansion ersticken. Sie werden weder mit Wasser noch mit reiner Luft versorgt werden können. Ihre Verkehrs- und Wohnungsprobleme werden sich als unlösbar erweisen, und es wird sich herausstellen, daß die Versorgung einer urbanisierten Bevölkerung weit kostspieliger ist als die Erschließung der unterentwickelten agrarischen Räume.


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Die rechtzeitige Entwicklung von internationalen Raumordnungsprogrammen wird also schon allein aus ökonomischen Gründen eine der vordringlichsten Aufgaben sein. Sie haben aber nur Erfolg, wenn die Bevölkerungsbewegungen kontrolliert werden können. 

Ohne empfindliche Einschränkungen der Freizügigkeit und ohne rigorose politische Kontrollen wird der gewaltige Druck, der riesige Bevölkerungsmassen auf vernunftlose Weise in Bewegung setzt, nicht reguliert werden können. 

Da gleichzeitig immer größere Teile der Erde infolge des wachsenden Elends und der Unbildung vom schwelenden Feuer des Weltbürgerkrieges ergriffen werden, dürften wir Restriktionen der Freiheit erleben, die sich mit den klassischen Grundrechten nicht mehr vereinen lassen.

Solche Restriktionen sind zu ertragen, solange sie klar definiert, genau begrenzt und demokratischen Kontrollen unterworfen sind. Sie müßten mit der menschlichen Freiheit auch die Möglichkeiten der Vernunft ersticken, wenn sie unkontrollierten politischen Mächten zum Vorwand für die Etablierung von totalitären Herrschaftssystemen dienen würden. Das zentrale Problem der zukünftigen Gesellschaft ist deshalb das Problem der Organisation der Machtverteilung. Hier gilt es, eine Antinomie zu überwinden, aus der sich die wichtigsten Strukturprobleme der zukünftigen Welt ableiten lassen. 

Auf der einen Seite erfordern Aufgaben wie die Erschließung und Industrialisierung der Entwicklungsländer, die Potenzierung und Rationalisierung der Agrarproduktion, die Regulierung des Weltwasserhaushaltes und die Weltenergieversorgung monopolistische Konzentrationen von Macht, wie es sie in der Geschichte der Menschen noch nicht gegeben hat. 

Auf der anderen Seite stehen alle überlieferten Formen der monopolistischen Organisation von Macht im Widerspruch zu der Entfaltung jener Freiheit, ohne die kollektive Vernunft nicht zur Ausbildung gelangen kann. Für die Gesellschaft der technischen Welt wird aber beides, die Konzentration von riesigen Machtkomplexen wie die Entfaltung von Vernunft und Freiheit, zur Lebensbedingung. Es stellt sich deshalb in internationalen Dimensionen auf völlig neue Weise das Grundproblem der klassischen Staatstheorie: wie Macht und Freiheit sich vereinigen lassen. 


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Der Nationalstaat klassischer Prägung hat auch in seinen parlamentarischen Formen durch den Begriff der Souveränität das Erbe des fürstlichen Absolutismus angetreten. Er beruht auf der Hypothese, daß das Gesamtpotential der verfügbaren Macht in einer Spitze vereinigt werden muß, damit es rational eingesetzt und kontrolliert werden kann. Es herrscht also bisher die Vorstellung, daß die Organisation der Macht die Form eines geschlossenen Systems haben müsse. Dieses Modell läßt sich unter gewissen Bedingungen in einem Territorialstaat realisieren, denn der Territorialstaat ist von festen Grenzen umgeben und kann deshalb, soweit er wirtschaftlich autark ist, als ein geschlossenes System aufgebaut werden. 

Hingegen läßt sich die Organisation der Machtverteilung, wenn sie von einer Pluralität von Trägern verwirklicht werden soll, nur als ein offenes System konstruieren. Die archaische Vorstellung, daß es möglich sein könnte, das Modell des klassischen Territorialstaates auf den gesamten Erdball zu transponieren und eine einheitliche Weltregierung zu etablieren, halte ich aus einer Reihe von Gründen, die ich hier nicht ausführen kann, nicht für eine aufgeklärte, sondern für eine blinde Utopie.

Supranationale Organisationen und Institutionen pflegen sich anders zu entwickeln. Hier wird nicht die Gesamtheit der staatlichen Souveränität an eine Superregierung übertragen, sondern es werden gewisse Teilbereiche aus der staatlichen Souveränität ausgegliedert und einer supranationalen Verwaltung unterstellt. Eine solche supranationale Verwaltung kann gewaltige Machtpotentiale konzentrieren, aber sie kann über die derart zusammengeballte Macht nicht unbeschränkt verfügen, sondern ist einem komplizierten System von politischen Kontrollen unterworfen. Nach diesem, hier nur im Umriß skizzierten Modell ist es möglich, jene überdimensionalen technisch-industriellen Komplexe aufzubauen, deren die künftige Welt bedürfen wird, und gleichzeitig den totalitären Mißbrauch der in dieser Form kumulierten Macht zu verhüten. Die Irrationalität der überlieferten Formen der Organisation von Macht hat uns Jahrtausende hindurch dazu erzogen, die Macht in jeder Gestalt zu dämonisieren.


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Würde die menschliche Gesellschaft lernen, das Problem der Verbindung von Macht und Freiheit nüchtern als ein organisationstechnisches Problem zu analysieren, so würde sich zeigen, daß es möglich ist, im Rahmen von pluralistischen Organisationen offene Systeme von optimaler Effizienz zu konstruieren, in denen höchste Konzentration von Macht mit wirksamer Kontrolle der Macht so kombiniert ist, daß sie die Freiheit nicht gefährdet.

Die autoritären und die anarchistischen Ideologien unserer Zeit stimmen in der archaischen und romantischen Vorstellung überein, die Organisation der Macht müsse für den Mann auf der Straße »durchsichtig« sein. Ein pluralistisches System von supranationalen Organisationen, die komplizierten Kontrollmechanismen unterliegen, ist in hohem Maße undurchsichtig und abstrakt. Je wirksamer technische Macht kontrolliert wird, desto komplizierter werden die Apparaturen, die zur Kontrolle benötigt werden. Deshalb sind die Garantien der Freiheit noch schwerer zu durchschauen als die Machtkomplexe selbst.

Die Gesellschaft wird sich darum politisch in einem eigentümlichen Vakuum befinden, solange das gesamtgesellschaftliche Bewußtsein die Stufe der Vernünftigkeit noch nicht erreicht hat, die nötig wäre, um zu einem aufgeklärten Verständnis der politischen Probleme der technischen Welt zu gelangen. Abstrakte Verwaltungsapparaturen vermögen keine Loyalitätsverhältnisse zu begründen. 

Das kollektive Unbewußte ist aber immer noch von archaischen Leitbildern bestimmt; es sucht nach Führern, Königen und Helden, nach charismatischen Figuren, denen es Gefolgschaft leisten kann; oder es will das verlorene Paradies unmittelbarer personaler Bezüge auf dem Weg der Rätedemokratie wiederherstellen. Diese Tendenzen werden ständig genährt durch die Ressentiments jener Gesellschaftsgruppen, die von der technisch-industriellen Entwicklung überrollt werden, und sie verbinden sich mit der Verzweiflung der wirklich Ausgebeuteten und Unterdrückten. 

Das durch die komplizierten Vermittlungsmechanismen der technischen Welt erzeugte personale Vakuum wird zum Spielfeld regressiver Tendenzen von rechts und von links; und Vernunft und Freiheit werden durch diese irrationalen politischen Strömungen mehr bedroht als durch die monopolistischen Konzentrationen realer Macht.

Wir sind von der utopischen Hypothese ausgegangen, daß es der menschlichen Vernunft gelingen wird, die großen Weltprobleme zu lösen, und haben gefragt, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, wenn diese Hypothese verifiziert werden soll. In einem nächsten Schritt haben wir dann die gesellschaft­lichen Zustände analysiert, die aus der Herstellung dieser Bedingungen resultieren müssen. Dabei haben wir das Bild von einer Gesellschaft gewonnen, die durch die Gewalten, welche die Not der hungernden Welt entfesselt, durch den wachsenden Bevölkerungsdruck, durch den Zwang zu einer ungeheuren Expansion der Weltwirtschaft, durch die Auflösung der bisherigen politischen Ordnungen und durch die Rapidität des technologischen Fortschrittes von der Dynamik einer Bewegung ergriffen wird, die man nur als permanente Revolution bezeichnen kann und die ständig am Rande des Weltbürgerkrieges entlangführt. 

Unsere Ausgangshypothese beruhte aber auf dem Grundsatz, daß es eine zukünftige Geschichte der Menschheit nur geben wird, wenn es gelingt, einen Welt­zustand herbeizuführen, in dem vernunftgemäßes Denken und Handeln möglich ist und sich durchsetzen kann. Kann die Verfassung der Gesellschaft, die sich aus unserer Analyse ergeben hat, als ein solcher Weltzustand bezeichnet werden? Werden Vernunft und Freiheit und — wie wir hinzufügen müssen — Humanität in dieser Gesellschaft sich entfalten können? 

Wir werden am jetzt erreichten Abschnitt unseres Weges auf diese Frage weder eine positive noch eine negative Antwort geben können. Wir müssen noch ganz andere Bereiche des menschlichen Bewußtseins in ihrem Wechselverhältnis mit der Verfassung der Gesellschaft in Betracht ziehen, bevor wir es wagen dürfen zu entscheiden, ob unsere Ausgangshypothese durch ihre eigenen Implikationen widerlegt ist oder ob es uns freisteht, an ihr festzuhalten.

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Georg Picht / Mut zur Utopie / Die großen Zukunftsaufgaben / Zwölf Vorträge