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Andrej Platonowitsch 

Platonow

"Selbst die Energie des gespaltenen Atoms ist nichts im Vergleich zur Energie des Ozeans aus Licht." 

Andrej Platonow, 1921

Das Volk Dshan (Dshan=Seele)

Der Takyr, Die Baugrube 

Das Licht und der Sozialismus (1922, Artikel)

Der Mensch und die Wüste  (1924, Artikel) 

Wikipedia.Autor  (1899-1951, 52)

DNB.Autor

 

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Neues Denkmal im Geburtsort  Woronesch:

 

 

 

 

 

Friedhof in Moskau: Autor: 1899-1951

Sohn: 1923-1943  Ehefrau: 1905-1983   Tochter:   -2005

 

 

 

 

  

 

 

 

   

 

 

 

Audio

2015 von Michael Leetz (Berlin) im SWR über Platonow als ökologischer Prophet 

2016  Die Baugrube Sinnbild des Scheiterns

2016 Biografiebuch leben, Werk, Wirkung  

2016 Seltsam aktuell  

 

deutschlandfunk.de/andrej-platonow-die-baugrube-sinnbild-des-scheiterns.700.de.html?dram:article_id=373956  2016 Biografie 

 

http://www.quintus-verlag.de/buecher/dshan.html 

 

 


Aus Wikipedia 2010:

Er begann Anfang der 1920er Jahre mit der Veröffentlichung von Erzählungen und Gedichten, zugleich arbeitete er als Spezialist für Landgewinnung in Zentralrussland. 

Hier wurde er Augenzeuge der durch die Zwangskollektivierung verursachten Veränderungen und Schäden. 

1927 wurde er hauptberuflicher Schriftsteller in Moskau. Er war ein Mitglied der landwirt­schaftlichen Schriftsteller­vereinigung Perewal und schuf die Kurz­geschichten­sammlung Die Epiphaner Schleusen

Seine beiden Hauptarbeiten, die Romane Tschewengur und Die Baugrube, entstanden zwischen 1926 und 1930 in etwa mit dem Beginn des ersten Fünfjahrplanes 1928. Diese Arbeiten mit ihrer impliziten Systemkritik brachten ihm heftige offizielle Kritik ein, und obgleich ein Kapitel von 'Tschewengur' in einer Zeitschrift erschien, wurde keines seiner Werke vollständig veröffentlicht. Andere Kurzgeschichten trugen sogar zu einem gewissen Rückgang seines Ansehens bei.

Während des stalinistischen Großen Terrors der 1930er Jahre wurde Platonows 15jähriger Sohn verhaftet und in ein Arbeitslager deportiert, wo er an Tuberkulose erkrankte. Als er schließlich zurückgebracht wurde, steckte sich Platonow bei der Pflege an. 

Während des Großen vaterländischen Krieges (2. Weltkrieg) wurde Platonow als Kriegs­bericht­erstatter eingesetzt, aber sein Gesundheit­szustand verschlechterte sich. Nach dem Krieg verlegte er sich vom individuellen literarischen Schaffen auf das Sammeln von Volkserzählungen und gab zwei Sammelbände heraus. Er starb 1951. Sein Grab befindet sich auf dem Armenischen Friedhof in Moskau.

Obgleich er zum Zeitpunkt seines Todes relativ unbekannt war, war sein Einfluss auf die neueren russischen Schriftsteller beträchtlich. Ein Teil seines Werkes wurde während der Tauwetterperiode der 1960er Jahre veröffentlicht oder erstveröffentlicht. Wegen seiner politischen antitotalitären Schreibweise und seines frühen Todes an Tuberkulose nannten ihn englische Kommentatoren den <russischen George Orwell>.   


 

  

Ein ökologischer Prophet -

Der Schriftsteller Andrej Platonow 

Von Michael Leetz  - SWR Wissen 2015

SWR 18.6.2015, 08.30 Uhr , Redaktion: Anja Brockert, Regie: Felicitas Ott

Platonow bei SWR      swr.de  ein-oekologischer-prophet  

 

 

Zitator 1: 

Das ungelöste Energieproblem ist die Wurzel allen Übels. Alles Übel auf der Welt rührt her von dem Mangel an freier, sofort zur Arbeit geeigneter Energie, die man nicht durch schwere Mühen erlangen muss. Das Licht ist eine solche Energie, die man nicht mit den Händen aus der Erde auszugraben braucht. 

O-Ton  Alejnikow: 
On nasch sowremennik. Platonow konjeschno nasch sowremennik. A schto jewo ideji pomogut i w budeschem, eto bessporno. 

Zitator 2 (overvoice): 
Er ist unser Zeitgenosse. Platonow ist natürlich unser Zeitgenosse. Und dass seine Ideen auch in der Zukunft helfen, das ist unbestritten. 

Zitator 1: 
Selbst die Energie des gespaltenen Atoms ist nichts im Vergleich zur Energie des Ozeans aus Licht. Andrej Platonow, 1921. 

Ansage: 
Ein ökologischer Prophet - Der Schriftsteller Andrej Platonow. Eine Sendung von Michael Leetz. 

Erzähler: 
Andrej Platonow gilt heute als einer der wichtigsten russischen Autoren des 20. Jahrhunderts. Er war ein sowjetischer Schriftsteller, der sich dem in der Sowjetunion zur Norm erhobenen „sozialistischem Realismus“ nie unterordnete, sondern künstlerisch eigenständige, neue Wege ging. Ein Sozialist, der aufrichtig an den Aufbau einer gerechteren Gesellschaft glaubte. Gerade deshalb erfasste er die Widersprüche des ersten sozialistischen Staates, der Sowjetunion, besonders tief. 

In seinem Roman <Die Baugrube> nahm er bereits 1930 den Zusammenbruch des sowjetischen Systems visionär vorweg. 

Doch dass Platonow auch ein ökologischer Prophet war, ist bis heute kaum bekannt. Bereits in den frühen 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts setzte er sich für die Nutzung erneuerbarer Energien ein, vor allem der Sonnenenergie. Platonow war davon überzeugt, dass die junge Sowjetunion eine Wirtschaft aufbauen sollte, die die natürlichen Ressourcen schont. 

Sein ökologisches Denken wurde durch den Beruf geprägt: Anfang der 20er Jahre organisierte er in Zentralrußland die Elektrifizierung der Landwirtschaft und kämpfte als Meliorator, d. h. als Bewässerungs-Ingenieur, gegen die katastrophale Dürre an, die zum Hungertod von Millionen von Menschen führte. Er nannte dies „Kampf gegen die Wüste“.

 

Die Wüste ist auch ein Grundthema seiner literarischen Arbeit, vor allem in der Novelle „Dshan“ von 1935. Darin erzählt Platonow von einem kleinen fiktiven Nomadenvolk in der mittelasiatischen Wüste Karakum, das aus entlaufenen Sklaven aller Herren Länder besteht. Das Volk hat sich selbst den Namen „Dshan“ gegeben - in den Turksprachen ist „dshan“ das Wort für „Seele“. Einst lebten die Dshan in der Sarykamysch-Senke, einem lebensfeindlichen Ort in der Nähe des Aralsees. Nach einer alten persischen Legende gilt sie als die Hölle der Welt. In der Hoffnung auf ein besseres Leben verließ das Dshan-Volk die Sarykamysch und irrt seitdem in der Wüste umher. 

Der junge Ökonom Nasar Tschagatajew, der selbst dem Dshan-Volk entstammt, wird von der Partei in die Wüste geschickt. 

Zitator 2: 
Fahr jetzt dorthin. Mach dieses verlorengegangene Volk ausfindig. 

Zitator 1: 
Ich fahre. Was soll ich dort machen? Den Sozialismus? 

Zitator 2: 
Was sonst. In der Hölle ist dein Volk schon gewesen, nun soll es im Paradies leben. 

Erzähler: 
Tschagatajew findet sein Volk im Zustand vollkommener Agonie. Es droht zu verhungern. Auf wunderbare Weise rettet er die Dshan vor dem Untergang. Anschaulich und glaubhaft schildert Platonow, wie dem Dshan-Volk das Überleben in der Wüste gelingt. Der Berliner Dramatiker Lothar Trolle hat nach der Novelle ein Theater-Stück geschrieben. 

O-Ton 02 - (Trolle): 
Also für mich spielte das heute, nicht in den 30er Jahren. Überhaupt gar nicht. Das ist auch ganz leicht ins Heutige zu transportieren. Das ist ein heutiger Stoff. 

Erzähler: 
Die Aktualität von „Dshan“ zeigt sich in den ökologischen Gedanken. Dieser Aspekt der Novelle wird aber erst dann sichtbar, wenn man Platonows Engagement für erneuerbare Energien kennt. Alles begann in Woronjesch, der Geburtsstadt von Andrej Platonow. 

Erzähler: 
Woronjesch liegt 500 km südöstlich von Moskau, in einer Region, in der bewaldete Landstriche in die südrussischen Steppen übergehen. Woronjesch ist die Hauptstadt des Schwarzerdegebietes, eigentlich eine der fruchtbarsten Regionen Russlands. Doch im 18. Jahrhundert ließ Peter der Große hier ganze Wälder abschlagen, um Holz für den Schiffsbau zu gewinnen und die russische Kriegsflotte zu begründen.
 

....

Weiter Manuskript Leetz 


 

 

aus Malzew 1980:

 

Die größte Popularität und den größten Einfluß von allen besitzt dabei wohl Andrej Platonow, ein Schriftsteller, dem erst heute endlich die Wert­schätzung und Anerkennung zuteil wird, die er verdient, obgleich ein bedeutender Teil seines Werks in der Sowjetunion nach wie vor nicht veröffentlicht ist, den man nur über den Samisdat kennenlernen kann. (Das Manuskript seiner Erzählung <Puteschestwije w tschelowetschestwo>, <Reise in die Menschheit> ist sogar für immer verloren).

Jeder, der zum erstenmal ein Buch von Andrej Platonow zur Hand nimmt, wird schon nach wenigen Zeilen von ratloser Verstörung ergriffen: Wer spricht hier — ein Kauz oder ein Genie? Und je weiter man sich in die Lektüre vertieft, desto mehr wächst das Erstaunen, man tritt gleichsam in eine unbekannte und mit nichts vergleichbare Welt ein; das Geheimnisvolle an diesem Schriftsteller wird immer quälender und beunruhigender. In der gesamten russischen Literatur ist es wohl nur noch Gogol, der uns als ein ebensolches, von keinem ganz gelöstes Rätsel gegenübersteht. 

Die überragende Bedeutung Andrej Platonows (1899-1951) ist unbezweifelbar, er ist einer der größten Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts, doch sein Werk ist voller Widersprüche, und der von ihm gestaltete Mikrokosmos, die eigenartige, bizarre, abseitige Welt seiner Bücher ist von einem tiefen Geheimnis und einer rätselhaften Bedeutsamkeit erfüllt. Doch wenn Platonow für uns Russen groß und geheimnisvoll ist, ist er für Ausländer offenbar schlicht unverständlich. 

In fast allen westlichen Studien über die moderne russische Literatur werden Platonow als einem unter vielen Autoren in summarischen Darstellungen ein paar Zeilen gewidmet, während gleichzeitig unbedeutende oder sogar schlicht indiskutable Schriftsteller viele Seiten Würdigung erhalten. Lo Gatto zum Beispiel erwähnt in seiner »Geschichte der sowjetrussischen Literatur« Platonow nur beiläufig als den Autor der Chronik »Wprok« (Zum Vorteil) und einiger Erzählungen über den Krieg — des schwächsten und unbedeutendsten, was Platonow geschrieben hat.3

Der seltsame Eindruck entsteht zunächst durch Platonows Sprache. Es ist die ungeschliffene und regellose Sprache des Naturtalents und Autodidakten, doch bei aufmerksamer Lektüre bemerkt man, daß diese Regellosigkeit beabsichtigt und wohldurchdacht ist, daß der originelle Stil so spontan gar nicht ist, wie es zunächst scheint, sondern sorgsam herangebildet und fein bearbeitet. 

Dennoch bleibt zugleich auch die spontane Natürlichkeit und Ungezwungenheit seines Schaffens unbezweifelbar, so daß die bekannte Aufteilung der Kunst in »naiv« und verstandesmäßig, wie sie seinerzeit von den Romantikern vorgenommen wurde und in veränderter Gestalt auch in der Literaturkritik unserer Zeit eine Rolle spielt, hier widerlegt zu werden und eine Synthese dieser vermeintlich unvereinbaren Prinzipien möglich scheint. 

Hinter der farbenprächtigen folkloristischen Außenansicht läßt sich das tief verborgene wahre Ich des Autors erahnen — eines feinfühligen Psychologen und außergewöhnlichen Denkers mit einem ganzheitlichen philosophischen System, einer ausgereiften Weltanschauung und einer exakten Wertskala. 

Aus dem Grundelement des Volkstümlichen wächst bei Platonow nicht einfach ein farbenfrohes Bild der Volkssitten, sozusagen für Liebhaber exotischer Folklore, sondern es bricht plötzlich eine fremdartige, ja chimärische, zeitweise surrealistische fiebrig-phantastische Struktur von Bildern hervor — sinnlos, doch in ihrer Fremdartigkeit in sich schlüssig —, die nicht so sehr verblüffen und verwirren als vielmehr die ungewöhnliche weltan­schauliche Konzeption des Autors offenlegen soll. 

....    Weiter Malzew  

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