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1. Hat die Menschheit noch eine Zukunft?

 

 

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1990 hatten die <Vereinten Nationen> die <Ständige Konferenz zur Rettung der Wälder> gegründet. In ihrem Jahres­bericht von 1995 wurde gemeldet, daß die inzwischen von allen Mitglieder-Nationen ratifizierten Abkommen noch Hoffnung auf Rettung der Restbestände des Waldes in Europa, Afrika und Südamerika zuließen. Hauptstreit­punkt zwischen den Teilnehmer-Staaten war noch immer die Frage, wer für die ständig zunehmende Vernichtung der Wälder verantwortlich sei.*

Die vereinigte Lobby der Weltautomobilindustrie hob in ihrem Konferenz­beitrag noch einmal hervor, daß durch die Verbesserung der Abgasanlagen an den Automobilen der Schadstoffausstoß auf ein Minimum reduziert worden sei. Die Lobby der Energie­erzeugungs­unternehmen — auf der einen Seite die Kohle-, Öl- und Gaswerks­betreiber und auf der anderen Seite die Lobby der Kernenergie- und Kernfusions­erzeuger — betonte noch einmal, daß die Energie­erzeuger aufgrund der von ihnen eingeleiteten Maßnahmen an Kraftwerken und der erfolgten Stillegungen der alten Anlagen keine wesentliche Schuld an der rapide zunehmenden Wald­vernichtung träfe.

Die Länder der Dritten und Vierten Welt forderten die Industrie­nationen, die Europäische Gemeinschaft, die USA, die UdSSR und China auf, ihre Industrie­güter­produktion radikal zu drosseln, um das besorgnis­erregende Waldsterben und die damit einher­gehenden Luft- und Klima­katastrophen einzudämmen. Die Industrie­nationen antworteten mit dem Vorschlag, ein weltweites Programm zur Erforschung der Ursachen der Umwelt­zerstörung zu entwickeln. Die Konferenz endete mit dem Ergebnis, daß die Forschungs­resultate der letzten vier Monate den Schluß zuließen, daß die bisher getroffenen Maßnahmen — obwohl sie halbherzig seien — die Hoffnung zuließen, daß das Waldsterben nicht weiter zunehme.

Der Bericht der Weltkonferenz zur Rettung des Waldes im Jahre 2000 ergab, daß die optimistischen Vorher­sagen der Konferenz von 1995 sich bereits nach einem halben Jahr als absolut trügerisch erwiesen hätten. 

*(d-2007:)  Als Rieseberg das 1987 schrieb, war 1990 noch Zukunft. Aber als ich es 1996 las, war 1990 schon 'früher'. Im Gehen lesend hielt es für Realität. Außerdem kannte ich nicht das Stilmittel "Szenario". Außerdem lag der Trubel um den Zusammenbruch des SED-Staates nicht lange zurück und ich dachte, ich diese medien infos wären an mir vorbei gegangen, zumal ich kein Fernsehen hatte, und auch die neuen Krieg (Golf, Balkan) viel Medien brauchten, und die bösen kapitalisten sowieso die grünen haßten, usw. - Jedenfalls lag am Anfang alles in der Vergangenheit, also hinter mir. Auf meinem weiteren Lese-Gang durch Zwickaus Straßen - denn der Inhalt war ja Sensation pur. - Irgendwie muß ich gedacht haben, als das Szenario zeitlich mein aktuelles Datum überholte, daß der Autor die Realität nur fortschreibt. Ich wachte dann erst auf Seite 16 auf - und schaute vom Buch hoch und um mich umher. Aber es war noch alles da. 


Vielmehr sei festzustellen, daß in ganz Europa nichts mehr vorhanden sei, was auch nur den Namen Wald verdiene. Lediglich in einigen Regionen Irlands fand man noch Reste, die bereits in Hektar und nicht — wie bis dahin üblich — in 10-Hektar-Einheiten gezählt werden konnten. Die tropischen Regenwälder Afrikas und Südamerikas waren auf einen Stand von 10% dessen zurückgegangen, was man noch 1990 bei der damaligen Waldrevision ermittelt hatte.

Die neugegründete <Weltkonferenz zur Rettung der Erdatmosphäre und des Erdklimas> stellte fest, daß, so wörtlich, "eine enorme Zunahme der Sturmaktivitäten in allen Erdbereichen" festzustellen sei, daß sich die Atemluft radikal verschlechtert habe und daß mindestens bei der Hälfte der Erdbevölkerung akute Erkrankungen der Atmungsorgane zu verzeichnen seien. Da auch mit Sofort­maßnahmen in absehbarer Zeit keine Verbesserung zu erreichen sei, wurde ein Sofort­programm für künstliche Atmungs­geräte beschlossen. 

In allen Ländern wurden Atmungs­zentralen eingerichtet, die die kleinen, transportablen Beatmungs­geräte wiederaufarbeiteten. Die Atmungsgeräte wurden von den stationären Energieanlagen aufgeladen und während ihres Gebrauchs durch die körpereigenen zentralen Energie­versorgungs­systeme, die inzwischen notwendig waren, mit Strom versorgt. Diese körpereigenen Energie­versorgungs­systeme betrieben unter anderem — inzwischen Standard gewordene — Herzschritt­macher, künstliche Nieren und weitere Zusatz­organe, ohne die die Menschen schon gar nicht mehr leben konnten.

Weltweit stellte die <Weltklimakommission> fest, daß die Abschmelz­prozesse der Pole sich in den letzten fünf Jahren noch dramatischer entwickelt hätten als in den fünf Jahren zuvor. Dies hatte unter anderem dazu geführt, daß Teile der Küstengebiete Mitteleuropas immer häufiger von Sturmfluten überschwemmt wurden. Obwohl die Deiche an den mitteleuropäischen Küsten in einem riesigen Investitions­programm noch einmal um vier Meter erhöht worden waren, konnten diese Maßnahmen die zweimalige jährliche Überschwemmung — ausgelöst durch die großen Nordsüd- und Südnordwinde als Folge globaler Klima­veränderungen — nicht verhindern. Die Ost-West-Windzonen hatten sich immer stärker in Nord-Süd- und Süd-Nord-Windzonen entwickelt. Damit waren sämtliche Schutzmaßnahmen, die bisher gegen die großen Überflutungen getroffen worden waren, wertlos.

Die erneute Diskussion über eine abrupte Drosselung der Industrie­produktion der großen Vier — Vereinigte Staaten von Europa, USA, UdSSR und China — wurde von diesen Ländern gemeinsam mit einem Programm zur Beeinflussung des Klimas beantwortet.

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Innerhalb von fünf Jahren sollte eine entscheidende Verbesserung des Weltklimas durch großtechnische Anlagen, die auf der Basis kleinerer, bereits erfolgreich getesteter Bewetterungs­maschinen entwickelt werden sollten, erreicht werden. Diese kleineren Anlagen funktionierten bereits in Teilen der Mittelmeerländer und der Sowjetunion. Die Länder der Dritten und Vierten Welt begegneten diesen Informationen mit großer Skepsis, obwohl gerade sie besonders stark unter der Wetterverschlechterung litten. Sie führten u.a. aus, daß die Bewetterungs­maschinen im kleinen zwar erfolgreich seien, in großtechnischer Ausführung aber eher zur Verschärfung der Situation beitragen könnten. Darüber hinaus sei unklar, woher die enormen Energiemengen kommen sollten, die für den Betrieb notwendig seien.

Im Jahresbericht der <Weltkatastrophenorganisation> von 2015, dem ersten seit ihrer Gründung im Jahre 2010, wurde eindringlich vor einem weltweiten <Zusammenbruch> des Klimas gewarnt, wenn nicht innerhalb kürzester Zeit, d.h. innerhalb eines Jahres, die folgenden Maßnahmen ergriffen würden: 

Die Pläne wurden an den <Ständigen Ausschuß> der 350 teilnehmenden Staaten überwiesen. Die großen Industrie­nationen machten ihre Mitarbeit in diesem Ausschuß von der Bedingung abhängig, daß der Status quo der Industrie­produktion in ihren Ländern nicht gefährdet werden dürfe, weil nur durch einen vermehrten Einsatz von Wissenschaft und Technik die Katastrophe abzuwenden sei.

Im Jahrzehnt zwischen 2015 und 2025 traten zwar einige der befürchteten Überschwemmungs­katastrophen, die durch die immer stärker werdende Polab­schmelzung ausgelöst wurden, ein. 

Dennoch glaubte die Menschheit, sie sei noch einmal davon­gekommen. 

An allen Küsten wurden die Deiche teilweise um mehrere hundert Kilometer landeinwärts versetzt. Dabei verschwanden die großen Ballungszentren, wie New York, Hamburg, Holland und viele andere Gebiete.

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Insgesamt schien es aber so, daß unter Wahrung des Gesamt­lebens­standards der Industrieländer und bei einer langsam fortschreitenden Industrial­isierung in den Ländern der Dritten und Vierten Welt eine Stabilisierung der Zustände erreichbar sei, zumal inzwischen technische Maßnahmen gegen die zunehmende Luftverschmutzung und die immer stärker werdende ultraviolette Sonnen­einstrahlung getroffen worden waren. Die Weltgesundheits­organisation erließ allgemeine Richtlinien, nach denen alle Menschen gezwungen wurden, die handlichen, computergesteuerten Beatmungsgeräte immer mit sich zu führen.

Zugleich wurden kleine Kunststoffmasken entwickelt, die beim Aufenthalt im Freien generell zu tragen waren, um die ultraviolette Sonnen­einstrahlung, die sowieso nur noch den Kopf bestrahlte, abzuschirmen, denn in die Kleidungsstücke waren inzwischen aufgedampfte Metallfäden eingearbeitet, die die Strahlung weitgehend reflektierten. 

Der Aufenthalt im Freien, d.h. Sonnenbaden, war bereits zu einem Mythos geworden. 

Die Trinkwasserversorgung, die durch die Teilüberflutungen der Küstenbereiche vor allem in Mitteleuropa zunächst große Probleme aufwarf, war durch eine große zentrale Ringleitung durch alle europäischen Länder gewährleistet. In Nordafrika war ein zentraler, überdachter Trinkwasserspeicher angelegt worden. Die Wasser­anreicherungs­anlagen verbrauchten zwar sehr viel Energie; dies Problem konnte jedoch dadurch gelöst werden, daß im Jahre 2025 der große zentraleuropäische Kernfusionsreaktor auf den inzwischen menschenleeren Hochebenen Spaniens* in Betrieb genommen wurde. 

Mit einer Leistung von 100.000 Megawatt war er das größte Kraftwerk, das je von Menschenhand gebaut worden war. Um die Betriebsenergie zu erzeugen, die benötigt wurde, um den Fusionsprozeß in Gang zu bringen, war vor den Reaktor ein konventionelles Kernkraftwerk mit 1500 Megawatt geschaltet — obwohl Wissenschaftler des Weltenergie­forschungs­instituts in Berlin immer wieder warnend daraufhingewiesen hatten, daß die Zusammen­fassung dieser Anlage an einem zentralen Punkt und ihre Koppelung mit den Wasser­aufbereitungs­anlagen in den Alpen einmal zu einem sogenannten GWU (Größter Weltunfall) führen könne.

Über besagte Studie, die ca. 10.000 Seiten umfaßte, stritten sich mehrere Jahre verschiedene Experten­gruppen. Sie kamen im Jahre 2035 zu dem Ergebnis, daß die gesamte Betriebs­anlage absolut störunanfällig und "katastrophen­fähig" sei. 

In den Jahren 2035 bis 2045 schien sich trotz der schwierigen Ernährungssituation in weiten Teilen Afrikas und Asiens die Welt­konjunktur erneut zu erholen. Der Lebens­standard stieg zwar noch einmal, die traditionellen Schuldner­länder der Dritten und Vierten Welt konnten zwar durch Umschuldungs­aktionen ihre Probleme noch einmal vertagen. 

*  (d-2008:)  heise tp 26 26957/1.html   Wüste in Spanien 2007

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Dennoch legte die Weltenergieforschungseinrichtung in Berlin erneut eine Studie vor, in der sie auf eine drohende Gesamtkatastrophe hinwies und dezentrale Energie­versorgungs­strukturen sowie den radikalen Abbau des Energie­verbrauchs forderte, um den immer weiter fortschreitenden Treibhauseffekt der Atmosphäre einzudämmen und die weitere Technisierung der Landwirtschaft abzubauen. Denn nach der Überschwemmung weiter Küstengebiete war es mit Hilfe gigantischer Landfräs­maschinen gelungen, große ebene Flächen herzustellen. Unter großem Maschinen­einsatz konnten dort widerstandsfähige Getreidearten angebaut werden, die sehr hohe Erträge brachten.

Nach den ruhigeren Jahren zwischen 2035 und 2045 dramatisierten sich im Jahre 2046 und 2047 die globalen Wetteraktivitäten. Die Sturmfluten wurden erneut stärker. Sie zogen in Deutschland unter anderem die Dämme der Hafenstadt Bielefeld — die mit ihrem Hochsee­hafen und ihren 15 Millionen Einwohnern ein besonders gefährdetes Gebiet war — in Mitleidenschaft.

Angesichts dieser in aller Welt sich mehrenden Katastrophenanzeichen trat im Jahre 2048 die Weltkata­stroph­en­organisation erneut zu einer außer­ordentlichen Sitzung zusammen. Nachdem man sich über die Tages­ordnung geeinigt hatte, sollte der Sprecher der Weltbürgerinitiative "Gelber Fortschritt" ein mehrstündiges Referat halten. Nach etwa einer halben Stunde wurde er von dem Sitzungsleiter unterbrochen, weil in der Zentrale Katastrophen­meldungen aus aller Welt einliefen.

Das Ende ist dann doch viel früher gekommen, als alle — selbst die <Weltbürgerinitiative> — erwartet hatten, und es war fast trivial. 

Denn obwohl in dem zentral­europäischen Kernfusionsreaktor ca. drei Millionen denkbarer Schadensfälle durchgespielt worden waren, entwickelte sich folgende Kettenreaktion:

In dem vorgeschalteten Atomreaktor, der die Betriebsenergie für den Fusions­reaktor erzeugte, war bei einer routinemäßigen Überprüfung ein Mikrochip ausgefallen. Der Reaktor wurde abgeschaltet. Um den Mikrochip auszuwechseln, mußte eine Versorgungsklappe geöffnet werden. Der passende Schrauben­zieher war nicht zur Hand. Der Versuch der Bedienungs­mannschaft, die Schraube mit einem anderen Schrauben­zieher heraus­zudrehen, schlug fehl, weil die Schraube abbrach. Auch der Versuch, den Kasten mit einer Brechstange zu öffnen, blieb erfolglos, weil die Brechstange zu schwach war. Der Reaktor reagierte aufgrund des fehlenden Mikrochips und der folgenden Fehl­schaltungen umgekehrt als einprogrammiert und fuhr die Brennstäbe heraus.

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Die folgende Kettenreaktion löste einen relativ leichten Kernkraftunfall aus, der lediglich das Reaktor­gebäude zur Explosion brachte, ein Vorgang, der inzwischen routinemäßig zu bewältigen gewesen wäre. Da aber der Sicherheitsabstand des Betriebsreaktors zum Kernfusionsreaktor trotz aller Warnungen zu gering bemessen war, legte die nachfolgende Explosion des verhältnismäßig kleinen Betriebs­reaktors die Schaltzentrale des Kernfusionsreaktors lahm. Der Kernfusions­reaktor schmolz innerhalb einer Stunde durch. 

Die unkontrollierte Kernfusion führte zur Freisetzung einer bis dahin nie gekannten Energiemenge, die etwa der Stärke von 18 Wasserstoff­bomben entsprach. Die hierdurch ausgelöste Wetter­bewegung in Zentraleuropa führte unmittelbar zu einer Springflut auf allen Weltmeeren und löste durch ihre heftigen Frequenzen Erdbeben in den großen erdbebengefährdeten Gebieten aus. Diese Erdbeben führten dazu, daß die Dämme, die für die größt­anzunehmenden Springfluten gebaut worden waren, brachen. 

Die Notaggregate, die durch die Energie des Kern­fusions­reaktors gesteuert wurden, also große, ausfahrbare Ersatzdämme, kamen nicht mehr zum Einsatz. Unmittelbar danach brach die zentrale Wasserversorgung zusammen und überschwemmte durch ihren Überdruck fast sämtliche großen Städte. Dies führte dazu, daß die noch vorhandenen kleineren Atomreaktoren unmittelbar zusammenbrachen und größere regionale Explosionen auslösten. Diese Explosionen wiederum zerstörten die Auffangbecken der zentralen Mülldeponien für Chemieabfall, wodurch weltweit Giftgase freigesetzt wurden. 

In den ersten Stunden nach der Katastrophe müssen mindestens drei bis vier Milliarden Menschen getötet worden sein. Reste der Menschheit, die sich in den Bergregionen Südamerikas und Zentralasiens — vor allem im Himalaja — noch unter normalen Bedingungen, das heißt ohne Beatmungs­geräte, am Leben erhalten hatten, starben innerhalb weniger Tage.

Im Dezember des Jahres 2048 ist durch einen Zufall die gesamte Menschheit ausgerottet worden.*

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In dem von mir entwickelten Szenarium wurden nur technische Abläufe beschrieben, die entweder schon realisierbar sind oder mit den vorhandenen techno­logischen Möglichkeiten des Menschen zu realisieren wären. Ich will dies an einigen Beispielen erläutern: Die von mir eingeführte große Ringversorgungs­leitung für Europa ist keine Utopie mehr. Ballungsgebiete, wie Hamburg, Frankfurt, u. a., werden heute bereits durch große Rohrleitungen aus der Lüneburger Heide oder vom Bodensee versorgt. 

*  (d-2005:) HJR hat in dieses gräulichste aller Zukunftsszenarien eingearbeitet, daß es durchaus noch ganze Jahrzehnte geben kann, welche einen "vorsichtigen Öko-Optimismus" gestatten.

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Die Vorstellung, daß man künftig nicht mehr im Meer baden können wird, ist nicht absurd. Heute bereits kann man an vielen Mittelmeer­stränden nicht mehr ohne Risiko baden. Die großen Flüsse Deutschlands sind Kloaken. Auch zahlreiche kleinere Bäche und Seen sind für den Badebetrieb nicht mehr zugelassen. Die Teilabsenkung in Küstenbereichen nimmt dramatisch zu: Fast alle großen Ballungsgebiete, wie Mexico City oder Tokio, versinken durch die großflächige Grund­wasser­abpumpung teilweise um mehrere Meter pro Jahr. Darüber hinaus drohen in einigen Teilen Hollands die in Jahr­hunderten dem Meer abgerungenen Küsten­regionen zu weit unter die Meeres­oberfläche zu sinken, weil Erdgas gewonnen wird.

Die Unfähigkeit sämtlicher Regierungen, auf die Katastrophe im Szenarium zu reagieren, korrespondiert natürlich mit dem Verhalten unserer Regierungen angesichts vorhersehbarer Katastrophen: Sie veranstalten Konferenzen, diskutieren und vertagen. Der Ablauf der Endkatastrophe ist vergleichbar den großen Katastrophen der Menschheitsgeschichte: dem Untergang der Titanic, dem Reaktorunfall von Harrisburg, dem von Tschernobyl und vielen anderen. Die Ursache dieser Katastrophen ist immer menschliches Versagen, nie die Technik.

Damit stellt sich natürlich ab einem gewissen Zeitpunkt die Frage, ob man Techniken konstruieren darf, die im Falle menschlichen Versagens ein so großes Zerstörungspotential besitzen, daß sie die gesamte Mensch­heit vernichten können. Selbst der Reaktorunfall von Tschernobyl hat die Erkenntnis, daß diese Technik nicht beherrsch­bar ist, noch immer nicht im nötigen Maße gefördert, obwohl gerade dieses Ereignis beispielhaft gezeigt hat, wie ein verhältnis­mäßig kleiner Unfall weltweites Entsetzen hervorrufen kann. Zwar mag manchem die Größe des im Szenarium geschilderten Kernfusions­reaktors heute noch utopisch erscheinen, ich glaube aber, aufgrund der Erfahrungen der Vergangen­heit, daß die Konstrukteure solch kühner Ideen sich durchsetzen werden. Ich hoffe, daß wenigstens ein Teil der Mensch­heit den Mut findet, sie von ihrem Tun abzuhalten.

Bleibt noch das besorgniserregendste Detail meines Szenariums darzulegen, nämlich den Zeitpunkt, an dem die Katastrophe eintritt. Es fiele wahrscheinlich vielen leichter, meiner Katastrophentheorie zuzustimmen, wenn die Endkatastrophe erst in dreihundert oder siebenhundert Jahren stattfinden würde. Besorgnis­erregend für viele ist vor allem, daß sie bereits in 60 Jahren stattfindet. Und diesbezüglich ist auch der heftigste Widerstand zu erwarten, da die meisten den Zustand unserer Umwelt immer noch für relativ intakt halten. 

Ich selbst halte die zeitliche Fixierung ebenfalls für ziemlich gewagt, da nicht exakt zu bestimmen ist, ob die Katastrophe bereits in 60 oder erst in 80 Jahren stattfinden wird. Ich behaupte aber, daß es genügend konkrete Daten gibt, die uns geradezu zwingen, deutlich zu machen, daß wir nur noch sehr wenig Zeit haben, einen Ausweg aus der von uns geschaffenen Sackgasse zu suchen und zu finden.

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   Hans Joachim Rieseberg Verbrauchte Welt Die Geschichte der Naturzerstörung und Thesen zur Befreiung vom Fortschritt