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2. Bodenschätze sind keine Energiereserven

 

 

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In der Entwicklungsgeschichte der Erde nimmt die Menschheit nur einen winzigen Zeitraum ein. Wir sehen uns aber als Mittel- und Endpunkt dieser Entwicklung und leiten daraus unser Recht ab, alles, was in diesem unendlich langen Zeitraum an natürlichen Ressourcen geschaffen worden ist, innerhalb von extrem kurzer Zeit zu verbrauchen. 

Wir ignorieren damit das Verhältnis zwischen der Entwicklungs­geschichte unserer eigenen Art und unserem eigenen Leben, das heißt, wir wollen in der kurzen Zeit unseres Menschenlebens wesentlich mehr Lebensqualität haben, als Zehntausende von Generationen vor uns hatten.

Die Menschheit brauchte mehr als eine Million Jahre, um den Schritt zur Entwicklung der Dampfmaschine zu tun. Wir aber gehen davon aus, daß innerhalb eines Zeitraums von 25 Jahren jeder einzelne Mensch einer Weltbevölkerung von 4 Milliarden Menschen so viel nicht regenerierbare Energie zur Verfügung hat wie z.B. sämtliche Einwohner der Stadt Berlin im Jahre 1817, als dort die erste Dampfmaschine mit 17 PS aufgebaut wurde.

Heute muß jeder Familie mindestens eine Gesamtantriebsenergie von mehr als 100 PS zur Verfügung stehen, um ein vermeintlich "menschenwürdiges" Leben zu garantieren. Erst vor diesem Hintergrund kann man ermessen, was es bedeutet, wenn Reserven, für deren Entstehung Hunderte von Millionen Jahren notwendig waren — Kohle, Erdöl und Erdgas — in einem Zeitraum von 300 Jahren verbraucht werden. Bisher gingen wir davon aus, daß dieser Verbrauch uns ein angenehmes Leben ermöglichen würde. Wir haben in den eingelagerten Energievorräten lediglich Material für die Energie­erzeugung gesehen.

In der Anfangsphase ihres Verbrauchs sah man in der Kohle einen unterirdischen Wald, der immer wieder nachwächst. Diese naive Vorstellung wurde abgelöst durch eine partiell natur­wissen­schaftliche Vorstellung. Es wurden Theorien entwickelt, die erklärten, wie die Kohle durch Ablagerungen von Bäumen, Pflanzen und Farnen entstanden ist. Der starke Oberflächendruck, der durch die immer wieder aufgelagerten Gesteinsmassen entstand, brachte eine Verdichtung, so daß der Wald der Vorzeit in immer neuen Schichten und immer neuen Epochen zu Kohle gepreßt wurde.

Bei dieser eher mechanisch-naturwissenschaftlichen Sichtweise ist bisher außer acht geblieben, daß nicht allein die Bäume und der Gesteinsdruck verantwort­lich für die Entstehung der Kohle waren. In der Kohle selbst sind viele chemische Elemente gebunden, die bei der Verbrennung freigesetzt werden und deren Bedeutung wir erst nach und nach erkennen. Besonders wichtig sind Schwefel, Schwermetalle und weitere chemische Verbindungen, die bei der Verbrennung Luftverschmutzung verursachen.

Ein Teil dieser Elemente, die in der Kohle enthalten und gebunden sind, entstammt der Uratmosphäre der Erde. Wenn man nun irrtümlicherweise davon ausgeht, daß die Kohle nur Brennmaterial aus der Erdoberfläche ist, so sieht man nur einen Aspekt ihrer Bedeutung. Es wird dabei übersehen, daß durch die Kohle eine Menge Schadstoffe aus der Atmosphäre herausgefiltert, gebunden und in tiefere Erdschichten eingelagert wurde. Wir müssen uns deshalb die Frage, ob und wie wir Brennmaterialien — Kohle, Öl, Erdgas — verheizen und verarbeiten, neu stellen.

Durch unser Verbraucherverhalten setzen wir in kürzester Zeit einen großen Teil der Schadstoffe, die aus der Uratmosphäre herausgefiltert wurden, wieder frei, ohne sie erneut zu binden, wie das die Kohle in Jahrmillionen getan hat. Deshalb muß am Anfang unserer Umorientierung in bezug auf den Energie­verbrauch ein neues Verständnis der Funktionen von Kohle, Erdöl und Erdgas stehen. Diese Rohstoffe sind Schadstoffilter, die uns — der Menschheit — ein Leben in der Atmosphäre erst ermöglicht haben.

Ein Abbau dieser Schadstoffilter durch fossilen Energieverbrauch innerhalb kürzester Zeit würde wahrschein­lich ausreichen, um die Atmosphäre, also die Luft, die wir atmen müssen, so zu verändern, daß menschliches Leben nicht mehr möglich ist, es sei denn, man erfände technische Geräte, durch die wir permanent künstlich zu beatmen wären. 

Die Gift­katastrophe in Kamerun 1986, bei der durch einen Ausbruch von Schwefelgasen aus einem See mindestens 1300 Menschen innerhalb von Minuten ums Leben kamen, beweist diese These. Hier konnte man die konzentrierte und kurzzeitige Wirkung der Schadstoffe, die unter anderem in der Kohle gebunden sind, beobachten.

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Die globalen Auswirkungen der Kohleverbrennung könnten allerdings erst nach etwa 300 Jahren exakt bestimmt werden. Was in Kamerun nur eine Stunde dauerte oder eventuell noch weniger, wird beim Verbrauch der Kohle rund 300 Jahre dauern, und am Ende dieses Prozesses ist erst das Ausmaß der Katastrophe festzustellen, die wir in Gang gesetzt haben.

 

Mit den Betrachtungen über die Entstehung der Kohle im Kambrium habe ich versucht klarzumachen, wie wichtig erdge­schichtliche Kenntnisse für unsere heutige Entwicklung sind. Sieht man sich aber den wissenschaftlichen Kenntnisstand an, so findet man sehr viel Unsicherheit. Während Geologen schon seit längerer Zeit genauere Forschungsergebnisse ermitteln und damit ihre Theorien über die Erdgeschichte immer besser belegen können, ist die sogenannte Wissenschaft der Paläoklimatologie erst im Entstehen begriffen und kann uns bisher nur vage Kenntnisse über die klimatischen Verhältnisse vorzeitlicher Epochen ermitteln. Unser Umgang mit der Kohle und fast allen anderen Bodenschätzen erfordert jedoch exaktes Wissen darüber, welchen Ursachen diese Grundstoffe ihre Entstehung verdanken.

Es gibt eine Theorie, wonach die Kohle der Erdatmosphäre in großem Ausmaß CO2 entzogen hat. Steigt beispielsweise der CO2-Gehalt der Atmosphäre um das Doppelte oder halbiert er sich, so verändert sich die Durchschnittstemperatur um jeweils 3°C nach oben oder unten. Bemerkenswert ist, daß die Erdatmosphäre nur 0,03 % CO2-Gehalt hat; dieser ist aber entscheidend verantwortlich für den gesamten Wärmehaushalt der Erde. Inzwischen läßt sich nämlich nachweisen, daß die Existenz des Menschen nur in einem insgesamt ausgeglichenen Erdklima möglich ist.

Wenn man nun annimmt, daß vor der Entstehung der Kohle — im Kambrium — der CO2-Gehalt wesentlich höher war, so war damit die Entstehung menschlichen Lebens unmöglich. Die Freisetzung eines großen Teils der in 300 Millionen Jahren gebundenen Kohlenstoffe in die Atmosphäre würde bedeuten, daß wir die Atmosphäre in einen Zustand verwandeln, der dem der Vorkambrium-Zeit ähnlich ist. Darüber hinaus ergibt sich durch die Freisetzung eine weitere wesentliche Veränderung der Ozonschicht und anderer bedeutender Spurengase in der Atmosphäre.

Dieser Prozeß sowie die von mir aufgezeigten Vorgänge der Bindung anderer Schadstoffe sind von entscheidender Bedeutung für die Existenz des Menschen. Daraus folgt, daß wir — trotz mangelhafter Erkenntnisse — die Warnungen zahlreicher Wissenschaftler vor einer nahen Katastrophe nicht länger ignorieren dürfen. Anders gesagt: Gerade weil wir so wenig wissen, es aber sehr viele ernst zu nehmende Anzeichen für eine Katastrophe gibt, dürfen wir das Experiment — das Aufheizen der Atmosphäre — nicht weiter fortführen.

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Die erdgeschichtlichen Zeitalter, die dem Kambrium folgten, haben vermutlich ebenfalls zu einer immer stärkeren Reduzierung gefährlicher Schadstoffe auf der Erdoberfläche und in der Erdatmosphäre geführt. So dürften verschiedene der von uns heute "ausgebeuteten" Metalle — wie Blei, Kupfer, Zinn, Zink, Uran — erst durch ihre tiefe Einlagerung in der Erde zur Existenz der Säugetiere und des Menschen beigetragen haben. Diese Theorie widerspricht natürlich allen Theorien, die davon ausgehen, daß die Natur oder irgendeine überirdische Macht einen unterirdischen Schatz für uns angelegt hat, den wir nur auszugraben und zu nutzen brauchen.

 

Nun kann man einwenden, daß verschiedene erdgeschichtliche Entwicklungsstufen vielfach Katastrophen erlebt haben. Dabei ist aber zu bedenken, daß für diese Entwicklungen der Begriff Katastrophe, wie wir ihn heute benutzen, mit Sicherheit völlig fehl am Platze ist. Das vieldiskutierte Sterben der Saurier vollzog sich nicht in 10, 20, 100 oder 1000 Jahren, sondern umfaßte in der Regel Millionen von Jahren. Diese sogenannten Erdkatastrophen oder Erdkrisen (vgl. K. Schmidt, S. 253) erhalten ihre Bezeichnung erst dadurch, daß wir — der Anschaulichkeit halber — versuchen, die gesamte Erdgeschichte beispielsweise im Ablauf eines Jahres oder Tages abzubilden.

So sind die Zeiten des Kambriums, des Devons, des Perms, der Trias und der Kreide als Zeiten des Massen­sterbens von Meeresbewohnern bekannt — am Ende des Perms war nahezu die Hälfte der damals bekannten Tierfamilien ausgestorben. Erst später, nach 15 bis 20 Millionen Jahren wurde die Vielfalt der Formen wieder erreicht. Wir müssen diese Entwicklungen aber in Beziehung setzen zu unseren heutigen Zeitdimensionen: Es geht dabei um 100, 200 oder höchstens 1000 Jahre.

Deutlicher ausgedrückt: In einem der frühen Erdkatastrophenzeitalter, d.h. im Perm, verschwanden innerhalb von 15 Millionen Jahren durch natürliche Einwirkungen ca. 1000 Tierfamilien. Der Mensch hat aber in den letzten hundert Jahren bereits 450 Arten ausgerottet. Setzt man diese Zahlen zueinander ins Verhältnis, so hat der Mensch durch seine technischen Möglichkeiten gegenüber der Natur eine ca. 70.000fache Beschleunigung im Ausrotten von Tierarten erreicht.

Bedenkt man weiterhin, daß auch in dem erwähnten Zeitraum von 100 Jahren noch ein Beschleunigungs­faktor enthalten ist, so müßte man schon allein aus diesen Zahlen den Schluß ziehen, daß der Mensch — der nun einmal trotz seiner ganzen Technik nur mit anderen Tierarten zusammen existieren kann — rein numerisch noch eine Lebenszeit von 10 Jahren hat.

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Ich möchte nun auf das Verhältnis Mensch—Umwelt und den Energieverbrauch in der Übergangszeit von der Entwicklung früher Tierformen zu der des Menschen eingehen.  

Heute gehen die Paläonthologen davon aus, daß die frühesten Menschen in Afrika gelebt haben und daß es keine unmittelbare Aufeinander­folge von Menschen­arten gegeben hat, sondern die Entwicklungs­geschichte des Menschen sich in mehreren Ästen vollzogen hat, die teilweise ausgestorben sind und teilweise bis in unsere heutigen Generationen hineinreichen.

Dabei sind alle Forscher der Auffassung, daß der Mensch in dem Zwischenstadium zwischen Tier und Mensch — also zwischen affenähnlichem Tier und menschenähnlichem Affen — ein Waldtier gewesen ist. Dieses hatte alle seine Fähigkeiten zum Leben und Überleben auf seine natürliche Umgebung ausgerichtet, sowohl was seinen Bewegungs- und Wahrnehmungsapparat als auch seine Nahrungssuche anbelangt. So ist der Mensch zwangsläufig ein Jäger und Sammler wie viele der mit ihm verwandten Tiere.

 

Eines der großen Mißverständnisse in den Theorien zur Entwicklung des Menschen dürfte auch die Mystifizierung des aufrechten Gangs sein, der neben einigen anderen Merkmalen, die dem Menschen allein zugedacht werden, als eine unserer "erhabensten" Errungenschaften gegenüber den übrigen Lebewesen angesehen wird. Der Mensch hat sich nicht deshalb aufgerichtet, weil er sich über die anderen Tiere erheben wollte oder weil er es für vernünftig hielt, sondern weil diese Haltung für seine Fortbewegung auf der Nahrungssuche günstig war. In bezug auf die Energie, die der Mensch benötigt, um sich fortzubewegen, ist dies deshalb interessant, weil unter Umständen in einer entsprechenden Umgebung die Fortbewegung auf vier Beinen viel vernünftiger gewesen wäre. Hinzu kommt, daß die Belastung durch die totale Aufrichtung langsam zu einer chronischen Zerstörung eines Teils seines Knochenapparates führt. Damit wird genau das Gegenteil von dem erreicht, was man "erhaben" nennen könnte.

Der Mensch fügte sich durch seine Entwicklung zum aufrecht Gehenden wahrscheinlich einen chronischen Konstruktions­fehler zu, den er später durch alle möglichen technischen Hilfsmittel auszugleichen versuchte. Die Plausibilität dieser Betrachtungsweise ist allein dadurch belegt, daß fast alle Orthopäden bei Erkrankungen der Wirbelsäule immer wieder darauf hinweisen, daß dieser Körperteil eigentlich nicht so konstruiert ist, daß er den aufrechten Gang des Menschen auf Dauer aushalten kann.

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Hinzu kommt, daß alle anderen Tiere, die eine gewisse Laufgeschwindigkeit benötigen, um zu jagen, mit vier Beinen viel schneller sind als wir mit zwei. Der Mensch reduzierte sich damit in einer frühen Stufe seiner Entwicklung auf einen bestimmten Lebensbereich, hat aber wahrscheinlich einen Teil der Instinkte, die anderen Lebensbereichen zuzuordnen waren, nie abgelegt. Im folgenden wird noch ausgeführt werden, welche Auswirkungen dies auf die Entwicklung bestimmter Techniken, die der Mensch nutzt, um schnell zu sein, gehabt hat.

 

Die gängigen Theorien der Entwicklung der Menschheitsgeschichte gehen davon aus, daß der Mensch sich vom Jäger Und Sammler zum Ackerbauern entwickelt hat. Die Energiebilanz betreffend bedeutet dies, daß die Nutzung der Energie sich von der reinen Sonnen­energie zu einer erstmals technisch gewonnenen Sonnenenergie wandelt. Oder anders gesagt: Der Jäger und Sammler sammelt mehr oder weniger zufällig, was die Sonne ihm an Nahrungsmitteln zur Verfügung stellt. Die Energiebilanz dieses Menschen ist neutral. Er lebt, energetisch gesehen, von der Sonnenenergie und greift noch nicht einmal die Biosphäre — d.h. den Wald oder den Pflanzenwuchs — an, um sich zu versorgen. Auch in seiner Abfallbilanz dürfte er energetisch absolut neutral gewesen sein. Die viel interessantere und bedeutendere Stufe ist die Epoche der Ackerbauern und Viehzüchter. Auch in der frühen Zeit des Ackerbaus lebte der Mensch — energetisch gesehen — allein von der Sonnenenergie, aber er griff zum erstenmal regulierend in das Energiesystem der Natur und in die Biosphäre ein.

Nachdem der Mensch den Schritt vom Jäger und Sammler zum Ackerbauern vollzogen hatte, trat er in einen neuen Zustand des Energieverbrauchs ein. Künftig wendete er zwar für seinen unmittelbaren Lebensunterhalt genausoviel Energie auf wie vorher, erreichte aber durch mehr Energieeinsatz einen höheren Ertrag. Das bedeutete, er hatte mehr Lebensmittel, als er für sich selbst oder für seine Familie benötigte. Was die Energiebilanz betrifft, so war dies unsinnig, weil er natürlich, um mehr Ertrag zu haben, auch mehr Energie aufwenden mußte. Da aber die gewonnene Energiemenge nicht gebraucht wurde, erzeugte er Luxus oder Überschuß.

Der Übergang vom Sammler und Jäger zum Ackerbauern wird heute allgemein von Archäologen und Paläonto­logen als sogenannte "neolithische Revolution" bezeichnet. Mit dieser Bezeichnung wird zwangs­läufig ein Bezug zur "industriellen Revolution" hergestellt: Man geht in der allgemeinen Systematik der menschlichen Entwicklung sowohl bei der neolithischen als auch bei der industriellen Revolution von einem Fortschritt in der Entwicklung der Produktivkräfte aus. Das Jagen und Sammeln von Nahrungsgütern war weitgehend vom Zufall bestimmt.

Mit der neolithischen Revolution beginnt der Mensch erstmals, gezielt zu handeln. Dies bedeutete aber, daß der Energie­verbrauch höher wurde, ohne daß der Energieertrag stieg. Fast alle Wissenschaftler haben bisher diesen Vorgang nur unter dem Aspekt gesehen, daß ausreichend Energie zur Verfügung stand und deren Nutzung unmittelbar vom technischen Fortschritt abhing. Übersehen wurde, daß jeder Energie­verbrauch auch mit Entsorgung verbunden ist. Etwas deutlicher drückt diesen Vorgang der Begriff Abfall aus; Abfall ist ein Produkt, das nicht mehr benutzt wird, aber die Umgebung schädigt.

Wir können heute behaupten, daß in den Gesellschaften der Sammler und Jäger eine höchst vernünftige Relation zwischen Energieaufwand und Energieertrag bestand. Der Einwand, wir wüßten zu wenig über die Urgesellschaften, um dies behaupten zu können, kann nicht gelten. Durch Studien bekannter Ethnologen über noch heute lebende Südseestämme läßt sich dies ausreichend belegen.

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  Hans Joachim Rieseberg Verbrauchte Welt Die Geschichte der Naturzerstörung und Thesen zur Befreiung vom Fortschritt