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6. Die Dampfmaschine — Sackgasse der Technik

 

 

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Obwohl es erst seit 200 Jahren dampfbetriebene Maschinen und seit 100 Jahren Verbrennungs­kraft­masch­inen gibt, können wir uns ein Leben ohne diese "Errungenschaften" nicht mehr vorstellen. Wir tun vielfach so, als hätte erst die industrielle Revolution den Menschen aus der dunklen Vorzeit — aus der Bindung an die Naturgewalten — befreit, weil mit Hilfe von nicht­regener­ierbarer Antriebsenergie, d.h. der Verbrennung von Kohle, die industrielle Produktion unabhängig vom Vorkommen von Wasser, Sonne und Wind wurde. Die Entwicklung der Dampfmaschine war jedoch nicht die erste Antwort des Menschen auf die Frage, wie Produktions­prozesse zu erleichtern seien. Seit Jahrhunderten verfügten die Menschen über Apparate und Maschinen, die mit regenerierbarer Energie angetrieben wurden.

All diese Antriebsmaschinen leiteten sich letztendlich von der Handmühle zur Zerkleinerung des Getreides ab. Das wichtigste Prinzip zur Konstruktion dieser Maschinen war das Drehprinzip: das Rad und die Kurbel. Damit gelang es, die multifunktionalen Bewegungen, die der Arm des Menschen oder Tiere ausführen können, in mechanische Antriebsenergie umzufunktionieren. Um 2400 v.Ch. wurde nach heutiger Kenntnis diese Maschine entwickelt und erstmals eingesetzt. Sie wurde dann im Laufe der Jahrtausende verbessert: Es gelang zum Beispiel, einen längeren Hebelarm anzubringen, in dem die Kurbel verlängert wurde, so daß man an das Ende des Hebelarms ein Tier anspannen konnte. Das neue Gerät nannte man Göpel bzw. Göpelwerk. Die Tiere oder oft auch Menschen liefen im Kreis herum und trieben dadurch Mühlen, Wasser­schöpf­werke und andere mechanische Geräte an.

Die Wasserschöpfwerke waren die Vorläufer für eine andere wichtige Antriebsenergiemaschine. Indem man das Prinzip umkehrte, entwickelte man das Wasserrad, ein Antriebssystem, das bereits von den Griechen genutzt wurde. Es setzte sich jedoch noch nicht gesamtgesellschaftlich durch, weil sowohl die Griechen als auch die Römer durch ihre Sklavenwirtschaft den größten Teil ihrer Antriebsenergie aus menschlicher Muskelkraft bezogen.

Wassermühlen fanden sich nur dort, wo die Bedingungen günstig waren: z.B. in den Caracalla-Thermen zum Getreidemahlen oder an der Mosel, um Marmor zu zersägen. Große Bedeutung gewannen Wasserräder im Mittelalter in den europäischen Erzgruben. Agricola hat in seinem posthum (1556) veröffentlichten Werk <De re metallica libri XII> den effektiven Einsatz dieser Technik beschrieben: Die Wasserräder hatten inzwischen einen Durchmesser bis zu 7 m erreicht, entwickelten beachtliche Kräfte und ermöglichten es, Erz auch in größeren Tiefen abzutragen.

 

Früher als das Wasser wurde der Wind als Antriebssystem benutzt, allerdings jahrtausendelang zunächst nur als Transportenergie für Segelboote. Etwa ab 600 n. Chr. wurden in Persien und Afghanistan erste horizontale Windmühlen als stationäre, dezentrale Antriebs­energie-Erzeuger genutzt. In der Folgezeit fand hier eine stürmische Entwicklung statt. Den Turmwindmühlen des Mittelmeer­raumes folgten mittel­europäische Bockwindmühlen. Das Mühlenprinzip wurde laufend verbessert, so daß schließlich die sog. "Holländische Windmühle" mit der Windrose als automatischer Steuerungseinrichtung entstand.

Gemeinsam ist all diesen Systemen, daß sie unterschiedliche Erscheinungsformen von Sonnen­energie sind: Die Muskelkraft von Mensch und Tier wird durch die Verbrennung von Nahrung in den Muskeln produziert. Die Windenergie ist Sonnenenergie, weil der Wind durch Temperaturunterschiede in der Atmosphäre, die von der Sonne hervorgebracht werden, entsteht; Wasserkraft läßt sich auf Sonnenenergie zurückführen, weil die Bewegung der Flüsse und Bäche durch die Verdunstung des Wassers von der Sonne verursacht wird und die Quellen der Flüsse und Bäche vom Regen gespeist werden. Wir können also mit Fug und Recht feststellen, daß für jede Form von Antriebsenergie gilt: Am Anfang war die Sonnenenergie. Sie begleitete den Menschen bis zur Entwicklung der Dampfmaschine, also über Jahrtausende.

Die beachtlichen technischen Leistungen, die bis zum 18. Jahrhundert vollbracht wurden, entwickelten sich auf der Grundlage dieser Antriebsenergie. Leonardo da Vinci (1452-1519), Agostino Ramelli (1531-1590), Johannes Stradanus (1536-1605), Johannis van Zyl (1719-1771), Jakob Leupold (1674-1727) u.a. verbesserten diese Systeme und entwarfen die vielfältigsten Maschinen (Flugapparate u.ä.). Die Niederländer haben ab 1526 große Gebiete als landwirtschaftliche Nutzfläche dem Meer abgerungen, indem sie sie mit Hunderten von windgetriebenen Pumpmühlen entwässerten.

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Aus Einzelmühlen entstanden große Industriebetriebe und ganze Industriekomplexe. Beispielsweise beherrschte die Region Zaandam mit ihren automatischen windbetriebenen Sägemühlen im 18. und teilweise noch im 19. Jahrhundert den gesamten Schnittholzmarkt in Nordeuropa. An der Spree entstand zwischen Berlin und Cölln ein Wassermühlen­komplex, der 1285 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Im Jahre 1755 umfaßten "Die Königlichen Mühlen auf dem Mühlendamm" 14 Mühlenwerke, 29 Wasserräder und 53 Mahlgänge bei einer Spreebreite von ca. 90 m. In diesem Komplex wurde gesägt, gewalzt, gewalkt, gemahlen etc., obwohl nicht einmal eine besonders leistungsfähige Wasserkraft vorhanden war. Dennoch stellte er wahrscheinlich die größte frühindustrielle Produktionsstätte dar. Aufgrund der intensiven und dezentralen Nutzung der Sonnenenergie entstand also im gesamten europäischen Raum eine hochentwickelte Technik, die im Grunde alle Antriebsprobleme, die sich ihr stellten, mit sparsamen und effektiven Methoden löste.

 

Ein gewaltiger Entwicklungssprung vollzog sich dann in Amerika, als Oliver Evans die erste automatische Maschine der Welt konstruierte, die 1784/85 am Redclay Creek in Delaware errichtet wurde. Mit Hilfe von Paternosterwerken, archimedischer Schraube, Elevatoren (Becherwerken) und Endlosbändern gelang es, die Mühle von Handarbeit zu befreien; der Mensch wurde nur noch als Aufseher und Reparateur benötigt. Damit war der erste automatisierte Produktions­prozeß — allerdings mechanisch gesteuert — entstanden. Selbst die Fließ­band­produktion, die Henry Ford 1916 aufnahm, stellt gegenüber diesem Verfahren nur eine Teilautomatisierung dar. 

Doch nicht nur das Innenleben der Mühle verdient Beachtung, sondern auch die Tatsache, daß sie von Wasserkraft angetrieben wurde. Die Vorstellung, daß technischer Fortschritt nur durch nichtregenerierbare Dampfkraft möglich sei, hat sich nämlich erst während der industriellen Revolution durchgesetzt. Evans Mühle belegt aber, daß eine Entwicklung der Produktivkräfte auch mit Sonnenenergie möglich ist — eine Forschungsrichtung, die wir seit 200 Jahren vernachlässigt haben, so daß die Defizite in ihrer Anwendung, die wir heute beklagen, auf diesen Zeitverlust zurückzuführen sind.

 

Als Konrad Matschoss 1901 seine berühmte <Geschichte der Dampfmaschine> schrieb, wollte er durch dieses Kapitel der Technik­geschichte einen Kontrapunkt zur herkömmlichen Geschichts­schreibung setzen. Diese erschöpfte sich seiner Meinung nach in der Beschreibung von Kriegen und Heldentaten, in den Ereignissen um Könige und Kaiser.

*  (d-2014:)    wikipedia  Conrad_Matschoss   1871-1942 

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Matschoss wollte dem eine Geschichte derjenigen Menschen entgegensetzen, die — von frühester Zeit an — gezwungen waren, den größten Teil ihres Lebens der Sorge um ihren Lebensunterhalt zu widmen, also der Mehrheit der Menschen. In der von ihm intendierten "neuen" Geschichts­schreibung griff Matschoss die alten Gebote der Bibel auf, von denen eines, gleichsam das Motto aller Kulturbestrebungen des Menschen, lautet: "Macht euch die Erde untertan." Und weiter: "Herrschaft über die Erde ist das Ziel, das der Menschheit gesetzt ist."

Doch immer noch ist "Herr der Erde" ein leerer Titel, nur ein schmückendes Beiwort. Der Mensch will nicht nur "Herr der Erde" heißen, er will es sein. Um dies zu verwirklichen, muß er sich immer neue Kraftquellen erschließen, seine Werkzeuge vervoll­kommnen und sein Wissen erweitern. Das und nichts anderes war das Motto für die Einführung der Dampfkraft. Heute erkennen schon viele, daß uns dieser Kampf um die Herrschaft über die Erde gründlich mißlungen ist. Aber Matschoss ging noch weiter zurück in seiner Deutung. Für den Betrieb der Dampf­maschine brauchte man Feuer. Wer hat uns das Feuer gebracht?

"Prometheus, ein Sohn der Götter, ein Titan, hat einst wider den Willen der Unsterblichen das Feuer vom Himmel zur Erde gebracht. Erst jetzt im Besitz der Himmelsfackel ist dem Menschen der Weg zur höchsten Kultur geöffnet. Der Zorn der neidischen Götter trifft den kühnen Entwender. An den massigen Fels, die rohe Materie geschmiedet, muß Prometheus erfahren, daß der Fortschritt der Menschheit mit den Qualen des kühnen Pfadfinders bezahlt werden muß."6

Prometheus wird damit zum mythischen Ahnherren der Techniker des 19. und 20. Jahrhunderts. Er gilt als Vorkämpfer für den Fortschritts­gedanken, und er erleidet, stellvertretend für den abendländischen Menschen, den Zorn der neidischen Götter, die verhindern wollen, daß sich der Mensch durch die Nutzung des Feuers in die Sphäre der Götter erhebt.

Die wirkliche Geschichte der Entwicklung der Dampfmaschine erinnert allerdings wenig an das Heldenepos, als das sie bei Matschos erscheint. Sie ging von der expandierenden Kohleindustrie aus, wobei das Interessante an diesem Vorgang darin besteht, daß eine in den Markt drängende Industrie Sachzwänge für größere Energieanforderungen schafft: Die Kohlewirtschaft förderte bis zu diesem Zeitpunkt in England ihre Brennstoffe nur für die Raumheizung und stand von Anfang an in erbittertem Konkurrenz­kampf zur Holzwirtschaft, die bis ins späte Mittelalter allein den Markt für die Raumheizung gedeckt hatte.

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Wenn im Mittelalter bereits viele Raumheizungen mit Kohle betrieben wurden, so lag dies daran, daß die Kohle zunächst leicht zugänglich war und auf dem Wasserwege transportiert werden konnte. Sie wurde nur deshalb verbraucht, weil sie billiger war, nicht etwa weil Holz knapp war.

Die Umweltbelästigung durch die Kohle führte zum Rückgang ihres Verbrauchs. Der Rauch des Steinkohlenbrandes in London war im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts ein allgemeines Ärgernis. Eine königliche Kommission, die im Jahre 1285 eingesetzt wurde, berichtet, daß der Kalk jetzt mit Kohle gebrannt werde anstatt wie früher mit Holz. Infolgedessen sei die Luft zum Schaden derer, die dort hinkommen oder dort wohnen werden, verschmutzt und verdorben. König Edward I. erließ deshalb 1307 für die Stadt London ein generelles Verbot des Kalkbrennens mit Kohle.

Später, als das Holzangebot wieder größer war, setzten die Engländer auch wieder mehr Holz für die Raumheizung ein. Damit verschwanden die Belästigungen durch den Kohleverbrauch. Erst die expandierende Politik Großbritanniens im Zeitalter des Imperialismus führte — durch den Flottenbau — wieder zu einer Verknappung des Holzes und folglich zu einem größeren Kohleverbrauch. Dennoch war auch dieser zweite Anlauf der Kohlewirtschaft, in den Heizenergiemarkt einzudringen, im 17. Jahrhundert zunächst einmal zu Ende.

Der Brite John Evelyn führte eine intensive Kampagne gegen den Kohleverbrauch und machte zum erstenmal auf die negativen Auswirkungen der Abgase aufmerksam: In den Gärten wuchsen bereits keine Blumen mehr, es gab in London keine Bienen mehr, und immer mehr Menschen litten unter Lungenkrank­heiten. Evelyn schlug vor, Gewerbe, die viel Brennstoff verbrauchten, auszusiedeln und ein allgemeines Aufforstungsprogramm zu entwickeln, um die Kohle erneut durch Holz zu ersetzen (s. Sieferle, S. 125).

Das Machtstreben der Briten um die Vorherrschaft in Europa ließ jedoch der Gesundheitsfürsorge für die eigene Bevölkerung keinen Raum. Zum zweitenmal nach dem Untergang des Römischen Reiches hatte damit in einem Staat die Ökonomie Vorrang vor der Ökologie. Die Kohleenergie ersetzte erstmals die regenerierbare Energie Holz. England war im 17. Jahrhundert der größte Textilexporteur der Welt. Für die Herstellung dieser Textilien wurde Wolle benötigt, von Schafen gewonnen, für deren Aufzucht Weiden benötigt wurden. Die englischen Großgrundbesitzer wandelten deshalb immer mehr Ackerland in Weideland um.

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Dabei wurden viele landlose Arbeiter arbeitslos, d.h. in der Landwirtschaft wurde rationalisiert. Die Arbeiter fanden dann aber in den immer zahlreicheren Textil­manu­fakturen neue, heute würde man sagen "innovative" Arbeitsplätze. Im Laufe dieses Prozesses entwickelte sich England vom Getreideexport- zum Getreideimportland. Im Zuge der Umstrukturierung des landwirtschaftlichen Bereichs mußte immer mehr Wald in Weide- und Ackerland umgewandelt werden. Der bereits von den Römern her bekannte ökologische Teufelskreis wurde in Gang gesetzt. Die Monokultur Weideland zerstörte zunehmend den natürlichen Kreislauf. Der vermehrte Einsatz fossiler Energie erzeugte die erste großflächige, teilatmosphärische Luftverschmutzung. Der Protest der Bevölkerung wurde aufgrund der ökologischen Zusammenbrüche immer stärker. Gleichzeitig entstanden neue Probleme: Parallel zur Industrialisierung im Innern Englands entwickelte sich die Kolonialpolitik. England wurde zum ersten Musterfall der ökologischen Zerstörung durch Industrialisierung.

In dieses 200jährige Szenarium eines Zusammenbruchs wurden viele Kolonien, vor allem Indien, mit hineingezogen. Am Ende dieser Entwicklung, in der auch die landwirtschaftliche Struktur Englands und Indiens zerstört wurde, stehen beide Länder mit unterschiedlichen Voraussetzungen da. Großbritannien kann heute als ein ausgemergeltes Industrierestland angesehen werden, dem nicht einmal mehr die reichen Ölvorkommen die Möglichkeit einer ökologisch orientierten, postindustriellen Entwicklung bieten. Indien, das 1947 unabhängig wurde, hat noch so viel landwirtschaftliche Restreserve, daß eine Neuentwicklung möglich erscheint.

Doch zurück zum Zeitpunkt des Beginns der eigentlichen Nutzung der Kohleenergie in England im 18. Jahrhundert. Nachdem die leicht zugänglichen Kohle­vorräte bereits erschöpft waren, mußten tiefere Schächte gebaut werden. Das erforderte eine größere Wasserhaltung, für die die herkömmlichen Kraftmaschinen nicht mehr ausreichten. Es war zu wenig Wasserkraft vorhanden. Darüber hinaus standen nur Windmühlen zur Verfügung. Die Regulierung der Windkraft war noch nicht so weit entwickelt, daß sie dauerhaft die Auspumparbeiten ermöglicht hätte. Zunächst baute man als Ergänzung zu den Windmühlen Wasserreservoirs, die bei Windstille Wasserräder als Pumpantrieb mit Energie versorgten. Ein so aufwendiges System trieb die Kosten für die Kohle in die Höhe; die Kohle wurde unrentabel. Auch der Ersatz der Windanlagen durch pferdebetriebene Göpelpumpen war finanziell nicht zu vertreten. Aus all diesen Gründen wurde eine fossile Energie, nämlich die Kohle, durch eine neue Energiequelle, nämlich die Dampfmaschine ersetzt.

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Auch an diesem Beispiel läßt sich sehr gut das Gesetz der Steigerung des Energiebedarfs erkennen. Er entwickelt sich in Form einer Spirale mit irreversiblen Aufwärtsdrehungen. Obwohl genügend Energie, Holz und Nahrungsmittel zur Verfügung standen, wurde in England eine Überflußsituation geschaffen, die aus dem Machtstreben der Exportindustrie resultierte. Daraus ergaben sich immer neue Sachzwänge zur Erfüllung des gesteigerten Energieverbrauchs.

Bereits um 1800 verbrauchte diese neue Antriebsenergie 10% der Kohleproduktion. Die Steigerung der Kohleförderung von 10 Mio. t im Jahre 1800 auf 60 Mio. t 1860 geht zum großen Teil auf die Dampfmaschinen zurück.

 

Der Schmied Thomas Newcomen konstruierte 1712 die erste brauchbare Dampfmaschine — das Resultat langjähriger hand­werklicher Erfahrungen. Sie konnte das Wasser aus den Schächten pumpen, hatte allerdings einen sehr kleinen Wirkungs­grad (zunächst wahrscheinlich unter 5%, später maximal bei 20%). Letzteres spielte aber für die Bergwerke keine Rolle, da Kohle kein Kostenfaktor war, zumal nur mit Kohlestaub gefeuert wurde, der ohnehin anfiel.

Lange nach Newcomens Tod gelangte ein Modell zu James Watt an die Universität Glasgow, der es reparieren sollte. Watt entwickelte einige Ideen zur Verbesserung bzw. grundlegenden Veränderung der Maschine, indem er einen vom Zylinder getrennten Kondensator schuf. 

Allerdings waren seine Mittel zu begrenzt, um eine neue Maschine herstellen zu können, aber es gelang ihm, den Unternehmer Roebuck, Besitzer großer Eisenwerke und Kohlegruben, als Geldgeber zu gewinnen. Roebuck erhoffte sich einen großflächigen Absatz der neuen Maschine in den Bergwerken, deshalb finanzierte er Watts Werkstatt. Watt erhielt schließlich 1769 das Patent und stellte im gleichen Jahr seine Maschine fertig. Allerdings erwies sie sich als Fehlschlag. Versuche, die Maschine zu verbessern, scheiterten, so daß Roebucks Spekulation, seine maroden Kohlegruben mit Hilfe von Dampfkraft zu sanieren, nicht aufgingen und er Konkurs anmelden mußte. J. Watt ging mit seinem Patent in die Konkursmasse ein.

Ein Konkurrent Roebucks, der Eisen-, Kupfer- und Silberwarenfabrikant M. Boulton, kaufte die Anteile auf, und Watt konnte nach drei Jahren seine Arbeit fortsetzen. Boulton ließ 1775, nachdem er erkannt hatte, daß es sich hier um eine langfristige Forschungs- und Entwicklungs­arbeit handelte, das Patent von Watt bis zum Jahre 1800 verlängern. Danach baute er ihm in Soho ein großzügig eingerichtetes Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionszentrum.

* (d-2014:)   wikipedia   Thomas Newcomen   1663-1729

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Mit dieser ersten großen Innovationsabteilung in einem Industriekonzern gelang es Watt 1777, eine einigermaßen funktionstüchtige Dampfmaschine zu bauen. Nach mehreren Einsätzen in Gruben­betrieben mußten zunächst das maschinelle Umfeld, die Präzision der Werkstattarbeit und die Metalltechnik verbessert werden. Darüber hinaus brauchte man für das Ausbohren der Zylinder der Dampfmaschine stärkere Bohrmaschinen, die mit den herkömmlichen Antriebs­systemen nicht betrieben werden konnten.

Das bedeutete, daß man zum Bau der Dampfmaschinen zunächst einmal wiederum Dampf­maschinen brauchte. Als endlich die Dampfmaschine eine gewisse Serienreife erreicht hatte, war der ursprünglich vorgesehene Absatzmarkt zusammengebrochen. Die Gruben in Cornwall befanden sich in einer Rezession und hatten kein Investitionskapital. Das Absatzgebiet der Dampfmaschine mußte erweitert werden.

Boulton hatte eine geniale Idee: Er bot die Dampfmaschine nicht dort an, wo sie gebraucht wurde, sondern dort, wo überschüssiges Kapital vorhanden war, also im Mühlenbereich. Die Mühlenbetriebe in England waren zu diesem Zeitpunkt exzellent mit Wasser- und Windmühlen versorgt, setzten halbautomatische Regelungen ein und machten gute Geschäfte. Boulton erfaßte diese Situation genial-kapitalistisch und erkannte, daß Energie­investitionen nur in den prosperierenden Bereichen zu stimulieren waren. Er gründete mit den großen Londoner Getreidehändlern eine Aktiengesellschaft zur Errichtung einer Mustermühle mit Dampfantrieb. Schon vor der Genehmigung durch die Behörden 1784 gab es massive Proteste von kleinen und mittleren Mühlenbetrieben gegen die neue Großmühle.

Es bildeten sich gleichsam "Bürgerinitiativen", die für den Erhalt der Wasser- und Windmühlen eintraten. Boulton protestierte nun seinerseits und prophezeite, neue Mühlen würden den Brotpreis wesentlich senken, im übrigen müsse man bei dieser Argumentation konsequent sein und — wenn schon — dann alle Maschinen verbieten. Die Behörden beschlossen ein Moratorium, erlaubten aber die Eintragung der neuen Gesellschaft als "Compagnie". Dadurch verlor Boulton wahrscheinlich Steuerprivilegien, konnte aber seine Mühle bauen, die 1786 mit dem Namen "Albion-mill" eingeweiht wurde. Nach anfänglichen Schwierigkeiten lief die Mühle mit ihrer 50-PS-Dampfmaschine auf einer zu hohen Leistung, denn die zusätzliche Kapazität auf dem Gebiet der Mehlerzeugung wurde weder in London noch auf dem Weltmarkt gebraucht, so daß der geschäftliche Erfolg ausblieb. Die Mühle wurde dann 1791 von militanten Fortschrittsgegnern in Brand gesetzt und verabschiedete sich in wenigen Stunden aus der Geschichte der Dampfmaschine.

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Bemerkenswert ist zweierlei: Der geschäftliche Mißerfolg der Mühle beruhte darauf, daß sie mit dem billigeren Mehl aus den USA, das aus vielen der Evans-Mühle ähnlichen Betrieben kam, nicht konkurrieren konnte. Weiter ist bemerkenswert, daß es von Anfang an eine breite Bewegung gegen den Einsatz der Dampfkraft gab, die sich aber dennoch als neue Energieform durchgesetzt hat.

Die Dampfmaschine stellte also die Energieform der industriellen Revolution dar. Auch Karl Marx hat sie als entscheidenden Indikator für die Entwicklung der Produktivkräfte angesehen. Allerdings wurde hiermit ein Weg eingeschlagen, der von der Nutzung der Sonnenenergie wegführte und von dem wir heute sagen müssen, daß er in eine Sackgasse mündet.

Zunächst ist zu bemerken, daß sich die Dampfkraft nur für eine großindustrielle Nutzung eignet, der bewährte Weg einer dezentralen kleinteiligen Wirtschaftsstruktur also verlassen werden mußte. Der Dampfmaschine folgten zahlreiche schwerindustrielle Bereiche, der große Verbrauch von Kohle forderte das Transportsystem Eisenbahn, das Grundprinzip der Energieerzeugung wurde auf nunmehr zwei Jahrhunderte festgeschrieben: Man erzeugt durch Verbrennung Wärme, die Wasser in Dampf umwandelt; der Dampf treibt entweder Zylinder oder, wie heute, Turbinen an, die entstehende Kraft überträgt sich auf Transmissionsriemen, die ihrerseits die Maschinen (Sägen, Bohrer, Kräne, Walzen, Pflüge u. a.) in Bewegung setzen.

Nach der Erfindung der Elektrizität erlebte die Dampfmaschinentechnologie einen neuen Aufschwung, da mit ihrer Hilfe Generatoren getrieben wurden, die Strom erzeugten. Dieser Strom konnte leicht weitergeleitet werden und wurde schließlich wieder in Wärme oder Kraft verwandelt, und zwar dadurch, daß er entweder Motoren oder Wärmekraftanlagen betrieb. Die Dampfmaschinentechnologie ist also eine Folge von Energieumwandlungsstufen. Dabei können in Extremfällen mindestens fünf Umwandlungsstufen durchlaufen werden, beispielsweise indem man elektrisch kocht. Der Dampf, der durch die Verbrennung von Kohle entsteht, wird durch Turbinen geschickt, die dann Generatoren antreiben. Die daraus entstehende Hochspannung kann nun wieder in Niederspannung verwandelt werden, die für den Haushaltsstrom benötigt wird. Dieser dient dann — in Wärme umgewandelt — dem Erhitzen von Wasser oder zum Kochen von Nahrungsmitteln. Während der verschiedenen Umwandlungsprozesse gehen 95 % der Energie verloren, die als Abwärme die Atmosphäre aufheizen.

Darüber hinaus erfordert das Funktionieren der Dampfmaschinentechnologie eine begleitende Technik, die den Energieverbrauch ins Unermeßliche steigert. Zunächst müssen riesige Mengen von Kohle, Erdöl, Gas oder Uran gewonnen beziehungsweise abgebaut werden. Man benötigt Bergwerke, Tagebau, Bohrtürme, Pipelines, Tanker, Häfen, Raffinerien, Aufbereitungsanlagen usw. Für den Betrieb dieser Anlagen müssen Maschinen gebaut werden, die keine andere Funktion haben, als fossile Energie­quellen zu erschließen und nutzbar zu machen. Zu den diversen Wärmeumwandlungsprozessen werden riesige Maschinen gebraucht, nämlich Generatoren, Dampfturbinen, Kessel, Rohrleitungen usw., die lediglich Wasser in Dampf und diesen dann in Dampfkraft oder Elektrizität umwandeln.

Last not least birgt die Dampfmaschinentechnologie noch einen weiteren Nachteil in sich: Sie ist umweltschädlich. John Evelyn schrieb bereits 1664!: "Dieser schreckliche Rauch [des Kohlebrandes — H.J.R.] schwärzt unsere Kirchen, läßt unsere Paläste alt aussehen, ruiniert unsere Kleider, verdirbt das Wasser, und selbst mit Regen und dem Tau, die solche Erfrischung bringen können, fallt dieser Schmutz herab, der schwarz und klebrig alles befleckt und verunreinigt, was ihm ausgesetzt ist."

Wer erinnert sich heute noch an die Forderung nach dem blauen Himmel über der Ruhr?

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  Hans Joachim Rieseberg Verbrauchte Welt Die Geschichte der Naturzerstörung und Thesen zur Befreiung vom Fortschritt