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12. Alternativen

 

 

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Die Industriegesellschaft entpuppt sich in allen Lebensbereichen als Energieverschwendungs­gesellschaft, denn 95% der eingesetzten nichtregen­erierbaren Energie entweicht ungenutzt in die Atmosphäre bzw. dient der Aufheizung der Gewässer. Die Ursachen dafür liegen im wesentlichen in folgenden Bereichen:

Die Folge dieser Verschwendung ist die Zerstörung der Ressourcen Boden, Luft, Wasser und Wald. 
Zu erwarten ist, wie wir gesehen haben: 

Diese Entwicklungen sind bereits eingeleitet und werden um die Mitte des nächsten Jahrhunderts zum Zusammen­bruch führen, d.h. zur Ausrottung eines großen Teils der Lebewesen — einschließlich der Gattung Mensch; sofern der Zerstörungsprozeß nicht bereits vorher durch einen Atomkrieg vollendet wird. 

Doch bleiben wir bei den zivilen Entwicklungs­tendenzen, die nur abzuwenden sind, wenn sowohl die kapital­ist­ischen als auch die sozialistischen Industrie­länder ihr Energie­verbrauchs­verhalten radikal ändern.

Die Alternative besteht nicht in der Suche nach einer neuen Energiequelle, einer Wunderenergie für das 21. Jahr­hundert, sondern in der Anpassung der menschlichen Bedürfnisse an die Natur, d.h. an diejenige Energie, die uns als Sonnenenergie zur Verfügung steht; denn nicht die Verbrauchsforderung kann Maßstab der Umorientierung sein, sondern das Angebot der Natur: Der Konsens zwischen Energieverbrauch und Natur muß auf Kosten übersteigerter Konsum- und Komfortansprüche wiederhergestellt werden. 

Um dies zu erreichen, müssen wir nach Wegen suchen, wie wir die Nutzung von Kohle, Öl, Erdgas und Kernenergie aufgeben und an traditionellen oder auch neuen Formen der Nutzung von Sonnenenergie anknüpfen können. Dabei ist zu beachten, daß diesbezügliche Ausstiegsszenarien sich auf verschiedene Zeiträume beziehen, nämlich kurzfristige (10 Jahre), mittel- (30 Jahre) sowie langfristige (50 Jahre).

Für eine Umorientierung werden die nächsten zehn Jahre entscheidend sein; in diesem Zeitraum müßte es gelingen, einen neuen Grundkonsens zu finden. Wichtige Faktoren dieses Konsenses könnten darin bestehen, die Fortschritts- und Wachstumsideologie aufzugeben, einen vorsorgenden Umweltschutz zu entwickeln sowie die falsche Vorstellung, es bestünde ein Ausgleich zwischen der herrschenden industriellen Produktionsweise und der Ökologie, endgültig zu begraben. Weiterhin wäre es wichtig, sämtliche Bereiche unseres Lebens ökologisch zu bewerten und den Ausstieg aus den obengenannten, besonders intensiven Energie­nutzungs­bereichen zu planen.

In dieser kurzfristigen Perspektive könnten die Verbraucher (die Privathaushalte) bereits einen entscheidenden Beitrag zur Veränderung leisten, indem sie auf energieintensive und umweltschädliche Produkte verzichten und ihre Lebens­gewohnheiten verändern. Diese Umorientierung kann in der Umstellung der Ernährung auf Vollwertkost bestehen, auf der Erkenntnis beruhen, daß das Baden im sauberen Fluß schöner wäre als im beheizten Freibad, daß der Apfel aus dem eigenen Garten höherwertiger ist als die herbeigeflogene Ware aus den entferntesten Ecken der Welt, daß die Nahrung den Jahreszeiten angepaßt werden kann, daß die Wanderung im Wald mehr Erholung bringt als die Fahrt mit dem 250-PS-Wagen zum Squashspiel.

Etliches mehr könnte man dazu aufführen, einfach zu realisierende Dinge, durch die bis zu 50% des privaten Energieverbrauchs gespart werden könnten.

Mittelfristig könnten sich auf der Grundlage dieser durchaus konservativen Bewertung von Lebensqualität Strukturen entwickeln, die es ermöglichten, auch die komplexen Bereiche unseres Lebens — Raumheizung, Stromversorgung, Entsorgung — auf die verstärkte Nutzung von Sonnenenergie umzustellen.

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Langfristige Strategien bestehen in einer Umstellung der Produktion von verbrauchsorientierten Zerstörungs­techniken auf natur­erhaltende Technologien. Es kommt also darauf an, nicht die existierenden technischen Systeme durch nachsorgenden Umweltschutz energieintensiv zu verbessern, sondern sonnenenergetische Techniken zu entdecken bzw. wiederzuentdecken und diese sinnvoll und sparsam zu nutzen.

Ein zentraler Bereich der Umstrukturierung wird die Landwirtschaft sein, da die bestehende Überschuß­produkt­ion nicht nur energieintensiv ist, sondern zusätzlich den Boden verbraucht. Wir benötigen daher, langfristig gesehen, einen biologischen Landbau, beispielsweise in Form von Permakulturen, wie sie Bill Mollison in Australien entwickelt hat. Als Permakultur bezeichnet man das Zusammenspiel von mehrjährigen Pflanzen und vielen Tierarten in einem Ökosystem, "das Regenwasser und Sonnenenergie (speichert), sie sparsam und effektiv (nutzt), die Bodenfruchtbarkeit (verbessert) und die Abfälle der einen Tier- und Pflanzenart als Rohstoffe für die nächste (verwendet). Sie ordnet die Tiere und Pflanzen so zueinander, daß ihre Bedürfnisse ohne menschliches Zutun erfüllt sind".

Weil bei dieser Form des Landbaus sowohl der Fruchtwechsel als auch das Pflügen entfallen, gibt es keine Bodenerosion. Durch eine bestimmte Auswahl von Pflanzen kann zudem innerhalb von fünf Jahren eine Entgiftung der Böden erreicht werden. Schließlich ermöglicht eine derartige Kultur, auf chemische Schädlings­bekämpfungsmittel zu verzichten und eine Vielfalt von Nutzpflanzen anzubauen. Der entscheidende Vorteil einer Gartenkultur scheint mir darüber hinaus darin zu liegen, daß sie auf kleinstem Raum — in Gewächshäusern, Schrebergärten etc. — betrieben werden kann und so auch eine Versorgungs­möglichkeit für viele Stadtmenschen bieten könnte, zumal weder Maschinen zur Bearbeitung noch zum Ernten gebraucht würden. Ein Teil der städtischen Grünflächen könnte zur Anlage von Permakulturen verwendet werden, man bekäme frische Ware und fände zudem einen Ersatz für energieintensive Freizeitgestaltung.

Die skizzierte Anbautechnik macht natürlich eine Umstellung der Nahrung auf mehr pflanzliche Produkte notwendig. Gleichzeitig könnte dazu übergegangen werden, wieder vermehrt Nahrungsmittel selbst herzustellen und auf die Fertigangebote — z.B. Tiefkühlkost — zu verzichten, wodurch auch ein erheblicher Beitrag zur Bekämpfung der sogenannten Zivilisations­krankheiten geleistet würde.

Wir brauchen also eine dezentrale landwirtschaftliche Struktur, die von den Bedürfnissen der Menschen ausgeht und nicht vom Gewinnstreben der Großagrarier und des Agrobusiness.

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Ein weiteres wichtiges Element einer neuen Politik ist die Umorientierung in der Stadtplanung. Dazu gehört zuallererst eine attraktive Nahverkehrsplanung, die das Umsteigen vom Auto auf die öffentlichen Verkehrsmittel erleichtert, d. h. ein Verkehrsnetz, das auf U-Bahn, S-Bahn und Straßenbahn gestützt ist. Der Autobus scheint innerhalb sehr großer Städte wie Berlin keine Alternative zu sein, sofern die Fahrzeiten vielfach dem des Autoverkehrs gleichen und der Fahrkomfort oft sehr zu wünschen übrig läßt.

Wien hat beispielsweise ein vorbildliches Verkehrsnetz. Die Straßenbahnen wurden beibehalten und durch ein S- und U-Bahnnetz ergänzt. Gebiete, die mit diesen Systemen nicht unmittelbar erreicht werden können, sind mit Minibussen jeweils bis zur nächsten Bahnstation angeschlossen. Um den Menschen in den Städten den Abschied vom Auto zu erleichtern, benötigt man auch ein Tarifsystem, das dafür Anreize bietet. In Wien gibt es eine übertragbare Umweltkarte für 200 Schillinge, mit der eine Person 8 Tage, zwei Personen 4 Tage alle Linien innerhalb des Wiener Stadtgebiets nutzen können. Der Fahrpreis von umgerechnet 3,50 DM pro Tag ohne einen zusätzlichen Lichtbildausweis macht das Fahren in dieser Stadt zu einem wahren Vergnügen!

Zur Umorientierung der Verkehrsplanung gehört ebenso, daß nicht mehr die Autofahrer, sondern die Fußgänger oder Fahrrad­fahrer als bevorzugte Verkehrsteilnehmer anzusehen sind. Die Schreibtischmenschen könnten ihre überschüssige Energie dann auf dem Weg zur Arbeit loswerden, ohne der Umwelt zu schaden. Eine weitere Strukturveränderung müßte zum Ziel haben, die unvernünftige Trennung von Wohnen und Einkaufen, die sich in den letzten 15 Jahren dadurch entwickelt hat, daß riesige Großmärkte am Stadtrand entstanden sind, aufzuheben zugunsten von Einkaufs­möglichkeiten im Wohngebiet.

 

Die Energieversorgungssysteme und die Energieträger selber stellen das größte Problem für die Umstrukt­urierung dar, weil uns nur die Sonnenenergie bleibt, die in Form von Wind, Wasser, Photovoltaik und Photosynthese genutzt werden kann. Als Treibstoff bleibt Wasserstoff, sofern er sonnenenergetisch erzeugt wird. Auf Sonnenenergie gestützte Energiequellen fallen überall in kleinen Mengen an. Die technisch-organisatorischen Strukturen müssen also dezentral angepaßt werden. Für die elektrische Grundversorgung sind z.B. Blockheizkraftwerke denkbar, die mit Sonnenenergie oder mit Wasserstoff betrieben werden.

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Für Einzelhäuser gibt es bereits das als Mao-Diesel bekannte System, das eine Energieausnutzung von 80 bis 90 % bringt und zusätzlich Strom liefert, der allerdings bei dem bestehenden Energie­erzeugungs­monopol an die großen Gesellschaften nur zu Dumpingpreisen verkauft werden kann. Für den ländlichen Bereich bieten sich darüber hinaus vielfältige Biogasanlagen an, die ebenfalls kleine Kraftwärmeanlagen betreiben können. Das alles setzt aber voraus, daß wir uns keinerlei Verschwendung von Energie mehr leisten und anstelle von Apparaten, die Energie verschwenden, solche verwenden, die Energie optimal speichern. Hier sind einerseits Ingenieure gefordert, andererseits Politiker, die der Energieverschwendung ein gesetzliches Ende bereiten. Dazu gehört z.B., daß Umweltschonung steuerlich begünstigt und deren Zerstörung bestraft wird: Das Verursacherprinzip ist überall anzuwenden. Es geht nicht an, daß die Gemeinschaft die Kosten dafür trägt, daß einzelne Raubbau an der Natur betreiben bzw. sie nachhaltig zerstören und dabei noch verdienen.

Neben diesen Maßnahmen muß endlich eine wirksame Umweltschutzgesetzgebung für alle Bereiche geschaffen werden. Smogalarm muß dann ausgerufen werden, wenn Smog droht, und nicht, wenn er schon da ist und mit dem ersten Toten zu rechnen ist. Die Grenzwerte für die Stufe 2 müssen mindestens um 50 % gesenkt werden. Der durchschnittliche Berliner lebt heute bei unseren Luftqualitäten schlechter als ein Pinguin im Zoo. Erst wenn wir wieder ein Bewußtsein für Luftqualität haben, werden wir unseren heutigen Zustand als total unnormal erkennen können. Die Grenzwerte für die Ableitung schadstoffhaltiger Luft müssen um die Hälfte gesenkt werden. Vor allem muß für alle Wärmeerzeuger eine gerätetypische Höchstmenge an CO2 gesetzlich verankert werden.

Für den gesamten Bereich der Gewässer muß grundsätzlich jede Einleitung von Giftstoffen verboten werden. Dies bedingt unmittelbar, daß die ganze chemische Produktion so umgestellt werden muß, daß sie mit giftfreien Rückständen arbeitet. Für den gesamten landwirtschaftlichen Bereich muß die Aufbringung von Pflanzen­schutzmitteln, Kunstdünger und Gülle auf den Boden gesetzlich geregelt werden. Die festgelegten Höchstmengen müssen mindestens um die Hälfte unter den heutigen liegen. Für die Aufbringung von Pflanzenschutzmitteln und anderen Giftstoffen muß eine Langzeit­regelung getroffen werden, die dazu führt, daß nach 20 Jahren der Einsatz dieser Mittel grundsätzlich abgeschafft wird.

 

Eine zentrale Bedeutung für die Herstellung eines Grundkonsenses über den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft wird die Frage nach den künftigen Arbeitsplätzen haben.

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Neue Formen des gesellschaftlichen Energieverbrauchs erfordern auch neue Arbeitsplätze. In den letzten 200 Jahren haben sich gewaltige Veränderungen in der Beschäftigungsstruktur der Industrie­gesellschaften ergeben: Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, die zwei Drittel der Bevölkerung innehatten, wurden zu industriellen Arbeitsplätzen oder zu Arbeitsplätzen im Handels- und Dienstleistungs­bereich umgewandelt. Wir erleben heute, daß diese zunehmend der Automatisierung und Rationalisierung zum Opfer fallen, so daß sich die Frage nach künftigen Arbeitsplätzen auch innerhalb des Systems der Industriegesellschaft stellen wird.

Aus den dargestellten Gründen ist ein Ende der Massenproduktion, die am schnellen Verbrauch orientiert ist und Rohstoffe und Energie verschwendet, unausweichlich. Diese Tendenz ist bereits im heutigen System angelegt, in dem gerade in dezentralen Bereichen Wachstumschancen gesehen werden. Nicht zufällig sehen die beiden Amerikaner Piore und Sabel die Ursache der Krise des amerikanischen Wirtschaftssystems darin, daß dezentrale sowie handwerkliche Traditionen fehlen, die in Europa und Japan noch bestehen. Mir erscheint zwingend, daß sich aus der Angebotsproduktion eine Nachfrage­produktion für langlebige Produkte entwickelt, die am individuellen Verbrauch orientiert ist. Dafür muß ein realer Preis gezahlt werden, der die Kosten für die Entsorgung enthält.

Eines der Hauptargumente gegen eine derartige, hier kurz umrissene Umgestaltung der Industriegesellschaft ist die internationale wirtschaftliche Verflechtung der Bundesrepublik — ein Argument, das auch gegen den Ausstieg aus der Kernenergie ins Feld geführt wird. Demnach hätten wir nur die Wahl, in kollektiver Unvernunft unterzugehen. 

Die angeblichen wirtschaftlichen Nachteile, die entstehen würden, beruhen jedoch auf falschen Berechnungen, da die Kosten für die Umweltschäden nicht mitgerechnet bzw. den nachfolgenden Generationen aufgebürdet werden, wie Lutz Wicke dargelegt hat.

"Diese Schadenswerte sind also keineswegs <abstrakte> ökonomische Größen, denen durch Aufsummierung und Vergleiche mit anderen volkswirtschaftlichen Positionen ein dramatisches Mäntelchen umgehängt werden soll. Es sind reale Schäden und damit eine unmittelbare Aufforderung zum umwelt­bewußten Handeln an die Politiker und an uns alle, denn weit über eine Billion Umweltschäden bis zur Jahrtausend­wende sind nichts anderes als der geldliche Ausdruck für das Maß der gegenwärtigen und zukünftigen Umweltzerstörung und damit der monetäre Ausdruck für die Bedrohung der Natur und unseres eigenen Lebens und des Lebens unserer Kinder und Kindeskinder".14)  

Unsere Regierenden sind leider weit davon entfernt, die Krise in ihrem vollen Ausmaß zu sehen oder gar Auswege zu suchen. Durch­halte­parolen sind angesagt. 

So wird man auch die Mahnungen der Klimaforscher überhören, die gerade wieder auf das "globale Experiment" hingewiesen haben, das die Industrie­länder mit der Atmosphäre durchführen — obwohl die Zeit, die uns noch bleibt, um etwas zu verändern, unendlich kurz ist.

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  Hans Joachim Rieseberg Verbrauchte Welt Die Geschichte der Naturzerstörung und Thesen zur Befreiung vom Fortschritt