Warlam Schalamow

Geschichten aus Kolyma, Kolymaer Erzählungen, Kolmyskie rasskazy

 

"Es gibt zwei Autoren, mit deren Büchern ich — bei allen Unterschieden — meines vergleichen würde: Solschenizyn und Schalamow. Ich finde, Solschenizyn hat mit seinem <Archipel GULAG> eine Art Enzyklopädie der sowjetischen Arbeitslager geschrieben. Er ist zweifellos ein begabter Schriftsteller und ich schätze ihn sehr. Doch noch höher schätze ich Schalamow und dessen <Geschichten aus Kolyma>. Für mich ist er der größte Schriftsteller des ganzen <KZ-Universums>. Als Autor von <Welt ohne Erbarmen> ziehe ich vor ihm den Hut."  (Gustaw Herling)

 

*1907 in Wologda bis 1982, Moskau (75)

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detopia:  Gulagbuch   S.htm  (Ordner G.Herling    Solschenizyn    Ginsburg Kersnowskaja  Applebaum   Tarkowski 

 

 

 

 

 

 

Schalamow: Ankerplatz der Hölle; Erzählungen, Gedichte, Dokumentation, Fotos;  Herausgegeben von Nadja Hess und Siegfried Heinrichs; Übersetzer: Barbara Heitkam, Kay Borowsky; 253 Seiten, Oberbaum-Verlag 1996 perlentaucher-1303 

Geschichten aus Kolyma -- von Warlam Schalamow  - 

 

 

 

   

Recits de la Kolyma      

Video 2007 3sat 

 

Audio:

Durch den Schnee Hörbuch   2007 dradio   2009 dradio  

 

2012a dradio   2012b dradio   2012c dradio Lärche   2013 Ausstellung 

Ab 1966 erschienen die <Geschichten aus Kolyma> in New York, London, Paris und BRD.   

 

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Texte:

Briefe Schalamow-Solschenizyn 

Durch den Schnee: Brot  

2007 Nachwort Kolyma  

2007 Rezension  

2007 Der verfluchte Orden - Von Ryklin  

2011 Hölle aus Eis  

2011 Durch den Schnee dradio  

2012 Hoffnungshauch dradio 

 

1. Durch den Schnee  2. Linkes Ufer   3. Künstler der Schaufel   4.Auferweckung der Lärche

Übersetzung von Gabriele Leupold

Herausgegeben von Franziska Thun-Hohenstein. 

 

Durch den Schnee    Von Cornelia Rabitz   dw-world.de   

Literaturwissenschaftler sprechen gerne von Warlam Schalamows "Poetik der Unerbittlichkeit“ — ein Ausdruck, der nicht nur die lakonisch-strenge und schnörkellose Sprache des Autors meint, sondern auch das, was er beschrieben hat: Das Gefangensein im Gulag, im stalinistischen Lager, in den eiskalten, weit abgelegenen, menschenfeindlichen Regionen der damaligen Sowjetunion. Unentrinnbar, aussichtslos, hoffnungslos.

Warlam Schalamow hat alles als Häftling selbst erlebt: Die unmenschliche Zwangsarbeit, das brutale Regiment des Wachpersonals, die Schläge, den Hunger, die erbarmungslose Kälte und vor allem: Die zerstörende Wirkung des Gulag auf den Menschen, das Abstumpfen der Psyche, die Deformation des Humanen, der Rückfall in eine schaurige Primitivität — kurzum: Den Zusammenbruch all dessen, was unter Kultur und Zivilisation zu verstehen ist. Das Lager, so schreibt er, habe "die menschliche Seele zersetzt“.

Versuch einer literarischen Bewältigung 

17 unvorstellbar lange Jahre war er — wegen angeblicher "trotzkistischer“ oder "konterrevolutionärer Propaganda“ — Gefangener im Gulag und er blieb ein vom Lager Gezeichneter, auch nach seiner Freilassung und der teilweisen Rehabilitierung. Seine später verfassten Erzählungen sind der Versuch, das erlebte Grauen literarisch zu bewältigen, freilich im Wissen, dass kein noch so ausgefeilter Text jemals dem Erlebten und Erfahrenen wirklich nahe kommen kann. 

Immer hat sich Schalamow auch mit der Frage beschäftigt, ob die Ästhetik des Schreibens angesichts der Wirklichkeit des Gulag nicht an ihre Grenzen stößt. Uns zeigt er heute, wie fragil alle Regeln des menschlichen Zusammenlebens unter extremen Bedingungen sein können. Und wie wenig den Menschen dann vom Tier unterscheidet.

Es sind düstere, beklemmende, zu Herzen gehende Texte über Not, Gewalt, Unterdrückung und Vernichtung. Über einzelne Menschen in den Weiten des grauenhaften Lager-Kosmos: Opfer wie Täter. Über ein unermessliches und jede Vorstellung übersteigendes Leid. 

In Russland weitgehend unbekannt

In der Sowjetunion waren seine Texte verboten, erst Ende der 1980er Jahre, zu Zeiten der Perestroika, konnten einige von ihnen und ein paar seiner Gedichte erscheinen. Im heutigen Russland ist Schalamow, der 1982 starb, nur wenigen Interessierten bekannt. Stalin, der so viele Unschuldige umbringen ließ, wird dort wieder als großer Feldherr verehrt.

Dass die "Erzählungen aus Kolyma“ — so der Untertitel — nun als erster Band einer Werkausgabe auf Deutsch erscheinen, dafür muss man der Herausgeberin, der Übersetzerin und nicht zuletzt dem Verlag Respekt zollen und dem Werk viele Leser wünschen. Denn Warlam Schalamow ist nicht nur ein herausragender — und für viele noch zu entdeckender — Vertreter der modernen russischen Literatur. Er reiht sich auch ein in die Reihe der großen literarischen Zeitzeugen: Primo Levi, Jorge Semprun und Imre Kertesz. 

Seine Texte zeigen auf eindrucksvolle Weise, dass es im 20. Jahrhundert zwei Katastrophen gegeben hat: Den von den Nationalsozialisten entfachten Holocaust. Und den von den Stalinisten verübten Massenmord. 

 

perlentaucher.de/artikel/1303.html  

Warlam Schalamow wurde 1907 als Sohn eines russisch-orthodoxen Priesters geboren. 1929 kam er das erste Mal ins Gefängnis. Er war dabei erwischt worden, wie er "Lenins Testament", jenen Brief, in dem der todkranke Lenin vor Stalin warnte, verteilte. 1931 wurde Schalamow aus der Haft entlassen, ging zurück nach Moskau. 1937 wurde er wegen "konterrevolutionärer Aktivitäten" erneut verhaftet und zu fünf Jahren Lagerarbeit verurteilt. Er wurde nach Kolyma geschickt, in jene kaum bevölkerte Zone im Osten Sibiriens, die das Zentrum des Gulagsystems war.

Kaum entlassen, wurde er wieder dorthin geschickt. Seit 1947 arbeitete er nicht mehr in Minen, sondern als Arzthelfer. 1953 kehrte er zurück nach Moskau. Seine Freundschaften mit Nadeschda Mandelstam, Pasternak und Solschenizyn zerbrachen. Von letzterem sagte Schalamow, er habe keine Lager gekannt und er habe sie überhaupt nicht verstanden.

Schalamow schrieb Gedichte, Essays, eine Autobiografie und einen Antiroman. Vor allem aber arbeitete er von 1954 bis 1972 an seinen "Kolyma-Erzählungen". Teile davon wurden klandestin verbreitet. Eine erste russische Ausgabe erschien 1978 in London. Taub und blind starb Schalamow am 17. Januar 1982 in einer psychiatrischen Klinik in Moskau. Auf deutsch erschienen kleine Auswahlbände. Derzeit ist keiner lieferbar. Auf französisch liegen die Recits de la Kolyma  jetzt vollständig auf 1515 Seiten vor.

Der Umfang schreckt ab. Wann soll man 1500 Seiten lesen? Ich habe noch nicht mehr als 300 Seiten davon gelesen. Aber es handelt sich um keinen Roman, auch um kein durch argumentiertes Sachbuch, sondern um eine Sammlung von 146 Geschichten. Die meisten berichten von Personen, stellen sie in einer konkreten Situation vor und erzählen dann, wie sie dorthin kamen und was später mit ihnen geschah. Soweit Schalamow das herausfinden konnte.

Man kann die sechs Seiten über Tante Polia lesen oder das Dutzend zur Schocktherapie, man kann auch die Bärengeschichte lesen oder die über Caligula. Schalamow bietet noch in der kleinsten Zelle seines Riesenwerkes die gesamte unverwechselbare DNA seiner Erzählkunst. In der Bärengeschichte zum Beispiel reagieren zwei Katzen höchst unterschiedlich auf die Erschießung eines Bären. Die eine verkriecht sich, als wolle sie mit der Gewalt nichts zu tun haben, die andere wirft sich auf den toten Riesen und leckt — wie triumphierend — sein Blut. Es ist immer beides möglich. Niemand ist dazu gezwungen, so zu reagieren, wie er reagiert.

 

Schalamows Geschichten zeigen den Lageralltag. Der Leser gewöhnt sich an ihn, wie die Insassen sich an ihn gewöhnten. Das ist das Beunruhigendste an den Kolyma-Erzählungen. Schalamow macht klar, wie selbstverständlich der Mensch nach einem kurzen Erschrecken das Schreckliche nimmt. Da sagt ein Arzt zum Häftling, es müsse furchtbar sein, in einer der Baracken zu leben. Man könne sich nicht einmal eine Zigarette anzünden, schon blickten fünfzig Augenpaare neidisch, gierig auf einen. Das, was den Reiz einer Zigarette ausmache, dieser Augenblick der Ruhe, werde einem im Lager nicht gewährt. Man liest das und fragt sich und den Autor: Ist der Arzt verrückt? Gibt es nichts Genaueres über den Archipel Gulag zu sagen, als dass man sich dort nicht in Ruhe eine Zigarette anzünden kann? 

Es gibt — so zeigt uns Schalamow — Momente, in denen der Wunsch nach einer in aller Ruhe genossenen Zigarette alles andere auslöscht. Und es hat diesen Arzt gegeben, der in diesem Augenblick alles, was ihm an Mitleid zur Verfügung stand, in das Bedauern darüber goss, dass einem Häftling möglicherweise nicht die Zigarette, wohl aber ihr Genuss vorenthalten bleiben musste. Fünf Zeilen danach liest man, wie derselbe Arzt Patienten die Nägel von den abgefrorenen Gliedern schneidet. Man bekommt eine Ahnung davon, dass es Situationen gibt, die gerade die Betroffenen selbst nicht beim Namen nennen wollen und können. Das Gespräch über Zigaretten mag die Gräuel der Lager verschweigen, aber für die, die Bescheid wissen, ist es ein schreiendes Schweigen.

Varlam Schalamows Kunst besteht darin, seine Geschichten immer wieder bis an den Rand des Schreckens zu treiben. Schalamow beschwört den Schrecken nicht. Er nennt ihn nicht beim Namen. Er versucht nie, ihn einzufangen. Er kreist ihn ein. 

Manchmal kommt Schalamow von ganz weit, aus Momenten, die denen des Glücks zum verwechseln ähnlich sehen, dann wieder ist er dem Schrecken vom ersten Satz an hautnah.

Den Leser lässt der Erzähler niemals heraus aus dem Archipel Gulag. Er muss das Buch schon aus der Hand legen, um wieder in der Normalität anzukommen. Aber auch die ist nach der Lektüre nicht mehr, was sie ihm vorher schien. 

 

Wer neben den Geschichten aus dem Archipel Gulag seine Geschichte kennen lernen möchte, der muss Anne Applebaums <Der Gulag> lesen.  

Es ist eine sorgfältige Arbeit, deren Wert trauriger Weise dadurch gesteigert wird, dass manche der Quellen, die die amerikanische Journalistin hat auswerten können, inzwischen wieder zur Verschlusssache erklärt wurden. Anne Applebaum erzählt die Geschichte des Gulagsystems, und sie versucht, seine Systematik sich und den Lesern verständlich zu machen.

Die Autorin ist zu klug, um sich in die Debatten über Totalitarismus oder Nicht-Totalitarismus einspannen zu lassen. Aber sie ist auch klug genug, um das Gulagsystem nicht ausschließlich als russisches oder sowjetisches Phänomen zu betrachten. Sie schreibt in ihrer Einführung: 

"Auch wenn dieses Buch sich auf die sowjetischen Lager konzentriert, so können sie doch nicht isoliert betrachtet werden. Der Gulag entstand und entwickelte sich zu einer bestimmten Zeit in einem bestimmten Raum und ist verknüpft mit anderen Geschehnissen. Dabei sind mir drei Zusammenhänge wichtig: Der Gulag gehört zum einen zur Geschichte der Sowjetunion, zum zweiten zur Geschichte von Gefängnis und Verbannung in Russland und in der ganzen Welt und drittens zu dem besonderen geistigen Klima Europas in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, das auch die nationalsozialistischen Konzentrationslager in Deutschland hervorgebracht hat."

Das Zitat macht die Qualität des Buches von Anne Applebaum und mindestens eben so sehr seine Mängel deutlich. 

Applebaum hat ganz Recht, es abzulehnen, die sowjetische Geschichte als nicht-europäische Geschichte zu beschreiben. Aber die schon an Artikulationsunfähigkeit grenzende Hilflosigkeit, mit der sie das tut, erschwert die Lektüre immer wieder. Sie schreckt nicht vor den allgemeinsten Phrasen zurück. Ein halbwegs intelligenter Leser wird sich immer wieder an der Ungenauigkeit ihrer Formulierungen stoßen. 

Aber er tut gut daran, seine Abwehr zu überwinden und ihr in die Erörterung der Details zu folgen. Ihr Vergleich zwischen der rassischen Vernichtungsstrategie der Nazis und der stalinistischen Lagerpolitik erhellt beide Systeme. Applebaum zeigt also nicht zuletzt, wie dumm und verdummend die Rede von der Unvergleichbarkeit des Nationalsozialismus ist. Schon das gibt ihrem Buch in der Bundesrepublik Deutschland ein immenses Gewicht.

 

 


 

 

Aus Wikipedia 2015:

 

 

Warlam Schalamow wurde in Wologda, einer Stadt rund 500 Kilometer nordöstlich von Moskau, geboren. Sein Vater, Tichon Schalamow, war orthodoxer Priester und hatte zwölf Jahre lang als Missionar in den Vereinigten Staaten gelebt, seine Mutter, Nadeschda Schalamowa, war Lehrerin. Er war der jüngste von insgesamt fünf Geschwistern, sein Name ist eine Vereinfachung des Namens eines Heiligen der orthodoxen Kirche, des Heiligen Warlaam von Chutyn (Warlaam Chutynski).

1923 beendete Warlam Schalamow die Schule und reiste ein Jahr später nach Moskau, wo er als Gerber in einer Lederwarenfabrik arbeitete. 1926 begann er ein Jurastudium an der Juristischen Fakultät der Moskauer Lomonossow-Universität. In der Folgezeit sympathisierte er zunehmend mit der sowjetischen Linken Opposition. 1927 nahm er an der Demonstration zum 10. Jahrestag der Oktoberrevolution teil, bei der Kritik zur politischen Entwicklung in der Sowjetunion vorgebracht wurde, die damals bereits sehr stark von Josef Stalin beeinflusst war. Schalamow trug auf der Demonstration ein Transparent mit der Aufschrift <Nieder mit Stalin>. 

Wenig später wurden auf dem XV. Parteitag der KPdSU (B) am 2. Dezember 1927 sämtliche führenden Oppositionellen aus der Regierungspartei ausgeschlossen (Trotzki, Sinowjew). Damit war der Machtkampf in der Sowjetunion bereits zugunsten Stalins entschieden worden. Trotzdem blieb Schalamow Anhänger der Opposition und beteiligte sich weiterhin - nunmehr in zunehmend konspirativer Form - an Aktionen, die gegen den Machtzuwachs von Stalin gerichtet waren. Er sah sich dabei durchaus als Erben der russischen revolutionären Bewegungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts an. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern hatte er jedoch einen viel höheren Preis für seine politische Meinung zu zahlen.

Am 19. Februar 1929 wurde er in einer illegalen Universitätsdruckerei wegen der Verbreitung von Lenins Testament, eines Briefes Lenins vom Dezember 1922 an den XII. Parteitag der KPR (B), verhaftet. Sein Jurastudium war damit hinfällig. Bis März 1929 wurde Schalamow im berüchtigten Moskauer Butyrka-Gefängnis gefangengehalten. Im Anschluss wurde er zu drei Jahren Haft im Straflagersystem GULag und zu fünf Jahren Verbannung in den Norden der Sowjetunion verurteilt. 1929 bis 1931 war Schalamow Gefangener der Wischera-Abteilung des zu diesem Zeitpunkt als „Solowezker Sonderlager“ bezeichneten GULag (Lagerpunkt Krasnowischersk) und leistete dort in einer Holzfabrik Zwangsarbeit. Im Oktober 1931 wurde er vorzeitig aus dem Lager entlassen und fand beim Bau eines Chemiekombinats in Beresniki Arbeit.

1932 kehrte Schalamow nach Moskau zurück. 1933 starben sein Vater und nur ein Jahr später auch seine Mutter. Schalamow heiratete 1934 Galina Gudz. Ein Jahr später wurde ihre Tochter Galina geboren. In den Jahren von 1934 bis 1937 arbeitete Schalamow in Moskau als Journalist und veröffentlichte neben seinen Artikeln auch Essays und eine Kurzgeschichte.

 

Im Januar 1937 wurde Schalamow im Zuge des Großen Terrors wieder verhaftet, diesmal wegen <konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit>. Seine erste Frau ließ sich umgehend von ihm scheiden. Er wurde ohne Gerichtsverhandlung zu fünf Jahren Zwangsarbeit im <Besserungsarbeitslager> verurteilt. 

Im August gelangte Schalamow mit dem Schiff nach Magadan an der Nagajewo-Bucht des Ochotskischen Meeres im Nordosten Sibiriens, in der Kolyma-Region. Er musste im Goldbergwerk „Partisan“ Zwangsarbeit leisten. Im Dezember 1938 wurde Schalamow im Zusammenhang mit einer durch die Lagerverwaltung konstruierten „Juristenverschwörung“ verhaftet und in das Gefängnis von Magadan eingeliefert.

Bis August 1940 arbeitete Schalamow in einem Lager am „Schwarzen See“ als Wasserkocher, als Helfer eines Topographen und als Helfer bei Erdarbeiten. Im August 1940 wurde Schalamow in den Lagerpunkt Arkagala verlegt und arbeitete dort in einem Kohlebergwerk. Obwohl seine Haftzeit 1942 endete, wurde seine Internierung ohne weitere Begründung bis zum Kriegsende verlängert. Von Dezember 1942 bis Mai 1943 wurde Schalamow in das Strafbergwerk Dschelgala verlegt. 

Im Mai 1943 wurde er in Jagodnoje (Oblast Magadan) noch einmal wegen „konterrevolutionärer Tätigkeit“ zu zehn Jahren <Besserungsarbeitslager> verurteilt. Der Grund für seine Verhaftung bestand darin, dass er den Autor Iwan Bunin, der 1920 nach Frankreich emigriert war, als einen klassischen russischen Schriftsteller bezeichnet hatte.

 

Schalamow wurde krank und gelangte im Herbst 1943 in den Krankenlagerpunkt „Belitschja“. Vom Dezember 1943 bis zum Sommer 1944 musste er jedoch wieder in der Grube „Spokojnyj“ (deutsch: der Ruhige) arbeiten. Im Sommer 1944 wurde er erneut denunziert und wieder arrestiert. Im Frühjahr 1945 gelangte er in die Waldlageraußenstelle des Lagerpunktes von Jagodnoje. Er erkrankte erneut und wurde noch einmal nach „Belitschja“ eingeliefert. Im Herbst 1945 arbeitete Schalamow in einer Außenstelle der Holzfäller, der „Diamantenquelle“. Ein Fluchtversuch misslang, er wurde angeklagt und erneut ins Strafbergwerk versetzt.

Schalamows Odyssee durch die Lager der stalinistischen Sowjetunion dauerte an: Zwischen 1945 und 1951 arbeitete er in Dschelgala, in Sussuman und am Fluss Duskanja. Er begann, Kurse für Arzthelfer zu besuchen, und erhielt eine leichte Tätigkeit in der chirurgischen Abteilung des Zentralen Lagerkrankenhaus im „Uferlager“. Schalamow begann heimlich Gedichte zu schreiben, die Kolymaer Hefte entstanden.

Von 1950 bis 1953 war Schalamow Arzthelfer in der Aufnahme des Zentralen Lagerkrankenhauses. Am 13. Oktober 1951 wurde er aus dem Lager entlassen, blieb aber als Freigelassener bis zum August 1953 Arzthelfer des Lagerpunktes in Kjubjuma. Am 30. September 1953 beendete Schalamow seine Tätigkeit für die staatliche Berg- und Straßenbaugesellschaft Dalstroi des MWD, der die Straflager des Gebietes um Magadan untergeordnet waren. Er hatte von der sowjetischen Staatssicherheit die Erlaubnis erhalten, sich wieder im europäischen Teil der Sowjetunion niederzulassen. 

Nach seiner Rückkehr wurde er mit der Auflösung seiner Familie konfrontiert; seine inzwischen erwachsene Tochter weigerte sich, ihn als Vater anzuerkennen, da auch ehemalige Gulag-Häftlinge als Verbrecher galten.

Vom November 1953 bis zum Oktober 1956 lebte Schalamow in der Gegend von Kalinin (heute Twer) in Zentralrussland. 1954 begann er heimlich mit der Arbeit an den Erzählungen aus Kolyma, an denen er bis Anfang der 1970er Jahre schrieb. Nach dem Tod Stalins 1953 und der offiziellen Distanzierung Nikita Chruschtschows vom Stalinismus wurde Schalamow am 18. Juni 1956 in Bezug auf die gegen ihn erhobenen Anklagen von 1937 rehabilitiert. Im selben Jahr heiratete er die Schriftstellerin Olga Nekljudowa (1909–1989) und zog wieder nach Moskau. 1957 erschienen erste Gedichte Schalamows in sowjetischen Literaturzeitschriften, von 1961 bis 1971 vier weitere Male. 1958 erkrankte der 51-jährige und wurde invalidisiert. 1966 ließ er sich von seiner zweiten Frau scheiden.

1968 bis 1971 arbeitete Schalamow an seinen Kindheitserinnerungen <Das vierte Wologda> und 1970 bis 1971 an <Wischera: Ein Antiroman.> Nach der Fertigstellung der Erzählungen aus Kolyma schmuggelte er das Manuskript aus der Sowjetunion in die Bundesrepublik Deutschland. Dort und in Frankreich erschienen sie bereits 1971 in deutsch und französisch. Eine Auswahl seiner Erzählungen aus Kolyma in russischer Sprache im Tamisdat in London folgte 1978. 

Nachdem diese Veröffentlichung der sowjetischen Staatssicherheit (ab 1954 KGB) bekanntgeworden war, wurde Schalamow gezwungen, eine Erklärung zu unterschreiben, in der er bekanntgab, dass die in den Kolymageschichten behandelte Thematik seit dem XX. Parteitag der KPdSU nicht mehr relevant sei. Schalamow war durch die Veröffentlichung neben Solschenizyn einer der im Westen bekannten sowjetischen Dissidenten geworden.

Ab 1979 lebte Schalamow in einem Altersheim. 1980 erhielt er die Freiheitsprämie des französischen P.E.N.-Clubs. Schalamow starb am 17. Januar 1982 in einer Nervenheilanstalt. Nach dem Ende der Sowjetunion wurde Schalamow im Jahr 2000 auch in Bezug auf die Anklage von 1929 postum rehabilitiert.

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