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Zu den Diskussionen über die Umwelt    

 

 

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Viele grundsätzliche Tendenzen und Trends für die Lösung der Umweltproblematik werden diskutiert. Es gibt auch sehr gegensätzliche Auffassungen. So wird von herausragenden Autoren, auch von Meadows (1992) bezweifelt, daß "diese Entwicklungen mit einem wirtschaftlichen oder politischen System in den Griff zu bekommen" sind, "das lediglich einige Monate in die Zukunft" (S. 66) schaut. Aber wie sollte ein genehmes politisches und gar wirtschaft­liches System aussehen, das dies vermeidet?

Eine grundsätzliche Diskussion geht darum, ob die marktwirtschaftliche Ordnung ohne allzu viele Staatseingriffe die Umweltprobleme beherrschen wird, ja vielleicht im Wettbewerb der Unternehmen sogar die besten Auswege entwickelt, oder ob es nötig ist, daß die Regierungen in die Marktmechanismen eingreifen, daß ein Planungssystem installiert wird (Hädecke 1975).

Die Notwendigkeit der Eingriffe wird wie einst schon bei Karl Marx damit begründet, daß die einzelnen privaten Unternehmen oder auch die Konzerne zu stark nur an kurzfristigen Gewinnen interessiert sind. Aber die Regierungen, welche mehr oder weniger eingreifen, sollten natürlich demokratisch gewählte Regierungen sein.

Manche aber glauben nicht an die Einsicht einer ausreichend großen Zahl von Wählern, die für die Umwelt eintretenden Politiker zu wählen. So erscheint manchen eine Art <Ökodiktatur> nicht als Schreckgespenst.

Auch Hans Jonas sah in den Organisationsformen marxistischer Gesellschaften ein wirksameres Instrument, Umweltpolitik durchzusetzen. Es hat in der Praxis bisher nur leider versagt. Wer, wie E. Hobsbawm (1995), der marktwirtschaftlichen Ordnung mit ihrem "unbegrenzten und unkontrollierten" Wachstum nicht zutraut, die ökologischen Probleme zu lösen, sieht in der Lösung überhaupt etwas Utopisches.

Als eine Tendenz im Umweltschutz erscheint das Bestreben, Technik zurückzudrängen, ohne sie auszukommen, <grün> zu leben. Die andere Tendenz besteht darin, Technik gerade zu entwickeln und die Schäden bisheriger Technik durch bessere Technik zu überwinden.

Auf das Auto soll nicht verzichtet werden. Hoch entwickelte Technik, so durch Katalysatoreinrichtungen, eben technische Weiterentwicklungen, sollen aber die Autoabgase mindern. Solartechnik, ein Ergebnis der Wissenschaft des 20. Jh.s, soll umweltbelastende Energiegewinnung ersetzen. Es bleibt aber wohl stets eine Restverschmutzung. 

Der Weg, mit hochentwickelter Technik, die dauerhafte Gebrauchsgüter und Recycling einschließt, die Umweltprobleme zu meistern, ist aber wohl aussichtsreicher als der Technikverzicht. Verzichtideologie wird ohnehin immer wieder durchbrochen. Saubere Technik aber kann sich durchsetzen und zum Standard werden. Jedenfalls wurde in hochtechnisierten Staaten bei allen weiterbestehenden Problemen die Umweltsituation stärker verbessert als in rückständigen Ländern. Ein Vergleich von West- und Osteuropa verdeutlicht das.

"Ökologische Verträglichkeit" muß ein entscheidendes Kriterium zukünftiger Technik sein. In den hochentwickelten Ländern, mit Wohlstand für viele, kann geringer Preis der Güter nicht mehr einziges Ziel der Produktion sein. Hygienisch unbedenkliche Nahrungsmittel aus dem Ökolandbau sind zwar teurer als solche von Flächen, auf denen vielfach ein Übermaß an Düngemitteln und Pestiziden eingesetzt wurde, aber sie sind für einen Teil der Bevölkerung bezahlbar und auf jeden Fall vorzuziehen. 

Langlebigkeit von Gütern kann ebenso Ressourcen sparen und Abfälle vermeiden wie ihre Herstellung auf die materialsparendste Weise. Ein haardünner hochreiner Glasfaden kann so viele Telefongespräche übertragen wie 625 Drähte aus dem Halbedelmetall Kupfer und das sogar in besserer Qualität (Meadows et al. 1993). Bei Meadows (1993, S. 129) wird auch festgestellt, daß sich "der gesamte Materialdurchsatz durch die Wirtschaft auf etwa ein Achtel verringern" ließe, "wenn die durchschnittliche Nutzungszeit aller Produkte verdoppelt, die doppelten Materialmengen wiederverwertet und bei der Herstellung jedes Produkts der Materialeinsatz halbiert werden könnte".

Alternative Energie aber ist eben noch teurer als die herkömmliche aus Erdöl und aus Kohle, und das "Weltsystem ist darauf abgestellt, immer den leichtesten Weg einzuschlagen und stets die billigsten Ressourcen auszubeuten" (MÜLLER 1994). KLAUS-PETER MÜLLER (1994) vom <Eduard-Pestel-Institut für Systemforschung> hat durchgerechnet, welcher "Kraftakt" für die Menschheit zu leisten wäre, wenn auf die fossilen Energie­träger verzichtet werden soll.


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Hat die Menschheit 1991 etwa 11% des Weltbruttosozialprodukts, nämlich 2500 US-Dollar für die Energie­dienstleistungen ausgegeben, so wären nach der großen Umstellung etwa 4900 US-Dollar erforderlich, was für eine Energie praktisch ohne CO2 nur eine Verdoppelung erfordert. Aber nahezu jedes technische Gerät wäre neu zu bauen oder wenigstens umzurüsten. Es müßte also von einem bewährten, bisher nur in Notfällen begangenen Weg, dem der Nutzung der momentan "rentabelsten" Ressourcen abgegangen werden, wie es früher höchstens bei als sehr giftig erkannten Substanzen geschah.

Im Alleingang wäre kaum eine Nation bereit, diese Umstellung zu erwirken, weil es die Konkurrenzfähigkeit ihrer Wirtschaft senkt. Es gibt wohl auch Nutznießer vom Treibhauseffekt, und die würden noch weniger darauf eingehen. Die "Ingenieurslösungen" (GRAßL 1992), wie sie auch genannt werden, kommen sicherlich auch an ihre Grenzen.

Auf Wissenschaft kann unmöglich verzichtet werden. Es ist schon wahr, daß selbst die besten naturwissenschaftlichen Theorien nur den Status von Hypothesen besitzen. Aber deswegen nun aus Daten der Wissenschaft keine Schlußfolgerung zu ziehen, wäre wohl falsch. Selbst wenn die eine oder andere Schutzmaßnahme sich als übertrieben erwiese, kann nicht auf Schutzmaßnahmen verzichtet werden. Es steht sicherlich die Frage, wieviel Risiko verantwortbar wäre und vor allem für wen. Daß es Menschen gibt, die ihrer Vorteile willen sehr große Risika eingehen, kann dieses Verhalten nicht zur Norm werden lassen. Nur Forschung hat erkennen lassen, was mit der Stratosphäre mit aufsteigenden Gasen geschieht.

 

Ein anderes umstrittenes Problem ist, ob der weltweite, die drohenden Gefahren ausschließende Umweltschutz ohne Einschränkung der Wohlstand-Standards erreicht werden kann oder ob eine besonders die Industrieländer treffende Einschränkung des Konsums erforderlich ist. Tatsache ist, daß jener Ressourcenverbrauch, den sich heute etwa ein Fünftel der Menschheit leistet, nicht auf alle ausgedehnt werden kann. Der Kollaps der Biosphäre würde drohen. Statt Werbung für immer neue Produkte, müßte um neues Denken vieler Menschen gerungen werden, das freiwillig den Lebensstil den Möglichkeiten anpassen würde. Laufend wechselnde Mode in der Kleidung führt zu einem großen Textilverschleiß, der höchstens durch viel Nacktheit eingeschränkt wird. Aber noch schlimmer sind natürlich jene Produktionen, die Müll und Abgase hervorbringen.


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D. und D. Meadows meinten 1992 (S. 12) zu Recht: "Die Menschheit hat ihre Grenzen überzogen ... Eine lebenswerte Zukunft muß zu einer Epoche des Rückzugs werden, in der man die Aktivitäten zurückfährt und die entstandenen Schäden ausheilen läßt". Sie meinten weiter (S. 13): "Der Übergang zu einer dauerhaft existenzfähigen Gesellschaft erfordert den sorgfältigen Ausgleich zwischen langfristigen und kurzfristigen Zielvorstellungen". Aber sie boten auch das Argument, daß die gegenwärtige Verschwendung und Ineffektivität hoffen lassen, daß allein deren Beseitigung die Lage der Umwelt zunächst einmal entlasten würde, ohne daß die Lebensmöglichkeiten wesentlich eingeschränkt werden müßten.

WILIAM RUCKELSHAUS, ehemaliger Umweltminister der USA, fragte 1989 (S. 118): "The question then is, whether the industrial democracies will be able to overcome political constraints on bending the market Systems toward long-term sustainibilty". Kriegszeiten hätten bewiesen, daß für den Sieg und die Abwendung des nationalen Untergangs beträchtliche Opfer gebracht wurden. Sollte dies auch für die Umwelt geschehen, müßte aber erst der Ernst der Lage bewußt werden. Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften JAN TIN-BERGEN schrieb im Geleitwort des Buches "Die neuen Grenzen des Wachstums" von D. und D. MEADOWS und J. RANDERS (dtsch. 1993, S. 7):

"Es ist sehr zweifelhaft, ob die höchsten heutigen Einkommen auch in Zukunft haltbar sind. Die Marktwirtschaft bedarf offensichtlich gewisser Regelungen, um öffentliche Güter bereitzustellen, zu krasse Verteilungsmängel zu vermeiden und auch in Zukunft aufrecht­erhaltbare Zustände zu schaffen".

In Diskussion befindet sich eine Umgestaltung des Abgabesystems, der Steuern, zugunsten ökologisch verträglicher Produktion. Steuern zur Förderung einer umweltfreundlicheren Wirtschaft schlug 1920 der britische Ökonom ARTHUR PIGOU vor, 1971 der Schweizer BRUNO S. FREY in seinem Buch "Umwelt­ökonomie" (SCHÄFER 1993). In Deutschland plädiert dafür namentlich ERNST ULRICH VON WEIZSÄCKER, vormals Direktor des Instituts für Europäische Umweltpolitik in Bonn und nunmehr Präsident des Instituts für Klima, Umwelt und Energie in Wuppertal. Der Benzinpreis von heute wird neben begrenzten Steuern gebildet aus den Förderkosten, den Herstellungs- und Transportkosten. Wenn wegen des "Treibhauseffekts" der Meeresspiegel steigt und Bangladesh seine Dämme erhöhen muß, ist das bisher so wenig im Preis des verbrannten Benzins enthalten wie der Verlust der möglicherweise durch Autoabgase zerstörten Bäume. Alle Kosten, die ein Produkt verursacht, auch die ökologischen, sollten sich im Preis wiederfinden.


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Der Transport mit der Eisenbahn würde sich in vielem vielleicht doch als besser erweisen als die Forcierung von Straße und Kraftwagen (vgl. FETSCHER 1976). Man darf wohl Erhard Eppler zustimmen, wenn er meint (1993, S. 65):

"Ist es Verzicht, von München nach Hamburg im ICE statt im Auto zu fahren ... Ist es Verzicht, wenn ich beim Auspacken eines Oberhemds nicht mehr fünf Minuten brauche? Verzicht wäre es, wenn meine Enkel die Sonne meiden müßten, weil ihnen Hautkrebs droht, ..., wenn sie nicht mehr wüßten, was eine Wanderung im Schwarzwald ist, weil es dort nur noch Büsche und Jungfichten gibt..."

Die Beispiele ließen sich durch andere, teilweise sogar durch bessere ersetzen, aber auch die vorliegenden treffen die Sache. An die Welt der Kinder, in denen vielleicht Frösche, Unken und der Kuckuck fehlen, wird dabei noch nicht einmal gedacht. Einst waren Paradiesvogelfedern für hochgestellte Damen der Salonwelt angeblich auch unersetzbar.

Jedoch ist zu befürchten, daß ein erhöhter Benzinpreis, die Rede war in Deutschland um 1993 von 6 Mark pro Liter, zu gewaltigen Protesten der Autofahrer führt. Wenn nur ausreichend Geld noch den Betrieb des individuellen Fahrzeuges erlaubt, dann brechen die Gegensätze zwischen den reicheren und den einkommensschwächeren Bürgern der Gesellschaft verstärkt auf. Auch die Reichen müßten sich dann mit Einschränkung des Autofahrens abfinden. Es wird zwar von den besonderen Rechten der "Leistungsträger" gesprochen, aber der Begriff ist sehr umstritten und für den einzelnen oft nicht anerkannt.

Andererseits gelten in der Bundesrepublik Deutschland die Umweltschutzauflagen als so hoch, daß in der FAZ vom 6.11.1991 von U. Hoffmann berichtet wurde, daß die BASF durch die Umweltschutzkosten 1993 eine Belastung von 300 Mio. DM jährlich erwarte, was der Summe unter dem Strich im immer noch recht guten Geschäftsjahr 1990 gleichkäme. Die BASF verlagerte deshalb schon Produktionsbereiche in Länder mit weniger hohen Umweltauflagen oder an günstigere, weniger empfindliche Standorte.

Zu Recht wird auch diskutiert, ob die für die weitere Verbesserung der Umweltsituation etwa in der Bundes­republik Deutschland aufgewandten Geldmittel bei Einsatz anderswo, in Osteuropa oder China, für die Erde insgesamt nicht eine größere Wirkung erzielen könnten. Eine einigermaßen erträgliche Umwelt­situation noch weiter zu verbessern, erfordert jedenfalls höhere Mittel als anderswo gröbste Fahrlässigkeiten zu beseitigen.


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Auch können die verschiedenen Regionen der Erde unterschiedlich zur Lösung der Umweltprobleme beitragen. In der "Dritten Welt" stünde die Verminderung des Bevölkerungswachstums an erster Stelle. Die westlichen Industrienationen müßten beim Pro-Kopf-Verbrauch reduzieren. In den ehemaligen Ostblockstaaten müßten technologische Verbesserungen am raschesten zur Lageverbesserung beitragen (MEADOWS et al. 1993). In China wären sowohl Bevölkerungseinschränkung wie höhere technische Effizienz wichtig, und das Land ist wohl auf dem Wege dazu.

Daß in der Umweltpolitik Interessengegensätze vorhanden sind, kann die Lage weiter verschärfen. Viel Recycling in den Industrienationen wird die Einfuhr von Rohstoffen aus der "Dritten Welt" vermindern. Das senkt die Einnahmen an Devisen in der "Dritten Welt". Das wiederum kann und wird die armutsbedingte Umweltzerstörung in der "Dritten Welt" ankurbeln (MEADOWS 1992b).

Die Politik einer Regierung gegenüber ihrer Bevölkerung kann die Umweltprobleme erleichtern, aber auch verschärfen. Eine Bevölkerung, die von Zukunfts­hoffnung erfüllt ist, wird anders über eine in fernere Zeiträume weisende Umweltpolitik denken als eine solche, die glaubt, daß es ohnehin für sie nur immer schlechter wird, und denkt, daß nach ihr doch nur "die Sintflut kommt". So sollen die Bauern in China sagen, wenn ihnen das Anpflanzen von Bäumen nahegelegt wird: "Ein Baum wächst langsam, die Politik ändert sich schnell" (KOLONKO 1991). Das heißt, die Bauern fürchten in Zukunft erneute Enteignung und Staatseingriffe in ihr Eigentum, und sie selbst und ihre Kinder wären niemals Nutznießer der gepflanzten Bäume.

 

Die Frage bleibt: Kann ohne Konkurrenz- und Karrierestreben der Fortschritt gesichert werden oder führt Einschränkung nicht auch zur Lethargie, die wiederum dem Umweltschutz schadet?

 

Es gibt also keine einheitlichen Ansichten zur Lösung der Umweltprobleme und damit noch keine ausreichenden verbindlichen Vereinbarungen. Fordern die einen eine allgemeine Kontrolle und Regulierung des Verbrauchs der Güter, so wird von anderen nicht ohne Gründe bezweifelt, daß es möglich ist, die gesamte Erde mit ihren Milliarden Menschen wie ein Raumschiff zu behandeln, in dem eben tatsächlich der gesamte Produktions- und Konsumtionsapparat wie in einem geschlossenen Kreislauf arbeitet. Die Energie für das Raumschiff liefert in dem klaren Weltraum aber die Sonne über die "Sonnensegel", die Sonnenkollektoren, die hier ganz anders arbeiten können als auf der Erdoberfläche.

Ein ernstes Problem ist, inwieweit eventuell nötige restriktive Maßnahmen die gewonnenen Freiheiten der Menschen zu stark einschränken, vielleicht gar den Weg zu neuen Diktaturen bereiten. Dabei ist eine Leserbriefmeinung ("Spiegel" Nr. 40, 1991) nicht von der Hand zu weisen: "Daß jeder Depp heute noch — mir nichts, dir nichts — ins Auto steigen und losfahren darf, ist ein Unding!" (S. 7). 

An Problemen bleibt also genug!

Ob die Menschen religiös sind oder nicht, über eines muß wohl Übereinstimmung bestehen: Nicht von außen - nicht durch einen erlösenden Retter - wird die Erde erhalten, sondern nur durch das Wirken und Handeln der Menschen selbst. 

Ohne baldige Einsicht wird sich der Kollaps oder die Einschränkung der Lebensqualität in etlichen Territorien nicht verhindern lassen.

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Ende

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Gottfried Zirnstein 1994 Ökologie und Umwelt in der Geschichte

www.detopia.de