deto 

Die Erdfrau

Nebenseite Utopiestart 

Hier soll Allgemeines stehen

Zur Einführung

 

 

   

 

Orwell:

 

"Wenn Freiheit überhaupt irgend etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen das zu sagen, was sie nicht hören wollen."

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"Glück zu beschreiben, ist bekanntlich schwer und Schilderungen einer gerechten wohlgeordneten Gesellschaft sind nur selten verlockend oder überzeugend. Den meisten Schöpfern "beliebter" Utopien geht es darum, zu zeigen, was das Leben sein würde, wenn es mehr ausgelebt werden könnte."

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Ein Sozialist ist heutzutage in der gleichen Lage wie ein Arzt, der einen beinahe hoffnungslosen Fall behandelt. Als Arzt ist es seine Pflicht, den Patienten am Leben zu erhalten und daher davon auszugehen, daß der Patient mindestens eine Aussicht auf Genesung hat. Als Wissenschaftler ist es seine Pflicht, sich mit den Tatsachen abzufinden und daher zuzugeben, daß der Patient wahrscheinlich sterben wird.  Unsere Tätigkeiten als Sozialisten haben nur einen Sinn, wenn wir annehmen, daß der Sozialismus errichtet werden kann, doch wenn wir innehalten, um zu überlegen, was wahrscheinlich passieren wird, dann müssen wir meiner Ansicht nach zugeben, daß die Umstände gegen uns sind.  Wenn ich ein Buchmacher wäre, der bloß die Wahrscheinlichkeit berechnet und seine eigenen Wünsche außer Betracht läßt, würde ich darauf setzen, daß die Zivilisation innerhalb der nächsten paar hundert Jahre zugrunde geht.

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Sämtliche Linksparteien in den hochentwickelten Industrieländern beruhen im Grunde auf einem Schwindel, weil ihre Tätigkeit darin besteht, gegen etwas zu kämpfen, das sie in Wahrheit gar nicht zerstören wollen.  Ihre Ziele sind international, und gleichzeitig treten sie für die Aufrechterhaltung eines Lebensstandards ein, der mit diesen Zielen unvereinbar ist.  Wir alle leben von der Ausplünderung asiatischer Kulis, wobei diejenigen, die »aufgeklärt« sind, die Befreiung aller Kulis fordern. Unser Lebensstandard jedoch und damit auch unsere »Aufgeklärtheit« hängen von einer fortgesetzten Ausplünderung ab.  Human Gesinnte sind immer Heuchler.

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Linke Regierungen sind für ihre Anhänger fast immer enttäuschend, weil selbst wenn der versprochene Wohlstand verwirklicht werden kann, immer noch eine unerfreuliche Übergangszeit überwunden werden muß, von der vorher nie oder kaum die Rede war.

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Vielleicht ist das Ziel des Sozialismus nicht eine vollkommene Welt, sondern eine bessere. Alle Revolutionen sind fehlgeschlagen, aber nicht alle im selben Ausmaß.

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Quelle: Diogenesverlag. Dort auch die wiss. Quellenangabe, die ich hier weggelassen habe.
Orwell starb am 21.1.1950. Diese Notizen machte er ab 1942.

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detopia-2019:

 

 

Auf der Suche nach einer Gesellschaftsordnung für eine humanistische Zukunft.

Welche "Bausteine" werden für eine friedliche Gesellschaft (Ordnung, Zukunft, Kulturform, "System", Staat) benötigt?

 

  • bestehend: aus vielen alten Elementen (Zutaten) 

  • beruhend: auf Gleich­besitz und Weis­heit 

  • Sinn: eine humanistisch-lebens­werte Zukunft 

  • Zweck: Ökopax, Survival und Wohlbefinden

  • für eine Industriegesellschaft und eine Massengesellschaft 

  • durch eine Volks­verfass­ungs­abstimm­ung (Gesellschaftsvertrag) geschaffen 

 

Eine genügende Utopie verlangt viel von den Menschen. Sehr viel. Zuviel. Mehr, als sie leisten können. Vor 40 Jahren drückte es Günter Gauß im Gespräch mit Rudi Dutschke noch extremer aus: "Welche Grund­eigen­schaften müssen aus den Menschen  heraus­operiert  werden, damit sie das leisten können, was Sie von ihnen erwarten?" 
=> "Sagen Sie mir Herr Dutschke...."  

 

Meine Nachbarin W. drückt das Problem auch prägnant aus: "Der Mensch ist nicht sozialistisch." 

In diesem Sinne las ich auch einen Leserbrief an eine Zeitung (1998).  

 

Aber ist denn die Sache damit erledigt? 

War es das ("gewesen")? Gibt es nichts mehr zu sagen? Zur Erinnerung: Wir suchen - immerhin "nur" - was zum Überleben: eine Methode, ein System. eine Ordnung. Nicht wegen der formalen Gerechtigkeit; weil wir nur neidisch sind auf die da oben mit ihren Millionen; nicht den oft gelobten "Kleinsten Gemeinsamen Nenner" suchen wir - sondern den "Genügend Großen Gemeinsamen Nenner". 

 

Und zwar wegen dem alten Ideal der "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" (moderner: freiheit, gerechtigkeit, freundschaftlichkeit) (denn diesen Wunsch hat wohl heute keiner mehr; außerdem genügt er nicht.)  Sondern: "Wir wollen einfach nur glücklich sein." - womit ich zum Ausdruck bringe, dass wir ideologisch nochmal zweitausend Jahre zurückgehen müssen, damit wir wieder Denklockerheit erwerben (bzw. die Denkblockade überwinden). Kurz: Wir beschreiben eine richtigere Gesellschaftsordnung. Sie darf "Vielweiberei" beinhalten, aber sie muss auch wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen. 

In erster Linie interessieren 'liebe Utopien zur Gesellschaft' ("positive"). Aber die sind schwer zu finden. So habe ich auch 'Artfremdes' untersucht, die 'Antiutopien' (oder 'Dysutopien'), 'Vermischtes' , technische Fantasien, ja: Science Fiction - und die Belletristik und Mythologie (Volksmärchen) allgemein. Selbstverständlich drücken sich 'ehrliche Utopien' nicht vor dem Ernst der Lage und um die Notwendigkeit der Utopie.

Sind "Anti-Utopien" hier nötig?  

detopia weist darauf hin, dass Texte "von links" bei der Zustandskritik, wenn "es gegen den Kapitalismus geht" oft klarer sind, als welche "von grün" oder welche "von liberal". Daher werden sie hier gern benutzt. Nichtsdestotrotz leiden die Linken mehr denn je unter Abweichen, Austreten, Neugründen  (Kleines KPD-Brevier - Spaß muss sein)

Aber natürlich gibt es außer den zahlreichen KPs noch mehr "linke Positionen". Da ist die Links-Partei mit vielen "Plattformen". Eine weitere "party" kennt man unter "Ökolinkx", andere unter "marxistische Erneuerung", usw. 

Spaß beiseite: Es ist ein Grenzstrich nötig zwischen Utopie und "fantasy/SF" allein schon wegen der Materialfülle, aber auch wegen der Verwässerung. Hier vertrete ich eine Position in Richtung D. Kesten - wobei es mir darauf ankommt, dass moderne "SF-Produkte" nichts Neues zu den Sozialbeziehungen beitragen.

Utopien gibt es von Anfang an. In moderner Zeit war wohl Lewis Mumford der erste, der von einem neutralen Beobachterstandpunkt aus, einen Überblick und eine Systematik versuchte. Das war vor 100 Jahren (1922). Heute sind wir in einer ungleich besseren Lage. Wir haben sogar einen "Utopieprofessor" (Saage in Halle) und zusätzlich viele Schriftsteller (J. Strasser), die sich für dieses Thema interessieren und uns ihre Suchergebnisse sprachlich ansprechend mitteilen. 

Die neuen elektronischen Instrumente (Digitalisierung, Internet) erleichtern und beschleunigen. So können wir heute (fast) sagen: "Wir wissen alles über die Utopien der Vergangenheit." oder "Alles, was jemals ein Mensch über eine <bessere Welt> fantasiert hat und aufgeschrieben wurde, all das wissen wir nun." 

Auf der anderen Seite haben es sich die Utopisten leicht gemacht. Den unangenehmen Fragen sind sie ausgewichen. Soweit mein Resümee nach zehnjähriger Durchsicht der Utopien nach etwas, was uns heute hilft. Konkreter: Es geht um die - ritualisierte - Konfliktlösung zwischen Menschen, und es geht um das große Ziel... früher eines Volkes, Nation bzw. heute der Menschheit. Oder: wenn wir in die Weltrunde blicken,  sehen wir, dass die Religionen und alle großen Ideologien den Kinderreichtum gutheißen und damit - auch zusätzlich fördern. 

Ein weiteres Problem packt uns allein vom Wort Utopie her. Die korrekte Übersetzung heute wäre wohl: "Eine künstliche Gesellschaftsordnung" - oder moderater "Ein zeitgemäßes Kultursystem". Und wir setzen hinzu: "... für Deutschland", denn eine Weltutopie sich auszudenken, wer will das schon? 

 

Kleine Losungen und Schlagzeilen (und wenn man so will: Reklamesprüche):

 

Gegen die Privatbesitz-Vermehrungs-Ideologie durch Gleichbesitz-gesellschaftsordnung 

Tausend Texte für Deutschland, für die Allgemeinbildung und das Bürgerwissen

Das volksverständliche Buch ist das Hauptmittel zur Verständigung über Ursache und Ausweg aus der Krise. 

"Glaube und Liebe und Hoffnung sollen nie aus meinem Herzen weichen. Dann gehe ich, wohin es soll, und werde gewiss am Ende sagen: Ich habe gelebt." (Friedrich Hölderlin) 

"Alle Bücher, die ich gelesen, haben mir den Trost nicht gegeben, den mir dies Wort der Bibel gab: <Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln!> (23. Psalm)."  (Immanuel Kant)

Detopia  Ø  Klassiker der Ökoliteratur. Ganz normale und ganz radikale Umweltbücher.

Das populär-wissen­schaft­liche Sach­buch über den Fortschritt in die Zukunft gibt Auskunft bis 2099.

Das Ökobuch im Wandel der Zeit: solide und seriös, glaubwürdig und glaubhaft, alternativlos und nachhaltig.

Über Frieden, Survival, Sozialismus, Utopie, Zukunftsforschung, Umweltpolitik und politische Ökologie, die Grenzen des Wachstums, Global 2000 und den Club of Rome.

 

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Bahro:

 

"Wir hören nicht gern, wenn jemand ansetzt [anfängt mit]: "Kriege hat es immer gegeben ..." Dabei ist es nur zu wahr. Soll der dritte Weltkrieg ausfallen, soll nicht die halbe Menschheit verelenden, ein großer Teil verhungern, soll der endgültige Kollaps der Umwelt abgewendet werden – müssen wir uns über die bisher bekannten Gesetze menschlicher Geschichte erheben. Es ist unser Industriesystem, unsere industrielle Lebensweise selbst. Laßt uns darüber nachdenken, wie wir uns unabhängig von der Großen Maschine nähren, wärmen, kleiden, bilden und gesund erhalten können. Beginnen wir daran zu arbeiten, ehe sie uns vollends durchgesteuert, einbetoniert, vergiftet, erstickt und eher früher als später atomar totalvernichtet hat." (Nach Rudolf Bahro 1987 im Vorwort)

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"Wahrscheinlich ist die Wahrheit so ärgerlich einfach und immer wieder von Weisen, Propheten, Heiligen, Dichtern ausge­sprochen, von pessimistischen Konservativen und vom konservativen Volksmund wiedergekäut worden, daß wir uns nicht getrauen, sie anzunehmen – zumal wir die Konsequenzen fürchten (die allerdings nicht in den Lösungen irgendeiner Traditionspartei bestehen werden, wo doch frühere Zustände und Werte immer Wegmeilen auf die heutigen hin gewesen sind): Die ökologische Krise ist vor allem eine Krankheit des menschlichen Geistes, besser gesagt unserer gesamten Psychodynamik." (Rudolf Bahro 1987, S.104)

 

 

Was ist Frieden?   

 

Frieden 

"ist der ideale Zustand, in dem die Menschen nicht Gewalt gegeneinander anwenden — auch nicht versteckt und indirekt — und in dem sich jeder so entwickeln kann, wie es zu seiner Zeit durchschnittlich möglich ist. Da sind also Freiheit und Gerechtigkeit mitgemeint. Da ist auch zwischenmenschliches Gleichgewicht mitgemeint.

Auf den ersten Blick geht das zu weit. Wollen wir denn nicht zufrieden sein, wenn uns keine Atombomben und auch keine "normalen" Panzergranaten umbringen? Wenn auf der Südhalbkugel nicht jährlich mehr Kinder Hungers sterben (letztes Jahr 14 Millionen), als es in einem Jahr des zweiten Weltkriegs Tote gab? Und wenn uns nicht demnächst der Sauerstoff zum Atmen ausgeht?

Aber entgehen wir alledem, wenn wir ansonsten weitermachen wie bisher? Wir haben der ganzen Welt gezeigt, was und wieviel man haben muß. Wie kann es gut ausgehen, wenn immer mehr Menschen von unserer endlichen Erde immer mehr pro Kopf verbrauchen, zerstören, vergiften, wie wir es vormachen? Darüber müssen wir untereinander und mit der Natur zusammenstoßen.

Wir hören nicht gern, wenn jemand ansetzt: "Kriege hat es immer gegeben ..." Dabei ist es nur zu wahr. Soll der dritte Weltkrieg ausfallen, soll nicht die halbe Menschheit absolut verelenden, ein großer Teil verhungern, soll der endgültige Kollaps der Umwelt abgewendet werden — müssen wir uns über die bisher bekannten Gesetze menschlicher Geschichte erheben.

Zuerst wäre zu lernen, und nicht allein fürs Militärische: Sicherheit suchen und Frieden suchen ist nicht dasselbe. Wer Sicherheit sucht, mißtraut und trifft Vorkehrungen, die wiederum das Mißtrauen des anderen nähren. Sicherheits­politik hat ganz offenbar dahin geführt, daß wir jetzt auf einem atomaren Pulverfaß sitzen. Sie soll die Gegenseite drohend abschrecken. Friedenspolitik würde die Drohung wegnehmen, zumindest verringern, und darauf vertrauen, daß dann auch die Bedrohung weggenommen, wenigstens verringert wird. Wer Sicherheits- und Friedenspolitik in einem sagt, täuscht, die ihm zuhören. Die bisherige Sicherheitspolitik ist Selbstmordpolitik.

Aber die neuesten Raketen verhindern, selbst die ganze Rüstung abschaffen wollen, damit sie uns nicht abschafft, genügt noch nicht. Wer nur das will und nicht mehr, wird nicht durchkommen. Man kann keine Hydra besiegen, indem man ihr einen und den anderen Kopf abschlägt, während ihre inneren Säfte stets neue Köpfe hervortreiben. Wollen wir dem Ungeheuer den Bauch aufschlitzen, damit es wirklich eingeht, müssen wir vor allem seinen Namen wissen.

Es ist unser Industriesystem, unsere industrielle Lebensweise selbst. Wir sind nicht per Zufall dazu gekommen. Es ist unsere Tüchtigkeit, Natur zu verändern schlechthin, die uns jetzt den Pferdefuß zeigt. Wir hatten einmal so viel Erfolg mit der Arbeit, uns die ersten Lebensmittel selbst zu produzieren. Seither wiederholen wir uns auf immer größerer Stufe, nach der Olympiaformel "Höher, weiter, schneller, besser!", vor allem: "Immer mehr!"

Hier in Europa haben wir das Nonplusultra gefunden, die Wirtschaftsweise mit dem schärfsten Antrieb und der fürchter­lichsten Effizienz, auf die wir so stolz sind ...

Das steckt so von Grund auf in all den Wachstumskurven, die seit 1750 nicht mehr wie zuvor unmerklich ansteigen, sondern plötzlich senkrecht in die Höhe weisen, daß es eher verharmlosend ist, irgendeine spezielle Rüstungs­produktion auf irgendein spezielles Profitinteresse zurück­zuführen. Es stimmt natürlich, aber es geht um mehr. Bisher dachten diejenigen, die enteignen und damit alles lösen wollten, keineswegs daran, die Große Maschine anzuhalten. Das Kapitalverhältnis ist nicht die letzte Ursache, sondern nur das jüngste Mittel der Expansion. Es ist bloß der höchste Ast an dem Baum der menschlichen Produktionsweisen, und es wird sich als ganz unmöglich erweisen, ihn für sich alleine abzusägen.

Friede verlangt, daß wir die ganze Zivilisation neu beginnen, die Quelle für die Konkurrenz um knappe materielle Güter halbwegs verstopfen, indem wir allen materiellen Verbrauch und alle materielle Produktion auf das für annähernd gleiche Befriedigung der natürlichen Grundbedürfnisse notwendige Minimum zurückführen. Goethe hatte seinen Faust sagen lassen: "Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt: Tor! wer dorthin die Augen blinzelnd richtet... Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm." So ließ er ihn den Sumpf trockenlegen, der am Gebirge hinzog. Was nun, da wir damit zu Ende sind?

Wie es scheint, ist nach "drüben", "oben", "innen" und natürlich zum anderen Menschen hin die einzige Aussicht offen. Und wir müssen uns darauf konzentrieren, dort unsere Tüchtigkeit zu üben, weil es lebensgefährlich ist, weiter so viel Natur zu verändern, Wissen dafür aufzuhäufen und Schätze dabei zu sammeln. Halt! Nicht weiter! Jede neue Investition, nicht nur die in Raketen, ist teuflisch und tödlich zugleich. 

Der Friede beginnt damit, daß wir die Hände von dem größten Teil der Arbeit lassen, die die meisten von uns jeden Tag verrichten. Freilich hätten wir noch eine Weile mit dem Abbauen und Umbauen zu tun. Dort, wo die Pyramiden stehen geblieben sind, weil man sie nicht rechtzeitig abgerissen hat, leben keine Menschen mehr.

Resignieren nicht die meisten, weil sie Angst haben, durchaus möglichen Widerstand zu leisten? Mehr Angst vor dem täglichen als vor dem endgültigen Risiko? Ich denke an die Zeit des Widerstandes gegen Hitler. Wie wenig müßten die Bürger dieses Landes riskieren, um sehr wesentliche Veränderungen zu erreichen. Es müßten nicht mal alle zivil ungehorsam sein ... Wer jetzt nichts wagt, weiß nicht oder will nicht wissen, daß die Apokalypse höchst wahr­scheinlich ist, falls wir nicht allen Ernstes mit ihr rechnen und uns danach verhalten ... Wir müssen den Ausweg finden, und wir müssen so bedingungslos suchen, daß es schlimmstenfalls nicht an uns gelegen hat... 

Wir bilden uns nicht ein, die Taube auf dem Dach wird leicht zu fangen sein. Wir wissen nur, der Spatz in der Hand wird uns diesmal absolut nichts nützen. Was wir erreichen wollen, gleicht dem Versuch, eine Lawine zum Stehen zu bringen aus deren Innerem heraus. Wer den Vorgang von außen beobachten könnte, müßte diese Lawine wie von Geisterhand gebremst und angehalten sehen kurz vor dem Aufschlag. Das ist gegen das Gesetz der trägen Masse Beton und Stahl, die uns umhüllt. Also kann es nur eine Anstrengung aus dem Bewußtsein, aus den Seelen sein, eine so konzentrierte und von so vielen Menschen, wie sie in der Geschichte ohne Beispiel ist.

Wir müssen uns etwas vorstellen, wie den von Moses inspirierten Auszug aus Ägypten und wie die ersten Pfingsten nach der Auferstehung Christi — beides in eins gedacht und das durch die ganze Menschheit hin, beginnend aber in den reichen Ländern und vor allem in Europa. Denn wir waren der Zauberlehrling, der den Besen zuerst gerufen hat, uns machen sie alles nach, hier hat der Teufelskreis seinen Schwerpunkt, und unser Kontinent ist der verletzlichste.

Ich glaube, daß diese Umkehr möglich ist, weil der Mensch sich jetzt in seinem Selbsterhaltungstrieb bedroht fühlt. Da wächst die ursprünglich ohnehin in jedem Menschen vorhandene Neigung, sich einer letzten, äußersten Alternative anzuvertrauen, sei sie auch noch so ungewiß — weil nichts anderes mehr übrig bleibt. Die Entschließung kann plötzlich — morgen, übermorgen — über Millionen Menschen kommen und den Horizont des politisch Möglichen über Nacht erweitern. Kleinere und mittlere Katastrophen werden nicht verfehlen, uns an die Nähe der Zeiten zu erinnern.

Ich schlage vor, daß wir in Erwartung dieser Stunde jeder bei sich selbst und in seinem Umkreis die Unruhe und das Bereitsein nähren für die allgemeine Sinnesänderung. Entziehen wir der großen Maschine und ihren Dienern nicht nur unsere Wahlstimme. Wir müssen überhaupt aufhören, mitzuspielen, wo immer das möglich ist. Wir müssen allmählich alles lahmlegen, was in die alte Richtung läuft: Militäranlagen und Autobahnen, Atomkraftwerke und Flugplätze, Chemiefabriken und Großkranken­häuser, Supermärkte und Lernfabriken.

Laßt uns darüber nachdenken, wie wir uns unabhängig von der Großen Maschine nähren, wärmen, kleiden, bilden und gesund erhalten können. Beginnen wir daran zu arbeiten, ehe sie uns vollends durchgesteuert, einbetoniert, vergiftet, erstickt und eher früher als später atomar totalvernichtet hat."

 

Von Rudolf Bahro 

Text für den Deutschlandfunk

ca. 1987

 

 

 

 

 

 

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