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8. Menschen und Materialien im Überfluß?

 

 1971 von Barry Commoner

 

 

 

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Die Umweltkrise sagt uns, daß mit der Art und Weise, in der die Menschen von ihrem Lebensraum, der Erde, Besitz ergriffen haben, irgend etwas nicht stimmen kann. Der Fehler muß beim Menschen, er kann nicht in der Natur gesucht werden. Denn meines Wissens hat noch niemand behauptet, daß die jüngste Überflutung der Erde mit Schmutzstoffen das Ergebnis irgendeiner vom Menschen unabhängigen natürlichen Veränderung sei.

Und in der Tat sind ja die wenigen Gebiete auf diesem Planeten, die die mächtige Hand des Menschen noch relativ unberührt gelassen hat, auch in demselben Maß frei von Smog, fauligen Gewässern und zerrütteten Bodenflächen. Der Verfall der Umwelt kann nur auf irgendeinen grundlegenden Fehler im menschlichen Tätigkeitsbereich zurückgeführt werden.

Eine Erklärung, die ab und zu angeboten wird, besagt, der Mensch sei eben ein »schmutziges« Tier — anders als die übrigen Lebewesen neige er dazu, »sein eigenes Nest zu beschmutzen«. Nach dieser Anschauung ermangelt es den Menschen aus irgendeinem Grund der sauberen Wesensart der übrigen Tiere, weshalb sie die Erde bei wachsender Zahl zunehmend beschmutzen müßten. Dieses Argument ist grundlegend falsch, denn die »Sauberkeit« der Tiere in der Natur ist keineswegs eine Folge eigener hygienischer Bemühungen. Was ihre Exkremente und Überreste zum Verschwinden bringt, ist vielmehr die Tätigkeit anderer Lebewesen, denen sie als Nahrung dienen.

Innerhalb eines ökologischen Zyklus können sich keine Abfälle anhäufen, weil eben nichts nur Abfall ist. Daher kann ein Lebewesen, das natürlicher Bestandteil eines Ökosystems ist, auch nie durch seine eigene biologische Aktivität dieses ökologische System beeinträchtigen; ein Ökosystem wird immer nur von außen angegriffen. Menschliche Lebewesen sind — soweit sie Tiere sind — nicht weniger sauber als andere Lebewesen. Sie verschmutzen ihre Umwelt nur deshalb, weil sie aus dem geschlossenen Netzwerk ökologischer Zyklen, das alle anderen Lebewesen gefangenhält, ausgebrochen sind.

Solange die Menschen nur an ihrem Platz im Ökosystem festhielten, indem sie Nahrung verbrauchten, die der Boden bereitstellte, Sauerstoff atmeten, den die Pflanzen freisetzten, ihre organischen Abfallprodukte wieder dem Boden überantworteten und das ausgeatmete Kohlendioxyd den Pflanzen, so lange konnten sie keine ernsten ökologischen Schäden anrichten. Hat sich der Mensch jedoch einmal aus diesem Zyklus zurückgezogen — beispielsweise in eine Stadt, wodurch seine Exkremente nicht mehr in den Erdboden zurück-, sondern in das Oberflächenwasser hineingelangen —, dann lebt er fortan getrennt von dem ökologischen System, dessen Bestandteil er ursprünglich war. Statt in dieses System integriert zu sein, wirken seine organischen Abfallprodukte nun von außen auf ein anderes, auf das Ökosystem des Wassers ein, überwältigen dessen Selbstregelungskräfte und verseuchen es.

Verschiedene Tätigkeiten des Menschen, wie Land- und Forstwirtschaft oder Fischerei, beuten direkt die Leistungsfähigkeit eines bestimmten ökologischen Systems aus. In diesen Fällen wird dem Ökosystem ein Bestandteil entzogen, der einen wirtschaftlichen Wert besitzt: Feldfrüchte, Nutzhölzer oder Fische. Dieses Vorgehen stellt eine äußere Beanspruchung des Systems dar, die der natürlichen und künstlichen Energiezufuhr angeglichen werden muß, wenn ein Zusammenbruch des Systems verhindert werden soll. Starke äußere Beanspruchungen können das Gleichgewicht der einzelnen Faktoren empfindlich stören und die Funktion des gesamten Systems zum Erliegen bringen, wie es die verheerende Bodenerosion land- und forstwirtschaftlicher Nutzflächen infolge allzu starker Ausbeutung oder der beginnende Untergang der Walfischindustrie infolge der Ausrottung der Wale zeigt.

Umgekehrt kann eine Streßsituation auch dadurch entstehen, daß die Menge irgendeines Bestandteils eines Ökosystems willkürlich durch äußere Einwirkungen gesteigert wird — wie es etwa der Fall ist, wenn sich der Mensch seiner Abfallprodukte entledigen oder die Funktionsgeschwindigkeit eines solchen Systems erhöhen will, um dadurch höhere Erträge herauszuholen. Jenes geschieht beispielsweise, wenn Abwässer in das Oberflächenwasser geleitet werden, dieses, wenn in der Landwirtschaft künstliche Stickstoffdünger verwendet werden.

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Und schließlich kann — da nur menschliche Lebewesen fähig sind, Materialien herzustellen, die in der Natur nicht vorkommen — eine Verschlechterung von Umweltbedingungen dadurch eintreten, daß irgendein dem jeweils betroffenen Ökosystem vollkommen fremder Stoff auf es einwirkt. Das einfachste Beispiel hierfür sind vielleicht die Kunststoffe, die im Gegensatz zu natürlichen Materialien nicht biologisch zersetzt und abgebaut werden. Sie bleiben daher entweder in Form von Müll erhalten oder werden verbrannt und verursachen in beiden Fällen eine Verschmutzung der Umwelt.

Ebenso müssen giftige Substanzen wie DDT oder Blei — die in der Chemie der Lebensvorgänge keine Rolle spielen und die Funktion solcher Substanzen stören, die dies sehr wohl tun — ökologische Schäden anrichten, wenn sie nur in ausreichender Konzentration vorhanden sind. Man kann ganz allgemein sagen, daß jede Art von Produktivität, die in der natürlichen Umwelt fremde Substanzen entstehen läßt, eine beträchtliche Verschmutzungsgefahr heraufbeschwört.

Somit ist es unsere Aufgabe, herauszufinden, auf welche Weise die Tätigkeiten des Menschen zu Umweltbelastungen führen, das heißt zu äußeren Einwirkungen auf das Ökosystem, durch die dessen Selbstregulierungs- oder Anpassungsfähigkeit beeinträchtigt wird.

Dabei können wir mit einem Blick auf die Geschichte der Umweltverschmutzung in einem hochindustrialisierten Land wie den Vereinigten Staaten beginnen. Trotz unserer ausgeprägten Neigung, alle möglichen Daten und Statistiken im Gedächtnis der heute schon allgegenwärtigen Computer zu speichern — angefangen bei den Steuererklärungen eines einzelnen Staatsbürgers bis zu dessen Teilnahme an politischen Versammlungen —, sind historische Daten über den Grad der Umweltverschmutzung leider eine Rarität. Die verfügbaren Angaben jedoch vermitteln ein recht eindrucksvolles Bild: Danach tauchten die meisten Verschmutzungsprobleme überhaupt erst — oder doch erstmals in gravierender Form in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg auf72.

Am Beispiel der Phosphate, einem bedeutenden Schmutzfaktor im Oberflächenwasser, läßt sich dieser Verlauf deutlich aufzeigen. In den drei Jahrzehnten zwischen 1910 und 1940 stieg der jährliche Phosphatausstoß der kommunalen Abwässer um etwas mehr als das Doppelte, nämlich von ungefähr 17 Millionen Pfund (wobei nur der Phosphoranteil berechnet wurde) auf ungefähr 40 Millionen Pfund. Danach setzte eine ungeheure Expansion der Phosphaterzeugung ein, so daß während der nächsten 30-Jahre-Periode von 1940 bis 1970 ein Anstieg auf mehr als das Siebenfache zu verzeichnen war — nämlich auf etwa 300 Millionen Pfund pro Jahr.

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Einige andere Beispiele für die jährliche Zunahme der Schmutzstoffe seit 1946: Stickstoffoxyde aus den Autoabgasen (die die Smogbildung auslösen) um 630 Prozent; T. E. L. (Tetraäthylblei) aus Benzin um 415 Prozent; Quecksilber aus Chlor-Alkali-Werken um 2100 Prozent; künstliche Schädlingsbekämpfungsmittel (allein zwischen 1950 und 1967) um 270 Prozent; anorganischer Stickstoffdünger um 789 Prozent; Einwegflaschen für Bier um 595 Prozent.

Viele Schmutzstoffe existierten vor dem Zweiten Weltkrieg noch gar nicht und tauchten erst während der Kriegsjahre auf, wie etwa Smog (zum erstenmal im Jahr 1943 in Los Angeles beobachtet), künstliche radioaktive Elemente (zuerst im Rahmen des Atombombenprojekts während des Krieges hergestellt), DDT (zum erstenmal im Jahr 1944 auf breiter Basis angewandt), Detergentien (traten seit 1946 zunehmend an die Stelle von Seife), Kunststoffe (trugen erst nach dem Krieg zum Müllproblem bei).

 

Die Tatsache, daß sich das Tempo der Umweltzerrüttung in der Nachkriegszeit so auffallend veränderte, ist ein wichtiger Schlüssel für die Frage nach dem Ursprung des Verschmutzungsproblems. In den letzten 50 Jahren vollzog sich eine umfassende Revolution im Bereich der Wissenschaft, die zu mächtigen Fortschritten der Technologie und ihrer Anwendung in Industrie und Landwirtschaft, im Verkehrs- und Kommunikationswesen geführt hat. 

Der Zweite Weltkrieg stellt einen entscheidenden Wendepunkt in dieser historischen Entwicklungsphase dar. Die stürmische Revolution in den Grundlagen­wissenschaften, insbesondere in der Physik und Chemie, auf der die moderne Produktionstechnologie ja weitgehend beruht, fand hauptsächlich in den 25 Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg statt.

In der Zeit unmittelbar vor Ausbruch des Krieges und während der Kriegszeit selbst wurden die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse — unter dem Druck militärischer Erfordernisse — schnell in neue Technologien und Produktionsunternehmungen umgesetzt. Seit Kriegsende hat sich dann unter dem Einfluß dieser neuen Technologien auch die Produktion in der zivilen Industrie und der Landwirtschaft schnell verändert. 

Der Zweite Weltkrieg bildet daher eine scharfe Trennlinie zwischen der wissenschaftlichen Revolution, die ihm vorausging, und der technologischen Revolution, die ihm folgte.

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Die technologische Entwicklung der Nachkriegszeit läßt sich also weitgehend aus den revolutionären wissenschaftlichen Neuerungen der Vorkriegszeit erklären. In den zwanziger Jahren begann sich die Physik von jenen Ideen loszusagen, die für ihren Arbeitsbereich seit Newtons Zeit bestimmend gewesen waren. Jüngste Entdeckungen über die Eigenschaften der Atome erforderten ein völlig neues Konzept vom Wesen der Materie. Bedeutende Fortschritte im experimentellen und theoretischen Bereich ihrer Wissenschaft verhalfen den Physikern schließlich zu einem erstaunlich exakten Verständnis der Eigenschaften subatomarer Teilchen und der Art und Weise, in der sie zusammenwirken, um die charakteristischen Merkmale des Atoms als Ganzem hervorzurufen.

Dieses neue Wissen führte zu neuen Techniken, die die Spaltung des bis dahin unzerstörbaren Atoms ermöglichten, wobei aus dem Atomkern energiereiche Partikel ausgestoßen wurden. Man entdeckte die natürliche und künstliche Radioaktivität. In den späten dreißiger Jahren stand theoretisch fest, daß aus dem Atomkern unermeßliche Energiemengen freigesetzt werden könnten. Während des Zweiten Weltkrieges wurden diese theoretischen Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt: Kernwaffen und Kernreaktoren entstanden — und mit ihnen das Risiko künstlicher Radioaktivität und katastrophaler neuer Kriege.

Aufgrund der Fortschritte der theoretischen Physik konnte außerdem das Verhalten der Elektronen, insbesondere in Festkörpern, erklärt werden, was in den Nachkriegsjahren zur Entwicklung des Transistors und der elektronischen Bauelemente aus Einkristallen führte. Damit waren die technischen Voraussetzungen für den modernen Computer — und natürlich für das Transistorradio — geschaffen.

Auch in der Chemie machte man während dieser Zeit entscheidende Fortschritte. Von besonderer Bedeutung — im Hinblick auf die später eintretenden Umweltfolgen — war die Entwicklung der Chemie organischer Verbindungen. Diese Substanzen waren erstmals im 18. Jahrhundert in den Körperflüssigkeiten der Lebewesen entdeckt worden. Im Lauf der Zeit gelang es den Chemikern, die molekulare Zusammensetzung von einigen der einfacher aufgebauten natürlichen organischen Verbindungen aufzuschlüsseln — und so entwickelten sie ein starkes Interesse an der Nachahmung der Natur, das heißt an der Synthetisierung von Substanzen, die allein das Leben zu erzeugen vermochte.

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Die erste organische Verbindung, die der Mensch künstlich herstellte, wurde im Jahr 1828 von dem deutschen Chemiker Friedrich Wöhler synthetisiert: Harnstoff. So simpel diese Tat zunächst erscheinen mag (Harnstoff enthält nur ein Kohlenstoffatom) — sie war der Ausgangspunkt für eine lange Geschichte erfolgreicher Laborkopien immer komplizierterer natürlicher Substanzen. Nachdem erst einmal wirksame Techniken zur Zusammenfügung organischer Moleküle entwickelt worden waren, konnte eine enorme Vielfalt verschiedenartiger Stoffe hergestellt werden. Dies war nur die natürliche Folge einer ständig fortentwickelten Mathematik der möglichen Atomkombinationen in den organischen Verbindungen.

Obwohl beispielsweise die als Zucker klassifizierten Moleküle nur drei verschiedene Atome enthalten — nämlich Kohlenstoff, Sauerstoff und Wasserstoff —, die auch nur auf wenige unterschiedliche Arten miteinander verbunden werden können, gibt es doch allein 16 verschiedene Anordnungen für solche Zucker, die sechs Kohlenstoffatome enthalten (einer davon ist Glukose oder Traubenzucker). Die Anzahl der verschiedenen Formen organischer Moleküle, die es theoretisch geben könnte, ist so unvorstellbar groß, daß der Tatsache ihrer Begrenztheit keinerlei praktische Bedeutung mehr zukommt.

Um die Jahrhundertwende verfügten die Chemiker über eine ganze Reihe von Methoden zur Herstellung einer Vielzahl jener theoretisch möglichen molekularen Anordnungen. Das Wissen, daß es praktisch eine unendliche Vielfalt möglicher organischer Verbindungen und verschiedene Methoden gibt, um wenigstens einige von ihnen zu synthetisieren — dieses Wissen erwies sich als unwiderstehlich. Es war, als ob gerade die Sprache erfunden worden wäre und diesem Ereignis nun unweigerlich ein Ausbruch literarischer Schaffenskraft folgen müsse — nur eben, daß die Chemiker statt neuer Gedichte neue Moleküle schufen.

Und wie manche Gedichte, so waren auch manche der neuen Moleküle nichts weiter als das konkrete Endprodukt einer augenblicklichen Schaffensfreude, ein Zeugnis dessen, was die Chemiker eben gelernt hatten. Andere Moleküle wurden — wiederum wie manche Gedichte — um der neuen Erfahrungen willen geschaffen, die sie ihrem Schöpfer vermitteln konnten — als genau festgelegte Schritte auf dem Weg zu noch komplizierteren Kunstprodukten. Und schließlich gab es auch noch einige Moleküle, die zu einem bestimmten Zweck, vielleicht um einen Stoff zu färben, geschaffen wurden, vergleichbar etwa den Reimereien versierter Reklamefachleute.

*(d-2015:)  wikipedia  Friedrich Wöhler  1800-1882

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Der Reinertrag all dieser Bemühungen stellt wahrscheinlich — nimmt man die Anzahl der neugeschaffenen Substanzen zum Maßstab — den heftigsten Kreativitätsausbruch in der Geschichte der Menschheit dar. Explosionsartig griff die Entwicklung um sich; denn wie in einer Kettenreaktion wurde jedes neugeschaffene Molekül zum Ausgangspunkt für die Herstellung weiterer Moleküle.

In den Regalen der chemischen Labors häuften sich schließlich Unmengen neuer Substanzen an, alle den natürlichen Lebensstoffen insofern ähnlich, als sie auf der Chemie der Kohlenstoffatome beruhten, die meisten von ihnen dem Bereich des natürlichen Lebens aber dennoch vollkommen fremd. Als man dann nach neuen, praktisch verwendbaren Materialien suchte, wurden einige dieser Substanzen von den Regalen genommen und ausprobiert, entweder, weil sie irgendeiner natürlichen ganz besonders ähnlich waren, oder aber rein zufällig. Auf diese Weise fand man 1935 heraus, daß Sulfanilamid — ein von einem Farbstoffchemiker bereits im Jahr 1908 synthetisiertes Sulfonamid — Bakterien abtötet, und 1939, daß DDT, das seit 1874 in einem Schweizer Laborschrank geruht hatte, ein hochwirksames Insektizid ist.

Inzwischen hatte man einiges über die chemische Grundlage gewisser wichtiger Eigenschaften der Moleküle gelernt, das heißt über die molekularen Strukturen, die für die Farbe, die Elastizität oder die Reißfestigkeit eines Stoffes oder für dessen Fähigkeit, Bakterien, Insekten oder Unkraut abzutöten, verantwortlich sind. Dadurch war es möglich geworden, neue Moleküle für einen bestimmten Zweck zu »entwerfen«, statt das Vorratslager der Chemie auf entsprechende »Kandidaten« hin durchzumustern. Obwohl beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges viele derartige Fortschritte gemacht worden waren, hatte man doch nur ganz wenige so in die Praxis umgesetzt, daß eine industrielle Anwendung auf breiter Basis möglich gewesen wäre. Das sollte später kommen.

Die wissenschaftliche Revolution der Vorkriegszeit hatte mit der modernen Physik und Chemie Wissenschaften hervorgebracht, die in der Lage waren, die Natur zu manipulieren, die — zum ersten Mal in der Weltgeschichte — neue Formen von Materie zu schaffen vermochten. Aber bis zum Zweiten Weltkrieg war, wie schon gesagt, das Ausmaß der praktischen Folgen im Verhältnis zum Umfang und zu der Vielfalt des angesammelten Wissensschatzes äußerst bescheiden geblieben.

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Was die Physiker an neuen Erkenntnissen über die Atomstruktur gewonnen hatten, zeigte sich außerhalb der Laboratorien nur in Gestalt einiger weniger elektrischer Apparaturen wie bestimmter Beleuchtungs- und Röntgengeräte. Der industrielle Bereich war immer noch weitgehend von den altbekannten physikalischen Phänomenen, von mechanischer Bewegung, Elektrizität, Hitze und Licht, beherrscht. Ebenso hielt die chemische Industrie an ihren alten Stoffen, an Mineralien und anderen anorganischen Substanzen fest. Aber das neue Rüstzeug stand bereit — mit der Möglichkeit zu radikalen Veränderungen und zur Freisetzung beispielloser Gewalten — und wartete nur auf den Druck des Krieges und den darauffolgenden Ansporn zum Wiederaufbau, um zur Anwendung zu gelangen. Erst sehr viel später entdeckte man den verhängnisvollen Fehler in der wissenschaftlichen Grundlage der neuen Technologien; sie waren einem zweibeinigen Stuhl vergleichbar: Wohlfundiert durch Physik und Chemie, ermangelten sie der unbedingt notwendigen dritten Stütze — der Biologie der Umwelt.

Dies alles kann uns als Wegweiser auf der Suche nach den Ursachen der Umweltkrise dienen. Oder ist es ein Zufall, daß es in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur einen wahren Ausbruch an technischen Neuerungen, sondern einen ebenso plötzlichen Anstieg der Umweltverschmutzung gab? Könnte die neue Technologie die wesentliche Ursache der Umweltkrise sein?

Was wir eben ausgeführt haben, gehört zum Hintergrund des Bildes, das die seit 1946 stark erhöhte Umweltverschmutzung in den Vereinigten Staaten bietet. Daneben sind jedoch noch andere Veränderungen erfolgt, die ebenfalls mit diesem Problem in Zusammenhang stehen könnten. So wird die zunehmende Umweltverschmutzung beispielsweise häufig auf den Bevölkerungszuwachs und einen steigenden Lebensstandard zurückgeführt. Es ist leicht nachzuweisen, daß für die höheren Grade der Umweltverschmutzung in den Vereinigten Staaten seit dem Zweiten Weltkrieg nicht einfach die höhere Bevölkerungszahl verantwortlich gemacht werden kann, die in diesem Zeitraum nur um 42 Prozent anstieg73. Dies ist nun natürlich nichts weiter als eine simple Antwort auf eine simple Behauptung. Es ist durchaus vorstellbar, daß eine auch nur 40- bis 50prozentige Bevölkerungszunahme Ursache für einen sehr viel stärkeren Anstieg des Verschmutzungsgrades sein kann.

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Beispielsweise könnte es — um diese zusätzliche Menschenmenge mit der nötigen Nahrung, Kleidung und Wohngelegenheit zu versorgen — erforderlich sein, den Produktionsbereich (und damit auch die Verschmutzung) unverhältnismäßig stark zu erweitern, weil für die Herstellung dieser Güter auch ineffektive Verfahren herangezogen werden müssen (etwa, daß auch veraltete Fabriken den Betrieb wiederaufnehmen). In diesem Fall müßte die Produktionstätigkeit um sehr viel mehr als nur um 40 bis 50 Prozent zunehmen, um den Bedarf einer gerade um diesen Prozentsatz gestiegenen Bevölkerung zu decken. Tatsächlich würde dies einen Rückgang der Produktivität (das heißt hier: des pro Arbeitseinheit erzeugten Wertes) bedeuten. In Wirklichkeit liegen die Dinge nun aber genau umgekehrt; seit 1946 ist ein starker Produktivitätsanstieg zu verzeichnen. Darüber hinaus wies gerade die chemische Industrie, die zu den stärksten Verschmutzern gehört, noch einen besonders hohen Produktivitätsanstieg auf; zwischen 1958 und 1968 stieg die Produktivität der chemischen Betriebe um 73 Prozent, während sie in der Industrie insgesamt nur um 39 Prozent zunahm74. Daher können also kaum irgendwelche Veränderungen der Produktionskapazität der Betriebe für die Diskrepanz zwischen der Bevölkerungs- und der Verschmutzungszunahme verantwortlich gemacht werden.

Eine andere populäre Erklärung geht dahin, daß die Bevölkerungszunahme zu einem schnellen Wachstum der Städte geführt habe, deren zusammengedrängte Menschenmassen und schlechte Sozialverhältnisse das Verschmutzungsproblem immer stärker hätten werden lassen. Auch diese Erklärung trägt der tatsächlichen Schwere der Umweltkrise nicht Rechnung. Zum einen sind eine ganze Reihe von ernsten Verschmutzungsproblemen — wie jene infolge radioaktiven Fallouts, der Verwendung von künstlichen Düngemitteln, Insektiziden, Quecksilber und vielen anderen industriellen Schmutzstoffen — in keiner Weise städtischen Ursprungs.

Allerdings ist es richtig, daß Bevölkerungsumfang und -dichte einer Stadt die Schmutzmenge pro Kopf unverhältnismäßig stark vergrößern, und zwar infolge des sogenannten »Randeffekts«. (Wenn sich eine Stadt ausdehnt, verändert sich das Verhältnis zwischen Peripherie und Stadtgebiet; da die Abfälle zur Stadtgrenze transportiert werden müssen, ist zu erwarten, daß der Arbeitsaufwand, der nötig ist, um die Abfälle pro Gebietseinheit zu beseitigen, größer wird.)

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Dieser Effekt könnte die unterschiedliche Häufigkeit erklären, mit der Krankheiten, die mit der Luftverschmutzung in Zusammenhang stehen, in Städten verschiedener Größenordnung auftreten. So liegt die Häufigkeit von Lungenkrebs in den größten Städten mit mehr als 1 Million Einwohnern um etwa 37 Prozent höher als in Städten mit 250 000 bis 1 Million Einwohnern75. Aber auch hier gilt, daß der Randeffekt zu gering ist, um die hochgradige Zunahme der Verschmutzungsintensität erklären zu können.

Die Verteilung der Bevölkerung übt allerdings einen großen Einfluß auf die Luftverschmutzung aus, insofern diese vom Kraftfahrzeugverkehr abhängt. Verdeutlichen wir uns einmal die Folgen der Bevölkerungsverschiebungen, die so überaus charakteristisch für amerikanische Städte sind: Immer mehr Schwarze und andere Minderheiten sammeln sich in den Gettos der Großstädte; die privilegierteren Bevölkerungsgruppen ziehen immer mehr in die Vororte. Dadurch geraten Wohn- und Arbeitsplätze sowohl der Getto- als auch der Vorstadtbewohner weit auseinander. Die Vorstädter, die im Stadtkern arbeiten, dort aber nicht wohnen wollen, müssen pendeln; die Gettobewohner, die Arbeit in außerstädtischen Industriebetrieben suchen, eine Wohnung in den Vororten aber weder bekommen noch bezahlen können, müssen ebenfalls pendeln, nur jeweils in umgekehrter Richtung. Diese Verschiebungen in der Bevölkerungsstruktur der Wohngebiete trugen wesentlich dazu bei, daß die Zahl der im Großstadtbereich zurückgelegten Autokilometer von 1700 pro Kopf im Jahr 1946 auf 2900 im Jahr 1966 angestiegen ist76. Daß sich die Umweltprobleme, die mit der Verstädterung zusammenhängen, derart verschlimmert haben, ist also nicht so sehr auf den Bevölkerungszustrom als vielmehr auf die ungünstige Verteilung der Wohn- und Arbeitsstätten in den Metropolen zurückzuführen.

Kurz, die Zunahme der Gesamtbevölkerung scheint in keiner Weise für die gleichzeitige Zunahme der Umweltverschmutzung in den Vereinigten Staaten seit 1946 verantwortlich zu sein. Weder die simple Tatsache des Bevölkerungszuwachses noch die multiplikativen Auswirkungen einer großstädtischen Massenbevölkerung, noch der behauptete Rückgang der Produktionskapazität können die krasse Zunahme der Verschmutzung erklären, die das auffallendste Merkmal der Umweltkrise darstellt.

Die Erklärung muß anderswo gesucht werden.

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Als Ausgangspunkt unserer weiteren Überlegungen wollen wir festhalten, daß das Verhältnis zwischen der in den Vereinigten Staaten produzierten Schmutzmenge und der Bevölkerungsgröße seit 1946 stark angestiegen ist. Bezogen auf die Zahl seiner Einwohner erzeugt das Land mehr Schmutz als vor diesem Zeitpunkt. Diese Beziehung kann mathematisch exakt, aber, wie wir sehen werden, höchst irreführend so formuliert werden, daß die pro Kopf anfallende Schmutzmenge außerordentlich zugenommen habe. Wenn beispielsweise die Verschmutzung um das Zehnfache zugenommen hat, während die Einwohnerzahl um 43 Prozent gestiegen ist, dann könnte man sagen, daß die Schmutzmenge pro Kopf sich versiebenfacht hätte (10:1,43=7). 

Da die biologischen Abfallstoffe, die jeder Mensch erzeugt, sicher nicht in diesem Umfang zugenommen haben können, führt diese Feststellung im allgemeinen zu der weiteren Schlußfolgerung, daß jeder Bürger wohlhabender geworden und für den Gebrauch von mehr Konsumgütern und daher auch für den Anfall von mehr Abfällen verantwortlich sei: An diesem Punkt wird dann gern die Statistik zitiert, wonach in den Vereinigten Staaten etwa 6 Prozent der Weltbevölkerung leben, aber 40 bis 50 Prozent der Weltgüterproduktion konsumiert werden; in einer Gesellschaft, in der ein solcher Überfluß herrsche, müsse aber — das liege in der Natur der Sache — auch ein entsprechender »Ausfluß« zu beobachten sein.

Es ist nützlich, auch hier wieder einmal einen Blick auf die Tatsachen zu werfen. Man kann den Wohlstand oder »Überfluß« abschätzen, indem man die Durchschnittsmenge an Gütern, die pro Kopf für das persönliche Wohlergehen aufgewendet werden können, ermittelt77. Als sehr grobes Maß steht uns dann das Bruttosozialprodukt pro Einwohner zur Verfügung. 1946 betrug es pro Kopf 2222 Dollar und 1966 3354 Dollar (dabei wurde, um der erfolgten Geldentwertung Rechnung zu tragen, der Dollarwert von 1958 zugrunde gelegt). Das bedeutet eine Steigerung um etwa 50 Prozent, die, für sich genommen, die beobachtete Zunahme der/pro Kopf anfallenden Schmutzmenge offensichtlich nicht erklären kann.

Da das Bruttosozialprodukt nur einen groben Durchschnittswert aller überhaupt in einem Lande erstellten Güter und Dienstleistungen angibt, ist es aufschlußreicher, diesen Wert in einzelne Positionen aufzuschlüsseln, um insbesondere die Produktion an lebensnotwendigen Gütern wie Nahrungsmitteln, Kleidung und Wohnraum von bloßen Annehmlichkeiten wie Privatautos, Fernsehempfängern und elektrischen Popcorn-Geräten zu trennen.

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Hinsichtlich der Nahrungsmittel ist das Gesamtbild des Zeitraums von 1946 bis 1968 recht eindeutig78: Die Menge der pro Kopf verfügbaren Hauptnahrungsmittel hat sich — wie etwa aus der insgesamt produzierten Kalorien- und Eiweißmenge ersichtlich wird — nicht wesentlich verändert. Tatsächlich nahm die Kalorienzahl sogar geringfügig ab, von 3 380 Kalorien pro Kopf und Tag im Jahr 1946 auf 3 250 pro Kopf und Tag im Jahr 1968. Die Eiweißmenge sank in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls ab, blieb dann mit etwa 95 Gramm pro Kopf und Tag bis zum Jahr 1963 konstant, worauf sie leicht anstieg und sich schließlich im Jahr 1968 auf 99 Gramm pro Kopf und Tag belief. Das bedeutet eine geringe Abnahme.

Diese Zahlen spiegeln die Produktionsverhältnisse in der amerikanischen Landwirtschaft wider. In der unmittelbaren Nachkriegszeit veränderte sich der Pro-Kopf-Ertrag an Getreide jährlich nur um wenige Prozente; im selben Zeitraum nahm die Fleisch- und Fettproduktion pro Kopf um annähernd 6 Prozent ab. Außerdem ging der Verbrauch bestimmter hochwertiger Nahrungsbestandteile wie Kalzium, Vitamin A, C und B, um 11 bis 20 Prozent zurück. Diese Entwicklung könnte die vorübergehend besser ausgewogene Ernährungsweise aufgrund der kriegsbedingten Ernährungsprogramme und den Qualitätsschwund in der Ernährung der amerikanischen Bevölkerung widerspiegeln, der eintrat, als diese Programme aufgegeben wurden.

Was die Gesamtmenge der pro Kopf verbrauchten Nahrungsmittel anbelangt, so ist von 1946 bis 1968 in den Vereinigten Staaten also keine wesentliche Veränderung eingetreten; wohl aber hat sich die Qualität der Ernährung in einigen Punkten verschlechtert. Offensichtlich gibt es keinerlei Anzeichen für einen zunehmenden »Überfluß« im Bereich der Ernährung.

Ganz ähnlich ist die Situation auf dem Bekleidungssektor79: praktisch keinerlei Veränderungen in der Pro-Kopf-Produktion. Die Jahresproduktion an Schuhen beispielsweise betrug 1966 noch genau wie r946 etwa drei Paar pro Kopf. Im selben Zeitraum schwankte die Inlandsproduktion an Wirkwaren aller Art zwar etwas stärker, aber lnsgesamt veränderte sich die erzeugte Menge pro Kopf von 1946 bis 1966 doch nicht wesentlich.

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Die schnell wechselnde Mode in diesem Zeitraum hatte zur Folge, daß sich das Verhältnis der verschiedenen Arten von Oberbekleidung zueinander stark veränderte (so wurden beispielsweise immer weniger Kostüme und Anzüge, dafür aber mehr Röcke, Blusen, Hemden und Hosen pro Kopf hergestellt), die Gesamtproduktion an Bekleidung, bezogen auf die Bevölkerungszahl, blieb dabei aber praktisch unverändert. 1950 betrug der Pro-Kopf-Verbrauch an Textilfasern 20,4 kg und 1968 22,2 kg, das heißt, er lag nur um 9 Prozent höher. Auch hier bleibt nur der Schluß zu ziehen, daß es — geht man einmal von dem groben Maß der pro Kopf produzierten Bekleidungsmenge aus — keinerlei Anzeichen für einen wachsenden Wohlstand in den Vereinigten Staaten seit 1946 gibt.

Für die Wohnraumfrage80 sind folgende Daten relevant:

Die Zahl der Wohnungseinheiten belief sich 1946 auf 0,272 pro Kopf und 1966 auf 0,295. Zwar bleibt die Beschaffenheit des Wohnraums hier unberücksichtigt, aber eines steht auf jeden Fall fest: Von irgendeinem zunehmenden Überfluß kann man auch auf diesem Sektor nicht sprechen. Die wirkliche Situation verdeutlichen im übrigen auch die Produktionsziffern für Baumaterialien, die sich seit 1946 — immer bezogen auf die Einwohnerzahl — kaum verändert haben.

In welcher Weise »Überfluß« zum Problem der Umweltverschmutzung in den Vereinigten Staaten beigetragen haben mag, läßt sich nun folgendermaßen zusammenfassen: Die Produktion derjenigen Güter, die grundlegende Bedürfnisse des Menschen befriedigen — nämlich Nahrungsmittel, Kleidung und Wohnraum —, ist zwischen 1946 und 1968 im Verhältnis zur Einwohnerzahl nicht wesentlich gestiegen, sondern in mancher Beziehung sogar gesunken. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Elektrizität, Brennstoffen und Papierwaren ist gestiegen; diese Veränderungen können jedoch allein die auffallende Zunahme der Verschmutzung nicht erklären.

Bemißt man den Wohlstand eines Landes jedoch an der Menge gewisser Annehmlichkeiten des Privathaushalts, wie Fernsehgeräten, Radios, elektrischen Dosenöffnern und Popcorngeräten, und an Produkten der Freizeitindustrie, wie Schnee- und Wasserfahrzeugen, dann ist dieser Wohlstand allerdings beträchtlich gestiegen. Aber auch in diesem Fall gilt, daß die erwähnten Faktoren einfach einen viel zu kleinen Teil der Gesamtproduktion ausmachen, als daß sie für die hochgradige Verschmutzungszunahme verantwortlich gemacht werden könnten.

Die verfügbaren Statistiken besagen, daß die Produktion der Vereinigten Staaten im großen und ganzen — das heißt abgesehen von einigen wenigen oben erwähnten Positionen — etwa mit dem Bevölkerungszuwachs zwischen 1946 und 1968 Schritt gehalten hat. Der Gesamtausstoß an Grundgütern wie Nahrungsmitteln, Stahl und Textilien hat in demselben Maße zugenommen wie die Einwohnerzahl unseres Landes, das heißt um ungefähr 40 bis 50 Prozent. Diese Produktionssteigerung bleibt derart weit hinter dem gleichzeitigen Anstieg des Verschmutzungsgrades zurück (der sich ja in einer Größenordnung zwischen 200 und 2000 Prozent bewegt), daß sie letzteren niemals hinreichend erklären kann.

Es scheint somit klar, daß wir uns trotz der oft wiederholten Beteuerungen, an der Umweltkrise seien die »Überbevölkerung« oder die »Überfluß­gesellschaft« oder beide schuld, nach einer anderen Erklärung umschauen müssen.

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