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Hoffnung als Mut zum Sein

oder: Pflanzen wir noch das Apfelbäumchen?

von Friedrich Kalb, 1987 (1925-2008),
Theologe, Pfarrer in München,
Kirchenmusiker.  wikipedia  Friedrich Kalb 

 

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Auf einer Demonstration Anfang der siebziger Jahre wurde ein Transparent mitgeführt, auf dem zu lesen stand: »Es gibt ein Leben vor dem Tode.« Das Transparent blieb kein Einzelfall. Dieser Slogan bestimmte seitdem immer wieder das Gespräch auch in der Kirche. In ihm kommt das Lebensgefühl unserer Zeit zum Ausdruck.

Wer diese scheinbar banale These vertritt, reibt sich offenkundig an dem Satz: »Es gibt ein Leben nach dem Tode.« Dabei wird gerade diese Feststellung allgemein als Quintessenz des christlichen Glaubens empfunden. Ein Glaubensbekenntnis wird mit einer trivialen Selbstverständlichkeit konfrontiert. Ist das eine Kampfansage des Säkularismus gegen das Christentum?

Man darf es sich nicht zu einfach machen. Das Problem liegt tiefer.

Daß mit dem Tod nicht alles aus sein soll, daß es danach Leben in anderen, neuen Formen geben könnte, ist nach wie vor ein faszinierender Gedanke. Er könnte Lebens- und Todesangst relativieren. Er könnte Hoffnung schlechthin begründen, Hoffnung auf Unendlichkeit, auf Unsterblichkeit.

Doch was durch viele Jahrhunderte hindurch die Menschheit faszinierte, läßt in unserer Zeit viele kalt. Zumindest ist es ihnen ferne gerückt. Dafür gibt es mehrere Gründe, z.B., daß die Hoffnung auf das Leben nach dem Tode ein Glaubenssatz ist. Wer nicht glauben kann oder will, hört nur das »Vielleicht« oder das »Hoffentlich« heraus; es ist ihm aber nichts bewiesen. Er möchte es sicher wissen und sich nicht auf trügerische Hoffnungen verlassen.

Sodann: Wem das Leben schal und langweilig ist oder wer es als Leiden erlebt, dem kann solche Hoffnung, also die Aussicht auf Verlängerung des Lebens in die Ewigkeit hinein, nur ein schrecklicher Gedanke sein.

Oder: Zu oft wurde der Verweis auf ewiges Leben als Vertröstung empfunden. Mit der Berufung auf die von Gott verheißene ewige Erlösung haben sich Menschen sehr oft ihrer Christenpflicht, irdische Not zu lindern oder zu wenden, entzogen. An diesem Punkt setzte bekanntlich Karl Marx ein, der Religion als »Opium für das Volk« bezeichnete: »Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glückes des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks.«

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß dies auch unter Theologen verunsichernd gewirkt hat. Die Hoffnung auf ewiges Leben wird nicht expressis verbis aufgegeben. Aber sie tritt zurück. Sie soll jedenfalls nicht vorschnell ins Feld geführt werden, bevor nicht die dem Menschen möglichen innerweltlichen Hoffnungen auf ihre Berechtigung und ihre Tragfähigkeit überprüft worden sind. Daran will man nicht rütteln lassen, daß ein Leben ohne Hoffnung menschen­unwürdig ist.

Aber was ist Hoffnung? Worauf gründet sie? Welche Ziele hat sie? Wo sind ihre Grenzen?

Der Hoffnung kommt in unserer Zeit fast der Rang eines »Grundwertes« zu. Das ist nicht verwunderlich. Die Zerstörung der Erde ist technisch machbar geworden.

Dem 21. Jahrhundert stellen sich mit der Bevölkerungsexplosion, der Umweltproblematik, der gegenseitigen Bedrohung mit atomarer Rüstung, den globalen wirtschaftlichen Spannungen, der Energieversorgung und anderem solche ungeheuren Probleme, daß die Beschwichtigung nicht ausreicht, frühere Generationen seien auch immer wieder leidlich mit ihren Sorgen fertiggeworden.

Selbst wenn die Welt nicht unterginge, lassen sich auf wissenschaftlicher Grundlage Zukunftsaspekte entwickeln, die das Schlagwort »No future« heraufbeschwören.

Ob wir etwas zu hoffen haben, ist nicht eine theoretische Frage, über die sich Philosophen und Theologen den Kopf zerbrechen mögen. Sie ist eine Frage, die alle angeht. Denn an ihr entscheidet sich, ob sich das Leben lohnt, ob es einen Sinn hat, ob es Glück und Freude auslöst, ob durch Zukunftshoffnung weiterhin die Kräfte freigesetzt werden, ohne die die immer komplizierter werdenden Aufgaben nicht gelöst werden können.

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Wer, wie das heute üblich ist, sich auf das allgemeine Gefühl der Hoffnungslosigkeit beruft, muß sich fragen lassen, wieweit dies belegbar und empirisch abgesichert ist. Es könnte sein, daß die Alten ihre Sorgen auf die Jungen projizieren und ihnen eine Zukunftsangst unterstellen, die zu allen Zeiten glücklicherweise durch jugendliche Unbekümmertheit kompensiert, wenn nicht widerlegt worden ist.

Auch das Umgekehrte wäre denkbar, daß Erwachsene, die einen beträchtlichen Teil ihres Lebens schon gelebt (und gut gelebt) haben, einer angsterfüllten Jugend einzureden versuchen, sie sollte nicht alles so tragisch nehmen und sollte, wie es den Älteren auch zugemutet wurde, »härter im Nehmen« werden.

Schließlich wäre dies denkbar, daß Erwachsene insgeheim auf den Mythos von der lebensmutigen Jugend hoffen, die mit den ihr aufgegebenen Problemen schon fertig werden wird. Doch müssen sie plötzlich erleben, daß diese Rechnung heute nicht mehr aufgeht, und das beharrliche »No future« in den Köpfen und Herzen der Jugendlichen bedeutet für sie dann das Ende der eigenen Hoffnungen. Der für Aufsteigerfamilien typische Glaube, daß die Jugend es immer besser machen und besser haben werde als die vorausgegangene Generation, wird zuschanden.

Man hat versucht, durch demoskopische Untersuchungen Licht in das Dunkel zu bringen. Dabei hat man neben »düsterer« und »zuversichtlicher« Zukunfts­erwartung auch zwischen »individueller« und »allgemeiner« Zukunft unterschieden. Denn wer auf eine positive allgemeine Entwicklung hofft, kann trotzdem für seine persönliche Zukunft schwarz sehen. Das gilt auch umgekehrt. Die Zahl der reinen Pessimisten, die weder für sich noch für die Welt etwas Erfreuliches erwarten, war bei einer (in ihrer Zuverlässigkeit sicher bestreitbaren) Umfrage erstaunlicherweise beträchtlich kleiner als die Zahl der naiven Optimisten, die im Blick auf die eigene Zukunft als auch im Blick auf die Gesellschaft sagen: » ... es geht immer weiter, auch wenn man es nie glaubt.« (Als Grund für diese Zuversicht wird in der Bundesrepublik Deutschland bemerkenswerterweise der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg genannt.)

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Wer nach den Hoffnungen und Ängsten der jungen Generation fragt, wird also differenzieren müssen. Das Bild wird sicher nicht so einseitig dunkel ausfallen, wie es oft gemalt wird. Dennoch macht es nachdenklich, daß die heutigen Jugendlichen mit 54 Prozent als »zuversichtlich« beschrieben werden, während es bei den Erwachsenen noch 71 Prozent sind.

Doch ist des weiteren zu fragen, ob über das Thema »Hoffnung« wirklich nur von Befindlichkeiten, von Stimmungen und Gefühlen aus gesprochen werden kann.

Entscheidend müßten doch die Gegebenheiten und die daraus zu ziehenden Schlüsse sein. Unter diesem Aspekt ergibt sich freilich ebensowenig ein einheitliches Bild wie bei den Gefühlen. Zwar ist die Zukunft in der Futurologie ein Gegenstand wissenschaftlicher Forschung geworden. In alten philosophischen und theologischen Lexika war noch nicht einmal das Stichwort »Zukunft« zu finden. Aber wenn auch inzwischen eine ganze Literatur zum Thema entstanden ist, nicht nur im wissenschaftlichen Bereich, sondern auch in der populären Produktion, die Zukunft ist damit nicht durchsichtig und eindeutig geworden.

Die Pragmatiker - und das heißt, auch die Politiker - sind auf Zuversicht gestimmt, sicher nicht nur, weil ihnen nichts anderes übrigbleibt. Die Hoffnung darauf, daß sich Schwierigkeiten überwinden und ungünstige Verhältnisse verbessern lassen, ist der Motor, ohne den politisches Handeln überhaupt nicht vorstellbar ist.

Die Theoretiker sind zurückhaltender. Für klar abgrenzbare Lebens- und Wirtschaftsbereiche mögen wissenschaftliche Kommissionen noch zu beruhigenden Prognosen kommen. Doch je umfassender und universaler die Hochrechnungen der Gegenwartsanalysen in die Zukunft der übernächsten Generation sind, um so mehr haben sie ein Gefälle zu dramatischen Warnungen. Wer diese Warnungen befolgen soll, wie sie befolgt werden können und wie diese Befolgung durchsetzbar sein soll, bleibt meist offen. Aber sie haben fast ausnahmslos die Kursänderung, die Umkehr, das Umdenken, biblisch gesprochen: die Buße, zum Inhalt.

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Nicht selten werden wissenschaftliche Prognosen heute zu prophetischen Mahnungen gesteigert. Der Bestsellerautor Hoimar von Ditfurth ist noch einen Schritt weitergegangen: »Nach der Schilderung der Gefahren und unserer voraussehbaren Verlorenheit ungeachtet aller aufzeigbaren Auswege« unternimmt er den Versuch, »eine Haltung rational zu begründen, mit der sich der Anblick des herannahenden Endes ohne Verdrängung und Verzweiflung ertragen läßt«.

So wie der Christ sich darauf rüsten muß, sein eigenes Sterben im Glauben zu bestehen, so wie ihm andere dafür »Sterbehilfe« schuldig sind, würde die Frage also nicht mehr lauten, ob wir eine Zukunft haben, sondern wie man trotz des nahenden Endes, wenn man schon nicht in Hoffnung zu leben Anlaß hat, so doch den Mut zum Sein bewahren könne.

Den »Panikmachern« wird von den »Beschwichtigern« widersprochen. Diese hinwiederum werden der Verdrängung und der Unwahrhaftigkeit geziehen. Wieweit diese täglich in den Medien geführte Diskussion Ängste und Hoffnungen auslöst, bleibt dennoch unbestimmt. Denn allgemeine Prognosen und persönliche Gefühle lassen sich gegenseitig oft nicht verrechnen. Nicht einmal die biographischen Fakten sind unbedingt ein Indikator dafür, ob ein Mensch in Angst oder Hoffnung, in Traurigkeit oder Freude zu leben Grund hat.

Wenn Hoffnung also nicht allein das Ergebnis rationaler Einsicht ist, wenn sie das Gesetz von Ursache und Wirkung, von Feststellung und Folgerung in mancherlei Hinsicht transzendiert, dann ist sie nicht nur ein die Psychologie oder Futurologie betreffendes Phänomen, sondern dann bekommt sie, auch als innerweltliche Hoffnung, eine theologische Qualität.

Sie könnte wie Glaube und Liebe etwas Geistgewirktes sein. Hoffnung läßt sich nicht technisch, auch nicht psychotechnisch erzeugen. Sie läßt sich nicht argumentativ vermitteln. Sie kann nicht als Ergebnis logischer Einsicht gewonnen werden. Man kann sie vielleicht suggerieren, wie das die NS-Propaganda des Zweiten Weltkriegs lange Zeit erfolgreich praktiziert hat. Aber man kann sie schon gar nicht kommandieren.

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Braucht sie also einen transzendenten Ermöglichungsgrund?

In der Tat war Hoffnung in der bisherigen Menschheitsgeschichte weithin religiös begründet. Und das mußte keineswegs bedeuten, daß sie immer nur auf das Jenseitige ausgerichtet war. Sie hatte durchaus innerweltliche Bezugspunkte. Sie war ganz stark auf die Erfahrung von Heil und Segen in dem Leben zwischen Geburt und Tod ausgerichtet. Daneben spielte selbstverständlich eine Rolle, daß man durch die Bewährung im irdischen Leben und durch das Streben nach dem Guten sich ein Anrecht auf ewiges Heil erwerben könne. Die Frage, ob Hoffnung denn nur religiös begründbar sei, und das heißt in unserem Kulturbereich: nur aus der jüdisch-christlichen Glaubenstradition heraus, wurde von Ernst Bloch neu gestellt und verneint. Ihm lag auch an der atheistischen Ermöglichung der Hoffnung.

Hoffnung ist tatsächlich nicht erst mit unserem Gottesverhältnis, sondern schon mit unserem Menschsein gesetzt. »Kein Mensch ist«, um mit Bloch zu reden, »was er ist und vorstellt.« Der Mensch ist zu sich selbst unterwegs kraft des »Prinzips Hoffnung«. Bloch sieht Mensch und Welt noch unterwegs auf dem Wege eines »Umbaus der Welt zur Heimat«. Dabei ist ihm klar, daß »ein denkbar Seiendes« noch offen, das heißt der »Chance« des Gelingens, aber auch der »Gefahr« des Scheiterns ausgesetzt ist.

Hoffnung ist jedenfalls wie Glaube und Liebe kein Absolutum. Es stellt sich immer die Frage: Wem oder was glauben wir? Wen oder was lieben wir? Worauf hoffen wir?

Sucht man jenseits von religiösen und ideologischen Differenzen eine Antwort, so könnte sie für die Hoffnung lauten: Das, was der Mensch sich erhofft, ist das, was er eigentlich schon hat oder wozu er jedenfalls bestimmt ist. Er existiert in der »Hoffnung auf Leben«. Er will dasein und dableiben.

Die Begriffe »Leben« und »Lebenserwartung« wollen aber nicht nur quantitativ verstanden sein. Die Klage »Das ist doch kein Leben« erhebt der, dessen Leben qualitativ hinter dem zurückbleibt, was er sich als Leben vorstellt und wünscht.

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Die Redensart, daß man dem Leben nicht mehr Jahre, aber wohl den Jahren mehr Leben geben könne, macht deutlich, daß Leben qualifiziert verstanden sein will. Darum unterscheidet auch das Neue Testament über den profan-griechischen Sprachgebrauch hinaus zwischen Bios und Zoe, wobei die Zoe den Transzendenzbezug zum Inhalt hat. Jesus hat diesen Unterschied im Auge, wenn er sagt: »Ich bin gekommen, damit sie das Leben und alles in Fülle haben ...« (Joh. 10,10)

Hoffnung wächst aus der Spannung des Lebens, wie es ist, und des Lebens, wie es sein sollte. Sie bleibt nicht bei der Sehnsucht stehen, sondern steigert sich zu einer Antriebskraft, von der große Wirkungen ausgehen können. Jede Revolution ist aus solcher Hoffnung geboren und hat ihre Nahrung daraus gewonnen, daß Hoffnung sich erfüllen könnte. Künstlerische oder wissenschaftliche Leistungen sind die Auswirkungen von Hoffnung, daß Nichtseiendes Wirklichkeit werden könnte. Nicht minder macht das Leben im Kleinen, in seinen Tagträumen, in seinen Wünschen und Trieben, in seiner Unzufriedenheit und Glückserwartung, mit seinen Enttäuschungen und Maßlosigkeiten Hoffnung als die den Menschen bestimmende Kraft sichtbar.

Bei der Formel »Hoffnung auf Leben« wird allerdings vom Leben als einer vorgefundenen Kraft ausgegangen, deren man gewiß sein kann. Leben mag im Einzelfall eingegrenzt und bedroht sein, im Kollektiven und Universalen blieb es bisher unbestritten in Geltung. Wenn die Menschheit aber in ein Stadium eintritt, in dem nicht nur wie zuvor das individuelle Leben bedroht und in jedem Fall terminiert ist, sondern die Lebensgrundlagen selbst zerstörbar geworden sind und ein unaufhaltsamer Zusammenbruch der Biosphäre, auch im übertragenen Sinne, konstatiert werden muß, dann wird die »Hoffnung auf Leben«, wie auch immer sie begründet und verwirklicht wird, zutiefst fragwürdig.

Der christliche Glaube hat nie »das Leben« mit »Gott« gleichgesetzt, wohl aber hat er Gott als den bezeugt, der das Leben ist und der Leben schenkt. Tragender Grund der Hoffnung ist nicht das, was in der Welt ist, sondern der, der über, außer und vor der Welt da ist. »In te, Domine, speravi« - »Auf dich, o Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt«, hat das altchristliche Tedeum formuliert.

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Deshalb ist die Frage, ob ein Mensch wenigstens auf ein Leben nach dem Tod hoffen darf, wenn ihm schon das irdische Leben verdorben und vorzeitig zerstört wird, gar nicht die Kernfrage. Die Kernfrage ist, ob er sein Leben als empfangenes, zu bedankendes und zu verantwortendes Sein zu leben bereit ist. Damit vertraut er sich nicht dem Empfangenen an, sondern dem, von dem er es empfangen hat. Zukunft ist für ihn nicht mehr nur die auf ihn zukommende Zeit, sondern der auf ihn zukommende Herr, der ihm in Zeit und Ewigkeit Leben verbürgt. Diese Hoffnung ist dann nicht (wie bei Platon) eine zweifelhafte und gefährliche Gabe, nicht (wie in Hesiods Interpretation des Pandora-Mythos) ein täuschendes Übel, dem die vernünftige Vorsorge vorzuziehen ist, sondern eine Gewißheit, die nicht in den Möglichkeiten der Welt gründet, sondern in der Wirklichkeit Gottes.

Hoffnung ist dann auch nicht nur die wache Erwartung des Kommenden, sondern der tätige Einsatz im Jetzt. Die christliche Hoffnung ist »aufgerufen und ermächtigt zur schöpferischen Veränderung der Wirklichkeit, denn sie hat Hoffnung für die ganze Wirklichkeit. Endlich wird die Hoffnung des Glaubens selbst zur unerschöpflichen Quelle für die schöpferische, erfinderische Phantasie der Liebe werden. Sie provoziert und produziert ständig ein antizipierendes Denken der Liebe zum Menschen und zum Ende, um die neu aufbrechenden Möglichkeiten im Lichte des verheißenen Zukünftigen zu gestalten, um nach Möglichkeit hier das Bestmögliche zu schaffen, weil das Verheißene in Möglichkeit steht.« (Jürgen Moltmann)

Daß für Christen die Verkündigung des Evangeliums zu den vordringlichsten Ausprägungen dieser Aktivität gehört, ändert nichts daran, daß als »Tat der Hoffnung« auch der Einsatz für die gerechte Ordnung dieser Welt zu gelten hat. Hier können Christen mit denen solidarisch werden, die von anderem weltanschaulichen Standort aus, sei es hoffend oder sorgenvoll, euphorisch oder mit dem Mut der Verzweiflung, ihre Weltverantwortung wahrnehmen.

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Christen werden zunächst nicht durch Stimmungen und Gefühle, nicht durch Prognosen und Berechnungen zum Handeln motiviert, sondern von dem Auftrag, der Erhaltung jeglichen Lebens in der Welt zu dienen, solange dieser Welt Bestand gewährt ist.

Stimmungen und Gefühle sind dabei alles andere als unwesentlich. Sie werden jedoch nicht allein vom Sichtbaren und Erfahrbaren bestimmt, sondern von der göttlichen Verheißung einer Zukunft, die jenseits menschlicher Möglichkeiten liegt. In diesem Zusammenhang dürfte die Verkündigung der frohen Botschaft, die Menschen ihr Leben im Glauben an diese Verheißung getrost und unverzagt führen läßt, mehr sein als das belanglose Akzidens, als das sie von vielen gesehen wird. Denn sie vertröstet nicht nur, sondern sie schenkt »Mut zum Sein« (Paul Tillich).

Wissenschaftliche Analysen und Prognosen sind gleichfalls alles andere als unwesentlich, weil sie, ohne die letzte und eigentliche Motivation zu sein, jedenfalls die Art und Weise unseres Handelns, aber auch seine Dringlichkeit bestimmen. Für dieses Handeln in seinen Einzelentscheidungen ist nicht mehr der Glaube, sondern sind Vernunft und der Wille maßgebend. Eine Martin Luther zugeschriebene Sentenz ist heute in vieler Munde: »Und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute mein Apfelbäumchen pflanzen.«

In diesem Wort vom »Apfelbäumchen« liegen getroster Glaube und vernünftiges Tun sinnvoll ineinander. Der es gesprochen hat, weiß, daß die Welt »untergeht«. Er tut nicht so, als ob sein persönliches Leben und das Leben der Welt »ewig« währen. Aber dieses Wissen hebt die Verpflichtung zur Fürsorge und Vorsorge nicht auf. Sie wird auch dann nicht aufgehoben, wenn Propheten oder Futurologen mit präzisen Zeitangaben aufwarten, die diese Vorsorge als sinnlos erscheinen lassen.

In dem Wort vom »Apfelbäumchen« klingt auf, daß es »uns nicht gebührt, Zeit oder Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat« (Apg. 1,7). Es gilt, die Spannung auszuhalten, dem »Tag«, dem Heute und Hier, zu leben und dennoch auf Gottes Ewigkeit ausgerichtet zu sein.

Im Grunde ist jeder Tag »Jüngster Tag«, von dem her sich Wert und Ertrag unseres Lebens bestimmt. Wer das Apfelbäumchen pflanzt, kann es nicht garantieren, schließt es aber auch nicht aus, daß noch viele Generationen nach ihm diese Erde bevölkern können. Er wird dem »Fortschritt« nicht im Wege sein, vorausgesetzt, daß dieser nicht ein technischer Eigenwert ist, sondern vom Nutzen für die Menschen und das Leben abhängt.

Ein Theologe soll einmal das Wort geprägt haben: »Wahrscheinlich hat die Kirche nur noch die Aufgabe, den >Delinquenten Welt< auf seinem letzten Weg zu begleiten.« Dies wäre das Ende aller irdischen Hoffnung, aller Freude am Leben, aller Verpflichtung zur Tat. Dem sei das Wort von Dietrich Bonhoeffer entgegengesetzt, das seinen Aufzeichnungen >Widerstand und Ergebung< in der Haft kurz vor seiner Hinrichtung entstammt:

»Es ist klüger, pessimistisch zu sein: vergessen sind die Enttäuschungen und man steht vor den Menschen nicht blamiert da. So ist Optimismus bei den Klugen verpönt. Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegenwärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignieren, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner läßt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt.

Es gibt gewiß auch einen dummen, feigen Optimismus, der verpönt werden muß. Aber den Optimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmal irrt; er ist die Gesundheit des Lebens, die der Kranke nicht anstecken soll. Es gibt Menschen, die es für unernst, Christen, die es für unfromm halten, auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten. Sie glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in Resignation oder frommer Weltflucht der Verantwortung für das Weiterleben, für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter.

Mag sein, daß der jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.«

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