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Jürgen Fuchs

Bearbeiten, Dirigieren, Zuspitzen

Die »leisen« Methoden des MfS

 

 

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Wir werden überschwemmt und vielleicht auch gelähmt von dieser Bürokraten­sprache, die mit gewalt­tätiger Sachlichkeit aus den »Maßnahme­plänen« und »operativen Informationen« des Mielke-Ministeriums auftaucht. Die Akten wurden geöffnet, das ist gut so, aber was jetzt? 

Sollen sich jetzt die Betroffenen in »Hauptamtliche Mitarbeiter« des MfS verwandeln, ihre Begriffe erlernen, den durchdringenden Blick durch die Honecker-Brille annehmen? Soll amtliches Papier die Diskussion bestimmen, Statistik, distanzierte Recherche und philologische Untersuchung der neudeutschen Unwörter? Juristisch untersetzt und historisch gestylt? Die Wissen­schaftler warten schon, die Projekt­anträge wurden gestellt.

Ich bin dagegen, in die Falle eines Herrschaftsvokabulars zu tappen und den unerbittlich-freundlichen Dialog­partner zu spielen, der »einige Begriffe erklärt haben will aus Verständnis­gründen«. Ausweichen dürfen wir nicht, wegsehen, weghören, in Gleich­gültigkeit verfallen, Nettigkeiten, Erschöpfung oder Haß.

»Zersetzung« organisierte dieser Geheimdienst in Armeestärke gegen die eigene Bevölkerung, er nannte das Bespitzeln und Herum­machen in den Biografien »bearbeiten«, er nannte den Einsatz von schlimmen Desorientierungs-, Unter­werfungs- und Foltermethoden in der U-Haft des MfS und im Strafvollzug »Ermittlungs­verfahren«, »Untersuchungs­vorgang« und »sozialistischen Strafvollzug«. 

Wissenschaft wurde in Dienst genommen, damit es »effektiver« wird, zum Beispiel die Psychologie. Und das ist eine sehr schwerwiegende Angelegenheit aus meiner Sicht, es ist der moderne, destruktive Angriff auf die Gesellschaft und den einzelnen Menschen. Amnesty International spricht seit Jahren vom weltweiten Übergang von der physischen zur psychischen Folter.  


Es ist vielleicht nicht unnötig, in diesem Zusammenhang Artikel 5 der <Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948> zu zitieren:  »Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.« Und auf dem 4. Welt­kongreß für Psychiatrie 1977 in Honolulu hieß eine der dort verabschiedeten ethischen Richtlinien: »Der Psychiater darf sein berufliches Wissen und Können niemals zur Mißhandlung von Einzelpersonen oder Gruppen benutzen.« 

Und auf dem 21. Internationalen Kongreß für Psychologen 1976 in Paris wurde als ethische Richtlinie verabschiedet: 

»Der Psychologe darf sein berufliches Wissen und seine Fertigkeiten nicht dafür hergeben, um die Durchführung der Folter und anderer grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Bestrafung zu ermöglichen, zu fördern oder anzuleiten.«1 

Die UNO ging in ihrer »Entschließung 3452 vom 9.12.75« bereits auf den Übergang zur »sauberen Folter« der Gehirnwäsche, der modernen Psychotechniken, der Psychiatrisierung und dem Einsatz von Psychopharmaka in Verhör-, Inhaftierungs- und »Zersetzungs«-Situationen ein, indem formuliert wurde, daß unter Folter 

»jede Handlung zu verstehen ist, durch die einer Person von einem Träger staatlicher Gewalt oder auf dessen Veranlassung hin vorsätzlich starke körperliche oder geistig-seelische Schmerzen oder Leiden zugefügt werden, um von ihr oder einem dritten eine Aussage oder ein Geständnis zu erzwingen, sie für eine tatsächliche oder mutmaßlich von ihr begangene Tat zu bestrafen oder sie oder andere Personen einzuschüchtern.« 

Das sind sehr klare Worte. Freilich haben die Kriege und Morde, auch Attentate, in unseren Tagen gezeigt, daß die Grausamkeiten zurückkehren, daß wir in keiner neuen, besseren Zeit leben. Man denke nur an Bosnien. Aber auch dort, wo die nackte Gewalt dominiert, gab es ein Vorher, gibt es ein Nachher. Werden die Täter erkannt und bestraft? Was ist mit den Opfern? Ist alles »halt geschehen« und ein »Detail der Geschichte«? Gelingt dieses gleichgültige Rationalisieren immer wieder?

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Die »Operative Psychologie« als Wortverbindung ist eine Geheimdienstschöpfung des DDR-MfS. Die Beschäftigung mit ihr ist aktuell, auch aus historischen Gründen. Haben die Deutschen etwas aus der Terrorzeit der Nazis, der SS und der Gestapo gelernt? Wenn ja, was? Und es könnte auch außerhalb Deutschlands nicht unwichtig sein, Einblicke in die »leisen« Methoden eines Geheimdienstes zu erlangen. Im sehr Gegenwärtigen erinnere ich an die Formen der Desinformation und öffentlichen Herabsetzung von politisch Andersdenkenden. 

 

Um die bekanntgewordenen Fakten der MfS-Herrschaft entsteht ein Nebel, der Zeuge wird unglaub­würdig, das Opfer erscheint als kümmerlicher Wicht, welches auch Täter gewesen sein könnte. Zuwendung und Mitgefühl kommen kaum auf. Die Öffentlichkeit verwandelt sich in eine Zuschauerkulisse, die sich gelangweilt zeigt, weil »ausgebreitet« wird, was über Jahrzehnte vielen Menschen angetan wurde. Und, wie könnte es anders sein, das Aufrechnen geht weiter: Nazi-KZ gegen Gulag und umgekehrt, Krieg gegen Frieden, früher gegen heute, »wirkliche Leiden« gegen »nur seelische«. Flugs ist auch die Bemerkung zur Hand, »DDR-Verhältnisse dürfe man nicht dämonisieren, weil sonst die Nazi-Zeit relativiert wird.« 

Aber die Fakten sind die Fakten. Und Meinungen sind Meinungen. Und gleich zu Anfang sei auch gesagt: Naziverbrechen, Hitler, Auschwitz natürlich nicht »aufrechnen« gegen die Millionen des Gulag, nicht relativieren, keinen »Schlußstrich«, keine »Neubewertung.« Die Verantwortung übernehmen, das Schreckliche wissen wollen, »dem Entsetzen standhalten durch die Kraft, selbst das Unbegreifliche noch zu begreifen.« Adorno. 

Auch wenn es nicht zu fassen ist, was diese deutschen Buchhalter und SSler und uniformierten Papis »im Dienst« angerichtet haben an Millionen von Menschen! Nicht gleichsetzen, keine »Tagesordnung«, keine Schönhuberei, dessen Zitat, sinngemäß, das einzige Verbrechen der Deutschen wäre gewesen, zwei Weltkriege verloren zu haben. 

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Das ist die Sprache der Täter, der Mörder, die bis heute nichts begriffen haben. Wir aber wollen begreifen, was damals geschah und sich auswirkt bis heute. Denn es gab eine zweite deutsche Diktatur.

 

Früh wurde Angst gemacht. Ein Kind in der kleinen Industriestadt im Süden der DDR wußte etwas »von denen«. Cunsdorf, das war der Stadtteil mit der düsteren, eher unscheinbaren Villa. Wer mit dem Fahrrad vorbeifuhr, trat schneller in die Pedale. Autos gehörten dazu, Männer in Zivil, ein Blick, eine Macht. Die Farbe der Angst war hell, gelb, schrill. Das Plötzliche konnte zuschnappen bei einem falschen Wort, einer herausgerutschten Bemerkung über's Westfernsehen, einem Witz, einem Lachen, einer Zustimmung zum Prager Frühling. Dann »geht man ab« und kommt lange nicht wieder, das war das Grundgefühl. Und wenn man wiederkommt, ist man ein anderer. An diesen Druck erinnere ich mich, dieses Ausgesetzt-, Ausgeliefert-Sein. Es ist meine Hauptanklage bis heute: daß so viel Druck und Angst gemacht wurde bei geschlossenen Grenzen! Einer aus meinem Haus hatte 1968 »Dubcek« an Wände geschrieben, er wurde verraten und verhaftet, nach Monaten kam er zurück, seine Augen hatten sich verändert. Sie hatten die U-Haft in Zwickau gesehen, mit siebzehn. 

Das war der Eindruck von »ihnen«: Sie haben sehr viel Macht, sind heimlich und unberechenbar, das Freundliche muß nicht freundlich sein, es kann ein Zuschnappen geben mit ernstesten Folgen, die eigene Person, das eigene Leben steht auf dem Spiel. Zumindest der seelische und soziale, persönliche Lebens­zusammenhang. Tief reichte diese Angst, es war eine Prägung, eine Impfung. Und das umgeben von einer Mauer, einem »militärischen Sperrgebiet« mit Minen und Hunden. Nur wenige hatten das Privileg der freien Reise, und auch das mußte man sich »verdienen«.

Die Eltern warnten, wollten bewahren, eine Ausbildung ermöglichen, einen guten Beruf. »Du darfst nicht alles sagen«, »Du mußt aufpassen«, das waren lebenspraktische Ratschläge, auch eine Aufforderung zum Lügen, zur Täuschung der Obrigkeit.

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 Gewiß, es gab die Zehn Gebote, das Kind kannte sie, die Großmutter betete, verfluchte Hitler und Ulbricht, erflehte Gottes Schutz. Aber es gab auch den nächsten Tag, den Schulweg, das Direktoren­zimmer, das Volks­polizei­kreisamt und diese Villa in Cunsdorf. Es gab den Staat mit seinen Panzern, Fahnen und Aufmärschen, seinem ersten Sekretär als Bild an der Wand im Klassenzimmer.

Schwämme waren schon auf dessen Stirn gelandet, Kreidestückchen »aus Versehen« [...] Und der Junge aus dem Haus berichtete von Gefangenen, die er in Zwickau getroffen hatte, »sie ließen sich nichts gefallen«, sagte er in bewunderndem Ton. Es gab also ein Nein, einen Zweifel, ein Widerstehen. Aber fern, fremd, man wollte das Abitur machen und studieren. Andererseits waren da im Regal die geliebten Bücher, merkwürdig herausfordernd standen: Borchert, Böll, Dostojewski [...] Einfach lügen ging auch nicht! Und der Deutsch-Lehrer hatte seine eigenen Gedanken, liebte den aufsässigen Brecht und mußte 1968 die Schule verlassen. Was tun? Ein Greis werden, ein Systemsklave in jungen Jahren, der funktioniert? Etwas bäumte sich innen auf, wollte frei sein, wollte den Musen gefallen und den Mädchen auch.

Der Einberufungsbefehl zur Armee kam, die Kaserne, das Gebrüll, die Erfahrung, staunend zur Kenntnis genommen, was man mit Menschen machen kann. Rekrut im letzten Glied, wirst du auf Menschen zielen, wenn sie dich vorn an die Mauer stellen – an den »antifa­schistischen Schutzwall«? Ernst war es geworden, man brauchte Glück, um davonzukommen. Rekruten und Gefangene brauchen Glück, um nicht zugrunde zu gehen. Und auch Mut, eine Entscheidung zu treffen, einen Bruch zu vollziehen. Die einen, um nicht auf Menschen zu schießen, die anderen, um sich nicht aufzugeben. Der Rekrut hatte Glück und ein kleiner Mut begann zu wachsen, nämlich über all das zu berichten, was hinter den Kulissen geschah, was von Menschen gemacht wurde in dieser bösen Komödie, genannt »real existierender Sozialismus«. 

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Lachen mußte er ab und zu, weinen auch, wenn der »Hampelmann« geübt wurde oder der »Entengang« mit Uniform und Maschinenpistole, hüpfen bis zur Erschöpfung, bis vor die Stiefelspitzen eines Unteroffiziers, der heimlich »Kameraden« sagte und die Deutsche Wehrmacht bewunderte. Tief empfand ich den Abgrund der Grausamkeit, irritierend nahe die eigene Möglichkeit, ein Täter zu sein oder zu werden, ein Brüller, ein Anscheißer, ein Heimlicher. Mit so einem wollte ich nicht zusammenleben ein ganzes Leben lang, jeden Morgen das Gesicht im Spiegel beim Zähneputzen, dann sollte lieber etwas von »Zweifeln« und »politischen Schwankungen« in der Beurteilung stehen. Ein Herauswinden begann, eine komplizierte Gegenwehr. Kein Schwein werden, Gedichte schreiben, Erfolg haben, ein Studium absolvieren, wie geht das zusammen? Wie gelingt sowas in nach wie vor recht düsteren Zeiten? 

Hin und her geht es, wer kennt und erkennt schon den direkten Weg [...] Wolf Biermann wird ein Freund, hältst du das durch, hältst du stand? Keiner meldet sich freiwillig ins Gefängnis. Die Verhaftung kam, »Komm Se«, später die Ausbürgerung, das Kind klein, verschreckt, »is' er das?«, das Vertraute war weggerutscht, das Zuhause, die Heimat, warum soll ich nicht Heimat sagen, es ist ohnehin eine Suche, ein Grenzweg. Wie viele sind unterwegs, bekommen den Fußtritt und das lange Gesicht bei der Ankunft irgendwo! Westberlin war gut zu uns, die »Feindbehandlung« durch das MfS dauerte bis Ende 1989. Warum ich dies sagte, voranstellte? Weil jeder nur sein eines eigenes Leben hat, weil Vorschriften und Akten das eine sind. Und weil wichtig ist zu wissen, wer spricht und ihre Strategien angreift aus Kenntnis, Recherche und eigenem, konflikthaftem Erleben.

Bevor Partei, Stasi und Staat beschlossen, so einer darf nicht veröffentlichen und schreiben, wie und was er will, gab es ein Studium der Psychologie in Jena von 1971 bis 1975. Dort traf ich in der Seminargruppe mehrere junge und jüngere Männer, die sich als Kommilitonen vorstellten und als »Offiziere des MdI«, des DDR-Ministeriums des Inneren. Es stellte sich aber bald heraus, daß es sich um MfS-Mitarbeiter handelte. Sie hatten den Auftrag, an der

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Friedrich-Schiller-Universität zu studieren und ganz normale Studenten zu sein. Später wurde deutlich, sie bekamen ein Gehalt, waren Offiziere, hatten eine für uns unklare Berufsperspektive. Über ihren späteren »Einsatz« schwiegen sie sich aus. Vielleicht wurden sie selbst darüber im Unklaren gelassen. Es blieb auch geheim, welche Kontakte und Gespräche und Aufträge sie neben dem Studium noch hatten, einer von ihnen verwendete einmal die Formulierung, »na ja, wir geben Partei-Informationen«. 

Darauf möchte ich zuerst und mit Nachdruck verweisen: An DDR-Universitäten und Hochschulen, auch im Fach Psychologie, studierten Offiziere und Inoffizielle Mitarbeiter des Geheimdienstes MfS. Die Offiziere hatten Dienstränge, es existierte eine Zu- und Unterordnung militärischer Art. Die IMs hatten Führungsoffiziere und wurden »gelenkt und geleitet«. In diesem Zusammenhang möchte ich einen »Kommilitonen« von damals zitieren, sein Name ist Jochen Girke, er ist Diplom-Psychologe, Studium an der Uni Jena von 1971 bis 1975, Dissertation an der »Juristischen Hochschule« des MfS in Potsdam-Golm, letzter Dienstgrad Oberstleutnant:

»Es war für mich zunehmend feststellbar, daß ich mich für Menschen interessiere. [... ] Ich wollte etwas mit wissenschaftlichen Methoden verändern. Das, was Menschen sagen, das was Menschen aufgeschrieben haben, das, was sie tun, das gibt alles Informationen her und da muß man sich sehr solider und sauberer wissenschaftlicher Erkenntnismethoden bedienen und mir war klar, viele Genossen, die operativ arbeiten, beherrschen diese Mittel nicht. Hier ist viel mit Stereotypen, mit Vorurteilen gehandelt worden. Und hier muß mehr Psychologie rein, damit diese Arbeit solider gemacht wird «2

Was ist das für eine »operative Arbeit«, in die »mehr Psychologie rein« muß? Zum Beispiel die Arbeit der Abteilung XX des MfS, speziell gerichtet gegen die demokratische Opposition, gegen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, gegen Autoren und Pfarrer, die nicht »auf Linie lagen«. 

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Oder die Arbeit des »Untersuchungsorgans«, der Abteilung IX, dazu gehörten die Vernehmer, die politische Häftlinge verhörten, die inhaftierten und nur zu klingeln brauchten, um sich einen »Beschuldigten« aus dem Zellentrakt holen zu lassen in ihr Büro.

Jochen Girke war Dozent für »Operative Psychologie«, bildete also die »operativen Genossen« aus. Auch meine Frau und mich bespitzelte er während des Studiums, bei der Akteneinsicht fanden wir mehrere seiner Berichte. Stets gab er sich Mühe, viele Details zu nennen, auf vordergründige Wertungen zu verzichten und auf Aspekte hinzuweisen, die wichtig, aber nicht sofort sichtbar waren. Auch unser Polterabend war ein »operativer« Termin, Girke war in unserer Seminargruppe, mit einem Blumenstrauß stand er vor der Türe »zurückhaltend, nett, gesprächsbereit, sachlich [...] es sind nicht alle so«, freundlich wurde über ihn gesprochen. 

Uns war er unheimlich, aber wenn man über Jahre gemeinsam in Vorlesungen und Seminaren sitzt, kommt ein Alltag und eine Milde [...] Ich zitiere jetzt aus einem »Maßnahme- und Zersetzungsplan«, erstellt von der »Kreisdienststelle« des MfS in Jena, »bearbeitet« wurden junge Leute, die Biermann-Lieder hörten, verbotene Bücher lasen und nicht bereit waren, mit dem »Organ zu kooperieren«. Lieber stellten sie Ausreiseantrage und verließen das Land, auch um sich dem Armeedienst zu entziehen:

»Die im OV (Operativen Vorgang) bearbeiteten Personen unterhalten unabhängig voneinander unterschiedlichste Verbindungen innerhalb der Stadt und in das OG (Operationsgebiet – gemeint ist Westberlin und die Bundesrepublik – d.A. ) Sie vertreten die gleichen ideologischen Positionen und sind Antragsteller auf Übersiedlung. Treffen zwischen bereits Ausgesiedelten und Antragstellern finden in der CSSR statt. Gegen Ende des Jahres ist ein gewisser Vertrauensbruch zwischen hier und bereits m Westberlin lebenden Personen nicht zu übersehen. In einer Reihe von Briefen wird von den OV-Personen immer wieder zum Ausdruck gebracht, daß das MfS jeden Schritt, jede Entscheidung und Zwietracht ihrerseits sehr aufmerksam registriert. Zu den Ehemännern bzw. zu 2 Personen bestand ein operativer Kontakt, wobei eine Verbindung im Stadium des Kontaktes verblieb, im anderen Fall die Verbindung abgebrochen wurde [...] die derzeitige Situation des Partners der OV-Person ist sehr verzweifelt. Gedanken der Selbsttötung wurden bereits gemacht.3

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Das MfS bricht jetzt seine Machenschaften nicht etwa ab und läßt die »OV-Personen« in Ruhe, vor allem die suizidgefährdete Frau, sondern tüftelt eine »Zielstellung« der »Verunsicherungs- und Zersetzungskonzeption« aus, die auf psychologisches Wissen über Gruppen, Bildung von Vertrauen, Erzeugen von Angst usw. zurückgreift. Eingeleitet wird die »Konzeption« mit der Bemerkung: »Über die Rang- und Reihenfolge der Maßnahmen ist auf der Grundlage der Reaktionen bzw. der in den anderen Konzeptionen festgelegten Maßnahmen zu entscheiden.« Welche »Maßnahmen« werden erwogen?

»1. Die OV-Personen insbesondere ... und durch sie den gesamten Personenkreis zu verunsichern.
2. Durch einzelne Maßnahmen weitere Informationen erlangen, die die offizielle Beweislage sichern helfen bzw. gegen Personen aus diesem Kreis verwandt werden können.
3. Mißtrauen und Zweifel an den vertrauenswürdigsten Partnern in der Stadt und im OG säen — damit Möglichkeiten für die Annahme neuer >vertrauenswürdiger< (in unserem Sinne) Partner bestehen.
4. Dieser Personenkreis ist so zu verunsichern, daß die Möglichkeit der strafrechtlichen Verfolgung durch etwaige Handlungen gegeben ist.«

»Zersetzung« und »Verunsicherung« sollen nach Stasi-Plan so erzeugt werden: »Einberufung zum Reservistendienst; innerhalb der Dienstzeit in solche Lage bzw. Situation bringen, daß erneute Kontaktierung durch das MfS gerechtfertigt ist

Woran war gedacht? Es konnten »fiktive Briefsendungen aus der BRD« ankommen, auf den Weg gebracht vom MfS selbst. Oder eine andere Variante: 

»Fiktives Herstellen eines Treffs auf der Autobahn mit Literaturübergabe. Damit wäre eine Grundlage für unsere Arbeit über einen längeren Zeitraum geschaffen (Armee – Westverbindung – Treff Autobahn – Transitstrecke – >Geheimnisverrat<)«.

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So wurde Druck erzeugt und kriminalisiert. Die »OV-Personen« schildern heute auf Nachfrage diese Zeit als »schlimme Jahre«: Familien zerbrachen; Kinder kamen unter Druck; nach der »Ausreise« folgte das Einreiseverbot, oft bis Ende 1989; Freundeskreise wurden irreparabel zerstört. Mitunter aber bringt die Akteneinsicht eine neue Möglichkeit des gemeinsamen Erinnerns. Ist das die »solide Arbeit«, von der Oberstleutnant Dr. Dipl.-Psych. Jochen Girke sprach? Geplant, organisiert und ausgeführt wurde sie perfekt. Wenn jemand unter diesen Umständen zur Armee eingezogen wurde, so ordnete man eine »Absprache mit HA I (Armeelinie) an, weiterhin Rücksprache mit der Abteilung IV und M zur ordentlichen Anfertigung von fiktiven Briefsendungen bzw. Karten aus dem OG.«

 

Heute hören wir, daß die Armee der DDR keinesfalls mit der Stasi gleichzusetzen sei. Übernahmen in die Bundeswehr erfolgen, »Kamerad« lautet jetzt die Ansprache. In unserem Beispiel muß von einer engen Kooperation ausgegangen werden, eine »OV-Person« als Reservist bei der »Nationalen Volksarmee« war in hoher Gefahr, fertiggemacht zu werden. Verständlich aus diesen Gründen, warum immer wieder »Totalverweigerungen« von jungen Christen und kritisch Eingestellten vorkamen: Auch um dieser trickreichen Mühle zu entgehen. Die Verhaftung und das Häftlingsdasein erschienen klarer, durchschaubarer, ehrlicher. 

In einigen Fällen mag dies zutreffen, allerdings muß ich auf die spezifischen Formen des Risikos hinweisen, hinter Knastmauern »Erziehern« und »Zelleninformatoren« ausgesetzt zu sein. Und wie leicht war das »Überstellen« in die U-Haft des MfS, um »einige Sachverhalte zu klären«. Da war man dann Vernehmern und Spezialisten ausgeliefert, die eng mit denen kooperierten, die im Heimatort die »operative Arbeit« geleitet hatten. Hervorzuheben ist die Kooperation, das »politisch-operative Zusammen­wirken« von Stasi, Partei, staatlichen, beruflichen und militärischen Stellen. 

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Ein Netz wird geknüpft, der totalitäre Zugriff ist fast perfekt. In öffentlichen Veranstaltungen melden sich heute Stasi-Offiziere wie Girke und Zeiseweis bescheiden und sachlich-argumentierend zu Wort. Wir waren und sind keine Unmenschen, heißt die Botschaft, es gab gute und schlechte Methoden, es gab Fehler, es gab Richtiges. Girke: »Wir haben mit Menschen gearbeitet, für Menschen und auch gegen Menschen.«4

Ich zitiere aus einer Dienstanweisung des MfS: »Die Psychologie kann für die operative Arbeit eine wertvolle Hilfe auch dadurch geben, daß sie beiträgt, die Psyche des Feindes genauer zu erkennen und zu beeinflussen. Diese Möglichkeit ist eine Aufgabe u.a. für das Studium der Spezialdisziplin [...].«5

Die »Operative Psychologie« ist also einzusetzen, »[...] um anhand von Vorgängen, Vernehmungen und anderen operativen Unterlagen in die inneren Regungen des Feindes einzudringen. Damit entstehen Erkenntnisse über Gedanken und Gefühle, typische Verhaltensweisen und psychische Eigenschaften des Gegners, die wertvolle Hinweise für seine Entlarvung und Liquidierung, Beeinflussung, Zersetzung und Anwerbung enthalten.«

Auch das Wort »Liquidierung« kommt vor. Ich muß gestehen, daß es mir nicht gelingt, solche Wörter, dazu rechne ich z.B. auch »Zersetzung«, emotionslos zu zitieren. Ein Grauen erfaßt mich, der Verlust der »humanen Orientierung« (Ralph Giordano) ist so offensichtlich, daß ich innehalten muß. Wir lesen dies in der deutschen Sprache, die nationalsozialistische Diktatur und ihre Menschheitsverbrechen liegen nicht weit zurück. An Victor Klemperers LTI werde ich erinnert und an Jean Amery, der davon sprach als ehemaliger KZ-Häftling, daß nie mehr in der Welt heimisch werden könne, wer den Mitmenschen als Gegenmenschen erlebt habe. Was hatte Kommilitone Girke gesagt? »Mit, für und auch gegen Menschen haben wir gearbeitet«. 

 

In der U-Haftanstalt des MfS in Berlin-Hohenschönhausen erlebte ich im Dezember 1976 Situationen, die mich an die »Grenze« des Erlebens brachten. Nach der Entlassung und Ausbürgerung notierte ich:

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»Jetzt bin ich raus, jetzt / kann ich erzählen / wie es war / aber das / läßt sich nicht erzählen / Und wenn / müßte ich sagen, was ich verschweige / zum Beispiel, daß ich am 17.12.1976 in meiner Zelle saß / mit dem Rücken zur Tür / und weinte / weil ich am Vormittag / das Angebot abgelehnt hatte, mit ihnen zusammenzuarbeiten / und du weißt / was es heißt, mit ihnen zusammenzuarbeiten.«

Zitat aus einer »Information« des MfS:

»Diese Zwischenbilanz des VIM (Vorlauf IM / Anwerbungsversuch) bestätigt den gegenwärtigen Stand des >Kampfes um seine Seele<, den Stand der Gewinnung für die Arbeit unseres Organs als inoffizieller Experte. Allerdings sind weitere Gespräche nötig.«6

Soweit Oberstleutnant Müller, Leiter der Abteilung XX des MfS in der Bezirksverwaltung Gera. Es fanden weitere Gespräche statt, der Literatur- und Kunstwissenschaftler Edwin Kratschmer aus Unterwellenborn bei Saalfeld hat aber abgelehnt! Dieser Anwerbungsversuch dauerte fast zwei Jahre, die Bestellungen wurden als Versuchung und Qual empfunden. Gesundheitliche Beeinträcht­igungen waren die Folge, berufliche Nachteile stellten sich ein. Seine »Seele« aber hat er gerettet, sein Ich, seine Integrität, den Mittelpunkt seiner Person. Er hat >Nein< gesagt. Und es ist schwer, >Nein< zu sagen, wenn die Angst groß ist und die Tochter studieren will. 

Psalm 71, Vers 4, 9, und 10: »Hilf mir aus der Hand der Ungerechten und Tyrannen, verlaß mich nicht, wenn ich schwach werde. [... ] Denn meine Feinde reden wider mich, und die auf meine Seele lauern, beraten sich miteinander.« 

Als ich das in der Bibel las, war ich sehr erleichtert. Es ist also ein altes Problem, dieser Griff nach der Seele. Sie haben es immer wieder versucht und sind offenbar nicht immer siegreich gewesen.

An dieser Stelle möchte ich den Blickwinkel wechseln. Es ist nötig, daß wir Distanz herstellen und eine fachliche Beurteilung treffen. Aus diesem Grunde wende ich mich noch einmal den Begriffen zu. Von »Zersetzung« war die Rede, die MfS-Definition aus dem Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit lautet:

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»Operative Methode des MfS zur wirksamen Bekämpfung subversiver Tätigkeit, insbesondere in der Vorgangs­bearbeitung. Mit der Z. wird durch verschiedene politisch-operative Aktivitäten Einfluß auf feindlich-negative Personen, insbesondere auf ihre feindlich-negativen Einstellungen und Überzeugungen in der Weise genommen, daß diese erschüttert und allmählich verändert werden bzw. Widersprüche sowie Differenzen zwischen feindlich-negativen Kräften hervorgerufen, ausgenutzt oder verstärkt werden. Ziel der Z. ist die Zersplitterung, Lähmung, Desorganisierung und Isolierung feindlich-negativer Kräfte, um dadurch feindlich-negative Handlungen [...] zu unterbinden. Hauptkräfte der Durchführung der Z. sind die IM [...] Die politische Brisanz der Z. stellt hohe Anforderungen hinsichtlich der Wahrung der Konspiration7

»Feindlich-negativ« fünfmal auf engstem Raum, das klingt fast wie eine Beschwörung, eine durch Wiederholung erzeugte Überführung von Menschen in den gewünschten Typus »feindlich-negativ«. Sie werden noch das Zitat von Jochen Girke von den »wissenschaft­lichen Methoden« vor Augen haben, die in die »operative Arbeit der Genossen rein müssen«. Wir sind jetzt bei den »Dienstanweisungen«, Definitionen und »Richtlinien«, den Befehlen dieser »operativen« Praxis, um zu verdeutlichen, wozu Psychologie eingesetzt wurde. Damit auch dieses allgemeine Reden besser beurteilt werden kann, mit dem der stellvertretende MfS-Minister Markus Wolf von den »Diensten« spricht, von einer Tätigkeit seiner »HVA« , die etwa mit dem vergleichbar sei, »was ein Auswärtiges Amt macht«. 

Seine Präsentation als Unschuldsengel und Antifaschist ist eine Methode der Desinformation und der Zersetzung bis in die Gegenwart hinein. Aus diesem Grunde führe ich noch einige Zitate an, damit die »Gesetzes­grundlage« des MfS klarer wird. Was dann in DDR-Gesetzen und der Verfassung geschrieben wurde, ist eine offizielle Darstellung. Der interne und für die Praxis verbindliche Klartext lautet anders. Da ist nicht die Rede vom vielzitierten »Frieden«, vom »Kalten Krieg«, da werden spezifische »Lösungen« anvisiert. 

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In der »2. Durchführungsbestimmung zur Richtlinie 1/76 über die Bearbeitung Zentraler Operativer Vorgänge (ZOV)« wird unter »Voraussetzungen für den Abschluß« ausgeführt: »Teilvorgänge sind abzuschließen, wenn der Teil der feindlichen Stellen bzw. Kräfte, der Gegenstand der Bearbeitung ist, nachweislich so weit zerschlagen bzw. gelähmt wurde, daß er nicht mehr existent ist (Hervorhebung durch d.A.) bzw. von ihm keine subversive Tätigkeit mehr ausgeht.«8)  Und an anderer Stelle heißt es:

»Als am geeignetsten sollten jene Zersetzungsmaßnahmen klassifiziert werden, die im Detail an ganz konkreten, oft sogar an momentanen Situationen im feindlich-negativen Personenzusammenschluß anknüpfen und geeignet sind, die Entwicklung des Ereignisses /der Situation in die von uns gewünschte Zuspitzung zu bringen. Analog dieser Anforderungen müssen, bezogen auf das einzelne Mitglied des feindlich-negativen Personenzusammenschlusses, aus den Kenntnissen seiner Persönlichkeitsstruktur, die für die Zersetzungsmaßnahmen geeigneten Ansatzpunkte herausgearbeitet werden. Nur darauf aufbauend ist, scheinbar folgerichtig und logisch, der weitere Verlauf in Richtung der von uns bezweckten Differenzierungen, Widersprüche und Auseinandersetzungen zu dirigieren.«9)

»Kenntnisse« der »Persönlichkeitsstruktur«, das dürfte doch etwas für die »Operative Psychologie« des Herrn Girke gewesen sein, dafür war man doch zuständig. Und das individuelle, existentielle, psychosoziale Risiko beim »Zuspitzen« und »Dirigieren«? Nun, es war vorhanden, der »feindlich-negative Personen­zusammenschluß« bestand ja aus Menschen. Matthias Domaschk starb in der MfS-Untersuchungs­haft im April 1981, andere Suizide und bisher ungeklärte »Fälle« kommen hinzu.  

Wer wurde depressiv, wer begann zu trinken, welche Ehe zerbrach, welches Kind begann zu stottern, wer stellte den Ausreiseantrag, rannte an Grenze oder Minenfeld gar, wer verzweifelte am Freund, an den Eltern, den Kollegen? Wessen Vertrauen wurde enttäuscht durch IMs »mit Feindberührung«? Wer traute sich nach der zehnten Ablehnung nichts mehr zu, ließ die Bildungsabsicht sausen, legte das Manuskript weg? 

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Die Möglichkeiten des Destruktiven, siehe Erich Fromm, auch des Autoaggressiven, sind ja groß. Wenn im »Abschlußbericht« zum OV »Leitz«, gemeint waren Katja und Robert Havemann, als »Maßnahme« zu lesen ist, es sei »eine zunehmende Beschäftigung mit sich selbst zu erreichen«10, dann ließ sich aus Beurteilungen der Betroffenen recht genau sagen, was gemeint war: die gesundheitlichen Probleme von Robert Havemann (Folgen der Nazi-Haft im Zuchthaus Brandenburg) — der behandelnde Arzt war ein hoch angebundener IM; das Eheleben; der Schulbesuch der Tochter — ein IM berichtete ständig aus der Schule; Probleme mit der Gütertrennung nach einer früheren Scheidung — MfS-Gutachter entwerfen juristische Szenarien, um ständig und wirksam »zu nerven«

All dies kann durch die Akteneinsicht heute genau belegt werden. »Zuspitzungen« konnten »operativ erarbeitet« werden, im Schlafzimmer war eine »Maßnahme 26 B« (Wanze) installiert, zahlreiche IMs befanden sich im Einsatz, im Umkreis der Wohnung wurden »Beobachtungsstützpunkte« errichtet, andere Familienmitglieder wurden als »feindlich-negative Personen« bedrängt oder Anwerbungsversuchen unterzogen. Die Schwester von Katja Havemann unternahm in diesen Jahren zwei Suizidversuche, sie starb. 

Die Mutter meiner Frau nahm sich nach Stasiverhören im Oktober 1982 das Leben. In einer »Information« der HA XX/5 vom 23. Oktober 1982 wird mitgeteilt, daß zum Beispiel am 23. September 1982 durch das MfS eine »Aussprache« durchgeführt wurde 

»unter der Legende Mitarbeiter der Abteilung Inneres. In diesem Gespräch zeigte sich, daß die U. (Mutter - d.A.) die feindselige Handlung ihres Schwiegersohnes und ihrer Tochter gegen die DDR billigte und deren Argumente gebrauchte.«11

Die näheren Umstände ihres Todes sind noch ungeklärt, eine Gewaltanwendung Dritter ist nicht völlig auszu­schließen. In der schon erwähnten »Information« heißt es weiter: »Aus den bisherigen Ermittlungs­ergebnissen ist einzuschätzen, daß die Ursachen für den Selbstmord wesentlich in der massiven feindlichen Beeinflussung des F. zu suchen sind.«

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Auch an dieser Tragödie sollte also der »Staatsfeind« schuld sein. Das Argumentationsmuster ist dabei: Wir haben politisch und historisch recht – wir sind der Staat und das verantwortliche »Organ« – es existieren Gesetze, Dienstanweisungen und Befehle – wer sich nicht an die »Spielregeln« hält, trägt voll und ganz das Risiko der Konfrontation, der »Zuspitzung« und »Zersetzung« bzw. »Liquidierung«. 

Die »Kreisdienststelle« Jena des MfS konstatierte am 14. Juli 1981 mit Blick auf die »bearbeitete« Jugendszene um die evangelische Junge Gemeinde der Stadt folgendes:

»Die im Berichtszeitraum weiter angestiegene Zahl der Suizidversuche und -absichten ist als Ausdruck einer Tendenz der Ausweglosigkeit, Labilität, Resignation sowie nicht bewältigter persönlicher, beruflicher und gesellschaftlicher Konflikte unter einem Teil des operativ interessierenden Personenkreises zu werten.«12

Dann kommt in den Unterlagen eine Aufstellung, sechs Namen untereinander, dazu Monats- und Jahresangaben:

»  I / 81   Versuch
- II / 81   vollendet
- IV / 81  vollendet
- V / 81   Versuch
- VI / 81  Versuch
- VI / 81  vollendet.«

In den Stasi-Analysen an keiner Stelle irgendein Hinweis, daß neben persönlichen Problemen auch gelenkter »Zersetzungs«-Druck gemacht wurde, daß IMs im Einsatz waren, daß berufliche Wege verbaut wurden, daß Freundeskreise zersprengt wurden, indem »Ausgereiste« keine Besuche machen durften etc.[...] Die gesamte Verantwortung wird den Opfern zugeschoben. Bis auf ganz wenige Ausnahmen ist auch die heutige Diskussion von dieser Schuldabweisung durch Stasi- und Parteimitarbeiter gekennzeichnet. Die neuen »Unruhestifter« und »Feinde des inneren Friedens« sind »Stasi-Jäger«, solche wie ich, die aus Berichten von Betroffenen und aufgefundenen authentischen Täter-Unterlagen zitieren.

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Wir sind mit etwas konfrontiert, dessen Aggressivität und auch Gewalttätigkeit enorm ist. In den Erlebnissen von Psychiatrie-Opfern, Häftlingen und durch »Operative Vorgänge« und »IM-Einsatz« um Teile ihrer selbstbestimmten Biographie gebrachten »Zersetzten« tauchen immer wieder einprägsame Begriffe auf: »beklappert«, »bestempelt«, »abgeholt«, »bespitzelt«, »auseinanderdividiert«... Die »operativen Genossen«, die »Erzieher« und »Pfleger« schütteln mit ihren Köpfen, nein, das habe man nicht gewollt, nicht gewußt, nicht getan. Ansonsten hatte alles »seine Ordnung«, man war ein »loyaler Staatsbürger ... die Gesetze waren eben so« usw. 

Stasimitarbeiter schließen sich in »Komitees für Menschenrechte« zusammen, beklagen ihre geringen Renten, ihre Probleme auf dem Arbeitsmarkt, die »soziale Ächtung«. Sie sind jetzt die Opfer. Vergleiche mit Emigranten und Verfolgten der Naziherrschaft folgen, »wir sind die Juden heute« [...] »Antifaschisten werden ausgegrenzt [...] gegen Neonazis wird nicht vorgegangen [...] die Richter des Volksgerichtshofes haben dicke Renten [...]« Über alles Zurückliegende könne »sachlich« gesprochen werden, man habe aus »Überzeugung« gehandelt, wo es zu »Übergriffen« gekommen sei, müßten diese gerichtlich beurteilt werden. 

 

Wieder ist eine Mauer da, ein »Affekt gegen die Wahrheit«, ein »Kampf um die Erinnerung«, um die »geltende und bestimmende geistige und politische Einschätzung«, um die »Linie«. Von »Schlußstrich« wird gesprochen, von »Verjährung« und »Amnestie«, dabei ist noch gar nicht klar, was in den Archiven überhaupt lagert. Vor dieser Mauer stehen die, denen Leid und Schmerzen vorsätzlich zugefügt wurden. Anträge ausfüllen [...] Rechtsanwälte finden und bezahlen (können), alle Instanzen durchstehen, Hilfe erfahren, auch praktische und schnelle, eine Rehabilitierung erreichen, eine Wertschätzung und wenigstens minimale »Wiedergutmachung«. Hinter diesen Erwartungen und Wünschen steht ein großes Fragezeichen. 

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Es geht meist anders zu, trauriger, leiser, rechtloser. Nur ein Blick auf die, die in die Beratungsstellen kommen, verdeutlicht, wie groß die Not und die Ungerechtigkeit heute sind. Die Täterseite hat meist einen Rechtshilfefonds. Die Häftlinge, die »Beklapperten«, die Jungs aus dem Jugendwerkhof Torgau, die »politisch interessierenden und operativ bearbeiteten Personen« nicht. Nur in Einzelfällen kann über die Öffentlichkeit einiges erreicht werden. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, wie konkret die Menschenrechts­verletzungen belegt werden können. Dem entgegen steht die besondere Art der »Verschriftung« und Archivierung von »aktiven Maßnahmen« durch das MfS selbst. Gerade die entscheidenden Fakten werden oft nur angedeutet bzw. in den Büros der »Leiter« deponiert, die in »komplizierten Situationen« – wie im Herbst 1989 – Vernichtungen einleiten können und müssen: laut Dienstvorschrift. 

In der schon zitierten »2. Durchführungsbestimmung zur Richtlinie Nr. 1/76« heißt es: »Operative Dokumente und andere operative Unterlagen über spezifische offensive Maßnahmen sind exakt nachzuweisen und durch die Leiter der ZOV-führenden Diensteinheiten persönlich aufzubewahren.«13

Eine Sicherheitsmaßnahme, die bei der heutigen Nachweisfindung hohe Barrieren setzt. Dennoch möchte ich an dieser Stelle belegbare »Maßnahmen« dokumentieren, bei denen Psychologen zumindest als Berater und Ausbilder der »operativen Genossen« in Erscheinung traten: Im ZOV »Wespen«14 gegen die DDR-Menschenrechtsgruppe Frauen für den Frieden werden folgende »Schwerpunkte« und »Maßnahmen« genannt:

»Eindringen in das Verbindungssystem zwischen den Führungskräften der Gruppe und feindlichen Einzelpersonen ... Förderung von Unruhen und Auseinandersetzungen innerhalb der Gruppe durch die zielgerichtete Nutzung sich zeigender Differenzen zwischen einzelnen Mitgliedern durch geeignete politisch-operative Maßnahmen [...] Stärkung und Nutzung gesellschaftlicher Positionen zur offensiven politisch-ideologischen Auseinandersetzung mit Mitgliedern der Gruppe [...] in staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen, Organisationen, Betrieben und

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Verbänden [...] Schaffung der Voraussetzungen für die Abspaltung einer eigenständigen Frauengruppe unter inoffizieller Führung bei Gewährleistung der weiteren inoffiziellen Kontrolle der feindlich-negativen Kräfte der jetzigen Gruppierung zur Durchsetzung loyaler Positionen in der kirchlichen Basisgruppenarbeit [...] Gewährleistung persönlicher Kontakte einzelner der eingeführten IM zu geeigneten kirchlichen Amtsträgern.«

 

Folgen: Die Aktivitäten der authentischen Menschenrechts- und Friedensgruppe wurden eingeschränkt. Bei den Beteiligten kam es zu harten Auseinandersetzungen, Vertrauen wurde zerstört. Eheprobleme und eine Scheidung wurden im MfS-Sachstands­bericht unter der Rubrik »Ergebnisse« fein säuberlich aufgeführt. Bis heute weigern sich die eingesetzten IMs, über ihre angeleitete Zersetzungstätigkeit Auskunft zu geben.

Im »Operativplan« zum OV »Brett«15 gegen einen Pfarrer steht:

»Die operative Bearbeitung wird mit der Zielsetzung fortgeführt, die bestehenden Widersprüche zwischen der Kirchenleitung und dem (Pfarrer - d.A.) zu vertiefen, um im Ergebnis innerkirchlicher Auseinandersetzungen die Ablösung von seiner Funktion zu bewirken [...] Die bestehenden ablehnenden Haltungen von Mitarbeitern des Jugendpfarramtes zu dem (Pfarrer - d.A.) werden genutzt, um die IM »Günter«, »Lisa«, »Köster«, »Eckert« und »Berger« zu beauftragen, im Rahmen ihrer objektiven und subjektiven Voraussetzungen breite Kreise kirchlicher Angestellter damit vertraut zu machen und die innerkirchliche Kontrastellung zu dem (Pfarrer - d.A.) zu verbreitern [...] Aufklärung der Ehefrau [...] Erlangen von kompromittierendem Material [...] Aufklärung des Sohnes [...] suchen von Ansatzpunkten für den Einsatz von inoffiziellen Kräften, um den Differenzierungsprozeß zu beschleunigen [... ] laufende Maßnahmen 26 A (Telefonabhören - d.A.) und M (Postkontrolle - d.A.) weiterführen [...]«

In einem ähnlich gelagerten operativen Vorgang gegen einen Pfarrer16 wird nach massiven Zersetzungs­maßnahmen erreicht, daß die Familie einen Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik stellt. Besonders wirksam erweist sich das »POZW«, das »politische-operative Zusammenwirken« mit anderen staatlichen Einrichtungen, um Druck auf die Kirche auszuüben. 

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Nach der Ausbürgerung galten sie als Abtrünnige, Weggegangene. Die Zersetzungsmaßnahmen konnten sie bis zur Akteneinsicht nicht beweisen. Hinzu kommt, daß besonders die zuständige HA XX/4 des MfS sehr viel Material vernichtet hat (darunter auch die Berichte von IM »Sekretär«, einem kirchenleitenden Mitarbeiter, zuständig für »humanitäre Fälle« wie IM »Torsten« - Rechtsanwalt Schnur). Gerade die mutigen, offensiven, kämpferischen, kommunikativen Pfarrer, die sich für Menschenrechte und verbotene Künstler einsetzten, fielen unter diese Art der ausgeklügelten und konspirativ umgesetzten »Bearbeitung«.

Im OV »Pegasus«17 wird gegen literarisch interessierte Studenten vorgegangen. Im Eröffnungsbericht steht:

»Durch inoffizielle Berichte und Einschätzungen wurde bekannt, daß dieser Führungskern (eines Lyrikzirkels in Jena - d.A.) Verbindungen zu negativen Personen wie Biermann und Kunze besitzt, deren Gedankengut im Zirkel sowie im internen Kreis verbreitet und selbst auf dieser Linie sich bewegende Lyrik-Arbeiten verfaßt.«

Im weiteren Verlauf der Stasi-Repression wird eine »offensiv-dynamische Bearbeitung« betrieben: »Personengebundene Herausarbeitung anteiliger Aktivitäten und Formen der Feindtätigkeit und anderer Formen der Kriminalität zur Vorbereitung eines differenzierten Vorgangsabschlusses (Haft-Einschränkung ihrer Aktivitäten-Verunsicherung-Auflösung-Kontaktierungen und Werbungen) [...] umgehende Liquidierung / Zurückdrängung / Zersetzung / Verunsicherung aller negativen Einflüsse der Vorgangspersonen.«

Vom MfS wird die »Schaffung und Konspirierung« einer »fiktiven Gruppe« betrieben, die aus »hauptamtlichen und inoffiziellen« MfS-Mitarbeitern bestehen soll, um die Andersdenkenden ins Gefängnis zu bringen: Man tritt in Verbindung, holt sich so »Beweise«, spielt den Zeugen. Dann kommt es zum »Rückzug der fiktiven Gruppe«: 

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»Im Falle der Inhaftierung von Mitgliedern der Gruppierung und bei deren Aussage zur fiktiven Gruppe: Rückzug des Mitarbeiters unter Vorgabe eines gelungenen ungesetzlichen Grenzübertritts; Einleitung eines Ermittlungsverfahrens zum Fiktiv des Mitarbeiters, offizielle Bearbeitung durch MfS und Einstellung wegen erwiesenen ungesetzlichen Grenzübertritts; Konspiration des in der fiktiven Gruppe eingesetzten IM wurde durch Nichtbekanntgabe von Name, Adresse und exakter Arbeitsstelle gewahrt.«18 

Das Ganze nannte sich »operative Kombination«.

Im ZOV »Opponent«19 wurde ich als Schriftsteller bis 1989, ausgebürgert in Westberlin lebend, »bearbeitet«. Das MfS hatte einen Haftbefehl erwirkt. Beziehungen zu Kollegen und Menschen­rechts­gruppen wie »Solidarnosc«, »Charta 77« und der »Initiative für Frieden und Menschenrechte« wurden als »Feindtätigkeit« betrachtet und bekämpft, literarische Veröffentlichungen waren »staatsfeindliche Hetze im verschärften Fall«. 
Unter »Maßnahmen« heißt es in den MfS-Dokumenten:

»Ansatzpunkte für das Eindringen und die Zersetzung der Fuchs-Bande: Bei feindlichen Aktionen usw. ist F. an intensiven gegenseitigen Informationsflüssen interessiert, um sowohl inspirierend zu beeinflussen als auch diese publizistisch zu nutzen. Das kann auch für das Eindringen in das Verbindungssystem genutzt werden. Unter Nutzung der Angst des F. vor dem MfS und seines Mißtrauens können sich aus seinen verwandtschaftlichen Rückverbindungen günstige Möglichkeiten für die Einführung von IM mit anschließender Übersiedlung ergeben [...] Spaltung durch Gerüchteverbreiten über Bevorteilung, persönliche Bereicherung, Abwälzung der Gefahren und Belastungen auf die anderen, sowie die Verletzung der Konspiration durch Veröffentlichungen in der Presse, u.a. durch die konspirative Beschaffung und Nutzung der schriftlichen Nachrichten, Informationen usw., welche F. in einem Ordner in seiner Wohnung aufbewahrt.«

 

Es kam zur »Durchführung von aktiven Maßnahmen«: Telefonterror, fiktive Aufträge an Firmen, z.B. zur Ungezieferbekämpfung, zum Abholen eines Autowracks usw. [...] Die Belästigungen gingen über Jahre und wurden auch auf die Arbeitsstelle ausgedehnt, die psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle »Treffpunkt Waldstraße«. 

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Letzteres stellte einen besonders schwerwiegenden Eingriff dar, weil z.B. durch den »Einsatz von IMs« und das Telefonabhören schwere Menschenrechtsverletzungen innerhalb Westberlins organisiert wurden. Der Schaden auch für Besucher der Beratungsstelle ist nicht absehbar. Ermittlungen der Justiz dauern an.

 

Gerade der IM-Einsatz bedient sich wichtiger »Personen des Vertrauens« (Familie, Freunde). Hier geschieht der Angriff auf das Herzstück menschlicher Beziehungen, das Vertrauen. Ursula Plog hat dies aus der Sicht einer in der Bundesrepublik aufgewachsenen Psychotherapeutin in ihrem Aufsatz (siehe S. 284 ff. in diesem Band) über Mißbrauch von psychologischem und psychiatrischem Wissen durch das MfS überzeugend thematisiert. Sie nimmt die Berichte von Betroffenen ernst und gibt Beispiele aus eigener beruflicher Erfahrung mit Stasi-Opfern. Auch das »Zentrum für Folteropfer« in Westberlin, das von physischer und psychischer Folter geschädigte Menschen aus aller Welt betreut, kann Aussagen zu Hilfesuchenden aus der ehemaligen DDR machen. 
  Die »Operative Psychologie« verstand unter einem »Vertrauensverhältnis«:

»Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen, die auf Grund komplexer, individuell verschieden­artiger psychischer Erscheinungen zu einer einseitigen oder beiderseitigen Bevorzugung und besonderen Anerkennung in bestimmten Lebensbereichen führt. Ein V. entwickelt sich vor allem aus Kenntnissen über den Partner, gefühlsmäßiger Zuwendung zu ihm und einstellungsmäßigem Verlassen auf ihn. In der politisch-operativen Tätigkeit wird in der Regel von V. zwischen operativem Mitarbeiter und IM gesprochen, wobei anzustreben ist, daß der IM dem operativen Mitarbeiter volles Vertrauen entgegenbringt, während der operative Mitarbeiter in seinem Verhältnis zum IM den Sicherheits- und Kontrollaspekt nicht außer acht lassen darf. Zwischen IM und operativ interessierender Person wird in der Regel von vertraulichen Beziehungen gesprochen, die ausdrücken sollen, daß die operativ interessierende Person zum IM volles Vertrauen hat, während der IM ihr gegenüber ein Vertrauen vortäuscht.«20)

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Der IM sollte zum Stasi-Führungsoffizier also »volles Vertrauen« haben, der Mitarbeiter seinerseits soll im Verhältnis zum IM »den Sicherheits- und Kontrollaspekt« beachten, also »wachsam« sein, nicht voll vertrauen. Und der Bespitzelte oder »Zersetzte« soll dem IM möglichst vertrauen, der IM soll sein Vertrauen aber bloß »vertraulich« vortäuschen. Wenn man sich diese zerstörerischen »paranoiden Diskurse« vorstellt und bedenkt, daß MfS-Offiziere und IMs mehrere hunderttausend Menschen zählten, die Grenze geschlossen war und Partei, Armee, Polizei mitgedacht werden müssen bei einer Bevölkerungszahl von nur 16 Millionen, dann beginnt man zu begreifen, was für eine totalitäre Inbesitznahme der inneren Natur des Menschen versucht wurde. 

Was für ein Knäuel an Leid, Schuld und Verbrechen, wenn man die Nazi-Barbarei, die deutsche Schuld an zwei Weltkriegen mitdenkt! Was wird von den Elterngenerationen an die Kinder weitergegeben, welche Rolle spielten die gesellschaftlich-ideologischen Angebote oder Auflagen bei der Bewältigung bzw. Nichtbewältigung von Krieg, Völkermord und Diktaturterror? Was wurde nicht alles offiziell behauptet, mit Druck und Zwang vorgegeben in diesen DDR-Jahren, was wurde individuell und gesellschaftlich »geschluckt«! Wenn es jetzt offenbar wird, kann es sein, daß alte Mechanismen des Wegdrückens, Nicht-darüber-Redens stark »gegensteuern«. Wenn junge Leute aus Gera und Erfurt die Buchenwald-Gedenkstätte schänden und dazu eigens im Bus anreisen, eine Musikgruppe »Oithanasie« verherrlichen, den türkischen Blumenverkäufer schlagen, Gegendemonstranten gewaltbereit mit schwarzen Fahnen und Todessymbolen anrücken, dann darf gefragt werden, welche »Syndrome« hier aufeinandertreffen, welche alten und neuen Gefahren der Menschen­feindlichkeit und Bedrohung der offenen demokratischen Gesellschaft existieren. 

Wer die Verbrechen der Nazis relativiert, wer verächtlich auf den »westlichen Imperialismus« schimpft und die Demokratie geringschätzt, für überflüssig erklärt oder beseitigen will, wer Stalins Verbrechen nicht sieht oder wahrhaben will und für eine »Kommunistische Plattform innerhalb der PDS« Stimmen sammelt, bedient alte Raster, die in den Abgrund führen können.

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Keine einzige Ungerechtigkeit der Demokratie soll verheimlicht oder hingenommen werden, z.B. Arbeitslosigkeit, Angst um die Wohnung, Mafiatreiben, Sekten, Kolonialverhalten von westdeutschen Managern usw., aber festzustellen ist, daß zu Stasi- und SED-Zeiten gerade diese Kritik erlaubt und erwünscht war!

Es war und ist eher schwierig, zu anderen Aspekten und Tatsachen der westlichen Länder und ihrer Geschichte vorzudringen, z.B. zum Kampf gegen Diktaturen, dem Einsatz für Menschenrechte, freie Gewerkschaften und un-zensierte Kunst und Kultur. Es gibt offenbar Obsessionen und Fesseln im Inneren von Menschen, Opposition und Widerstand, Zivilcourage und Aufmucken eher abzulehnen, wenn die Obrigkeit Druck macht und der Staat der Täter ist. Es gibt offenbar Angst- und Aggressions­mechanismen, auch Schuldgefühle, wenn man »mitmachte«, sich unterwarf oder wegsah. 
Dieses energiereiche »Enklavengeheimnis« (Manes Sperber) mag heute weiterwirken. 

Jede »Schlußstrich«-, »Amnestie«- und »Verjährungsdebatte« paßt da eher ins Konzept als zum Beispiel die Danksagung von Ursula Plog an die Menschen, »deren Schmerz und Engagement sie befähigt hat, die Normannenstraße zu besetzen und Material sicherzustellen.« Die übergroße Mehrheit hat die Zentrale des MfS in der Normannenstraße nicht besetzt, hat dort keine Materialien sichergestellt, um sie einer späteren Akteneinsicht zugänglich zu machen. Im Gegenteil, man war untätig, hatte Angst, Scheu oder war der Meinung, Opposition sei Unrecht. Auch Hilfe wurde geleistet beim Vernichten, »Verbringen« oder Vertuschen durch Stasi-Mitarbeiter. Es hieß: 

»So schlimm war es nun auch wieder nicht [...] die anderen anderswo sind nicht besser [...] nach vorn sehen, nicht zurück [...] die drüben wollen uns nur abkassieren [...] gegen Neonazis durfte und mußte man so handeln wie das MfS [...], wo gehobelt wird, fallen Späne [...], Fehler wurden gemacht, aber keine Verbrechen begangen [...],

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Stalin hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen, von wegen Gulag, er mußte im Inneren aufpassen [...], die paar Hanseln der sogenannten Opposition mit ihren Kerzen und plärrenden Liedern haben mehr geschadet als genutzt [...], jetzt spielen die moderne Inquisition, viele Pfaffen darunter, setzen Faschismus und Sozialismus gleich [...], Vormarsch der Konterrevolution.« 

Fast endlos fallen mir solche Sätze und Argumentationsmuster ein. Zeitungen wie das Neue Deutschland und die Junge Welt, auch die Leserbriefspalten von Wochenpost und »gewendeten« Regionalzeitungen in der Ex-DDR sind voll davon. Wer Honeckers Moabiter Notizen liest, gerade seine unverhüllten letzten Drohungen gegen die vorrückende »Konterrevolution«, die die Menschheit ins Unheil führe, spürt das grausame Besserwissen dieser kommunistischen Fundamentalisten.

Aber wir wollen ja ins Freie, auch in uns ihre Herrschaft aufkündigen. Wir wollen den paranoiden, benutzenden Diskurs der Angst, der Abhängigkeit, der Lüge und der Gewalt beenden. Dazu muß aber klar sein, was geschah, wer was verursachte. Wer die »Zersetzung« organisierte, diese »leise Methode«, um die Oppositionellen und Andersdenkenden zu schwächen, zu stören oder gar zu »liquidieren«.

Ohne Zweifel wurden auch in der DDR, um auf die anfangs zitierte UNO-Entschließung von 1975 einzugehen, Menschen »von Trägern staatlicher Gewalt oder auf deren Veranlassung hin vorsätzlich [...] starke geistig-seelische Schmerzen und Leiden zugefügt [...], um sie zu bestrafen oder sie oder andere Personen einzuschüchtern.« 

Was ich bisher überwiegend an »operativ-bearbeiteten OV-Personen« zwischen »Zersetzung« und bevorstehender Inhaftierung (die auch aus taktischen Gründen aufgeschoben oder in Ausbürgerungen mit »Maßnahmen« im »feindlichen Ausland« umgewandelt wurden) erörterte, muß ganz besonders mit Blick auf die MfS-Haftanstalten analysiert werden. Sie waren ideale Orte, die letzten Register zu ziehen: Menschen – umgeben von Mauern, eingeschlossen in Zellen, jederzeit vom »Läufer« dem Vernehmer zuzuführen. 

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Die Riegel zur Seite, das Geräusch des Schlüssels im altertümlichen Schloß, »Zwo zur Vernehmung«: vor allem in der MfS-Untersuchungshaft erlebten politische Gefangene, daß Menschen grausam, unmenschlich oder erniedrigend behandelt werden können, ohne daß ihnen ein Haar gekrümmt wird. 

Hierbei kamen unterschiedliche Methoden zum Einsatz, darunter Psychotechniken. Sie stellten eine Mischung aus alltags­psychologischen Kenntnissen (unter Benutzen der Erfahrungen von KGB und Gestapo – es gab sowjetische Instrukteure beim Aufbau des MfS; es gab vielfältige Erfahrungen von in Nazi-KZs und Nazizuchthäusern inhaftierten deutschen Kommunisten, die später Funktionen im DDR-Sicherheitsapparat einnahmen, einschließlich der KPD-Funktionäre, die in der sowjetischen Emigration engen Kontakt mit den dortigen Geheimdienststellen hielten) beim Umgang mit »Staatsfeinden« und erworbenen bzw. übernommenen Fachkenntnissen der manipulativen Kontrolle, Verunsicherung und »Brechung« von Menschen in Vernehmungs- und Haftsituationen dar. 

Dies erfolgte in enger Kooperation mit den »operativen Genossen anderer Diensteinheiten«, die z.B. für die »Zersetzung« von Oppositionellen vor oder nach einer Inhaftierung/Ausbürgerung verantwortlich waren. Im MfS-Vokabular war die einzige Variante einer »Doppelerfassung« die »Bearbeitung von OVs/OPKs« (Operativen Personenkontrollen - d.A.) und das gleichzeitige »Einleiten eines U-Vorgangs (Untersuchungs­vorgangs - d.A.) der Abteilung IX (des Untersuchungsorgans, tätig bei Ermittlungs­verfahren, U-Haft usw. - d.A.).« 

Die Praxis in der MfS-U-Haft bestand darin, durch äußerlich spurlose, psychophysische Extrembelastungen und Verhaltens­manipulationen den Gefangenen willfährig zu machen, eine Situation der Erschöpfung, der Abhängigkeit und des Schreckens zu erzeugen. Ich spreche nicht davon, daß alle Häftlinge so behandelt wurden, denn oft reichte es, eine Verhaftung zu erleben, um innerhalb von Minuten und Stunden gehorsam und willfährig zu sein. Es kam zu IM-Anwerbungen, dem Belasten von anderen Gefangenen, auch Familienangehörigen.

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Betonen möchte ich, daß damit keinerlei moralische Verurteilung verbunden ist, weil jeder, der Haft erlebt hat unter diesen Umständen, weiß, welch enormer Druck ausgeübt wird. Überwiegend der »widerspenstige« Gefangene war Opfer der psychischen und (in Ausnahmefällen) der physischen Folter in den MfS-Gefängnissen. 

 

Gustav Keller nimmt in sein Buch Psychologie der Folter im Jahre 1981 die Feststellung von Koch/Oltmanns aus deren Dokumentation Folter in unserer Zeit auf, »daß das Schema der klassischen Folter in den politischen Gefängnissen der DDR wiederzufinden ist. Physische Folter würde dort nicht auftreten, psychische Manipulationstechniken hingegen um so mehr.«21

Nach langjähriger Beschäftigung mit diesem Thema (eigenes Erleben, Schilderungen von anderen Häftlingen, psychosoziale Hilfe für Betroffene und ihre Familien nach der Haft/Ausbürgerung und erlittenen »Zersetzungs­maßnahmen«) und in Anlehnung an Biderman22 möchte ich mit Blick auf die »Operative Psychologie« des MfS auf folgende Varianten der Manipulation hinweisen:

 

Isolierung: Nach der Festnahme bzw. Inhaftierung wird dem Opfer jede soziale und psychische Unterstützung seiner Widerstandskraft bzw. politischen Motivation entzogen. Er erfährt totale Einzelhaft, auch bei der »Freistunde« wird er allein in einen »Tigerkäfig« – oben vergittert – geführt und über die Dauer seiner Haft im Unklaren gelassen. Mitunter wird Einzelhaft gepaart mit dem Ausbleiben von Vernehmungen oder Ansprachen, dazu Postsperre, keine Schreib-, Lese- und Liegeerlaubnis. Wenn die Isolierung gelockert wird und ein »Zusammenlegen« mit anderen Gefangenen erfolgt, kommt es zum Einsatz von »Zelleninformatoren«, also als IMs angeworbenen Mitgefangenen (unter Druck geworben mit dem Versprechen von weniger Strafe, Vergünstigungen usw.), zum Abhören der Zelle bzw. zur verdeckten Videokontrolle. 

Der Zellen-IM wird von MfS-Vernehmern »geführt« und benutzt. Die gesamte Palette der Möglichkeiten von freundlich-aushorchendem-beratendem Verhalten bis zu Drohungen und Gewalt / »Zellenkrieg«. 

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Das Opfer wird geschwächt, desinformiert und entwickelt ein intensives Interesse an sich selbst. Der Verhörende (und der Zellen-IM bzw. seine Führungsoffiziere) macht das Opfer von sich abhängig. Rechtsanwaltsbesuche werden verschoben, auch »Sprecher« mit Familien­angehörigen. Das MfS versucht, in ihrem Sinne zuverlässige Familienmitglieder zum Kontakt zu bewegen bzw. ihn manipulativ herzustellen. Rechtsanwälte werden als IMs angeworben und benutzt, das Vertrauen des Opfers zu erhalten, um »staatliche gemeinsame Ziele« durchzusetzen (politische Verhaltens­änderung / Aussageverhalten / Zusammenarbeit mit dem MfS / Beurteilung anderer Gefangener, Desolidarisierung / Desinformation).

 

Monopolisierung der Wahrnehmung: Die Aufmerksamkeit des Opfers wird nur auf seine augenblickliche Lage gelenkt bzw. nur die Informationen werden durchgelassen, die das Selbstbild des Gefangenen erschüttern können (eine bestimmte Ausgabe der Zeitung mit Bekanntgabe weiterer Verhaftungen/beim »Klopfen« mit anderen Gefangenen wird entweder der Kontakt unterbunden oder zugelassen, falls instruierte Gefangenen-IMs »klopfen« und desinformieren bzw. manipulieren usw.). Die Selbstbetrachtung wird gefördert, das Entstehen von Angst und Depression. Möglichst alle Anregungen, die nicht vom Wachpersonal bzw. den Vernehmern kontrolliert werden, werden unterbunden. Einsatz von Tonbandgeräten mit spezifischer Musik (z.B. beliebter Rockmusik oder abstoßenden Propaganda­märschen), um das Gefühl des »Rauswollens« zu verstärken. Vernehmer kann in bestimmten Momenten auch Briefe der Frau bzw. Fotos der Kinder präsentieren, um eine emotional »weiche« Stimmung zu erzeugen und zu nutzen, z.B. zeitgleich Belastungsmaterial hervorzuholen oder langjährige Haft zu prophezeien »bei diesem Aussageverhalten«. Vernehmer und Wachpersonal verhindern alle Handlungen, die nicht der Forderung nach Gehorsam entsprechen. 

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Gewähren oder Verhindern von Zigarettenkonsum und Arztbesuchen (z.B. »Vergessen« bei Zahnschmerzen) oder beim Auftreten von Filzläusen (»keine Diagnose«). Oder bei überheizter bzw. unterkühlter Zelle (»keine Handwerker«). Bei aggressiven oder depressiven oder suizidalen Zusammenbrüchen des Opfers kann eine Verschlechterung der Zelle bzw. Unterbringung folgen, z.B. Dunkelhaft im Keller in schwarzer Gummizelle, andere Bestrafungsarten des Arrestes. Ständiger Wechsel von Licht und Dunkelheit während der Schlafenszeit, was zu Schlafmangel und Verschlechterung der Gesundheit führt (»Kontrollen wegen Selbstmordgefahr«). Kahle und niederdrückende farbliche Gestaltung der Zellen. Eingeschränkte Bewegungsfreiheit, z.B. durch kleine Zellen, »Vergessen« des Freigangs etc. 

Gleichförmige Nahrung und gelegentlicher Einsatz von Psychopharmaka (vor »Sprechern« dämpfende Mittel — bei wichtigen Verhören und Krisen »Stimmungsaufheller« etc.). Einsatz von weiblichem Wachpersonal, das verächtliche oder anmachende Bemerkungen macht, bei Toilettenbenutzung oder beim Waschen durch den Spion sieht etc.

 

Herbeiführen von Entkräftung und Erschöpfung: Sie schwächt geistige und körperliche Widerstandskräfte. Als Folge von Druck und Aggressivität (Vernehmer oder Zellen-IM) Verweigern der Nahrung. Dies kann auch in Krisen erfolgen, wenn das Opfer, ob nun zu Recht oder nicht, den Eindruck hat, daß Psychopharmaka bzw. andere Mittel und/oder Drogen eingesetzt werden. Dies kann auch durch »Gerüchte« oder »Hinweise« erzeugt werden, um Eß- und Trinkverhalten zu verändern. Nach bzw. während des Absitzens von Strafen kann Unterernährung entstehen, hierbei häufig Einsatz von Zellen-IMs, um Verhalten des Opfers zu forcieren bzw. in die Konfrontation oder zum Zusammenbruch zu führen (»Laut-Werden« bzw. »Durchdrehen« in Konfliktsituationen, nach versprochenen Entlassungsterminen, Amnestieversprechungen usw.). 

 

Beliebte Mittel sind: überheizte Zellen, stark rauchende Zellen-IMs (bei nichtrauchenden Opfern), »zufällig« unversorgte oder falsch behandelte Wunden, lange U-Haft, verweigertes oder erzwungenes Schreiben, erpreßtes Aussageverhalten,

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Mitinhaftieren von Freunden und Familienangehörigen (und dem Vortäuschen desselben), manipulative Verhörtechniken, Drohungen usw., lange Verhöre (auch wenn nichts ausgesagt wird), allgemeine Überanstrengung und Erzeugen von Krisen (Einweisung der Kinder ins Heim, Verbot einer Teilnahme am Begräbnis der Mutter etc.).

Drohungen: Damit werden Angst und Verzweiflung gefördert. Drohungen, Verhöre und U-Haft nach Belieben fortsetzen zu können; Eltern oder Frau zu inhaftieren, Kinder ins Heim zu stecken usw.; ein Urteil »nicht unter zehn Jahren« zu bekommen; im Strafvollzug »unter Mördern« zu landen bzw. »schwul gemacht zu werden«; als ein »anderer« rauszukommen, wenn Verhalten nicht verändert wird; Krankheiten zu bekommen, Herzinfarkte usw.; Androhen von Überraschungen und »Bonbons« ohne nähere Erläuterungen; Zeigen von Aussagen anderer Gefangener bzw. von Fälschungen; unerklärliche Veränderungen der Haftbedingungen bzw. der Vernehmungen, ständiges Wechseln der Zellen; Verweigern von eigener Kleidung und sämtlichen Medien in der U-Haft; Verweigern des gewünschten Anwalts; Nicht-Befördern von Post usw.

 

Gelegentliche Gefälligkeiten: Sie bewirken emotionale Schwankungen, erzeugen Hoffnungen usw. Läßt Vernehmer sympathisch erscheinen (»ich kümmere mich darum, daß ihr Kind nach Hause kommt / daß die Wohnung erhalten bleibt / lege beim Staatsanwalt ein gutes Wort ein / ziehe den prügelnden Mitgefangenen zur Verantwortung / erlaube das Lesen von Büchern / lasse ab heute das Drohen und Schreien« usw.), es entsteht beim Opfer eine positive Haltung zum Gehorsam, zum »Dialog«, zum einseitigen »Abbau der Spannungen« etc. Auffällig ist wechselndes Verhalten von Vernehmern, der »Gute wird böse« und umgekehrt; vier Vernehmer im Raum; Wachpersonal provoziert Gewalt usw.; Belobung für Teilgehorsam; »lange Leine« und »zappeln-lassen«.

 

Demonstrieren von Allmacht: Es bedeutet Konfrontation auf allen Ebenen (Lautstärke, Drohungen, Verhalten des Zellen-IM und des Wachpersonals, Verweigern von

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Kontakten zu Anwalt und Familie, Briefe nur zeigen, nicht lesen lassen). Kooperation wird zur Voraussetzung für alles andere. Vielfältige Demonstrationen der totalen Kontrolle über den Gefangenen (nackt ausziehen lassen; beim »Sprecher« mit dem Ehepartner Grenzüberschreitungen und Demütigungen für das Opfer; Zwang zum Haareschneiden, Duschen, Wäschewechseln usw.; Erzwingen einer bestimmten ärztlichen Untersuchung; Nicht-Verlegen eines Mitgefangenen nach bzw. bei Gewalt; Hinterlegen von Glas, um »Suizid zu testen«). 

 

Dieses Verhalten des MfS kann dazu führen, daß in einer bestimmten Lage das Opfer meint, weiterer Widerstand sei sinnlos. Demütigung. Höhnische Bemerkungen des Wachpersonals, des Vernehmers oder von Zellen-IMs über das Opfer, sein Aussehen, seine Sprache, seine Herkunft, seinen Beruf, seine Überzeugungen, sein Verhalten in der Haft. Herabsetzen von Freunden und Personen, die für das Opfer wichtig sind oder waren. Erniedrigende Prozeduren beim Duschen (»nur kaltes Wasser« im Winter, »vergessen« des Abstellens; »vergessen« der Kleidung usw.) oder Ankleiden (Wäsche zu klein, eigene Kleidung wird erlaubt, aber sie ist verschmutzt, verfärbt usw.). Stören der Intimsphäre (beim Onanieren) durch Wachpersonal und andere Gefangene (homosexuelle Gefangene in die Zelle). 

Im Ergebnis könnte das Opfer zu der Auffassung gelangen, daß ein Widerstandsverhalten für die Selbstachtung negativer ist als gelegentliches Nachgeben. Zum Beispiel, um Schreiberlaubnis zu erhalten, Liegeerlaubnis bei Schmerzen, Sonderfreigänge bei Bewegungsmangel, ein Schlafmittel bei Schlafstörungen, Fernseherlaubnis, »Zusammenschluß« mit anderen Gefangenen usw. Das Opfer hat das Gefühl, sich selbst zu verlieren, »unter seinem Niveau zu bleiben«. Das Gefängnis wird zur Sonderwelt, in der »andere Maßstäbe« gelten. Singen, weinen, beten u.a. wird dann abgelehnt, weil es Schuldgefühle erzeugt, »an früher erinnert«, »nicht mehr tröstet«. Die Macht des MfS wird zwar abgelehnt, aber akzeptiert als übermächtige Gewalt, die über das eigene Leben/Nichtleben bestimmt.

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Erzwingen von »kleinen« und größeren Gefälligkeiten: Vernehmer verlangt das Sprechen über bestimmte – auch private – Themen, das Opfer gehorcht. Vernehmer teilt Zigaretten zu; diktiert Briefpassagen an Angehörige; bespricht Verhalten vor und nach »Sprechern«; lenkt Zellenverhalten, obwohl das Opfer – noch – kein Zellen-IM ist; Vernehmer gewährt Vergünstigungen oder nicht; demütigt, wenn er trotz gehorsamer Ausführung durch das Opfer nicht belohnt oder bei »gutem« Aussageverhalten das Opfer als Versager bezeichnet, weil es »nicht durchgehalten hat«. Erzwingen von Wohlverhalten gegenüber dem Wachpersonal (bedanken bei Zellenöffnung oder -schließen; grüßen, groteske Formen der Höflichkeit, die aber nicht ironisch vom Opfer eingesetzt werden, sondern Zeichen von Kapitulation sind). Stimmungsschwankungen, hohe Suizidgefahr, falls das Opfer sich an sich selbst erinnert, eine authentische Nachricht von außen erhält, solidarische, ungebrochene Mitgefangene erlebt usw.

 

Die eingesetzten Psychotechniken sind Deprivationsverfahren, die besonders in der MfS-U-Haft eingesetzt werden können (Art der Zelle/Reizarmut/Wechsel von Reizüberflutung und »Stille« bzw. keine Vernehmungen über Wochen etc.). Des weiteren Interaktionstechniken, die manipulierend in die Sozialbeziehungen des Opfers eingreifen (der »gute« und der »böse« Vernehmer / Wechsel dieses Verhaltens in einer Person / Herstellen bzw. Zerstören von Vertrauen). 

Und Interviewtechniken, die in vorbereiteter Art familiäre und persönliche Bereiche des Opfers »einfühlend« erfragen wollen, dabei Wechsel von Drohungen und Brüllen möglich. Einbeziehen von Freunden und Familienmitgliedern, die nicht in Haft sind. Bekanntgeben von Interna, die nur durch persönliche Begegnungen bekannt geworden sein können. Von besonderer Bedeutung sind Techniken und Taktiken der Kommunikation. Das Opfer befindet sich über Wochen, Monate, mitunter Jahre in einer zwiespältigen bzw. nicht eindeutigen Situation. 

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Was der Vernehmer oder Zellen-IM (dies ist durch das Opfer nur ahnbar) sagt, tut, ausdrückt, kann stimmen oder auch nicht. Worte und Gesichtsausdruck bzw. Wort und Tat stimmen nicht überein. Was dann wirklich geschieht oder gesagt wird, ist nicht vorhersehbar. Verwirrungen stellen sich ein, psychotische Zustände.

 

»Double-bind«-Druckanwendung bzw. Folter löscht jede wahrhaftige Kommunikation (ähnlich dem Verhalten von Abhängigen beim Konsum von bestimmten »harten« Drogen — Lüge auf allen Gebieten, Aufkündigen jeder verläßlichen Kommunikation). Es ist die Herrschaft der Zweideutigkeiten und widerlichen, erzeugten Ambivalenzen. 

Hinzuweisen ist auch auf angewandte Konditionierungs­techniken, bei denen eine bestimmte Reaktion oder ein Verhalten von bestimmten Bedingungen abhängig gemacht wird. Die besondere Hinwendung der DDR-Psychologie zu Theoretikern der klassischen Konditionierung wie I. P. Pawlow (Versuche mit Hunden) brachte es offenbar mit sich, daß Reiz-Reaktions-Schemata und Trainingsprogramme dieser Art in MfS-Techniken Einlaß fanden. Wer viele Verhöre erlebte, weiß von den vielfältigen »Beziehungsstrafen« und Konditionierungs­versuchen, bestimmtes Verhalten zu erzeugen und mit bestimmten Reizen / Worten / Mitteilungen / Dokumenten das Opfer in Abhängigkeit, Verwirrung oder in die Krise zu führen. In Veröffentlichungen des Lehrbereiches »Operative Psychologie« der MfS-Hochschule Potsdam kommen immer wieder Literaturangaben aus der Lernpsychologie und Verhaltenstherapie, aber auch Hinweise auf spezialpsychologische Trainingsprogramme vor. Anzuführen wäre noch das Ausbeuten und Benutzen von Psychiatrie und Psychopharmaka, um Gefangene und OV-Personen zu unterwerfen.

Immer wieder konnte man aus MfS-Mündern hören, daß einer/oder eine »nicht normal« wäre, daß oppositionelles Verhalten »krankhaft« sei und »eigentlich in die Psychiatrie« gehöre. Wer als Gefangener zusammenbrach, konnte unter Umständen mit der spezifischen MfS-Psychiatrie Bekanntschaft machen. Vor allem wurden solche Gelegenheiten benutzt, um seelische und biografische Hintergründe auszuforschen.

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Sicher ist das Einweisen in die Psychiatrie wie in der Sowjetunion nicht DDR-spezifisch. Jedoch kann mit hoher Gewißheit davon ausgegangen werden, daß z.B. Psychopharmaka gezielt und systematisch eingesetzt wurden (und ohne Wissen bzw. Einwilligung des Gefangenen). Ich selbst habe in mindestens drei Situationen während der Haft in Berlin-Hohenschönhausen die Wirkungen von Psychopharmaka verspürt (Persönlichkeitsveränderungen während des »Sprechers« mit meiner Frau / das Gefühl von Ferne, Antriebslosigkeit / Veränderung der »kurzen« Muskulatur um die Mundgegend / Veränderungen der Schrift, der Sprache / Erinnerungslücken etc.). 

In der Selbstbeobachtung und bei Rückfragen an andere Gefangene gibt es besonders zwei Situationen, in der »Mittel« eingesetzt wurden: 
a) um bei »Außenkontakten« zu »dämpfen« und zu lähmen, 
b) bei Anpassung an die Isolation und die psychische Folter »Mobilisierungen« herbeizuführen, vitale Anteile zu stärken und das Opfer anzuspornen, »etwas für sich zu tun«, z.B. in den Vernehmungen »kooperativer« zu sein, mehr zu denken, zu reden und zu fühlen. 

Außerhalb der Gefängnissituation ist auf das Tätigwerden von IM-Ärzten und IM-Psychologen im Gesundheitswesen der DDR hinzuweisen. Recht ungeniert wurde die Schweigepflicht gebrochen und dem MfS zugearbeitet. Therapiegruppen wurden so ausgeforscht, IM-Rekrutierungen wurden vorgenommen. 

Bürgerrechtler in psycho-sozialen Krisen wurden mitunter in schäbigster Weise belogen und in Krisen­gesprächen (ein Beispiel aus Jena, OV »Meißel« der KD Jena) mit suizidalem Hintergrund ausgespitzelt, beeinflußt und im Ergebnis weiter »zersetzt«. Wer das konkrete Geschehen kennt, kann an diesem Punkt keinerlei Relativierungen oder Beschwichtigungen zulassen. Ich empfinde es als Skandal, daß solche Täter (das betrifft auch Rechtsanwälte und Pfarrer) weiterhin in helfenden Berufen mit Kriseninterventions- und Therapiecharakter tätig sein können.

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Die Wirkungen der »leisen« Methoden des MfS sind vielfältig. Am eigenen Beispiel konnte ich erleben, wie weitreichend die psychischen Folgen von »Zersetzung« und harter Druckanwendung / psychischer Folter in der Stasi-U-Haft waren. Trotz einer durchgehaltenen Gegenwehr bei den Verhören und gegenüber Attacken von Zellen-IMs fiel es mir nach der Haftentlassung und Ausbürgerung schwer, ganz in die – noch dazu neue – Realität zurückzufinden. 

Zwar veröffentlichte ich rasch und mit großer Verbreitung einen ersten Bericht über die Gefängnis­erlebnisse (ich hatte dieses Manuskript unter Haftbedingungen vorbereitet, ohne einen Stift oder Papier zu besitzen, indem ich mit Silberpapier auf den kunststoffbeschichteten Tisch schrieb und den Text so »wirklich« entwarf und auswendig lernte, bevor die Wächter ihn mit penetranter Regelmäßigkeit »abwischten«), doch war ich entsetzt, wie gleichgültig das aufgenommen wurde, was ich als Extremsituation erlebt hatte. 

Die mitgeteilten Fakten wurden zu »meiner Meinung«, es konnte »so stimmen oder auch nicht«. Fast zeitgleich begann das MfS, die Glaubwürdigkeit des Berichts zu erschüttern, ein Zellen-IM trat in der Bundesrepublik als Zeuge auf, um mitzuteilen, »daß alles ganz anders war«. Mit Hilfe eines anderen Gefangenen gelang es allerdings, diesen Zersetzungsauftrag zu enttarnen. Offen blieb jedoch bis zur Akteneinsicht heute, ob ich tatsächlich die Wahrheit gesagt hatte.

 

Aus dieser Sicht ist es mehr als überraschend, wie schwierig es war, trotz zehntausender politischer Häftlinge überzeugend zu vermitteln, was an heimlicher Druck- und Folterrealität existierte hinter Mauern und bei durchgehaltener Konspiration durch die Täter. Gerade die Tatsache, daß es »nur Erlebnisberichte« gab, fast keine Dokumente des MfS, erschwerte die Entlarvung der Verantwortlichen enorm.  

Hinzu kam das (auch von der westlichen Öffentlichkeit massiv ignorierte) Fortsetzen der »operativen Bearbeitung« durch das MfS: keine Einreisen für »ehemalige DDR-Bürger«, Unter-Druck-Setzen von Familienangehörigen besonders in Reisefragen, Einsatz von Einfluß-IMs vor allem der HVA in wichtigen Bereichen der Bundesrepublik (Presse, Verbände, Parteien), um Zweifel und

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Abwehr gegenüber den »Knastmacken« der politischen Häftlinge zu erzeugen, die »nur den Kalten Krieg schüren«. In diesem Klima war es besonders schwierig, den eigenen traumatischen Erfahrungen weiterhin zu trauen und die Interpretations- und Beschwichtigungs­versuche unterschiedlicher Herkunft und Motivation zurückzuweisen. 

Auch die furchtbaren Tatsachen der nationalsozialistischen und stalinistischen Verbrechen (in den Gulag-Lagern der Sowjetunion) brachten es mit sich, daß die MfS-Repression als »nicht so schlimm« angesehen wurde und der Folterbegriff – obwohl zutreffend – kaum Verwendung fand. Dem entsprach das Bemühen des Oppositionellen, sich nicht »ewig als Opfer darstellen zu wollen«, was »die Leute eher langweilt und uns immer mehr in die Isolation treibt«. Oft hörte ich solche Meinungen. 

Auch das partei­politische Instrumentalisieren der Menschen­rechtsthematik, wobei »Lager« und »Fraktionen« entstanden, die sich bekämpften, trug zu einer Atmosphäre der kurzzeitigen schrillen »Fallausschlachtung« und langanhaltenden Gleichgültigkeit und Ignoranz bei: »Anderswo ist es schlimm, was sollen die Übertreibungen?« 

Übrig blieb das Gespräch im kleinen Kreis der Familie und der engsten Freunde, die miteinander verband, Ähnliches erlebt zu haben. Doch auch hier blieben Spannungen nicht aus, weil der eine den anderen an traumatische, oft nicht bewältigte bzw. ins aktuelle psychische Geschehen nicht integrierte Leiderfahrungen erinnerte. 

 

Jeweilige »aktive Maßnahmen« des MfS schürten Ängste und Abwehrreaktionen, aber auch Bemühungen, sich dem Thema zu stellen und die Täter in ihre Verantwortung zu bringen. Vorrangige Bedeutung hatte hierbei, die psychische Folter und Druckanwendung bzw. »Zersetzung« als solche zu erkennen und zu berücksichtigen, daß gerade die 

»feineren, neueren Mittel, die viel erfolgreicher sind, wissenschaftliche Methoden [...].« 
(Reza Pahlewi, ehemals Schah von Persien) 

von den Tätern und ihren Auftraggebern in Staat und Partei eingesetzt wurden, um die Folter und »Zersetzung« unbeweisbar zu machen und als Phantasieprodukt von »Spinnern«

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erscheinen zu lassen, die man propagandistisch ausschalten kann: Auf dem Hintergrund einer antifaschistischen Ideologie, die ehemalige Widerstandskämpfer gegen die Nazis als neue diktatorische Obrigkeit entwickelten und gepaart mit lautstarken Protesten gegen neonazistische Umtriebe und skandalöse Menschenrechtsverletzungen in der Dritten Welt, wurden die eigenen Untaten verleugnet oder als Bagatellen hingestellt, als »im Klassenkampf notwendige Maßnahmen gegen extreme Elemente und Konterrevolutionäre«, wie mir ein Vernehmer im Gefängnis sagte.

 

Nach der Haftentlassung und Ausbürgerung bzw. Rückkehr unter Auflagen an den Wohnort kann der Betroffene bei sich eine reizbare Überaktivität entdecken, den Wechsel zwischen depressiven und euphorischen Stimmungen, besonders aber eine sich bald einstellende umfassende Erschöpfungsreaktion, Ängste, Depressionen und Kontaktschwierigkeiten stellen sich ein. 

Immer wieder konnte ich bei ehemaligen Häftlingen und Opfern von »Zersetzungsmaßnahmen« diese Symptome entdecken, auch den Versuch, so zu tun, »als sei nichts«. Schwer fällt die Integration der Traumata und das »Überspielen« von Phasen der Mutlosigkeit, des Mißtrauens und der lastenden Wiederkehr von bestimmten Augenblicken in Verhören und Konfliktsituationen bei Tag- und Nachtträumen. Die Familienangehörigen leiden mit, an die Kinder wird insbesondere die affektive Atmosphäre weitergegeben. Suizidale Tendenzen können entstehen, gewisse Gerüche und Geräusche können phobische oder paranoide Reaktionen auslösen. 

Unser Kind, das die Trennung von den Eltern im Alter von zwei Jahren durchlebte und sein Zuhause verlassen mußte (darunter Familienmitglieder, die in Abwesenheit der Eltern die Versorgung übernommen hatten), zeigte bei jedem Entfernen Angst und Schmerz. Über Jahre wachte es nachts auf und kontrollierte die Anwesenheit der Eltern. Uniformen, bestimmte Filmszenen und »Grenzsicherungsanlagen« lösten Panik aus. 

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Bei einem befreundeten Schriftsteller lösten Haftdrohungen, die Ausbürgerung und sich anschließende Probleme in der Familie eine schwere, Jahre andauernde Depression aus. Häftlinge berichteten von Schweißausbrüchen, wieder­kehrenden »Bildern« und Wortgruppen (»KommSe« usw.) in Streßsituationen oder bei Spazier­gängen im Wald, »wenn es so still wird«. 

 

Andere schilderten Ausfälle von Körperempfindungen, Sexualstörungen (Nicht-Lösen-Können vom Onanieverhalten), übermäßigen Durst oder Harnlassen-Müssen in den »unmöglichsten Situationen«. Andere wechselten ständig die Wohnung, bauten sich »Verstecke« und ergriffen »Sicherungsmaßnahmen«, die von der Umwelt als »verrückt« eingestuft wurden. Kinder schwiegen über das familiäre »Ostschicksal« und gaben in der Schule andere biographische Daten an. 

An mir selbst konnte ich auch Perioden einer gerichteten und ungerichteten Aggressivität beobachten, die plötzlich auftraten und meist mit dem vermeintlichen Erblicken eines Vernehmers zusammenhingen. Andere schilderten Anfälle von Weinen oder Lachen, auch Alkohol­mißbrauch bzw. -intoleranz. 

Noch nach Jahren und Jahrzehnten kann es zum Durchbrechen des »Reizschutzes« kommen, wenn eine bestimmte Konstellation auftritt. Aus vielen Begegnungen mit KZ-Opfern und Gepeinigten aus Diktaturländern wie Chile, Spanien, Griechenland und der Sowjetunion kann ich sagen, daß Grundmuster des Verhaltens und der Gefährdungen »danach« beinahe gleich sind. Auch diese ideologieunabhängige Gewißheit bringt mich heute dazu, die Gefahr des Mißbrauchs von psychologischem und psychiatrischem Wissen zu bezeugen und vor dem »Schlußstrich« der Unempfindlichen und politisch Verbohrten zu warnen. 

 

Erschütternd und für alle Zeiten gültig hat Viktor Frankl, ein KZ-Überlebender, geschrieben:

»Neben der Deformierung, die dem vom Druck plötzlich entlasteten Menschen droht, gibt es noch zwei weitere Grunderlebnisse, die ihn gefährden, schädigen und deformieren können: die Verbitterung und die Enttäuschung des Menschen, der als freier in sein altes Leben zurückkehrt. Die Verbitterung wird hervorgerufen durch so manche Erscheinungen des öffentlichen Lebens [...] 

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Wenn so ein Mensch heimkehrt und feststellen muß, daß man ihm hier oder da mit nichts besserem als Achselzucken oder billigen Phrasen gegenübertritt, dann bemächtigt sich seiner nicht selten eine Verbitterung, die ihm die Frage aufdrängt, wozu er eigentlich alles erduldet hat.
Wenn er fast überall nichts anderes vorgesetzt bekommt als die üblichen Redewendungen: »Wir haben von nichts gewußt« und »wir haben auch gelitten«, dann wird er sich fragen müssen, ob das wirklich alles ist, was man ihm zu sagen weiß [...] 
Anders liegen die Dinge beim Grunderlebnis der Enttäuschung. Hier ist es nicht der Mitmensch, über dessen Oberflächlichkeit oder Herzensträgheit man schließlich einfach so entsetzt ist, daß man sich am liebsten nur verkriechen möchte, um von der Mitwelt nichts mehr sehen und hören zu müssen [...] Hier, im Erlebnis der Enttäuschung, ist es das Schicksal, dem gegenüber der Mensch sich ausgeliefert fühlt; der Mensch nämlich, der nun durch Jahre geglaubt hat, den Tiefpunkt möglichen Leidens erreicht zu haben, jetzt aber feststellen muß, daß das Leid irgendwie bodenlos ist, daß es anscheinend keinen absoluten Tiefpunkt gibt: daß es mit einem immer noch tiefer, noch immer bergab gehen kann ... «
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Ich schreibe an gegen Verbitterung und Enttäuschung, ich möchte nicht, daß Täter wie Girke, Zeiseweis, Reuter, Buhl, Paulitz, Eberl und Mielke über die Spätfolgen der psychischen, sozialen und politischen »Zersetzung« im Inneren der Betroffenen, der Einzelnen wie der Gesellschaft, verheerend und bestimmend verankert bleiben.

Ihrer »Operativen Psychologie« sollten wir uns durch Aufklärung und Wahrheitsfindung entziehen. Denn in der Beschäftigung mit den Fakten und dem Erleben der Opfer wird auch deutlich, daß es die Möglichkeit gibt, dem geheimdienstlichen Zugriff zu widerstehen. Aus dem Nein zu Spitzeltätigkeit und Vertrauensbruch sowie dem Mut, den Verursachern von totalitären Strukturen entgegenzutreten, ergibt sich die heutige Chance, Diktatur zu überwinden.

 

Ende

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Anmerkungen

 

  1  Zitiert nach ai in G. Keller, Die Psychologie der Folter, Frankfurt/M., S.7 f.
  2  Zitiert nach dem Dokumentarfilm »Der schwarze Kastei»« von T. Trampe/Feindt.
  3  BStU-ASt-Gera, OV »Opponent«, Archiv-Nr. 1020/81.
  4  Siehe Anm. 2.
  5  VVS MfS, JHS 106/68, S. 56 f.
  6  BStU-ASt. Gera, Archiv-Nr. 363/83, Bd. I u. II.
  7  MfS, GVS, IHS 011-400/81, Potsdam, April 85 - im ZA d BStU.
  8  MfS, GVS, 0008 Nr. 6/85, S. 28.
  9  VVS MfS, JHS 0001-231/89, S. 277 f.
10  GStU-ZA, Archiv-Nr. 145/90.
11  BStU, ZA, ZMA HA XX 20141, S. 4 f.
12  BStU-ASt. Gera, OV »Qualle«, AOP 449/84.
13  GVS, MfS 0008 Nr. 6/85, S. 26.
14  BStU, ZA, MfS AOP 1011/91 u. Bündel 41 der HA XX/AKG im ZA.
15  BStU, ZA HA XX/AKG, Bündel-Nr. 38.
16  BStU, ZA HA - siehe Anm. 15.
17  BStU-ASt. Gera, Archiv.-Nr. 740/77.
18  BStU-ASt. Gera, Archiv.-Nr. 1205/81, OV »Revisionist«.
19  BStU-ASt. Gera, u. HA XX/AKG-Material, Archiv-Nr XV 15665/89.
20  Wörterbuch der politisch-operativen Arbeit, MfS, GVS, JHS 011-400/81, Potsdam, April 85.
21  Siehe Anm.1.
22  Biderman-Schema, entnommen ai (Hg.), Bericht über die Folter, Frankfurt /M. 1975.
23  Frankl, Viktor E.: ... trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das KZ, München 1978, S. 146 f.

 

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