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Nachwort 2Hans-Joachim Maaz

Affekt gegen die Wahrheit

 

 

Wir haben uns längst daran gewöhnt, daß in der Politik gelogen, geschönt, verschwiegen und vertuscht wird und höchstens Teil­wahrheiten von den Vertretern einer Partei zu erwarten sind. Wahrheit und Macht schließen sich nahezu aus. 

Ich habe mich in der DDR immer gefragt, weshalb es offenbar für die führende politische Klasse nötig war, die Wahrheit zu verdrehen und nahezu groteske Lügengeschichten dem Volk aufzutischen. Ich muß gestehen, daß mir eine gewisse lüsterne Neugier nicht fremd wahr, bei wichtigen Geschehnissen von öffentlichem Interesse darauf zu warten, was denn die Parteipropaganda diesmal dem Volke einreden wird. Und die dreiste Frechheit der billigen – für fast alle durchschaubaren – Lügen hatte auch etwas Faszinierendes für mich. 

Ich staunte über die Unverfrorenheit falscher Behauptungen, zu der ich nie den Mut gehabt hätte. Ich hätte mich einfach geschämt, wenn ich so primitiv oder dumm erschienen wäre wie die offiziellen Erklärer. Manchmal wußte ein Lehrer nicht gleich, wie die Meinung der Partei lautete und zögerte deshalb mit seinen Antworten, bis dann schließlich alle auf derselben Linie waren – aber vorher den Lehrer mit scheinheiligen Fragen in Verlegenheit zu bringen, war eine kleine sadistische Lust.

Eine Gemeinschaft ohne originäre Gedanken, ohne wirklich subjektive Meinungen – das war der Mief, in dem ich aufwuchs. Und ich mußte miterleben, wie schnell einige die Uniformen der Macht anzogen, um im Chor mitzudröhnen, und andere sich nur heimlich empörten und lustig machten über das absurde, aber bittere – wahre Lügentheater. 

In jedem Fall also, wie ich später mit den Mitteln meines psycho­therapeutischen Berufes verstehen lernte, waren Affekte gebunden worden, und die Lebensenergie, die sich nicht entspannend in die Wahrheit ergießen konnte, hat sich pervertiert an die dummdreiste Macht oder die impotent-heimliche Opposition verkauft. 

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Ich hatte im Groben nur zwei Varianten derselben Problematik vor mir. Und ich begann zu begreifen, daß der Sinn der Lügen eben darin bestand, Energie zu binden – also mußten sie gar nicht geschickt aufgebaut werden: Je durchsichtiger und plumper, desto größer die aufbauende Wirkung des Machtrausches für diejenigen, die sich die höhnende Frechheit und arrogante Überheb­lichkeit leisten können, und desto größer auch die entkräftende Ventilfunktion der hilflosen Empörung.

Ob es von moralischem Wert ist, ob einer diese oder jene Variante wählt, ist für mich inzwischen sehr fraglich geworden. Früher hätte ich für meine Entscheidung vehement gekämpft und mich damit auf der Seite der besseren Menschen gewähnt. Aber seitdem ich weiß, wie früh man bereits in eine Rolle gepreßt wird, zu einer Zeit, in der einem keine wirklichen Alternativen bleiben, weil man auf Gedeih und Verderb von der »Gnade« der Erwachsenen abhängig ist, hege ich Zweifel gegenüber »gefestigten Haltungen« und »sicheren Überzeugungen«, die gut begründet sein können und doch nur aus einer tiefen seelischen Abhängigkeit stammen.

Wir wundern uns mitunter, wie sich eine oppositionelle Position unversehens in eine Machtfunktion verwandeln kann, und dann, nur in ein neues Gewand gehüllt, die gleichen unechten Verhaltensweisen und Abwehrmanöver entwickelt werden, wie sie zuvor bei den Gegnern angeprangert und bekämpft worden waren. Opposition und Macht sind häufig durch unbewußte Beweggründe vereint: Es soll in der kämpferischen Anstrengung und Auseinandersetzung – im Affekt – die Not und Schmach der Entfremdung gebunden und es sollen tiefe schmerzhafte Gefühle vermieden werden. Mir geht es heute vor allem um den Ausstieg aus solchen polaren Alternativen, die unweigerlich in Rechthaberei und Kampf ausarten – statt dessen bemühe ich mich um die Befreiung der gebundenen Affekte, die nach schmerzlichen Erschütterungen wieder menschliche Verbundenheit ermöglicht.

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Dafür gibt es natürlich keinen unbeeinflußten gesellschaftlichen Raum, keine Fluchtmöglichkeit vor prinzipieller Ausein­ander­setzung, aber ich sehe inzwischen einen entscheidenden Unterschied darin, ob für das Wahre gekämpft wird, oder ob es gelebt wird und durch Echtheit wirkt.

 

Ich habe Begriffe wie Lebensenergie, Affekte und Wahrheit benutzt, die einer Definition bedürfen. Dies will ich nicht wissen­schaftlich tun, sondern aus dem empirischen Hintergrund erklären, aus dem meine Erfahrungen stammen. Es geht um den Einfluß und die Folgen autoritärer Erziehung: Dabei werden Kinder von Anfang an als Objekte behandelt, die Erwartungen der Eltern und Normen der Gesellschaft zu erfüllen haben. Die Erziehung ist also wert- und leistungsorientiert und nicht individuum­zentriert. Das Kind erfährt nicht, daß es um seiner selbst willen angenommen wäre, daß es in seinen je einmaligen Möglichkeiten gefördert und in seinen Grenzen und Behinderungen akzeptiert sei. Sondern es wird einem Maßstab unterworfen und so an einer Fremdbewertung gemessen, die unweigerlich Selbstunsicherheit, Abhängigkeit und Schuldgefühle zur Folge hat. Nie ist man gut genug, durch noch mehr Anstrengung wäre vielleicht noch mehr Anerkennung und Annahme zu erreichen, und wenn eine Bestätigung erfolgt, muß sofort die nächste Anstrengung einsetzen, um ja nicht die »Gnade« der Jury zu verlieren.

So verlernt das Kind, auf das zu achten, was es will und braucht und fühlt. Es wird dressiert herauszufinden, was es erfüllen soll. Es wird ein grundsätzlicher Wechsel von der Innenorientierung auf eine Außenorientierung, von Selbstbestimmung auf Fremd­bestimmung, von Eigenständigkeit auf Abhängigkeit, von periodischer An- und Entspannung auf suchtartige Anstrengung erzwungen. 

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Dieser Entfremdungs­prozeß verläuft weder schnell noch reibungslos – es muß eine umfassende Verschwörung der Mächtigen – Eltern, Lehrer, Erzieher, Ärzte, Psychologen, Pastoren, Manager, Bürokraten – aufgeboten werden, um diese Anpassung zu erzwingen und die natürlichen Reaktionen des Protestes und der Verzweiflung der Kinder zu neutralisieren. 

So werden Lob und Tadel, Strafen, Benachteiligung und Privilegien, Medikamente, Gehirnwäsche und moralische Einschüchterung aufgewendet, um den berechtigten Zorn gegen die Einengung und Verbiegung, um den bitteren Schmerz wegen der ungenügenden Bestätigung und Erfüllung wesentlicher Grundbedürfnisse, um die Trauer über verlorene Lebensmöglichkeiten und vorenthaltene Beziehungen systematisch zu bekämpfen und zu unterbinden. 

Am Ende steht der angepaßte und gehorsame Mensch, der ordentlich und diszipliniert auf der ewigen Suche nach dem verlorenen Glück leichtgläubig zum Opfer der Bosse, Militärs, der Verkäufer und Demagogen wird. In dieser Hoffnung, durch ewige Anstrengung und Anpassung irgendwann ein besseres Leben zu finden, haben wir schließlich immer mehr, weil wir immer weniger sind. 

Wir verbrauchen immer mehr, weil wir nicht mehr wissen, was wir wirklich brauchen. Wir reisen immer weiter, weil wir uns selbst nicht mehr finden, wir gehen mit der Mode, statt nach unseren Bedürfnissen, wir schauen fern, weil wir in der Nähe nichts mehr sehen. Wir schreiten fort und fort und verlieren uns dabei. Und letztlich wollen wir unsere vermeintlichen Erfolge schützen und die Besitzstände wahren und geraten so in den Krieg. Die unterdrückten und aufgestauten Gefühle der erzwungenen Entfremdung werden sich am Ende wieder einmal kathartisch entladen! Da wird die Energie unserer natürlichen Rhythmen und Zyklen, der verhinderten Bedürfnisanspannung und Befriedigungsentspannung zur Spirale suchtartiger Anstrengung für nie erreichbare Befriedigung transformiert, und auf diesem Wege gibt es schließlich viele Opfer durch Gewalt und Kriminalität, durch Rassismus und Haß, durch Alkohol und Drogen, durch Medikamente und Krankheiten, durch Umweltzerstörung und sozialen Verteilungskampf.

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Die nicht erlaubten Gefühle sammeln sich zu Affekten, die ständig gedämpft (z.B. durch Alkohol und Medikamente) oder abgelenkt (z.B. durch Zerstreuung und Arbeitssucht) oder abreagiert (z.B. an Sündenböcken) werden müssen. Die unglücklich zerstrittenen Ehen, der permanente Ärger über den lästigen Nachbarn und der feindselige Streit politischer Gegner finden hier ihre energetischen Wurzeln ebenso wie die Polemik, Lüge, Demagogie und kämpferische Auseinandersetzung in allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die Konkurrenzgesellschaft lebt nahezu von diesen aufgestauten Affekten.

Als Wahrheit kann nur die ganz subjektive, je einmalige Lebensart des Einzelnen gelten, die – so die Absicht der autoritären Erziehungsziele – eben gerade nicht gefunden, entwickelt und gelebt werden soll. Wer und wie bin ich wirklich, was empfinde ich tatsächlich, was macht mich echt zufrieden, das sind die Fragen, die in den Affekten verborgen werden sollen.

 

Zur Wahrheit gehört auch die individuelle Geschichte der Entfremdung: Wie war meine Kindheit wirklich hinter der Fassade der vielleicht »guten Kinderstube« oder »glücklichen Kindheit«? Wie haben die Eltern mir gegenüber tatsächlich empfunden hinter der Behauptung, sie täten alles nur aus Liebe zu mir, was haben sie mit mir gemacht, wenn ich ihr »Sonnenschein«, ihr »Liebling«, ihr »Stolz« sein sollte und wenn die Lehrer mich zu guten Zensuren und gutem Betragen, die Pastoren »zum rechten Glauben« und die Einflußreichen im Land zum »richtigen Bewußtsein« gegenüber einer Partei oder dem Geld überzeugt hatten? 

Die Wahrheit, die darin liegt, löst vor allem Schmerz und Schuld aus. Sie bedeutet aber auch existentielle Bedrohung: Denn wenn ich mich nicht füge und anpasse, werde ich gekränkt, beschämt, abgelehnt und ausgegrenzt. Und dies als kleines Kind zu erfahren, bedeutet nahezu eine tödliche Gefahr. 

Der Affekt gegen die Wahrheit ist also gut begründet und schützt die Eltern und Autoritätspersonen der eigenen Lebensgeschichte, er schützt die gesellschaftlichen Verhältnisse und die eigene Schuld – nicht die der Entfremdung und Anpassung, dagegen gibt es kaum eine Chance — sondern die Schuld der Bequemlichkeit und Verleugnung, wenn man herangereift ist und zur eigenen Meinung intellektuell fähig und sozial halbwegs unabhängig und vor allem moralisch verant­wortlich geworden ist.

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Der Affekt gegen die Wahrheit hat viele Gesichter:

— das wissenschaftlich-intellektuelle: Es wird theoretisch argumentiert und auf Untersuchungen und Statistiken verwiesen, ohne den komplexen, systemischen und subjektiven Charakter jeder Aussage zu berücksichtigen.
— das machtpolitische: Es wird behauptet und diplomatisch manövriert, es wird der politische Gegner bekämpft und schließlich sind Mehrheiten und Pragmatismus der Maßstab und längst nicht mehr die wirklichen Bedürfnisse der Menschen und langfristig und global notwendige Entscheidungen. Politik bedient in erster Linie die oberflächlichen Ersatzbedürfnisse.
— das religiöse: Dogmatische Regeln und moralische Einschüchterung werden benutzt, um spontane und lustvolle Impulse zu kontrollieren und zu tabuisieren
— das scheinheilige: Man möchte nur das Beste, will etwas erreichen und durchsetzen und selbstverständlich Niemandem schaden und bringt tausend Erklärungen und Ausreden vor, um die wirklichen Motive des Handelns zu verschleiern oder die unbewußten Hintergründe auf jeden Fall zu verleugnen.
— das gewinnorientierte: Durch Propaganda oder Werbung, durch Sonderangebote und verwirrende Vielfalt, durch bürokratisches Dickicht wird suggeriert und manipuliert, wird abgelenkt, eingeschüchtert und verdummt, um des schnellen Gewinns und Vorteils wegen.
— das kulturelle: Der sportliche Sieg, die technische Höchstleistung, die künstlerische Eitelkeit sollen den Menschen Ersatzerregung verschaffen.

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Der Affekt gegen die Wahrheit wird also vor allem von den großen Institutionen unserer Gesellschaft organisiert und ausgestaltet. Dies sehen zu können ist die wichtigste Voraussetzung, um nicht auf Sündenböcke abzufahren oder in Selbstvorwürfen zu ersticken. Es gilt, das verhängnisvolle Wechselspiel zwischen den institutionalisierten Kräften, die die Entfremdung erzwingen und verwalten, und der individuellen Abhängigkeit und subjektiven Form, wie dann die Wahrheit abgewehrt und verleugnet wird, zu erkennen und einen Ausstieg zu finden. Dies kann weder Kampf noch Rückzug sein, sondern nur das ganz persönliche Bemühen um eine echtere Lebensweise im unvermeidbaren Spannungsfeld zwischen Versuch und Irrtum, zwischen Eigenständigkeit und Bezogenheit, zwischen Durchsetzen und Anpassen.

 

Der Prozeß der deutschen Vereinigung läßt sich ohne große Schwierigkeiten als Affekt gegen die Wahrheit be­schreib­en:

Wir finden also Mythos, Flucht, Verdrängung und Schuldverschiebung, Sündenbockjagd und Illusionen als affektgeladene Bemühungen, unbedingt die Wahrheit zu vermeiden. Aber es hat keine Revolution stattgefunden, sondern eine gesellschaftliche Fehlentwicklung ist kollabiert und zur Vereinigung – als einem gemeinsamen Neuen – ist es nicht gekommen. 

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Die wahren Ursachen und Zusammenhänge der erneuten Ausformung totalitärer politischer Verhältnisse in der DDR und einer süchtigen Wachstumsideologie in der BRD sind nicht aufgelöst, ja nicht einmal ernsthaft diskutiert worden. Die ehemaligen Mächtigen bleiben zumeist in einflußreichen Positionen als einverleibte Blockflöten-Politiker, als für die Durchsetzung von Machtinteressen geeignete Kollaborateure und Verleugner (Stolpe-Syndrom), als zu Managern gewendete Bonzen (wegen ihres Herrschaftswissens und der pragmatischen Kompetenz). Autoritäre Verhältnisse werden erneut festgeschrieben, wenn eine neue Gesellschaftsordnung von oben verordnet wird, und die großen Ideale von Marktwirtschaft und Demokratie werden entleert, wenn dadurch Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeit, Kränkung und neue Entmündigung geschieht.

Im Osten richtet sich der Affekt gegen die Wahrheit vor allem gegen die Schuld des Mitläufertums und der Mittäterschaft: Nichts gewußt, nicht anders gekonnt, man sei doch kein Märtyrer, habe stets das Beste gewollt und Niemandem geschadet, oder sei auch zutiefst überzeugt gewesen - das alles sind tragische und gefährliche Behauptungen, eine zuvor mühsam aufgenötigte, dann aber um so hartnäckiger verteidigte Maske aufrechtzuerhalten. Mit der Einsicht in Irrtum und Fehlverhalten, in Schuld und Versagen wäre eben nicht nur der eigene Anteil an einer gesellschaftlichen Pathologie geklärt, was der Einzelne bis auf wenige Ausnahmen schon verkraften könnte, sondern ein ganzes Lebensgebäude würde jämmerlich zusammenbrechen. Deshalb kämpfen Stolpe und Co. mit allen Mitteln gegen die Wahrheit, weil sie sonst gegen sich selbst, gegen die existentiell gewordene zweite Haut sich wenden müßten. Und das darunterliegende wahre Selbst wäre so verkümmert und furchtsam-kläglich, daß es viel Raum und Zeit zur Hege und Pflege brauchte, um endlich bessere und echtere Befriedigung zu ermöglichen. Welcher erwachsene Mensch, der seine seelischen Verluste durch Geld, Macht und Feinde ausgeglichen hat, könnte sich das erlauben?

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Und im Westen richtet sich der Affekt gegen die Wahrheit vor allem gegen die Erkenntnis, daß Veränderungen anstehen, daß die Wachstums- und Wohlstandsgesellschaft leider auch nur eine schöne Illusion war. Der alltägliche Rassismus der Überlegenheit, die Siegerpose, das einprogrammierte Leistungs- und Erfolgsdenken müßten aufgegeben werden, ja selbst die so selbstverständliche Überzeugung, daß das Leben im Osten natürlich ärmer, schlechter, enger – alles in allem: bemitleidenswert gewesen sei – müßte aufgegeben werden, weil es dann nicht mehr um die Größe des Autos, die Zahl der Reisekilometer und die Warenfülle gehen würde, sondern um die Qualität menschlicher Beziehungen, um mitmenschliche Solidarität und Echtheit der Bedürfnisse und Verbundenheit mit der Natur. Deshalb ähneln sich Bonzen und Manager, und zwischen den Machtpolitikern der verschiedenen Parteien gibt es keinen qualitativen Unterschied, und Ost- und Westdeutsche sind sich mehrheitlich als Verdrängungskünstler verwandt. 

So ist das Ensemble zusammen, das auf jeden Fall die Besitzstände verteidigen wird bis zum sicheren Untergang: Das hat das Dritte Reich gnadenlos bewiesen, das hat der »real-existierende Sozialismus«, der nicht mehr reform- und entwicklungsfähig war, demonstriert – und das wird der Wohlstandsgesellschaft ebenso ergehen, entweder aus ökologischen Gründen oder durch die Unruhen der aufbegehrenden Armen und Benachteiligten. 

Anwachsende rechtsradikale Gewalt, Ausländerhaß und neuerlich auch die PDS-Erfolge sind die ersten Anzeichen für diese Entwicklung in Deutschland und als solche auch Affekte gegen die Wahrheit. Und die Polemik der etablierten Parteien gegen die PDS ist ein typisches Beispiel dieses Affektes: Die Gründe und Motive der Menschen, die PDS wählen, werden nicht ernst genommen, ja nicht einmal wirklich verstanden, sondern diese Partei wird nur diffamiert und ihren Wählern nur Unbelehrbarkeit, dumpfer Protest und Nostalgie unterschoben. 

Warum will und kann keiner glauben oder wahrhaben, daß Arbeitslosigkeit, soziale Ungerechtigkeit, menschliche Kränkungen und Demütigungen und die Nötigung zu einer angestrengten Lebensweise mit bedrohlicher Umweltzerstörung Menschen tatsächlich unerträglich wird? 

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Und welche Partei will und kann glaubhaft diese Krise vermindern? Die PDS sicher nicht – aber statt diese Partei zu bekämpfen, wäre es doch das Dringlichste, ihre Themen aufzugreifen, auf die Nicht-Wähler zu hören, die als »Volkes Stimme« vermutlich der Wahrheit näher sind als die klugen Phrasen der Meinungsmacher und Machtversessenen.

Politiker aber, die zur Wahrheit fähig und bereit sind, werden mit Sicherheit abgewählt oder von den eigenen Parteifreunden abserviert, und Menschen, die authentisch sind, werden entweder nicht gewählt oder nach einer erfolgreichen Wahl demontiert oder den Zwängen der Macht unterworfen. So bleibt uns als Chance, auf die Verantwortlichkeit des Einzelnen zu hoffen, der sich den bisherigen Normen verweigern und eine andere Lebensart anstreben kann. Der Einzelne kann es wagen, sich seiner bitteren Wahrheit zu nähern und den Schmerz darüber in mitmenschlicher Verbundenheit auszuhalten. Und vielleicht werden diese Einzelnen so zahlreich, daß nicht mehr genügend andere da sind, um in den Krieg zu ziehen.

 

 

 

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