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Sumerer

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Um das Jahr 3000 v. Chr. begannen die Sumerer, das Land im Süden Mesopotamiens zu besiedeln. Ihre Herkunft ist noch immer unbekannt. Als erste gründeten sie im ganzen Land Stadtstaaten; politischer, religiöser und wirtschaftlicher Mittelpunkt dieser Städte waren die monumentalen, auf Hochterrassen aus Ziegeln errichteten Tempel.

Der Stadtfürst (Lugal–»großer Mann«) war oberster Priester und zugleich Träger der Staatsgewalt. Während der frühdynastischen Zeit von 2800-2500 v.Chr. sickerten langsam Semiten in das Gebiet ein. Ein Oberkönig ergriff die Macht und erhob Nippur zum religiösen Zentrum. Die politische Macht trat nun neben die religiöse, und die Einheit von Staat und Tempel ging verloren. Die Städte begannen, sich durch Stadtmauern zu schützen. Diejenige von Uruk errichtete gilgamesch, von dem noch zu sprechen sein wird. Den auf Hochterrassen errichteten Tempel baute man zur Zikkurat aus, wobei mehrere aufeinandergesetzte und durch Treppen verbundene Stockwerke mit dem Tempel auf der Spitze den »Tempelturm« bilden. Gegen den letzten sumerischen Herrscher erhob sich in der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends v.Chr. siegreich das Reich von Akkad.

Stets erklärten die Sumerer, sie hätten ihre überragenden Kenntnisse und Fertigkeiten von den Göttern ererbt. Aus ihren Inschriften geht hervor, daß für sie die Existenz der Götter unbezweifelte Realität war, wie im übrigen auch für alle anderen alten Völker. Ebenso kennen sie den Drachenkampf als Streit am Himmel, wobei Enki, der göttliche Herr der Erde, den Drachen von Kur besiegt. In den aufgefundenen und entzifferten Rollsiegeln beschreiben sie Gestalt und Entstehung der Stadt Sumer, die von den Göttern gegründet worden war. Auch alle späteren Ereignisse werden ihrem Einfluß zugeschrieben.

In anklagenden Schriften machen sie jeweils die Könige oder Stadtfürsten für alles Unheil verantwortlich. Doch der wirkliche Grund lag nicht im Versagen der Stadtfürsten, sondern im Eingreifen der Götter, wie dies z.B. der Machtwechsel von Eridu auf Uruk belegt. Dabei raubte die Liebesgöttin Innana dem Gott Enki, der auch Herr des Wassers als Ursprung des Lebens ist, die hundert göttlichen Kräfte und brachte sie in ihre Stadt Uruk. Noch bis in die babylonische Zeit hinein wurden Sieg oder Niederlage der einen oder anderen Stadt der jeweiligen Stadtgottheit zugeschrieben. Bei Niederlagen wurde sogar die Stadtgottheit verflucht, wie z.B. bei der Eroberung von Lagasch.46 

Das Epos »Enmerka von Arrata«, das noch älter als das Gilgamesch-Epos ist und sich auf den sagen­umwobenen Herrscher von Uruk, der biblischen Stadt Erech, den Sohn des Sonnengottes Utu, bezieht, schildert geradezu die Liebesgöttin Innana, die den Arrata vernichten will, als Urheberin des Streits. Nicht der Mensch entfesselt und führt den Krieg in jener urfernen Vergangenheit, sondern der jeweilige Stadtgott. Typisch für die sumerische und semitische Auffassung ist, daß die Liebesgöttin zugleich Kriegsgöttin ist. Noch bei den Griechen und Römern besteht diese enge Verbindung, bei ihnen zwischen Ares und Aphrodite bzw. Mars und Venus. Mit diesen Personifikationen wurden die beiden gewaltigen und eng miteinander verknüpften Kräfte dargestellt, die die Geschehnisse auf dem irdischen Plan in Bewegung bringen.

Die Bewohner der sumerischen Städte fühlten sich noch nicht als Einzelpersönlichkeiten, sondern als Glieder ihrer Stadt­gemeinschaft. Entsprechend dieser Auffassung kämpften sie auch in der geschlossenen Phalanx. Wie sie genau aussah, wissen wir nicht. Aus Darstellungen ist aber zu entnehmen, daß sie sehr breit und mehrere Glieder tief stand, nicht aber einem Gevierthaufen, ähnlich dem germanischen Keil, glich. Dem entsprach auch die Bewaffnung, die aus Lanzen bestand; einige Kämpfer trugen auch das Kampfbeil. Große viereckige und beschlagene Schilde sowie Schaffelle dienten dem Schutz gegen Fern- und Nahwaffen. 

Die Könige und Vornehmen aber kämpften nicht in der Phalanx, sondern in schweren, unbeholfenen Streitwagen, die von vier Wildeseln gezogen wurden. Daß der störrische Charakter dieser Onager die Gefährte wenig zuverlässig machte, läßt sich leicht vorstellen. Die Benutzung von Streitwagen deutet darauf hin, daß wohl sehr oft vor der Schlacht Zweikämpfe zwischen den Stadtfürsten und Vornehmen als Gottesurteile ausgetragen wurden. Ihnen gegenüber hatte die Phalanx wohl nur geringe Bedeutung. Im übrigen kennen wir die Ausrüstung und Bewaffnung der Sumerer nicht allein aus Abbildungen, sondern auch aus Königsgräbern, in denen man die Leichen von Leibgardisten oder Vornehmen in großer Zahl fand. Sie waren ihrem Herren vermutlich freiwillig in den Tod gefolgt.

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Die sumerische Phalanx, die Ausdruck des engen Zusammengehörigkeitsgefühls der Stadtbevölkerung war, mußte zwangsläufig in den akkadischen Kriegen unterliegen, die in einer neuen beweglichen Kampftechnik mit Wurfspeer, Pfeil und Bogen ausgetragen wurden. Das steht nur scheinbar im Gegensatz zu der oben behaupteten Überlegenheit des Nahkämpfers. Denn die so gegliederte Phalanx war, um erfolgreich zu sein, eng an das Gelände gebunden, wobei sie nach Möglichkeit rechts und links an natürliche Hindernisse angelehnt werden mußte. Darüber hinaus durfte sie niemals den Angriff der Bogenschützen stehenden Fußes abwarten. In diesem Fall wurde sie hoffnungslos zusammengeschossen, ging der Zusammenhalt verloren und konnten die mit Nahkampfwaffen ausgerüsteten Feinde leicht in die entstandenen Lücken und in die Flanken eindringen, wobei sich die Überlegenheit des ständig geübten Einzelkämpfers gegenüber der Stadtmiliz, wie wir sie mit einem modernen Ausdruck zu Recht nennen dürfen, bewährte. Erst die Griechen sollten das ganz begreifen.

Dennoch weisen die hier beschriebenen Waffen und das Kriegsgerät auf eine lange Geschichte ihrer Entwicklung hin. Wie weit sie zurückreicht, ist nicht zu bestimmen, es sei denn, man zieht eine Parallele zu den Germanen, denen Wotan die Kriegskunst lehrte. Besonders trifft das alles auf den Bau von Befestigungen zu, von denen oben im Zusammenhang mit der Stadt Uruk und mit gilgamesch gesprochen wurde. Die noch kurz vor der Mitte des 3. Jahrtausends von König Gilgamesch errichtete doppelte Festungsmauer hatte eine Länge von fast zehn Kilometern und wurde durch etwa 900 Türme verstärkt. Wie wir heute wissen, geht die Kunst des Festungsbaus mit Mauern und Türmen zum mindesten bis in das 7. Jahrtausend v. Chr. zurück, als Jericho seine erste Befestigung erhielt. Diese Mauer war sogar durch einen 7 m breiten und beinahe 5 m tiefen Graben verstärkt. Die Steinmauer selbst war 1,75 m stark, die Türme besaßen einen Durchmesser von 9 m und haben noch heute eine Höhe von 8 m.47

Auch in anderer Hinsicht gibt uns das Fundmaterial der Ausgrabung des Palastes von assurbanipal (668-626 v.Chr.), dem Assyrerkönig, in Ninive so manchen wichtigen Hinweis auf das damalige Kriegswesen. So bezeugen die Inschriften z.B., daß die Mauer, der Tempel für den Gott Anu und dessen Tochter Ischtar, die Paläste und der Kornspeicher von Kriegsgefangenen und Sklaven errichtet wurden. Die Namen dieser Götter erscheinen in ihrer semitischen Form, da das erhaltene Gilgamesch-Epos in babylonischer, somit also semitischer Sprache abgefaßt wurde.

Bevor gilgamesch und sein Freund engidu für den Sonnengott Schamasch in das Land Elam gegen dessen Feind humbaba zogen, opferte die Mutter des Königs der Sitte gemäß am Altar des Sonnengottes und betete um die wohlbehaltene Rückkehr ihres Sohnes.

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 Auch in diesen Kampf griff der Sonnengott zugunsten seiner Streiter ein. Als gilgamesch und engidu auf humbaba trafen, erklärte ersterer ausdrücklich, der Gott Schamasch habe ihn gesandt. Nach dem Sieg, der mit dem für die damalige Zeit modernen Schwert des Königs gegen den urtümlichen Streitkolben errungen wurde, trennte gilgamesch das gehörnte Haupt vom Leib des humbaba. Auch diesem Kampf lag der Gedanke des Streits des Guten gegen das mit Hörnern versehene Ungeheuer des Bösen zugrunde. Dann errichteten gilgamesch und engidu einen Altar für Schamasch, zündeten wohlriechende Hölzer an und verbrannten das Haupt humbabas. Den Körper ließen sie auf dem Feld zum Fraß für Geier, Schakale und Ameisen liegen. Die Tempeldienerinnen sangen und tanzten, die Bürger jubelten über den Sieg, und die Mutter des Königs brachte dem Sonnengott ein Dankopfer dar. Aus diesen Berichten ist wiederum zu erkennen, daß religiöse Zeremonien vor und nach dem Kampf abgehalten wurden. Der im Epos, das noch am Ausgang der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends geschrieben wurde, erwähnte Raub der Stadtgöttin Ischtar bestätigt, was vorher über die Rolle der Götter im Krieg gesagt wurde. Dies steht keineswegs im Widerspruch zu der von Rudolf Steiner erwähnten Tatsache, wonach der Raub der Stadtgöttin Ischtar dem Raub der Helena durch Paris vergleichbar ist: Die Priester der Stadt waren gefangengenommen worden, um in den Besitz ihrer Geheimnisse und der Macht der Stadt zu kommen.48

 

  

Akkader, Assyrer und Babylonier 

 

Nur ganz summarisch kann nun noch auf die Ereignisse im alten Vorderen Orient eingegangen werden. Mit seinem bereits geschilderten und in der Kampfweise überlegenen Heer begründete sargon I. (um 2350-2300 v.Chr.) einen akkadischen Großstaat. Er selbst machte sich zum Gottkönig.*

Die sumerische Göttin Innana von Uruk wurde zur Himmelskönigin Ischtar, die als Herrin von Arbela dort eine berühmte Orakelstätte hatte. Sie wurde auch später noch von den Assyrern und in Syrien unter dem Namen Astarte als Jagd- und Kriegsgöttin sowie als Mutter- und Liebesgöttin verehrt.

sargon I. eroberte auch die gerade entdeckte uralte Stadt Ebla, die etwa 50 km südlich von Aleppo in Syrien lag. Dort wurden u.a. auch vier Heldensagen in Versform sowie zwei Exemplare des Gilgamesch-Epos gefunden, die alle aus dem Sumerischen übersetzt waren.

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Auch hier blieb die schon erwähnte enge Verbindung zwischen Liebe und Krieg aufrechterhalten. Dabei darf nicht übersehen werden, daß es sich um eine Göttin handelte. Die Vorstellung von der Verursachung von Kriegen durch das weibliche Geschlecht zieht sich von der sumerischen Göttin Innana über die Völker des Vorderen Orients, die Griechen und Römer bis hin zu den Germanen, wo diese Vorstellung schließlich im Streit der Königinnen kriemhild und Brunhild ihren irdischen Widerhall findet.

Nach der ersten Blütezeit des sumerischen und akkadischen Großreiches befreiten sich die von ihm unterworfenen Elamiter. Sie eroberten Ur und führten dessen König Ibbisin in die Gefangenschaft. Ein in den Trümmern der Stadt Nippur gefundenes Gedicht beklagt in bewegten Worten das Unglück des Sumererlandes:

Als sie zuschanden machten, als sie zerstörten Ruhe und Ordnung,
da rissen sie wie eine Sintflut alles mit sich.
Wozu, o Sumer, haben sie so dich verändert?
Die heilige Dynastie haben sie vom Tempel vertrieben,
sie haben die Stadt vernichtet, haben den Tempel zerstört,
sie rissen an sich die Herrschaft über das, Land.
Auf Geheiß des Enlil wurde jede Ordnung zerstört,
die Sturmesnacht des Anu raste übers Land und riß sie mit sich fort.
Enlil richtete das Auge auf ein fremdes Land. Der göttliche Ibbisin wurde
nach Elam verschleppt.
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Wie schon vorher, so sind es auch nach diesem Gedicht nicht die Elamiter, die die Sumerer besiegen, sondern die Götter Enlil und Anu.

 

Als besonders kriegstüchtig, aber auch über alle Maßen brutal tauchen dann, das Zweistromland erobernd, die Assyrer als semitische Völkerschaft in der Geschichte auf. Insgesamt bildeten sie drei Reiche, deren Herrschaft aber immer wieder durch andere Völker wie etwa die Babylonler und Churriter unterbrochen wurde, bis ihr neues Reich am Ende des 7. Jahrhunderts v.Chr. schließlich durch die Babylonier endgültig zerstört wurde.

In ihren Kriegszügen folgten sie bewußt dem finsteren Hauptgott Aschur, der ihnen die brutale Unterwerfung, Massendeportation und Zerstörung der Volkssubstanz und des Nationalgefühls der unterworfenen Völker befahl. Ermöglicht wurde diese Kriegführung durch die von zuverlässigen Pferden gezogenen Streitwagen und die mit Panzern und großen Schilden geschützten und wahrscheinlich sechs Glieder tief stehenden Phalangen des Fußvolks. Außerordentlich große und kräftige Bogen, mit denen man zwischen 300 und 400 Meter weit schießen konnte, erhöhten die Schlagkraft der Infanterie.

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Im Neuassyrischen Reich wurde im 8. Jahrhundert mit dem Bau schwerer Streitwagen, auf denen bis zu vier Bogen­schützen Platz fanden, diese Schlagkraft noch erhöht. Zuvor noch war aber eine Waffengattung eingeführt worden, die, wenigstens für die kommenden Jahrhunderte, die Überlegenheit im Kampfgeschehen sicherte: die Reiterei.

Streitwagenkämpfer, Bogenschützen und die mit Schleudern ausgerüstete leichte Infanterie erschütterten den Feind so lange, bis er dem Ansturm des Fußvolks und der Reiterei nicht mehr standhalten konnte. Dies war um so leichter möglich, als alle Waffengattungen ein kurzes Schwert führten, mit dem der Feind im Nahkampf niedergehauen wurde. In hohem Maße verwendeten die Assyrer auch die psychologische Kriegführung, durch die sie den Feinden Furcht und Entsetzen einflößten. Zu ihren grausamen Methoden der Unterwerfung gehörten Massenhinrichtungen, Pfählen und Schinden.

Mit Sicherheit kann auch zum ersten Mal nachgewiesen werden, daß das Schlachtfeld nicht allein nach taktischen und strategischen Gesichtspunkten ausgesucht wurde, sondern vor allem so, daß ein Gottesurteil an heiliger Stelle herbeigeführt werden konnte. Auf diese Tatsache soll anhand der Feldzüge Cäsars und einiger anderer Beispiele aus Griechenland und Germanien noch näher eingegangen werden.

Als Salmanassar in. seine Oberherrschaft im heutigen Syrien und Palästina festigen wollte, schlug er die Schlacht gegen Hasael von aram bei der heiligen Stadt Tunip. Dieser im 9. Jahrhundert durchgeführte Feldzug zwang im übrigen einen Teil der Phönizier zur Auswanderung aus Syrien, was dann zur Gründung der Stadt Karthago führte.

Als Beispiel für die grausame Art der Kriegführung durch die Assyrer sei ein Bericht des im 7. Jahrhundert v.Chr. regierenden asarhaddon, des damaligen Königs von Assur, angeführt: »Ich zerstörte Sidon bis auf die Grundmauern. Seine Wälle und Häuser trug ich ab und warf sie ins Meer. Mit Hilfe meines Gottes Assur [sic!] fing ich Abdi-Milkutti, der vor meinen Wachen geflohen war, wie einen Fisch aus der See und ließ ihn köpfen... Dann reorganisierte ich die ganze Provinz und setzte einen meiner Beauftragten als Gouverneur über sie. Er legte ihnen größere Tributzahlungen auf als früher. Einige seiner Städte wie Marubbu und Sarepta gab ich Baal, dem König von Tyros.«50

Die Leichtigkeit, mit der die Assyrer die befestigten Städte ihrer Feinde nahmen, ist vor allem darauf zurück­zuführen, daß sie als erste eine eigene Pioniertruppe besaßen, die es verstand, Stadtmauern zu unterminieren und zudem hervorragende Belagerungs­maschinen, darunter vor allem bewegliche, die Mauern überragende Türme, zu konstruieren, und zwar lange vor den Griechen, die sich - wie so oft - einer Erfindung rühmten, die sie gar nicht gemacht hatten.

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Allerdings waren sie in dem Vorteil, daß man ihre Schriften leichter und früher lesen konnte als die akkadischen Keilschrifttafeln der Assyrer.

Wie die Assyrer mit der besiegten Stadtbevölkerung verfuhren, läßt die Schilderung des bereits erwähnten Salmanassar über die Eroberung von Ugarit ahnen: »Jahr vier. Den Städten des Nikdime (und) Nikdiera näherte ich mich. Sie wurden erschreckt durch meine mächtigen, furchteinflößenden Waffen und meine grimmige Kriegführung (und) warfen sich auf das Meer in weiden­geflochtenen [?] Booten —. Ich folgte ihnen in Booten —, focht eine große Schlacht auf dem Meere, brachte ihnen eine Niederlage bei, und mit ihrem Blut färbte ich das Meer wie Wolle.«

Zugleich haben wir hier die erste Schilderung einer Seeschlacht.51

 

Nicht viel anders als die Assyrer verhielten sich auch die auf sie folgenden Babylonier. Doch immer ist dabei zu bedenken, daß nicht nur Mord- und Raublust den Grund zu dieser Art der Kriegführung abgaben, sondern die Vorstellung jener Könige und Völker, daß sie damit den Willen ihrer Götter erfüllten. Ja, als sichtbares Zeichen dieser Tatsache führten die Assyrer das Bild ihres finsteren Kriegsgottes Aschur mit in die Schlacht und stellten es in jeder eroberten Stadt anstelle des besiegten Gottes auf. Mit Blick auf die Geschichte ist es aber durchaus möglich, daß ihnen die Sumerer in diesem Verhalten vorangingen; zumindest waren die auf Reliefs abgebildeten Feldzeichen, die in der Schlacht mitgeführt wurden, Symbole ihrer Götter.

Darüber hinaus kann jedoch bei den Assyrern mit Sicherheit — bei anderen, früheren Völkern handelt es sich lediglich um eine Vermutung — festgestellt werden, daß ihre militärischen Führer zugleich Priester waren. Ein Hinweis auf den gleichen Sachverhalt bereits im 3. Jahrtausend bei den Akkadern ist dadurch gegeben, daß Sargon I., der große Erobererkönig, ein niedriggeborener Priester der Kriegsgöttin Ischtar war.

Entsprechend dieser religiösen Auffassung vom militärischen Führungsamt hatte das assyrische Wort für »Rebell« auch die Bedeutung »Sünder«. Neben dem Priester als Offizier waren die Schreiber für den Unterhalt und die Führung des Heeres von wesentlicher Bedeutung. Die Assyrer besaßen ein stehendes Heer, zu dem alle erwachsenen Männer eingezogen wurden, wenn auch Reiche sich durch Sklaven ersetzen lassen konnten, indem sie sich loskauften. Vor allem aber war allein durch die Schreiber eine regelmäßige und gute Versorgung des Heeres, selbst auf Feldzügen in entferntesten Gebieten, möglich. Ihnen oblag auch die Verteilung der Beute am Ende des Feldzuges. Nicht zu unterschätzen für den militärischen Erfolg der Assyrer ist auch die ausschlaggebende Bedeutung des Nachrichtendienstes, den Schreiber überall, auch im Ausland, aufbauten und in dem sie als »Führungsoffiziere« dienten.

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 Vergleichen wir dies mit der Zeit der Inder und Perser, so ist festzustellen, daß sich nach den Königen und Heroen nun die Priester und Schreiber als verantwortliche Einzelpersönlichkeiten auch im Heerwesen herausschälten.

 

 

  Hethiter 

 

Wiederum gilt es, das Rad der Geschichte um ein paar Jahrhunderte zurückzudrehen. Um etwa 2000 v. Chr. stoßen die Hethiter und Luvier nach Zentralkleinasien vor. Die Hethiter sind das älteste uns bekannte indogermanische Kulturvolk, obwohl der Name Hethiter nicht indogermanisch, sondern uns aus der Bibel und der assyrischen Geschichtsschreibung bekannt ist.

Nach schweren kriegerischen Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung gründen sie ein Reich in Anatolien. An der Spitze dieses typisch indogermanischen Feudalstaates steht der König, der Labarna; dieser Name war der des Gründers des alten Hethiterreiches, der dann zum Titel wurde. Nach seinem Tod wurde der Labarna jeweils vergottet. Er war oberster Richter, Priester und Kriegsherr. Eine fast ebenso starke Stellung hatte die Königin inne. 

Ein Blutsadel bildete den freien Stand der Krieger, dessen Einfluß jedoch später auf orientalische Weise durch Beamte zurückgedrängt wurde. Dies war nicht zuletzt eine Folge der ständigen innenpolitischen Wirren, die von diesem Adel ausgingen. Im Gegensatz zu den orientalischen Völkern war die Kriegführung der Hethiter weniger brutal. Das gleiche trifft für die Gesetzgebung zu, die vor allem Geld- und Freiheitsstrafen kannte. Die Rechte von Mann und Frau waren geschützt.

Aus den Keilschrifttexten erhalten wir die erste schriftliche Kunde von den griechischen Achäern, die die Hethiter Ahhijava nannten. Um 1200 v.Chr. brach ihr Reich unter dem Ansturm der Seevölker zusammen. Auf den durch die Untersuchungen von Immanuel Velikovsky ausgelösten Streit um die genaue Datierung dieser Ereignisse soll hier nicht eingegangen werden, da er für unser Thema kaum Bedeutung hat.

Auch beim indogermanischen Volk der Hethiter beginnt der Krieg mit dem großen Drachenkampf des Gewittergottes gegen die Himmelsschlange Illuyanka. Dabei durchstürmen große schwarze Vögel die Staub- und Nebelschwaden, die über der Erde hängen, Steine und Felsbrocken prasseln zu Boden, und die Menschen verstecken sich angsterfüllt in Höhlen. Dann aber verschwindet Virta, »das Versperrende«, und das Licht der Sonne bricht sieghaft hervor.52

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Vom Ursprung des Krieges auf der Erde zeugt bereits die Aussage des ersten geschichtlich belegten Königs der Hethiter noch vor der Gründung des alten Hethiterreiches um 1640 v.Chr. Wiederum spielen dabei nicht die Menschen, nicht einmal der König die Hauptrolle, sondern ein Gott: »Danach habe aber Ich, Anitta, der Großkönig, den Gott Schiuschummi von Zaipura zurück nach Nescha geführt... Und die Stadt Hattuscha benagte der Hunger... da übergab der Gott Schiuschummi... und in der Nacht nahm ich sie im Sturm.« Das geschah im Jahr 1715 v.Chr.53

Hattuschili I., der Nachfolger des ersten labarna und Gründer des alten Hethiterreiches, berichtet von seinem Feldzug nach Nordsyrien, wo er überall die Feinde geschlagen und deren Götter hinauf zur Sonnengöttin Arenna gebracht hat.54 Selbst der sonst sehr materialistisch eingestellte Verfasser des Buches über die Hethiter, aus dem wir gerade zitiert haben, Johannes Lehmann, muß zugeben: »Wenn wir diesen Bericht wegen der Gold- und Silberschätze als reinen Beutezug auffassen [gemeint ist der Feldzug in Nordsyrien], so liegt das daran, daß wir uns in die Vorstellungswelt jener Tage nicht mehr hineinversetzen können. Damals ging es nicht nur um »Schätze«, sondern auch um den Besitz der Götter. Wer einer Stadt ihre Götterbilder wegnehmen konnte, der hatte Gewalt über die Stadt [sic!].«55 Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Fast beliebig groß ist jedoch die Zahl der Beispiele, die hier bestätigend aus den Keilschriften der Hethiter angeführt werden könnten.

Oben wurde bereits darauf hingewiesen, daß es bei den Hethitern viele Aufstände und Revolutionen gab. Doch bei diesen Aufständen, soweit es sich um Aufstände des eigenen Adels handelt, werden die Götter niemals erwähnt. Sie erscheinen erst wieder, wenn nach schweren Wirren und nach Königsmorden die Ruhe im Innern wiederhergestellt ist, wie z.B. im Edikt des Telipinu, das um 1460 v. Chr. entstand und einen Akt der Staatsreform darstellte. Anders ging man dagegen vor, wenn die Aufstände von fremden Völkern ausgingen. Dann wurden deren Götterstatuen als erste zerstört.

Aus der Zeit der Hethiter besitzen wir auch den ersten eingehenden Bericht über eine bereits im Ansatz geplante, d.h. rangierte Schlacht, nämlich die Schlacht von Kadesch (Fig. I a-d), die von einigen um 1285, von manchen um 1288 und von anderen um 1290 v.Chr. angesetzt wird. Sie fand zwischen den Ägyptern des Pharao ramses II. und den Hethitern des Königs mumatalli (andere lesen muwatallis) statt. Daß es auch vorher schon solche rangierten Schlachten gegeben hat, läßt sich aus Felsbildern und ägyptischen Stelen erschließen. Etwa 20.000 Ägypter unter ramses II. Standen auf der Höhe des Gebirges von Kadesch am Oberlauf des Orontes, als ihm zwei Überläufer meldeten, der König der Hethiter habe Angst vor ramses. Darauf rückte dieser weiter in Richtung auf Kadesch vor, wo ganz in der Nähe der Hethiterkönig mit 12.000 Hethitern und etwa 8.000 Mann Hilfstruppen im Hinterhalt lag.

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Fig. 1   Schlacht bei Kadesch

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ramses hatte seine Truppen in vier »Divisionen« geteilt. An der Spitze der Division Amon überschritt ramses den Orontes bei Schabtuna, etwa 10 km südlich von Kadesch. Das übrige Heer sollte in größerem Abstand folgen. Die Hethiter gingen daraufhin über den Fluß nach Osten, wandten sich aber sofort wieder nach Süden, so daß die Stadt zwischen ihnen und dem Feind lag und sie von ihm nicht gesehen werden konnten (s. Fig. 1a). 

Mit einer außerordentlich geschickt angesetzten Bewegung, bei der der Fluß wiederum überschritten wurde, stießen die Hethiter von Südosten gegen die Kräfte des ramses vor und sprengten sie auseinander. Der Pharao war damit abgeschnitten und sah sich einer starken Übermacht gegenüber. Der Rest seiner anderen »Divisionen« hing noch so weit im Süden zurück, daß er mit ihrem Eingreifen in die Schlacht vorerst nicht rechnen konnte. Gestützt auf die Festung Kadesch, griffen nun die Hethiter die zweite ägyptische Division, Re, an. Die Überraschung war vollkommen, und die Division wurde in zwei Teile zerschlagen (s. Fig. 1b). 

Ein Teil dieser Division flüchtete in das Lager, in das sich der Pharao nördlich Kadesch zurückgezogen hatte. Mit etwa 17.000 Mann, der hethitischen Phalanx und den Streitwagen, wurden sie dabei verfolgt. Inzwischen floh die Division Amon weiter über das Lager hinaus, in dem ramses nur noch mit seiner Leibwache stand (s. Fig.1c). 

In der Mitte konnte er den Hethitern nicht widerstehen, doch die Hethiter bewahrten die notwendige Disziplin nicht und begannen, das Lager zu plündern. Dieses Plündern galt natürlich dem Beutemachen, aber Beute hieß zur damaligen Zeit auch und in erster Linie, daß man nach den Götterstatuen suchte, vor allem, um damit den Sieg zu vervollständigen. Daß die Ägypter die Götterstatuen mitführten, ist mit Sicherheit anzunehmen, ganz davon abgesehen, daß sie ja auch ihre Divisionen nach den Göttern Amon, Re und Ptah benannt hatten. In dieser verzweifelten Lage entschloß sich ramses II. zum Gegenangriff. Die bisher in ihren Bereitstellungsräumen stehenden kanaanitischen Truppen na'aruns fielen den plündernden Hethitern mit einer zehn Glieder tief stehenden Schlachtordnung in die Flanke. Unterstützt von den technisch überlegenen Streitwagen, zwangen sie die Hethiter zum Rückzug über den Orontes. Damit hatten sie ein starkes Hindernis zwischen sich und den Feind gelegt. Als am Abend auch noch die Division Ptah auf dem Schlachtfeld erschien, blieb den Hethitern nichts anderes übrig, als sich nach Kadesch in die Festung zu werfen und sich auf die Belagerung vorzubereiten (s. Fig. 1d). 

Doch daran dachten die Ägypter nicht mehr. Ihre Verluste waren so hoch, daß sie sich zum Rückzug entschlossen. Strategisch gesehen hatte der Pharao damit eine Niederlage erlitten, wenn es auch fast nach einem taktischen Sieg aussah. Eher darf man die Schlacht als unentschieden bezeichnen, wenn auch der Pharao sich auf seinen Stelen eines glänzenden Sieges rühmte.

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Zweifellos fand diese Schlacht an einer Stelle statt, die auch heute noch taktisch und strategisch als geeignet angesehen würde. Daher war Kadesch auch seit langem als Festung ausgebaut worden. Zu jener Zeit jedoch war, wie in der Folge zu zeigen sein wird, keineswegs diese taktisch und strategisch wichtige Lage für die Wahl des Schlachtortes ausschlaggebend. Eine Stadt war im Altertum eben nicht nur eine Stadt, die zu ihrer Verteidigung dann auch als Festung ausgebaut wurde. In erster Linie war sie, wie wir bereits verschiedentlich gehört haben, religiöser Mittelpunkt und Sitz eines wichtigen Gottes oder auch mehrerer Götter. Es ist daher naheliegend festzuhalten, daß auch diese Schlacht als Gottesurteil zwischen den Ägyptern und Hethitern angesehen wurde.

Werfen wir einen Blick auf die Truppenstärke der beiden Seiten, so stellen wir fest, daß die Kräfte, die jeweils etwa 20.000 Mann betrugen, an unseren Verhältnissen gemessen außerordentlich gering waren. Sehr oft stehen die tatsächlich auf den Inschriften festgehaltenen Zahlen und diejenigen, die später von den antiken Historikern angegeben wurden, im Widerspruch. Aber mehr Truppen ins Feld zu führen, war aus Versorgungsgründen selbst zwei solchen Großreichen wie denen der Hethiter und Ägypter nicht möglich. Man sollte nie vergessen, daß zur Versorgung eines solchen Heeres von 20.000 Mann ungeheure Wagenzüge notwendig waren, besonders dann, wenn es zum Teil durch Wüstengegenden ging. Außerdem mußten große Viehherden zur Verpflegung mitgetrieben werden, was die Bewegungen außerordentlich verlangsamte. 

Genauso mußte auf österreichischer Seite noch im vorigen Jahrhundert, bis zur Schlacht von Solferino von 1859, die Versorgung sichergestellt werden, während Österreichs Feinde, die Franzosen, damals bereits über Konserven verfügten, was ihnen eine überlegene Beweglichkeit verlieh. Ganz abgesehen von der Verpflegung benötigte ein antikes Heer natürlich noch eine ganze Menge anderer Dinge, die mitzuführen waren, wie z.B. Ersatzwaffen, Speere, Pfeile, Schildbezüge, weiter Feldschmieden, vor allem auch für die Streitwagen, Ersatz von Bekleidungsteilen usw. Das Schanzzeug für den Lagerbau darf ebensowenig vergessen werden wie das Gerät zum Überschreiten von Flüssen, wozu z.B. aufblasbare Ziegenhäute und Boote gehörten. Anders wäre das oftmalige Überschreiten von Flüssen während des taktischen Geschehens nicht möglich gewesen, wenn man einmal von dem vielen Ausnutzen von Furten absieht.

 

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Ägypter 

 

Nach dieser Schilderung der Schlacht von Kadesch ist es an der Zeit, auf die Vorstellungen der Ägypter von Krieg und Kriegführung etwas näher einzugehen. Auch das soll wieder in Schlaglichtern und ohne strikte Einhaltung der Chronologie geschehen. Im wesentlichen beschränkt sich unsere Schilderung auf das Alte, das Mittlere und das Neue Reich, also auf einen Zeitraum zwischen etwa 2850 bis 715 v. Chr. 

An der Spitze des Staates steht der Pharao (»großes Haus«) als absoluter und erblicher König. Er ist die Inkarnation des Falkengottes Horus, seit der IV. Dynastie, d.h. noch im Alten Reich, wird er auch als Sohn des Sonnengottes Re verehrt. Der Pharao ernennt die unter einem obersten Minister stehenden Beamten, aus dem alten entmachteten Adel die Schreiber und teilt das Land in Gaue und Gaufürsten ein. Mit dem Neuen Reich (15 70-715 v. Chr.) wird Ägypten zur führenden Großmacht und erreicht seine größte räumliche Ausdehnung. Danach steht es zunächst unter äthiopischer Fremdherrschaft und gehört im folgenden Jahrhundert, nach der Eroberung durch assurbanipal, zur assyrischen Provinz. Nach einer nur knapp hundert Jahre dauernden Zeit der Freiheit erliegt es 525 v.Chr. den Persern. Im Jahr 332 v.Chr. erobert alexander der grosse Ägypten, und 30 v.Chr. beginnt die römische Herrschaft.

Noch einer der letzten Könige aus jener Priestergruppe, die nach der Eroberung der Herrschaft über ganz Ägypten durch den libyschen Söldnerführer Scheschonk (in der Bibel Sisak genannt) nach Nubien ausgewandert waren, um dort um 750 v.Chr. einen theokratischen Staat mit der Hauptstadt Napata zu errichten, bekennt von sich: »Gott hat meine Existenz von ihren Uranfängen her geplant. Der göttliche Same ist in mir. Ich schwöre bei meinem ka, daß ich nicht ohne sein Wissen handle. Er allein bestimmt mein Handeln.«56

Trotz der Erklärung, nur nach dem Willen Gottes zu handeln, sprechen die Pharaonen nun zum ersten Mal in der Geschichte auch von sich selbst als den Handelnden und Kriegführenden. Allerdings ist dabei zu bedenken, daß sie als Inkarnation des Gottes Re angesehen wurden. So erklärte Pharao kamose, der das Land von den Hyksos befreite: »Ich habe sofort alles genommen und nichts zurückgelassen. Avaris ist verwüstet. O, gemeiner Aamu [gemeint sind die Hyksos], der immer wiederholte. Ich bin ein Fürst ohnegleichen von Khmunu [Hermopolis in Mittelägypten] bis Pi-Hathor [in der Nähe von Ismailia], an Avaris vorbei, das am Nil liegt. Ich habe all das zerstört. Es gibt niemanden [der mich aufhalten könnte]. Ich habe ihre Städte zerstört, ihre Keller sind rote

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Ruinen für alle Ewigkeit um des Bösen willen, das sie Ägypten angetan haben, ich werde sie die Schreie der Aamu hören lassen, die Ägypten beleidigt haben, ihre Geliebte.«57 Das geschah etwa um das Jahr 1570 v.Chr. Dennoch läßt thutmosis III. rund hundert Jahre später auf einer Granitstele den Gott in zehn Versen sprechen, von denen nur der erste wiedergegeben werden soll:

Ich kam. Ich ließ die großen Männer von Djahi niederstampfen.
Ich verstreute sie zu deinen Füßen, entlang ihren Bergen.
Ich ließ sie Deine Majestät in der Pracht ihres Schmuckes sehen.
Du lodertest in ihr Gesicht wie mein Bildnis.
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Noch immer sahen die Ägypter eine Schlacht als Gottesurteil an. Dies beweist insbesondere die Schlacht bei Megiddo, die thutmosis III. 1480 v.Chr. zur Zerschlagung einer syrisch-palästinensischen Koalition unter dem König von Kadesch schlug, den er den »gemeinen gefallenen Mann von Kadesch« nannte. Auf seinem Vormarsch nach Norden hielt er im Tal des Esdradon Rat und sprach seine Soldaten wie folgt an: »Der gemeine gefallene Mann von Kadesch ist gekommen..., mir ist berichtet worden, daß er sagte: >Ich warte auf den Kampf hier in Megiddo.<  Sagt mir, was ihr denkt.«59  

Dies zeigt, daß Schlachten nach ganz bestimmten Regeln und Gesetzen geführt wurden, die man vorher verabredete. Nur so war das Gottesurteil möglich. Über die Einhaltung dieser Gesetze wachten die Götter. Vor der Schlacht von Megiddo bat der König von Kadesch Thutmosis, ihm den Tag seines Angriffs zu nennen. Damit war jede Überraschung ausgeschlossen. Auch der erwähnte König aus der Hauptstadt Napata erteilte noch im 1. Jahrtausend v.Chr. seinen Truppen folgenden Tagesbefehl:

»Nachts sollen keine Angriffe stattfinden, sondern Ihr müßt, den Regeln entsprechend, beim Kampf gesehen werden können. Kündigt den Kampf aus der Entfernung vorher an. Sagt der Feind, daß sich die Soldaten oder Reiter irgendeiner Stadt verspätet haben, dann wartet, bis seine Armee vollständig ist. Kämpft, wenn er Euch zum Kampf auffordert. Sind seine Verbündeten noch nicht am Platz, so wartet auf sie. Was die Fürsten, seine Verbündeten, die Libyer, seine treuen Kampfgefährten, betrifft: kündigt ihnen die Schlacht an, indem Ihr sagt: Wie immer Euer Name lauten möge, Ihr, die Ihr die Truppen befehligt, zäumt die besten Pferde in Euren Ställen auf, bezieht Eure Positionen. Ihr werdet erfahren, daß uns der Gott Amon schickt.«60  

Nichts kann wohl besser die Schlacht als Gottesurteil kennzeichnen als dieser Befehl, zumal sie wiederum an einer heiligen Stelle, einem den Göttern geweihten Paß stattfand. Diese heilige Stelle lag am Nordhang des Berges Karmel.

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Wenn in modernen Berichten darauf hingewiesen wird, daß diese Stelle auch taktisch und strategisch außer­ordentlich wichtig ist, wie es später das Verhalten napoleons I. und Allenbys an diesem Ort beweist, so ist das zwar richtig, besagt aber für die alte Zeit noch nicht einmal die halbe Wahrheit. In ihrer ganzen Bedeutung läßt sich eine solche alte Schlacht nur dann bewerten, wenn man sie vor dem Hinter­grund sieht, der das gesamte Leben der Frühzeit bestimmte, nämlich dem Glauben an die Götter und der Einbindung des Lebens in die Religion.

In Ägypten gab es kein stehendes Heer, doch waren alle Männer bis zur Hyksos-Invasion wehrpflichtig. Darüber hinaus besaß der Pharao eine persönliche Leibwache, die sich wohl aus gefangenen Libyern und Sudanesen zusammensetzte. Zu den Streit­kräften hatte jeder Gaufürst ein bestimmtes Kontingent zu stellen. Die ägyptische Miliz war im Mittleren Reich in Einheiten gegliedert, deren Stärke je nach Auftrag variierte. Ziemlich gleichbleibend war jedoch der sog. Angriffsverband, der sich aus drei »Kompanien« zu je einhundert Mann zusammensetzte. Sie kämpften mit Lanze, Streitäxten und im Neuen Reich auch mit Schwertern. Ihre Angriffsformation war die Phalanx. Die ägyptischen Streitwagenkämpfer, die allerdings erst nach der Niederlage gegen die Hyksos aufgestellt wurden, bildeten Verbände. Sie griffen in Einheiten zu je fünfzig Wagen unter einem Führer an und trieben den Feind vor sich her. 

Wurfspeere und der damals schlachtentscheidende Bogen waren die Hauptwaffe, mit denen sie die Feinde erschütterten. Ohne diese Erschütterung des Feindes und ohne das Schaffen von Lücken in der feindlichen Phalanx wäre es wohl nicht möglich gewesen, die Pferde in die waffenstarrende Mauer der Feinde zu bringen. Das sollte sich noch bis in die Neuzeit, in die Zeit Napoleons hinein zeigen, denn keiner Kavallerie der Welt gelang es, in die rasch gebildeten und feuerspeienden Karrees der Infanterie einzudringen.

Lediglich bei der dünnen Linientaktik des 18. Jahrhunderts konnte die Reiterei entscheidende Erfolge erzielen. Seiner Natur entsprechend scheut nämlich das Pferd vor dem fest stehenden Mann und versucht, ihm auszuweichen. Den Kern des ägyptischen Heeres bildeten aber nicht die zu den Waffen gerufenen Bürger. Zum Aufstellen einer schlagkräftigen Armee benötigte man Söldnertruppen, die größtenteils aus Nubien stammten oder ähnlich wie im 18. Jahrhundert aus Gefangenen rekrutiert wurden, denen man dadurch in Ägypten Tod und Sklaverei ersparte. So erklärt sich auch die Maßnahme, daß diese Truppen nach Beendigung eines Feldzuges in Lager marschierten, in denen sie ihre Waffen abliefern mußten. Dort blieben sie mit ihren Frauen und Kindern bis zum Ausbruch eines neuen Krieges oder Feldzugs und erhielten dann erst wieder ihre Waffen.

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Die ägyptischen Heere dürften 20-30.000 Mann niemals überschritten haben. Die Gründe dafür wurden schon angeführt. Demnach ist z.B. der Bericht aus dem Alten Testament, 2.Chron. 12,2-3, maßlos übertrieben, in dem es heißt: 

»Aber im fünften Jahr des Königs Rehabeam zog herauf Sisak, der König m Ägypten, wider Jerusalem (denn sie hatten sich versündiget am Herrn) mit tausend und zweihundert Wagen und mit sechzig tausend Reitern, und das Volk war nicht zu zählen, das mit ihm kam aus Ägypten, Libyer, Suchiter und Mohren.«

Selbst die Zahl der Streitwagen dürfte 500 niemals überschritten haben. Auch eine Reiterei wurde erst am Ende des Neuen Reiches aufgestellt. Feldzüge und Schlachten wurden vorher und nachher von Gottesdiensten und Opfern begleitet. Übliche »Nebenwaffen« waren, wie in früherer Zeit und bei anderen Völkern auch, magische Verfluchungen des Feindes, die von den Priestern ausgesprochen wurden. Gefangene ließ man als Opfer hinrichten, wenn sie als Sklaven oder Soldaten keine Verwendung finden konnten. Handelte es sich um Fürsten, so vollzog der Pharao die Hinrichtung oft selbst.

Einen weiteren Einblick in die Vorstellungen, die eine Schlacht beherrschten, bietet uns die Bibel mit der 2.Chron. 8-14 (nach Martin Luther): 

»Es zog aber wider sie aus Serah, der Mohr, mit einer Heereskraft, tausendmal tausend, dazu drei hundert Wagen, und sie kamen bis gen Maresa. Und Asa zog aus, ihm entgegen; und sie rüsteten sich zum Streit im Tal Zephatha bei Maresa. Und Asa rief an den Herrn, seinen Gott, und sprach: Herr, es ist bei dir kein Unterschied, zu helfen unter vielen, oder da keine Kraft ist. Hilf uns, Herr, unser Gott; denn wir verlassen uns auf dich, und in deinem Namen sind wir kommen wider diese Menge. Herr, unser Gott, wider dich vermag kein Mensch etwas. Und der Herr schlug die Mohren vor Asa und vor Juda, daß sie flohen. Und Asa samt dem Volk, das bei ihm war, jagte ihnen nach bis gen Gerar. Und die Mohren fielen, daß ihrer keiner lebendig blieb, sondern sie wurden geschlagen vor dem Herrn und vor seinem Heerlager. Und sie trugen sehr viel Raubs davon. Und er schlug alle Städte um Gerar her; denn die Furcht des Herrn kam über sie. Und sie beraubten alle Städte; denn es war viel Raubes drinnen. Auch schlugen sie die Hütten des Viehs, und führten weg Schafe die Menge und Kamele, und kamen wider gen Jerusalem.« 

 

Wie Immanuel Velikovsky zwingend nachweist, wurde diese Schlacht von Maresa, dem heutigen Moreseth Gath, zwischen dem ägyptischen Pharao Amenophis II, der in der Bibel als der Mohr oder Äthiopier Sserah beschrieben wird, und asa, dem König von Juda, geschlagen. In einem phönizischen Gedicht, das Velikovsky ebenfalls zu seiner Beweisführung heranzieht, wird der biblische Serah Terah genannt.61

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Dem biblischen Text ist zunächst einmal zu entnehmen, daß vor der Schlacht Gott der Herr angerufen wurde. Der eigentliche Sieger ist dann auch Gott selbst: »Und der Herr schlug die Mohren...« Daß die Ägypter Mohren genannt werden, ist nicht verwunderlich, denn es handelte sich bei ihnen um Söldner, die zum großen Teil aus Äthiopien, Nubien, Libyen und anderen Gegenden Afrikas kamen. Die in der Bibel und in dem erwähnten phönizischen Gedicht angegebene Stärke der beiden Parteien darf natürlich nicht wörtlich genommen werden. So spricht die 2.Chron. 14,7 z.B. von 300.000 Schild- und Spießträgern aus Juda und 280.000 mit Schilden geschützten Bogenschützen aus Benjamin. Das wären zusammen 580.000 Mann. Demgegenüber bestand die ägyptische Streitkraft aus 1000 mal 1000, d.h. aus einer Million Mann.

Solche Zahlen sagen nur aus, daß es sich um verhältnismäßig starke Streitkräfte handelte; mehr als 20.000 Fußkämpfer und vielleicht 300 Streitwagen dürften es aber auf keinen Fall gewesen sein. Im Grab des Amenken ist nach einem Hinweis von Velikovsky amenophis II. dargestellt, wie er Waffen besichtigt, die als Geschenk an seine Offiziere verteilt werden. Dabei handelt es sich um 360 kupferne Sichelschwerter und 140 bronzene Dolche. Sicher sind dabei nicht alle Beutewaffen dargestellt, doch läßt die verhältnismäßig geringe Zahl dieser als Geschenk verteilten Waffen auf eine wesentlich geringere Truppenstärke schließen, als sie in der Bibel und in dem Gedicht angegeben wird. Unbarmherzigkeit gegen den Feind und Plünderung, wie sie in der Bibel beschrieben werden, gehörten zur damals üblichen Art Kriegführung; aber auch die Bemerkung ist zutreffend, daß die nach der Schlacht genommenen Städte um Gerar weniger von der Furcht gegen den menschlichen Feind als vielmehr von derjenigen gegenüber dem Gott Israels ergriffen wurden. 

Das war der wichtigste Grund für das Erlahmen ihrer Widerstandskraft. Andererseits fühlte man sich völlig sicher, wenn man Gott auf seiner Seite wußte. Ein Beispiel bietet dafür, wenn auch mit Bezug auf ein anderes Ereignis, 2.Chron. 20,14-15, wo es heißt: »Aber auf Jahasiel... kam der Geist des Herrn mitten in der Gemeinde, und er sprach: Merket auf, ganz Juda und ihr Einwohner zu Jerusalem und du, König Josaphat! So spricht der Herr zu euch: Ihr sollt euch nicht fürchten, noch zagen vor diesem großen Haufen; denn ihr streitet nicht, sondern Gott.« Und über den Auszug der Israeliten aus Ägypten heißt es bei 2. Moses 14,14: »Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet still sein.« Der Satz: »Und der Herr schlug sie«, ist geradezu typisch, nicht nur für das Vertrauen, das in Gott gesetzt wird, sondern auch dafür, daß Gott als der eigentlich Kämpfende angesehen wird. Wie wir gesehen haben, so ist diese Anschauung keineswegs auf die Israeliten beschränkt.

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Noch einmal soll ganz kurz auf die Zahl der Streiter eingegangen werden, weil diese Frage sowohl für das Bewußtsein der damaligen Menschen als auch für die Beurteilung des Schlachtgeschehens von großer Bedeutung ist. Wie Vehkovsky nachweist, handelt es sich bei dem Wort für »tausend« (eleph) um eine Falschlesung für aluph, das »Anführer« bedeutet. In biblischen Berichten, wie etwa m dem gerade zitierten, lautete damit die richtige Übersetzung nicht: »Und Asa hatte eine Heereskraft, die Schild und Spieß trugen, aus Juda drei hundert tausend und aus Benjamin, die Schilde trugen und mit dem Bogen schießen konnten, zwei hundert und achtzig tausend...« (2. Chron. 14,7), sondern es handelte sich um 300 Anführer aus Juda und 280 Anführer aus Benjamin. Nimmt man dabei an, daß alle Offiziere vom Rang eines »Zugführers« aufwärts gezählt wurden, so kommt man etwa auf 20.000 Mann, eine Zahl von Streitern, wie sie die Stämme Juda und Benjamin durchaus aufbringen konnten.62 

Unter der angenommenen Voraussetzung, daß in mehr oder weniger urtümlichen Verhältnissen alle Männer zwischen 15 und 45 Jahren waffenfähig waren und etwa 36 % der Gesamtbevölkerung ausmachten, hätten dann die beiden Stämme Juda und Benjamm zusammen eine Bevölkerungszahl von ungefähr 50-60.000 gehabt. Aus der alleinigen Zählung der Anführer geht aber auch hervor, daß nur sie im Kampf ins Gewicht fielen, wie das ja noch bis zur »Ilias« hin aus allen Berichten und Epen hervorgeht. Die Masse des Volkes zählte noch nicht. Auf ägyptischer wie auf israelitischer Seite besaßen nur diese Anführer ein gewisses Maß an fortgeschrittenem Ich-Bewußtsein.

Im 2. Jahrtausend v. Chr., während der XII. Dynastie, begann Ägypten im Ostdelta des Nils und am zweiten Katarakt mit dem Bau von Befestigungen. Es ist interessant, daß bereits zur Abwehr des Hyksos-Einfalls eine sog. Fürstenmauer errichtet wurde, von der es leider keine sichtbaren Reste mehr gibt. Wenn es sich dabei tatsächlich um eine Mauer gehandelt hat, so wäre dies das erste Auftauchen jenes Gedankens, der auch dem Bau des Limes, der Chinesischen Mauer oder vielleicht sogar der modernen Maginot-Linie zugrunde lag. 

Solche Anlagen sind, wie die Geschichte gezeigt hat, von zweifelhaftem Wert. In ihnen drückt sich aber klar der Gedanke der Verteidigung, ja, der Resignation aus. Diese Einstellung hätte durchaus dem ägyptischen Denken vor dem Einfall der Hyksos entsprochen. Da eine solche Mauer wahrscheinlich immer wieder umgangen werden konnte, besonders m einem Gelände wie dem Sinai, ist wohl mehr an eine Kette von Festungen zum Schutz des Nildeltas zu denken. Im Süden, beim zweiten Katarakt, wurden bei Mergissa und Semna mächtige Festungen gefunden. Während der Hyksos-Herrschaft in Ägypten wurde eine Stadt, die erst in den kürzlich vergangenen Kriegen Israels gegen Ägypten eine wichtige Rolle spielte, zur Festung ausgebaut. Es ist die Stadt Ei-Arisch, die damals Avaris hieß, und zwar, wie manetho berichtet, nach einer alten religiösen Überlieferung, d.h., daß sie sowohl militärische als auch religiöse Bedeutung hatte.

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 So bestätigt sich immer wieder, daß Festungen nicht nur nach taktischen und strategischen Überlegungen angelegt wurden.63 Noch bis in die frühe Neuzeit hinein wurden Festungen von Besatzungstruppen verteidigt, die in der Hauptsache aus der Bürgermiliz bestanden und nicht feldverwendungsfähig waren. Sie konnten nur Verteidigungsaufgaben übernehmen. Sollte der vor der Festung liegende Feind geschlagen werden, so mußten für diesen Zweck Feldtruppen herangeführt werden, die allein die notwendige Stoßkraft besaßen.64

 

Wie aber konnte es zur erwähnten Herrschaft der Hyksos kommen? Die Hyksos waren ja ein nomadisierendes Hirtenvolk oder eine Völkergruppe – Vehkovsky setzt sie mit den biblischen Amalekitern gleich –, die eine Großmacht angriffen. Gewöhnlich wird der Sieg der Hyksos damit begründet, daß sie im Gegensatz zu den Ägyptern Pferde und Streitwagen besaßen. Sicher ist das ein Grund. Aber war eine Großmacht wie Ägypten nicht in der Lage, selbst Pferde zu züchten und eine Streitwagentruppe aufzustellen? Die Antwort darauf lautet, daß Ägypten gerade durch den herrschenden Wohlstand nachlässig geworden war und es versäumt hatte, sein Heer auf den damals modernsten Stand zu bringen. Darüber hinaus gibt es aber einen noch viel wichtigeren Grund, der im mangelnden Willen zur Verteidigung bei den Ägyptern lag. Das wird durch folgende Aussage deutlich:

»Zur Regierungszeit eines gewissen Königs Tutimaios, wie bei Josephus [der manetho zitiert] zu lesen ist, >blies der göttliche Zorn uns an, und plötzlich hatte ein unbekanntes Volk aus dem Osten die Kühnheit, in unser Land einzudringen. Sie besetzten es mit Gewalt, ohne auf Schwierigkeiten zu stoßen und ohne kämpfen zu müssen. Sie nahmen unsere Führer gefangen, setzten unsere Städte in Brand und zerstörten die Tempel der Götter bis auf den Erdboden. Sie behandelten die Einwohner mit äußerster Grausamkeit, schnitten einigen die Kehle durch und nahmen von anderen die Frauen und Kinder als Sklaven mit sich.< (»Gegen Apion« I,65-75)«65 

Selbst in dieser urfernen Vergangenheit bestätigt sich die immer gleiche Erfahrung: Mangelnder Kampfwille und Vernachlässigung der Verteidigung führen zum Krieg und zum Untergang eines Volkes und Reiches, wenn der Gegner angriffswillig ist.

 

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Israeliten

 

 

Bevor wir den Vorderen Orient verlassen, der Hauptschauplatz der Menschheitsgeschichte während der chaldäisch-babylonisch-ägyptischen Periode war, soll noch einmal kurz auf das israelitische Volk eingegangen werden. Die Belege, die aus dem Alten Testament in bezug auf die Kriegführung angeführt werden könnten, sind besonders in dem Buch der Richter, der Könige und der Chroniken ungeheuer zahlreich und den meisten bekannt. Daher wird hier nur auf wenige Tatsachen eingegangen.

In der Zeit, in der das israelitische Volk noch nicht seßhaft war und keinen festen Ort für seine Gottes­verehrung besaß, führte es die heilige Bundeslade von Ort zu Ort mit sich und meistens auch mit in die Schlachten. Von der Anrufung Gottes vor und nach der Schlacht und der festen Überzeugung, daß der Herr selbst die Feinde geschlagen habe, wurde schon berichtet. Andererseits verhielten sich die Israeliten genauso wie ihre Feinde: Sie zerstörten nach der Eroberung einer Stadt die darin liegenden heidnischen Tempel, um den Sieg ihres Gottes zu manifestieren. Ein typisches Beispiel dafür ist die Eroberung der Hauptstadt der Amalekiter durch joab, einen der Hauptleute Davids.

Erstaunlich, jedoch nur für den mit den Gedankengängen der alten Völker nicht Vertrauten, ist es dagegen, daß salomo nach 1. Könige 11,4 für die Frauen seines Harems, die aus dem ganzen Vorderen Orient stammten, Tempel in Jerusalem errichten ließ, m denen sie ihre eigenen Götter verehren konnten. Salomo wollte so seinen Anspruch auf die Großmachtstellung Israels unter­streichen, legte aber gerade damit den Grund für die späteren Angriffe der Feinde Israels und die Aufspaltung seines Landes. Die Kapitel 11 und 12 des 1. Buches der Könige legen davon Zeugnis ab.

Daß Kriege und Niederlagen gewaltige revolutionäre Erscheinungen und Entwicklungsschritte der Menschheitsgeschichte vorbereiten können, so bitter sie auch sein mögen, beschreiben die Aussagen Rudolf Steiners zur babylonischen Gefangenschaft des jüdischen Volkes:

»Die Schicksale des hebräischen Volkes unter Moses stehen im Zusammenhang mit kosmischen Vorgängen. Das hebräische Volk nach seinem Auszug aus Ägypten schreitet in das Zeitalter der Regierung des David, der der Hermes, der Merkurius des hebräischen Volkes ist; damit war die in die Moses-Weisheit aufgenommene Hermes-Weisheit in die Region des Merkur gelangt. Nun stößt sie in der babylonischen Gefangenschaft mit dem zusammen, was der wiederverkörperte Zarathustra, Nazarathos, von direkter Zarathustra-Weisheit bringt. Damit war die Region der Venus erreicht, auf die das Sonnen­licht fällt. Das Weiterschreiten zur Sonne selbst wird vorbereitet durch das, was im hebräischen Volk als das >Ich bin der Ich bin<, als der Jahve-Gott lebt. So kehrt die Erde, nachdem sie sich von der Sonne getrennt hat, über Merkur und Venus zur Sonne zurück.«66

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Um noch einmal zu betonen, daß auch im israelitischen Volk die Vorstellung von Kampf und Krieg als Gottesurteil besteht, wird auf den Kampf zwischen David und Goliath verwiesen. Zwischen den beiden sich in Lagern bzw. einer Wagenburg gegen­überliegenden Heeren der Philister und Israeliten erscheint der gewaltige Krieger Goliath und fordert einen aus dem israelitischen Heer zum Zweikampf heraus, in dem darüber entschieden werden soll, welches Heer den Sieg davontrüge.

Nachdem goliath vierzig Tage lang vergeblich auf einen Gegner gewartet hat, erscheint der junge david in der Wagenburg und erklärt sich zum Kampf bereit. Der allgemeinen Sitte gemäß übergibt ihm König saul Helm, Rüstung und Schwert, doch david, der Kriegsausrüstung ungewohnt, kann darin nicht gehen. So nimmt er nur einen Stab und seine Schleuder mit fünf glatten Steinen. Als goliath, der von seinem Schildträger begleitet wird, david so bewaffnet ankommen sieht, erblickt er darin eine schwere Beleidigung, denn diese Art, den Zweikampf auszutragen, widersprach jeder Gepflogenheit. So fragt er denn auch: »Bin ich denn ein Hund, daß du mit Stecken zu mir kommst?« Doch dann nimmt er den Kampf an. Wiederum ist davids Antwort typisch: 

»Heutigen Tages wird dich der Herr in meine Hand überantworten, daß ich dich schlage und nehme dein Haupt von dir, und gebe die Leichname des Heers der Philister heute den Vögeln unter dem Himmel und dem Wild auf Erden, daß alles Land inne werde, daß Israel einen Gott hat, und daß alle diese Gemeinde inne werde, daß der Herr nicht durch Schwert noch Spieß hilft; denn der Streit ist des Herrn, und er wird euch geben in unsre Hände.« (1.Samuel 17,46-47) 

Nachdem David mit dem ersten Schleuderschuß Goliath getötet hat, geht er zu dessen Leiche, nimmt ihr das Schwert und schlägt Goliath das Haupt ab, obwohl der Schildträger daneben steht. Dieser greift aber nicht ein, denn er unterwirft sich dem Gottesurteil wie das gesamte Heer der Philister, das ohne einen Schwertstreich flieht. 

Die Annahme eines Gottesurteils aufgrund des Zweikampfes zweier Vertreter der feindlichen Heere oder gar der beiden Anführer ist nichts Außerge­wöhnliches und wird auch von vielen anderen antiken Völkern, vor allem auch von den Kelten und Germanen, berichtet.

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