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Makedonier  

   Kelten  

 

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Inzwischen war im Norden eine neue Macht entstanden, die nach Athen, Sparta und Theben die führende Rolle in Griechenland übernehmen sollte: die Makedonier. 

Dieses Volk mit seinem hellenischen Königshaus und Adel und seinen illyrisch-thrakischen Bauern, die aber sicher nicht mehr fremdsprachig waren, trat unter seinem König Philipp II. (359-336 v.Chr.) an die Spitze des Heiligen Bundes zum Schutz des Tempels von Delphi und war damit in die Kultgemeinschaft der Hellenen aufgenommen. Dieser entscheidende Schritt sicherte ihm zugleich eine Machtstellung in Mittelgriechenland, wenn auch die Entscheidung über seine Hegemonie erst 338 v.Chr. in der Schlacht bei Chaironeia gegen die Thebaner und Athener fallen sollte.

Als Philipp II. im Jahr 359 v.Chr. an die Macht kam, besaß sein Land bereits planmäßig angelegte Burgen und ein gut ausgebautes Straßennetz, das zu allen Zeiten Voraussetzung für eine erfolgreiche und großräumige Kriegsführung ist. Durch die Zentralisierung der Macht gelang es dem König, aus seinen adeligen Gefolgsleuten sowohl eine hervorragende schwere Adelsreiterei als auch ein ebenso gutes Offizierskorps für alle Truppen zu bilden. 

Es entstand eine Mannes­zucht, wie sie bisher in der Antike nirgendwo vorhanden war. 

Zum ersten Mal erreichte es Philipp II. sogar, den unbändigen makedonischen Adel in taktische Einheiten, den Ilen (Schwadronen) der Reiterei, zusammen­zufassen. Daneben schuf er eine zweite schwere Reiterei, die Sarissophoren, die sich genauso gliedern und verwenden ließ, aber nicht aus Adeligen bestand. Diese beiden Gattungen schwerer Reiter führten als wichtigste Waffe die lange Stoßlanze. Ihre Aufteilung in Ilen ermöglichte eine hohle Beweglichkeit während der Gefechtsführung.

Die Mischung von leichtbewaffneten Fußkriegern und Reitern wurde dagegen wieder abgeschafft. Dafür wirkten aber die taktischen Einheiten der Reiter mit den taktischen Verbänden der Leichtbewaffneten zusammen. 

Alexander der Grosse, auf den wir gleich zu sprechen kommen werden, schuf nach persischem Vorbild zudem noch ein leichtes Reiterkorps aus Bogenschützen. 

Neu war auch die Gliederung der Phalanx bei den Makedonen, die nun sechzehn Glieder tief, ohne Zwischen­raum von Mann zu Mann und fast ohne Abstand zwischen den Gliedern stand. Wahrscheinlich besaß das erste und vielleicht noch das zweite Glied den zwei Meter langen griechischen Hoplitenspieß, während die nächsten Glieder den vier Meter langen makedonischen Spieß, die Sarisse, führten. Auf diese Weise konnten auch die weiter hinten stehenden Männer ihre mit beiden Händen zu haltende Waffe zur Wirkung bringen. 

Die Stoßkraft dieser Gewalthaufen muß mächtig gewesen sein, und tatsächlich wurden sie überall mit der alten griechischen Phalanx fertig. Daneben gab es sowohl unter Philipp als auch unter seinem Sohn Alexander griechische Söldner, die in der althergebrachten Phalangenform kämpften, die dem einzelnen Mann mehr Spielraum beim Fechten ließ.

Außerdem schuf Alexander nach in taktischen Truppenkörpern zusammengefaßte Peltasten, Bogenschützen und Schleuderer, die besonders die Flanken zu decken und bei den Angriffen der Reiterei den Pfeilhagel der feindlichen Bogenschützen von den Reitern ab- und auf sich selbst zu lenken hatten, wie das vor allem bei Chaironeia geschah. 

Diese Schlacht darf daher als die erste angesehen werden, die mit verbundenen Waffen geschlagen wurde, eine gewaltige Fortentwicklung der Kriegskunst!

  wikipedia  Peltast   Speerwerfer zu Fuß

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Zu diesen Truppen gehörte noch ein Belagerungstroß, der vor allem Torsionsgeschütze besaß, darüber hinaus noch Rammböcke, Geräte zum Bau gedeckter Annäherungsgänge an Befestigungsanlagen, zum Anlegen von Minengängen, zum Untergraben von Mauern und Türmen sowie zum Aufbau von Türmen zur Überhöhung der Mauern und zum Aufwerfen von Dämmen, auf denen diese herangeschoben werden konnten. Selbst Flammenwerfer mit »griechischem Feuer« waren bereits bekannt. Der Heerestroß wurde auf das Notwendigste beschränkt, straff gegliedert und gut ausgerüstet. Für die weiträumigen Feldzüge Alexanders war er unabdingbare Voraussetzung.

Die Versorgung des Heeres durch die Militärintendantur des Mutterlandes und die vom König eingesetzten Satrapen mit ihrem Beamtenapparat, ohne den lange Feldzüge nicht denkbar sind, funktionierten so reibungslos, daß sie noch heute unsere Bewunderung verdienen.

 

Der Sohn Philipps II., Alexander der Grosse, wurde im Jahr 356 v. Chr. an dem Tag geboren, an dem Herostrat den Tempel der Diana von Ephesus zerstörte: gleichsam ein Wahrzeichen für die Konfrontation dieser Persönlichkeit mit den Überresten einer alten, spirituellen Zeit. Denn Alexander war ganz individuelle Persönlichkeit und hat zur Persönlichkeitskultur Entscheidendes beigetragen.81  

Philipp II. hatte seine Frau Olympias auf einer Mysterienfeier in Samothrake kennengelernt und auch dort geheiratet. Immer wieder behauptete sie, ihr Sohn Alexander sei ein Sohn des Zeus. So empfand sich Alexander auch tatsächlich. Öffentlich erklärte er, er sei der wiedergeborene Achilles, und er opferte an dessen Grab, bevor er zur Eroberung Persiens nach Kleinasien übersetzte. Im übrigen lebte er fast genau 800 Jahre nach dem in der »Ilias« beschriebenen Kampf um Troja.

Mit einem Heer von 30.000 Mann Infanterie, 5.000 Reitern und einem Stab bewährter Generale brach er im Jahr 334 v. Chr. zur persischen Expedition auf. Nach dem Überschreiten des Hellespont und der Opferung am Grab des Achilles errang er im Mai 334 seinen ersten Sieg in der Reiterschlacht am Granikos, in der er die Reiterei selbst führte. Nachdem er im nächsten Frühjahr sein gesamtes Heer in Gordion vereinigt hatte, durchschnitt er dort mit dem Schwert den Gordischen Knoten, von dem gesagt wurde, daß, wer ihn löse, Herrscher von Asien würde, und erfüllte damit die Prophezeiung. 

Auch diese Tat darf keineswegs im modernen Sinn rein symbolisch aufgefaßt werden; sie nahm ein tatsächliches Geschehen voraus und erzwang es auch nach der Auffassung der Zeit. Nachdem er mit seinem Heer bereits die Kilikische Pforte, jenen Paß, der das Einfallstor nach Syrien war, überschritten hatte, erschien Darius III. mit dem Perserheer in der Ebene von Issos in seinem Rücken. Alexander scheute sich nicht, kehrtzumachen und die Schlacht mit verkehrter Front anzunehmen. Ein solches Wagnis zeugt von der ungeheuren Kühnheit, ja auch Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst und seine Truppen, mit der Alexander vorging. Dieses Verhalten legte er während seines ganzen Lebens an den Tag, wobei er selbst vor Mord und Verrat an seinen engsten Freunden nicht zurückschreckte.

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Im Positiven wie im Negativen war er ganz Persönlichkeit.82 Der Sturmangriff, den Alexander wie üblich selbst führte, entschied die Schlacht bei Issus. Im erbeuteten persischen Lager traf er auf Mutter, Gattin und Töchter des Darius und erwies ihnen königliche Ehren. Das beeindruckte Darius so sehr, daß er dem großmütigen Sieger danken ließ und ihm Frieden und die Hälfte des Reiches bis zum Euphrat anbot.

Dieser Lage aber traute Alexander nicht. Um der noch immer starken persischen Flotte, die seinen Nachschub bedrohte, die Stützpunkte wegzunehmen, stieß er die vorderasiatische Küste entlang nach Süden vor. Die stärkste Festung auf seinem Marschweg war Tyros. Und nun treten neben all diesen, auch in der Moderne noch geltenden operativen und strategischen Erwägungen die Vorstellungen der Antike ganz klar hervor. Vor Tyros erschien Alexander dem Grossen im Traum Herakles. Mit ausgestreckter Hand befahl er ihm, die Seefestung zu nehmen. 

Die Belagerung wurde mit allem Mitteln der damaligen Belagerungskunst durchgeführt. Schließlich wurde den Tyrern allmählich klar, daß sie ihre Stadt nicht mehr länger halten konnten. 

»Diese bangen Ahnungen manifestierten sich in düsteren Gerüchten. Apollon, so hieß es, wolle Tyros verlassen. Aber so fromm sie auch waren, diesmal ließen sie sich von der himmlischen Drohung nicht schrecken. Um die Flucht zu verhindern, banden sie das Standbild des Gottes mit goldenen Ketten an seinem Sockel fest und verankerten es außerdem am Altar ihres Melkart, in dessen Patriotismus sie offensichtlich mehr Vertrauen setzten, als in den des importierten Hellenen. Die antiken Historiographen maßen diesem Vorfall so große Bedeutung zu, daß sie ihn in insgesamt vier verschiedenen Berichten der Nachwelt übermittelten, einer davon stammt von dem griechischen Apollon-Priester Plutarch ...«83 

Dieser Schilderung ist nur noch hinzuzufügen, daß das Ende des Kampfes um Tyros am Aginorschrein stattfand, an einem Heiligtum des Vaters der lyrischen Prinzessin Europa.

Wenn sich der Vorstoß an der syrischen Küste entlang noch mit modernen strategischen Gedanken erklären läßt, so trifft das nicht mehr für den Zug weiter nach Süden, nach Ägypten, zu. Dieses Land, das damals zu Asien gerechnet wurde, ergab sich kampflos. Alexander wandte sich dort ganz bewußt der Oase Siwah zu. Dort begrüßten ihn die Priester des Orakels als den Zeus-Ammon. Alexander, der von Aristoteles in die Geheimnisse der Welt eingeweiht worden war, suchte hier den Anschluß an die ägyptische Weisheit, um zu erleben, was in Samothrake als Theogonie, als Götterwerden, gelehrt worden war, und es seinem Weltreich einzuverleiben. Er brachte damit die aristotelische Naturwissenschaft — sie stammte aus eleusinischen und chthonischen Mysterien — nach Asien, von wo aus sie im Mittelalter durch Vermittlung der Araber in modifizierter Form wieder nach Europa zurückkommen sollte.

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Dem gleichen Streben nach einer Verwirklichung der Götterwelt diente auch sein Zug nach Persien und Indien. Persien eroberte er ganz. Nach der Entscheidungsschlacht von Gaugamela setzte er zur ersten rücksichtslosen Verfolgung des Feindes bis zum letzten Hauch von Roß und Mann in der Geschichte an. Er fühlte sich nun als Nachfolger des persischen Großkönigs und überschritt sogar den Indus. Da verweigerte ihm das Heer den Gehorsam, und unwillig mußte er vom weiteren Vordringen ins Unbekannte absehen.

Gegen Ende des Jahres 326 v.Chr. erreichte er mit dem Schiff auf dem Indus den Indischen Ozean. Sein Admiral Nearchos segelte mit der Flotte in den Persischen Golf, während Alexander selbst mit dem Landheer nach einem furchtbaren Marsch durch die gedrosische Wüste Susa erreichte. Um eine Verbindung zwischen Griechen und Persern zu schaffen, feierte er dort mit 10.000 Makedonen und Asiatinnen eine Massenvermählung und nahm selbst nach orientalischer Sitte eine Tochter des Darius zur zweiten Frau.

Die spirituellen Ergebnisse dieser, dem materialistischen Denken unserer Zeit so sinnlos erscheinenden Alexanderzüge (s. Fig. 3) liegen vor allem in der Vermischung und Veredelung der alten asiatischen Geistigkeit durch die hellenische Kultur. Die griechische Sprache wurde in diesem gesamten Raum zur Sprache der Gebildeten. Das allerwichtigste Ergebnis aber besteht wohl darin, daß es allein durch die Alexanderzüge möglich geworden ist, daß die Evangelien griechisch verfaßt werden konnten und der Christus selbst dadurch seine Botschaft griechisch vermitteln konnte. 

Keine andere Sprache kennt z.B. das Wort agape mit seinem Begriffsinhalt. Auf der Voraussetzung von Alexanders Kriegszügen konnte Christus die Agape als Ziel der Menschheitsentwicklung verkünden, die höchste Liebe unter den Menschen, deren Bedeutung zunächst noch nicht einmal ein Petrus verstand, wie es Rudolf Frieling in seinem Buch schildert.84

Neben der riesigen Aufgabe, dieses Reich zu ordnen, beschäftigten Alexander gewaltige neue Pläne. Über Arabien wollte er von Ägypten aus westwärts ziehen, Karthago und Rom unterwerfen, um sich dann mit der ganzen keltischen Welt in Spanien, Gallien und Britannien zu verbinden. Die keltischen Druiden hatten seit langem Beziehungen zu den griechischen Mysterienstätten gepflegt. Aber in ihren hybernischen Mysterien schauten sie die geistige Welt traumhaft, passiv im alten Sinne. Wäre die enge Verbindung mit den Hellenen zustande gekommen, so wäre verfrüht ein verstandesmäßiges Element in das keltische Wissen gekommen. Das mußte zugunsten der späteren Menschheitsentwicklung verhindert werden, um ihr den aktiven Zugang zur geistigen Welt der Epoche der Bewußtseinsseele vorzubehalten. Alexander scheiterte hier.

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 Fig. 3   Reich und Feldzüge Alexanders des Großen

 

 

Zur Geschichte des Kriegswesens ist zu sagen, daß Alexander seine Fußtruppen immer in zwei Flügeln aufmarschieren ließ, von denen er meist den rechten selbst kommandierte, während er die Führung des linken Flügels seinem Stellvertreter überließ. Beide Flügel wurden durch Reiterei und Leichtbewaffnete gedeckt. Den letzten, entscheidenden Angriff führte alexander immer selbst an. Unzählige Male wurde er verwundet, aber niemals scheute er sich, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Jedoch hatte das auch taktische Gründe. Der Feldherr konnte zur damaligen Zeit nicht ständig in den Verlauf der Schlacht eingreifen. Die Verbände waren zu unbeweglich, als daß man sie etwa an einer Stelle einsetzen, dann aus dem Gefecht ziehen und später von neuem hätte verwenden können. Eine einmal eingesetzte Truppe blieb während des gesamten weiteren Verlaufs der Schlacht im Gefecht.

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Deshalb befahl Alexander den Ansatz der Schlacht, manchmal auch noch den Einsatz der zurückgehaltenen Verbände, setzte sich aber im entscheidenden Moment selbst an die Spitze des zum Hauptstoß eingesetzten Verbandes. Seine Unterführer genossen unter ihm allerdings ein gewisses Maß an Selbständigkeit, die es ihnen erlaubte, Teile der Phalanx, der Reiterei oder der Leichtbewaffneten auf eigenen Entschluß hin ins Gefecht zu führen, wie das z.B. bei Issos geschehen ist. 

Die Aufteilung der Phalanx in Abteilungen und Unterabteilungen unter jeweils eigene Führer, unter denen sicher größere Zwischenräume bestanden als noch bei Marathon, erleichterte wesentlich die Abwehr der persischen Sichelwagen, wie sie z.B. in der Schlacht bei Gaugamela eingesetzt waren. Hier öffneten die Griechen gegenüber den Streitwagen einfach ihre Reihen, so daß sie ins Leere stießen und mit ihren Sicheln nur wenig Unheil anrichten konnten. Diese Schlacht brachte zugleich das Ende der Streitwagenwaffe, die jahrhundertelang die Schlachtfelder beherrscht hatte.

Noch ein letztes Mal wurde das griechische Heer einer Zerreißprobe ausgesetzt, als der indische König Poros in der Schlacht am Hydaspes 327 v.Chr. 85 Elefanten, die Panzerwagen des Altertums, ins Gefecht führte. Allerdings waren die Elefanten für die Griechen und Makedonier keine taktische Überraschung mehr, da sie sie seit über einem Jahr durch verbündete indische Fürsten kannten. Sie wußten, daß die Elefanten durch Speere und Pfeile zu verwunden waren, und griffen sie daher mit den Peltasten und Bogenschützen an. Schließlich begannen die verwundeten Tiere zu fliehen und wurden in ihrer Angst zur Gefahr für die Inder selbst. Gerade dieser Gefahr wegen führten die Elefantenführer eine meißelartige Waffe mit sich, mit der sie im Notfall in Panik geratene Tiere rasch töten konnten. Wie wenig die Elefanten tatsächlich im Gefecht wert waren, zeigt schon die Tatsache, daß die Römer sie nie einsetzten. Allerdings bedurfte es eines standfesten und vor allem disziplinierten Fußvolkes, um den Ungeheuern standzuhalten. Und Disziplin besaß das makedonische Heer mehr als alle seine Gegner.

In strategischer Hinsicht war neu, daß Alexander mit seinen ausgezeichneten Truppen die ganze damals bekannte Welt im Norden und Osten seines Reiches in das Kriegsgeschehen einbeziehen konnte. Unter ihm erreichte das Kriegswesen der Griechen in bezug auf Heeresverfassung, Taktik und Strategie seinen Höhepunkt. Alle unter den Diadochen eingeführten Veränderungen und Modifikationen sind im Grunde genommen unbedeutend. Unvollkommen wie sein eigenes Werk, das Alexander im Juni 325 v. Chr. bei seinem Tode zurückließ, war auch die Konstruktion der Reiche, die seine Generäle von ihm übernahmen. Nach endlosen Kriegen untereinander fielen sie den Römern zum Opfer. 

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Kelten 

                    

Es wurde oben von der Absicht Alexanders gesprochen, über Afrika nach Westen vorzustoßen und die Verbindung mit den Kelten aufzunehmen. Damit wäre durch die Griechen die Brücke geschlagen worden zwischen den beiden großen, die Sonne verehrenden Völkern, den Persern im Osten und den Kelten im Westen. 

Woher stammten nun diese Kelten, die eine so große Rolle für die spätere Entwicklung Europas spielen sollten? 

In der Archäologie herrscht heute im großen und ganzen Einigkeit darüber, daß von echten Kelten erst ab etwa Mitte des 1. Jahrtausends v.Chr. gesprochen werden kann. Die von ihnen geprägte Kultur ist die La-Tene-Kultur. Sie sind die Überwinder der ersten Eisenzeit, der Hallstatt-Zeit. Zentrum dieser La-Tene-Kultur sind Süddeutschland, die Schweiz und Ostfrankreich. Daher setzt die Spatenwissenschaft diesen Raum auch als Urheimat der Kelten an. Die Sprachwissenschaft allerdings vermag etwas tiefer zu gehen. Sie hat eine erste sprachliche Gemeinsamkeit zwischen Kelten, Germanen und Italikern in der Jungsteinzeit festgestellt. Noch im 2. Jahrtausend v.Chr., wahrscheinlich gegen dessen Ende, trennten sich die Kelten, Italiker und Veneter von den Germanen und bildeten möglicherweise im nördlichen Balkan eine neue Völkergruppe, deren Zusammenhang vornehmlich durch die verbale r-Endung der Mediopassiva und Passiva erschlossen wurde.85 

Danach müssen Italiker und Kelten noch eine Zeitlang einen gemeinsamen Weg zurückgelegt haben, da vor allem beide Sprachen als einzige die  -ibus-Endung im Dativ pluralis aufweisen. Erst ab der Bronzezeit trennten sich dann die Italiker und zogen nach Süden, während Kelten und Germanen, wie es die Lehnwörter bezeugen, neuerdings wieder in enge Berührung miteinander kamen. Bis zum Verschwinden der Kelten aus der europäischen Geschichte besaßen dann Kelten und Germanen eine gemeinsame Grenze. Der Ring der Kultur- und Wohngemeinschaft steinzeitlicher Tage schließt sich damit wieder in der Eisenzeit, in der die Kelten als Volk ihre Selbständigkeit erlangten. Damit bewahrheitet sich auch die Druidenüberlieferung, nach der die Urheimat der Kelten und Gallier im Land nordostwärts der Rheinmündung lag.86

Ähnlich drückt sich auch Poseidonios von Rhodos (ca. 135-51 v.Chr.) aus, dem wir als Geschichts­schreiber die erste eingehende Behandlung der Kelten und Germanen anläßlich des Kimbern-Sieges des Marius verdanken. Zwischen den beiden Völkern macht er noch keinen Unterschied. Er spricht von einer keltisch-germanischen Einheit und verlegt die Urheimat dieser Völkergruppe in die Nähe der Nordmeere.87

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In einem der bedeutendsten Werke über die Kelten heißt es: 

»In der Bronzezeit war das Klima Mitteleuropas trockner und wärmer als heute; der Einbruch von Feuchtigkeit und Kälte, der die Pfahlbautenleute der Schweiz zwang, neue höhergelegene Siedlungen zu bauen, war besonders in Nordeuropa verhängnisvoll. Die Stämme, die an der Küste von Nord- und Ostsee wohnten, mußten nach wärmeren Gegenden auswandern, und der Druck, den sie auf ihre Nachbarn ausübten, verursachte in einer Kettenreaktion die Verschiebung von Stämmen, die zwischen Rhein und Elbe ansässig waren.

Die Wanderung der Pelendonen verlief über Mittelbelgien bis nach der Gironde und den Landes, während Splittergruppen sich im Südosten der Pyrenäen und in Spanien niederließen; andere Pelendonen überquerten den Ärmelkanal. Die französische Küste von der Picardie bis in die Vendee wurde ebenfalls von keltischen oder halbkeltischen Stämmen in Besitz genommen. So verlief die erste Phase der Keltisierung Westeuropas, die im Zusammenhang mit einer Naturkatastrophe erfolgte, die die Germanen Nordeuropas heimsuchte.

Eine zweite Welle keltischer Wanderungen, ebenfalls durch den Druck der Germanen verursacht, datiert Bosch-Gimpera um ein Jahrhundert später, zwischen 700 und 650 (v.Chr.). Dieses Mal waren Gruppen aus Nordost-Holland (die Cempsi) bis in die Landes vorgedrungen, von wo sie die dort ansässigen Pelendonen nach Spanien vertrieben... - Aber viele Stämme, die Befestigungen in großer Zahl in Burgund, in der Franche-Comte, im Elsaß und an der Mosel errichtet hatten, ließen sich nicht nach dem Süden mitreißen. Sie fanden auf den Höhen Zuflucht, während die Eindringlinge durchzogen, und nahmen nach deren Durchmarsch ihre alten Niederlassungen wieder ein. Auf diese Weise blieb die ethnische Struktur des Landes im großen und ganzen unverändert.«88

 

Von diesen Bewegungen der Kelten nach Süden künden vor allem auch die Fluß- und Ortsnamen. So haben z.B. die später in der Schweiz ansässigen Rauraker ihren Namen der Ruhr hinterlassen. Keltische Bergwerke wurden im Siegerland und in der Nähe von Wuppertal festgestellt. Bei diesen keltischen Wanderungen wie wohl bei allen antiken Wanderungen wurde die Urbevölkerung meist nicht vernichtet oder völlig vertrieben; die Kelten stellten sich lediglich als Herrenschicht über sie, ein typisches Beispiel dafür sind die Gallier in Frankreich.

In Irland hatten sich die uralten hybermschen Mysterien erhalten, die vor allem von den sich dort bildenden keltischen Stämmen bewahrt und weitertradiert wurden. Die von ihnen und den gesamten keltischen Völkern stammende Mysterienerziehung war die Grundlage für die gesamte Kultur Europas.89 Die Kelten erhielten nämlich durch ihre Eingeweihten, die Druidenpriester, einen Unterricht aus höheren Welten, den sie dann an die übrigen Völker weiterzugeben hatten.

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Die alten keltischen Mysterien brachten der europäischen Kultur die Mysterienweisheit zu einer Zeit, die vor der eigentlich germanisch-nordischen Entwicklung liegt.90 Aus dem vorchristlichen Sonnenkult, der in den Steinkreisen in Irland und England, aber auch tief im arabischen Süden, in Saba, gepflegt wurde, entwickelte sich der Impuls der späteren Gralsströmung.91

Die die Geheimnisse der Mysterien pflegenden und wahrenden Priester nannten die Kelten Druiden. Nach Plinius bedeutet dieses Wort »Eichenkundiger«. Neuere etymologische Forschungen neigen aber mehr dazu, das Wort auf das Superlativpräfix '"dru und den Stamm -wis, wid von *weid -»wissen« zurückzuführen. Der Name hätte dann die Bedeutung »Allwisser«, »Allwissender«.

Nach Cäsars altbekannter Beschreibung in seinen »Kommentaren zum Gallischen Krieg« waren sie Erzieher, Richter und Priester, bildeten zusammen mit den Rittern die höchste Gesellschaftsschicht und waren von Kriegsdienst und Steuern befreit. Keine Entscheidung und kein Opfer - auch kein Königsopfer - konnte ohne Druiden beschlossen und vollzogen werden.

Das religiöse Zentrum der gallischen Kelten lag im Land der Carnuten, von denen Chartres seinen Namen hat. Dort wurde auch der Oberdruide, der Gutuater, der Priester, »der die Götter anruft«, gewählt. Manchmal entschied ein Zweikampf die Wahl. Nach Cäsar befand sich die höchste Lehrstelle der Druiden in Britannien, die die Studierenden zwanzig Jahre lang zu besuchen hatten. Rudolf Steiner bezeichnet auch die germanischen Eingeweihten als Druiden, erklärt dies aber damit, daß er die Druiden als Eingeweihte dritten Grades bezeichnet.

Diese Druiden pflegten bei den keltisch-germanischen Völkern, in Nordeuropa eine Licht-Religion, deren geheimnisvolle Steinsetzungen und Steindenkmäler wir z.T. heute noch bewundern können. Die Beziehung dieser Weihestätten zur Sonne ist inzwischen vielfach nachgewiesen worden.

»Die Verehrung des großen Gestirns war für die druidische Weisheit eine Quelle genauer geschichtlich-exakter Standortbestimmung. In der Bride-Sage ist fesgehalten, daß im iroschottischen Bereich die Einzelheiten der Jesusgeburt von Bethlehem längst bekannt waren, als die ersten Berichte auf äußerem Wege dorthin kamen.

Die nordischen Eingeweihten hatten in hellfühlender Gleichzeitigkeitswahrnehmung alle die eingreifenden Tatsachen, die sich in Palästina ereigneten, aus den kosmisch-irdischen Lichtverhältnissen abgelesen. Dolmen und andere Steinheiligtümer waren ihre Erkenntnistempel, wo sie im Geheimnis der Schatten die feineren geistigen Wirkungen des Lichtganges aufsuchten. Hier erfuhren sie die rechten Zeiten. Und in dieser >Sonnenforschung< offenbarte sich ihnen auch die historische Stunde, da der Sonnenlichtergeist auf der Erde erschien. (Als später die römischen Missionare in jene Gegend kamen, verstanden sie das ursprüngliche Sonnen-Christentum der Iroschotten nicht und gingen mit kriegerischer Gewalt gegen die vermeintlichen >heidnischen< Elemente vor. Dieser brutale Eingriff hat die Entwicklung des Christentums in Europa weit zurückgeworfen.)«92

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Für die Gemeinsamkeiten keltischer und germanischer Kultstätten sprechen vor allem auch die Externsteine.93

Politisch bildeten die Kelten keine Einheit. Dafür darf aber von einer religiösen und kulturellen Einheit gesprochen werden. Etliche Stämme wurden durch einen König, andere durch einen Vergobret, einen »Vollstrecker der Urteile«, geführt, wie es Cäsar im »Gallischen Krieg« beschreibt. Zweifellos handelte es sich um ein Sakralkönigtum. Dabei wurde das Heil des ganzen Stammes durch die Druiden dem König inkorporiert. Wir werden das später noch bei Vercingetorix sehen. 

»Ein Mißerfolg im Krieg war das Zeichen, daß die Götter ihn [den König] verlassen hatten und daß er nicht mehr berufen war, das Kriegsvolk zu führen. Mancher Keltenkönig hat sich unter solchen Umständen das Leben genommen wie Brennus nach dem Scheitern des Raubzuges gegen Delphi. Die körperliche Unversehrtheit des Königs war unbedingt notwendig: Ein König, der ein Auge verloren hatte, wurde sofort abgesetzt.«94 

Von den antiken Schriftstellern werden die Kelten als sehr groß, rotblond, blauäugig, kämpf- und kriegslüstern, tapfer und furchtlos geschildert. Den Kampf betrachteten sie als eine Art Duell, dessen Ausgang sie als Gottesurteil annahmen. War das Gottesurteil gefällt, so hielten sie jeden weiteren Widerstand für sinnlos. Sie begaben sich dann willenlos in die Sklaverei.

Den religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkt der keltischen Stämme bildeten die Oppida. Sie waren festungsartig ausgebaut und durch die berühmte »gallische Mauer« geschützt, zumindest in Gallien und Süddeutschland. Anscheinend war in Süddeutschland und in Teilen Britanniens das religiöse Zentrum aus den Oppida in die nahegelegenen Vierecksschanzen verlegt worden. Der Name »Viereckschanze« rührt nur davon her, daß bis vor kurzem ihre Funktion noch nicht geklärt werden konnte. Jetzt aber steht fest, daß es sich um Kultplätze lokaler Gottheiten handelte.

Im Kriegsfall wurden die Oppida wie Festungen verteidigt, allerdings wie Festungen, die eben auch Hauptkultstätten des Stammes waren. Darüber hinaus retteten sich die keltischen Stämme in Fliehburgen wie etwa im Elsaß oder in der Franche-Comte, wo sie dem bereits beschriebenen Zweck dienten. Von einer ganzen Befestigungslinie, der der bereits angedeutete Maginot-Gedanke zugrunde liegt, kann im Verlauf der deutschen Mittelgebirge gesprochen werden. Sie schützte das keltische Siedlungsgebiet gegen die von Norden andrängenden Germanen. Erst in jüngster Zeit konnte festgestellt werden, daß es sich zum mindesten bei einem Teil von ihnen, wie z.B. bei der Milseburg, der Glauburg und dem Altkönig, entlang der Linie Hohe Röhn-Taunus, sowie beim Golo-Ring, nördlich von Koblenz, auch um Heiligtümer handelte.

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Ähnliches kann über die keltischen Befestigungen auf den Vogesenhöhen vermutet werden. Wieder erweist sich die Tatsache, daß in der Vorstellung der Alten nicht der Mensch mit seinen Befestigungen allein das Land und seine Bewohner schützt, sondern vor allem die Gottheit, die in der Festung wohnt.

 

In der gesamten Kriegsgeschichte der antiken Welt wird einem Ereignis verhältnismäßig geringe Bedeutung beigemessen, das jedoch für die Begründung antiker Feldzüge von ausschlaggebender Bedeutung ist. Natürlich handelt es sich mit dem Folgenden um eine Hypothese, aber diese Hypothese besitzt zum mindesten die Wertigkeit der Aussagen antiker Schriftsteller, vornehmlich des Livius über die Raublust und Kriegslüsternheit der Kelten. Schließlich waren sie für Livius ja die Feinde, und Feinden hat man stets in der Geschichte unedle Motive unterschoben.

Dieses Ereignis ist das um 400 v.Chr. beginnende ver sacrum der Kelten, das das ganze 4. vorchristliche Jahrhundert hindurch dauerte. Bei diesem ver sacrum, dem »Heiligen Frühling«, handelte es sich ursprünglich um einen alten Brauch der italischen Stämme, bei dem in Notzeiten Mars und Jupiter alles geweiht wurde, was der Frühling hervorbringen konnte. Die in einem solchen zum ver sacrum bestimmten Jahr geborene Jungmannschaft wurde daher, sobald sie herangewachsen war, aus dem Stammesverband ausgestoßen und mußte sich neue Wohnsitze suchen. Infolge dieser Sitte breiteten sich die Italiker erobernd über ganz Italien aus. Dieser italische Begriff wurde dann auf die Kriegszüge der Kelten übertragen.

Während dieser um 400 v. Chr. beginnenden Wanderperiode der Kelten brach das alte Griechenland unter dem Ansturm der Makedonen zusammen, Alexander gründete sein Weltreich, Rom stieg zur Weltmacht auf, und die Karthager breiteten ihre Handelsniederlassungen im gesamten westlichen Mittelmeer aus. Der römische Schriftsteller Livius, vor dessen Lebzeiten gerade Gallien erobert worden war, verlegt diese Begebenheiten in eine ferne Vergangenheit, doch betrifft der Wahrheitsgehalt des Kerns seiner Erzählung das keltische ver sacrum.95

Er berichtet, die Kelten, die ein Drittel Galliens bewohnt hätten, wären einem König Ambigatus Untertan gewesen. »Die Biturigen, die den König für das ganze Land stellten, verdankten ihre beherrschende Stellung ihrem Reichtum. Um der Überbevölkerung abzuhelfen, habe Ambigatus beschlossen, seine beiden Neffen Bellovesus und Segovesus mit der Führung von zwei großen Wanderungen zu beauftragen. Jeder sollte sich nach den von den Göttern [durch Augurien] bestimmten Orten begeben und sich dort niederlassen. Den beiden Heerführern wurden so viele Truppen zur Verfügung gestellt, daß kein Volk sich hindernd in den Weg stellen konnte. Der Götterspruch schickte Segovesus nach dem Hercynischen Wald, Bellovesus erhielt Italien.«96

III. KRIEGE AN HEILIGEN ORTEN  99


Wenden wir uns zunächst dem Vorstoß nach dem Hercynischen Wald zu. Mit diesem Namen wurde das deutsche Mittelgebirge bezeichnet. Diese Stoßrichtung erscheint merkwürdig, wenn wir vorher gehört haben, daß die Kelten vor den von Norden eindringenden Germanen zurückgewichen waren. Nun aber stoßen sie gerade in dieser Richtung vor. Das Mittelgebirge hatten die Germanen etwa um 500 v. Chr. erreicht. Von Kämpfen zwischen Germanen und Kelten an dieser Grenze berichten die antiken Schriftsteller nichts, ja sie vermochten zunächst nicht einmal, Kelten von Germanen zu unterscheiden. Cäsar war der erste, dem diese Unterscheidung gelang.

Sollte es sich etwa nur um eine Vorsorgemaßnahme gehandelt haben, bei der Ambigatus Verstärkungen an die keltisch-germanische Grenze schickte? Bis zu einem gewissen Grad mag das zutreffen. Ziehen wir jedoch die weitere Stoßrichtung und die Ziele der erobernden keltischen Scharen in Betracht, so besteht durchaus die Möglichkeit, daß diese nach Norden, zum Hercynischen Wald rückenden Kelten erneut die Verbindung mit jenem großen europäischen Heiligtum aufnehmen wollten, das sie den Germanen hatten überlassen müssen, nämlich den Externsteinen. Doch nicht nur nach Norden zielte dieser Stoß, zum Hercynischen Wald, er galt genauso dem späteren böhmischen Gebiet und Schlesien. Dort lag wiederum ein uraltheiliger Berg, der Zobten, der später zum Zentralheiligtum der Silingischen Vandalen wurde. Von ihnen erhielt Schlesien seinen Namen. Weiter zielte die Wanderung auch nach Südosten, nach Ungarn, bis in die Balkanhalbinsel hinein.

Die Beziehungen zwischen Griechen, Alexander und Kelten wurden bereits erwähnt. Selbst noch nach dem Abebben der großen keltischen Wanderperiode, des ver sacrum, zog ein Stamm, nämlich die Galater unter dem König Brennus, nach Griechenland. Im Jahr 249 v.Chr. eroberten sie Delphi. Über diese Eroberung gibt es eine Sage, die ein bezeichnendes Licht auf das Geschehen wirft. Sie berichtet, daß die Galater aus Delphi den Goldschatz des Apollon mit in ihr Heiligtum nach Toulouse nahmen.

Was heißt das aber? Das heißt, daß sie die Geheimnisse der Sonnenmysterien vordem Zugriff der Römer retteten, die, wenn auch zunächst vergeblich, versuchten, auch die Griechen in ihr Weltreich einzugliedern. Die Galater aber verbargen den Tempelschatz des Apollon in einem See des heiligen Waldes bei Toulouse. Sie verbargen ihn im »See ihres okkulten Wissens«. Noch als die Galater später in Kleinasien saßen, hielten sie enge Verbindung zu ihrem Heiligtum in Toulouse. Da der Zug unter Brennus ein Mißerfolg war, vollzog er das Königsopfer an sich selbst.

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Ist es zuviel vermutet, daß, trotz allem, trotz der Rettung des Tempelschatzes aus Delphi, diese Tat wohl so verwerflich gewesen sein muß, daß sie das Königsopfer forderte? Gewiß, die Vorgänge um die Tempelschätze von Delphi sind Sage. Nach den antiken Quellen wurden die Galater in der Nähe von Delphi zurückgeschlagen; ob sie in den heiligen Bezirk selbst eindrangen, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. 

Doch, wie so oft, liegt in der Sage die tiefere Wahrheit, als sie uns die Geschichte als fable convenue bietet. Darüber hinaus gibt gerade das in ihr geschilderte Verhalten der Kelten uns im Vergleich zu dem Verhalten Cäsars bei der Plünderung der gallischen Tempelschätze einen wertvollen Hinweis. Die Kelten brachten den Sonnenschatz des Apollon in ihr Heiligtum nach Toulouse; Cäsar dagegen benutzte das aus den Tempeln Galliens geraubte Gold, um seine privaten Finanzen zu sanieren und um sich in Rom Anhänger zur Stützung seiner Macht zu kaufen.

Im Süden wurde zwischen 400 und 350 v.Chr. die italienische Halbinsel von Kelten überflutet. Nach der vernichtenden Niederlage der Römer in der Schlacht an der Allia am 18. Juli 387 v.Chr. nahmen die Kelten unter ihrem ebenfalls Brennus genannten Herzog Rom und brannten es nieder. 

Doch es gelang ihnen nicht, das von Manlius verteidigte Kapitol mit seinem Jupiter-Tempel, das geistige Zentrum Roms, zu erobern. Die heiligen Kapitolinischen Gänse verrieten mit ihrem Geschnatter die sich zum überraschenden Sturm nähernden Gallier. 

Wieder erleben wir es, daß nicht nur eine Festung oder Burg, diesmal der Römer, verteidigt wird, sondern ein Heiligtum. Die Sage berichtet nun, Brennus habe die 1000 Pfund Gold, mit denen der Abzug der Gallier erkauft werden sollte, mit falschen Gewichten aufgewogen. Als die Römer Einspruch erhoben, habe er mit dem Wort »Vae victis — wehe den Besiegten« auch noch sein Schwert in die Waagschale geworfen. 

Diese Ereignisse lehrten, wie es die Geschichte später unzählige Male bestätigt, daß der Geschlagene und Wehrlose dem Sieger auf Gnade und Ungnade ausgeliefert ist.

Es sollte fast einhundert Jahre dauern, bis Rom seine Macht in Italien wieder errichtet hatte und daran denken durfte, sie weiter auszubauen. Bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts etwa mußte Italien immer wieder keltische Invasionen über sich ergehen lassen. Bei der ersten großen, in deren Verlauf unter Brennus auch Rom erobert wurde, hatten die Gallier die mehr nach der Küste zu gelegenen etruskischen Städte nicht angegriffen, und die Etrusker hatten sich zunächst neutral verhalten. Diese Neutralität ließ sich zwischen zwei großen Mächten, von denen zunächst die Gallier, dann aber auch die Römer eine aggressive Politik führten, nicht aufrechterhalten. Erbarmungslos griffen die Kelten eine etruskische Stadt nach der anderen an und vernichteten sie.

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»Wie die Dinge sich zugetragen haben, kann man am Beispiel von Marzabotto, einem Städtchen südlich von Bologna, gut beobachten: Infolge eines keltischen Angriffs hat um 350 das Leben hier plötzlich aufgehört. Inmitten der Trümmer von niedergebrannten Häusern und Tempeln fand man viele Skelette und eine beträchtliche Menge von etruskischen und keltischen Waffen.«97 Schon in so früher Zeit ließ sich Neutralität zwischen zwei aggressiven großen Mächten nicht aufrechterhalten.

Allerdings haben sich die Kelten mit der Zerstörung der etruskischen Stadtstaaten, die als Verbündete wertvolle Dienste hätten leisten können, einen Bärendienst erwiesen. Diese Vernichtungen trugen dazu bei, daß sich später Rom in Nord- und Mittelitalien entfalten konnte. In dem dreijährigen Krieg zwischen 285 und 282 v.Chr. sicherte sich Rom durch den Sieg über die keltischen Senonen die Herrschaft in Mittelitalien. Ein knappes Jahrhundert später, im Jahr 218 v.Chr., setzten die Kelten wiederum auf die falsche Karte und verbündeten sich im Zweiten Punischen Krieg mit dem in Oberitalien eingefallenen Hannibal. In der Schlacht von Cannae am 2. August 216, in der das römische Heer die schwerste Niederlage seiner Geschichte erlebte, hielten Kelten im Zentrum der karthagischen Schlachtordnung mit mehr als bewundernswerter Tapferkeit dem Druck der unsinnig tief gestaffelten 86.000 Römer stand, ermöglichten so deren Überflügelung und schließliche Vernichtung. Diese Schlacht wurde am Flüßchen Aufidus, unweit des uraltheiligen Gebietes um den Monte Gargano geschlagen. Sollte auch diese Nähe für die Wahl des Schlachtfeldes ausschlaggebend gewesen sein?

Diese erste große Vernichtungsschlacht der Weltgeschichte hat modernen Feldherren immer wieder als Vorbild gedient. Im Großen Generalstab des Kaiserlichen Heeres des Zweiten Deutschen Reiches wurde die Vernichtungsschlacht im Sinn von Cannae durch Graf Schlieffen fast zum Dogma erhoben.

Die schließliche Niederlage Karthagos führte dann auch zur Unterwerfung der Kelten in Oberitalien, zur Eroberung der keltischen Hochburg Numantia in Spanien, die zugleich religiöses Zentrum war und nur durch die Evocatio, die Herausrufung der Götter, genommen werden konnte, und zur endgültigen Niederwerfung der keltischen Stämme fast genau ein Jahrhundert später in Gallien.

Noch im 2. Jahrhundert v. Chr. griff Rom nach Westen über das Gebiet des heutigen Italien hinaus und schuf die Gallia Narbonensis. Besonders erbittert verteidigten die dort wohnenden keltischen oder keltisch-ligurischen Stämme ihre Heiligtümer. Doch gerade auf die hatte es Rom abgesehen. Unter anderem eroberten und zerstörten die Römer das Oppidum von Entremont und das von Toulouse; wie stets raubten sie vor allem die Tempelschätze.

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Als Julius Cäsar zur Eroberung Galliens aufbrach, hatte er sich auf diese Aufgabe seit langem vorbereitet. Schon von seinem Lehrer, dem gallischen Sklaven Gnipho, war er gründlich über die Kelten unterrichtet worden. Später stand ihm der verräterische Vergobret und Druide Diviciacus, der Häduer, zur Seite. Sich in die Vorstellungswelt der Druiden einzuleben, fiel ihm um so leichter, als er selbst Priester, Flamen Dialis, und später Pontifex Maximus war. So wußte er genau, daß er Gallien nur erobern konnte, wenn er die Druiden besiegte. Er legte seinen Feldzugsplan so an, daß er in einer großen, ausholenden Bewegung an der Ostgrenze entlang, nach Norden vorgehend, nach Westen und schließlich nach Süden vorstieß. Dabei zwang er die einzelnen keltischen Stämme, sich jeweils vor ihrem größten Heiligtum zur Entscheidungs­schlacht zu stellen, wodurch ihr Charakter als Gottesurteil betont wurde.

Wie gesagt, es befanden sich die Heiligtümer der Stämme zumeist in den großen Oppida, nur selten im freien Gelände. Vor dem Golf von Morbihan und mit Blick auf die Steinsetzungen von Carnac schlug er die gallische Flotte. Bei diesem Vorgehen ließ er vorläufig zwei Orte aus: Alesia, im Herzen Frankreichs, und das größte Heiligtum bei Carnutum, dem heutigen Chartres, wo die Virgo paritura verehrt und der Oberdruide gewählt wurde.

Wir dürfen wohl annehmen, daß er dies bewußt tat, um nicht von Anfang an durch sein Vorgehen die in sich uneinigen Stämme gegen sich zu vereinigen. Dann jedoch wählten die Druiden Vercingetorix zum gallischen König und übertrugen ihm das Heil aller keltischen Stämme des heutigen Frankreich und Süddeutschland. Bei Gergovia, angesichts des Puy de Dome mit der Säule des Kriegsgottes Camulus, gelang es Vercingetorix zum ersten Mal, Cäsar zu besiegen. Ganz Gallien befand sich im Aufruhr. Da aber beging Vercingetorix nach einer verlorenen Reiterschlacht den Fehler, sich in Alesia einschließen zu lassen und dort die Entscheidung zu suchen. Alesia, das heutige Alise-Ste.-Reine, in der Nähe Dijons gelegen, wird von Rudolf Steiner als ein riesiger Cromlech geschildert.98

Auf jeden Fall war es eine sehr große Lehranstalt, an der Zehntausende von Europäern studierten.99 Diodorus Sicolus berichtete kurz nach dem Gallischen Krieg in seiner »Weltgeschichte« darüber und erklärte, Herakles habe bei seiner Eheschließung mit einer keltischen Königstochter Alesia gegründet. So seien die Kelten entstanden. Gerade diese Stammsage um Herakles, dessen zwölf Taten als Sohn des Zeus und der Alkmene einen Einweihungsgang beschreiben, weist auf die eigentliche Aufgabe Alesias hin.

An der Tatsache, daß Alesia Druiden-»Universität« und das Oppidum war, in dem Vercingetorix schließlich ausgehungert wurde, gibt es keinen Zweifel. Aber seit langem streitet man darum, ob dieses Alise-Ste.-Reine auch das wirkliche Alesia ist. Es gab nämlich noch ein zweites Alesia, das beim heutigen Dorf Alaise an der französisch-schweizerischen Grenze im Jura lag.

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Dort, mitten im Herzen des Urkeltenlandes, liegen noch heute der Goldberg, der Silberberg, eine riesige Nekropole ganz in der Nähe, Orte, die der Jungfrau Maria geweiht sind, und vieles andere mehr, alles mitten in trostloser Einöde. Dorthin, so nehmen wir an, konnte sich nach der Eroberung Alesias bei Dijon das esoterische Druidentum zurückziehen, und dort begann die Suche nach dem Gral, nach jenem großen Geheimnis, das die esoterischen Druiden für das Mittelalter bewahrten, wie es Rudolf Steiner in seinen Aussagen über Parzival schildert. So vernichtete Cäsar zwar das exoterische Druidentum durch seine Feldzüge, aber hinderte er ungewollt auch die gallischen Kelten daran, ihr eigenes esoterisches Wissen weiter dem Verfall preiszugeben. In der Verborgenheit des französisch-schweizerischen Jura konnte das Wissen von der geistigen Welt, das durch das Grals-Christentum gestärkt und geläutert wurde, weiter gepflegt werden.

Nach der Eroberung Alesias im Jahr 52 v.Chr. zog Cäsar noch einmal nach Norden und ließ den Gutuater im Land der Carnuten in Chartres hinrichten. Aber den heiligen, der Virgo pantura geweihten Ort vermochte er nicht zu vernichten. Er wurde im Hochmittelalter zum Kern der Schule von Chartres.

Im übrigen schleppte Cäsar den Vercingetorix, der sich ihm in einer großmütigen Geste vor Alesia ergeben hatte, bis zum Jahr 46 v.Chr. von Feldlager zu Feldlager mit sich herum und ließ ihn erst nach seinem Triumph in Rom hinrichten. Auch hier ist wieder das Einwirken religiöser Gedanken auf die Kriegführung zu erkennen. Der Inhaber des gallischen Königsheils, Vercingetorix, durfte, von Cäsar aus gesehen, aus politischen Gründen erst getötet werden, nachdem für die Gallier keine praktische Möglichkeit mehr bestand, ihr Königsheil auf einen anderen zu übertragen — wie das sonst beim Königsopfer eines unglücklich kämpfenden Königs geschehen ist.

Während des Jahrhunderts, in das die Christgeburt fiel, versuchte Rom, und vornehmlich Cäsar, die entscheidenden Vernichtungsschläge gegen die wichtigsten Mysterienstätten der Erde zu führen (s. Fig. 4). Dies gelang Cäsar und seinen Nachfolgern vor allem durch die rücksichtslose Verfolgung und Vernichtung des Druidentums. An die Stelle des alten Zentralheiligtums der gallischen Stämme in Alesia setzte Augustus ein neues Heiligtum in Lugdunum, dem heutigen Lyon, wo aber in erster Linie nicht mehr die hohen gallischen Götter, sondern die Roma und ihr vergöttlichter Cäsar verehrt werden mußten. Durch die römischen Eroberungen war der gesamte Süden, Osten und Westen Europas römisch-lateinisch geworden. Im Lauf weniger Jahrhunderte verschwanden die Kelten aus der Geschichte, mit Ausnahme weniger Reste in Schottland und Irland. Rom hat das geistige Leben, das in den keltischen Ländern und auch in Griechenland geherrscht hatte, zerschlagen und veräußerlicht; es sollte später auch das Christentum mit seiner Papstkirche veräußerlichen.

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Das Streben nach Macht hat die Römer, wie wir noch sehen werden, dazu verleitet, ihr spirituelles Wissen, das sie wie alle Völker des Altertums in ihren Mysterien besaßen, zu mißbrauchen. Und dennoch erfüllten sie damit und vor allem mit ihren Kriegen einen höheren geistigen Zweck: Nur so war die Ausbildung der Verstandesseele möglich.

Die Bewußtseinslage der Kelten dagegen entsprach noch ganz dem Zustand der Gemütsseele. Dies zeigt auch ihre Kampfweise im Vergleich zu derjenigen der Römer, auf deren Taktik wir weiter unten eingehen. Die Kelten kämpften, wenn man überhaupt einen Vergleich anstellen will, nur graduell fortgeschrittener als die Griechen Homers in der »Ilias«. Besonders deutlich zeigt sich das bei Cäsars Vorstoß nach Britannien. Allgemein wird angenommen, daß er dies unternahm, um die britischen Kelten davon abzuhalten, Verstärkung nach Gallien zu schicken, wie sie das schon des öfteren getan hatten. Aber wäre es nicht auch möglich, daß er zudem, aus seinem Bestreben, die Druiden zu vernichten, jene große Lehranstalt auf den Britischen Inseln suchte, von der er selbst in seinen »Kommentaren zum Gallischen Krieg« sprach? 

Die Keltenstämme auf den Britischen Inseln besaßen noch, wie die Griechen vor Troja, Streitwagen, von denen aus ihr Adel äußerst geschickt zu kämpfen verstand. 

Doch war die Wirkung dieser Waffe den Römern gegenüber gering, gegen deren moderne Taktik die Streitwagen keine Chancen mehr hatten. Auch die Festlandkelten hatten längst auf die Streitwagen verzichtet und dafür eine Adelsreiterei aufgebaut. So tapfer sie sich auch schlug, den germanischen Reitern in Cäsars Heer war sie nicht gewachsen, selbst wenn sie, wie 52 v.Chr. bei Alesia, über eine erdrückende Überlegenheit verfügte.

Keltische Söldner in fremden Diensten kämpften meist nach Art der griechischen Phalanx. 

Doch waren ihre Reihen nicht so dicht geschlossen wie die der Griechen, da die Hauptwaffe der Kelten das Langschwert war und man für dessen Handhabung Raum brauchte. Die langen Schwerter hatten nur den Nachteil, daß sie sich aufgrund der mangelhaften Härtung im Kampf nach einiger Zeit verbogen und wieder gerade gerichtet werden mußten. Das war natürlich der Augenblick äußerster Schwäche für den keltischen Krieger.

Während des Gallischen Krieges kämpfte das gallische Fußvolk vermutlich in Gevierthaufen. An der Spitze eines solchen Haufens focht ein Adliger oder Fürst mit seinen Gefolgsleuten, den Solduriern. Den Rest des Gewalthaufens bildeten die Hörigen, die Klienten. 

Diese Formation hatte schwere Nachteile. Da es keine strenge militärische Disziplin wie etwa bei den Römern gab, hielten die Gewalthaufen der Gallier nur aufgrund der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Kämpfer von ihren Führern zusammen. Das reichte aber nicht aus, um ihnen in Krisenlagen die notwendige Solidarität zu verleihen.

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Fig. 4 :  Das Römische Weltreich seit Kaiser Augustus und die Eroberung Galliens durch Cäsar (58-51 v.Chr.)  

So hat das gallische Fußvolk während des Feldzugs gegen Cäsar auch fast überall versagt. Eine rühmliche Ausnahme waren nur die belgischen und linksrheinischen germanischen Stämme, deren Gewalthaufen durch Blutsbande zusammengehalten wurden. 

Das beste Beispiel für das Versagen des gallischen Fußvolkes, selbst bei überwältigender zahlenmäßiger Überlegenheit, ist der Entsatzangriff der zu Hilfe geeilten gallischen Fußtruppenmassen vor Alesia. 

Obwohl man gewöhnlich bei Cäsars Zahlenangaben äußerste Vorsicht walten lassen muß, wie bei allen römischen Zahlen­angaben, dürfte die Stärke des Entsatzheeres mit 250.000 Mann nicht allzusehr übertrieben sein. Sonst zählten die Römer bei ihren Feinden meist den gesamten Troß mit, während sie für die eigene Truppenstärke nur die Zahl der Legionen angaben, die Hilfstruppen, die aber fast immer genauso stark waren wie die Legionen, einfach verschwiegen, vom Troß ganz abgesehen. In den meisten Fällen waren römische Heere ihren Feinden zahlenmäßig etwa gleichgestellt, wenn nicht gar leicht überlegen.100

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