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Hegemonial- und Unabhängigkeitskriege 

  Anmerk   Souveräne  

 

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Die weitere Ausprägung des Nationalismus und die Entwicklung und Emanzipation der Persönlichkeit in England und Frankreich bildeten die wichtigsten Ergebnisse dieses vornehmlich auf deutschem Boden ausgetragenen Krieges. In Frankreich sollte diese Entwicklung die Richtung auf den Einzelnen hin nehmen, in England dagegen die Richtung auf die Menschheit. 

»Frankreich verändert das Nationale innerhalb des Nationalstaates so, daß es hintendiert zur Umänderung des Menschen in sich, daß es darauf hintendiert, den Menschen zu etwas andrem zu machen. In England nimmt aus dem Nationalen heraus das Persönliche den Charakter an, daß es sich hineintragen will in alle Welt, daß es die ganze Welt so machen will, daß überall die Persönlichkeit aufwächst. Der Franzose will mehr zum Erzieher des Persönlichen in der Seele werden, der Engländer will zum Kolonisator der ganzen Menschheit werden mit Bezug auf die Einpflanzung der Persönlichkeit. Zwei ganz verschiedene Richtungen; der Mutterboden ist das Nationale. Einmal schlägt es nach der Seele, nach innen, das andere Mal schlägt es nach außen, nach der Seele der Menschheit. So daß wir zwei parallelgehende Strömungen haben in Frankreich und in England mit zwei sehr stark sich unterscheidenden Nuancen. Daher konnte auch nur in Frankreich, wo das Innere der Persönlichkeit ergriffen wurde, das Gebilde, das sich da jetzt... entwickelte, über Ludwig den xiv. und so weiter dann zur Revolution hinführen. In England führte es zum ruhigen Liberalismus, weil es sich nach außen entlud, in Frankreich nach innen, nach dem Innern des Menschen.«211

Der schon erwähnte Gegensatz zwischen den germanischen, vornehmlich angelsächsischen Völkern und den romanischen drückte sich in den Kriegen aus, die England um Seeherrschaft und Kolonialbesitz zunächst gegen Spanien und dann gegen Frankreich führte. Ohne diese Kriege hätte die Ablösung der eine lateinische Sprache sprechenden Völker durch die in der fünften nachatlantischen Epoche führenden angelsächsischen Völker nicht erfolgen können. 

Wiederum wird die Geschichte zeigen, daß große und entscheidende Veränderungen, solange die Menschheit so ist, wie sie sich im Augenblick darstellt, allem durch Anwendung militärischer Gewalt durchgeführt wurden, denn das Alte gibt nicht ohne Einsatz auch der letzten möglichen Mittel auf und das Neue kann sich nicht ohne Anwendung gleicher Mittel durchsetzen.


Bevor wir uns wieder dem Geschehen im Westen zuwenden, muß auf Ereignisse im Osten, im heutigen Rußland, eingegangen werden, die für unsere Epoche des Atomzeitalters von entscheidender Bedeutung werden sollten.

Iwan III. (1440-1505) war es gelungen, das Tartarenjoch völlig abzuschütteln. Er war mit einer byzantin­ischen Kaisertochter verheiratet und nannte sich als erster »Selbstherrscher von ganz Rußland« (Zar). Mit Hilfe der adligen Kriegerkaste, der Bojaren, wandelte er das Moskowiterreich in einen nationalen Einheitsstaat um.

Sein Enkel Iwan Grosnyj übernahm als 17jähriger 1547 die Regierung. Im Deutschen nennt man ihn meist Iwan den Schrecklichen, obwohl das Wort grosnyj neben der Bedeutung von »schrecklich« auch einen durchaus positiven Sinn hat.

Als die Tartarenmacht in Kasan immer mehr verfiel, nutzte er die sich ihm bietende Gelegenheit, eroberte 1552 die Stadt und bezog das ganze Gebiet an der mittleren Wolga seinem Reich ein. Um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, griff er auf die seit Jahrhunderten in Rußland bewährte Methode der Zwangs­umsiedlung zurück. 

Er begnügte sich aber nicht mit dieser Eroberung, sondern stieß längs der Wolga in das ehemalige Zentral­gebiet der Goldenen Horde vor. So fiel das ganze Gebiet der unteren Wolga bis nach Astrachan hin bis zum Jahr 1556 an das Russische Reich. Das Moskowitische Reich wurde dadurch zu einem der größten Territorialstaaten und besaß die wichtigsten Verkehrs- und Handelsstraßen nach den großen orientalischen Reichen. Gleichzeitig wurde sein Staat damit zu einem Vielvölkerstaat unter großrussischer Herrschaft. 

Infolge dieser Eroberungen wanderte die Bevölkerung aus dem Norden wieder in den Süden ein, daraufhin auch in den Südosten und drang allmählich aus dem Waldgebiet in die Steppenzone vor. Gleichzeitig besiedelten russische Bauern das Dnjeprbecken, wobei es sich vornehmlich um Ukrainer aus Polen handelte. Trotz wiederholter Vorstöße der Krimtartaren, die bis nach Moskau gelangten, wurde schließlich die Einbeziehung des Wolgabeckens Voraussetzung für die noch unter Grosnyj einsetzende und später gigantische Ausmaße annehmende Eroberung und Erschließung Sibiriens. Da bereits Iwan in. das ehemalige Nowgoroder Gebiet seinem Reich eingegliedert hatte, konnte nun der Vorstoß nach Asien viel weiter nördlich, über die Kama hinaus bis zum Ural, und dann wieder nach Süden hinab bis ins Strombecken des Tobolj, Irtysch und Ob fortgeführt werden.

Eine weitere Voraussetzung für diese die Welt verändernde Eroberung war durch die Kosaken gegeben. Sie waren entstanden, als die Osten und Westen her gleichermaßen bedroht war. Litauer und Mongolen hatten den größten Teil des Landes unterjocht, und die eigene russische Oberschicht unterdrückte nach mongolischem Muster das niedere Volk. Um sich diesen Verhältnissen zu entziehen, flüchteten Kleinrussen und später auch Großrussen in das »Feld«, d.h. in die herrenlosen Landstriche, die zwischen den Gebieten der Polen, Tartaren und Mongolen lagen, und lebten dort in einer schrankenlosen, fast anarchischen Freiheit.

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Viele haben diese Kosaken mit einem Ritterorden verglichen, ja sie bezeichneten sich manchmal selbst als Ritter. Aber das ist falsch. Schon ihre Lebensführung war mit dem ritterlichen Ideal unvereinbar. Nur in der Organisation und in der Verpflichtung zur Verteidigung des orthodoxen Glaubens gegen Christen und Nichtchristen gibt es eine entfernte Ähnlichkeit. Letztere Aufgabe machte die Kosaken vor allem zu Hütern der russischen Grenze im Südosten sowie zu Verbreitern des orthodoxen Glaubens. Doch gelang es den Großfürsten bzw. Zaren erst nach langen und wechselvollen Kämpfen, sie planmäßig zur Verteidigung des Reiches einzusetzen. Diese Kämpfe setzten natürlich eine Kriegsgliederung der Kosaken voraus. Dazu wählten sie sich ihren Ataman oder Hetman, der die Stelle eines Heerführers einnahm, sowie die verschiedenen Hundertschaftsführer. 

Die bekanntesten Kosaken dürften wohl die Donkosaken sein, die das »Große Heer vom Don« gebildet hatten und 1551 zum ersten Mal wegen ihrer ständigen Angriffe auf die den Nogaischen Tartaren gehörende Stadt Asów in einem Brief des Sultans an den Chan erwähnt werden. 1570 hat Iwan IV. GROSNY das Bestehen des Kosakenheeres offiziell anerkannt und sein Verhältnis zu ihm auf eine vertragliche Basis gestellt. Doch gab es auch danach noch Schwierigkeiten, so daß der Zar sogar mit Waffengewalt gegen sie vorgehen mußte. Diese vertragliche Absicherung darf durchaus als im Sinne des Zeitgeistes stehend verstanden werden. 

Anders dagegen benahm sich Iwan IV. Grosnyj selbst. Der Zar, dessen Terrormethoden und absolute Herrschafts­ansprüche weithin bekannt sind, war durchaus kein Vertreter der im übrigen Europa jener Zeit lebenden gewalttätigen und blutrünstigen Renaissancefürsten, wie sie besonders Italien kannte. Sein Gewaltherrschertum und seine Gewaltmethoden entsprangen einem tiefen Suchen nach Wahrheit, die den Russen immer wichtiger war als die Wirklichkeit. Diese Suche beruhte außerdem auf seinem unerschütterlichen und festen christlichen Glauben, zu dessen Wohl und Gedeihen er sich nicht scheute, Tausende und aber Tausende hinzurichten, zu verstümmeln oder zu deportieren. Selbst seinen Sohn ermordete er persönlich aus solchen Gründen, wie das auch Peter der Grosse später tun sollte.

 

Als der Zar mit Waffengewalt gegen die Donkosaken vorgehen mußte, floh ein versprengter Kosakenführer, Jermák Timoféjew, auf eine Aufforderung hin zu der bei Perm lebenden Kaufmannsfamilie Stróganow, der der Zar die Nutzung des sibirischen Raums gestattet hatte. Bereits im 15. Jahrhundert hatten die Stróganows an der oberen Kama riesige Gebiete erworben, dort Großhandel mit Pelzen betrieben und in großem Maßstab Salzsiedereien angelegt. Zum Schutz dieser Anlagen und dieses Gebiets gegen die in dieser Gegend lebenden wilden Stämme hatten sie Kosaken angeworben. Im Jahr 1558 bestätigte ihnen der Zar diesen gewaltigen Besitz, dessen Grenzen kaum zu bezeichnen waren, für zwanzig Jahre und gewährte ihnen das Recht, dort Klöster und Städte sowie Befestigungen anzulegen. Darüber hinaus durften sie Truppen unterhalten und Kanonen gießen. 

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Ein paar ihrer verwegenen Kosakentrupps stießen bereits in den sechziger Jahren durch ganz Sibirien hindurch bis nach Korea vor. Nur ein Jahrzehnt später besiegte Jermák Timoféjew mit einer Kosakenabteilung von nur 850 Mann das Chanat Sibirien und zerschlug es. Dieses gewaltige Gebiet wurde 1582 dem Zaren übergeben. Dieser stellte nun seinerseits die notwendige Waffenhilfe zur Verfügung, damit es befestigt und gesichert werden konnte. 

Diesem ersten Schritt zur Eroberung Sibiriens bis zum Stillen Ozean hin folgten in rascher Folge weitere, wobei 1587 Tobolsk, 1604 Tomsk, 1619 Jenissejsk, 1632 Jakutsk und 1649 Ochotsk erreicht wurden. Kurz darauf umschifften Russen zum ersten Mal das Ostkap Sibiriens und gingen später, im Jahr 1741, über die Beringstraße nach Alaska. Die russischen Zaren übernahmen somit ein Chanat nach dem anderen und traten damit das Erbe Dschingis Chans an. Das russische Reich und heutige Sowjetrußland wuchs damit immer tiefer nach Asien hinein, was nicht nur seine territorialen Auswirkungen hatte.212 

 

Diese Eroberung verschaffte Rußland eine geostrategische Stellung, die der einer Seemacht ähnelt, mit einer solchen aber nicht deckungsgleich ist. Das Unternehmen der Inbesitznahme Sibiriens lief, wie wir gesehen haben, keineswegs unblutig ab. Daß es in der Vorstellung und im Gedächtnis der Westeuropäer und Amerikaner in den Hintergrund trat, liegt vor allem daran, daß sich fast unbemerkt und außerhalb des Brennpunktes des Weltgeschehens vollzog. Dennoch läßt es sich nur mit den Taten von Cortez und Pizarro bei der Eroberung Lateinamerikas vergleichen.

 

Seit Peter dem Grossen versuchte Rußland auch, Seemacht zu werden. Beinahe sieht es so aus, als sollte der Sowjetunion dies auch gelingen, denn ihr Flottenprogramm versucht alles das nachzuholen, was in der Vergangenheit versäumt worden war. Schwierigkeiten ergeben sich aber immer noch aus der ungünstigen Lage der Häfen, die entweder an der leicht zu sperrenden Ostsee oder dem ebenfalls abzuriegelnden Schwarzen Meer liegen oder vor einem unerschlossenen Hinterland im Fall jener Häfen und Stützpunkte, von denen aus ohne Schwierigkeit der Nordatlantik und der Stille Ozean zu erreichen wären. 

Die Sowjetunion ist heute daran, dieser für sie ungünstigen Lage zu begegnen. Daher wurden im Nordwesten der Hafen Archangelsk und die Halbinsel Kola sowie weitere Häfen ausgebaut und im Osten, über die Vergrößerung und Neuerschließung von Häfen hinaus, neben der Transsibirischen Bahn eine zweite Bahnlinie. Über die Bedeutung dieser Entwicklung muß später noch gesprochen werden.

Die einer Seemacht ähnliche Stellung Rußlands aufgrund der ungeheuren Tiefe der Landmasse wurde aber eingeschränkt durch den nun im Fernen Osten auftretenden Gegensatz zu China und Japan.

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Besonders durch die Abtretung der chinesischen Küstenprovinz östlich des Ussuri im Jahr 1860, deren Rechtmäßigkeit die Volksrepublik China immer wieder bestreitet, kam es zu einer ständigen Verschärfung im Verhältnis zu der fernöstlichen Macht, die auf dem besten Weg ist, Großmacht zu werden.

 

Während die Eroberung Sibiriens durch Rußland die Voraussetzungen für weit in der Zukunft liegende Geschehnisse schuf, hatte der englisch-spanische Gegensatz seine unmittelbaren Auswirkungen auf die historischen Ereignisse, die mit dem späten 16. Jahrhundert begannen und bis in unsere Zeit und darüber hinaus reichen. Großbritannien, so sagt Rudolf Steiner einmal, verdankt seine welthistorischen Erfolge der Tatsache, »daß der Impuls der Bewußtseinsseele in das menschliche Ich hineingedrängt worden ist«.213

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Zu Anfang des 16. Jahrhunderts hatte es jedoch noch keineswegs den Anschein, als sollte die Inselmacht einmal in den Rang einer Weltmacht aufsteigen. Im Jahr 1558, dem gleichen Jahr, in dem Elisabeth i. den englischen Thron bestieg, verlor England seinen letzten Stützpunkt in Frankreich, die Festung Calais. Der zukünftige Feind Englands, Spanien, stand zur gleichen Zeit noch auf der Höhe seiner Macht, nicht zuletzt, weil seit 1580 eine Personalunion zwischen Spanien und Portugal bestand, das Herzog Alba für seinen König erobert hatte.

Um dies zu verstehen, müssen wir ein kleines Stück in der Geschichte zurückgreifen. Als 1469 Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien heirateten, bestand in Granada noch immer ein selbständiges Reich der Mauren. Das spanische Herrscherpaar aber festigte in hohem Maße die Macht seines Königtums, indem Ferdinand sich zum Großmeister der drei Ritterorden seines Landes aufschwang. Damit gewann er ein vom Adel unabhängiges stehendes Heer, das sich nicht nur aus Rittern, sondern auch aus » dienenden Brüdern« als Fußvolk zusammensetzte. Über die hohe Disziplin der Ritterorden wurde schon gesprochen. So ist es nicht verwunderlich, daß dieses Ordensheer ein äußerst zuverlässiges Instrument in der Hand seines Königs wurde und allen Söldnerheeren überlegen war, die andere Herrscher durch die Vermittlung eines Werbeherrn anwerben mußten.

Im Jahr 1492 gelang es Ferdinand und Isabella, die Mauren ganz aus Spanien zu verdrängen. Es war das Jahr, in dem Columbus Amerika wiederentdeckt hatte. Der neue Kontinent wurde im Verlauf des folgenden Jahrhunderts spanisch oder, wie im Fall Brasiliens, portugiesisch, hinzu kamen die Eroberungen in Indien und Afrika. Spanien stellte damit nicht nur eine der größten Landmächte in Europa dar, sondern hatte sich auch zu einer Seemacht entwickelt, die mit ihren Flotten die damals bekannte Welt beherrschte. Doch ungewollt entstand innerhalb des spanischen Reiches bereits ein Feind, der zur Erschütterung der Seemachtstellung führen sollte.

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Als Kaiser Karl v. als deutscher Kaiser abdankte, fielen die Niederlande, die Freigrafschaft Burgund und einige italienische Besitzungen an Philipp ii. von Spanien. Zunächst nahm die niederländische Schiffahrt am Anfang des neuen Jahrhunderts einen Aufschwung, der den der Hanse bei weitem übertraf.

Die Niederländer hatten bereits unter Karl V. den Weitertransport der überseeischen Güter von Lissabon und Cadiz über Rhein und Scheide nach Mitteleuropa und in den Ostseeraum übernommen. Die Zufuhr von Lebensmitteln und Schiffbaumaterial auf die Iberische Halbinsel lag ganz in ihrer Hand. Allmählich begannen die Niederlande, sich auch in den außereuropäischen Handel einzuschalten. Als Glieder des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation waren sie an dessen freiheitliche Verfassung gewöhnt und erfreuten sich großer, historisch gewachsener Sonderrechte.

Der Versuch Philipps II. von Spanien, ihnen diese Rechte zu nehmen, führte 1566 zum Aufstand. Die Kluft wurde durch die religiösen Gegensätze zwischen dem erzkatholischen Spanien und den Niederländern, die wenigstens in ihrem nördlichen Teil Protestanten waren, noch vergrößert. Als die Spanier 1585 Antwerpen nahmen, blühte Amsterdam als Handelszentrum für ganz Europa auf. Zehn Jahre später segelten die Niederländer bereits auf eigenen Schiffen bis nach Indien. Am Ende des 80 Jahre währenden Freiheitskampfes waren die Kräfte der Iberischen Halbinsel erschöpft und die spanische und portugiesische Seemachtstellung dahingeschwunden. Diese Ereignisse aber waren es, die England die Möglichkeit boten, sich zur neuen Seemacht aufzuschwingen und in mehrere Jahrhunderte währenden Kämpfen die Vorherrschaft der angelsächsischen Völker in der nördlichen Hemisphäre, z.T. aber auch noch in der südlichen, zu erringen und so die Macht des lateinischen Elements zu brechen. Nicht zuletzt der erwähnte Verlust von Calais führte dazu, daß England unter seiner jungen Königin Elisabeth 1. sich vom Kontinent Europa abwandte und, durch seine Insellage begünstigt, neue Interessengebiete in Übersee fand. Dazu war ein Flottenbauprogramm nötig, dessen Ausführung die Königin auch sofort einleitete.

Auf den neuen Kriegsschiffen gab es keine stolzen Vor- und Achterkastelle mehr, nur noch ein erhöhtes Achterdeck, das für die Schiffsführung erforderlich war. Die nun beinahe glatt gedeckten Schiffe mit ihrem niedrigen Freibord und einem Längen-Breiten-Verhältnis von 3:1 wurden zum Standardtyp der englischen Marine. Große, für einen Nahkampf günstige Schiffe wurden nur noch in begrenzter Zahl gebaut, um den Gegner einzuschüchtern. Auch die unhandlichen großen Kanonen verschwanden zugunsten von leichteren, den damaligen deutschen Feldschlangen vergleichbaren Vorderladern, die eine 17 Pfund schwere Kugel i/4 Meile weit schießen konnten.

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Die Schiffe waren damit nicht nur wendiger und schneller, ihre Kanonen besaßen auch eine größere Reichweite als die Schiffe ihrer Gegner.

Diese Veränderungen entsprangen nicht zuletzt einem neuen, typisch englischen Verhalten, das die Ich-Bewußtheit der Engländer widerspiegelt. Englische Kapitäne hatten es schon seit einiger Zeit vermocht, der Königin Kaperbriefe abzuringen, mit denen sie quasi als »legalisierte Seeräuber« spanische Schiffe und Kolonien selbst im Frieden angreifen konnten. Unter diesen Freibeutern zeichneten sich besonders John Hawkins und dessen Vetter Francis Drake aus. Hawkins wurde sogar Oberbefehlshaber zur See und 1577 nicht nur königlicher Schatzmeister, sondern auch Leiter der Marine. Besaß Spanien die beste Infanterie der damaligen Zeit, so standen Elisabeth die besten Seeleute zur Verfügung.2'4

Immer wieder werden wir im Verlauf der folgenden Geschichte sehen, daß in England die großen Ereignisse, die zur Weltherrschaft dieses Staates führen sollten, zunächst nicht vom Staat, sondern von privaten Einzelpersönlichkeiten eingeleitet wurden. Auch dies ist ein Symptom für die erwachende Bewußtseinsseele und die Emanzipation der Persönlichkeit, die nach außen in die Räder der Weltgeschichte eingreift, um das typisch Nationale am englischen Wesen zum Ausdruck zu bringen.

Als Francis Drake sogar spanische Schiffe und Städte entlang der ganzen südamerikanischen Westküste überfiel und ausraubte, von seiner berühmtesten Expedition mit der »Golden Hind« Gold, Silber und Juwelen im Werte von einer halben Million Pfund Sterling nach England zurückbrachte, die Königin dies auch noch mit dem Ritterschlag an Bord seines Schiffes belohnte, Sir Walter Raleigh in Nordamerika 1584 die erste englische Kolonie Virginia gründete und auch die Überfälle der übrigen englischen Freibeuter auf spanische Stützpunkte und Schiffe immer häufiger wurden, entschloß sich Philipp II. von Spanien zum Krieg.

Von spanischen Häfen aus beabsichtigte er, mit einer Armee nach England überzusetzen. Dazu mußte er jedoch Truppen aus Flandern, die dort im Kampf gegen die Niederländer standen, abziehen. Während er noch die Flotte sammelte, segelte Drake im April 1587 mit 23 Schiffen in den Hafen von Cadiz ein. Die spanischen Galeeren, die noch kurz vorher bei Lepanto einen hervorragenden Sieg errungen hatten, zeigten sich den englischen Schiffen mit ihren Breitseitbatterien nicht gewachsen. So verbrannte Drake im Hafen 33 Handelsschiffe. Der spanische Angriff aber mußte um ein Jahr verschoben werden, um eine neue Flotte auszurüsten.

Nach mehrfachen Verzögerungen traf die spanische Flotte im Juli 1588 im Ärmelkanal ein. Den Oberbefehl über die sechs Geschwader Segelschiffe, ein Geschwader Galeeren und ein Geschwader Troß-Schiffe führte Herzog Medina-Sidonia. Königin Elisabeth vertraute die Flotte Lord High Admiral Howard an, dem Drake, Hawkins und Frobisher zur Seite standen.

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Die spanische Armada umfaßte rund 130 Schiffe und 30.000 Mann Besatzung. Davon waren zwei Drittel Landsoldaten. Wie bei Lepanto verließen sich die Spanier auf ihre Stärke im Enterkampf. Die Artillerie betrachteten sie nur als Nebenwaffe; sie bestand aus einer großen Zahl Kanonen von kleinem Kaliber, die in den hohen Kastellen der Segelschiffe aufgestellt waren. Dagegen setzten die Engländer fast 200 Schiffe ein, die zum größten Teil aus kleinen bewaffneten Kauffahrern bestanden. Die Besatzung betrug 15.000 Mann, unter denen sich ein Drittel Landsoldaten befanden. Im Gegensatz zu den Spaniern besaßen die Engländer fast durchweg Segler und führten ihre Kanonen größeren Kalibers in der Breitseitaufstellung. Sobald man die Armada gesichtet hatte, lief die englische Flotte aus Plymouth aus.

Als die Spanier in einer Art zum Feind gerichteter Mondsichelform ansegeln (s. Fig. 9), umfahren die schnellen Segler der Engländer den Gegner und bringen den Schlußschiffen durch ihre Artillerie erhebliche Verluste bei. Den Enterkampf vermeiden sie. Nach der Wegnahme zweier zurückgebliebener spanischer Havaristen am 1. August, es handelt sich dabei um die größten spanischen Schiffe, munitionieren die Engländer am 2. August auf. Nach Einzelkämpfen an den beiden folgenden Tagen und nach dem Stranden eines weiteren großen spanischen Schiffes bei Le Havre wirft die Armada am 6. August vor Calais Anker.

 

 

Fig. 9   Die spanische Armada im englischen Kanal (1588) 

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Dies verschafft Howard die Gelegenheit, das englische Themse-Geschwader unter Seymour zu sich heran­zuziehen. In der folgenden Nacht unternehmen die Engländer einen Branderangriff, wozu sie acht alte Segler, mit leichtbrennbaren Stoffen beladen, anzünden und gegen die spanischen Schiffe treiben lassen. Ihre Besatzung kappt rasch die Ankertaue und sucht sich entlang der flachen Küste in Sicherheit zu bringen. Dabei laufen wiederum mehrere spanische Schiffe auf Sand.

Am 8. August liegt die spanische Flotte weit verstreut bei Gravelines. Jetzt greifen die Engländer unter Drakes Führung energisch an. Sie drängen die Spanier auf die flandrischen Sande, wobei diese schwere Verluste durch Artilleriefeuer und Strandung erleiden. Nur eine Winddrehung auf Süd ermöglicht es der spanischen Flotte, in die Nordsee zu entkommen. Während der Kämpfe im Kanal hatten sie 20 Schiffe mit rund 5000 Mann verloren. Da nun der Rückweg durch den Kanal von der englischen Flotte gesperrt, die Häfen in den Niederlanden aber in der Hand der aufständischen Holländer waren, entschloß sich Sidonia zu einer Rückfahrt um die Britischen Inseln herum. Dabei ging in heftigen Stürmen noch die Hälfte der verbliebenen Schiffe verloren. Lediglich mit 65 Schiffen und 10.000 Mann kehrte Herzog Sidonia Ende September nach Spanien zurück. Es war dies die erste Seeschlacht, die nur durch den Kampf der Artillerie entschieden wurde. Die Vormachtstellung der spanischen Flotte war seit diesem Jahr gebrochen, obwohl es noch etliche Zeit dauerte, bis Spanien endgültig niedergerungen war.

 

An dieser Schlacht ist zu sehen, daß, wie so oft, der Sieger aus der, bis dahin als gewaltigste Seeschlacht angesehenen Galeerenschlacht bei Lepanto, nämlich die Spanier, sich auf ihren Lorbeeren ausgeruht hatten. Nur zu oft sollte sich dieser Vorgang im Lauf der Kriegsgeschichte wiederholen. Für die Zeit aber war es symptomatisch, daß die Engländer den Sieg durch eine Waffe errungen hatten, die nur unter Ausnutzung aller Erkenntnisse der damaligen Naturwissenschaften hatte entwickelt werden können. Geistesgeschichtlich betrachtet, gelang es durch den Sieg über die Armada, all das zurückzudrängen, was sich von Spanien her gegen die Entwicklung der emanzipierten Persönlichkeit richtete.

Was der Sieg über die Armada einleitete, das setzte sich 1596/97 fort, als eine Koalition aus Frankreich, England und den Niederlanden Spanien bekämpfte. Mehrere spanische Flotten wurden dabei teils durch Sturm, teils von den Engländern vernichtet. Als im Jahr 1600 die berühmte englische Ostindische Handels­kompanie gegründet wurde, da entrissen Holländer, Engländer und Franzosen den Portugiesen auch das indische Handelsmonopol. Auf den Weltmeeren blieben vorläufig nur zwei Feinde übrig, die Englands Weltseestellung hätten in Frage stellen können. Es waren die Holländer und die Franzosen. Erst gegen Ende des 19. und zu Anfang des 20. Jahrhunderts kam das Deutsche Reich hinzu.

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Als Cromwell 1651 die Navigationsakte erließ, nach der der Import nach England nur auf englischen Schiffen erfolgen durfte, traf das die Niederlande am empfindlichsten. Bis dahin hatten sie nämlich 66 % der Welthandelsflotte besessen. So mußte es geradezu zu einem Seekrieg kommen, der von 1652 bis 1654 zwischen England und den Niederlanden tobte. England konnte ihn für sich entscheiden und stieg damit endgültig zur ersten See- und Kolonialmacht auf. Die Auseinandersetzung mit Frankreich sollte erst im Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 entschieden werden, und zwar vornehmlich durch die Siege Preußens auf dem europäischen Festland.

 

Neben der Ostindischen Handelskompanie entstand sehr rasch für den Handel mit der Neuen Welt die Westindische. Sie besaß bereits seit 1605 auf Barbados und seit 1646/47 auf den Bahama-Inseln Faktoreien, die den Gouverneuren auf den französischen Antillen ein Dorn im Auge sein mußten. Auf dem nordamerikanischen Kontinent gehörten Frankreich seit 1603 Kanada und seit 1682 Louisiana mit einer Reihe von Forts im gesamten Mississippigebiet bis nach New Orleans. Dagegen waren in englischer Hand seit 1584 Virginia, seit 1620 Massachusetts (durch die »Pilgerväter«), seit 1632 Maryland und ab 1664 durch Wegnahme der niederländischen Besitzungen auch New York, New Jersey und Delaware. 1683 gründete William Penn die Quäkerkolonie Pennsylvanien, und 1713 erhielt Großbritannien Neufundland und Neuschottland, wodurch sich auch im Norden der englisch-französische Gegensatz verschärfen mußte. 

Wie bereits gesagt, erfocht dann Preußen Englands Siege auf dem Kontinent. Vornehmlich diesen Siegen auf dem europäischen Festland war es zu verdanken, daß starke französische Kräfte hier gebunden wurden und nicht zur Verteidigung des Kolonialbesitzes in Amerika eingesetzt werden konnten. So gewann England im Frieden von Paris 1763, nachdem seine Waffen schließlich in Übersee gesiegt hatten, Kanada und Louisiana, das nicht mit dem heutigen Bundesstaat Louisiana zu verwechseln ist, von Frankreich sowie Florida von Spanien, das ebenfalls in den Krieg eingetreten war. Auch in Westindien wehte bald die britische Fahne über dem ehemals französischen Guadaloupe, Martinique und anderen Inseln. Selbst Kuba ging 1761 für einige Zeit von Spanien an England über. Die Errichtung des britischen Kolonialreiches in West und Ost wirkte sich in Verbindung mit der Seeherrschaft so aus, daß Großbritannien in allen späteren europäischen Kriegen den ausschlaggebenden Vorteil besaß, strategisch auf der äußeren Linie, der des Belagerers, kämpfen zu können.

Rudolf Steiner spricht ausdrücklich von diesen Ereignissen, wenn er sagt: 

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»Sie können heute ein Geschichtsbuch in die Hand nehmen und die Geschichte des Siebenjährigen Krieges lesen. ... Man muß ins Auge fassen, wie damals der südliche Teil von Mitteleuropa, Österreich, ganz in Verbindung war mit allem Lateinischen, sogar ein richtiges Bündnis mit Frankreich hatte, wie dagegen der nördliche Teil von Mitteleuropa - zunächst allerdings nicht, aber später - herangezogen worden ist von dem, das von einer gewissen Seite her eben zu der englisch sprechenden fünften nachatlantischen Rasse gemacht werden sollte.

Betrachten Sie die Bündnisse und alles dasjenige, was dazumal geschehen ist, so haben Sie den Krieg, der in Wirklichkeit geführt wurde zwischen England und Frankreich um Nordamerika und Indien. Und was in Europa geschah, ist eigentlich nur ein schwaches Spiegelbild davon. Denn vergleichen Sie alles dasjenige, was sich abgespielt hat im Großen — erweitern Sie Ihren Horizont —, dann werden Sie sehen, daß dazumal der Kampf wütete zwischen England und Frankreich, und Nordamerika und Indien spielten eben schon hinein. Es handelte sich darum, wer von diesen beiden Mächten der Gescheitere ist, die Verhältnisse so zu dirigieren, daß er dem andern die Herrschaft über Nordamerika beziehungsweise Indien abspenstig macht. Darinnen spielen große Voraussichten, darinnen spielt die Beherrschung bedeutsamer Impulse. Und wahr ist es: Der Einfluß, der von England aus in Nordamerika erzielt worden ist, der Frankreich abgewonnen worden ist, der ist auf den schlesischen Schlachtfeldern im Siebenjährigen Krieg erfochten worden«215  

Fassen wir noch einmal, bevor wir wieder zu den Angelsachsen zurückkehren, die Stellung Frankreichs ins Auge. 

Gewiß war es nicht so, daß diese Macht nach dem britischen Sieg in Übersee und auf den Ozeanen keine Rolle mehr gespielt hätte; sie behielt ja noch bis tief ins 20. Jahrhundert hinein einen großen Teil ihres gewaltigen Kolonialbesitzes. Aber Frankreich als Vertreter der romanischen Völker war dort auf die zweite Stufe der Machtpositionen zurückgedrängt worden. Es hatte auch gar nicht die großen Möglichkeiten erkannt, die in überseeischen Besitzungen für die nächsten beiden Jahrhunderte steckten. Frankreichs Blick war der einer Landmacht und blieb auf den Kontinent gerichtet. Hier wollte es seit Ludwig XIV. eine Hegemonie errichten. 

Gedanklich vorbereitet hatte diese Hegemonie bereits Maximilien de Bethune, Herzog von Sully, im Jahr 1600 mit seinem Buch »Economie Royale«. Es enthielt den Plan einer europäischen christlichen Monarchie unter Führung Frankreichs. Anstelle des alten Kaiserreiches, dessen ständische Gliederung ein Abbild der himmlischen Hierarchien sein sollte, trat nun der Plan einer neuen europäischen Gesamtmonarchie, die sich auf profane und wirtschaftlich-militärische Macht stützen sollte. Zwei Jahrhunderte lang hat Frankreich mit unterschiedlichem Erfolg versucht, eine Hegemonie über Europa zu erringen.

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Mit diesem Bestreben rief es aber stets die anderen europäischen Mächte, vor allem Großbritannien, auf den Plan, das besonders im 18. und 19. Jahrhundert das europäische Gleichgewicht nicht gestört sehen wollte und sich dafür einen Festlanddegen, im Siebenjährigen Krieg eben Preußen, suchte. Frankreich versuchte als erste Kontinentalmacht in Europa, eine Hegemonialstellung zu gewinnen, ihm folgte das Deutsche Reich zwischen 1871 und 1914 sowie zwischen 1939 und 1945. Beide Versuche scheiterten schießlich an der unbezwingbaren Position der Seemächte. Ob dem seit 1945 unternommenen Versuch der Sowjetunion das gleiche Schicksal bestimmt sein wird, bleibt abzuwarten.

 

Kehren wir nun zu den Angelsachsen zurück. Das allmähliche Bewußtwerden der Vorteile eines weltweiten Rahmens war nicht das einzige Ergebnis der Kämpfe in Übersee. Nach dem Pariser Frieden von 1763 wuchsen die Spannungen zwischen dem englischen Mutterland und den amerikanischen Kolonien durch Siedlungsverbote jenseits der Appalachen, Unterbindung des kolonialen Eigenhandels, Erhebung indirekter Steuern zum Tilgen britischer Kriegsschulden und durch andere Maßnahmen der Krone. Im Jahr 1773 stürmten als Indianer verkleidete Bostoner Bürger drei im Hafen liegende Teeschiffe und versenkten die Ladung. Die Regierung sperrte darauf den Hafen und verhängte den Ausnahmezustand.

Ein Jahr später entsandten 13 Neuenglandstaaten ihre Delegierten zum ersten Kontinentalkongreß nach Philadelphia. Dort beschlossen sie die Einstellung des Handels mit England und die Wiederherstellung der Rechtslage, wie sie vor dem Jahr 1763 bestanden hatte. Die Spannungen zwischen der Mehrheit der amerikanischen Kolonisten — aber absolut nicht aller; die Zahl der Englandtreuen, der Loyalisten, blieb bis zum Ende groß — und der britischen Regierung wuchsen ständig. Provokationen gegenüber den britischen Truppen nahmen zu, und schließlich schlitterte man nach dem sog. »Massaker von Boston«, bei dem fünf Rebellen von der nervös gewordenen Truppe erschossen wurden, am 19. April 1775 in die Gefechte bei Concord und Lexington und damit in den Revolutionskrieg.

Hier muß wieder einmal mit weithin herrschenden Vorurteilen aufgeräumt werden. Bei dem Aufstand der Kolonisten handelte es sich keineswegs um eine aus dem Augenblick geborene, spontane Reaktion gegen die Willkür der britischen Regierung und ihrer Truppen. Das Gegenteil war der Fall. Der britische Gouverneur Gage genoß wegen seiner Freundlichkeit und Nachgiebigkeit gegenüber der Bevölkerung großes Ansehen. Man liebte ihn sogar. Aber gerade seine Nachgiebigkeit und die Anweisung an seine Truppen, Provokationen zu vermeiden, führten dazu, daß die Rebellen ihre Aktivität verstärkten und auch Zaghafte sich ihnen anschlossen. Diese Beobachtung ist in der Geschichte recht häufig zu machen.

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Ludwig XVI., dessen Haupt unter der Guillotine fiel, ist dafür wohl das beste Beispiel. Auf der anderen Seite wurde die Stimmung gegen England vornehmlich von den Pfarrern, die den Kampf von der Kanzel herab predigten, und der Presse, die sich zum ersten Mal in der Geschichte aktiv in eine Revolutionsbewegung einschaltete und mit Greuelmärchen nicht sparte, heftig angeheizt. Nur so konnten sich die revolutionären Gedanken ausbreiten. Das zweite Vorurteil besteht darin, daß die Kolonisten spontan und ohne militärische Organisation zu den Waffen gegriffen und die britischen Truppen allein durch ihren revolutionären Eifer bezwungen hätten. Die Zivilbevölkerung allein hat das noth nie gekonnt. Gewiß gab es kein amerikanisches Heer, das wie die regulären Truppen jener Zeit ausgebildet gewesen wäre. Aber es gab eine Miliz, die sich in den ständigen Kriegen gegen die Indianer und Franzosen überall bewährt hatte und von kriegserfahrenen Offizieren geführt wurde. Sicher konnte sie nicht mit regulären Truppen verglichen werden, aber sie verstand es, auf ihre Weise zu kämpfen.

 

Die Geschichte der Miliz ist zugleich die Entstehungsgeschichte der Armee der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Ihr gehörten die wehrfähigen Männer der einzelnen Gemeinden an. Sie gliederten sich zumeist in Kompanien von etwa 30 Mann Stärke und in Regimenter, die eine unterschiedliche Anzahl von Kompanien umfaßten. Ihre Führer und Unterführer wählten sie sich selbst.

Daneben gab es noch eine Elitetruppe, die sog. »Minute Men«, die bei Alarm innerhalb von einer Minute kampfbereit sein mußte. Die Miliz focht nicht wie die damaligen regulären Truppen in der üblichen Lineartaktik, bei der auf offenem Feld in dünnen Linien und im Gleichschritt vorgehende Truppen unter ständigem Feuer den Feind niederkämpften, sondern als Einzelkämpfer im zerstreuten Gefecht, bei dem sie aus Deckungen heraus den Feind niederzukämpfen versuchten.

Diese Kampfweise im zerstreuten Gefecht entspricht wiederum vollkommen der Entwicklung des Menschen zur emanzipierten Einzelpersönlichkeit, die auch im Krieg aus der eigenen Verantwortung heraus dem Auftrag gemäß handelt. Im Gegensatz dazu kämpften die regulären Truppen, nach mathematischen Grundsätzen geführt, als Glieder einer Maschine, ganz im Sinne des Rationalismus, in der geschlossenen Ordnung der Lineartaktik.

Neben den »homme machine« des Lamettrie war die »armee machine« getreten. Zunächst versuchten die Führer der amerikanischen Miliz anhand von militärischer Fachliteratur, ihre Truppen nach den Vorschriften der regulären auszubilden. Die ersten Gefechte haben sie eines Besseren belehrt, denn sie konnten sich mit den regulären Truppen zunächst nicht messen. Aber auch danach suchten sie nicht nach ihnen gemäßen Formen, sondern holten sich ausländische Berater, unter ihnen General von Steuben, der ihr Heer dann nach friedenzianischem Vorbild ausbildete.

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Daß in ihren eigenen Gefechtsformen, denen des zerstreuten Gefechts, etwas Neues lag, konnten sie nicht erkennen, denn schließlich waren sie Zivilisten, die sich nie eingehend mit militärischen Theorien befaßt hatten. In der Einzelausbildung sowie im Gefechtsdienst übertraf die amerikanische Miliz die regulären britischen Truppen, denen sie auch durch die größere Kriegserfahrung überlegen waren. Nur in der Verbandsausbildung konnte sich die Miliz mit den Engländern nicht vergleichen. Im Kampf Mann gegen Mann war die Miliz somit überlegen, im geschlossenen Gefecht dagegen unterlegen. Ihr wichtigster Vorteil lag aber bei der Versorgung.

Aufgrund des Milizsystems waren Waffen und Munition in allen Gemeinden reichlich vorhanden. Sie lagerten dort, von der Regierung geliefert, in geschlossenen Depots. Die Führer der »Minute Men« und der Miliz hatten also nur dafür zu sorgen, daß die britischen Truppen diese Vorräte nicht vorzeitig sicherstellen konnten. Und das gelang fast überall. Besonders vorteilhaft stand es mit der Verpflegung, für die die Miliz auf nahezu alle Vorräte der reichen Kolonien mit ihren fast drei Millionen Einwohnern zurückgreifen konnte. Die britische Truppe mußte sich dagegen bei der ständigfeindseliger werdenden Haltung der Bevölkerung auf Requisitionen und den weiten Seeweg stützen, der noch dazu von amerikanischen Kaperschiffen und später von der französischen Flotte bedroht wurde. Es wird bisweilen behauptet, der ganze Unabhängigkeitskrieg, der bis 1783 dauerte, sei durch den Einsatz der zerstreut kämpfenden Miliz gewonnen worden. Dieses Urteil ist jedoch nicht stichhaltig. Amerika ging den Briten verloren, weil ihre Truppen den weiten Raum nicht beherrschen konnten. Der Nachschub über See war mangelhaft. Die Franzosen verstärkten die inzwischen aufgebaute reguläre Armee der Vereinigten Staaten mit aktiven Verbänden und unterstützten sie durch den Einsatz ihrer Flotte. Die Entscheidung fiel in Schlachten, die jenen des Siebenjährigen Krieges ähnelten, obwohl sie niemals sein Ausmaß und seine Heftigkeit erreichten.

Ein Wort ist noch über die damalige Bewaffnung erforderlich, über die meist ganz falsche Vorstellungen bestehen. Das von den britischen Truppen verwendete Brown-Bess-Steinschloßgewehr war auch die Hauptwaffe der Miliz. Hören wir, was ein britischer Offizier über diese Waffe zu sagen hatte: 

»Ein Soldat trifft mit seiner Muskete, falls diese nicht allzu schlecht aufgebohrt ist — was für viele jedoch zutrifft —, die Figur eines Mannes auf 80 Yards (73 m), vielleicht sogar auf 100 Yards (91 m). Aber ein Soldat muß schon sehr viel Pech haben, wenn er von einer gewöhnlichen Muskete auf 150 Yards (137m) verwundet werden sollte. Und, was das Schießen mit einer gewöhnlichen Muskete auf einen Mann in einer Entfernung von 200 Yards (182 m) anbetrifft, so kann man genauso gut auch auf den Mond feuern und dabei hoffen, sein Ziel zu treffen.«216

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Die Vereinigten Staaten von Nordamerika waren damit in das Licht der Geschichte getreten. Aber es sollte noch gut 150 Jahre dauern, bis sie ihre weltgeschichtliche Bedeutung erlangten. Die nächste Zeit galt erst einmal der Abwehr weiterer englischer Angriffe auf ihre Unabhängigkeit, der Eroberung des amerikanischen Kontinents und dem Ausbau ihrer Seemacht durch den Aufbau einer Flotte.

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Bevor wir uns der entscheidenden Wandlung des Kriegsgeschehens durch die zentrale Gestalt Napoleons und die Ereignisse der großen Französischen Revolution zuwenden, müssen noch einige Worte über das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und die Politik des Hauses Habsburg verloren werden.

Gewiß, die Rolle, die das Heilige Römische Reich spielte, war nicht mehr von weltgeschichtlicher Bedeutung. Aber ein Verdienst fällt ihm und dem Haus Habsburg zu, das für den Fortgang der europäischen Kultur im christlichen Sinne doch von Bedeutung war. Nachdem die Türken 1453 Konstantinopel erobert und ihr Reich nach Westen ausgedehnt hatten, versuchten sie immer wieder, durch einen Stoß in das Herz Europas und die Wegnahme der alten Kaiserstadt Wien, die sie als dessen Mittelpunkt ansahen, dem Christentum eine entscheidende Niederlage beizubringen und Europa möglicherweise für den Islam zu gewinnen. Zweimal belagerten sie Wien, im Jahr 1529 und 1683.

Obwohl sie im letzteren Fall auf die Unterstützung des mit ihnen verbündeten Frankreich zählen konnten, gelang es einem deutsch-polnischen Heer unter Herzog Karl von Lothringen, dessen nomineller Oberbefehlshaber aber König Johann III. Sobieski von Polen war, die belagerte Stadt zu entsetzen und die Türken entscheidend zu schlagen. Dem genialen Feldherrn Prinz Eugen von Savoyen, der im Dienst des Kaisers stand, war es dann zu verdanken, daß die Türken aus Ungarn vertrieben und hinter die Save-Donau-Linie bei Belgrad zurückgedrängt wurden. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und das Haus Habsburg hatten damit einen Verteidigungsauftrag aller Europäer erfüllt.

 

Es ist nicht auszudenken, was aus der europäischen Kultur geworden wäre, wenn das Reich und in diesem Fall auch die Bevölkerung nicht bereit gewesen wären, der Türkengefahr Herr zu werden. Der ganze Verlauf der europäischen Geschichte hätte sich noch einmal völlig gewandelt, und zwar zum Negativen hin.

Obwohl also wie im Mittelalter in den Türkenkriegen des Deutschen Reiches noch einmal der Gegensatz zwischen Christen und Heiden zum Ausbruch kam, kann von einer echten Kreuzzugsbegeisterung nicht mehr die Rede sein. Dennoch meldeten sich viele Freiwillige zu diesem Kampf: der Adel aus allen europäischen Ländern, selbst aus dem mit den Türken befreundeten Frankreich, weil er wohl die Notwendigkeit zur Abwehr des Islam erkannte, die übrigen aus christlicher Überzeugung oder weil sie ihre Heimat vor den mit barbarischer Grausamkeit vorgehenden Türken schützen wollten. Die Geistlichkeit beider Konfessionen unterstützte diese Haltung.

HEGEMONIAL- UND UNABHÄNGIGKEITSKRIEGE    304


Die Feldgeistlichen, die es seit der Einrichtung der Landsknechtsheere überall gab, predigten gegen die Türken und segneten die christlichen Waffen vor der Schlacht. Dieser Brauch hat sich z.T. bis zum Ersten Weltkrieg erhalten, und selbst im Zweiten Weltkrieg gab es auf der Seite der westlichen Alliierten noch ein Lied, das den Kampf zur Christenpflicht machte: »Onwards, Christian Soldiers«.

Vor der Schlacht pflegten die Landsknechtsheere gemeinsam zu beten, und allen ist bekannt, daß die Preußen vor der Schlacht bei Leuthen 1757 den Choral anstimmten, der dann zum »Choral von Leuthen« werden sollte. Ein Kuriosum eigener Art ist das angebliche Gebet des Alten Dessauers bei Kesselsdorf, der die Worte sprach: »Herrgott, steh uns bei in dieser Schlacht, und wenn Du schon uns nicht helfen willst, so hilf wenigstens den Kanaillen dort drüben nicht.«

Russische Soldaten hielten in den Freiheitskriegen gegen Napoleon nach der Schlacht eine feierliche Messe mit Chorälen ab. Der König von Preußen, Friedrich Wilhelm III., der dies beobachtete, fand diese Zeremonie so erhebend, daß er daraufhin den Großen Zapfenstreich in der Preußischen Armee einführte, der auf diese Weise noch heute bei deutschen Truppen gespielt wird. Dennoch sollte man diese Bräuche nicht kritiklos als Waffensegnen und -heiligung ansehen. Im wesentlichen ging es doch, zumindest nach den Freiheitskriegen, darum, dem in die Schlacht ziehenden Soldaten noch einmal Gelegenheit zur Kommunion zu bieten. Im Mittelpunkt der Handlung stand also nicht eine Partei der Kriegführenden, sondern der einzelne Soldat, der in der Schlacht in jedem Augenblick mit seinem Tod rechnen mußte.

 

Die von Oliver Cromwell (1599-1658) im Jahr 1645 aufgestellte neue britische Armee (»New Model Army«) unterschied sich ganz besonders von allen anderen Armeen des 17. Jahrhunderts durch den religiösen Geist, der in ihr herrschte. Dieser Geist war keineswegs von oben herab dem Heer künstlich aufgezwungen worden, sondern er ergab sich auf natürlichem Weg von unten her und entsprach dem Empfinden eines jeden Angehörigen der Armee.

Während in den kontinentalen Armeen Europas die Offiziere und Soldaten abends erschöpft am Lagerfeuer oder in ihren Zelten niedersanken oder sich bei jeder passenden Gelegenheit ausschweifenden Vergnügungen hingaben, sah man an den englischen Lagerfeuern predigende Hauptleute und bibellesende Korporale. Zum Abschluß des Abends klangen die Choräle der puritanischen Musketiere zum Himmel. So schuf die Religion eine innere und militärische Disziplin, wie sie damals kein anderes Heer kannte. Festzuhalten ist aber, daß der Soldat stets die religiöse Bindung suchte. Selbst Stalin griff im Zweiten Weltkrieg auf die Unterstützung der russisch-orthodoxen Kirche für seine Truppen zurück.

V. KRIEGE UM DIE FREIHEIT DER PERSON    305


Zur gleichen Zeit war auch, wie heute in der deutschen Bundeswehr, das Amt des Militärseelsorgers bei Heer und Kriegsmarine eine festgefügte Einrichtung geworden. Nur die Luftwaffe der Deutschen Wehrmacht kannte sie nicht. Darüber hinaus sollten noch in der Wehrmacht die Fahnenjunker, d.h. diejenigen, die den Offizierberuf erwählen wollten, bei ihrer Einstellung ins Heer oder in die Kriegsmarine Angehörige einer der beiden großen Konfessionen sein. 

  

  

Kriege der Souveräne 

 

Wenn wir nun die durch die Französische Revolution und Napoleon ausgelösten Ereignisse und Wandlungen im Kriegsgeschehen verstehen wollen, so müssen wir noch einmal kurz auf die Veränderungen zurückgreifen, die infolge des Dreißigjährigen Krieges und des Absolutismus auf dem Gebiet des Kriegswesens eintraten. 

Aus der Anschauung über die Zustände seiner Zeit heraus erkannte und beschrieb der Engländer Thomas Hobbes (1588-1679) im Anschluß an den Florentiner Niccolo Machiavelli in seinen Büchern »Elements of Law Natural and Political« (1639), »Elementa philosophica de cive« (1642) und »Leviathan or the Matter, Form and Authority of Government« (1651), daß die menschliche Natur ursprünglich nur von der Selbstsucht getrieben ist, um sich zu erhalten und um sich Genuß zu verschaffen.

Von der Selbstsucht schließt Hobbes auf den Naturzustand des Menschen, in dem zum Nachteil der Gemeinschaft der Krieg aller gegen alle herrscht. Um sich aus dieser fürchterlichen Zwangslage zu befreien, schließen Menschen einen Vertrag ab und unterwerfen sich einem Herrscher als Untertan, dem sie sich zu Gehorsam verpflichten. Nur so erhalten sie Schutz und die Möglichkeit zu einem menschenwürdigen Dasein. Was der Souverän tut und billigt, ist gut, alles andere verwerflich. In einem solchen Staat ist das öffentliche Gesetz das Gewissen des Bürgers. Die Furcht vor den unsichtbaren Mächten, die der Staat anerkennt, ist Religion, die Furcht vor von ihm nicht anerkannten Mächten Aberglaube. 

Sowohl der Franzose Jean Bodin als auch der Engländer Thomas Hobbes lehrten, daß ein starker unbeschränkter Wille die zerstörerische Selbstsucht des Einzelnen überwinden könne. So wurden die Strukturformen des modernen monarchischen und absolutistischen Staates theoretisch begründet und logisch entwickelt. An die Stelle der göttlichen Ordnung des Mittelalters trat eine neue gesellschaftliche, aber profane Ordnung, in der alle Kräfte zusammengefaßt und die Verwaltung zentralisiert wurde. Im Willen des absoluten Monarchen verkörperte sich der Staat.

KRIEGE DER SOUVERÄNE   306


Er lenkte das gesamte Leben der Untertanen, im Gegensatz zum Lehens-, Stände- und Volksstaat ohne weitere Kontrollorgane. Der absolute Herrscher regiert »von Gottes Gnaden«, aus göttlichem Recht. Er selbst aber ist allein Gott verantwortlich. Er schafft nicht nur politisch-militärische, sondern auch wirtschaftliche Einheit, Stärke und Unabhängigkeit. In einem solchen Staat konnte auch das Heer nichts anderes mehr sein als ein Instrument des Souveräns, das ihm allein gehörte, auf ihn verpflichtet und von ihm zur Durchsetzung seines politischen Willens und Machtanspruchs eingesetzt war. Zwischeninstanzen in Form der alten Heerführer als selbständige Kriegsunternehmer konnte es nicht mehr geben. Der Soldat trug jetzt »des Königs Rock«.

Wenn alle Menschen im Staat dem Willen des Souveräns absolut unterworfen waren, so mußte es nur logisch erscheinen, daß die Untertanen auch verpflichtet waren, in Zeiten der Gefahr Kriegsdienste zu leisten. Der Weg zur allgemeinen Wehrpflicht lag damit gedanklich von neuem frei. Sie wurde allerdings anders begründet als zur Zeit des natürlichen Wehrrechtes eines jeden Mannes und auch anders als zur Zeit, in der die allgemeine Wehrpflicht tatsächlich eingeführt wurde.

Der absolute Herrscher ging im Interesse der Volkswirtschaft seines Staates höchstens bis zur teilweisen Aushebung der Wehrfähigen. Lieber griff er auf die Werbung zurück. Konnte er sich doch diese selbstauferlegte Beschränkung leisten, weil in der Zeit des Absolutismus der Bestand des Staates und des Thrones bei kriegerischen Verwicklungen gegen christliche Völker aus Achtung vor dem Gottesgnadentum niemals bedroht waren. Dies führte zur Ausbildung der modernen europäischen Staaten, wie sie im großen und ganzen heute noch bestehen. Allerdings herrschte in England statt des absoluten Königs ein absolut regierendes Parlament, und in Rußland nahm der Absolutismus nachwesteuropäischem Muster unter Peter dem Grossen alle barbarischen Züge mit hinüber in die Neuzeit, die der Regierung jenes Landes seit der Mongolen­herrschaft anhafteten.

Staatsmänner wie Militärtheoretiker haben von Anfang an erkannt, welch ungeheure Nachteile die Kriegs­führung mit auf Zeit angeworbenen Söldnern barg. Immer wieder versuchten sie deshalb, bessere Kriegsverfassungen zu schaffen. Zunächst aber wollte das nirgendwo gelingen. Die Änderungen vollzogen sich dann auf eine Weise, die niemand vorgeschlagen hatte, die sich aus dem Ablauf der Ereignisse von selbst ergab. Es zeigte sich alsbald, daß die für eine gewisse Zeit geworbenen Söldner nicht entlassen werden konnten, weil die Armeen in den ständigen Kriegen und Bürgerkriegen dauernd benötigt wurden. Dadurch verloren sie ihren Charakter als Söldnerheere und wurden zur stehenden Armee. Dies zeigte sich zuerst bei den Spaniern, die ständig Truppen in den Niederlanden unterhalten mußten.

V. KRIEGE UM DIE FREIHEIT DER PERSON   307


Es gelang ihnen jedoch zunächst nicht, ihren Armeen den neuen Geist einzupflanzen. Dann folgten ihre Feinde, die Niederländer, von deren vorzüglichem Geist schon gesprochen wurde. Infolge des Dreißigjährigen Krieges schlossen sich ihnen die Heere der großen deutschen Länder an. England folgte endgültig erst an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert, nachdem Ansätze bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu beobachten waren. Am leichtesten ließ sich ein stehendes Heer im absolutistischen Frankreich aufstellen. Es wurde zunächst für die anderen europäischen Staaten Vorbild.

Das ganze Wesen des absolutistischen Staates verlangte es, daß der Adel alle Offiziersstellen besetzte. Die Zahl der Adligen reichte dazu jedoch nicht aus. Außerdem waren viele adlige Familien verarmt und konnten es sich nicht leisten, einen ihrer Söhne in die Armee zu schicken, wo er ein kostspieliges und aufwendiges Leben zu führen hatte, wenn er etwas gelten wollte. Um diesem Mangel abzuhelfen, griff man in den verschiedenen Staaten zu unterschiedlichen Mitteln, wobei man im wesentlichen bürgerliche Offiziere auf Zeit einsetzte. Nach einem Krieg wurden sie meist wieder aus der Armee entlassen.

 

Der Offiziersstand setzte im wesentlichen den erblichen Kriegerstand des Rittertums fort. Allerdings bestand der ganz entscheidende Unterschied darin, daß er jetzt einer scharfen Disziplin unterworfen war und seine Angehörigen nach Ermessen des Königs in der militärischen Hierarchie aufrückten. Auch der Ehrenkodex des Offiziers hatte sich zum Guten gewandelt. Dafür entstand aber nun eine schier unüberbrückbare Kluft zwischen Offizier und Mann, denn die Mannschaften wurden meist aus den untersten Schichten der Bevölkerung, z.T. sogar aus dem Gesindel, geworben. Recht oft machte man auch stattliche junge Männer betrunken und gab ihnen dann das Handgeld, womit der Vertrag zum Eintritt in das Heer verpflichtend besiegelt war. Da man diese Söldner nicht entlassen wollte, blieben sie ihr ganzes Leben über Berufssoldaten. So entsprach auch das Durchschnittsalter in den Heeren keineswegs den heutigen Vorstellungen. Es lag gewöhnlich bei Offizieren und Mannschaften zwischen 35 und 45 Jahren, während die Fahnenjunker, die zukünftigen Offiziere, z.T. kaum 12 Jahre alt waren. 

Daß die Disziplin außerordentlich streng war, wurde schon gesagt. Oftmals wurde sie nur mit dem Korporalsstock aufrecht­erhalten. Allerdings sollte man nicht vergessen, daß diese Methode der Erziehung den Anschauungen der Zeit entsprach; der Lehrer prügelte den Schüler, die Eltern ihre Kinder, der Meister den Gesellen und den Lehrling, so durfte auch der Korporal den Rekruten schlagen. Man hielt das für die beste Erziehungsmethode.

KRIEGE DER SOUVERÄNE   308


Truppen dieser Art litten besonders stark unter Desertionen. Auf dem Marsch wurden sie daher ständig von zuverlässigen Berittenen, meist Husaren, zusammengehalten, und im Gefecht durfte man sie meist nur auf freiem Feld einsetzen, wo man ihre Reihen überblicken konnte. Allerdings verlangte auch die Lineartaktik ein offenes Gefechtsfeld, auf dem man in zwei oder drei Linien vorgehend den Feind mit rollendem Feuer zum Weichen bringen konnte. Daß der Bajonettangriff die Krönung der Lineartaktik war, ist ein Märchen.

Soldaten, die nur mit dem Prügel vorwärtsgetrieben wurden, konnte man nur sehr schwer zum Bajonett­angriff bringen. Meist liefen sie davon, wenn der überlegene Feind Anstalten zum Einbruch traf. Auch war es nach der Schlacht unmöglich, den Feind zu verfolgen, weil die verfolgende Armee sonst auseinander­gelaufen wäre. Wenige Ausnahmen, wie etwa beim Nahkampf um den Kirchhof von Leuthen, bestätigen nur die Regel. Die Zeitgenossen übersahen allerdings die Tatsache, daß sich hier Landeskinder gegenüberstanden, die für ihre jeweiligen Fürsten kämpften. Hätte man nur im geringsten auf Anzeichen dieser Art geachtet, so wäre man vielleicht schon früher zur allgemeinen Wehrpflicht übergegangen.

Ganz wesentlich hingen die Bewegungen der Truppen des späten 17. und gesamten 18. Jahrhunderts von der Versorgung ab. Je besser die Versorgung war, um so größer war auch der innere Zusammenhalt der Heere. Auch für die Art der Versorgung bildete Frankreich zunächst das Vorbild. Friedrich dem Grossen gelang es, dieses Versorgungswesen dann beträchtlich zu verbessern. Das französische Heer versorgte sich aus Magazinen, in denen schon zu Friedenszeiten alle wesentlichen Versorgungsgüter wie Bekleidung, Verpflegung, Bewaffnung bereitgestellt wurden. 

Wie aber war es zu dieser Einrichtung gekommen? Seit das römische Versorgungssystem der Antike zusammengebrochen war, hatten sich alle Heere durch Requisitionen und freien Ankauf im Land, aber auch durch fürchterliche Plünderungen versorgt. Während dieser ganzen Zeit bestanden jedoch die Heere aus Männern, die freiwillig zum Broterwerb oder zur Erfüllung der als selbstverständlich angesehenen Lehenspflicht die Waffen ergriffen hatten. Jetzt aber gab es eine sehr große Anzahl von Soldaten, die zu den Waffen gepreßt worden waren und denen die militärische Disziplin als eine Last erschien. Sie benutzten, wie gesagt, jede Gelegenheit zum Desertieren, und die beste bot sich eben beim Requirieren in kleinen, schlecht zu überwachenden Streifkommandos. Außerdem wollte man verhindern, daß die eigene Bevölkerung durch marschierende Heere wirtschaftlich schwer geschädigt wurde. Was lag also näher, als Verpflegungsmagazine einzurichten, zumal der dazu nötige Beamtenapparat nun überall zur Verfügung stand.

In den niederländischen Kriegen Ludwigs XIV. bildete sich unter Louvois ein Bewegungsschema des Heeres heraus, das sich auf die neu angelegten Magazine stützte. Grundsätzlich sollte sich ein Heer nicht weiter als fünf Tagesmärsche von seinen Magazinen entfernen.

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Die Zahl 5 ergab sich dabei aus der praktischen Erfahrung. Auf etwa halber Entfernung zwischen dem Magazin und der operierenden Armee befand sich die Feldbäckerei. Meist waren es vom Magazin bis dorthin drei Tagesmärsche und von der Bäckerei bis zur Truppe noch einmal zwei. Die Verpflegungstrosse fuhren voll beladen in zwei Tagen zur Truppe, brauchten dort zum Abladen und zum Ausruhen der Pferde einen Tag und kehrten dann wieder zur Feldbäckerei zurück. Inzwischen war neues Mehl dort eingetroffen und frisches Brot gebacken worden. Der Fünf-Tage-Turnus konnte sich nun wiederholen.

Da sich das Brot nun tagelang hielt, war immer noch ein gewisser Spielraum vorhanden, falls Pannen eintraten. Pannen kamen allerdings verhältnismäßig häufig vor, weil es zu jener Zeit in ganz Europa noch keinerlei feste Straßen gab. Dennoch war bei strikter Einhaltung des Fünf-Märsche-Systems die Verpflegung des Heeres gesichert. Sollten die Truppen weiter vorgehen, so wurde zunächst ein neues, entsprechend vorgeschobenes Magazin angelegt. Dann folgte die Bäckerei, und zum Schluß setzte sich auch das Heer nach vorne in Bewegung.

Es ist verständlich, daß der Gesamtkriegsführung auf diese Weise beträchtliche Fesseln angelegt wurden. Man begnügte sich deshalb auch mit der Wegnahme von Grenzprovinzen und ihrer Festungen und stieß nur weiter vor, um dem Feind, wie etwa durch die Verwüstung der Pfalz durch die Franzosen, wirtschaftlichen Schaden zuzufügen und ihn dadurch zur Erfüllung des eigenen Willens zu zwingen. Zu einem Marsch etwa der Franzosen auf Wien wäre ein solches Heer anfangs auf keinen Fall in der Lage gewesen. Die Frage, ob man denn das Heer nicht entsprechend hätte verstärken können, erübrigt sich, weil damals kein europäisches Land aufgrund seiner Bevölkerungszahl und Wirtschaftsstruktur zu höheren Leistungen befähigt gewesen wäre, ohne sich selbst zu ruinieren. Dennoch hat z.B. Frankreich alles erreicht, was es politisch anstrebte. Allerdings verhalf ihm dazu auch seine hervorragende Diplomatie.

Aus all dem ist ersichtlich, daß diesen Söldnerheeren des späten 17. und gesamten 18.Jahrhunderts enge Grenzen in bezug auf die Reichweite der Operationen gesetzt waren. Der Krieg war längst nichts anderes mehr als ein Rechtsstreit zwischen zwei Fürsten um die eine oder andere Grenzprovinz oder Grenzstadt. Er war lediglich die ultima, ratio der Könige und wurde schließlich sogar, wie man sagte, zu ihrem »Zeitvertreib«. Friedrich der Grosse drückte sich sogar dahingehend aus, daß der Bürger es nicht merken sollte, wenn sein König Krieg führte. Da es sich aber im Krieg immer nur um den Besitz der einen oder anderen Stadt oder Provinz handelte, wurde eine Unmenge Festungen gebaut, die gerade die Wegnahme solcher Grenzstädte verhindern sollten. Auch darin war Frankreich vorbildlich, das auch den genialsten Festungsbauer der damaligen Zeit, Vauban, besaß.

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Typisch für das strategische Denken ist es, daß man sogar Zeiten berechnete, nach deren Verlauf sich ein Festungskommandant ergeben durfte, ohne seine Ehre zu verlieren. Alles wurde im Sinne des Rationalismus nach mathematischen Formeln berechnet und durchgeführt, so daß die Kriegskunst allmählich intellektuell erstarrte. Hielt ein genialer Feldherr wie Friedrich der Grosse sich nicht an diese Regeln, so bedauerte er doch wenigstens in seinen Schriften, daß er dazu nicht in der Lage gewesen sei, und bewunderte Feldherren, die sich nach den vermeintlich überlegenen Regeln der Strategie verhielten.

Dennoch darf nicht übersehen werden, daß zwei Kriege dieses Zeitraums, der Spanische Erbfolgekrieg von 1701-1714 und der Siebenjährige Krieg von 1756-1763, echte Weltkriege waren. Zwar kannte man dabei keine zusammenhängenden Fronten, denn die Heere wären für solche Operationen viel zu klein gewesen. Aber es wurde in allen Teilen Mittel- und Westeuropas sowie Nordamerikas und Indiens gekämpft. Dabei fiel die Entscheidung immer zugunsten der Seemacht England aus. Sie erreichte ihre Ziele unter Zuhilfenahme von »Festlandsdegen« mit dem geringstmöglichen Aufwand und Verlust an eigenen Kräften und Mitteln. Die geostrategische Lage verlieh ihr Unangreifbarkeit. Obwohl die Entscheidungen seit Beginn der Neuzeit stets in Europa fielen, begannen die Stützpfeiler der Macht sich immer weiter von Europa nach Übersee zu verlagern.

In bezug auf die Frage der Wehrhaftigkeit oder Wehrlosigkeit eines Staates vermag uns noch das Schicksal Polens im 18. Jahrhundert einen Hinweis zu geben. Die in jenem Lande herrschende Anarchie bei der Königswahl nach dem Aussterben der Jagelionen und die selbst für die damalige Zeit unerträglichen sozialen Verhältnisse führten zu den drei Teilungen 1772 (Preußen, Österreich und Rußland), 1793 (Preußen und Rußland) und 1795 (Preußen, Österreich und Rußland). Den drei daran beteiligten großen Militärmächten war das schwache und rückständige polnische Heer nicht gewachsen. Als Staat hörte Polen wegen seiner Wehrlosigkeit bis nach dem Ersten Weltkrieg auf zu bestehen. 

Lediglich der außerordentlich starke Nationalismus hat das polnische Volk befähigt, unter besonders günstigen außenpolitischen Umständen einen neuen Staat zu gründen. Der Nationalismus hinderte es aber auch daran, sich in einer Zeit, in der es wiederum um Leben und Tod ging, nämlich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, zunächst an eine der beiden großen, ihm benachbarten Militärmächte zu seinem eigenen Schutz anzulehnen. An Neutralität, die es in dieser Lage bestimmt nicht hätte bewahren können, hat es allerdings niemals gedacht.

Das 18. Jahrhundert zeigt uns den Krieg als bitteres und blutiges intellektuelles Spiel. Von solchem reinen Spiel zum Materialismus ist es nur ein winziger Schritt. 

Er begann mit den Heeren der Französischen Revolution und zeigte zunächst das Bild von scheinbar idealistischen und von Begeisterung durchdrungenen Massen, die sich jedoch schon mit ihrer Parole »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« einer materialistischen Illusion hingaben, indem sie diese geistig gemeinten Forderungen des Saint-Simon auf der praktischen, tagespolitischen Ebene verwirklichen wollten, während doch Freiheit nur im kulturell-geistigen Bereich, Gleichheit nur im juristischen und Brüderlichkeit nur im wirtschaftlichen Bereich zu erreichen sind. 

Wie aber kam es zu dieser Entwicklung, und weshalb wurden die glänzenden Heere des 18. Jahrhunderts, vor allem die preußische Armee, deren Kriegstüchtigkeit nach den Anschauungen der Zeit nicht in Zweifel gezogen werden konnte, beinahe beim ersten Ansturm von den Schlachtfeldern gefegt? 

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