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Die souveräne Person in der Nation  

   Französische Revolution, Napoleon    

   Anmerk 

 

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In keinem Land Europas hatte der Absolutismus in seiner Entartung zu so fürchterlichen Auswüchsen geführt wie im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Aber auch in keinem anderen damaligen Staat war das Wissen um die Notwendigkeit von Reformen verbreiteter als in diesem kulturell führenden Land. Ständige Finanzkrisen sowie das Elend der leibeigenen Bauern und kleinen Handwerker erschütterten die in humanitären Gedanken aufgewachsenen, geistig regen Schichten des Adel, des Klerus und der gebildeten Bürger. Von ihnen allein konnten Veränderungen erwartet werden.

Zum ersten Mal in der Geschichte trat eine neue Kraft auf, die auch die folgenden Jahrhunderte beherrschen sollte: die öffentliche Meinung. Sie bildete sich in den schon seit dem 17. Jahrhundert bestehenden Salons, in denen sich die führenden Köpfe des Landes jetzt zu philosophischen und politischen Diskussionen sammelten, und durch das neue Machtinstrument der Presse. Hier wurden die Ideen derjenigen diskutiert und verbreitet, die die Revolution geistig vorbereiteten. Vornehmlich ereiferte man sich über die Gedanken von Montesquieu (1698-1755) und von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778).

Montesquieu, ein nüchterner und klarer Denker, forderte in seinem Buch »L'esprit des Lois« (Geist der Gesetze) eine konstitutionelle Monarchie mit der Gewaltenteilung in exekutive (König), legislative (adliges Oberhaus und bürgerliches Unterhaus) und richterliche Gewalt. Seine Vorstellungen sind mit zeitgemäßen Änderungen Grundlagen der modernen westlichen Demokratien geworden.

Neben dem nüchternen und klar denkenden Montesquieu trat der zwiespältige und schwärmerische Rousseau auf, der, als Armenier abenteuerlich verkleidet, als Modephilosoph durch die Salons wanderte. Sein wichtigstes Werk, das zur Grundlage des Staates Robespierrescher Prägung wurde, ist der »Contrat Social« (Gesellschaftsvertrag). Die Annahme eines Vertrages als Grundlage des staatlichen Zusammen­schlusses, die auch andere schon vorausgesetzt hatten, ist ein typisches Symptom für das vorwiegend juristische Denken der romanischen Völker.

Von der angeblichen Freiheit und vermeintlichen Gleichheit aller Menschen ausgehend, wäre zum Schutz aller Menschen stillschweigend dieser Vertrag untereinander zustande gekommen. Das ist zwar ein Widerspruch in sich selbst, aber die Menschen bemerkten ihn genausowenig wie die weiteren Gedankenfehler. Souverän in diesem Staat ist der Gesamtwille (»volonte generale«), der aber nicht die Summe der Einzelwillen (»volonte des tous«) darstellt. Der Einzelwille kann sich irren und ist keineswegs immer gut; gut ist nur der angenommene Gesamtwille. Er ist »immer gerecht und geht immer auf den öffentlichen Nutzen«. Er stellt auch stets das wahre Volkswohl dar und das, was der Volkswille wollen würde, wenn er sein Bestes erkennen könnte.

Damit glaubte Rousseau Freiheit und Gleichheit garantiert. Freiheit aber ist bei ihm allein im Gehorsam gegenüber dem Gesamtwillen zu finden, den die Gesetze ausdrücken. Die Souveränität ist ihrerseits unübertragbar, auch nicht etwa auf gewählte Volksvertreter. Ebenso ist sie unteilbar, unfehlbar und absolut, jedoch nicht willkürlich, weil sie mit dem Gesamtwillen übereinstimmt. Damit schuf Rousseau die totalitäre Demokratie, die sich unter Robespierre so furchtbar auswirken sollte. Man bewunderte ihn dieser Gedanken wegen in der gebildeten Gesellschaft, ohne zu merken, daß man sich damit selbst das Grab schaufelte.

Das also waren die beiden großen Ideen, die die öffentliche Meinung Frankreichs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beherrschten. Man fühlte sich mit ihnen fortschrittlich, kosmopolitisch und dennoch ungeheuer nationalbewußt, allein indem man sie besaß. Das sollte sich bald auf das französische Heer und ganz Europa auswirken. Daneben brachte diese Idee Rousseaus, der Staat bestehe aus untereinander vertraglich gebundenen Einzelmenschen, die, gleich welchem Volk sie angehörten, für den jeweiligen Staat erzogen werden könnten, einen Gegensatz hervor, der besonders im 19. und 20. Jahrhundert empfunden werden sollte.

Herder hatte diesem Rousseauschen Gedanken nämlich seine Erkenntnis vom Volksgeist entgegengesetzt, der durch Sprache und Kultur die Volkskörper bildete. In einen solchen Volkskörper konnte man nur hineingeboren, nicht aber für ihn erzogen werden. Diese Anschauung wurde zum Leitmotiv der Deutschen bis zum Jahr 1945. An sich trifft sie zu, aber die Deutschen legten diesen Gedanken politisch aus und verfälschten ihn damit bis zu einem gewissen Grad.

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Er muß aber schicksalsmäßig verstanden werden. Politisch ausgelegt konnte er nur zu einem übertriebenen Nationalismus mit all seinen Folgen führen. Aufgrund dessen, daß die westlichen Völker ihr Nationalgefühl auf die Ideen Rousseaus gründeten, also auf juristische Überlegungen, hatten sie keine Möglichkeit, den deutschen Nationalismus zu verstehen. Moralisch besser ist ihr Verständnis vom Staatsvolk deshalb aber noch lange nicht. Im übrigen gründet sich auch der russische Panslawismus auf Herder und nicht auf Rousseau. Politisch ausgemünzt führt er zum »Russizismus«, den Rudolf Steiner in seinen zeitgeschichtlichen Betrachtungen so geißelt.217

Die in der Französischen Revolution propagierten Parolen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit stärkten trotz ihrer falschen Auslegung das Ich-Bewußtsein der Einzelmenschen und lösten sie durchaus positiv aus der noch immer bestehenden hierarchischen Ordnung, die zwar nicht mehr religiös bedingt wie im Mittelalter, dafür aber politisch bestimmt war.

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Am 5. Mai 1789 wurde die Versammlung der Generalstände in Versailles eröffnet. Der Dritte Stand setzte sich dabei mit seiner Forderung durch, nicht nach Ständen, sondern nach Köpfen abzustimmen. Am 17. Juni erklärten sich die Generalstände zur Nationalversammlung und schwuren während der Versammlung im Ballhaus drei Tage später, »sich niemals zu trennen, bis die Verfassung errichtet ist«. Die Revolution hatte damit begonnen. Der schwache und durchaus zu Konzessionen bereite König Ludwig XVI. erkannte die neue Lage an, zog aber Truppen in Paris zusammen.

Das erbitterte die Bevölkerung dermaßen, daß sie am 14. Juli 1789 in blinder Wut die Bastille, die als Symbol des Despotismus galt, zu stürmen versuchte. Allerdings befanden sich in ihr zu dieser Zeit keine politischen Gefangenen mehr, sondern nur einige Verbrecher und Irre. Mut und Begeisterung der die Bastille angreifenden Bürger waren jedoch größer als ihr militärisches Können. Schon begannen einige der schlecht bewaffneten und von unwissenden Führern befehligten Männer zu fliehen. Da rückte Militär an, und die Sache der Rebellen schien verloren. Doch die Soldaten machten unter Führung der meisten Offiziere mit den Aufständischen gemeinsame Sache. Nun war im Nu das verhaßte Gefängnis genommen. Den wenigen kriegsversehrten Veteranen, die die Bastille verteidigt hatten, gewährte das Militär freien Abzug. Als diese Männer jedoch die Linien des Militärs durchschritten und die Reihen der Bürger erreicht hatten, stürzte sich der Pöbel auf sie, mißhandelte und ermordete sie auf gräßliche Weise. Ihre abgeschlagenen Köpfe wurden auf Piken durch die Stadt getragen. Auch dies ist typisch für das undisziplinierte Vorgehen von Revolutionären, die sich gegenüber den Geschlagenen und in der Minderheit Befindlichen stark fühlen und an ihnen ihre Wut auslassen.

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Bald nach der Erstürmung der Bastille erhoben sich die Bauern in ganz Frankreich, und die ersten Emigranten verließen das Land. Noch im gleichen Jahr wurden die Feudalordnung aufgehoben und die Bauern für frei erklärt. La Fayette bildete die Nationalgarde, eine Bürgermiliz mit blau-weiß-roter Kokarde. Doch Not und Mißwirtschaft, Terror und Klassenhaß ließen das Land nicht zur Ruhe kommen. Es sind das die natürlichen Folgen, die unmittelbar mit einer jeden Revolution einhergehen.

 

Um von der inneren Not abzulenken, erklärte Frankreich im April 1792 Österreich den Krieg. Eine Welle nationaler Begeisterung ergriff das Land. Unter dem Gesang der gerade von Hauptmann de Lisle gedichteten »Marseillaise« eilten die Freiwilligen zu den Fahnen. Wo immer aber die wild und ungeordnet angreifenden Heere der Revolution auf die stehenden Heere der verbündeten Mächte trafen, wurden sie fast ausnahmslos geschlagen. Dann suchte man nach Art aller Revolutionäre nach Verrätern. Geschlagene Heerführer verfielen der Guillotine, wenn sie nicht ihr Heil im Ausland suchten. Schließlich richtete sich der Volkszorn gegen den König und besonders gegen seine Frau Marie Antoinette, die verhaßte »Autrichienne«. 1793 ließen auch sie ihr Leben unter dem Fallbeil. Gleich darauf wurde die absolute Volks­herrschaft nach Rousseau verkündet. Sie erwies sich als praktisch undurchführbar. Da errichtete Robespierre die Diktatur. Die Regierung bestand nun aus dem berüchtigten »Wohlfahrtsausschuß« mit seinen neun vom Konvent gewählten Mitgliedern. Die Schreckensherrschaft dieses Kollektivs mit seinen blutgierigen und fanatisierten Mitgliedern sollte erst 1794 mit dem Sturz und der Hinrichtung Robespierres enden.

Als Reaktion auf Terror und »Volksherrschaft« wurde im September 1795 eine neue Verfassung erlassen, die für die Exekutive fünf Direktoren vorsah. Das gemäßigtere Besitzbürgertum hatte damit gesiegt. Schon 1797 geriet das Direktorium in Abhängigkeit von Napoleon Bonaparte. 1804 wurde er durch Plebiszit erblicher Kaiser der Franzosen, nachdem er bereits 1799 zum Ersten Konsul auf zehn Jahre gewählt worden war. Das staatsrechtliche Ergebnis der Revolution war also das Kaiserreich; es brachte weitere unermeßliche Blutopfer für das ganze Volk.

Als sich der alte französische Staat auflöste, zerfiel auch sein Heer, so daß die Revolutionsregierung den, unter dem Herzog Ferdinand von Braunschweig in die Champagne einfallenden Preußen nur wenige Truppen entgegenzustellen vermochte, die aus alten Regimentern mit genügender Ausbildung und Disziplin bestanden. Als die Preußen nach der Kanonade von Valmy am 20. September 1792 und nach einem unentschiedenen Gefecht den Rückzug antraten, geschah das genausowenig aus Furcht vor dem französischen Heer wie bei den anderen Verbündeten. Es fehlten ein Kriegsplan und ein Kriegsziel.

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Außerdem zwangen politische Gründe zum Rückzug, die vornehmlich in Zusammenhang mit der Teilung Polens standen. Preußen war ja zu jener Zeit keineswegs ein rein deutscher Staat; im Gegenteil, sein nichtdeutsches Staatsgebiet war ähnlich wie dasjenige Österreichs größer als sein Gebiet im Reich.

Als der Krieg am Rhein, im österreichischen Belgien, in Holland und Italien dann aber weiterging, sollte jeder französische Bürger Soldat werden, wie es Montesquieu in seinem Buch »Vom Geist der Gesetze« gefordert hatte. Diese Entwicklung war primär nicht militärisch, sondern politisch bedingt. So ist auch der Geist dieses neuen Heeres zu begreifen, der den soldat-citoyen, den Bürgersoldat, von politischen Idealen durchdrungen, zur Verteidigung des bedrohten Vaterlandes und der Errungenschaften der Revolution zu den Waffen ruft.

Wir haben ja gehört, daß bisher die stehenden Heere der Aufklärungszeit nur so groß waren, wie der Fürst sie noch unterhalten konnte, ohne sein Land in untragbare wirtschaftliche Schwierigkeiten zu stürzen. Ein solches Heer war kostbar und sollte nach Möglichkeit auch bei kriegerischen Auseinandersetzungen nicht so eingesetzt werden, daß es in Gefahr geriet, vernichtet zu werden. Wenn man nicht dazu gezwungen wurde, mied man die Schlacht und suchte, den Gegner zu ermatten. Der friedliche Bürger sollte möglichst nichts vom Kriegsgeschehen merken. Nun aber war plötzlich der französische Bürger aufgerufen, in nationaler Begeisterung die von ihm errungenen Fortschritte der Revolution gegen die von außen kommende Reaktion zu verteidigen. 

Zum ersten Mal seit der Antike wurde die Verteidigung des Vaterlandes als selbstverständliche Pflicht erachtet. Da die Ideen der Französischen Revolution aber auch zumindest von den ähnlich denkenden Menschen der umliegenden Nationen mit Sympathie begrüßt wurden, entstand daraus sehr rasch ein missionarischer Eifer des französischen Volkes zur Befreiung der anderen Völker aus der Knechtschaft des Feudalsystems, der nun nicht wie früher religiös, sondern politisch bestimmt war. Von hier bis zum Eroberungs- und Beherrschungswillen, der sich dann in den napoleonischen Feldzügen ausdrückt, war es nur ein kleiner Schritt. Doch so weit sind wir noch nicht.

Zunächst einmal ging es darum, ein neues Heer aufzustellen. Im Jahr 1793 gelang es dem organisatorischen Genie eines Lazare Carnot (1753-1823), den Rest der alten königlichen Regimenter mit den Truppen der, wie man sie ganz richtig nannte, »Levee en masse«, des Aufgebots aller Wehrfähigen, zu verschmelzen. Damit verfügte die Republik über ein unerschöpfliches Reservoire an Rekruten, dem die anderen Mächte nichts Gleiches entgegenzusetzen hatten. Bei den Franzosen kam es nun nicht mehr darauf an, das kostbare Kriegsinstrument zu schonen. Das schlimme Wort vom »Menschenmaterial« kam damals in Gebrauch. Bald konnte Napoleon sagen: »Was sind 200.000 Mann?«

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Der innere Widerspruch, der zwischen der Erklärung der Menschenrechte und einer solchen Fragestellung besteht, wurde nicht erkannt. Von nun an bildete der Völkerhaß die Triebkraft der Heere, und der »totale Sieg« einer Seite gab mit den vom Haß geprägten maßlosen Forderungen in den »Friedensverträgen « den Ursprung neuer Kriege ab. Die Französische Revolution hat also den totalen Volkskrieg mit allgemeiner Wehrpflicht möglich gemacht und damit den Kabinettskrieg abgelöst. Napoleon erkannte auch, daß es im Krieg nicht länger um die Eroberung oder Behauptung eines bestimmten Grenzraumes geht, sondern um die Vernichtung des Feindes.

Das Zerschlagen der feindlichen Armee in der Schlacht und die rücksichtslose Verfolgung wurden von nun an Ziele der militärischen Führung. Krieg und Kriegsführung befanden sich damit in einer doppelten Umklammerung jener Kräfte, die einerseits überschwenglicher idealistischer Begeisterung und andererseits brutaler materialistischer Denkweise entsprangen.

Der revolutionäre Geist befreite die Kriegsführung auch von einer weiteren Fessel. Es wurde erwähnt, daß die geworbenen Soldaten der stehenden Heere schon wegen der Desertionsgefahr nicht auf Requisition geschickt werden konnten und daher aus Magazinen verpflegt werden mußten. Bei den französischen Soldaten der Revolutionsheere bestand diese Gefahr nicht mehr in dem Maße, obwohl die Zahl ihrer Deserteure zum Teil diejenige des preußischen Heeres im Siebenjährigen Krieg übertraf und die Verbündeten selbst in den Koalitionskriegen kaum über Desertionen zu klagen hatten.

Deserteure waren bei den Franzosen aber leicht zu ersetzen, indem man einfach neue Leute aushob. Außerdem desertierten die Franzosen nur auf dem Weg zur Truppe oder nach Niederlagen, nicht aber vor dem Feind. Es gab ja immer noch genügend andere, die nie an Desertion dachten und von begeistertem Nationalgefühl und vorzüglichem Kampfgeist erfüllt waren. Davon wurden auch die zunächst unwillig zur Truppe kommenden Rekruten bald ergriffen. Waren sie erst einmal dort — und man schaffte sie z.T. gefesselt und unter scharfer Bewachung dorthin —, so konnte man sie ruhig auf Requisition schicken.

Allerdings hatte das bei der anfangs sehr undisziplinierten Truppe schwere Nachteile. Aus Requisition wurde allzu rasch Plünderung, und das nicht nur im feindlichen Gebiet. Wo französische Revolutions­truppen einfielen, benahmen sie sich fast wie die Soldateska des Dreißigjährigen Krieges. Dadurch schadeten sie ihrer eigenen Sache bei großen Teilen der fremden Bevölkerung ungemein, die ihrerseits den Idealen der Revolution bisweilen durchaus sympathisch gegenübergestanden hatte. Daß die große Kluft zwischen Offizier und Mann allmählich überbrückt wurde, sei nur am Rande vermerkt. In den französischen Revolutionsheeren und auch unter Napoleon trug »jeder Mann den Marschallstab im Tornister«.

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»Symptomatisch betrachtet«, sagt Rudolf Steiner, »ist die Französische Revolution außerordentlich interessant. Sie stellt dar, gewissermaßen in Schlagworten zusammengedrängt und mischmaschartig auf den ganzen Menschen undifferenziert angewendet, dasjenige, was mit allen Mitteln geistiger Menschheitsentwicklung im Laufe des Zeitalters der Bewußtseinsseele, von 1413, also 2160 Jahre mehr, bis zum Jahre 3573, allmählich entwickelt werden muß. Das ist die Aufgabe dieses Zeitraumes, daß für die Leiber die Brüderlichkeit, für die Seelen die Freiheit, für die Geister die Gleichheit erworben werden während dieses Zeitraumes. Aber ohne diese Einsicht, tumultuarisch alles durcheinanderwerfend, tritt dieses innerste Seelische des fünften nachatlantischen Zeitraumes schlagwortartig in der Französischen Revolution auf. Es steht unverstanden da die Seele des fünften nachatlantischen Zeitraumes in diesen drei Worten und kann daher zunächst keinen äußeren sozialen Leib gewinnen, führt im Grunde genommen zu Verwirrung über Verwirrung. Es kann keinen äußeren sozialen Leib gewinnen, steht aber da wie die fordernde Seele, außerordentlich bedeutsam. Man möchte sagen: Alles Innere, was dieser fünfte nachatlantische Zeitraum haben soll, steht unverstanden da und hat kein Äußeres.«218

 

Auf dem Gebiet des Kriegswesens brachten die Napoleonischen Kriege ein Ende jener Taktik und Strategie, die sich in der Aufklärung allein auf den Verstand gestützt hatten. Sie mußten einem militärischen Genie wie Napoleon gegenüber versagen, da die Kriegsführung keine Wissenschaft, sondern eine Kunst ist, allerdings eine Kunst, die nicht auf gleicher Ebene wie dasjenige steht, was man gemeinhin als Kunst ansieht. Napoleon setzte auch dem Krieg als »Zeitvertreib« der Könige, dem Kabinettskrieg, der ganz im Sinne des falschverstandenen Ich-Bewußtseins allein dem Ruhm des Herrschers diente, ein Ende. Dafür wurde der Krieg »demokratisiert«, er wurde vom Schachbrett in das Schlachthaus verlegt, indem alle nationalen Leidenschaften durch ihn entfesselt wurden. Nicht mehr der König führte Krieg, und seine Bürger verhielten sich dabei mehr oder weniger passiv, sondern jeder Einzelne nahm an ihm und für sich persönlich aktiv teil.

Ganz dieser Auffassung entsprechend überraschten die Franzosen die alten stehenden Heere der Verbündeten mit einer neuen Kampfweise. Wohl hatte es dazu schon bei den Österreichern und im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg Ansätze gegeben. Die Angriffsweise, mit der die Infanterie der Revolutionszeit den Feind überraschte, bestand aus der Verbindung von Schützengefecht und Angriffskolonne. Zunächst hatten sich in Frankreich zwei Ansichten gegenübergestanden. Während die einen nach preußischer Art in langen Bataillonslinien kämpfen wollten, traten die anderen für das Schützengefecht und die Kolonnentaktik ein.

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Der Streit erledigte sich von selbst. In Linie konnten jene schwachen Truppenteile kämpfen, die von der königlichen Armee übriggeblieben waren und diese Kampfweise dort gelernt hatten. Den »Freiwilligen­bataillonen« und der Nationalgarde aber fehlte eine entsprechende Ausbildung. Man merkte sehr rasch, daß eine solche Truppe leichter in einer Kolonne als in einer Linie zusammengehalten und geführt werden konnte. Auch besaß der mit Begeisterung und Schwung in Kolonne vorgetragene Angriff eine erstaunlich große Stoßkraft. Zur vollen Wirkung kam die Kolonnentaktik allerdings erst im Kaiserheer, als Napoleon für eine gründliche Ausbildung in dieser Kampfweise sorgte.

Dabei hatten die Schützen den Auftrag, den Kolonnen voraus anzugreifen und den Feind durch ihr Feuer zu erschüttern. Das konnten nur Soldaten tun, die sich ganz als Einzelpersönlichkeiten fühlten und im Sinne des Ganzen handelten. Die diesen Tirailleurs folgenden Kolonnen sollten die feindlichen Linien dann durchbrechen. Diese tief gegliederten Kolonnen konnten im Gelände weit rascher als die Linien bewegt werden und dazu noch jede Deckung ausnutzen.

 

In der Abwehr allerdings besaßen die Kolonnen Schwächen, weil nicht alle Waffen zum Tragen kamen. Schließlich war das ursprünglich der Grund gewesen, weshalb man im Lauf des 17. und 18. Jahrhunderts von der Kolonne zur Linie übergegangen war. Deshalb behielt man für die Verteidigung auch jetzt die Linie bei. Schützengefecht und Stoß der Kolonne dienten ausschließlich dem Angriff. Allerdings haben die Tirailleurs jener Zeit die Schlachten nicht entschieden, wie so oft behauptet wird, ausschlaggebend waren das enge Zusammenwirken von Feuer- und Stoßkraft sowie die erhöhte Beweglichkeit. 

Auch das ist symptomatisch für die Zeit. Denn der einzelne Schütze kämpft als Persönlichkeit ganz für sich allein, schließt sich aber mit den Gleichgesinnten zur dichten Kolonne zusammen, um den Feind zu durchbrechen. Das reicht aber noch nicht aus, um den Erfolg der Franzosen zu erklären. Es gehörte dazu noch eine andere neue Einrichtung: die Division als Großverband verbundener Waffen. Bisher waren in den Schlachten reine Infanterie- oder Kavalleriegroßverbände eingesetzt worden, die auf Befehl des Feldherrn zusammenwirkten. Schon die Größe der Revolutionsheere erlaubte das aus führungstechnischen Gründen bald nicht mehr. Im Jahr 1795/96 bestand die französische Armee bereits aus 530000 Mann. Ihre stärksten Gegner, Österreich und Preußen, vermochten nach der alten Methode kaum die Hälfte dieser Stärken ins Feld zu führen. Der erste französische Großverband dieser neuen Art war die aus zwei Brigaden zu je zwei Regimentern bestehende Division. In ihr waren Truppen aller Waffengattungen vereinigt.

Ganz im Sinne des sich in der Kriegsführung entwickelnden Materialismus, der zunächst durchaus von Erfolg gekrönt war, stand die Einsatzweise der Artillerie.

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Napoleon war Artillerist. Von einem Auffahren der Artillerie in langen Linien und einem stundenlangen Feuerkampf mit der feindlichen Artillerie hielt er gar nichts. Zu deutlich hatte die Kanonade von Valmy bewiesen, daß dabei nichts herauskam. Napoleon setzte seine Artillerie im Schwerpunkt geschlossen ein, um den Angriff der Infanterie durch ein scharf zusammengefaßtes Vernichtungsfeuer vorzubereiten.

Dazu schuf er eine besonders ausgebildete Elitetruppe, die Reitende Gardeartillerie. Sie ritt im Galopp an den Feind heran, protzte* blitzschnell ab und feuerte mit Kartätschen in die Abwehrfront. In mehreren Schlachten haben solche »Artillerieangriffe« den Einbruch der Infanterie oder die Attacke der Kavallerie vorbereitet und den Grundstein zum Sieg gelegt. Die Aufgabe des Feldherrn bestand von nun an in der operativen und taktischen Führung der Großverbände, vor allem aber im Bilden von Schwerpunkten. 

Um die Führung der zahlenmäßig starken Heere auf dem Marsch und bei den einleitenden Operationen eines Feldzuges zu erleichtern, wurden mehrere Divisionen zu Korps und mehrere Korps zu Armeen zusammengefaßt. So war aus den begeisterten, aber schlecht ausgebildeten Verbänden der Revolutionsheere nach und nach wieder eine disziplinierte und schlagkräftige Armee entstanden. An ihrer Spitze stand ein Feldherr, der sie zu führen und einzusetzen verstand: Napoleon Bonaparte. Dennoch war er derjenige, der bei aller Genialität den Grundstock zum militärischen Materialismus legte, der sich seit seinen Tagen immer mehr steigern sollte.

Wie alle großen Feldherren widmete Napoleon sein Augenmerk besonders dem Straßenbau. Dadurch vermochte er, seine Heere schneller dorthin zu bewegen, wo er sie brauchte. Zugleich leistete er damit einen entscheidenden Schritt zur verkehrstechnischen Erschließung der europäischen Länder und zur Verbindung der Völker miteinander. Es waren nicht nur seine großartigen Siege, die Freund und Feind an ihm bewunderten.

Ganz aus dem Geist der romanischen Völker gab er auch ein neues Gesetzbuch, den »Code Napoleon« heraus, der zur Grundlage des Rechtswesens sehr vieler europäischer, aber auch außereuropäischer Länder wie etwa Japan wurde. Darüber hinaus drückte er mit der Gründung neuer Staaten und dem Aufbau einer tüchtigen Verwaltung in ihnen der europäischen Landkarte seinen Stempel auf. Dazu mußte er die alten Staaten aber erst einmal besiegen. Dies gelang ihm dank seines militärischen Genies innerhalb kürzester Zeit.

1805 schlug er die vereinigten Österreicher und Russen bei Austerlitz und ein Jahr später die Preußen bei Jena und Auerstädt. Den Sieg bei Austerlitz hatte er mit seiner 219.000 Mann starken Operationsarmee gegen nur wenig stärkere Kräfte der Österreicher und Russen errungen. Bei Jena und Auerstädt standen 81.000 Franzosen 103.000 Preußen gegenüber.

(o.2005:)   protzen - steht nicht im Glossar und Sachregister. Bedeutet bestimmt: absitzen und die Kanonen feuerbereit machen.

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Die anderen deutschen Teilstaaten hatte Napoleon durch Drohung und geschickte Diplomatie zur Unterwerfung gezwungen und zu seinen Verbündeten gemacht. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. wollte seinem Land die Leiden des Krieges ersparen und hatte sich aus Friedensliebe nicht den vereinigten Österreichern und Russen angeschlossen. Diese Friedensliebe kam ihn teuer zu stehen, denn Preußen war nur noch ein besetzter Rumpfstaat, nachdem 1807 in Tilsit der Frieden geschlossen worden war. Hätte sich Friedrich Wilhelm III. dagegen entschlossen, der österreichisch-russischen Koalition beizutreten, so wäre es bei der numerischen Überlegenheit dieser drei Staaten Napoleon sicher nicht so leichtgefallen, sie zu schlagen.

Wie schon erwähnt, hatten sehr viele Deutsche, besonders der gebildeten Bürgerschicht, den Ideen der Französischen Revolution, die ja auch von den Napoleonischen Heeren weiterverbreitet wurden, mit Wohlwollen gegenübergestanden, sich, wenn auch keine Revolution, so doch eine Reform an Haupt und Gliedern in ihren Ländern gewünscht. Die Ausschreitungen der Französischen Revolution hatten zu viele wieder abgestoßen. Nun aber benahmen sich die französischen Heere in Deutschland nicht wie Befreier, sondern wie Herren und saugten das Land völlig aus. Der egoistische Nationalismus überwog bei weitem das Sendungsbewußtsein im Sinne der Ideale der Französischen Revolution. Im Lauf der Jahre nahmen die Übergriffe der französischen Truppen, Erschießungen von Patrioten und Deportationen, immer mehr zu. Dennoch gab es bis zum Ende eine gewisse Anzahl von Bewunderern Napoleons, die selbst seine offensichtlichen Verbrechen zu entschuldigen suchten.219

Doch selbst dem Genie Napoleon wurden bald Grenzen gesetzt. 

Es wurde gesagt, daß sich die Persönlich­keit und das Nationale in Frankreich nach innen und in England nach außen entwickelten. »Dies tritt merkwürdigerweise auch geographisch zutage, und es zeigt sich ganz besonders, wenn wir wiederum einen Wendepunkt in der neueren Geschichte als Symptom betrachten, an dem Wendepunkt, wo der aus der Revolution herausgeborene Napoleon 1805 die Schlacht von Trafalgar an die Engländer verliert. 

Denn was offenbart sich da?  

Napoleon, als allerdings eigenartige, aber immerhin als Repräsentanz des französischen Wesens, bedeutet die Wendung nach dem Innern auch geographisch, nach dem Kontinente von Europa hinein. Wenn Sie Europa sich als dieses Gebilde vorstellen [es folgt hier eine Zeichnung mit einem Kreis, in dem ein Pfeil nach unten gerichtet ist, und auf diesem Kreis zwei hörnerartige Linien mit Pfeilen, die nach außen gerichtet sind], so wird Napoleon gerade durch die Schlacht von Trafalgar nach Europa hereingedrängt (Pfeil), England nach der ganzen Welt hinaus, in entgegengesetzter Richtung.

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Dabei müssen wir nicht vergessen, wie diese Differenzierung natürlich auch ihre Auseinandersetzung braucht. Sie braucht ihre Auseinandersetzung, es muß sich gewissermaßen das eine an dem andern abreiben. Das geschieht in dem Kampfe um die Herrschaft in Amerika. Es geht das schon etwas hervor aus diesem Wendepunkt von 1805. Aber wir sehen, indem wir den Blick auf ein paar Jahrzehnte vorher wenden, wie das, was gerade die Nuance im Franzosentum bewirkt hat, der Romanismus, für die Welt zurückgeschlagen wird vom Angelsachsentum in Nordamerika.«220

 

Ganz im Sinne dieses Hineindrängens nach Europa stand der Krieg in Spanien. Als Napoleon 1807 mit seiner Armee in Spanien eindrang und Joseph Bonaparte als König einsetzte, antwortete ihm bereits das Volk mit einer allgemeinen Erhebung. Nationalstolz und katholischer Konservativismus erwiesen sich als stärker als die Strahlungskraft der »fortschrittlichen« Parolen der Revolution. Geführt von spanischen Offizieren und gestützt auf die in Spanien gelandeten britischen Truppen Wellingtons (1769-1852), führte das Volk einen erbitterten und erfolgreichen Kleinkrieg. Der Begriff »Guerilla« stammt aus dieser Situation. Auch zeigte sich damals schon, daß ein solcher Krieg nur mit Erfolg zu führen ist, wenn die Mehrzahl der Bevölkerung ihn unterstützt und daran teilnimmt, die Parteigänger von Soldaten geführt werden, die nach einem gemeinsamen Plan handeln, und wenn eine weitere Macht sie versorgt und schließlich mit regulären Truppen in die Kämpfe eingreift.221

Dieser Volkskrieg, der als Kleinkrieg geführt wurde, ließ aber auch erkennen, daß es kaum eine grausamere Art der Kriegsführung gibt als diese. Sie wurde von beiden Seiten mit äußerster Erbitterung und Härte ausgefochten. Bis zum Zusammenbruch Frankreichs gelang es den französischen Heeren nicht, des Kleinkrieges Herr zu werden. Ähnlich versuchten im Jahr 1809 Andreas Hofer in Tirol und Major Schill in Norddeutschland einen Kleinkrieg zu entfesseln, der aber daran scheiterte, daß er nicht wie in Spanien ständig von einer anderen Macht unterstützt und durch Lieferung von Waffen und Gerät genährt wurde. Clausewitz hat dann in seinem großen Werk »Vom Kriege« eingehend über den Kleinkrieg in Spanien gesprochen. Der spanische Krieg wurde für alle kommenden Zeiten zum Vorbild dieser Art Kriegführung. Dennoch ist hier entscheidend, daß er nicht aus einer fortschrittlichen, der Entwicklung entsprechenden Geisteshaltung heraus entstand, sondern eher aus der retardierenden des romanischen Geistes.

Als zweites Symptom des Hineindrängens Frankreichs nach Europa gilt eine Maßnahme, die nach dem Tilsiter Frieden von 1807, in dem Europa zwischen Napoleon und Zar Alexander I. von Rußland aufgeteilt worden war, verhängt wurde, Napoleons »Kontinentalsperre«. - Doch nötigten Wirtschaftskrisen im Dezember 1810 den Zaren zur Aufhebung der Handelssperre gegen England, er ließ sogar die Einfuhr der dringend benötigten Industrieerzeugnisse aus England durch Vorzugszölle begünstigen.

DIE SOUVERÄNE PERSON IN DER NATION  322


Die Absetzung des Herzogs von Oldenburg durch Napoleon, eines nahen Verwandten des Zaren, traf diesen persönlich. Außerdem verschärften die Mißachtung der russischen Interessen in Polen und der Türkei die Spannung zwischen Frankreich und dem Zarenreich. Eine wirksame Maßnahme zur Bekämpfung der Seemacht England war diese Kontinentalsperre keinesfalls. Angesichts der französischen Übergriffe und der dadurch bedingten Enttäuschung besann man sich auch in den deutschen Staaten darauf, daß man über alle Landesgrenzen hinweg einem gemeinsamen Volk angehört. 

Johann Gottfried Herder (1744-1803) hat in seinen Werken zuerst ausgesprochen, daß alle bisher gesondert betrachteten Lebensbereiche, wie Sprache, Dichtung, Musik, Recht, Philosophie, Wirtschaft usw., Äußerungen eines einzigen Volkes seien. So erhielt das durch Sprache, Kultur und Geschichte verbundene Volk den Charakter eines Individuums, einer Persönlichkeit, die den Einzelnen so in sich schließt, daß er ohne sie entwurzelt ist. Er ist ein Glied jenes corpus mysticum, das den blutleeren Gedanken des rationalen Weltbildes nicht mehr gelten läßt. Der Begriff »Volk« hatte sich damit ins Religiöse erhoben.

Ohne diese Einsicht in die religiösen Wurzeln des Herderschen Volksbegriffs ist der Nationalismus des 19. Jahrhunderts in Deutschland mit seinen positiven und negativen Auswirkungen nicht zu verstehen. So hatte Herder den Menschen eine Idee gegeben, die zum ersten Mal seit der Reformation das gesamte deutsche Volk wieder zu einen vermochte. Sie allein ermöglichte die Erhebung gegen Napoleon. Der Rationalismus des 18. Jahrhunderts war damit überwunden, und der Weg für die Romantik und die nationalbetonte idealistische deutsche Philosophie offen, die vor allem zunächst die gebildete deutsche Jugend ergriff.

Fichtes »Reden an die deutsche Nation« und die patriotische Poesie der Romantiker taten ein übriges. Zum ersten Mal seit Beginn der Neuzeit fand sich daher unter dem Einfluß dieses Gedankengutes der gebildete Bürgerstand wieder bereit, in der höchsten Not des Volkes die Waffe in die Hand zu nehmen. Eine Generation früher hätte er ein solches Ansinnen noch weit von sich gewiesen. Aber die geistigen Voraussetzungen allein hätten für die nationale Erhebung gegen Napoleon und zum Sieg in den Befreiungskriegen nicht ausgereicht. Wesentlich dafür war noch eine Reform der Streitkräfte an Haupt und Gliedern, die darauf abzielte, den bis dahin so verachteten Soldatenstand wieder zum ehrenhaften Verteidiger nationaler Interessen werden zu lassen, den unüberbrückbar erscheinenden Abstand zwischen Offizier und Mann aufzuheben und das ehemalige stehende Heer aus lebenslang dienenden Berufssoldaten in ein patriotisch gesinntes Volksheer umzuwandeln, in dem jeder eine bestimmte Zeit zu dienen hatte.

V. KRIEGE UM DIE FREIHEIT DER PERSON   323


Eine solche Heeresreform wurde zunächst in Preußen durch Scharnhorst, Gneisenau, Boyen, Grolman und Clausewitz, den Schöpfer der modernen Kriegstheorie, durchgeführt.

Allerdings mußten dafür zunächst Voraussetzungen auf dem zivilen Sektor geschaffen werden. Keine Armee der Welt, die nicht allein aus geworbenen Söldnern besteht, kann in ihrem Geist besser sein als das Staatsvolk, dem sie dient. Praktische Reformen im gesellschaftspolitischen Bereich mußten daher vorausgehen. Schon vor dem Zusammenbruch Preußens im Jahr 1806 hatten leitende Beamte das absolutistische System scharf kritisiert. Sie wünschten eine »Revolution von oben«, weil die Auswüchse der Französischen Revolution vor einem anderen Verfahren abschrecken mußten. 

Diese Reformer strebten die Bildung eines ständischen Volksstaates an, in dem die befreiten und durch ein geordnetes Schulwesen erzogenen Staatsangehörigen zu mitverantwortlichen Staatsbürgern herangebildet werden sollten. Für die Heeresreform wurde darüber hinaus besonders wichtig das 1807 erlassene Edikt zur Bauernbefreiung. In ihm fand die Erbuntertänigkeit ihr Ende. Die Freiheit der Person, des Besitzes, der Berufswahl und die Rechtsgleichheit wurden ebenfalls garantiert. Viele andere Reformen, die aber nicht in den Rahmen dieser Betrachtung gehören, schlössen sich an. Wichtig ist nur zu erwähnen, daß der neue preußische Staat damit zum ersten Mal zur Hoffnung der deutschen Patrioten wurde und so bei vielen an die Stelle Österreichs trat, das bisher die führende Macht in Deutschland gewesen war.

Schon wenige Tage nach dem Tilsiter Frieden, am 15 Juli 1807, beauftragte König Friedrich Wilhelm III. den aus Hannover stammenden, in preußischen Diensten stehenden Generalmajor von Scharnhorst und den Oberstleutnant Graf Lottum, »gemeinschaftlich zu erwägen, welche Einrichtungen in Absicht des Militärs vor der Hand zu treffen sein würden«. Kurz darauf wurde die Militär-Reorganisationskommission gebildet, der neben anderen auch der Oberstleutnant von Gneisenau angehörte.

Namentlich Scharnhorst und Gneisenau hatten sich von Anfang an die Aufgabe gesetzt, das gesamte Volk wehrhaft zu machen, damit später das französische Joch abgeworfen werden könne. Die Reform sollte im wesentlichen die Grundlagen des Offiziersersatzes, die Wehrverfassung und den Heereshaushalt betreffen.

Für uns wichtig, weil zur Stärkung der Persönlichkeit und zur erhöhten Achtung der Menschenwürde beitragend, ist die 1808 vollzogene Reform der Militärstrafen. Darin wurde die Verpflichtung zum Kriegsdienst für jeden Staatsbürger ohne Rücksicht auf dessen Stand angekündigt und daraus der richtige Schluß gezogen, daß alle ehrwidrigen Körperstrafen wie Stockschläge und Gassenlaufen abzuschaffen seien (»Freiheit der Rücken«). Arreststrafen galten nicht mehr als ehrenrührig. Schwere Vergehen wurden mit Festungshaft geahndet.

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Nur über diejenigen, die sich ihrer eigenen Ehre durch Fahnenflucht oder Diebstahl begeben hatten, verhängte ein Standgericht die Versetzung in die »2. Klasse des Soldatenstandes«, in der die ehrenrührigen Strafarten weiterhin in Kraft blieben. Außerdem drohte ihnen der Verlust der neu eingeführten Kokarde, des Nationalmilitärabzeichens, am Tschako. Ehrenhafte Behandlung also für den Ehrenhaften, Prügel für den Ehrlosen.

 

Das nun geschaffene preußische Heer, das sich aus aktiver Truppe, Landwehr und Landsturm zusammen­setzte, wobei die letzteren als milizartige Einrichtungen trotz der liberalen Propaganda des 19. Jahrhunderts einen weit geringeren Kampfwert besaßen als das aktive Heer, war dann das Muster für alle weiteren Heere bis 1945. Ganz im Sinne Herders vom gesamten deutschen Volk als corpus mysticum folgten bald Jägerverbände, die anfangs von dorthin kommandierten aktiven Offizieren ausgebildet wurden, sich später aber ihre Offiziere und Unteroffiziere durch Wahl selbst ernennen durften.

Die Aufstellung dieser Freiwilligenverbände erklärt sich aus den sozialen Anschauungen der Zeit, brachte aber in militärischer Hinsicht manchen Nachteil. Es fehlte ihnen an Erfahrung und Übung sowie an Ausdauer im Ertragen von Strapazen, auch mangelte es recht häufig an der erforderlichen Disziplin. Erst allmählich halfen ihnen der gute Wille und die höhere Intelligenz über diese Mängel hinweg. Dann aber wurden sie zu einem Reservoire für künftige Offiziere, die nun nicht mehr nur aus dem Adel kamen. 

Viele dieser Jägerverbände, vor allem die Lützower Jäger, die aus Deutschen aller Stämme bestanden, haben sich mit ihrem Opfermut und ihrer Begeisterung für die Sache der Freiheit einen unvergänglichen Namen geschaffen. Die Uniformfarben der Lützower, Schwarz mit goldenen Knöpfen und roten Biesen, sollten später im Schwarz-Rot-Gold der Fahne als Sinnbild der demokratisch-großdeutschen Bewegung des Jahres 1848 wieder aufleben und im 20. Jahrhundert zur deutschen Fahne werden. Dieses neue Heer war dem französischen sehr ähnlich gegliedert und kämpfte auch auf dessen Weise.

Doch zunächst noch sollte dieses Heer nicht gegen Napoleon, sondern mit seinem aktiven Teil als Verbündeter Napoleons kämpfen. Dieser entschloß sich nämlich, durch direktes militärisches Eingreifen dem System von Tilsit erneut Geltung zu verschaffen. Ein Militärbündnis mit den ehemaligen Erzfeinden Preußen und Österreich sicherte den Aufmarsch der »Großen Armee«, des bisher größten Heeres der Geschichte. Mit ihr fiel Napoleon in Rußland ein. Der Feldzug von 1812 richtete sich gegen ein Volk, dessen Zar zum Heiligen Krieg gegen die Eindringlinge aufrief und sogar bereit war, seine Hauptstadt zu vernichten, um den Franzosen die letzte Versorgungsbasis zu entziehen. Denn die wichtigste Ursache für den Untergang der Großen Armee lag darin, daß Napoleon nicht in der Lage war, sein Heer ordnungsgemäß zu versorgen.

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Gewiß hatte er gewaltige Depots an der russischen Grenze aufgebaut, aber der Nachschub erreichte die Truppe in dem weglosen Land und bei den damaligen Transportmitteln nur zum kleinsten Teil. Dazu kamen noch die unerhörten Entfernungen; auch Unterschleife und Plünderungen durch die eigene Truppe kamen vor.

Als der Feldzug begann, trieb die Truppe in gewohnter Weise ihre Versorgungsgüter durch Requisition bei der Bevölkerung ein. Solche Massen konnten sich aber unmöglich aus dem noch heute dünn besiedelten Land mit seiner schlechten Agrarwirtschaft und den riesigen unbebauten Flächen ernähren. Die Requisitions­kommandos waren daher gezwungen, auch weit abseits der Marschwege zu requirieren. Jetzt aber zeigten sich erstmals die ganzen Mängel dieses Systems, denn viele versuchten, sich auf eigene Kosten zu bereichern, verließen bei dieser günstigen Gelegenheit die Truppe und zogen als Marodeure durchs Land. Die Zahl der Deserteure stieg ins Unermeßliche.

 

Am 7. September 1812 schlug Napoleon die Russen bei Borodino mit nur 120.000 Mann. Zwischen 165.000 und 130.000 mußten sich demnach zum größten Teil bereits »verkrümelt haben«, denn die Zahl der in den Städten zurückgelassenen Garnisonstruppen, Kranken, Verwundeten und Toten kann nicht allzu hoch gewesen sein. Als Napoleon in Moskau einzog, bestand die Truppe nur noch aus etwa 100.000 Mann, und selbst diese konnten nicht mehr versorgt werden, als am 15. September die russische Hauptstadt in Flammen aufging. Doch die milde Witterung und die Hoffnung, daß der Nachschub doch noch eintreffen möge, hielten den Kaiser immer noch davon ab, den Rückzug anzutreten, der inzwischen, weil er allmählich erkannte, daß ein weiteres Verfolgen der Russen in der Weite des Raumes nicht möglich war, unumgänglich geworden war.

Erst am 19.Oktober 1812 trat er den Rückzug an. Und jetzt erst geschah, was in so vielen Büchern zu lesen ist. Zunächst quälte der Hunger das fast ohne Nachschub marschierende Heer. Dann setzten Frost und Kälte ein. Immer noch hielt der Kern der Truppen zusammen, so daß die zögernd folgenden Russen nur auf Requisitionskommandos und Versprengte trafen. Den Rest aber gab dem Heer der Übergang über die Beresina Ende November 1812, bei dem schließlich eine Panik ausbrach.

Hätten die Russen hier energischer zugepackt und wären sie geschickter geführt worden, so hätte dieser Übergang die Vernichtung des Napoleonischen Heeres bedeuten können. Dennoch brachten Hunger, Kälte und Krankheiten die auf 30.000 Mann zusammengeschrumpfte Armee zur Auflösung. Napoleon selbst verließ seine Soldaten, eilte unter einem Pseudonym durch Europa und tauchte in Paris auf, um den Putsch des Generals Malet, der bereits im Oktober erfolgt war, zu zerschlagen, sein Regime zu festigen und neue Armeen aufzustellen.

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Die Trümmer der Hauptarmee erreichten Ende 1812, angeblich 1000 Mann mit 60 Pferden und 9 Geschützen, die preußische Grenze. In Deutschland wurde die Katastrophe als Gottesurteil empfunden. Es sollte das letzte Mal sein, daß allgemein und nicht nur in Propagandaorganen von einem Gottesurteil gesprochen wurde. Die Katastrophe entflammte darüber hinaus in ganz Europa den nationalen Widerstand gegen die französische Fremdherrschaft. Dies konnte um so leichter geschehen, als die österreichischen und preußischen Hilfskorps verhältnismäßig ungeschoren den russischen Kriegsschauplatz verlassen hatten.

In der Schlacht bei Leipzig vom 16.-19. Oktober 1813 wurde die Macht Napoleons durch die verbündeten Österreicher, Russen und Preußen sowie einige andere deutsche Kleinstaaten und Schweden gebrochen. Obwohl es Napoleon nach seiner Abdankung 1813 noch einmal gelang, von Elba aus, wohin er verbannt worden war, französischen Boden zu betreten und eine neue Armee zu sammeln, wurde er doch im Juni 1815 bei Waterloo durch die verbündeten Engländer und Preußen endgültig geschlagen. Er endete als Gefangener der Engländer auf St. Helena 1821. 

Damit war das Hegemoniestreben Frankreichs über Europa gebrochen. Ein letzter Versuch endete 1870/71 mit der entscheidenden Niederlage Napoleons III. und der Französischen Republik.

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Wie wir gesehen haben, hatte sich im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in Europa ein geistiger Umbruch von großer Tragweite vollzogen. Der Stolz auf die tatsächlichen und vermeintlichen Leistungen der großen Revolution hatte in dem schon seit langem national geeinten Frankreich ein übersteigertes Nationalgefühl erzeugt. In den deutschen Ländern rief die Unterdrückung durch die Truppen Napoleons I. ein ähnlich starkes Nationalgefühl hervor. Durch die Ideen Herders wurde die Auffassung vom Volk in die Sphäre des Religiösen erhoben. 

Diese Ideen befähigten das deutsche Volk mit allen seinen Stämmen und mit allen seinen Gesellschaftsschichten in den neuen Volksheeren, mit der Waffe in der Hand die Unterdrücker zu verjagen. Seit Napoleon war es im Krieg nicht mehr um die Eroberung oder Erhaltung einer Grenzprovinz oder Grenzfestung, sondern um den Bestand des ganzen Staates, vielleicht sogar um das Leben des ganzen Volkes gegangen. Wen kann es da wundern, wenn das Phänomen Krieg mit all seiner Problematik in einem Deutschland im Mittelpunkt leidenschaftlicher Debatten stand, das mit den Werken der deutschen Klassik und Romantik in Kunst und Wissenschaft von Männern wie Goethe, Schiller, Beethoven und vielen anderen gerade auf einem Höhepunkt seiner Kultur angelangt war?

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Auch auf militärischem Gebiet besaß das Deutschland jener Zeit seinen größten Denker in Carl von Clausewitz (1780-1831), wenn zu seinen Lebzeiten sein Einfluß auch verhältnismäßig gering blieb. Seine hervorragende Bedeutung als militärischer Denker gewann er durch die posthume Veröffentlichung seines Werkes »Vom Kriege« in den Jahren 1832 bis 1834, die seine mit seinen Gedanken eng vertraute Frau veranlaßte.

Clausewitz hatte den wirklichen Krieg in Sieg und Niederlage bei der Truppe und im Generalstab erlebt. Für einen Soldaten seiner Zeit hatte er sich eine erstaunlich gründliche Allgemeinbildung erworben, trotz seiner mangelhaften Ausbildung beim Eintritt ins Heer. Der Umgang mit den politisch führenden Männern, vornehmlich Preußens und Rußlands, trug viel dazu bei.

Seine Veranlagung, alles bis zur letzten Konsequenz durchzudenken, befähigte ihn zu dem Werk, das er in aller Stille in den Jahren zwischen 1816 und 1830 ausarbeitete, ohne ihm die letzte Ausgestaltung geben zu können. Er sagte von sich selbst, er wäre weder Grammatiker noch Philosoph, womit er meinte, daß er kein Schulphilosoph sei. So ist sein Buch ein Werk, in dem sich Theorie und Praxis nahtlos verbinden. Das verleiht ihm eine dauernde Geltung.

Wer heute sein Werk liest, das ganz im Stil der Zeit und mit wissenschaftlicher Gründlichkeit geschrieben ist, muß immer das Zeitbedingte von dem zeitlos Gültigen trennen. Dazu reicht das Lesen einzelner Kapitel und Abschnitte nicht aus, das Buch will als Ganzes verstanden werden. Clausewitz geht es nicht um eine moralisch-ethische Wertung des Krieges, wie sie etwa bei Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831) oder noch Scheler (1874-1928) im Vordergrund stand. Er will Politikern und Soldaten ganz pragmatisch den Krieg als ein Instrument der Politik zeigen. Sein Wesen und seine Einordnung werden damit bestimmt.

Clausewitz drang über die historischen Gegebenheiten seiner Zeit hinaus vor und erkannte durch alle Erscheinungs­formen hindurch das Wesen des Krieges. Er geht von den Unwägbarkeiten des Lebens aus und gelangt zu einer Theorie des Krieges. Sie wird aber nie zum Dogma. Auch verfällt er niemals in ein Systemdenken. Er betrachtet den Krieg als Phänomen und schafft Maßstäbe für das Urteil. Durch den Berliner Professor Kiesewetter mit Kants induktiven und deduktiven Wegen bei der Untersuchung der Probleme vertraut, betrachtete er sie nach allen Seiten hin und bis in ihre letzten Tiefen. Obwohl es schwierig ist, ein paar wenige der wichtigsten Gedanken grundsätzlicher Art aus den acht Büchern des Werkes herauszustellen und auf so engem Raum wiederzugeben, soll dennoch in Anlehnung an Werner Hahlweg der Versuch unternommen werden.222

»Der Krieg«, sagt Clausewitz, »ist ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen«. Das führt logisch dazu, daß es in der Anwendung der Gewalt keine Grenzen gibt. Überträgt man diesen Gedanken auf unsere Zeit, so wäre es z.B. theoretisch bei einer Eskalation des Kriegsgeschehens nicht möglich, taktische Atomwaffen einzusetzen, ohne damit gleichzeitig den Einsatz der strategischen Waffen auszulösen.

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Doch Clausewitz stellt diesem abstrakten Gedankengang sofort die praktische Wirklichkeit entgegen. Dabei muß er die Verschiedenartigkeit der einzelnen Kriege nach ihrer Natur und ihren Verhältnissen feststellen. Die Spanne der angewandten Gewalt reicht von der bewaffneten Beobachtung und militärischen Demonstration über alle Kriegsarten hinweg bis zum Vernichtungskrieg. Alle Aussagen von Clausewitz sind von dem Gedanken beherrscht, daß der Krieg ein Instrument der Politik ist. Die Politik leitet ihn ein, beherrscht ihn während seines Verlaufs und muß ihn beenden. Wörtlich sagt er: »Das Unterordnen des politischen Gesichtspunktes unter den militärischen wäre widersinnig, denn die Politik hat den Krieg erzeugt; sie ist die Intelligenz, der Krieg aber bloß das Instrument und nicht umgekehrt.« Dieser Grundsatz ist zweifellos auch heute noch richtig. Nur müssen wir angesichts der Bedrohung durch atomare, chemische und biologische Waffen heute hinzufügen, daß der Krieg kein gangbares Instrument der Politik mehr ist, weil er die Vernichtung bzw. Selbstvernichtung der Kriegführenden beinhalten kann.

 

Unter den moralischen Größen, die Clausewitz zu den »wichtigsten Gegenständen des Krieges« zählt, führt er vor allem die kriegerischen Tugenden des Heeres an wie Disziplin, Furchtlosigkeit, Kampfgeist, Kühnheit, der in der Führung ein überlegener Geist zur Seite steht, und Beharrlichkeit, das einmal gesteckte Ziel zu erreichen. Die Theorie ist der zweckmäßigen und erfolgreichen Kriegsführung unabdingbar. Sie bleibt aber immer Betrachtung und wird niemals Doktrin. Sie geht von der Lebenswirklichkeit aus und wird stets von der Praxis überprüft. So entsteht eine Wechselwirkung zwischen beiden. 

Friktionen, Reibungen, scheiden die Theorie am stärksten von der Wirklichkeit des Krieges. Dort sind sie durch individuelle Umstände, menschliche Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit bedingt. Da sie stets gegeben sind, müssen Friktionen in allen Planungen berücksichtigt werden. Daß nie alles so ablaufen kann, wie es geplant ist, daß es also immer und überall Friktionen geben kann und wird, gehört zu den wichtigsten Erfahrungen im Krieg. Zweck, Ziel und Mittel müssen miteinander im Einklang stehen. Der Krieg ist ein Mittel zur Erreichung eines politischen Zweckes. Die Kriegsziele und die dazu aufzubringenden Mittel können sich nur aus dem Gesamtüberblick aller Verhältnisse ergeben.

Angriff und Verteidigung sind die beiden Formen des Krieges. Die Verteidigung erscheint als die an sich stärkere. Kriegführen kann jedoch niemals aus reiner Abwehr bestehen. Daher ergänzen sich beide, ja ein wesentliches Moment der Verteidigung liegt darin, daß der sich Verteidigende mit dem »blitzenden Vergeltungsschwert« zum Gegenangriff übergeht.

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Ziel des Angriffs, wie der Verteidigung, ist die Vernichtung des Feindes dadurch, daß die feindlichen Streitkräfte kampfunfähig gemacht werden. Die Entscheidung ist jedoch nur im Angriff oder Gegenangriff zu erreichen.

Schon Moltke (1800-1891) hat den Clausewitzschen Satz vom Primat der Politik bei der Einleitung, während des Verlaufes und bei Beendigung eines Krieges abwandeln wollen. Er glaubte, die politische Staatsführung ihres beherrschenden Einflusses berauben zu müssen, solange die Waffen sprechen. Die Konflikte mit Bismarck (1815-1898) ergaben sich 1866 und 1870/71 daraus. Diese Tendenz verstärkte sich im deutschen Heer immer mehr, so daß es zu einem nach »Perfektionierung strebenden Empirismus«, zum »Hang zum Aufstellen von Regeln oder Gebrauchsanweisungen«, zum »Bemühen, Lehrbücher über den Krieg im Sinne eines verengenden, von den übrigen Lebensbereichen [insbesondere von der Politik] losgelösten handwerklichen« Handelns kam.223

Ludendorff wandte sich in seinen Schriften »Kriegführung und Politik« (1922) und »Der totale Krieg« (1935) am entschiedensten von Clausewitz ab. Paradoxerweise stellte er sogar die Forderung auf, die Politik habe dem Krieg zu dienen! Bei den deutschen Politikern war, von einigen Ausnahmen abgesehen, die Clausewitzsche Lehre kaum bekannt, sehr zum Schaden des deutschen Volkes in beiden Weltkriegen. Dennoch führte fast jeder aus dem Zusammenhang gerissene Zitate im Mund.

 

Anders dagegen verhielt es sich mit den Vertretern des revolutionären Marxismus. Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895) hatten die Bedeutung des Buches »Vom Kriege« richtig erkannt. Sie waren die ersten, die es von der politisch-philosophischen Seite her betrachteten und für ihre revolutionäre Praxis nutzbar machen wollten. In diesem Sinne studierte auch W.I. Lenin (1870-1924) das Werk, wobei er es mit zahlreichen Anmerkungen versah. Er zog daraus Lehren und Folgerungen für den Kampf um Begründung und Erhaltung der Sowjetmacht.

Die Anwendung Clausewitzscher Lehren durch Lenins Nachfolger im Zweiten Weltkrieg verschaffte der Sowjetunion in Europa die Ausgangsstellung für ihre spätere Politik; Berlin, Sachsen und Thüringen sind dafür hervorragende Beispiele. Die Besetzung dieser Länder durch sowjetische Truppen entsprach vollkommen dem Clausewitzschen Gedanken aus dem ersten Kapitel des ersten Buches, daß »der politische Zustand, welcher [dem Krieg] folgen wird, durch den Kalkül schon auf ihn zurückwirkte«. Ähnliches gilt für die sowjetische Besetzung des Balkans am Kriegsende, allerdings als die Kampfhandlungen noch im Gang waren.

Der gewaltige wissenschaftliche Fortschritt, vor allem auf technisch-naturwissenschaftlichem Gebiet, der Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts begann und sich nun im Vergleich zu den Jahrtausenden zuvor mit geradezu rasender Geschwindigkeit vollzog, wirkte sich auch auf die Kriegführung aus.

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An Militärakademien und Kriegsschulen in den deutschen Ländern und im Ausland wurden die Erkenntnisse der Wissenschaften zunächst einem Kreis ausgewählter Offiziere, dann einer immer größer werdenden Anzahl von ihnen vermittelt. Von jetzt ab gab es auf wissenschaftlichem Gebiet nichts mehr, an dem die führenden Soldaten vorbeigehen konnten, ohne sich einer groben Vernachlässigung ihrer Pflichten schuldig zu machen.

Studien zur Ausnutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse für das Kriegswesen konnte zwar jeder Offizier ausarbeiten und sie entweder auf dem Dienstweg seinen Vorgesetzten oder in den zahlreichen Fachblättern der späteren Zeit der interessierten Leserschaft zur Kenntnis bringen. Aber es mußte auch Offiziere geben, zu deren Dienstpflichten diese Aufgaben gehörten. Naturgemäß waren sie Angehörige des Generalstabs.

Diese Generalstäbe wurden zum ersten Mal in ihrer heutigen Form in Preußen durch Scharnhorst gebildet. Die ihnen angehörenden, besonders befähigten und hervorragend ausgebildeten Offiziere waren nun die unentbehrlichen Gehilfen des Truppenführers, also des Führers eines Großverbandes von der Brigade aufwärts, die die notwendigen Führungsgrundlagen erarbeiteten und damit die Entscheidung und den Entschluß des Truppenführers auf eine feste Grundlage stellten.

Dabei unterschied man allmählich zwischen dem Großen Generalstab, an dessen Spitze der Chef des Generalstabs des Heeres stand, der für die Gesamtoperationen verantwortlich war, und den Truppengeneralstäben, die die Führer der Großverbände in Gefecht und Schlacht unterstützten.

Das Neuartige an dieser Art von Generalstäben gegenüber den alten General­quartier­meister­stäben, die vornehmlich verwaltungstechnische Aufgaben und solche für die Übermittlung von Befehlen des Feldherrn hatten, bestand in der exakten Erarbeitung der Führungsgrundlagen in Krieg und Frieden aufgrund von Erfahrungen und unter Einbeziehung der naturwissenschaftlich-technischen Gegebenheiten. Sie befaßten sich mit Gliederungsfragen und Aufmarschplänen für den Kriegsfall, der Aufklärung fremder Heere und Festungen, dem Aufstellen von Kriegsplänen, der Herstellung und Verteilung von Karten sowie mit der Kriegsgeschichte. 

Wie sehr dennoch alles auf die Praxis bezogen war, zeigt eine »Instruktion für die höheren Truppenführer«, die die Erfahrungen des Krieges von 1866 wiedergibt und der ältere Moltke nach einem Entwurf der kriegsgeschichtlichen Abteilung des Generalstabes bearbeitet hatte.

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In dieser Arbeit heißt es:

»Das Feld der realen Tätigkeit für die Armee ist der Krieg; ihre Entwicklung aber, ihre Gewöhnung und ihr längstes Leben fallen in die Zeit des Friedens. Dieser Gegensatz birgt eine Schwierigkeit für die zweckmäßige Ausbildung und die Gefahr eines plötzlichen Übergangs.

Das moralische Element kommt im Frieden seltener zur Geltung, im Kriege bildet es die Bedingung jeglichen Erfolges, den wahren Wert einer Truppe. Im Kriege wiegen die Eigenschaften des Charakters schwerer als die des Verstandes. Beim kriegerischen Handeln kommt es oft weniger darauf an, was man tut, als darauf, wie man es tut. Fester Entschluß und beharrliche Durchführung eines einfachen Gedankens führen am sichersten zum Ziel.

Gesteigerte Anforderungen stellt der Krieg an den Offizier, welcher das Vertrauen des Soldaten durch sein persönliches Verhalten zu erwerben hat. Von ihm wird erwartet, daß er Ruhe und Sicherheit auch in den schwierigsten Lagen bewahrt, ihn will man an der Spitze sehen, in dem Hauptmann und dem Rittmeister, auf den alle Blicke gerichtet sind, liegt die Kraft der Armee.

Aber diese Kraft muß durch die Intelligenz der Führer geleitet werden, auf welchen, je höher sie stehen, eine um so schwerere Verantwortlichkeit ruht. ... Nachrichten können absichtlich oder unabsichtlich entstellt sein, und mehr oder weniger spiegelt sich in ihnen stets eine individuelle Auffassung ab. Aus solchem Dunkel ringsumher muß das Richtige herausgefühlt, oft nur erraten werden, um Befehle zu erlassen, deren Ausführung unberechenbare Zufälligkeiten und nicht vorherzusehende Hindernisse in den Weg treten. In diesem Nebel der Ungewißheit aber muß wenigstens eins gewiß sein — der eigene Entschluß ... Einfaches Handeln, folgerichtig durchgeführt, wird am sichersten das Ziel erreichen.

Die Lehren der Strategie gehen wenig über die ersten Vordersätze des gesunden Verstandes hinaus; man darf sie kaum eine Wissenschaft nennen; ihr Wert liegt fast ganz in der konkreten Anwendung. Es gilt, mit richtigem Takt die in jedem Moment sich anders gestaltende Situation aufzufassen und danach das Einfachste und Natürlichste mit Festigkeit und Umsicht zu tun.

Ohne einen bestimmten Zweck und anders als für die Entscheidung alle Kräfte zusammenzufassen, ist ein Fehler. Für diese Entscheidung freilich kann man niemals zu stark sein, und dafür ist die Heranziehung auch des letzten Bataillons auf das Schlachtfeld unbedingt geboten. Für die Operationen solange wie möglich in der Trennung zu verharren, für die Entscheidung rechtzeitig versammelt sein, ist die Aufgabe der Führung großer Massen.

Der Sieg in der Waffenentscheidung ist das wichtigste Moment im Kriege. Der Sieg allein bricht den Willen des Feindes und zwingt ihn, sich dem unsrigen zu unterwerfen. Nicht die Besetzung einer Strecke Landes oder die Eroberung eines festen Platzes, sondern allein die Zerstörung der feindlichen Streitmacht wird in der Regel entscheiden. Diese ist daher das vornehmste Operationsobjekt.

Der Charakter der heutigen Kriegführung ist bedingt durch das Streben nach großer und schneller Entscheidung. Die Stärke der Armeen, die Schwierigkeiten sie zu ernähren, die Kostspieligkeit des bewaffneten Zustandes, die Unterbrechung von Handel und Verkehr, von Gewerbe und Ackerbau, dazu die schlagartige Organisation der Heere und die Leichtigkeit, mit welcher sie versammelt werden. - Alles drängt auf rasche Beendigung des Krieges. Die Vorbereitung zur Schlacht ist daher Hauptaufgabe der militärischen Ausbildung224

 

Was uns Moltke hier mitteilt, sind empirische Erkenntnisse, die auf wissenschaftlicher Grundlage ruhen. Daher wurden diese Grundlagen auch folgerichtig von der kriegsgeschichtlichen Abteilung des Generalstabs erarbeitet. Grundlagen der meisten Erfahrungen auf rein militärischem Gebiet waren aber die neuen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und Erfindungen, zu denen zunächst einmal die Ausnutzung der Eisenbahnen, später der Motorfahrzeuge, der Luftfahrzeuge, zunächst der Ballons, dann der Zeppeline und Motorflugzeuge, bei denen man das Beobachten aus der Vogelperspektive erst lernen mußte — in der Schlacht bei Solferino 1859 erkannte z.B. ein französischer Fesselballon zwei in Massen aufgestellte österreichische Korps nicht —, dann der neuen Fernmeldemittel wie des Telegrafen und später des Funks.

Diese technischen Grundlagen zwangen dazu, eine der wichtigsten Methoden der Naturwissenschaften anzuwenden, das Experiment. Auf militärischem Gebiet waren dies Manöver und Übungen. Sicher hatte sie es bereits seit dem 17. Jahrhundert gegeben, aber damals bestanden sie aus Truppenschauen, mit denen man die eigene Bevölkerung und den möglichen Feind beeindrucken und die Exerzierkunst der Truppe überprüfen wollte. Vom 19. Jahrhundert ab dienten Manöver jedoch der Untersuchung von Führungsgrundsätzen und der Übung der Truppenführer. Moltke hatte klar erkannt, daß die Lehren der Strategie wenig über die ersten Vordersätze des gesunden Verstandes hinausgingen. Sie aber auf Massenheere anzuwenden, ist eine Kunst, die nur durch ständige Übung in Manövern und Planspielen errungen werden kann. 

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