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Materialschlachten des Ersten Weltkrieges

  Anmerk  

 

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Doch wir sind den Ereignissen etwas vorausgeeilt. Am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts beherrschte aufgrund der philosophischen Strömungen des ausgehenden letzten Jahrhunderts der Material­ismus das Denken der Völker Europas. Er erkannte allein in der Materie den Grund und die Substanz aller Wirklichkeit.

Der ethische Materialismus, der nur die nutz- und genießbaren Güter erstrebenswert findet und die Anerkenn­ung eines Reiches autonomer, nicht-materieller Werte ablehnt, bestimmte weitgehend die imperialistische Außen­politik aller Großmächte und begann auch im Volk Fuß zu fassen. Die Massen fühlten sich zu ihm hingezogen, weil sie mit seiner Hilfe durch ihre große Zahl ihre Ziele zu erreichen hofften, durch ihr »Gewicht«, und sich selbst dabei als etwas Körperhaftes empfanden.

Es konnte nicht ausbleiben, daß diese materialistische Grundhaltung auch auf das militärische Denken des beginnenden 20. Jahr­hunderts einwirkte und in den großen Materialschlachten des Ersten Weltkrieges ihren sichtbaren Ausdruck fand. Im Zeitalter des modernen Imperialismus setzten zunächst die alten Kolonialmächte ihre teils im 16. Jahr­hundert begonnene und bis ins 20. Jahrhundert betriebene Kolonialpolitik fort. An ihrer Spitze standen England und Frankreich.

Doch etwa ab 1880 beteiligten sich auch das Deutsche Reich, Italien und die Vereinigten Staaten an dem Kampf um die wirtschaftliche und politische Aufteilung der Welt. Reale Machtpolitik hatte zur Bildung der neuen Nationalstaaten Deutschland und Italien geführt. Die dabei erzielten Erfolge bestärkten die Großmächte und Staaten mittlerer Größe in der Ansicht, daß nur Nationen mit dem Willen zur Macht den Kampf ums Dasein bestehen könnten. 

So kam es zu einem Wettrüsten, vor allem zur See, weil man annahm, die Weltherrschaft beruhe auf der Kontrolle der Meere. Da keine der Großmächte sich für stark genug hielt, den Kampf mit einer anderen allein aufzunehmen, wurden Bündnisse abgeschlossen, die immer mehr ihren defensiven Charakter verloren. Die militärischen Klauseln der Bündnisse sollten in verhängnisvoller Weise zur Automation der Kriegserklärungen im Sommer 1914 führen.

Als Ursachen, die 1914 zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges führten, müssen zunächst die machtpolitischen Gegensätze im europäischen Staatensystem angesehen werden. Dazu kamen u.a. die deutsch-britischen Rivalitäten im Flottenbau, die Schwierigkeiten der Österreich-Ungarischen Monarchie bei der Lösung des National­itäten­problems (vor allem des Slawenproblems) sowie die präventiv ausgelösten Mobilmachungen.


Allerdings waren letztere durch die relativ lange Dauer von Mobilmachung und Aufmarsch sachlich begründet. Von weit geringerer Bedeutung als früher angenommen waren dagegen die Revanchepolitik Frankreichs, die Ideen der »Alldeutschen« und die deutsch-britische Wirtschaftsrivalität. Überhaupt können wirtschaftliche Gegensätze als Kriegsursache nun so gut wie ganz ausgeschlossen werden. Neuere Forschungen haben das eindeutig ergeben. 

Der Krieg zur Lösung von Wirtschaftsproblemen oder nur Erlangung wirtschaftlicher Vorteile gehörte der Zeit der »Hochflut des Materialismus« an, aber nicht mehr dem 20. Jahrhundert. Doch waren damit keineswegs die materialistischen Anschauungen überwunden. Es trat nur ein anderer Aspekt dieses Materialismus in den Vordergrund, die Machtpolitik. Daneben stand nach wie vor das Nationale. Die Menschen der am Ersten Weltkrieg beteiligten Völker vermochten diese kalten, nüchternen und egoistischen Gründe nicht zu durchschauen, im Gegenteil, in einem wahren Taumel der Begeisterung, der die Realitäten wie mit einem Schleier verdeckte, zogen sie auf die Schlachtfelder, wo erst nach etwa zwei Jahren eine gewisse Ernüchterung eintrat. Die beteiligten Völker befanden sich, wie schon einmal angedeutet, durch den idealistischen Nationalismus und das materialistische Machtstreben in einer doppelten Umklammerung. Selbst die Vertreter der Kirchen gaben sich diesem allgemeinen Taumel hin und segneten auf beiden Seiten die Waffen, die doch Tod und Verderben bringen sollten.

Das Kriegsbild, das man sich in allen militärischen Führungsstäben Europas gemacht hatte, basierte wesentlich auf den Erfahrungen aus den Feldzügen der Jahre 1859, 1866 und 1870, weniger auf den Erkenntnissen aus dem russisch-japanischen Krieg in der Mandschurei. Der Feldzug gegen die französische Republik von 1871 blieb ebenso unberücksichtigt. Vor allem erkannte man auf der taktischen und operativen Ebene nicht, wie groß die abstoßende Wirkung der modernen Feuerwaffen, vor allem der Maschinengewehre war. Durch sie errang bei einem Abwägen der beiden Elemente des Gefechts, Feuer und Bewegung, das Feuer als typisches Symptom für den herrschenden Materialismus die Oberhand. Diese Waffen waren echte Erzeugnisse des technischen 20. Jahrhunderts, während die Bewegungsmittel vorerst immer noch die gleichen waren wie im 19. Jahrhundert. Alle Kriege, auf die sich die europäischen Generalstäbe bei ihren Planungen stützten, waren durch eine einzige oder einige wenige große Schlachten entschieden worden. Auf diese Entscheidungs­schlachten hin wurden alle europäischen Heere ausgebildet, erzogen, gegliedert und ausgerüstet. Selbst die Versorgung blieb daher auf eine kurze Kriegsdauer abgestellt.

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Die allgemeine Wehrpflicht, die zunächst nur in Großbritannien nicht bestand, und die relativ geringe technische Ausstattung erlaubten das Aufstellen von Massenheeren. Lediglich Großbritannien und später auch die Vereinigten Staaten planten für eine lange Kriegsdauer. Doch entsprang dieser Plan bei den Briten weniger einer tieferen Einsicht des Generalstabs als vielmehr dem Unvermögen, mit dem britischen Werbesystem sofort ein für die Entscheidungsschlacht genügend starkes Heer aufstellen zu können. Vorläufig verfügte man nur über ein reguläres Heer von vier, dann sechs Infanteriedivisionen mit einiger Kavallerie und über eine Territorialarmee, die nicht sofort einsatzbereit war. Dem weitschauenden Kriegsminister Lord Kitchener war es zu verdanken, daß nach Einführung der Wehrpflicht die britische Armee mit über einer Million Mann in Frankreich auftrat, allerdings erst ab 1916. Die Vereinigten Staaten lernten aus der Erfahrung. Die beiden Seemächte wollten durch eine steigende materielle Überlegenheit den Feind erdrücken. Es sollten dabei nicht nur der personelle Einsatz, sondern vor allem das Material den Ausschlag geben.

Natürlich kann in unserem Rahmen nicht der ganze Kriegsverlauf geschildert werden. Doch sollen einige wenige Beispiele dazu dienen, das Charakteristische an diesem Krieg aufzuzeigen. Die Deutsche Oberste Heeresleitung unter dem Chef des Generalstabs Helmuth von Moltke (1848-1916), einem Neffen des großen Feldherrn im Krieg von 1870/71, beabsichtigte, mit der 1. bis 7. Armee den entscheidenden Schlag innerhalb von sechs Wochen nach Mobilmachung im Westen zu führen. Sie stützte sich dabei auf die vom Generaloberst Graf Schlieffen ausgearbeiteten operativen Grundlagen, die aber bereits vor Beginn des Feldzuges abgeändert wurden. 

Zuungunsten des zur Entscheidung vorgesehenen rechten Flügels verstärkte sie die Kräfte in Elsaß-Lothringen, um dort einer französischen Offensive entgegentreten zu können. Wie so oft in der Kriegsgeschichte entschied auch hier wieder der verfehlte Kräfteansatz über den Ausgang der Operation. Der Fehler wurde durch die politisch falsche Entscheidung eines Durchmarsches durch Belgien noch größer. Militärische Zweckmäßigkeit muß nicht immer politischer Klugheit entsprechen. Doch belastet diese falsche Entscheidung die deutschen Politiker mehr als die deutschen Militärs. Es ist behauptet worden, der deutsche Generalstab habe diese Schritte unternommen, ohne die politische Führung davon zu unterrichten. Das mag bis zu einem gewissen Grad zutreffen. Aber die politische Führung hätte ihre Gegenargumente dennoch deutlicher vortragen müssen. Traditionellerweise konnte vor allem Großbritannien aus politischen und strategischen Gründen sein Standbein auf dem europäischen Kontinent nicht kampflos preisgeben. Dies gab den letzten Anstoß zu seinem Eintritt in den Krieg.

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Ein schwaches Land wie Belgien dagegen konnte seine Unabhängigkeit nicht mehr im Sinne der alten Pufferstaaten des 18. und frühen 19. Jahrhunderts bewahren — dieses Konzept hatte seine Gültigkeit verloren, nachdem der Krieg nicht mehr Kabinettskrieg war —; zwischen zwei Großmächten oder zwei Mächteblöcken können, und das wird die Geschichte immer wieder lehren, sich neutral erklärende Staaten nicht behaupten, wenn es zu einer großen Auseinandersetzung kommt. Sie müssen sich von vornherein für die eine oder andere Seite entscheiden. Belgien zahlte in diesem Krieg daher einen mehr als bitteren Preis.

Insbesondere das deutsche Heer strebte aufgrund der Lehren des Grafen Schlieffen (1833-1913) die Umfassungsschlacht an, die zur Vernichtung des Feindes führen sollte. Daß zur Durchführung dieses Planes das Heer modernisiert werden mußte, scheint Schlieffen gewußt zu haben. Er machte die schwere Artillerie zu einer modernen Feldtruppe, stellte Transportverbände zur Steigerung der Beweglichkeit des Feldheeres auf und sorgte für eine starke und leistungsfähige Gliederung der Versorgungsverbände. Der Prototyp von Schlieffens Feldherrn, des »modernen Alexander«, führte nicht mehr vom Schlachtfeld aus, sondern weit von der Truppe abgesetzt allein durch gedankliche Arbeit. Besonders diese letztere Vorstellung sollte zur Ursache vieler Fehlentscheidungen werden. Auch die spätere Kritik am Schlieffenplan hakte vor allem bei seinen zu theoretischen Vorstellungen ein.

Wie schon flüchtig erwähnt, wurde der Schlieffenplan zur Niederringung Frankreichs nicht in seiner ursprünglichen Form durchgeführt. Moltke schwächte den rechten Flügel zugunsten der in Elsaß-Lothringen stehenden Kräfte und nach Beginn der Operation ein zweites Mal, um die in Ostpreußen benötigte 8. Armee zu verstärken. Beiden Maßnahmen lag der Wille zugrunde, kein Stück deutschen Bodens dem Feind zu überlassen. Das mag politisch zu rechtfertigen sein, militärisch war es ein Fehler. Friedrich der Grosse hatte im Siebenjährigen Krieg Ostpreußen bedenkenlos von Truppen entblößt, um an der entscheidenden Stelle stark genug sein zu können.

Nach der siegreichen Grenzschlacht stieß der rechte Flügel des deutschen Westheeres energisch gegen Belgien und Nordostfrankreich vor (s. Fig. 13). Die deutsche 5. Armee hatte am 5. September 1914 den linken Schwenkungspunkt im Raum Verdun erreicht. Die deutsche 1. Armee, die rechte Flügelarmee, stand ostwärts Paris. Nach Schlieffens Plan hätte sie jedoch westlich an Paris vorbeistoßen müssen. Die zu geringen Kräfte und vor allem die eintretenden Versorgungsschwierigkeiten durch eine Entfernung der am weitesten vorgedrungenen Truppen von 160 km vom Eisenbahnendpunkt ließen dies nicht zu.

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Fig. 13   Die Marne-Schlacht 1914 

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Ludendorff erkannte später, daß die Truppe nicht mehr als 120 km über ihre Eisenbahnendpunkte (Kopfbahnhöfe) hinaus vordringen kann, ohne ihre sichere und ausreichende Versorgung zu gefährden. Das war zwar eine beträchtliche Erweiterung des Aktions­radius, den der ältere Moltke noch mit 70 km von den Eisenbahnendpunkten angegeben hatte, zeigte aber, daß 160 km, wie in der sich anbahnenden Marneschlacht, bei weitem zu viel waren. Hier zeigte sich einer der Fehler bei der Ausführung des Schlieffenplanes. 

In ihrer operativ ungünstigen Lage ostwärts Paris mußten die am rechten Flügel vorgehende deutsche 1. und 2, Armee nördlich und südlich der Marne Front gegen Paris machen. Allein die deutsche 3. Armee stieß mit nur drei Korps weiter nach Süden vor. Außerdem ging die Deutsche Oberste Heeresleitung noch während der im Gang befindlichen Operationen vom Gedanken der Umfassung ab. Sie versuchte, mit der 6. und 7. Armee die französische Front an der Mosel zu durchbrechen, und setzte daher ihre Heeresreserven zur Verstärkung der 6. Armee ein. Zwar kann eine rasche Schwerpunktverlagerung äußerst zweckmäßig sein. Sie führt aber nur zum Erfolg, wenn der ursprüngliche Operationsplan dadurch nicht völlig aufgegeben wird, wie es hier offensichtlich geschehen war.

Der französische Oberbefehlshaber General Joffre (1852-1931) erkannte die schwierige deutsche Lage und entschloß sich zum Gegenangriff durch Umfassung der beiden Flügel der deutschen Schwenkungsarmeen. Doch Generaloberst Kluck, der Oberbefehlshaber der 1. Armee, kam ihm mit einer kühnen Bewegung nach Nordwesten zuvor und brachte die französische 6. Armee am Ourcg zum Stehen. Unter weiterer Entblößung seiner Südfront setzte Kluck zur Umfassung des Nordflügels der französischen 6. Armee an. Am 8. September bereits zeigten sich die ersten deutschen Erfolge.

In dieser Gefahr warf General Gallieni eine Division mit 1100 Pariser Kraftfahrzeugen, meist Personenkraft­wagen, zur Verstärkung der bedrohten französischen 6. Armee an die Front, allerdings ohne greifbare Auswirkungen. Dennoch war dies der erste Versuch, einen Großverband mit dem Kraftfahrzeug zu transportieren. In der volkstümlichen Legende wurde er allerdings überbewertet. Klucks kühne Operation hatte aber eine Frontlücke gegenüber dem britischen Expeditionskorps und dem linken französischen Flügel der 5. Armee verursacht, die nur durch schwache deutsche Kräfte überwacht wurde. In sie hineinstoßende britisch-französische Verbände errangen am 6. September Anfangserfolge. Die deutsche 2. Armee wurde zu einem Defensivhaken nach Westen gezwungen.

In dieser Krise der Schlacht sprach sich General Bülow, der Oberbefehlshaber der 2. deutschen Armee, für einen Rückzug aus, um vor allem die Frontlücke schließen zu können. Kluck hingegen wollte den Angriff unentwegt fortsetzen.

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Zur Klärung der Lage und zur Koordinierung der Maßnahmen der Oberbefehlshaber der deutschen Flügel­armeen hatte der Chef des Generalstabs, Generaloberst Moltke, den Oberstleutnant i.G. Hentsch mit besonderen Vollmachten an die Front gesandt. Dieser stimmte dem Rückzugsbefehl des Oberbefehlshabers der deutschen 2. Armee zu, ohne daß dieser mit Kluck Fühlung aufgenommen hatte. Gegen dessen Willen mußte nun auch die deutsche 1. Armee den Rückzug antreten. Das »Wunder an der Marne« war geschehen. Nach der Schlacht versuchten beide Seiten, dem Feind die Nordflanke abzugewinnen, doch der »Wettlauf zum Meer« brachte keine operativen Früchte. Aufgrund des Übergewichts des Feuers über die Beweglichkeit erstarrte die gesamte Front von der Schweizer Grenze bis zur See im Stellungskrieg. Die wahre Bedeutung der Marneschlacht hat damals nur Lord Kitchener erkannt. Er behauptete, nicht die Schlacht, sondern der Krieg sei zugunsten der Alliierten entschieden worden. Je länger der Krieg dauerte — und mit einer langen Dauer war nun zu rechnen —, um so mehr mußte sich die materielle Überlegenheit der Alliierten auswirken.

Der Krieg war in Wirklichkeit schon entschieden, und zwar in einer Entscheidungsschlacht. Aber keines der sich bekämpfenden Heere, die nach Moltke das Operationsobjekt darstellen, war aus dem Feld geschlagen. So mußte es zu einer jahrelangen Agonie beider Seiten kommen, zu einem Abnutzungskrieg im Sinne Grants, bei dem schließlich die materielle und technische Überlegenheit den Ausschlag geben sollte. In bezug auf diese Auseinandersetzung zwischen Mensch und Material hat der spätere Schöpfer der Deutschen Reichswehr, Generaloberst Hans von Seeckt (1866-1936), treffend gesagt: »Das Material hat über die Menschenmasse, nicht über den Menschen selbst gesiegt und wird das nie, weil es nur in der Hand des Menschen Leben gewinnt. Der Fehler liegt darin, daß man eine unbewegliche, fast wehrlose Menschenmasse einer brutalen Materialwirkung gegenüberstellte.«

Alle Feldherren setzten nun in symptomatischer Weise ihre Hoffnungen auf das Material, von dem sie eine rasche Entscheidung erwarteten. Sie unterschätzten aber alle ebenso die Seelenkraft des Menschen.

Der Materialismus, den die Menschheit überwinden muß, wurde von Marx, Darwin und Haeckel, besonders wirkungsvoll aber von Marx und später Lenin, philosophisch begründet und politisch in die Tat umgesetzt. Zusammen mit dem materialistischen Kapitalismus der Vereinigten Staaten führte dies zu den barbarischen Menschenschlächtereien in den Materialschlachten des Ersten Weltkrieges. Kein Heer kann besser sein als seine Zeit. Denkt die Zeit materialistisch, so denken auch die Heerführer so. Diese Materialschlachten begannen mit der geradezu als pervers zu bezeichnenden Idee des Generals von Falkenhayn, Moltkes Nachfolger, die Franzosen vor Verdun ausbluten zu lassen.

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 Die sich anschließende Zermürbungsschlacht endete nach deutschen Anfangserfolgen ohne Entscheidung. Das deutsche Ziel aber wurde nicht erreicht. Hier finden wir das von General Grant im amerikanischen Sezessionskrieg gefundene Prinzip des Abnutzungskrieges in etwas veränderter Form von der strategischen auf die operative und taktische Ebene verlagert. Es war ein völlig untauglicher Versuch, der, wie die folgenden Materialschlachten der westlichen Alliierten, nur aus dem materialistischen Zeitgeist und aus der Hilflosigkeit der modernen Technik gegenüber entstehen konnte. Ein Ruhmesblatt für die führenden Generäle waren diese Materialschlachten genausowenig wie für die führenden Politiker, die sie billigten und oft sogar forderten.

Noch während die erbitterten Kämpfe bei Verdun tobten, bereitete sich die britische Armee auf eine Offensive an der Somme vor. Am 24. Juni 1916 setzte ein in diesen Ausmaßen noch nicht dagewesenes Trommelfeuer auf die deutschen Stellungen ein, das sieben Tage andauern sollte. Artillerieflieger und Fesselballons übernahmen die Feuerleitung. Dann brachen auf einer Breite von etwa 40 km 20 britische und 11 französische Infanteriedivisionen sowie 3 Kavalleriedivisionen gegen die Stellungen der anfänglich nur 11 Divisionen starken Verteidiger vor. Die Wirkung des von rund 3000 Geschützen mit enormen Munitionsmengen unterhaltenen Trommelfeuers, das durch den Einsatz von 309 Flugzeugen noch erhöht wurde, überstieg die Erwartungen, so daß die angreifende alliierte Infanterie im ersten Anlauf die vorderste deutsche Stellung überrannte. Dann aber machten rasch herangeführte Eingreifreserven und einzelne stehengebliebene Maschinengewehrnester ein weiteres Vordringen der in dichten Massen angreifenden Engländer und Franzosen unmöglich. Mit den herkömmlichen Kampfverfahren waren die jetzt gegliederten Abwehrstellungen nicht zu durchbrechen. Gerade das zu lange andauernde Trommelfeuer ermöglichte es, Reserven heranzuziehen und neue Abwehrstellungen aufzubauen. Militärisch wirkungsvoller waren dagegen die nur vier bis sechs Stunden dauernden Feuervorbereitungen der deutschen Artillerie vor den wenigen Durchbruchsschlachten, die das deutsche Heer noch führen konnte. Diese Zeit war so kurz, daß Reserven nicht mehr in genügender Menge herangeschafft werden konnten. Jedoch fehlte es dem deutschen Angreifer dann an den nötigen Truppen und Mitteln, um seine Erfolge ausnutzen zu können.

Als die britische Führung erkannte, daß mit den Materialschlachten keine Erfolge zu erzielen waren, setzte sie im September 1916 die ersten, in aller Heimlichkeit entwickelten Kampfpanzer ein, die damals den Tarnnamen »Tanks «trugen. Sie beging dabei den zweiten Fehler. Insgesamt waren es nur 49 Panzer, die den ersten Angriff an der Somme fuhren.

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Unaufhaltsam rollten sie vorwärts, bis sie von der deutschen Artillerie im direkten Beschuß vernichtet werden konnten. Der Fehler der britischen Führung bestand darin, beim ersten Einsatz dieser Waffe nur »gekleckert«, nicht aber »geklotzt« zu haben, um ein Wort Guderians zu gebrauchen. Es fehlte das Vertrauen in den Erfolg der neuen Waffe, und das Überraschungsmoment war damit zum größten Teil aus der Hand gegeben. Aber auch bei der deutschen Führung ergab sich eine Fehlbeurteilung, die sich bitter rächen sollte. Da die Artillerie die neuen Panzer wirkungsvoll bekämpft hatte, versäumte man es in der Folge, die Infanterie mit einer geeigneten Panzerabwehrwaffe auszurüsten.

Einen ähnlichen Fehler wie die Briten mit den Kampfpanzern beging die deutsche Führung mit dem Einsatz der ersten Kampfstoffe bei Ypern 1915. Es war der erste Griff nach einem Massenvernichtungsmittel; wiederum ein Symptom für die materialistische Zeit. Doch auch die Deutschen vertrauten diesen Kampfstoffen, wie man die Kampfgase militärisch nennt, nicht, so daß der erste Erfolg nicht ausgenutzt werden konnte. Der Materialismus des Denkens hatte zur Erstarrung der Fronten geführt und bot keine andere Lösung als das Abschlachten von Millionen tapferer Menschen auf beiden Seiten.

Waren die Heere der damaligen Feindmächte um mehr als das Doppelte den Mittelmächten überlegen, so prägte sich diese zahlenmäßige Überlegenheit der Alliierten bei den Flotten noch stärker aus. Sie lag nicht nur in der größeren Zahl der Schiffseinheiten, sondern auch in der Beherrschung der Weltmeere aufgrund eines starken Stützpunktsystems und der damit verbundenen besseren Versorgungsmöglichkeiten. Am eindeutigsten aber waren die Feindmächte auf wirtschaftlichem Gebiet und im Hinblick auf die Rohstoffquellen überlegen. Dieser Tatsache waren sich die westlichen Alliierten bewußt und verhängten kurz nach Kriegsausbruch die Blockade über die Mittelmächte. Es zeigte sich dabei, daß eine von den Weltmeeren abgeschnittene mitteleuropäische Macht nicht mehr in der Lage war, einen lang dauernden Krieg selbständig zu führen. Der Versuch, eine wirtschaftliche Autarkie zu errichten, hat sich auch im Zweiten Weltkrieg als unmöglich erwiesen. Natürlich war diese Blockade völkerrechtlich gesehen ein recht zweifelhaftes Mittel. Sie traf ja nicht nur die kämpfenden feindlichen Soldaten, sondern vor allem die Zivilbevölkerung einschließlich der Frauen, Kinder und Greise. Am schlimmsten aber war, daß nach dem am 11. November 1918 unterzeichneten Waffenstillstand die Blockade nicht aufgehoben wurde. Furcht vor einem erneuten Aufflammen des entsetzlichen Blutvergießens, aber leider auch Chauvinismus und Haß veranlaßten die Siegermächte, die Augen vor der Not der hungernden Zivilbevölkerung in den geschlagenen Ländern zu schließen und die Blockade aufrechtzuerhalten.

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Diese Tatsache und nicht zuletzt überzogene Forderungen bei den anschließenden Friedensverhandlungen legten den Grund für den folgenden, noch schrecklicheren Krieg.

Zum ersten Mal seit der Antike richtete sich der Krieg auch gegen alle Nichtkombattanten. Mit der Luftwaffe war die Möglichkeit gegeben, die zivile Bevölkerung auch unmittelbar anzugreifen, wie es z.B. beim Angriff der französischen Tiefflieger auf die Kinderprozession von Trier geschah. Die westlichen Alliierten waren sich der Zweifelhaftigkeit dieser Maßnahmen durchaus bewußt. Aber in ihrer Propaganda stellten sie dies alles als den Kampf gegen eine belagerte Festung dar, bei dem das Aushungern zu einem normalen Kampfmittel gehört. Darüber hinaus sprachen sie von einer Kriegsschuld der gesamten Bevölkerung Mitteleuropas, und gegen Schuldige an einem solchen Verbrechen wie dem Krieg durfte man nach den Worten ihrer Propaganda mit allen Mitteln vorgehen. Die übrige Welt glaubte es um so leichter, als fast alle damaligen Massenmedien von den Feindmächten Mitteleuropas beherrscht wurden. Die alleinige Schuld Deutschlands und Österreich-Ungarns am Ausbruch des Ersten Weltkrieges gilt heute aber als klar widerlegt.

Ganz anders verhielt sich dagegen die westliche Propaganda, als das Deutsche Reich seinerseits zu Mitteln griff, deren völkerrechtliche Rechtmäßigkeit noch nicht geklärt war. Doch zunächst sollte versucht werden, die Blockade auf konventionellem Weg zu brechen. Das Deutsche Reich verfügte über 18 Großkampfschiffe, 14 ältere Schlachtschiffe und 4 Schlachtkreuzer, die den Kern der Hochseeflotte bildeten. Ihnen standen 29 britische Großkampfschiffe der Heimatflotte gegenüber, die sich aus 20 älteren Schlachtschiffen und 9 Schlachtkreuzern zusammensetzte. Bei den älteren Linienschiffen und Panzerkreuzern der Vor-Dreadnought-Klasse fiel das Kräfteverhältnis mit etwa 2:5 noch deutlicher zugunsten Großbritanniens aus. 

Angesichts des ungleichen Kräfteverhältnisses wurde der deutsche Plan, sofort mit allen verfügbaren Einheiten die Entscheidungs­schlacht zu suchen, ab 1912 insofern abgewandelt, als man zunächst versuchte, durch einzelne Vorstöße ein ausgewogeneres Verhältnis zu schaffen und dann erst zur Entscheidungsschlacht anzutreten. Bis zu einem gewissen Grad kam die britische Führung diesem Plan entgegen, da sie den Vertreter des sofortigen offensiven Einsatzes durch Admiral John Jellicoe zu Kriegsbeginn ablösen ließ. Letzterer trat für die Verwendung der Heimatflotte zur Fernblockade ein. Eine Entscheidungsschlacht unter günstigen Verhältnissen blieb dabei nicht ausgeschlossen. Aber die Zurückhaltung der britischen Flotte führte auch dazu, daß es, von einigen Gefechten abgesehen, der deutschen Flotte nicht gelang, das Kräfteverhältnis zu ihren Gunsten zu ändern.

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Erst als Vizeadmiral Scheer (1863-1928) im Januar 1916 zum Chef der deutschen Hochseeflotte ernannt wurde, kam es am 31. Mai 1916 im Skagerrak zur einzigen großen Seeschlacht dieses Krieges. Trotz der fast doppelten Überlegenheit der britischen Flotte endete die Schlacht mit einem taktischen Sieg der Deutschen, da Admiral Jellicoe den Kampf abbrach.

Dank der überlegenen deutschen Feuerleitung und der größeren Sinksicherheit der deutschen Schiffe waren die britischen Verluste mit 3 Schlachtkreuzern, 3 Panzerkreuzern, einem Flottillenführer, 7 Zerstörern und 6094 Mann weit höher als die der deutschen, deren Verluste aus einem Schlachtkreuzer, einem älteren Linienschiff, 4 kleinen Kreuzern, 5 Torpedobooten und 2551 Mann bestanden.

Dennoch sprechen auch die Briten von einem Seesieg, nicht ganz zu Unrecht, denn nur ein strategischer Sieg der Deutschen durch die Vernichtung der britischen Heimatflotte hätte die Engländer zwingen können, die todbringende Blockade aufzuheben. Ein weiterer Versuch, die britische Seeherrschaft in der Nordsee mit Hilfe der Hochseeflotte zu brechen, wurde nicht unternommen.

Damit war auch die deutsche Flotte wie die österreichisch-ungarische in der Adria zur Rolle der »fleet in being« verurteilt. Der Entschluß, die Hochseeflotte in der Zukunft fast ausschließlich in den Häfen zurückzuhalten, war wohl mehr politisch als militärisch begründet. Doch ist immerhin zu bedenken, daß ein eventueller späterer deutscher Seesieg nur unter schweren Verlusten zu erringen gewesen wäre. Während die Briten die eigenen Verluste durch Einheiten aus Übersee und durch die Seestreitkräfte der Verbündeten hätten in etwa ersetzen können, wäre das auf deutscher Seite nicht möglich gewesen, da Planung, Entwicklung und Bau von Kriegsschiffen auch heute noch bis zu zehn Jahre dauern können.

Neben dem Einsatz der Hochseeflotte zur entscheidungssuchenden Schlacht setzte die deutsche Marine­leitung auch Kriegsschiffe in Übersee ein, um den Kampf gegen feindliche Kriegsschiffe und Stützpunkte aufzunehmen. Trotz anfänglicher Erfolge machte sich besonders nach dem Fall der meisten deutschen Kolonien der Mangel an Stützpunkten für diese Kräfte immer mehr bemerkbar. Dennoch konnte der Handelskrieg durch einzelne Kreuzer und Hilfskreuzer noch bis zum Kriegsende auf allen Weltmeeren mit gutem Erfolg fortgesetzt werden. Eine entscheidende Wende zugunsten der Mittelmächte brachte er naturgemäß nicht.

Die deutsche Führung setzte nun alle Hoffnung zur See auf den Einsatz der Unterseeboote. Diese neuartigen Kriegsschiffe hatten bereits im September 1914 ihre Gefährlichkeit bewiesen, als u.a. das deutsche »U 9« mehrere britische Panzerkreuzer versenkte. Als dann Großbritannien am 2. November 1914 die gesamte Nordsee zum Kriegsgebiet erklärte und sogar die neutralen Schiffe zwang, in der Nähe der britischen Küste zu fahren und sich einer strengen Kontrolle zu unterwerfen, erklärte das Deutsche Reich Mitte Februar 1915 den U-Boot-Handelskrieg.

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Scharfe amerikanische Proteste und völkerrechtliche Bedenken veranlaßten jedoch die deutsche Regierung, den U-Boot-Handelskrieg bereits im September 1915 praktisch wieder abzubrechen. Erst unter dem Druck der immer schwieriger werdenden Versorgungslage und um England innerhalb von fünf Monaten durch Abschneiden der Zufuhren in die Knie zu zwingen, eröffnete Deutschland am 1. Februar 1917 den »Uneingeschränkten U-Boot-Krieg«. Die Antwort der Vereinigten Staaten blieb nicht aus. Sie erklärten Anfang April 1917 Deutschland den Krieg.

Selbstverständlich wurde diese Art der Kriegsführung von den westlichen Alliierten für völkerrechtswidrig erklärt. Obwohl die damaligen Unterseeboote lediglich als Tauchboote zu bezeichnen sind, die nur zum Angriff auf Tauchstation zu gehen vermochten, sonst aber als Überwasserschiffe in ihre Einsatzräume fuhren, brachten sie mit einer Versenkungsziffer von ungefähr 8 Millionen BRT England an den Rand des Abgrunds. Aber durch den Ausbau des britischen Geleitsystems, die Bewaffnung der Handelsschiffe und den gewaltigen Anstieg des Handelsschiffbaues auf britischen und vor allem auf amerikanischen Werften sowie durch die Verbesserung der Abwehrwaffen gelang es, der tödlichen Bedrohung der englischen Versorgung Herr zu werden. Trotz großer Leistungen und höchstem Einsatzwillen blieb es den deutschen Unterseebooten versagt, das Kriegsglück noch einmal zu wenden.*

Insgesamt gesehen hat der Erste Weltkrieg gezeigt, daß vor allem durch die Teilnahme der Seemächte die Kontinentalmächte in die Rolle der belagerten Festung gedrängt wurden und damit auch wirtschaftlich unterlegen waren. Diese Lage ergab sich vor allem nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Krieg, der dadurch zum Weltkrieg wurde. Sie vermochten es, den Mittelmächten endgültig die Versorgung aus den so wichtigen überseeischen Gebieten abzuschneiden und darüber hinaus, trotz des deutschen U-Bootkrieges, ein Millionenheer auf dem europäischen Festland zu landen, von den enormen Materiallieferungen ganz abgesehen. Die Aufgabe der Alliierten bestand seit 1917 nur mehr darin, die Festung der Mittelmächte auszuhungern oder sturmreif zu schießen.

»Das Krisenjahr 1917 ist in der Geschichte des Ersten Weltkrieges das Jahr der eigentlichen Entscheidung gewesen... Die Geschichte dieses Jahres [wurde] nicht nur zum Wendepunkt des Krieges, sondern auch zu einem der erregendsten, noch keineswegs ausdiskutierten, wohl aber von unserem heutigen Abstand her wenigstens übersehbaren Problem der modernen Geschichte und... symbolisch zum Eingangstor in die Geschichte der Gegenwart...«231 Auch Rudolf Steiner unterstreicht die ungeheure Bedeutung dieses Jahres für die geschichtliche Entwicklung.232

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Mit diesem Jahr 1917, in dem die USA endgültig mit der Monroe-Doktrin brachen und sich zur westlichen Weltmacht aufschwangen, begann auch deren außereuropäischer materialistischer Einfluß auf dem europäischen Kontinent, zunächst bei den westlichen Alliierten, dann aber auch im besiegten Mitteleuropa Fuß zu fassen. Diesem westlichen materialistischen Einfluß, der dem Einzelmenschen allerdings noch die politische Freiheit garantiert, folgte der noch konsequentere östliche Materialismus bald nach. Von nun an befand sich Europa in einer doppelten materialistischen Umklammerung. Nur die Besinnung auf die eigenen geistigen Kräfte kann es kulturell daraus wieder erlösen. Politisch-militärisch aber mußte es sich für eine Seite entscheiden. Doch das geschah erst nach dem Zweiten Weltkrieg, der im Grunde nichts als eine Fortsetzung des Ersten war.

Wie aber war es zur Umklammerung aus dem Osten gekommen? Im Jahr 1917 machten sich bei den Mittelmächten im Hinterland, bei den Feindmächten aber bei der Fronttruppe, gewisse Anzeichen von Kriegsmüdigkeit bemerkbar. Die Meuterei der Franzosen ist dafür das hervorstechendste Zeichen; sie war nach dem blutigen Scheitern der Nivelle-Offensiven im Frühjahr 1917 ausgebrochen. Standgerichte mußten eingesetzt werden, die eine Anzahl von Todesurteilen aussprachen. Aber im Verein mit der französischen Regierung gelang es Marschall Petain (1856-1951), das Vertrauen der Truppe in die Führung u.a. mit Hilfe von Fürsorgemaßnahmen und durch Beseitigung von Mißständen wiederherzustellen.

Zur schlimmsten Krise kam es aber im Osten. Die russische Armee hatte einen unverhältnismäßig hohen Blutzoll gezahlt, und in den Großstädten herrschte aufgrund des vernachlässigten Verkehrsnetzes und der Mißwirtschaft der Verwaltung Hunger. Demonstrationen, vor allem in der damaligen Hauptstadt des Zarenreiches Petrograd, dem heutigen Leningrad, beunruhigten die Regierung, die schließlich Truppen gegen die Demonstranten einsetzte.

Aber am 12. März 1917 weigerte sich die 2. Kompanie des wolhynischen Gardeinfanterieregiments, auf die Demonstranten zu schießen, und richtete ihre Waffen gegen die Offiziere. Schon seit einiger Zeit herrschte bei den Regimentern in Petrograd eine revolutionäre Gesinnung. Sie sahen den Krieg als sinnlos an. So kam es, daß die Meuterei bis zum Abend des gleichen Tages die ganze Garnison erfaßt hatte. Sehr rasch wurde ein »Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten« gebildet, von dem alle militärischen Befehle gebilligt werden mußten. Außerdem übte er die unumschränkte Macht im Land aus. Selbst der neue Regierungschef, Fürst Lwow, ein Liberaler, war in seinen Entscheidungen völlig von den nun überall aufgestellten Arbeiter- und Soldatenräten (Sowjets) abhängig. Auf Anraten der Mehrzahl der Generäle dankte Zar Nikolaus II. (1868-1918) ab.

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Obwohl die Regierung Lwow für eine Fortsetzung des Krieges auf Seiten der Entente eintrat, verlangten die allmächtigen Arbeiter- und Soldatenräte einen raschen Frieden »ohne Annexionen und Entschädigungen«. Unter der Parole »Demokratisierung der Armee« wurden alle Offiziere und Unteroffiziere in den Augen der Mannschaften bewußt herabgesetzt, die Ehrenbezeugungen aufgehoben, der Beitritt zu politischen Vereinen und Parteien freigestellt und die strengen Bestimmungen der Disziplinargesetzgebung aufgehoben. Umbesetzungen bei allen Kommandobehörden von der Brigade an aufwärts mit den neuen Herren genehmen Offizieren taten ein übriges, um die Disziplin, vor allem bei der Infanterie, völlig zu untergraben.

Den Oberkommandos der Mittelmächte konnten der schnelle Zerfall der russischen Kampfkraft und die Gründe dafür nicht lange verborgen bleiben. Die politische Führung der Mittelmächte erhoffte sich einen Sonderfrieden, wenn der Zerfall des russischen Heeres weitere Fortschritte machte. Um ihn zu beschleunigen, gestattete die Deutsche Oberste Heeresleitung im März 1917 die Durchreise einiger russischer Berufsrevolutionäre von der Schweiz quer durch Deutschland nach Rußland. Unter ihnen befand sich auch Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich seit 1901 Lenin nannte (1870-1924).

Außerdem vermieden die Mittelmächte jede militärische Aktion, um den russischen Widerstandswillen nicht erneut zu wecken. Dafür setzte eine heftige Propaganda für den Frieden von Graben zu Graben ein. Es wurden auch Teile der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen von den revolutionären Ideen, die noch nicht ausschließlich bolschewistisch waren, angesteckt. Besonders traf das für die slawischen Truppenteile der Donaumonarchie zu.

Das russische Oberkommando dachte jedoch keineswegs an Frieden, sondern wollte seinen Verpflichtungen den Verbündeten gegenüber nachkommen. Als Kerenskij im Mai 1917 das Kriegsministerium übernahm, versuchte er sofort die Disziplin im Heer wiederherzustellen. Eine daraufhin angesetzte erneute und letzte Offensive auf einer 65 km breiten Front mit Stoßrichtung Lemberg erstickte jedoch im Blut. Es zeigte sich dabei, daß eine einmal gelockerte Disziplin sich nicht in ein paar Wochen oder durch einfache Befehle und Aufrufe wiederherstellen läßt. Das erfordert Zeit, längere Zeit, als es sich der militärische Laie vorstellt. Auch die Einführung drakonischer Strafen, im übrigen ein fragwürdiges Mittel, kann gewachsene und anerzogene Disziplin nicht ersetzen.

Als die gut organisierten und militärisch straff geführten Bolschewisten unter Lenin am 7. November 1917 die demokratische Regierung Kerenskij stürzten, war endlich der entscheidende Schritt zum Frieden mit Rußland getan.

MATERIALSCHLACHTEN DES ERSTEN WELTKRIEGES   382


Trotz der Verzögerungstaktik Trotzkijs (1879-1940) wurde im März 1918 ein Separatfrieden mit Rußland geschlossen. Ihm folgte kurz darauf der Friede mit Rumänien, das sich ohne Rußland nicht länger halten konnte. Für das Deutsche Reich bedeutete das, daß es Truppen für die Offensive im Westen freimachen konnte, für Österreich-Ungarn vor allem, daß es Getreidelieferungen aus der Ukraine erhielt. Daß man mit dieser Maßnahme jedoch der kommunistischen Infiltration Tür und Tor öffnete und dem bolschewistischen System in Rußland in den Sattel half, hatte man nicht erkannt. 

 

Zunächst wurde dort dem übersteigerten Nationalismus die Parole von der Internationale entgegengesetzt. Das schlimmste aber war, daß sich diese Internationale nur auf eine Klasse, nämlich das Proletariat und die Bauern, erstrecken sollte und später, besonders unter Stalin und seinen Nachfolgern, zum Instrument des russischen und panslawistischen Chauvinismus wurde.

Die Verbreitung des Marxismus-Leninismus wurde und wird dadurch erleichtert, daß Lenin die Sprache als Waffe erkannte. Indem man einem Wort einen neuen Inhalt gibt, kann man diese Waffe benutzen, wie es den eigenen Zwecken entspricht. Zwei typische Beispiele dafür sollen hier genannt werden: Das russische Wort mir hat drei Bedeutungen: »Friede«, »Welt« und »Dorfgemeinschaft« im alten russischen Sinne. Wenn im kommunistischen Rußland von den Massenbewegungen mir gefordert wird, so schwebt dem dieses Wort Ausrufenden nicht nur der Friede, sondern auch die Forderung nach Weltherrschaft und die Art jener Demokratie vor, wie sie im mir geübt wurde - die Minderheit mußte dort das Dorf verlassen oder wurde gar getötet, wenn sie in altslawischer Zeit bei einer Abstimmung unterlag. 

Das zweite Beispiel führte Breschnew bei seinem Auftreten in Washington vor. Dort erklärte er den »Kalten Krieg« (cholodnaja woina) für beendet. Das konnte er leicht tun, denn nach der sowjetischen Sprachregelung gab es den Kalten Krieg nur als Politik des Westens, während die gleiche Sache von den Sowjets als ideologischer Kampf bezeichnet wird. Er erklärte also nur, daß diese Art des Nichtkrieges vom Westen aus beendet war, was die westlichen Staatsmänner schon längst erklärt hatten. Für die sowjetische Seite vergab er sich damit nichts.

 

Kehren wir jedoch zum Ersten Weltkrieg zurück. Auch damals spielte die Propaganda eine große Rolle. Bei den westlichen Alliierten hatten sich allmählich Diktatoren wie etwa Clemenceau (1841-1929) und Lloyd George (1863-1945), trotz der demokratischen Verfassung ihrer Länder, durchgesetzt. Sie verstanden es, mit politischen Mitteln den Siegeswillen ihrer Völker aufrechtzuerhalten und mit einer geschickten, wenn auch oft lügnerischen Propaganda fast die ganze Welt auf ihre Seite zu ziehen und das Ansehen der Mittelmächte bei den wenigen verbliebenen Neutralen mit allen Mitteln herabzusetzen.

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Im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn sprach man dagegen schließlich nur noch von einem »Verständigungsfrieden« (Erzberger), der zu erreichen wäre, nachdem die Aussichten auf den militärischen Sieg geschwunden waren. Das war zwar ehrlich und entsprach den tatsächlichen Möglichkeiten, führte aber schließlich zur negativen Einstellung gegenüber den »Durchhalteparolen«, die ja an sich schon ein mehr passives und daher schlecht geeignetes Ziel darstellten. Dies traf um so mehr zu, als die fortschreitende Technisierung des Krieges und der enorme Materialeinsatz zur Anspannung aller wirtschaftlichen Kräfte zwangen, so daß nun zum ersten Mal auch die Heimat verstärkt in das Kriegsgeschehen einbezogen wurde. Nicht nur die Heere rangen gegeneinander, sondern auch in der Forschung, Entwicklung und Produktion galt es, einen Vorsprung gegenüber dem Kriegsgegner zu gewinnen. Der Krieg war auf dem besten Weg, sich zum »totalen Krieg« auszuweiten, wie es Ludendorff zu praktizieren versuchte und vor allem in seiner theoretischen Nachkriegsschrift vertrat. Danach sollte der Feldherr nicht nur die Armee, sondern auch die Politik seines Landes für die Dauer des Krieges führen. Das bedeutete die totale Abkehr von den CLAusEWiTZschen Lehren und sollte sich bitter rächen, da die Soldaten aufgrund ihrer Erziehung und Ausbildung im allgemeinen die politischen Belange nicht zu übersehen vermochten. Ludendorff schwebte dabei allerdings eine seltene Ideallösung vor, bei der der Feldherr wie etwa Napoleon i. zugleich Politiker ist, aber auch das kann fragwürdig sein.

Keinesfalls aber entsprachen der gewaltigen Kriegsanstrengung die Kriegsziele der Mittelmächte, die nicht einmal untereinander vertraglich abgesichert waren. Im allgemeinen dachte man an die Schaffung eines politisch, wirtschaftlich und militärisch einheitlich geführten Großraumes Mitteleuropa unter Zurückdrängung Rußlands nach dem Osten und Frankreichs nach dem Westen. Die angespannte Kriegslage ließ kaum noch auf eine Verwirklichung dieser Ziele hoffen. Außerdem war ihre Erfüllung ohnehin durch die Rivalitäten untereinander gefährdet. Dagegen besaßen die Alliierten vertraglich festgelegte Kriegsziele, die von der Propaganda geschickt bemäntelt wurden. In ihrer Hauptsache zielten sie auf die Entmachtung Deutschlands und später auf die Aufteilung der Donaumonarchie. Frankreich sollte Elsaß-Lothringen zurückerhalten und entscheidenden Einfluß auf das Saargebiet und einige weitere Westgebiete des Reiches gewinnen, England die deutschen Kolonialgebiete übernehmen. Italien versprach man die Brennergrenze nach Zerschlagung der Donaumonarchie sowie der Türkei Libyen. Rußland sollte die Dardanellen erhalten. Hinter allen Zielen stand der Gedanke an die absolute Autonomie der eigenen Wirtschaft und an den Zugriff auf die arabischen und türkischen Meerengen bzw. Ölfelder.

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Waren die Kriegsursachen nicht wirtschaftlich bedingt, so waren es doch neben den strategisch begründeten Forderungen die Kriegsziele. Ein so entmachtetes und großer Gebiete beraubtes Deutschland konnte jederzeit von den Siegermächten vernichtet werden. 

Rudolf Steiner wandte sich im Dezember 1916 scharf gegen diese Absichten, als er sagte: 

»Wenn irgend jemand, der mit gewissen Ursprungsstätten dieser schmerzlichen Weltereignisse, die man aus einer Nachlässigkeit der Gedanken heraus noch immer >Krieg< nennen will, verbunden ist, und sich daher verbunden fühlt mit dem, was, wenigstens von gewissen Zentren aus, in der Peripherie geschieht, der soll ruhig sagen: Ja, ich will dasselbe, was man an gewissen Zentren dieser Peripherie will, ich will, daß die Menschen Mitteleuropas zum Teil ausgerottet, zum Teil zu Heloten gemacht werden.

Gewisse Leute in jenen Zentren wollen ja nicht, daß das Geistesleben Mitteleuropas zugrunde gehe; sie reden von der schönen Wissenschaftlichkeit und Geistigkeit und von der ernsten Bescheidenheit, die früher vorhanden waren. Es täte ihnen mit anderen Worten gefallen, wenn man Herr sein könnte über dieses Territorium der Geistigkeit und der Bescheidenheit, aber es ungefähr so machen könnte wie die Römer mit den Griechen. Selbstverständlich war die griechische Kultur die höhere; die Römer haben die griechische Kultur nicht vernichtet. Auch will niemand in der Entente die deutsche Kultur vernichten. Im Gegenteil wird es den Leuten sehr recht sein, wenn die Deutschen ihre Kultur recht gut fortpflanzen, aber sie möchten so etwas ähnliches wie das Verhältnis der Römer zu den Griechen, das heißt dasjenige, was in Mitteleuropa existiert, zu einer Art von geistigem Helotendienst machen. Dann sage man es aber! Dann verbräme man es nicht mit etwas, was geradezu lächerlich ist; denn der deutsche Militarismus - der nicht geleugnet werden soll - ist seinem wahren Ursprung nach französischer und russischer Militarismus. Ohne französischen und russischen Militarismus gäbe es keinen deutschen.

Dann sage man aber: Man will das, was man nennen kann die Helotisierung von Mitteleuropa! - Man sage, daß man zufrieden wäre, wenn man das erreicht hat. Dann gestehe man ruhig: Ich hasse es, daß da so ein Volk in der Mitte von Europa ist und es so machen will wie die anderen Völker ringsherum. - Wenn das jemand gesteht: Ich hasse alles Deutsche, ich will nicht, daß die Deutschen auch so etwas haben wie die anderen Völker - gut, es läßt sich mit ihm reden, oder auch nicht reden, wenn er nicht will; aber er sagt die Wahrheit. Wenn er aber wiederholt: Ich will den deutschen Militarismus vernichten, ich will, daß die Deutschen andere Völker unterdrücken, ich will, daß die Deutschen das oder jenes tun - wie es heute und seit Jahren immerfort gesagt wird -, dann lügt er. Vielleicht weiß er nicht, daß er lügt, aber er lügt, er lügt tatsächlich; er lügt objektiv, wenn auch vielleicht nicht subjektiv.«233

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Als er Erste Weltkrieg durch den Zusammenbruch der Mittelmächte im Jahr 1918 beendet wurde, war die Absicht der Entmachtung und Zersplitterung Deutschlands und Österreich-Ungarns nur zum Teil erreicht. Aus den Erkenntnissen der militärischen Führung der Alliierten ergaben sich mit einer gewissen Folgerichtigkeit die politischen Forderungen bei den Friedensverhandlungen, die jedoch kaum den Namen Verhandlungen verdienten. Die Grundlage der Seeherrschaft mußte gesichert werden. Also verlangte man die Auslieferung der deutschen Hochsee- und U-Boot-Flotte. Die Einfallspforten nach Mitteleuropa mußten durch »Demarkationslinien« gesichert werden, um den ehemaligen Feind jederzeit militärisch unter Druck setzen zu können. Das vermochte man um so leichter durchzuführen, wenn die Mittelmächte durch ein zahlenmäßig begrenztes Freiwilligenheer aus langdienenden Berufssoldaten ohne schwere Waffen an der Ausschöpfung ihrer Wehrkraft gehindert wurden. Bei langdienenden Freiwilligen konnten keine größeren Reserven geschaffen werden. Zum Schluß gewährleisteten die Alliierten den zumeist aus der Donaumonarchie hervorgegangenen neuen Staaten Europas ihre volle Unterstützung. Diese Forderungen waren zwar logisch, erwiesen sich aber als politisch unklug, weil sie zur Demütigung der Besiegten führten und endlich auch zur materiellen Not der betroffenen Bevölkerung. Die Fortsetzung der Blockade, um den ehemaligen Feind zur Erfüllung dieser Bedingungen zu zwingen, tat ein übriges. So kam man zu der geradezu perversen Ansicht, den ewigen Frieden durch Krieg errungen zu haben.

Doch bei jedem Volk, das an dem gewaltigen Völkerringen teilgenommen hatte, entstand gerade aufgrund dieser Erfahrung die Auffassung von der Sinnlosigkeit des Krieges, vor allem nachdem die Begeisterung bei den Siegern abgeklungen und die Welt von einer Weltwirtschaftskrise in die andere gestürzt war. Nie zuvor war diese Auffassung von der großen Masse der Völker geteilt worden. Sie war ein erstes Anzeichen dafür, daß von nun an der Krieg nicht mehr als etwas Selbstverständliches hingenommen wurde, das jede Generation zu erleiden hat.

Die Hoffnungen auf eine lange Friedenszeit, vielleicht sogar auf einen ewigen Frieden, schwanden nach dem Ersten Weltkrieg jedoch rasch dahin. Der rigorosen Abrüstung des Deutschen Reiches, der Republiken Österreich, Ungarn, der Türkei und des Königreichs Bulgarien folgten keine Abrüstungs­maßnahmen oder wenigstens Waffenkontrollmaßnahmen bei den ehemaligen Feindmächten.

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Im Gegenteil, sie verstärkten ihre Anstrengungen auf dem Gebiet der Waffenentwicklung, wenn auch Großbritannien und die USA wieder zu ihren kleineren Berufsarmeen zurückkehrten. Besonders aber die neuen Randstaaten, die im Verein mit Frankreich die beiden mitteleuropäischen Staaten unter Kontrolle halten sollten, wie die Tschechoslowakei, Polen, Litauen etwa, rüsteten in einem gewaltigen Umfang auf und setzten vor allem das Deutsche Reich immer wieder unter politischen und militärischen Druck, griffen, wie etwa Polen, sogar mit Insurgentenarmeen auf altes deutsches Reichsgebiet über. Dies führte in Deutschland und Österreich erneut zu einem starken Aufleben des nationalen Gedankens und dem Wunsch, durch neuerliche militärische Stärke dieser Pressionen Herr zu werden. Politisch öffnete dies dem Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich Tor und Tür.

Die taktischen und operativen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges fanden ihren Niederschlag in den Vorschriften der Nachkriegsheere in allen Staaten. Sie waren sich darin einig, daß die Infanterie allein das Gefecht nicht mehr entscheiden konnte. Nur noch in weit geöffneter Ordnung vermochte sie sich auf dem Gefechtsfeld zu bewegen. Man sprach daher von der » Leere des Schlachtfeldes«, in dem der Einzelkämpfer seinen Auftrag erfüllte. Auch auf militärischem Gebiet zeigte sich symptomatisch die Bedeutung der Einzelpersönlichkeit.

Unterschiedlicher Auffassung war man jedoch über den Einsatz der Kampfpanzer. Engländer und Franzosen verkannten die wahre Bedeutung der Panzerwaffe, da der deutsche Gegenangriff in der Schlacht bei Cambrai allen Geländegewinn zunichte gemacht hatte. Sie sahen im Kampfpanzer lediglich eine Unterstützungswaffe für die Infanterie und banden das schnelle Fahrzeug an das langsame Vorgehen des Einzelschützen. So kam es nur zur taktischen Verwendung der neuen Waffe mit allen sich daraus ergebenden Folgen für das Bild von einem künftigen Krieg. Noch immer war ihr Denken vom Stellungskrieg mit seinen Materialschlachten beherrscht und sollte es mit einigen Abänderungen im Zweiten Weltkrieg auch bleiben. Auf Gedanken des britischen Generalmajors J. C. Füller und des Hauptmanns B. H. Liddell Hart fußend, entwickelten jedoch in Deutschland General Guderian und in Österreich General Eimannsberger jene Konzeptionen vom Einsatz der Kampfpanzer, die zu den deutschen Siegen der ersten Jahre des Zweiten Weltkrieges führen sollten.

Liddell Hart hatte von einem Koppeln von Kampfpanzern und taktischen Luftstreitkräften, also vom Kampf der Landheere gesprochen. Dem stand die Kriegstheorie des italienischen Generals Douhet entgegen, der allein durch den Einsatz operativer Luftstreitkräfte, ganzer Luftflotten, einen neuen Krieg entscheiden zu können glaubte.

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Sie sollten mit Sprengbomben sowie Absprühen und Abwerfen von Kampfstoffbomben auf das gesamte feindliche Hinterland, vornehmlich auf die Städte, den Feind so schnell zum Aufgeben zwingen, daß das Heer das feindliche Gebiet nur noch zu besetzen brauchte. Diese Ansicht hat sich als Irrtum erwiesen. Sie verhinderte dazu noch bei den Westmächten den Aufbau starker taktischer Luftwaffenverbände. Aber sie beherrschte z.T. dennoch die Einsatzgrundsätze der britischen und amerikanischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg.

Das Auftreten der Luftwaffe hatte auch für die Seekriegsführung einschneidende Folgen. Das Flugzeug war zu einem sehr gefährlichen Gegner der Kriegsschiffe geworden. Für sie mußten daher Bordabwehrwaffen entwickelt werden. Schließlich kam es auch zum Bau der ersten Flugzeugträger, die zunächst Aufklärungs­flugzeuge, dann aber auch Bomben-, Torpedo- und Jagdflugzeuge mit sich führten.

Im Hinblick auf die Aufbringung der Streitkräfte waren fast alle Staaten beim System der allgemeinen Wehrpflicht geblieben. Selbst die Sowjetunion rückte nach einem mißglückten Versuch, nur milizartige Streitkräfte zu unterhalten, bald wieder davon ab und kehrte zur Wehrpflicht zurück. Deutschland und Österreich durften nur eine langdienende Berufsarmee ohne Luftstreitkräfte und schwere Waffen von 100.000 bzw. 30.000 Mann unterhalten. Aber beide nutzten diese Möglichkeiten in hervorragender Weise.

Generaloberst von Seeckt formulierte am klarsten die Aufgabe der Reichswehr und des Bundesheeres. Sie mußten »Führerheere« werden, d.h., daß jeder Soldat die Funktionen der nächsthöheren Dienststellung zu erfüllen hatte. Nur so war der rasche Aufbau der neuen Armeen in den dreißiger Jahren möglich. Darüber hinaus sorgten Ausbildungsverträge mit der Roten Armee für die Ausbildung von Panzerfahrern und Flugzeugpiloten. Damit besaß die Deutsche Wehrmacht zu Anfang des Zweiten Weltkrieges ein realistischeres Kriegsbild als die anderen Staaten, allerdings nur auf taktischer und operativer Ebene.

Statt des erhofften Friedens zeichneten sich immer rascher neue kriegerische Verwicklungen ab, zu denen einerseits der Wille Deutschlands zum Bruch des Vertrages von Versailles, andererseits aber auch die neuen Staaten beitrugen, die angeblich nach dem von Wilson in seinem 14-Punkte-Programm — das Rudolf Steiner in seinen zeitgeschichtlichen Betrachtungen so scharf geißelte — verkündeten Selbstbestimmungs­recht der Völker gegründet worden waren, jedoch ausnahmslos Mehrvölkerstaaten darstellten, in denen dazu noch ein starkes deutsches Element bestand. In einer Zeit des noch immer andauernden Nationalismus mußte das neuen außenpolitischen Sprengstoff abgeben.

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Doch bevor wir an diese geschichtlichen Ereignisse herantreten, ist kurz auf die Haltung der Menschen dem Krieg gegenüber einzugehen. Er hatte insgesamt rund 8 Millionen Tote und 20 Millionen Verwundete gefordert. Die Kriegsziele aber waren nirgends ganz erreicht worden. Dieses gewaltige Geschehen mußte erst einmal verkraftet werden. Dabei hatten die Beteiligten den Krieg in seiner Wirklichkeit recht unterschiedlich erlebt. Die Hauptlast des Kampfes trugen auf allen Seiten die Frontsoldaten in den Gräben, vom einfachen Mann bis zum Bataillonskommandeur. Man fühlte sich als »armes Schwein« oder »Frontschwein« und betrachtete auch den feindlichen Soldaten, der einem im Schützengraben gegenüberlag, so.

Diese Einstellung führte nach dem Ersten Weltkrieg zu einer gewissen Solidarität der Frontkämpfer­verbände aller Nationen, und auch im Zweiten Weltkrieg blieb dieses Mitleid »dem armen Schwein da drüben« gegenüber erhalten, wenn es nicht durch plötzliche Ausbrüche von Haß und Brutalität, besonders im Osten, gestört wurde. Hinter der Front, in der sog. Etappe, kam es aber bei immer längerer Kriegsdauer auf allen Seiten zu jenem von den Frontsoldaten so verachteten und doch heimlich beneideten Etappenleben. Dabei ist zu bedenken, daß die Masse der Heere in der Versorgung tätig war.

Im Ersten Weltkrieg brauchte man zur Versorgung eines einzigen Frontsoldaten 3 bis 5 Männer aus der Etappe und im Zweiten Weltkrieg sogar 5 bis 10. Die Zahl der eigentlichen Kämpfer ging also mit der steigenden Technisierung ständig zurück. Dennoch waren soldatische Haltung, Kampf- und Durchhaltewillen an der Front stets stärker als in der Etappe. In der Heimat dagegen erlebte man bei härtester Arbeit und bei den Mittelmächten unter fortdauerndem Hunger den Krieg in der ständigen Sorge um die Männer an der Front. Im Zweiten Weltkrieg sollte die Heimatfront, wie sie genannt wurde, dazu noch den fürchterlichen Bombenangriffen ausgesetzt sein, die die Etappe in dieser Form nie erlebte. Hier setzte sich zuerst der Gedanke von der Sinnlosigkeit des Krieges durch, weil man den Feind, der ständig das eigene Leben bedrohte, gar nicht vor Augen hatte.

Noch einmal müssen wir auf den Schluß des Kriegsgeschehens im Ersten Weltkrieg zurückkommen. Obwohl es der Deutschen Obersten Heeresleitung bei ihren letzten Offensiven von März bis Juli 1918 in mehreren Fällen gelungen war, die Stellungen der Alliierten zu durchstoßen, konnte eine kriegsentscheidende Wende nicht mehr herbeigeführt werden. Überall fehlte es an Kräften und Material, vor allem aber an rasch beweglichen Verbänden, um die Operationsfreiheit zu gewinnen. Auch darf nicht übersehen werden, daß die Westmächte in der Zwischenzeit einen beträchtlichen Vorsprung auf dem Gebiet der Kriegstechnik und der Produktion errungen hatten, der sich besonders in den hohen Panzer-, Flugzeug-, Geschütz- und Lastwagenzahlen ausdrückte. Unter Marschall Foch (1851-1929) gingen die Alliierten im Juli 1918 zur Gegenoffensive über.

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Mit dem alliierten Panzerangriff vom Freitag den 8. August 1918, dem »schwarzen Freitag des deutschen Heeres«, wie es Ludendorff ausdrückte, wurde die Wende zugunsten der Alliierten eingeleitet. Das deutsche Heer ging in weiterer Folge über die Siegfriedstellung hinaus zurück. Wer aber nicht unmittelbar von diesem Angriff betroffen war und nur einfach auf Befehl auswich, konnte sich nach wie vor für unbesiegt halten.

Doch am 14. August 1918 erklärte die Oberste Heeresleitung, die allein den Gesamtüberblick besaß, die Fortführung des Krieges für aussichtslos. Im September 1918 verlangte sie nach dem Zusammenbruch Bulgariens ein sofortiges Friedensangebot durch die deutsche Regierung. Anfang Oktober erging ein solches an den amerikanischen Präsidenten Wilson (1856-1924). Am 29.Oktober meuterten Teile der deutschen Hochseeflotte, die zum Flankenschutz der aus Flandern zurückgehenden Heeresteile eingesetzt werden sollten. Hier hatte sich der Gedanke von der Sinnlosigkeit des Opfers am schnellsten breitgemacht, da die Flotte keine größere Feindberührung mehr gehabt hatte. Nachdem sich Tschechen, Südslawen und Ungarn für selbständig erklärt hatten und die Österreich-ungarische Südwestfront Ende Oktober 1918 zusammengebrochen war, sah sich Österreich-Ungarn gezwungen, einen Waffenstillstand abzuschließen. Er trat am 3.November 1918 in Kraft. Sechs Tage später, am 9. November, brach in Berlin die Revolution aus. Zwei Tage danach unterzeichnete das Deutsche Reich einen Waffenstillstand, nachdem der Kaiser abgedankt und einen Tag zuvor ins holländische Exil gegangen war. Der Krieg war zu Ende.

Die geschilderten Umstände über die unterschiedliche Haltung von Front, Etappe und Heimat dem Kriegs­geschehen gegenüber sowie der Ausbruch der Revolution führten in Deutschland zur »Dolchstoß­legende«. Das Wort vom Dolchstoß 1918 in den Rücken des Heeres geht keineswegs auf einen Vertreter der deutschen Rechten zurück. Es beruht auf einem Bericht des Londoner Korrespondenten der »Neuen Züricher Zeitung« im 2. Morgenblatt vom 17.Dezember 1918, der den General Maurice nach der »Daily News« wie folgt zitierte: »Was die deutsche Armee betrifft, so kann die allgemeine Ansicht [d.h. die öffentliche Meinung in Großbritannien] in das Wort zusammengefaßt werden: sie wurde von der Zivilbevölkerung von hinten erdolcht.«234

Selbst bei den damaligen Feinden des Deutschen Reiches war man sich demnach nicht sicher, ob das kaiserliche deutsche Heer tatsächlich militärisch besiegt worden war. Wen wundert es, daß von einem sehr großen Teil des deutschen Volkes die militärische Niederlage Deutschlands nach dem Krieg nicht einfach hingenommen wurde, obwohl doch die Oberste Heeresleitung nach dem »schwarzen Freitag« die Regierung hatte ersuchen müssen, um Waffenstillstand zu bitten. Diese Anschauung gab dem noch immer weithin verbreiteten Nationalismus in Deutschland weiterhin einen starken Auftrieb.

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Wie sehr dieser Nationalismus bei allen kriegsführenden Mächten des Ersten Weltkrieges verbreitet war, soll ein englisches Gedicht zeigen. Der 1915 auf Lemnos gefallene junge britische Dichter Rupert Brooke schrieb:

Der Soldat

Sollte ich sterben, denkt nur dies von mir: 
Daß da ein Winkel ist auf fremdem Feld, 
Der England ist für immer. Es wird hier 
Der reichen Erde reicherer Staub gesellt.

Ein Staub, den England formte, trug, erzog, 
Dem England Blumen gab und Wanderzeit, 
Ein Stück von ihm, das Englands Lüfte sog, 
Von seinen Wassern, seinem Licht geweiht.

Und denkt, dies Herz, das mit erlöstem Schlag 
Im Ewigen schlägt, erwidert noch und wahrt, 
Was ihm von England kam: Gedank' und Stimme,

Und Traum, der glücklich ist wie Englands Tag, 
Lachen, das Freunde lehrten, sanfte Art 
Friedlicher Herzen unter Englands Himmel.

Übersetzung von B. v. Heiseler

 

Im gleichen nationalen Rausch und Hochgefühl stürmten angeblich deutsche Kriegsfreiwillige bei Langemarck die englischen Gräben mit dem Deutschlandlied auf den Lippen. Diese Haltung dem Nationalen gegenüber, die etwas lockerer auch den Zweiten Weltkrieg prägte, hat sich inzwischen allein in Deutschland geändert. Das Nationale als höchster ethischer Wert ist inzwischen anderen gewichen und wird bei einem Teil der heutigen deutschen Jugend sehr zu Unrecht nicht einmal mehr als Wert angesehen. Die übrigen Völker haben dagegen das Nationale als selbstverständlichen Wert beibehalten, selbst wenn sie ihm, wie im Osten, den Begriff Patriotismus beilegten, der aber nur allzu leicht in Chauvinismus umschlagen kann. Der Versuch, dem Nationalen das Internationale entgegenzustellen, ist bereits im vorigen Jahrhundert und zu Anfang des Ersten Weltkrieges gescheitert.

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Nach dem Ersten Weltkrieg und auch später haben die westlichen Sozialisten zwar die Internationale angestrebt, sie jedoch immer dann aufgegeben, wenn es sich um die Interessen des eigenen Volkes handelte. Der kommunistische Internationalismus des Ostens dagegen dient heute der Stärkung der Machtstellung Sowjetrußlands.

Mit dem Gedicht Rupert Brookes wurde ein Beispiel aus der Literatur gegeben, und es ist an der Zeit, nun in ein paar wenigen Worten die in Prosa und Poesie manifestierte Wandlung der Einstellung der Menschen zum Krieg zu schildern. Wir haben gehört, daß das erste deutsche Soldatenlied aus dem Hochmittelalter ein Michaelslied war, das noch ganz die religiöse Bindung des Kriegsgeschehens dokumentiert. Die Landsknechtslieder dagegen schildern uns, soweit es echte Lieder aus der damaligen Zeit sind, zumeist bereits das persönliche Erleben sowie die Ziele des egoistischen Beutemachens. Nur in den Liedern gegen die Türken klingt noch etwas von der alten Kreuzzugsstimmung an. Bei Friedrich Schiller lesen wir ganz aus dem Zeitgeist die verschiedensten Auffassungen über Krieg, Soldatenleben und Vaterland.

Neben der Aussage im »Wilhelm Teil« I/2:

Ein furchtbar wütend Schrecknis ist

Der Krieg, die Herde schlägt er und den Hirten,

steht in der »Braut von Messina« am Schluß des 4. Aktes:

Das Leben ist der Güter höchstes nicht, Der Übel größtes aber ist die Schuld.

Und im »Wilhelm Teil« II/i:

Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, Das halte fest mit deinem ganzen Herzen. Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft.

Das Soldatenleben aber preist Schiller im »Wallenstein« mit dem Lied:

Wohl auf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! In das Feld, in die Freiheit gezogen. Im Felde, da ist der Mann noch was wert, Da wird das Herz noch gewogen.

Besonders reich sind die Freiheitskriege an dichterischen Aussagen über den Krieg, wenn sie etwa mit Ernst Moritz Arndt fordern:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte...,

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oder fragen: »Was ist des Deutschen Vaterland?« oder mit Theodor Körner das furchtbare Erlebnis der Schlacht und die Anrufung Gottes zum Beistand schildern: »Vater, ich rufe dich!«

Diesen Beispielen können beliebig viele hinzugefügt werden, bis hin zu den primitiven und sentimentalen Soldatenliedern, die noch bis in den Zweiten Weltkrieg hinein gesungen wurden, wie etwa: »Bei Sedan, wohl auf den Höhen...«

Das furchtbare Erlebnis des Ersten Weltkrieges brachte auch hier einen Umbruch. Zwar vertrat noch immer ein großer Teil des deutschen Volkes den Standpunkt, den Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein am i.November 1812m einem Brief an den Grafen Münster formuliert hatte: »Ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland...«, aber ein anderer Teil stellte sich hinter die Äußerungen des Parteiführers der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Artur Crispien, der am S.Januar 1922 auf dem Parteitag in Leipzig gesagt hatte: »Unser Ruf geht an die Proletarier der ganzen Welt. Die Aufgabe unserer Partei in Deutschland wird sein, das Proletariat zur Verhinderung der Waffen- und Munitionsherstellung zu veranlassen. Wir kennen kein Vaterland, das Deutschland heißt. Unser Vaterland ist die Erde, das Proletariat.«23' Interessant ist dabei, daß der linke Flügel dieser Partei sich anschließend der Kommunistischen Partei Deutschlands und der rechte, zu dem auch Crispien gehörte, der Sozialdemokratischen Partei anschloß. Das Wort über die deutschen Sozialdemokraten als »vaterlandslose Gesellen«, das zu einem Schlagwort wurde, findet hier z.T. seinen Urspung, obwohl es der Mehrheit der Sozialdemokraten gegenüber, besonders aber gegenüber einem Mann wie Friedrich Ebert, eine üble Verleumdung darstellte.

Ganz in diesem Zwiespalt der Gefühle stand nun, nach der sachlichen Schilderung der heroisierenden Verklärung früherer Kriege, in der Literatur das neue Kriegsbuch über den Ersten Weltkrieg. Auch hier können nur wenige Namen genannt werden. Auf der einen Seite Walter Flex (1887- 1917) mit seinem »Wanderer zwischen beiden Welten«, der idealistisch und gläubig die Kriegskameradschaft schilderte, was dann vor allem in der Jugendbewegung ein breites Echo fand.

Die Expressionisten dagegen riefen ihren Protest gegen die europäische Kulturkatastrophe mit ekstatischem Pathos in die Welt hinaus. Daneben aber die mehr sachlichen Kriegsbücher, wobei zum ersten Mal in der Geschichte der Literatur der Krieg um des Menschlichen und Sozialen willen abgelehnt wurde. Eine andere Reihe der Kriegsbücher bejahte den Krieg als inneres Erlebnis, gab ihm einen nationalen oder existentiellen Sinn oder erkannte ihn als Gemeinschaftserlebnis in einer geschichtlich gesetzmäßigen Kulturwende schicksalhaft an.

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Zu ersteren gehörte vor allem Erich Maria Remarques »Im Westen nichts Neues« (1928), zu letzteren vor allem Ernst Jüngers 1919 in Tagebuchform erschienener Bericht »In Stahlgewittern«. Die literarische Auseinandersetzung über den Krieg konnte nicht beendet werden, weil sie 1933 gewaltsam und mit eindeutig politischer Entscheidung beendet wurde. »Der Protest gegen den Krieg konnte nicht das Bewußtsein des Volkes in wenigen Jahren durchdrungen haben.«236

Die literarische Entwicklung in Frankreich vollzog sich ähnlich wie in Deutschland. Nach dem »Gaspard« von Rene Benjamin, dem Pariser Gassenjungen von 1914 als Soldat, der alles nur für einen besseren Witz hielt und es so auf die leichte Schulter nahm, zeichnete der der Linken angehörende Henri Barbusse ein finsteres und blutiges Gemälde vom Leiden in den Schützengräben in seinem berühmten Roman »Le Feu«. Doch ist dieses Buch weniger ein Roman als vielmehr eine leidenschaftliche These gegen den Krieg. Doch die meisten französischen Schriftsteller, unter ihnen Georges Duhamel, priesen weiterhin die Vaterlandsliebe, ohne daneben die Schrecken des Krieges zu verschweigen.

Die englische Kriegsliteratur brachte keinen das Kriegserleben in den Mittelpunkt stellenden Kriegsroman von größerer künstlerischer Geltung hervor. Man versuchte, den Krieg eher als ein psychologisches Problem oder als Verlebendigung des Unpersönlichen, als Maschine des Leerlaufs darzustellen. Dennoch wurde in einem einzigen Drama das Heldentum ohne alle romantische Verbrämung gepriesen. Es war Robert Sheriffs »Journey's End«. Aus all dem ist zu entnehmen, daß in bezeichnender Weise vor allem die deutsche Kriegsliteratur einen Umbruch bezeugte, der in seinen besten und zeitlosen Teilen nicht vom politischen Augenblick, sondern vom menschlichen Schicksal und vom sozialen Erlebnis ausging. Das war noch nie vorher geschehen. In Rußland überwog trotz Solschenizyns »August 1914« für lange Zeit die Literatur über den Bürgerkrieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmte die Verherrlichung der Kriegstaten den Tenor der Literatur. Eine erste kritische Stimme dagegen ist bei Bondarjow zu vernehmen.

 

Doch kehren wir wieder zu den eigentlichen Ereignissen zurück. Nicht zuletzt durch das politische Selbst­bestimmungsrecht der Völker verstärkte sich das Nationalgefühl und ließ andererseits das Problem der nationalen Minderheiten in den neu geschaffenen Staaten meist ungelöst. Frankreich war nun bestrebt, durch Konferenzen die neue Ordnung zu wahren und durch Bündnisse zu festigen. Da es Sowjetrußland als Bündnispartner verlor, schloß es neue Verträge mit Polen, der Tschechoslowakei und Rumänien. Daneben bestand nach dem Rückzug Englands von seinem Beistandsversprechen im Jahr 1919 eine belgisch-französische Militärkonvention.

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Darüber hinaus entstand aus Furcht vor einer Revisionspolitik Ungarns und einer Restauration der Habsburger die sog. kleine Entente. Sie bezog in Einzelverträgen die Tschechoslowakei, Jugoslawien, Rumänien und Polen ein.

Auch aufgrund der Vorschläge des amerikanischen Präsidenten Wilson wurde am 28. April 1919 die Satzung des neu gegründeten Völkerbundes durch die Vollversammlung der Versailler Friedenskonferenz angenommen. Der Völkerbund als Weltorganisation der freien Völker sollte der Sicherung des Friedens und der Förderung der internationalen Zusammenarbeit durch Beschränkung der traditionellen einzelstaatlichen Gewaltpolitik und Geheimdiplomatie dienen, an deren Stelle die kollektive Gewaltanwendung aller Staaten gegen eine Angreifernation und die freie Diskussion der Staatsmänner vor der Weltöffentlichkeit treten sollte. Einer der grundlegenden Fehler des Völkerbundes war es, daß das neu geschaffene politische System, das wegen des Prinzips der Einstimmigkeit kaum auf friedliche Weise verändert werden konnte, durch die Koppelung an die Pariser Verträge sich selbst zementierte. Ähnlich wie den Vereinten Nationen gelang es dem Völkerbund fast immer, bei Streitigkeiten der kleinen Mächte erfolgreich einzugreifen ; bei Verletzung der Vertragsbestimmungen durch Großmächte, wie etwa durch Japan beim Einfall in die Mandschurei 1931 oder beim Überfall Italiens auf Abessinien 1935, versagte er ebenso wie beim Widerstand gegen die Expansionspolitik der nationalsozialistischen deutschen Regierung. Ein weiterer Mangel bestand darin, daß die usa nicht Mitglied des Völkerbundes waren. Als wichtiger für die spätere Zeit erwies sich dagegen der Brian-Kellogg-Pakt, in dem zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit der Krieg als Mittel zur Lösung zwischenstaatlicher Streitigkeiten 1928 geächtet wurde. Auch Deutschland unterzeichnete diesen Pakt.

Obwohl weder die usa noch die Sowjetunion zunächst Mitglieder des Völkerbundes waren, wurden bereits in der Nachkriegspolitik der Jahre 1919 bis 1939 doch diese beiden Staaaten zu den ausschlaggebenden Faktoren. Eine egoistische und durch nationale Interessen bestimmte Politik sowie die Rivalität unter den Staaten beschleunigten den machtpolitischen Zerfall Europas. Das kommt um so schärfer zum Ausdruck, als China sich durch die Revolutionsbewegungen, die bereits kurz geschildert wurden, bereits auf dem Weg zur Großmachtstellung befand und die anderen asiatischen Kolonialvölker sich in einen Emanzipationsprozeß begaben, der durch eine intellektuelle Oberschicht beschleunigt wurde. Sie stützte sich dabei sowohl auf den Nationalismus als auch auf die Organisation der Komintern (Kommunistische Internationale), in der sich die Idee von der Weltrevolution manifestierte.

V. KRIEGE UM DIE FREIHEIT DER PERSON   395


Von der totalen Abrüstung Deutschlands und Österreichs aufgrund der Friedensverträge wurde bereits gesprochen. Die Folge war, daß sich die beiden mitteleuropäischen Staaten ständigen Pressionen durch die neu gegründeten Nachbarstaaten, aber auch durch die alten europäischen Großmächte ausgesetzt sahen. Die Abrüstung führte keineswegs zu Frieden und Entspannung, sondern gerade zum Gegenteil, denn die anderen Mächte hielten ihr Abrüstungsversprechen, das sie in den Friedensverträgen gegeben hatten, nicht ein und forderten, wie etwa Frankreich in der ersten internationalen Abrüstungskonferenz von 1932, sogar neue Sicherheitsgarantien.

Als die Reparationskommission 1923 feststellte, daß das Deutsche Reich seinen Holz- und Kohlelieferungen nicht nachgekommen war, fand Frankreich keine andere Lösung als den Einmarsch ins Ruhrgebiet. Die Belgier schlossen sich den Franzosen an, und Litauen besetzte das Memelland. Der von Reichskanzler Cuno ausgerufene passive Widerstand an der Ruhr forderte nur Blutopfer unter der Bevölkerung und blieb am Ende ohne Ergebnis. Er ist damit das erste warnende Beispiel für den Versuch eines passiven Widerstands gegen eine Militärmacht.

Ein solcher Versuch muß um so sicherer scheitern, wenn sich diese Militärmacht nicht an westliche demokratische Spielregeln und die Menschenwürde und Menschenrechte gebunden fühlt. Unter Reichskanzler Gustav Stresemann wurde daher der passive Widerstand abgebrochen. Dagegen gelang es ihm durch beharrliche Verhandlungen, eine gewisse Entspannung der deutsch-französischen Beziehungen sowie 1925 die Räumung des Ruhrgebiets zu erreichen. Doch erst 1930 verließen die letzten alliierten Truppen, mit Ausnahme des Saargebietes, deutschen Boden.

Im Zusammenhang mit dem passiven Widerstand im Ruhrgebiet darf ein Blick nach Indien geworfen werden, wo Mahatma Gandhi (1869-1948) 1919 nach dem Blutbad von Amritsar den politischen Kampf um Selbstbestimmung mit den Mitteln der altindischen »idealen Wahrheit«, Gewaltlo-sigkeit und Läuterung durch Nächstenliebe aufnahm. Seine Aktion des zivilen Ungehorsams führte gegen die sich an humanitäre und demokratische Verhaltensweisen gebundene britische Verwaltung 1931 im Delhi-Pakt schließlich zur Freilassung der politischen Gefangenen. Der Kampf wurde bis 1934 fortgesetzt. Die Erfolge Gandhis sind aber nur dadurch zu erklären, daß er sich mit seinem Feldzug des zivilen Ungehorsams gegen eine demokratische und nicht gegen eine totalitäre Macht wandte, welch letztere sich nicht scheuen würde, ihre Ziele mit Gewalt und mit nicht mehr hinnehmbaren Opfern bei der Zivilbevölkerung durchzusetzen. Die Aufstände in Berlin 1953, in Ungarn 19 5 6 und in der Tschechoslowakei 1968 haben dies klar bewiesen.

Die Weimarer Republik trat das Erbe des feudalen Fürstenstaates an. Sie stützte sich vor allem auf die gemäßigt sozialistische Mehrheit der Arbeiterschaft, ein liberal-demokratisches Bürgertum und auf einen überwiegenden Teil der katholischen Bevölkerung.

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In den ersten Jahren hatte sie schwere Kämpfe im Innern gegen Aufstände von links und rechts durchzustehen. Ihre äußeren Schwierigkeiten beruhten immer noch auf den Forderungen des Versailler Vertrags und der Feindschaft gegen alles Deutsche in Europa. Erst 1923 endeten die gewaltsamen Umsturzversuche. Damit war der Bestand der deutschen Republik gesichert, und zwar nicht zuletzt dank der Reichswehr, die sich als staatserhaltende Kraft erwies. Auch diese Bedeutung der Armee war für Deutschland neu, für das alte kaiserliche Österreich und Ungarn seit 1848 bis 1918 eine Selbstverständlichkeit.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte es zunächst den Anschein, als habe der demokratische Gedanke auf der ganzen Linie gesiegt. Aber viele Völker hatten sich auch daran gewöhnt, daß eine starke Exekutive die durch den Krieg bedingten wirtschaftlichen und politischen Probleme, notfalls mit Gewalt, am schnellsten lösen kann. 

Daneben kam es zu einer Krise der Demokratie durch soziale Veränderungen aufgrund der Anerkennung der politischen Gleichberechtigung der Massen, durch psychologische und soziologische Auswirkungen des Krieges aufgrund des Glaubens an die Macht, durch Umschichtung des Bürgertums und die Entwurzelung weiter Bevölkerungsschichten, durch die Enttäuschung über die Friedensschlüsse, die Zerrüttung der Weltwirtschaft und der Währungen, durch innerstaatliche Machtkämpfe des herrschenden Staatsvolkes gegen die Minderheiten in den neuen Vielvölkerstaaten und durch die Einführung des Verhältniswahlrechts, das zu Splitterparteien führte und klare parlamentarische Mehrheiten verhinderte.

Auf dem Boden der modernen Massendemokratie wurden in Italien, Bulgarien, Spanien, in der Türkei, in Albanien, Polen, Portugal, Litauen, Yugoslawien, Rumänien, Estland, Lettland, Griechenland und schließlich auch in Österreich und Deutschland Diktaturen gegründet. 

Die Massen wurden durch die Berufung auf die große Vergangenheit, durch Programme, die die widersprüchlichsten Elemente in sich vereinigten, und durch eine geschickt gelenkte Propaganda gewonnen.

Ausschaltung der Opposition, Scheinwahlen, Aufgabe des Rechtsstaates zum scheinbaren Wohl des Volkes, Mißachtung des Individuums und brutale Unterdrückung jeglichen Widerstands gehörten zu den Kennzeichen der Diktaturen. Im Deutschen Reich und in Österreich war eines der wirkungsvollsten Argumente, durch das die Massen angelockt wurden, wie bereits gesagt, die Revision der Verträge von Versailles und St.-Germain.

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