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Angriff gegen die Sowjetunion 

 

 

 

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Noch bevor die alliierte Luftoffensive gegen Deutschland begann, hatten deutsche Truppen am 22. Juni 1941 den Angriff gegen die Sowjetunion eröffnet (s.Fig.17). Dabei trafen die Deutschen stets auf einen Feind, der sich mit unerhörter Härte, Tapferkeit und Verbissenheit wehrte. Er übertraf alle bisherigen Gegner der Deutschen Wehrmacht. 

Hitler hatte bereits im Juli 1940 den Auftrag zur Ausarbeitung eines Operationsplanes gegen die Sowjetunion gegeben. Deutlich brachte er dabei den Wunsch zum Ausdruck, dieses Land in einem einzigen Feldzug nach Art der bisherigen Blitzkriege niederzuwerfen, um einen eventuellen Zweifrontenkrieg auf dem Festland zu vermeiden.

Das Oberkommando des Heeres plante dabei einen Angriff mit Schwerpunkt gegen das Machtzentrum Moskau, zugleich bedeutendes Industriegebiet und Verkehrsknotenpunkt. So wäre der Feind gezwungen, sich zu stellen, und könnte zwischen Dnjepr und Düna in »einer einzigen Kampfhandlung« vernichtet werden. 

Die OKW-Abteilung L, die ebenfalls die Weisung zum Ausarbeiten einer Studie erhalten hatte, dachte gleichfalls an eine Offensive Richtung Moskau, berücksichtigte dabei aber ein eventuelles Anhalten der Kräfte im Raum Smolensk und ihr Abdrehen nach Norden, um der dort vielleicht liegengebliebenen Heeresgruppe weiterzuhelfen. Hitler hütete sich, das Problem ganz zu klären, denn ihm selbst schwebte die Eroberung der Ukraine und des Baltikum vor.

Während also das Heer mit seinen Planungen auf dem Clausewitzschen Gedanken der Vernichtung der feindlichen Streitkräfte fußte, dachte Hitler an die Erreichung kriegswirtschaftlicher Ziele. In einem Abnutzungskrieg im Stil General Grants wäre das erlaubt gewesen, in einem Blitzkrieg mit Vernichtungssieg aber niemals. So steckte hier nicht nur im Ansatz der Kräfte, sondern sogar schon in der Planung der Operationsziele der Keim zur Niederlage. Gelang es nämlich nicht, die an sich schon fast unlösbare Aufgabe zu lösen, die sowjetischen Streitkräfte in einem einzigen schnellen Feldzug niederzuwerfen, so mußte sich ein längerer Krieg zu einem Zweifrontenkrieg auf dem Kontinent auswachsen, den Deutschland schwerlich für sich entscheiden konnte.

Propagandistisch gab Hitler dem Feldzug das Ansehen eines »Kreuzzuges gegen die Sowjetunion«, der ohne Schonung geführt werden müsse. Daher müßten z.B. alle Kommissare, die so mörderisch unter den baltischen Völkern gewütet hatten, nach ihrer Gefangennahme sofort erschossen werden. Erregte Auseinandersetzungen mit dem okh führten dann dazu, daß dieser Befehl nur in abgemilderter Form an die Truppe gelangte. Er wurde dort als der Soldatenehre widersprechend empfunden und fast durchweg ignoriert. Den raschen Vormarsch des deutschen Heeres mit riesigen Kesselschlachten, mit Gefangenen- und Beutezahlen, wie sie bisher in keinem Krieg der Geschichte vorgekommen waren, beantwortete Stalin mit dem Aufruf zur »verbrannten Erde« und zur Bildung von Partisanenverbänden im Rücken der Deutschen Wehrmacht.

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Konnte die Rote Armee sie nicht aufhalten, so sollten das der Weite des Raumes und dem entfesselten Volkskrieg gelingen. Gleichzeitig bat er die Westmächte um materielle Hilfe. Allein die amerikanischen Lieferungen stiegen bis Oktober 1942 auf monatlich 2000 Panzer und ab Juli 1942 auf jährlich 3600 Flugzeuge. Der sicherste Nachschubweg führte dabei über den Iran. Der Aufruf Stalins zur Strategie der verbrannten Erde wurde fast überall mit minutiöser Genauigkeit durchgeführt. Alles, was den Deutschen von Nutzen hätte sein können, ging in Flammen auf, wurde gesprengt oder abtransportiert, wenn die Zeit dazu vorhanden war.

Die Sowjetunion litt unter dieser Strategie um so mehr, als auch die Deutschen bei ihrem späteren Rückzug, wo immer es möglich war, die gleichen Methoden anwandten. Am meisten litt darunter natürlich die Zivilbevölkerung, da ja selbst Lebensmittel zu den kriegswichtigen Gütern zählten. Erst im Winter 1941 blieb der deutsche Angriff vor Leningrad, Moskau und am Asowschen Meer stecken, da die deutschen Truppen auf eine Winterkriegsführung unter so extremen Bedingungen nicht vorbereitet waren. Tatsächlich ist hier und nicht erst bei Stalingrad die Kriegswende eingetreten, obwohl auch die sowjetische Winteroffensive nach Anfangserfolgen steckenblieb.

Trotz der Zähigkeit, mit der sich die sowjetischen Truppen im allgemeinen verteidigten, fielen, wie gesagt, bis Ende Februar 1942 rund 4 Millionen Gefangene in deutsche Hand.257 Mit solchen Zahlen hatte auch die deutsche Führung nicht gerechnet, und es kam einerseits zu den bereits erwähnten Versorgungs­schwierig­keiten dieser Gefangenenmassen, andererseits aber auch zu einer Fehleinschätzung der sowjetischen militärischen Möglichkeiten. Obwohl die Zustände 1941 in den Lagern für russische Kriegsgefangene katastrophal waren — sie besserten sich etwas erst ab 1942 —, gab es eine überraschend hohe Zahl sowjetischer Soldaten, die sich zum Kampf gegen den Bolschewismus bereit erklärten. Unter ihnen befanden sich sogar viele hohe Generäle und »Helden der Sowjetunion«.

Neben den vielen »Hilfswilligen«, die einfach bei den deutschen Kompanien und Bataillonen blieben — z.T. wohl, um nicht in die Gefangenenlager zu müssen —, dem Kosakenkorps und anderen ethnischen Verbänden wurde schließlich durch General Wlassow die Russische Befreiungsarmee gegründet. Sie verfolgte nationalrussische und demokratische Ziele. Aus Heeres- und Luftwaffenverbänden bestehend, umfaßte sie im März 1943 bereits 800.000 Mann.258

Etwa zur gleichen Zeit behauptete Oberst Bojarskij, einer ihrer führenden Offiziere, »die Befreiungs­bewegung sei imstande, den Krieg in Rußland in drei Monaten erfolgreich zu beenden. Wir haben größte Verbindungen mit den führenden Persönlichkeiten der Roten Armee und Politik. Ganze Divisionen werden zu uns überlaufen und werden uns in die Hände gespielt.«229

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Die Hitlersche Politik und die Goebbelsche Propaganda, die die Russen als »Untermenschen« darstellte, zerschlugen diese Hoffnungen, obwohl die russische Befreiungsarmee selbst noch 1945 mit den sowjetischen Truppen z.B. an der Oder in Feindberührung trat und sich ausgezeichnet schlug. Alle diese Verbände wurden nach der Kapitulation von 1945 von Engländern und Amerikanern, z.T. unter Einsatz von Waffengewalt, an die Sowjets ausgeliefert, wo sie ein schreckliches Schicksal erwartete. Zweifellos handelte es sich dabei um einen Völkerrechtsbruch, denn diese Truppen kämpften als reguläre Soldaten in deutschen Uniformen. Dagegen behandelte das Deutsche Reich etwa emigrierte Österreicher, Tschechen oder sogar Deutsche, die in feindlichen Uniformen als Soldaten gefangengenommen wurden, als normale Kriegsgefangene.

Gegen das ideologische Abbröckeln der sowjetischen Front und die Überhandnahme von Fahnenflucht und kampfloser Übergabe, vor allem 1942, aber auch noch später, fand Stalin nur ein einziges Mittel: Er rief den »Großen Vaterländischen Krieg« aus. Dieser Appell an die russische Heimatliebe blieb neben dem Einschalten der russisch-orthodoxen Kirche für die Zwecke der Kriegsführung nicht ohne Erfolg, vermochte aber dennoch das Überlaufen von Regimegegnern selbst in den letzten Kriegsmonaten nicht zu verhindern.

Die deutschen Linien waren bei einer Ausdehnung der gesamten Front im Süden von über 2000 km unendlich dünn geworden, die Versorgungslage mehr als schwierig. Zwar hatte man ein riesiges Gebiet erobert. Die Operationsziele, Vernichtung der feindlichen Kräfte und Wegnahme der Ölfelder, hatte die neugebildete Heeresgruppe A jedoch nicht erreicht. Der »Kulminationspunkt« des deutschen Angriffs war hier im gleichen Jahr wie in Afrika überschritten worden. 

Zur Deckung dieser »Hauptoperation« hatte Hitler die Wegnahme des Rüstungs- und Verkehrszentrums Stalingrad befohlen. Zwar war ein Flankenschutz für die Operation zur Wegnahme der kaukasischen Ölfelder am Don nötig, aber dabei durfte nicht wie hier der operative Zusammenhang verlorengehen, ganz davon abgesehen, daß aufgrund des mangelhaften sowjetischen Bahnnetzes die Versorgung über Entfernungen von 450 bis 900 km von den Kopfbahnhöfen bis zur Truppe stark gefährdet wurde. Durch Lastkraftwagentransporte war das nicht auszugleichen. Noch schwerer wog, daß Hitler zwei Schwerpunkte, Stalingrad und Kaukasus, befohlen hatte und damit die Kräfte verzettelte. Außerdem mußte zur Deckung des Angriffs auf Stalingrad ein weiterer Flankenschutz bei Woronesch aufgebaut werden. Stalingrad sollte durch einen Zangenangriff aus Richtung Rossosch und vom Mius her genommen und der scheinbar wichtige Öltransport auf der Wolga unterbunden werden.

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Beinahe wäre es gelungen, die Stadt zu nehmen, als am 19. November 1942 drei sowjetische Panzer- und zwei Kavalleriekorps sowie 21 Schützendivisionen die schwachen Stellungen der 3. rumänischen Armee beiderseits Kletskaja durchstießen. Zwei weiteren Panzerkorps mit 9 Schützendivisionen gelang zur gleichen Zeit der Durchbruch südlich der Stadt Stalingrad bei der 4. deutschen Panzerarmee und der 4. rumänischen Armee. Am 22. November schloß sich bei Kalatsch am Don der Ring hinter der deutschen 6. Armee. Sie hätte noch ausbrechen können, aber Hitler erteilte den Befehl zum Halten. Der später für die Südfront verantwortliche Feldmarschall von Manstein stellte dem eingeschlossenen Generaloberst Paulus dagegen den Durchbruch frei.260 

Da die Luftwaffe nicht in der Lage war, die Versorgung sicherzustellen, mußte er am 31. Januar und 2. Februar 1943 kapitulieren. Nach M. Kehrig, dem besten Kenner, zogen ca. 200.000 Mann in die Gefangenschaft, eine noch immer unbekannte Zahl fiel oder starb an den Anstrengungen und Entbehrungen. Ganze 6000 überlebten die Gefangenschaft. Dem reinen Prestige war die Armee geopfert worden. Gemessen an den vorangegangenen deutschen Siegen mit ihren noch weit größeren Gefangenenzahlen war der tatsächliche sowjetische Erfolg nicht allzu hoch, zumal es den Russen durch die überlegene Führung Generalfeldmarschall von Mansteins nicht gelang, ihr operatives Ziel, das Abschneiden der Truppen im Kaukasus zu erreichen.

Aber für die Feindseite erschien der sowjetische Sieg als das Symbol für die Kriegswende und den Endsieg. In Deutschland selbst herrschte Trauer, und zum ersten Mal fühlte man den nahenden Untergang. Aber die Forderung der Alliierten auf der Konferenz von Casablanca am 24. Januar 1943 nach bedingungsloser Kapitulation des Reiches stärkte nur den Willen der für ihr Vaterland, nicht aber für ein Regime kämpfenden deutschen Soldaten, bis zum bitteren Ende weiterzukämpfen.

Trotz größten Opfermutes und höchster Tapferkeit hatte das deutsche Heer nach der fehlgeschlagenen Offensive von Kursk im Jahr 1943 seine Offensivkraft im Osten verloren.

Es konnte nur noch in beweglicher oder starrer Verteidigung versuchen, dem sowjetischen Heer so viele Verluste beizufügen, daß die sowjetische Regierung schließlich zu einem Separatfrieden geneigt sein würde, wenn die Opfer nicht mehr hinnehmbar gewesen wären. Aber das waren Überlegungen, die für einen ideologischen Krieg, der wie ein Religionskrieg geführt wurde, nicht gelten. Schließlich gelang es der Sowjetarmee sogar, Berlin, ganz Ostdeutschland und Mitteldeutschland bis zur Elbe zu erobern. Stalin wollte damals 50.000 Nationalsozialisten ohne Gerichtsverhandlung erschießen lassen, setzte das aber gegen den Widerstand Churchills und Roosevelts nicht durch.

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Im Westen und Süden verliefen die Kriegsereignisse ab 1943 ähnlich. Auch dort reichte es nur noch im Winter 1944 zu einer einzigen Angriffsoperation in den Ardennen, die schließlich im Bombenhagel der Amerikaner steckenblieb. Die Landung in der Normandie gab den Ausschlag für den endgültigen Sieg der westlichen Alliierten (s. Fig. 18). Dabei war wiederum entscheidend, daß ein rein technisches Mittel, nämlich die Funktäuschung, die Deutschen daran hinderte, die bereitgestellten Panzerverbände aus dem Raum Boulogne-Calais abzuziehen und zum entscheidenden Gegenangriff an den Landungsküsten einzusetzen.

Nicht starres Festhalten an vorgefaßten Ideen veranlaßten Hitler und Rommel dazu, diese bereitgestellten Panzerverbände in ihrem Bereitstellungsraum zu belassen, sondern die Tatsache, daß die Engländer und Amerikaner durch Funkstellen in Südostengland, die im regen Betrieb miteinander blieben, eine ganze Heeresgruppe vortäuschten, die sich zum Angriff auf den Raum Boulogne — Calais fertigmachte. Sie erweckten sogar den Anschein, als läge dort der Schwerpunkt des britisch-amerikanischen Landungs­unternehmens.261

Später konnten diese deutschen Panzerkräfte nicht mehr wirkungsvoll eingesetzt werden. Noch vor den Russen erreichten Amerikaner und Briten die Elbe, die als Demarkationslinie bestimmt worden war. Nach einer Absprache zwischen den Alliierten durften sie nicht weiter vorstoßen. Dem Deutschen Reich blieb nur noch die bedingungslose Kapitulation, wie sie in Casablanca gefordert worden war.

 

An dieser Stelle ist es an der Zeit, auf die ganz neuartige Aufstellung und Ausbildung der zur damaligen Zeit einzigen vollmotorisierten und vollmechanisierten amerikanischen Streitkräfte einzugehen, weil sie typisch und symptomatisch für das Volk und die Epoche sind. Vor dem Krieg besaßen die Amerikaner zahlenmäßig nur geringe Streitkräfte aus Berufssoldaten. Als diese zu Streitkräften der allgemeinen Wehrpflicht umgewandelt werden sollten, stand man vor einer schier unlösbaren Auf gäbe. Das aktive Offizierskorps mit seinem guten Ausbildungsstand war aufgrund seiner geringen Zahl nicht in der Lage, kurzfristig ein Millionenheer auszubilden. Da griffen die Amerikaner zu einem bis dahin unerhörten Mittel, das sich aber glänzend bewährte.

Während Berufsoffiziere genau einzuhaltende Ausbildungspläne entwarfen, die schriftlich an alle neu aufgestellten Truppenteile und Rekrutenlager verteilt wurden, bildeten Führungskräfte der Industrie, denen man Offiziersrang gab, nach ihren zivilen Erfahrungen und anhand jener »Master-Lesson-Plans« die Rekruten in Massen aus. Ihrem inneren Gefüge nach waren die amerikanischen Streitkräfte demnach Abbilder der Industrie.

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Der einzige Nachteil bestand dann, daß jene Offiziere und Unteroffiziere, die diese Truppen dann im Feld übernahmen, sie nicht selbst geformt hatten. Dadurch ergab sich zunächst zwangsläufig eine Unterlegenheit im Kampfwert gegenüber den zusammengeschweißten und erfahrenen deutschen Truppen. Aber nach Überwindung dieser Anfangsschwierigkeiten zeigten sich die Amerikaner als harte Truppe, die, auf ihre materielle und zahlenmäßige Überlegenheit gestützt, den Sieg zu erringen vermochte.

Auch im westlichen Europa hat man sich inzwischen viele Erkenntnisse der Führungskräfte aus der Industrie für die Führung und Ausbildung der Truppe zunutze gemacht und umgekehrt. Die amerikanischen Grundsätze für die Truppenführung ähnelten zunächst sehr den deutschen. Sie vermochten sie aber vor allem in bezug auf die Auftragstaktik, wegen des mangelnden Ausbildungsstandes der Masse ihres nichtaktiven Offizierskorps, nicht zur Gänze anzuwenden. Erst lange nach dem Krieg gingen sie zu den »Missiontype Orders « über, wie sie die Auftragstaktik nannten. Vorläufig aber blieb es bei der von den Briten übernommenen Befehlstaktik. Das führte z.B. dazu, daß der amerikanische General, dem die Brücke von Remagen in die Hand gefallen war, vor ein Kriegsgericht gestellt wurde, weil er diese günstige Gelegenheit ausgenutzt und die Brücke wider den gegebenen Befehl überschritten hatte.

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Diese Auffassung wäre im deutschen Heer auf völliges Unverständnis gestoßen. Nicht zuletzt durch diese Tatsachen fehlte der britischen und der amerikanischen Führung, mit Ausnahme des US-Generals Patton, jene Brillianz, die die deutsche, abgesehen von Hitlers laienhafter Führung, auf dem Schlachtfeld auszeichnete. Sie war dafür systematischer, verstand hervor­ragend zu organisieren, wirkte aber manchmal zu vorsichtig und schematisch. Dennoch hat sie, gestützt auf unerschöpfliche Reserven, den Sieg zu erringen verstanden.

Erst durch den Eintritt Japans in den Krieg hatte sich die europäische Auseinandersetzung zu einem Weltkrieg ausgeweitet. Abgesichert durch den am 27. September 1940 geschlossenen Dreimächtepakt, hatte Japan im Dezember 1941 Pearl Harbour angegriffen und große Teile der amerikanischen Pazifikflotte so schwer getroffen, daß diese für den Anfang des Krieges gelähmt war. Bald darauf eröffnete es die Offensive in drei Stoßrichtungen mit Schwerpunkt gegen die Philippinen und Niederländisch-Indien, die bis zum Sommer 1942 erobert wurden (s. Fig. 19).

Der westliche Stoß zielte auf Thailand und Hongkong und bedrohte Indien. Auch Burma wurde genommen und damit der Nachschub für China abgeschnitten. Zur Deckung der linken Flanke griff Japan strahlenförmig im Pazifik an und eroberte innerhalb eines halben Jahres durch das meisterhafte Zusammenwirken von Heer, trägergestützter Luftwaffe und Flotte Guam, Wake, Inseln des Bismarckarchipels, Neu-Guinea, die Salomonen und Teile der Aleuten.

 

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Im Frühsommer 1942 erreichte das japanische Vordringen in Ostasien seinen Kulminationspunkt. Die Seeschlacht im Korallenmeer im Mai 1942 setzte dem Vorstoß nach Australien ein Ende. Bereits im Juni des gleichen Jahres wurde die japanische Flotte in der See-Luft-Schlacht bei den Midway-Inseln durch den Verlust von vier Flugzeugträgern, an denen sie zunächst den Amerikanern überlegen war, entscheidend geschwächt. Nicht zuletzt war dies den Radargeräten zu verdanken, mit denen die Amerikaner den Japanern überlegen waren. Von nun an sollte der Vorsprung auf dem Gebiet der elektronischen Kriegführung von ebenso entscheidender Bedeutung werden wie die fortschrittlichsten Ideen bei der Führung der Heere. Außerdem standen sechs Flugzeugträger auf amerikanischen Werften vor der Vollendung, in Japan nur zwei.

Die Landung der Amerikaner auf Guadalcanal am 7. August 1942 und die Eroberung der Inseln im Februar 1943 brachte die Kriegswende in Ostasien. Die anschließende US-Großoffensive im Südwestpazifik, das Inselspringen, erzwang schließlich, u.a. nach der Ausschaltung von Rabaul, den Rückzug der japanischen Seestreitkräfte im März 1944 auf die inneren Verteidigungsstellungen. Daran schlossen sich die Offensive im mittleren Pazifik, auf den Philippinen und in Hinterindien mit gleichermaßen durchschlagendem Erfolg an. Die Landung der Amerikaner auf Okinawa im April 1945 bedeutete den ersten Schritt zur Eroberung des japanischen Mutterlandes.

Den Ausschlag bei allen Offensiven hatte die Überlegenheit der amerikanischen Flotte und Luftwaffe gegeben. Dabei darf aber nicht übersehen werden, daß die Vereinigten Staaten nicht Japan, sondern, nach den Worten ihres Präsidenten, Deutschland als den »Feind Nr. 1« ansahen. Roosevelt führte den Krieg, ähnlich wie Hitler gegen die Sowjetunion, als »Kreuzzug gegen Deutschland«. Daß die den Krieg im Pazifik beendenden Abwürfe der Atombomben im August 1945 auf zwei japanische Städte, Hiroshima und Nagasaki, fielen, lag wohl lediglich daran, daß sie noch nicht einsatzbereit waren, als der Krieg noch gegen Deutschland tobte.

Diese neue Waffe sollte das Kriegsbild und Kriegsgeschehen genauso grundlegend wandeln wie der Einsatz der ersten feldbrauchbaren Feuerwaffen, vielleicht sogar noch entscheidender. Wer daher mit dem Kriegsbild von 1945 vor Augen seine Streitkräfte gliedert, ausrüstet und ausbildet, dürfte sich genauso irren wie die Westmächte vor 1939. Mit dieser atomaren Waffe hatten die Vereinigten Staaten die Möglichkeit in der Hand, jedem Feind oder Verbündeten, besonders aber der Sowjetunion, ihren eigenen Willen aufzuzwingen. Sie widerstanden dieser Versuchung und brachten sie ihr gegenüber nicht in Anschlag. Dies kann moralisch und machtpolitisch für die folgende Zeit nicht hoch genug eingeschätzt werden. Aber mit der ersten atomaren Waffe war auch ein erster Schritt zur möglichen Selbstvernichtung der Menschheit in einem künftigen Krieg getan.

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Das Kriegsbild hatte sich gegenüber demjenigen von 1940 grundlegend gewandelt. Während in den ersten beiden Kriegsjahren die Kampfpanzer, unterstützt von Schlachtfliegern, den Durchbruch durch die noch nicht allzu tief gegliederten Infanteriestellungen erzwangen, um die feindliche Artillerie in ihrer Feuerstellung zu vernichten und danach die Operationsfreiheit zu erringen, konnte das 1945 nicht mehr in dieser Weise geschehen. Die Stellungen des Verteidigers waren dort, wo er noch über die nötigen Kräfte verfügte, tiefer und lockerer gegliedert worden. Vor allem aber hatten Minensperren die Aufgabe der Drahtsperren des Ersten Weltkrieges und leichte Panzerabwehrwaffen diejenigen der leichten Maschinengewehre übernommen.

So wurde der Angreifer gezwungen, vor Angriffsbeginn durch Feuerwalzen der Artillerie, denen die Kampfpanzer und Infanterie dichtauf folgten, zunächst die Masse der feindlichen Panzerabwehrwaffen zu vernichten und die Minensperren infanteristisch zu überwinden, bevor er seine Panzerverbände allein als Stoßkeile zur Erringung der Operationsfreiheit einsetzen konnte. Im Westen verstärkten die Bombenteppiche der alliierten Luftwaffe das Feuer der Artillerie, und ein Teil der Luftwaffe unterstützte als Jagdbomber die vorstoßenden Panzerkeile vor allem durch Niederhalten der feindlichen Artillerie und Vernichtung der zum Gegenangriff bereitstehenden feindlichen Panzerverbände. Andere Teile der Luftwaffe riegelten durch Angriffe auf Brücken und Straßen mehrere hundert Kilometer tief im Feindesland alle wichtigen Geländeabschnitte gegen den feindlichen Transport von Truppen und Versorgungsgütern ab, während der Rest der Jagdbomberverbände zur freien Jagd auf allen Straßen des Zwischengeländes eingesetzt war. Horizontalbomber griffen indessen weniger die offenen Städte als vielmehr die wichtigsten Verkehrsknotenpunkte und Stätten der Rüstungsproduktion tief im Hinterland an.

Der massierten Feuerkraft wurde wieder ein wesentlich höherer Stellenwert eingeräumt als zu Beginn des Krieges, als die Fähigkeit zur Beweglichkeit noch den ersten Platz einnahm. Besonders die sowjetische Führung leitete ihre Offensiven mehr im Sinne einer Abnutzungsschlacht, die immer wieder wiederholt wurde. Im Gegensatz zu Falkenhayns Plan bei Verdun kam es ihr aber darauf an, dabei auch tiefgreifende Geländegewinne zu erzielen. Die Zahl der in einer solchen Schlacht eingesetzten Geschütze wuchs dabei in einem nie geahnten Ausmaß. Hatte Ludendorff 1918 noch auf 1 km Frontbreite 100 Geschütze versammelt, so massierten die Russen z.B. bei Brodyj im Juli 1944 auf der gleichen Frontbreite 500 Geschütze aller Art.

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Dazu hatte sich vor allem durch den Einsatz der Raketenartillerie die Wucht der Feuerschläge bedeutend gesteigert. Auch die deutsche Artillerie besaß ja Raketengeschütze, die sie Nebelwerfer nannte. Ihre ballistischen Raketen vom Typ V1 und V2, die ab 1944 gegen England eingesetzt wurden, stellten sogar den ersten Schritt in Richtung auf jene Raketen dar, mit denen die Menschheit die Landung auf dem Mond einleitete. Bei diesen gewaltigen Materialschlachten konnten sich die Amerikaner und Briten noch auf ihre überwältigende Luftüberlegenheit stützen. So griffen z.B. am 25. Juli 1944 bei Avranches 1500 viermotorige, 500 zweimotorige Bomber und 500 Jagdbomber, gesichert von 500 Jägern, die deutschen Stellungen in einem Rechteck von 6,4 km auf 2,5 km an. Das ganze Inferno konzentrierte sich auf zwei Stunden, wobei natürlich noch eine gewaltige Artilleriemasse zum Tragen kam. Das war eine Steigerung der Feuerwirkung, die alles übertraf, was im Ersten Weltkrieg möglich gewesen war.

Das Material gab natürlicherweise in einer Zeit des Materialismus allein den Ausschlag. Dabei zählte aber nicht nur, wie es den Anschein haben könnte, die Masse an Granaten, Bomben usw., sondern auch die Technik, die sich mit den neuen Radargeräten bei der Schlacht um England, der Schlacht im Atlantik und den Schlachten im Pazifik zusammen mit der geheimen Funkaufklärung als entscheidend erwies.

Funk und Film boten sich geradezu als ideale Mittel für die psychologische Kriegsführung und die psychologische Verteidigung an. Den Diktaturen fiel das anfangs leichter, weil sie sich auf die Organisation der Staatspartei, der politischen Kommissare bei den Sowjets und der NS-Führungsoffiziere in Deutschland stützen konnten. Bei letzteren war dies allerdings nur bedingt der Fall, da sie meist pro forma befohlen, nicht aber für ihre Aufgaben ausgebildet worden waren. Aber auch den westlichen Demokratien gelang es mit dem Aufruf zum »Kreuzzug«, wobei sie sich in ihrer Propaganda vor allem auf die Verbrechen des Nazi-Regimes berufen konnten. Von nun ab war es durch geschickte Ausnutzung der Medien möglich, die Anschauungen der Menschen innerhalb kürzester Frist nach Wunsch zu verändern.

Ein paar Bemerkungen zum ideologischen Krieg müssen noch angefügt werden. Auf der Konferenz von Casablanca Ende Januar 1943 hatte der amerikanische Präsident Roosevelt die bedingungslose Kapitulation des Großdeutschen Reiches gefordert. Damit waren alle Gepflogenheiten einer pragmatischen Kriegsführung im Sinne der vorhergehenden Jahrhunderte gebrochen worden. Anstatt aber den Widerstandswillen der Deutschen Wehrmacht und der Bevölkerung zu brechen, wurde dieser damit nur gestärkt. »Genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich«, war ein Ausdruck, der zu jener Zeit bei den deutschen Soldaten umlief, die in ihrer Masse ja nicht für ein politisches System, sondern für den Schutz der Heimat zu kämpfen glaubten.

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Daher wurde auch die Proklamation des »totalen Krieges« vom 18. Februar 1943 durch Goebbels mit einer heute ganz unverständlich erscheinenden Entschlossenheit, Befriedigung und z.T. sogar Begeisterung aufgenommen. Im wesentlichen wirkte sich diese Proklamation auf eine straffe Konzentration der Wirtschaft unter Albert Speer aus, die unverständlicherweise nicht zu Anfang des Krieges, sondern erst Anfang September 1943 erfolgte. Trotz der schweren britisch-amerikanischen Bombenangriffe erreichten dann die deutschen Produktionsziffern zwischen August und Dezember 1944 ihren Höhepunkt.

 

Zum Verständnis des weiteren Geschehens müssen wir bis ins Jahr 1943 zurückgehen. Noch einmal trat das deutsche Heer am 5. Juli im Osten bei Kursk zur Offensive an (Operation »Zitadelle«). Nur mehr für diesen beschränkten Raum reichte seine Kraft aus. Aber die Operation war von der Spionageorganisation »Rote Kapelle« verraten worden, so daß sich der Angriff in den tief gestaffelten Minenfeldern, Pak-Fronten, vor allem aber an den »Artilleriemauern« der neuen sowjetischen Artilleriedivisionen wie ein Gewehrgeschoß in hintereinander lose aufgehängten Teppichen festlief.

Infolge des geänderten Kräfteverhältnisses hatte das deutsche Heer ein für allemal seine Offensivkraft verloren. Ihm blieb im Osten nur mehr die Abwehr. Aber damit konnte kein Krieg entschieden werden. Er konnte lediglich verlängert und das Ende hinausgezögert werden. Wäre der Krieg wie in vergangenen Jahrhunderten nach Gesichtspunkten der pragmatischen Politik geführt worden, so hätte das für die deutsche politische Führung bedeuten müssen, jetzt so schnell wie möglich Frieden zu schließen. In einem ideologischen Krieg, der von beiden Seiten als »Kreuzzug« geführt wurde, war diese Lösung nicht denkbar. So kam es zu einer noch zwei Jahre dauernden Agonie des Deutschen Reiches.

Wie sehr dieser Krieg zu einem Weltanschauungskrieg geworden war, beweisen nicht nur die deutschen und österreichischen Emigranten, die sich in den Dienst der damaligen Feindmächte in Ost und West stellten, sondern auch die zahllosen Freiwilligenverbände, die sich auf deutscher Seite an dem Krieg gegen die Sowjetunion beteiligten. Die Zahl der Angehörigen in sowjetischen Hilfswilligen- und Freiwilligenverbänden aus allen Völkern der Sowjetunion betrug weit mehr als eine Million.262 Aber auch Norweger, Dänen, Holländer, Belgier und Franzosen kämpften in eigenen Großverbänden im Osten an der Seite der deutschen Truppen.263 Einzelne Persönlichkeiten aus diesen Ländern stellten sich auch offiziell an die Seite des Deutschen Reiches und bildeten eigene Regierungen. Das hervorragendste Beispiel ist das des norwegischen Majors Quisling, der aus innerster Überzeugung an die Seite Deutschlands getreten war. Sein Name mußte später als Bezeichnung für Verräter herhalten.

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Selbst Männer aus dem führenden Geistesleben Europas scheuten vor einem solchen Schritt nicht zurück, wie etwa der große norwegische Dichter Knut Hamsun, der deshalb nach dem Krieg schweren Verfolgungen ausgesetzt war. Es sind dies Erscheinungen, die in jedem Weltanschauungskrieg vorkamen und vorkommen und mit dem gewöhnlichen Verrat aus Habsucht und Geldgier nichts zu tun haben. Auch in den französischen Revolutionskriegen des ausgehenden 18. Jahrhunderts und sogar in den napoleonischen Kriegen hatten französische Emigranten auf Seiten der Preußen oder Engländer gegen ihr eigenes Volk gekämpft.

Auch von westlicher Seite wurden außer der Forderung nach der bedingungslosen Kapitulation schwere politisch-propagandistische Fehler begangen. Zu ihnen gehörte vor allem der 1944 durch eine Indiskretion im Deutschen Reich bekannt gewordene Morgenthau-Plan, nach dem Deutschland als Weltmarktkonkurrent der angelsächsischen Mächte ausgeschaltet, die deutsche Industrie liquidiert und Deutschland in mehrere rückständige landwirtschaftliche Gebiete aufgeteilt werden sollte. Geschickt von Goebbels ausgeschlachtet, stärkte auch das Wissen um diese Pläne bei der Deutschen Wehrmacht und Bevölkerung den Widerstandswillen.

Wie aber paßte das alles zusammen mit dem, was im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten, vor allem in den Konzentrationslagern und gegen die Juden geschah? Die Masse der Wehrmacht und des deutschen Volkes war sich zwar bewußt, daß die Juden überall bekämpft, unterdrückt und auch abgeschoben wurden. Was aber in den Konzentrationslagern geschah, war nur wenigen bekannt.

John Taland schreibt, daß selbst Goebbels »erst im März 1942 [erfuhr], was mit der <Endlösung> gemeint war. Hitler sagte ihm rundheraus, Europa müsse von allen Juden gesäubert werden, >wenn nötig unter Anwendung der brutalsten Mittel<.«264  Und »Eugen Kogon, der selbst über Jahre Häftling in Konzentrationslagern war, berichtet in seinem Buch >Der SS-Staat<, >daß nicht einmal die Gestapo-Beamten das Recht hatten, die Konzentrationslager ohne Sondergenehmigung des Reichssicherheitshauptamtes, Abt. IV, zu betreten, obgleich doch sie es waren, die Tausende von Menschen in die Konzentrationslager einwiesen. Die wenigsten Gestapobeamten wußten daher im einzelnen, wie es in der Hölle aussah, zu der sie ihre Opfer verurteilten. Die Fragen an Entlassene, wie es ihnen ergangen sei, waren selten Fang-, meistens tatsächlich Neugierfragen<.«

Kogon führt weiter aus: »Das System, die Einzelheiten des Terrors streng geheim zu halten und dadurch den Schrecken anonym, aber um so wirksamer zu machen, hat sich zweifellos bewährt. Viele Gestapobeamte kannten das Innere von Konzentrationslagern nicht; die allermeisten Häftlinge hatten vom eigentlichen Getriebe des Lagers und vielen Einzelheiten der dort angewandten Methoden kaum eine Ahnung. Wer eingeliefert wurde, stand einer ihm neuen, abgründigen Welt gegenüber. Das ist der beste Beweis für die allgewaltige Wirksamkeit des Prinzips der Geheimhaltung.«265

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Drangen dennoch Nachrichten durch, so wurden sie wie die Greuelpropaganda der westlichen Alliierten im Ersten Weltkrieg, die von abgehackten Kinderhänden, Vergewaltigungen, Brandstiftungen usw. in Belgien berichteten, nicht geglaubt. Selbst im damals feindlichen Ausland stand man solchen Meldungen über die Konzentrationslager skeptisch gegenüber.266

Darüber hinaus war die Ungeheuerlichkeit der gemeldeten Zahlen ermordeter Juden, die zwischen 4 Millionen und 6 Millionen schwanken, so groß, daß sie sich dem Vorstellungsvermögen entzogen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß das furchtbare Schicksal Einzelner oder Weniger, das über die Massenmedien bekannt wird, weit stärker auf den Einzelnen wirkt als eine solch ungeheuerliche Zahl. Ähnliches gilt auch für die Gulags, von denen Solschenizyn berichtet.

 

Weiter ist zu fragen, wie groß denn noch das Vertrauen war, das Wehrmacht und Bevölkerung nach den in der Masse 1943 einsetzenden Rückschlägen in die politische und militärische Führung Deutschlands setzten. Allein mit Zwangsmaßnahmen und drakonischen Strafen, wie das zu oft in den Massenmedien dargestellt wird, lassen sich Kampfwille und Widerstandskraft der Deutschen nicht erklären. Zwei der Gründe, bedingungslose Kapitulation und Morgenthau-Plan, wurden bereits genannt. Hinzu kamen die Greueltaten sowjetischer Truppen in den von ihnen besetzten deutschen Gebieten. Sie lassen sich nicht einfach leugnen oder gar als Rache für angebliche Taten ähnlicher Art durch die Wehrmacht in Sowjetrußland erklären. Aus zweimal Unrecht wird nicht Recht. Die Greueltaten sowjetischer Truppen sind sogar durch Bilder belegt.267

Verstärkt wurde dies alles durch die allabendlichen Aufrufe Ilja Ehrenburgs im sowjetischen Rundfunk, der in seinen Haßtiraden zu Plünderung, Brandstiftung, Mord und Vergewaltigung antrieb. Mit diesen drei Punkten sind zwar Gründe für den Kampfwillen der Deutschen gegen diese Maßnahmen und Pläne genannt, die Frage nach dem Vertrauen ist aber noch nicht beantwortet. Die Antwort findet sich in den »Meldungen aus dem Reich«, die vor kurzem nach Unterlagen des Bundesarchivs erschienen sind.268 Danach hatte die deutsche Bevölkerung ab 1943 das Vertrauen in die nationalsozialistische Partei bis in ihre Spitzen hinein verloren, keineswegs aber in Hitler selbst. Darüber hinaus blieb der Glaube an die Kompetenz und Tüchtigkeitder militärischen Führung bis zum Ende des Krieges unerschüttert.

Dennoch gab es Menschen, die sich gegen den Totalitätsanspruch des nationalsozialistischen Staates und die Auswirkungen des nationalsozialistischen Regimes wehrten. Sie kämpften gegen die Beseitigung des Rechtsstaates, die Verfolgung und Ausrottung der Juden, den Terror der Partei, die Liquidierung politischer Gegner, die Vernichtung »lebensunwerten Lebens«, gegen die Unterdrückung der Kirchen sowie gegen Hitlers unumschränkte Diktatur.

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So bildeten sich aktive Widerstandskreise um die Generäle Beck, von Stülpnagel, Oster, Admiral Canaris u.a. Zu den Politikern und Diplomaten gehörten Goerdeler, von Hassell und Graf von der Schulenburg. Sozialdemokraten und Gewerkschaftler fanden sich unter der Führung Leuschners und Lebers zusammen. Weitere Persönlichkeiten bildeten den »Kreisauer Kreis«, den »Solf-Kreis«, die »Weiße Rose« und die kommunistische »Rote Kapelle«. 

Nach mehreren gescheiterten Attentats- und Umsturzversuchen sowie nach Kontaktaufnahmen zwischen deutschen Widerstandsgruppen mit alliierten Staaten über die Behandlung Deutschlands nach einer möglichen Kapitulation, die aber nach der alliierten Forderung nach bedingungsloser Übergabe abgelehnt wurden, mißglückte am 20. Juli 1944 das Bombenattentat des Obersten i. G. Claus Graf Schenk von Stauffenberg auf Hitler im Führerhauptquartier »Wolfsschanze«. Danach brach der Aufstand in Berlin und Paris zusammen, und die Verschwörer wurden hingerichtet. Die Zahl der so Getöteten belief sich auf etwa 5000. Ihre Familien traf die Sippenhaft. Obwohl der Aufstand ein «Fanal dafür war, daß es Menschen gab, die sich dem Unrecht selbst angesichts des sicheren Todes widersetzten, dürften die Aussichten auf einen durchschlagenden Erfolg dieses Unternehmens außerordentlich gering gewesen sein, wie gerade wieder die genannten »Meldungen aus dem Reich« zeigen. Aufstände gegen totalitäre Staaten können nur Erfolg haben, wenn sie von der Masse der Bevölkerung und dem interessierten Ausland tatkräftig unterstützt werden. Churchill reagierte auf die Nachricht vom mißglückten Attentat am 20.Juli mit der ironischen Bemerkung: »Danken wir Gott, daß unser bester Verbündeter noch am Leben ist!«269

Die Folge des Krieges war die Zerschlagung des Deutschen Reiches. Das deutsche Volk aber, das unendliche Opfer gebracht und einen großen Teil seines Bodens verloren hat, sollte lernen, daß dieser Untergang und die Aufsplitterung in mehrere Staaten ihm einen Weg gewiesen hat, den unseligen Pfad nach äußerer nationaler Machtentfaltung nicht weiter zu verfolgen. Nimmt es bewußt dieses Opfer zugunsten seiner eigentlichen geistigen Mission auf sich, ohne auf seine völkische Identität zu verzichten, so kann es dem Schicksal des anderen Michaelsvolkes, der Juden nach der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr., entgehen. Die Welt kann dann an seinem goetheanisch verstandenen Wesen genesen.

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Die politischen und militärischen Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges brachten es mit sich, daß allein die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten als Großmächte aus ihm hervorgingen. Die Befolgung der Clausewitzschen Grundsätze über die Kriegsziele, nach denen der Sieger eine solche Position einnehmen muß, daß er nach Friedensschluß sich in einer günstigen Ausgangslage gegenüber seinem ehemaligen Verbündeten befindet, sicherten der Sowjetunion durch die Besetzung Thüringens und Sachsens sowie durch den Ausbau der Flotte und einer ihr gemäßen Politik die bessere strategische Ausgangslage, während die Vereinigten Staaten anfangs an die völlige Achtung des Krieges glaubten und ihre Streitkräfte weitgehend demobilisierten. 

Darüber hinaus sind kaum jemals feststellbare Millionenverluste an Toten, Vermißten und Verwundeten, die Zerstörung ganzer Städte und Gebiete sowie unersetzlicher Werte das erschütternde Ergebnis dieses Krieges. Hunger, Elend und seelische Not bildeten besonders unter den Millionen von Vertriebenen Gefahrenherde in den heimgesuchten Ländern. Nur in den Nachfolgestaaten des Deutschen Reiches gelang ihre vollständige Integration. Weiter wurden in vielen Staaten finanzielle und wirtschaftliche Zerrüttungen sichtbar. Am schlimmsten aber wirkten sich Mißtrauen und Angst aus, die dringende Forderungen nach Sicherheit entstehen ließen.

Die erste der hierfür ergriffenen Maßnahmen bestand in der Gründung der Vereinten Nationen am 26.Juni 1945, deren Charta Vertreter von 50 Staaten unterzeichneten. Ziele der Vereinten Nationen sollten die Sicherung des Weltfriedens, der Schutz der Menschenrechte, die Gleichberechtigung aller Völker und die Besserung des allgemeinen Lebensstandards in der Welt sein. Die Mitgliedsstaaten verpflichteten sich zu tätiger Friedenssicherung mit friedlichen Mitteln, durch politische und wirtschaftliche Sanktionen oder durch Einsatz von Streitkräften, die von den Mitgliederstaaten gestellt werden sollten. Ein Militärabkommen aber über die Streitkräfte der Vereinten Nationen, einen Weltgeneralstab und eine Weltabrüstung sind nicht zustande gekommen. Weiter verpflichteten sie sich zur Anerkennung staatlicher Selbstverteidigung, Respektierung regionaler Sicherheitspakte, zur Nichteinmischung in innerstaatliche Angelegenheiten und damit zum Verzicht auf Schutz der Menschenrechte in autoritären oder totalitären Staaten und zu einer loyalen Erfüllung der UN-Verpflichtungen nach Treu und Glauben, insbesondere zum Verzicht auf Androhung und Anwendung von praktischer Gewalt. Mitglieder dieser Vereinten Nationen konnten grundsätzlich alle Staaten werden. So traten ihnen auch die Bundesrepublik Deutschland, die DDR und Österreich bei.

Gewiß bilden die Vereinten Nationen ein Forum zum parlamentarischen Ausgleich aufkommender Streitfragen. Da aber alle Staaten je eine Stimme haben, gleich ob es sich um große und mächtige oder winzige Staaten handelt, erweist sich dieses Instrument und vor allem dasjenige des noch wichtigeren Sicherheitsrates, der durch das Veto eines einzelnen Staates lahmgelegt werden kann, wie alle Versuche ähnlicher Art als völlig wirkungslos.

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Einige Erfolge hatten die Vereinten Nationen nur dort zu verzeichnen, wo das Interesse der Supermächte und Großmächte nicht auf dem Spiel stand. Die einzige Ausnahme von dieser Regel bildet vielleicht der 1950 entfesselte Koreakrieg, der im Namen der Vereinten Nationen geführt, jedoch in der Masse von amerikanischen Truppen ausgefochten wurde. Als entscheidend bei den meisten Fragen hat es sich erwiesen, ob es einer der beiden Supermächte gelang, die Masse der Staaten der Dritten Welt für sich zu gewinnen. In letzter Zeit war das fast stets die Sowjetunion, während zu Anfang die Vereinigten Staaten einen gewissen Vorteil besaßen. Darüber hinaus verstand es die Sowjetunion von Anfang an, für sich mehrere Stimmen dadurch zu beanspruchen, daß jede ihrer Unionsrepubliken wie ein selbständiger Staat behandelt wurde, d.h. eine volle Stimme besaß.

Im Glauben an den guten »Uncle Joe«, Onkel Josef Stalin, hatte man nach 1945 in den usa der Sowjetunion fast jedes Zugeständnis gemacht, obwohl die Vereinigten Staaten damals als einzige im Besitz der allein entscheidenden Waffe, der atomaren, waren, die ihnen die theoretische Möglichkeit gab, jeden anderen Staat unter ihren Willen zu zwingen. Die usa aber beschritten diesen Weg nicht, sondern rüsteten sofort nach Kriegsende ab. Die Sowjetunion dagegen nutzte diese Gelegenheit, um ihren Rückstand so rasch wie möglich nachzuholen, behielt nicht nur ihre Truppen unter Waffen, sondern rüstete auch in einem Maße auf, wie es die Welt in Friedenszeiten bis dahin noch nicht gekannt hatte. Erst der Koreakrieg veranlaßte die Vereinigten Staaten von Amerika, ihre Politik der radikalen Abrüstung zu ändern und ebenfalls wieder aufzurüsten. Damit begann ein neuer Rüstungswettlauf.

Überschauen wir die Zeit etwa vom Beginn der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts bis heute, so erleben wir den Untergang der mittelalterlichen Ordnung, der sich am deutlichsten in der Schlacht bei Murten ausdrückt, in der die letzten Ritterheere, die noch ganz dem alten System verhaftet waren, unter dem Ansturm der Schweizer Kriegsknechte mit ihren gewaltigen Gevierthaufen und Feuerwaffen endgültig zusammenbrachen. Zwar waren die Feuerwaffen zur damaligen Zeit noch lange nicht ausschlaggebend, da sie im Schuß zu unsicher, zu ungenau und von zu geringer Reichweite waren, auch dauerte das Laden viel zu lange. Aber die in ihnen liegenden Entwicklungsmöglichkeiten wurden rasch erkannt und von Menschen eines Zeitalters genutzt, die sich anschickten, den gesamten irdischen Plan mit Hilfe der Naturwissen­schaften zu erobern. Innerhalb von 300 bis 400 Jahren wurden aus Hakenbüchsen und Feldschlangen Mehrlader- und Schnellfeuergewehre, Maschinengewehre und weittragende Schnellfeuergeschütze.

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Die Technik vervollkommnete sich in einer Weise, wie das in den ganzen vorhergehenden Jahrtausenden nicht geschehen war. Sie ermöglichte den Bau von Maschinen, die nicht nur dem Wohl des Menschen dienten, sondern auch zu seiner Vernichtung. Das naturwissenschaftliche Maschinendenken nahm so überhand, daß man den Menschen als Maschine ansah und folgerichtig im 18. Jahrhundert eine armee machine entwickelte, die sich nur noch nach mathematischen Formeln bewegen sollte. Als sich in den Napoleonischen Kriegen die Untauglichkeit dieses Systems erwies, ließ man dennoch nicht von diesem natur­wissen­schaftlich-materialistischen Begriff ab und sprach wie Napoleon von den Soldaten als vom Menschenmaterial.

Aber man sah nicht nur den Menschen als verausgebbares Material an, sondern man wollte ihn auch durch das Material niederzwingen. Seinen furchtbarsten Ausdruck fand dieser Gedanke in den entsetzlichen Materialschlachten des Ersten Weltkrieges, vor allem bei Verdun und an der Somme, in denen zwar die Menschen von diesem Material zermalmt, ihr Geist und ihre Seele aber nicht gebrochen werden konnten.

Naturwissenschaften und Materialismus führten zusammen zur Industrie, wie wir sie heute kennen, und damit zum Kampf um die Rohstoffmärkte, deren Besitz allein über das Florieren oder den Untergang der nationalen Industrie entschied. Hier und im Egoismus der Nationen fanden der Imperialismus vor dem Ersten Weltkrieg und der sowjetische Imperialismus des 20. Jahrhunderts neben ideologischen Gründen seinen Ursprung. Neue technische Mittel und Waffen ermöglichten das Aushungern der Zivilbevölkerung in Mitteleuropa im Ersten Weltkrieg durch die Blockade. Elektronische Mittel gestatteten es, den Bombenkrieg zu führen, der sich fast ausschließlich gegen die Zivilbevölkerung richtete. Radargeräte garantierten die britische Überlegenheit 1940 in der Luft und in den Weiten des Ozeans, in denen vorher nur zu oft die Kriegsflotten aneinander vorbeigefahren waren, im Zweiten Weltkrieg den Seesieg der Angloamerikaner im Pazifischen Ozean. 

Naturwissenschaften und Technik schufen im Lauf des Zweiten Weltkrieges aber auch die atomare Waffe, die heute allein noch als entscheidend angesehen werden kann. Während früher jeder einzelne Soldat mit seiner Einzelwaffe gezwungen war, den Gegner außer Gefecht zu setzen, ist es heute einer »Elite« möglich, mit Hilfe dieser Waffen völlig unpersönlich ganze Heere, Völker oder gar die Menschheit auszurotten. Wohl mag man dies erkannt haben und wohl mag man für die Bannung dieser furchtbaren Waffen eintreten, ihre Herstellung ist aber so bekannt und so einfach, daß sie in kürzester Zeit selbst von Physikstudenten der höheren Semester hergestellt werden kann. Diese Kenntnis aber ist unerschütterlich. Kein Verbot, kein Bannstrahl kann sie aus den Gehirnen der Menschen verschwinden lassen.

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So steht jeder Einzelne heute tatsächlich vor der Frage, ob er sich völlig in diese fürchterlichen Ausgeburten des naturwissenschaftlich-materialistischen Zeitalters verstricken lassen oder sich davon befreien will. Der einzig menschenwürdige Weg ist der des wahren Christentums.

 

Neben der Eroberung des irdischen Planes durch die Naturwissenschaften, mit der die Menschheit zwangsläufig durch den Materialismus hindurchgehen muß und die neben den gerade geäußerten negativen Erscheinungsformen doch überwiegend positive enthielt, verlief der Kampf um die Gewissensfreiheit. Besonders Deutschland, von dem dieser Kampf ausging, verzehrte sich darin vor allem in den beiden Jahrhunderten nach der Reformation. Während die anderen Nationen Europas nach außen drängten, vollzog sich der Kampf in Deutschland im Innern.

Niemals konnte die konfessionelle Spaltung auf dem von Deutschen bewohnten Gebiet völlig überwunden werden; es kam nur zu einem Nebeneinander. Dieser Kampf um die Gewissensfreiheit spielte sich zunächst nur auf der religiösen Ebene ab, griff dann aber auch auf die politische über. Das öffnete dem Mißbrauch Tür und Tor, wie er sich vor allem im Glaubenswechsel um das Erbe eines Landes oder Reiches willen zeigte. Die profane Ebene erreichte dieser Kampf in der Zeit der Aufklärung, als es eines größeren Bekennermutes bedurfte, sich für eine politische als für eine religiöse Idee zu entscheiden. Dabei spielte die von der Presse getragene öffentliche Meinung eine immer größere und stärkere Rolle. 

Aus der Gewissensfreiheit wurde allmählich Meinungsfreiheit. Doch selbst diese fand ihre Grenzen, wenn sie versuchte, ihre Stimme gegen einen autoritären, totalitären oder diktatorischen Staat zu erheben. Dennoch haben sich Gewissens- und Meinungsfreiheit letzten Endes als stärker erwiesen als alle Machtmittel eines solchen Staates. Ohne die in den Jahrhunderten nach der Reformation und nach der Französischen Revolution errungene Gewissens- und Meinungsfreiheit wäre alles geistige Leben, trotz des Schillerschen Satzes von der Freiheit des Menschen, selbst wenn er in Ketten geboren wäre, zum allmählichen Tod verurteilt. Was nützten die größten und heiligsten Erkenntnisse, wenn sie den Menschen nicht frei mitgeteilt werden dürften? Sie blieben das Wissen Einzelner, die im Verborgenen lebten und nicht die Möglichkeit hätten, fördernd und lenkend auf andere Menschen einzuwirken. Die Zustände in Deutschland von 1933 bis 1945 und manche noch aktuelle sind dafür ein schlagender Beweis.

Aufs engste verbunden mit der Gewissensfreiheit ist die Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit zum Ich-Bewußtsein. Sie zeigt sich nicht nur in dem Lutherschen »Hier stehe ich, ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen!«, sondern auch in so profanen Dingen wie der Soldatenwerbung zur Zeit der Landsknechte. Jeder einzelne von ihnen unterschrieb bei seinem Eintritt in ein Heer die Artikelbriefe und schloß damit einen persönlichen Vertrag mit seinem Werbeherrn, der seinerseits als Kriegsunternehmer wiederum einen persönlichen Vertrag mit dem kriegführenden Fürsten einging.

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Neben den Gevierthaufen der Landsknechte gewann der mit der Feuerwaffe bewaffnete Einzelkämpfer wieder persönliche Freiheit in der Schlacht. Gewiß wurde er aus überspitztem intellektuellen Denken heraus in der Lineartaktik des 18. Jahrhunderts wieder als Glied der großen armee machine behandelt, aber schon kurz darauf unternahm er die ersten Schritte in Richtung auf den nur sich und seinem Volk verantwortlichen Einzelkämpfer mit der aufkommenden Taktik des zerstreuten Gefechts, die schließlich heute im Teamwork der Einzelkämpfer ihren vorläufig höchsten Ausdruck findet.

Auch in den Bauernkriegen, den Freiheitskriegen gegen Napoleon, dem Burenkrieg und bei manchen Partisaneneinheiten des Zweiten Weltkrieges erwies sich das persönliche Freiheitsstreben des Einzelnen als treibende Kraft. Ihren wichtigsten Ausdruck fand die ichbewußte Persönlichkeit auf dem Gebiet des Kriegswesens in der von Scharnhorst eingeleiteten und von dem älteren Moltke vollendeten Auftragstaktik, in der Führer, Unterführer und Mannschaften dazu erzogen wurden, als denkende Einzelkämpfer stets im Sinne des Ganzen zu handeln, gleich ob sie für eine ihnen im Augenblick durch eigene Einsicht notwendig erscheinende Aufgabe den Auftrag hatten oder nicht.

Auf dem Bereich der letzten in dieser Zeitspanne entstandenen geistigen Kraft, dem Nationalen, vollzog sich die endgültige Überwindung der einheitlichen mittelalterlichen Welt im kriegerischen Gegensatz zwischen dem romanisch-katholischen und dem germanisch-protestantischen Teil der führenden Menschengruppen. Der Sieg der Engländer über die spanische Armada im Jahr 1588 stellte dabei den bedeutendsten Wendepunkt dar. Von nun an ging die Führung der Menschheit in den folgenden Jahrhunderten allmählich von den Romanen auf die Engländer und später Angloamerikaner mit ihrem Wirtschaftssystem über. 

England wurde die vorherrschende Macht in der nördlichen Hemisphäre, vor allem auch in Nordamerika und Asien. Spanien und Portugal wurden auf die südliche Hemisphäre verwiesen, der heute größtenteils die Entwicklungsländer angehören. Frankreich hatte zwar durch die Tat der Jeanne d'Arc die Epoche des Nationalismus eröffnet und England vom Festland Europas verdrängt, aber seine Kräfte richteten sich immer mehr und mehr nach innen, während England nach außen zur Eroberung der Welt vorstieß. Bei dem ständigen Gegensatz zwischen Land- und Seemacht erwies sich die Seemacht letzten Endes nicht nur als überlegen, sie erfocht auch ihre Siege unter weit geringeren Verlusten, als das jemals einer Landmacht möglich gewesen war. Selbst im Zweiten Weltkrieg hatte Großbritannien nur etwa 250.000 Tote zu beklagen.

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Der wichtigste Erwerb Englands war der des nordamerikanischen Kontinents, obwohl es im Amerikan­ischen Unabhängigkeitskrieg seinen ehemals ersten 13 Kolonien auf dem Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten die Selbständigkeit zugestehen mußte. Dort aber entstand eine neue Macht, die es verstand, im Sezessionskrieg des vorigen Jahrhunderts ihre nationale Einheit zu wahren und damit allmählich in jene Aufgaben hineinzuwachsen, die ihr heute als Supermacht zukommen.

Doch mit dem Entstehen dieser Supermacht, ja schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, tat die jetzige zweite Supermacht, das damalige Rußland, den entscheidenden Schritt, indem es Sibirien eroberte und seine Landesgrenzen allmählich bis zum Stillen Ozean ausdehnte. Die Entwicklung des zunächst notwendigen Nationalen führte überall auf der Welt zum Nationalismus und daraus folgernd zum Egoismus der einzelnen Staaten. Mit der negativen Erscheinung des Egoismus ergab sich folgerichtig die negative des Imperialismus, die nur durch die Stärke anderer, ebenfalls imperialistischer und egoistischer Staaten eingedämmt und abgebremst werden konnte. Eine ständige Kriegsgefahr war die Folge.

Der Krieg selbst hatte sich von einem Gottesurteil zu einem profanen Rechtsstreit entwickelt. Damit aber konnte der Krieg selbst immer wieder den Krieg gebären, wie ein Rechtsstreit oder ein Prozeß den nächsten gebiert. Das nach juristischen Grundsätzen geschaffene neue Völkerrecht, welches das sakrosankte der Vorzeit ablöste, erwies sich als symptomatisches Geschöpf des Intellektualismus als unfähig, Kriege zu verhindern. Es konnte sie nur durch bestimmte Regeln humanisieren; doch wurden diese Regeln vor allem im ideologischen Krieg des 20. Jahrhunderts immer wieder und von allen Seiten gebrochen.

Vom Beginn der Neuzeit bis zu den Napoleonischen Kriegen wurden im Sinne dieses Völkerrechtes die Kriege so geführt, daß die Volks- und Wirtschaftskraft des feindlichen Staates nicht gebrochen oder gar zerstört wurde. Nur in einem einzigen Krieg, dem Kampf gegen die Türken im 17. Jahrhundert, drohte Mitteleuropa die Unterwerfung durch den Islam, wenn es sich nicht unter Anrufung aller moralischen und christlichen Kräfte gegen diesen Feind erfolgreich gewehrt hätte. Typisch aber bis zum Ende des 18. Jahrhunderts waren die Kabinettskriege, jener »Zeitvertreib der Könige«, bei dem es lediglich um den Besitz oder Verlust einer Grenzfestung oder Provinz ging. Die die Epoche der Aufklärung prägende Vernunft beherrschte auch den Krieg. Ein typisches Erzeugnis dieses Denkens war das von England stets angestrebte Gleichgewicht der Kräfte, bei dem sich Großbritannien einen Festlandsdegen sicherte, der dieses Gleichgewicht gegen jeden Aggressor wahren sollte.

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Eine weitere Schöpfung dieses Gedankensystems war die Schaffung von Pufferstaaten bis ins 19. Jahr­hundert, die durch ihr bloßes Vorhandensein zwischen zwei großen und starken Mächten diese von einem Krieg gegeneinander abhalten sollten. Dem allen setzten die National- und Volkskriege, beginnend mit den französischen Revolutionskriegen im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts, ein Ende. In ihnen wurde das Volk zu einem corpus mysticum erhoben, zu dessen Verteidigung und Freiheit jeder Bürger bereit sein mußte. Der Krieg wurde demokratisiert und das Schlachtfeld zum Schlachthaus. 

Der Schritt zum totalen Volkskrieg zeigte in den spanischen Erhebungen und in den Kämpfen der französischen Republik gegen die Deutschen 1871 zum ersten Mal dessen wahres Gesicht. Von nun an stand die Existenz eines Staates, ja sogar das Leben eines Volkes auf dem Spiel. Allein durch Wirtschaftsziele bedingte Kriege, wie etwa der Opiumkrieg Englands gegen China im Jahr 1840, bewiesen die beginnende materialistische Umklammerung und Verstrickung der europäischen Völker, die durch die ideologische im 20. Jahrhundert ergänzt wurde. 

Nicht mehr allein Mut, Tapferkeit und Opferbereitschaft gaben den Ausschlag in einem Krieg, sondern mehr noch das Industriepotential und Material einerseits und die lügnerische Propaganda andererseits, und zwar gleich, um welches Volk und welchen Staat es sich handelte. In diesen Kriegen des 20. Jahrhunderts, in denen Existenz und Freiheit der Völker auf dem Spiel standen, machte die Kriegsmaschinerie auch vor den Zivilisten des feindlichen Volkes nicht mehr Halt. Sie wurden in die Ausrottungspläne, sei es durch Bomben oder subtilere Mittel, einbezogen. Lediglich die Angst davor, der Feind könne ein noch schrecklicheres Mittel und eine noch furchtbarere Waffe besitzen als die eigenen Truppen, verhinderte den Einsatz chemischer und bakteriologischer Kampfstoffe im Zweiten Weltkrieg. Die Abschreckung mit diesen Waffen hielt selbst in diesem hemmungslosen Völkerringen der praktischen Probe stand.

Trotz dieses Abstiegs in die tiefste Ebene des Materialismus auf dem Gebiet der Kriegführung ging bereits nach dem Ersten Weltkrieg eine solche Erschütterung durch die gesamte Bevölkerung der ehemals kriegführenden Staaten, daß man zum ersten Mal praktisch versuchte, den Krieg zu ächten und vor allem den Angriffskrieg völkerrechtlich zu verbieten. Hatte man zuvor den Krieg als ein ganz normales Mittel» zur Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln« angesehen, zu dem jeder Staat griff und glaubte, zu Recht greifen zu dürfen, so galt es von nun an als vornehmstes Ziel der Politik, einen neuen Krieg zu verhindern. Gegenüber den Klassen- und Rassenkampfparolen erwies sich das jedoch als unwirksam. Zum mindesten aber waren alle Staatsmänner zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg gezwungen, ihre wahren Pläne hinter der Maske des Friedensbringers zu verbergen.

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Nicht zuletzt ließen sich die Westmächte Frankreich und England von den wiederholten öffentlichen Erklärungen Hitlers, den Versailler Vertrag nur mit friedlichen Mitteln revidieren zu wollen, täuschen, und die Bevölkerung in diesen Ländern, die dies nur zu gern glaubte, gab sich einem Pazifismus hin, der zu ihrem eigenen Untergang führte. Ähnliche Feststellungen können auch heute angebracht sein. Überall glaubte man, durch den Ersten Weltkrieg den Frieden endgültig für die Welt errungen zu haben. Niemandem dagegen fiel es auf, daß das Mittel »Frieden durch Krieg« an sich geradezu pervers ist und einen Widerspruch in sich selbst darstellt. Der Friede kann nur durch Ablegung des Egoismus der Völker und Staaten und durch ruhige, entschlossene und feste Verhandlungen zwischen ihren Führern bewahrt werden, nicht aber durch den Einsatz von Waffengewalt. Sprechen die Waffen erst, so ist es zu spät. 

Weil die Siegermächte ihren nationalen Egoismus 1918 in den Friedensverhandlungen von Versailles nicht zügelten, schufen sie in Deutschland und bei anderen ehemaligen Feindmächten eine der vielen Grundlagen, die dann zum Zweiten Weltkrieg führen sollten. 

Nach diesem letzten Krieg steht die Menschheit vor einer ähnlichen Frage. Trotz der völlig anders gearteten politischen Ausgangslage ist die Kriegsgefahr noch lange nicht beseitigt, wenn sie auch für Europa zunächst nicht akut erscheint. Doch dies ist Gegenstand des folgenden und abschließenden Kapitels.

In der gesamten Menschheitsentwicklung seit dem Beginn der Neuzeit haben wir die Entwicklung der beiden großen geistigen Elemente, des Nationalen und des Persönlichen, in ihren kriegerischen Auswirkungen beobachtet. Es konnte dabei festgestellt werden, daß sie - wie alles Menschliche - Gutes und Böses mit sich gebracht haben. Im letzten Abschnitt dieser Zeit, im 20. Jahrhundert, hat es allerdings den Anschein, als hätte das Böse, verkörpert im Materialismus und im lügnerischen Ideologienkampf, die Menschheit so in seiner Umklammerung gepackt, daß es daraus kaum noch einen Ausweg gäbe. Daß das Kriegswesen hiervon besonders betroffen ist, liegt nur in der Natur der Sache. 

Ob die Menschheit sich aus dieser Umklammerung lösen kann, liegt an jedem Einzelnen. Mittel und Wege dazu mögen verschieden sein, das Ziel aber muß das gleiche bleiben: die unbedingte Bewahrung des Friedens durch Ablegung des nationalen oder auch ideologischen Egoismus, die aber nicht durch Selbstaufgabe erkauft werden darf.

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