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  Teil 6   Selbstvernichtung der Menschheit?  

 

Beginnendes Atomzeitalter 

 

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Die Detonation der ersten Atombombe über Hiroshima 1945 hat die Welt in einem Ausmaß verändert, wie es früher eine einzige Waffe niemals vermocht hätte. Dazu befand sich diese Waffe im Besitz eines einzigen Staates, nämlich der Vereinigten Staaten von Amerika, die damit die absolute Überlegenheit über alle anderen Mächte besaßen. Sie haben diese Überlegenheit nicht ausgenutzt, sondern in klarer Erkenntnis um die Höher­wertigkeit des Friedens und der Prinzipien der Humanität sich selbst beschränkt. Die Vereinigten Staaten rüsteten 1945 sogar ab. Selbst als der sog. Kalte Krieg begann, die Sowjetunion 1948/49 die Blockade über Berlin verhängte und noch 1949 ihren ersten Versuch mit einer Atomwaffe unternahm, rüsteten die USA nicht wieder auf. Ihre Haltung zu dieser Frage änderte sich erst, als nordkoreanische Truppen 1950 in Südkorea einfielen. 

Seither haben mehr als 50 größere Kriege und Bürgerkriege und mehr als 70 gewaltsame Aufstände, Revolutionen, Staats­streiche, Guerilla- und Konter­guerilla­aktionen stattgefunden, an denen 88 Staaten beteiligt waren. Nach unterschiedlichen Schätzungen beliefen sich dabei die Menschenverluste zwischen 15 und 32 Millionen. Diese Verlustzahlen erreichten also beinahe die des Zweiten Weltkrieges. Das ist eine mehr als niederdrückende Bilanz. An diesen bewaffneten Auseinandersetzungen beteiligten sich sowohl hochgerüstete Staaten als auch solche, die nur über schwache Streitkräfte verfügten. 

Nie aber war es nur das Vorhandensein von Waffen, das diese Kriege auslöste, sondern immer waren es die Menschen, die sich in ihrem Egoismus von der Anwendung der Gewalt Vorteile versprachen.* Nirgends gab es jedoch zwischen den Mächten und Bündnissen, die über Kernwaffen verfügten, kriegerische Auseinandersetzungen, obwohl es im Ost-West-Konflikt nicht an Krisen mangelte, die noch vor Beginn des Atomzeitalters ausgereicht hätten, um Kriege auszulösen. Im nicht zu leugnenden Kampf der beiden Supermächte, usa und udssr, um die Vormachtstellung in der Welt, scheuten beide die direkte Konfrontation und die Möglichkeit der Auslösung eines Nuklearkrieges und griffen lieber auf Stellvertreter­kriege zurück.

* (d-2007:)  Von einem Anthro hatte ich mehr erwartet, als diese Platitüde.


Das soll nicht heißen, daß die beiden Supermächte stets und in jedem Fall die treibende Kraft bei der Auslösung eines sog. Stellvertreterkrieges waren, der in Afrika, Asien oder Mittelamerika begann. Zumeist fingen die in einen dortigen Krieg verwickelten Völker die militärische Auseinandersetzung von sich aus an; je nach politischem System traten dann die Super­mächte als Ausbilder oder Waffenlieferanten auf und unterstützten die ihnen jeweils genehme Seite mit ihren Aufklärungs- und Propagandamitteln. Nur in wenigen Fällen entsandten sie selbst Truppen, wie etwa die Amerikaner in Vietnam und die Sowjets in Afghanistan, um nur zwei Beispiele zu nennen.

 

Negativ für den Westen fällt dabei ins Gewicht, daß alle Maßnahmen wie auch alle Fragen der Landesverteidigung völlig offen und kontrovers behandelt und geplante Waffensysteme, lange bevor sie in Produktion gehen, auf ihre Stärken und Schwächen hin analysiert werden, während der Osten alle diese Dinge verschweigt und entsprechende Maßnahmen im allgemeinen nur durch die westlichen Nachrichten­dienste bekannt werden. Da die westlichen Massenmedien aufgrund dieser Tatsache stets mehr über die Vorgänge im eigenen Lager erfahren und diese analysieren und kritisieren, der Osten aber die eigenen Maßnahmen durch geschickte Semantik, subtile Propaganda oder gezielte Desinformation verschleiert, entsteht bei der westlichen Öffentlichkeit sehr oft der falsche Eindruck, der Westen rüste mehr als der Osten.

Während das direkte oder indirekte Eingreifen der westlichen Supermacht in erster Linie macht- und wirtschaftspolitisch bedingt ist, greift die östliche Supermacht in erster Linie aus ideologischen und erst in zweiter Linie aus machtpolitischen Gründen ein. Die Ideologie ist, wie wir gehört haben, seit dem Zweiten Weltkrieg zum Hauptgrund moderner Kriege geworden. Im Osten beruht sie auf der marxistisch-leninist­ischen Lehre des historischen und dialektischen Materialismus, durch die die Menschheit ihre höchste Entwicklungsstufe im irdischen Paradies des Kommunismus erreichen soll, im Westen dagegen wird, wenn auch erst in zweiter Linie, versucht, die Menschheit durch die Demokratie glücklich zu machen. 

Man bemüht sich, wenn auch meist vergebens, diese Ideenwelt des emanzipierten Europäers und Amerikaners selbst Völkern zu vermitteln, deren Kulturstufe noch derjenigen des Mittelalters entspricht oder diese noch nicht einmal erreicht hat. Da aber Ideologien einen der wichtigsten Kriegsgründe abgeben, müssen sie in ihrer heutigen Bedeutung, als Bezeichnung für eine unechte, aus materiellem oder politischem Interesse nur vorgetäuschte Weltanschauung benutzt und als Ersatzreligion dienend, aus dem Gedankengut der Menschheit verschwinden. Das Christentum ist die Kraft, die allein Ideologien überwinden kann.

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In Europa gab es zwischen den Mächten und Bündnissen, die über nukleare Waffen verfügen, seit 1945 keine Kriege mehr, wenn man von dem Bürgerkrieg in Griechenland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und den Aufständen in Berlin 1953, in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1968 absieht. Kaum jemals hat es demnach eine Zeit gegeben, in der Europa sich einer so langen Periode, wenn auch nicht des Friedens, so doch des Nicht-Krieges erfreuen durfte. Im Grund ist dies sogar die längste Friedensperiode seit dem Mittelalter. Niemand wird mit letzter Schlüssigkeit erklären können, warum das so ist.  

Es spricht jedoch vieles dafür, daß die Angst vor einer großen nuklearen Auseinandersetzung neue Kriege in Europa verhindert hat. Das ist keineswegs eine Aussage, die besondere Rückschlüsse auf die hohe Moral der weißen Bevölkerung zuläßt, aber es ist eine praktische Tatsache.

 

 

Blöcke in Ost und West 

 

Betrachten wir uns nun die Kräfte, die sich in Europa und auf der Welt gegenüberstehen. Wie schon betont, rüsteten die Westmächte nach dem Abschluß des Waffenstillstands mit Deutschland und später mit Japan 1945 sofort wieder auf Friedensstärke ab. Die Sowjetunion dagegen behielt ihre Streitkräfte unter Waffen, ja sie vermehrte sie noch. Darüber hinaus gingen die Amerikaner bereits 1946 so weit, im Baruch- Plan die Vernichtung aller A-Waffen unter Aufsicht einer internationalen Kernenergiekontrolle vorzuschlagen. Die Sowjetunion lehnte dies ab, obwohl sie noch nicht im Besitz atomarer Waffen war. 

Als der erste sowjetische Atomwaffenversuch 1949 jedoch gelungen war und die USA eine Zweistufenrakete, die eine Höhe von 400 km erreichte, sowie einen Langstreckenbomber entwickelt hatte, der die Erde in 94 Stunden umflog, richtete der kommunistisch dominierte Weltfriedensrat 1950 in Stockholm einen dringenden Appell an alle Staaten, die A-Waffen zu verbieten. Nach der Entwicklung der Wasserstoffbombe (H-Bombe) 1952 in den USA und 1953 in der Sowjetunion verwarfen die Sowjets erneut den britisch-französischen Plan einer stufenweisen Abrüstung, weil sie jede Kontrolle ihrer eigenen Rüstungs­maßnahmen ablehnten. 

Der gleichen Ablehnung durch die Sowjetunion verfiel 1955 der amerikanische Plan »Offener Himmel«, der die gemeinsame Kontrolle durch Luftinspektion vorsah. Doch 1956 willigte die Sowjetunion auf der im Auftrag der Vereinten Nationen in London einberufenen Fünfmächte-Konferenz in eine solche Luftinspektion ein. Ein Jahr später, nach dem Start des ersten Erdsatelliten Sputnik I durch die Sowjetunion, drängten die USA erneut auf die Einstellung aller Atomwaffenversuche für zwei Jahre, um ein Kontrollsystem zu schaffen. Die Sowjetunion lehnte dies ab, beharrte aber auf der Luftinspektion.

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Zwei Jahre später legten die Briten, die sich in der Zwischenzeit ebenfalls im Besitz der Wasserstoffbombe befanden, einen Dreistufenplan vor, der 1. die Einstellung der Atomversuche sowie 2. der Atomwaffen­produkt­ion und 3. das Verbot aller Atomwaffen vorsah. 

Die Sowjetunion verlangte dagegen unter der Führung Chruschtschows die sofortige totale Abrüstung innerhalb von vier Jahren, lehnte aber Kontroll­maßnahmen außer der Luftinspektion weiterhin ab. Da 1960 die westlichen Staaten auf der Zehnmächte-Konferenz in Genf weiterhin eine internationale Kontroll­kommission verlangten, einer sofortigen Auflösung ausländischer Stützpunkte jedoch nicht zustimmten, stellten die Ostblockstaaten ihre Mitarbeit dort ein. Auch auf einer weiteren Konferenz von 8 neutralen und je 5 westlichen und 5 östlichen Staaten in Genf konnte die Frage der Kontrolle wegen des sowjetischen Widerstands nicht gelöst werden.

Erst nachdem es den usa 1963 gelungen war, einen Spezial-Satelliten zur Überwachung von Kern­explosionen in den erdnahen Weltraum zu schicken, kam es zu einem amerikanisch-sowjetischen Abkommen über eine direkte Fernschreibverbindung zwischen Moskau und Washington, dem sog. »heißen Draht«, um die Gefahr eines unkontrollierten Krieges zu verringern. Im August des gleichen Jahres unterschrieben sie sogar ein Atomtest­stopp-Abkommen über das Verbot von Atomversuchen im Weltraum, in der Atmosphäre und unter Wasser. Frankreich, das inzwischen ebenfalls Atommacht geworden war, und China, das kurz vor seinem ersten A-Bombenversuch stand, traten dem Abkommen nicht bei.

Erst im Juli 1965 konnte die Genfer Konferenz wieder aufgenommen werden, wobei sich die USA für die Nichtweitergabe von atomaren Waffen einsetzte und die UdSSR den Abzug aller im Ausland stationierten Truppen verlangte. Wegen des langen Anmarschweges amerikanischer Truppen in einem Konfliktfall in Europa und der den Europäern in der NATO gegebenen Sicherheitsversprechen gaben die USA dieser Forderung nicht nach.

Doch dann unterzeichneten Präsident Nixon und Generalsekretär Breschnew am 26. Mai 1972 den SALT-I-Vertrag. Ihm folgte am 15. Juni 1979 der Salt-II-Vertrag. In beiden Verträgen, die eine gewisse zahlenmäßige Begrenzung der strategischen Nuklearwaffen verlangen, geht es keineswegs um eine Abrüstung, sondern vielmehr um eine Rüstungskontrolle. Die Aufrüstung dagegen ging auf beiden Seiten geregelt weiter, und die Kampfkraft wurde erheblich gestärkt. Durch die Nachgiebigkeit der Regierung Carter erreichte die Sowjetunion die strategische Parität mit den USA, die sogar vertraglich anerkannt wurde.270

Während der Zeit der Entspannungspolitik plante, verstärkte und beschleunigte die Sowjetunion den Aufbau ihrer Mittelstreckenraketen SS-20, der Kurzstreckenraketen SS-21, SS-22 und SS-23, lieferte ihre neueste Flugzeuggeneration SU-19, TU-26 »Backfire« sowie atomare Kurzstrecken-Marschflug­körper an die Truppe, die von Flugzeugen und Schiffen gestartet werden können, sowie eine neue, z.T. zum Verschuß von Atomgranaten geeignete Generation von Geschützen.

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Dies verschaffte Moskau ein politisches Droh- und militärisches Angriffspotential, das mit klarer Überlegenheit auf fast allen Gebieten eingesetzt werden kann. Dadurch kam es bei der NATO in Europa zum sog. Doppelbeschluß, der die Nachrüstung bei gleichzeitiger Fortsetzung von Verhandlungen festlegte, und zum Einfrieren des bereits ausgearbeiteten SALT-III-Vertrages durch die usa.

Nach diesem Überblick über die Abrüstungsbemühungen, die vornehmlich an der Frage der Rüstungs­kontrolle scheiterten, aber dennoch weitergeführt werden, weil jede der beiden Supermächte bestrebt ist, die Rüstungsausgaben und -anstrengungen nicht auf Kosten der Versorgung der Zivilbevölkerung ins Uferlose wachsen zu lassen und doch Mittel zur Verhinderung eines Krieges zu finden, wenden wir uns dem reinen Kräftevergleich zu, obwohl im Rahmen dieses Buches nicht alle Maßnahmen zur Beschränkung der Rüstung wie etwa die mbfr-Verhandlungen in Wien und die ksze-Verhandlungen angeführt werden. 

Beim Kräftevergleich werden die strategischen Nuklearkräfte mit ihren landgestützten interkontinentalen ballistischen Raketen mit einer Reichweite über 5500 km (icbm), U-Boot-gestützten ballistischen Langstreckenraketen (slbm) sowie schweren Bombern, die nuklearen Mittelstrecken-Systeme (inf) mit den landgestützten Raketen und Flugzeugen (in nuklearer Erst- und Zweitrolle) mit Reichweiten zwischen ca. 150 und 5500 km, die nuklearen Kurzstrecken-Systeme (snf) mit ihren landgestützten Raketen und Artilleriegeschützen mit Reichweiten bis zu 150 km und die konventionellen Streitkräfte mit den auf dem europäischen Kontinent stationierten Land- und Luftstreitkräften von nato und Warschauer Pakt und den der nato bzw. dem Warschauer Pakt zugeordneten Marinestreitkräften mit Ausnahme der amerikanischen und sowjetischen Pazifik-Flotten einander gegenübergestellt. 

Dabei werden auf Seiten der nato die spanischen Streitkräfte vorläufig außer acht gelassen, da sie noch nicht voll der nato unterstellt sind. Die französischen Streitkräfte, die der nato nicht unterstellt sind, werden gesondert behandelt.

Wir wollen uns dabei nicht auf die heute so vielfach übliche »Raketenzählerei« einlassen, die dem Laien doch nicht verständlich wird, sondern nur feststellen, daß bei den strategischen Nuklearkräften in etwa Ausgewogenheit zwischen dem Warschauer Pakt und der NATO besteht. 

Bei den nuklearen Mittelstrecken­systemen besaß der Warschauer Pakt im Bereich der landgestützten INF-Raketen, die sich besonders in der Aufstellung der modernen, mit Mehrfachgefechtsköpfen (MIRV) ausgerüsteten mobilen SS-20-Rakete ausdrückt, eine klare Überlegenheit, die im Dezember 1979 zum Doppelbeschluß der NATO führte.

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Danach wurden ab 1983 108 Pershing-II-Raketen und 464 landgestützte Marschflugkörper (GLCM) von der nato aufgestellt, um auch hier wieder eine gewisse Ausgewogenheit zu erreichen. Die nuklearen Kurzstreckensysteme (snf), die aus landgestützten Raketen, Geschützen und Granatwerfern bestehen (NATO-Ausdruck: Mörser), sind meistens bei schweren Kalibern sowohl für den Einsatz konventioneller als auch nuklearer Munition geeignet. Neben den seegestützten strategischen Systemen besitzen nato und Warschauer Pakt noch weitere nuklearfähige Waffensysteme, die einen festen Bestandteil der für Seekriegs­operationen vorgesehenen Kräfte bilden.

Bei den konventionellen Streitkräften stehen den 2,6 Millionen Mann der NATO in 84 Divisionen — 4 Millionen des Warschauer Paktes in 173 Divisionen gegenüber. Diese Überlegenheit wird noch dadurch verstärkt, daß der Warschauer Pakt bei Kampfpanzern, Schützenpanzern, Artillerie und Mörsern um mehr als das Doppelte, bei Kampfpanzern um mehr als das Dreifache überlegen ist. Gerade diese Überlegenheit an Kampfpanzern, Schützenpanzern und Artillerie, also an Mitteln, die zur Vorbereitung oder Durchführung von Angriffsoperationen besonders geeignet sind, weist auf eine klare offensiv ausgerichtete Strategie der Sowjetunion hin. 

Verstärkt wird dieser Hinweis durch die Tatsache, daß die Sowjetarmee in weit höherem Maß als andere Heere mit amphibischen Fahrzeugen und Brückengeräten ausgerüstet ist, die von alters her bei allen Heeren ein sicheres Kriterium dafür sind, daß die entsprechende Armee den Schwerpunkt auf den Angriff legt.

Auch bei den Luftstreitkräften in Europa, von denen nur die Jagdbomber, Jäger, Aufklärer und Bomber in den Vergleich einbezogen werden sollen, besitzt die Sowjetunion eine mehr als doppelte Überlegenheit. Besonders stark wirkt sich diese Überlegenheit bei den Abfangjägern aus, von denen ein großer Teil im Erdkampf und damit in Angriffsrollen eingesetzt werden kann.

Bei den Marinestreitkräften im Nordatlantik, Nordmeer und den europäischen Randmeeren besitzt die NATO nur bei den Trägern eine klare Überlegenheit, die sich aber durch die Indienststellung weiterer sowjetischer Träger ständig verringert. An Überwasserkampfschiffen und U-Booten sowie Marineflugzeugen und Hubschraubern beläuft sich die Überlegenheit des Warschauer Paktes auf etwa das Anderthalbfache.

Zählt man die nicht in die nato integrierten Streitkräfte Frankreichs hinzu, so ergibt sich eine kaum vorteilhaftere Lage für die nato. Frankreich besitzt an Nuklearstreitkräften nur 18 Mittelstreckenraketen, 80 U-Boote mit ballistischen Raketen, etwa 200 mittlere Bomber und Jabo-Träger-Flugzeuge sowie 30 taktische Raketen.

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Fig. 20  Reichweiten der in Europa stationierten Mittelstreckenraketen der NATO

Die 15 konventionell ausgerüsteten französischen Divisionen mit ihren Panzern und Geschützen vermögen zwar den sowjetischen Vorsprung ein wenig zu verringern, aber auf keinen Fall wettzumachen. Das gleiche trifft für die Kampfflugzeuge und Marinestreitkräfte mit Ausnahme der Flugzeugträger zu. Bei letzteren bedeuten die zwei französischen Träger einen beachtlichen Zuwachs an Schlagkraft der NATO.

Greift man bei diesem Kräftevergleich den Schwerpunkt Mitteleuropa heraus, so beläuft sich die Überlegenheit des Warschauer Paktes über die nato auf dem Gebiet der Landstreitkräfte an Divisionen, Geschützen, Panzern und Kampfflugzeugen auf das Drei- bis Vierfache. Die dreifache Überlegenheit gilt aber in den Führungsvorschriften aller Armeen als Mindestmaß für die Durchführung von Angriffen, während eine Unterlegenheit von eins zu drei zur Durchführung von Abwehrkämpfen gerade noch ausreicht. Erschwerend für die nato kommt hinzu, daß ihr Nachschub an Menschen und Material über weit größere Entfernungen, und sogar über See, herangebracht werden muß, als dies beim Warschauer Pakt der Fall ist. Allerdings bietet die Beherrschung der See auch Vorteile, die bereits in den vorangegangenen Kapiteln herausgestrichen worden sind.

Bei einem solchen Kräftevergleich, der immer wieder von den Tageszeitungen, Magazinen und Illustrierten sowie von den Sendestationen gemeldet wird, lassen die meisten Bearbeiter ein sehr wichtiges Teilgebiet völlig aus. Es ist dasjenige des Zivilschutzes

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Mit dem Hinweis auf die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg, vor allem aber auf den amerikanischen atomaren Angriff auf Hiroshima und seine entsetzlichen Folgen, wird vor allem in der Bundesrepublik die Nutzlosigkeit solcher Schutzmaßnahmen betont. Übersehen wird dabei völlig, daß der Angriff auf Hiroshima für die Bevölkerung überraschend kam. Es war zwar Fliegeralarm gegeben, aber nur ein einzelnes Flugzeug gemeldet worden, das man für einen Aufklärer hielt, vor dem man sich nicht besonders zu schützen brauchte. Als Folge davon befand sich zur Zeit des Abwurfs der Atombombe der größte Teil der Bevölkerung auf dem Weg zur Arbeitsstätte und außerhalb der Schutzräume. Die außerordentlich hohe Zahl von Toten und Verletzten ist nicht zuletzt dadurch zu erklären. Die außerhalb einer bestimmten Entfernung vom Nullpunkt in Schutzräumen befindlichen Personen waren dagegen verhältnismäßig sicher, wenn sie sich nicht in Unkenntnis der Strahlenwirkung in das kontaminierte Gebiet begaben. Standbilder und Filmaufnahmen sowie Berichte von Überlebenden haben dies einwandfrei ergeben.

Aus diesem Grund läuft vor allem in der Sowjetunion, aber auch in anderen Staaten des Ostblocks seit Jahrzehnten ein Programm zur Aufklärung der Bevölkerung im Verhalten bei ABC-Alarm und zum Ausbau von Schutzräumen. Im Westen, besonders in der Bundesrepublik, sind die Vorbeugungs- und Schutzmaßnahmen mehr als mangelhaft, ja kaum in Angriff genommen worden. Es fehlt auch an einer realistischen Aufklärung der Bevölkerung, der Ausgabe von ABC-Schutzmasken und Schutzbekleidung sowie ähnlichen Dingen. Vorbildlich wurden dagegen alle diese Maßnahmen in der neutralen Schweiz und in Schweden durchgeführt. Diese Vernachlässigung des Zivilschutzes in den NATO-Ländern trägt entscheidend zur Unterlegenheit des Westens bei, zeigt aber auch, daß die nato nicht an die Auslösung eines atomaren Krieges denkt, denn ihr Verteidigungsauftrag wäre unsinnig, wenn es nichts mehr gäbe, was zu schützen und zu verteidigen wäre.

In letzter Zeit ist das oben angegebene Kräfteverhältnis insofern angezweifelt worden, als man z.B. das Panzerpotential des Warschauer Paktes nach Typen und Altersklassen unterschieden aufgeschlüsselt hat. Das müßte dann aber auch für die nato geschehen, und es stellt sich dann heraus, daß bei einem erneuten Vergleich unter Berücksichtigung dieser Tatsachen das gleiche ungünstige Verhältnis für die nato herauskommt. Ähnliches gilt auch für die Unterscheidung von personell voll aufgefüllten und weniger voll aufgefüllten Divisionen des Warschauer Paktes. Unter diesen Kriterien hätte z.B. die Bundeswehr, die die Masse der Landstreitkräfte der nato in Mitteleuropa stellt, überhaupt keine voll aufgefüllte Division.

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Außerdem weist man darauf hin, daß die Sowjetunion aufgrund der für sie nachteiligen geopolitischen und geostrategischen Verhältnisse keinen längeren Abnutzungskrieg gegen den Westen führen könne. Das ist zweifellos richtig. Es verstärkt aber die Annahme, daß die Sowjetunion und mit ihr der Warschauer Pakt, falls sie, was nach der augenblicklichen Lage allerdings nicht zu erwarten ist, zum Angriff anträte, den Krieg nach den Regeln der Niederwerfungsstrategie und des Blitzkrieges führen müßte.

Der oben angegebene Kräftevergleich wird aber erst mit Leben erfüllt, wenn die neuartigen Waffen des beginnenden Atomzeitalters in ungefähr in ihrer Wirkung beschrieben sind. Diejenige der Atom- und Wasserstoffbombe ist der Bevölkerung weitgehend, wenn auch nur ungefähr bekannt. Sie wirken durch Druck, Hitze und radioaktiven Niederschlag. In Hiroshima starben etwa 50% der Opfer an den durch die Atomexplosion freigesetzten thermischen Energien. 30% der betroffenen Bevölkerung wurden durch Nuklearstrahlung getötet, und 20% verloren ihr Leben durch die Druckwelle.

Hitze und Druck wirken unmittelbar. Die meisten Unklarheiten bestehen über die Wirkung des radioaktiven Niederschlags. Der aufsteigende Feuerball einer Atomexplosion saugt Staubteilchen aus der Erde auf und verwandelt sie in radioaktive Stoffe. Vom Wind getragen, fallen sie in einem elliptisch umschlossenen Gebiet als radioaktiver Niederschlag, dessen Zusammensetzung von den Wetterverhältnissen und der Bodenbeschaffenheit am Explosionsort abhängt, nieder. Die schweren Teilchen sinken natürlicherweise zuerst herab, die leichteren gehen noch nach Wochen weit entfernt nieder. Dabei verursacht die Gammastrahlung Schäden in den Molekülen der Körperzellen, Alpha- und Betastrahlung Verbrennungen und Verletzungen an der Hautoberfläche. Sie führen zu Tod oder Dauerschäden. Allerdings sinkt die Radioaktivität im betroffenen Gebiet innerhalb der ersten 24 Stunden rasch ab und fällt nach einer Woche unter eine lebensgefährdende Marke. 

Theoretisch können einfache Schutzmaßnahmen, so etwa Unterstände in Form der bekannten »Fuchslöcher«, die Bevölkerung weitgehend schützen. Tatsächlich reduzieren Zivilschutzmaßnahmen die Auswirkungen des radioaktiven Niederschlags erheblich. ABC-Schutzbunker sind von weit höherem Schutzwert. Neben diesen Wirkungen gibt es noch eine Zweitwirkung, die in der Veränderung der Erbmasse der im betroffenen Gebiet lebenden Menschen besteht. Auch Krebs wird bei einem unbegrenzten Atomkrieg durch den Niederschlag von Strontium 90 erzeugt. Dieses besitzt, bis zum Zerfall, eine lange Wirkungsdauer und kann über zwanzig Jahre, etwa durch den Verzehr verseuchter Lebensmittel, wirken. 

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»Ein Atomkrieg hat daher nicht nur Auswirkungen für das direkt getroffene Territorium, sondern gefährdet die gesamte Menschheit. Auch wenn rechnerisch und theoretisch eine Reduzierung der Opfer einer thermonuklearen Auseinander­setzung möglich erscheint, so veränderte ein solcher Waffengang doch die Struktur und die realen Lebenschancen der überlebenden Bevölkerung wie kein anderes geschichtliches Ereignis. Trotz umfangreicher Zivilschutzmaßnahmen, etwa in der UdSSR, verwandelt ein Atomkrieg eine Stadt für Monate und Jahre in ein Krankenhaus. Die Nachwirkungen halten Jahrzehnte an. Die Frage ist nicht nur, wieviele Menschen einen Atomschlag überleben, sondern auch, wie die Verbliebenen noch leben können. Die Überlebenden könnten wandelnde Leichen sein, bedroht vom schleichenden Atomtod, der eine Generation lang in jedem Staubkorn lagern kann. Die Schäden vererben sich über Generationen fort.«271 

Diese Aussage gilt allerdings nur für den großen atomaren Schlagabtausch, nicht aber für den Einsatz einzelner atomarer Waffen im Rahmen der Strategie der »flexible response« zur Warnung eines Aggressors. Auch ist die Wirkung in ihrer Stärke je nach dem KT-Wert und der Art der Zündung, in der Luft, am Boden oder unter der Erde, unterschiedlich. 

Nukleare Sprengköpfe können von Flugzeugen, Schiffen, Raketen, Geschützen oder Mörsern (Granatwerfern) ins Ziel gebracht oder als Minen (adm) verlegt werden. Raketen sind dabei in der Lage, mehrere Gefechtsköpfe zu tragen, die unabhängig voneinander und selbständig, quasi als »denkende Bomben«, ihre Ziele suchen (mirv). Geschütze, Mörser und Minen verschießen bzw. bestehen aus atomarer Munition mit einem KT-Wert von einer Kilotonne — die Atombombe von Hiroshima hatte einen Wert von 20 kt. Es ist eine Streitfrage, ob diese Art der taktischen Nuklearwaffen (tnw) von den Großmächten überhaupt als Atomwaffen angesehen werden.

Eine Abart der bisher geschilderten Nuklearwaffen ist die sog. Neutronenbombe, die aus Raketen, 203 mm Kanonen und 155 mm Haubitzen der Nato abgeschossen werden kann. Sie erzeugt schnelle Neutronen, die auf eine große Fläche tödlich wirken, reduziert aber gleichzeitig die Druckwelle und den Hitzeball, wie sie bei atomaren Explosionen auftreten. Ihre intensive Neutronenstrahlung liegt 20% über der Ausstrahlung einer 10-KT-Atombombe. Ihre Druck- und Hitzewelle zerstört zwar alle Gebäude im Umkreis von 300 m, wenn sie etwa 150 m über dem Erdboden gezündet wird, tötet darüber hinaus aber alle Soldaten selbst in Panzern sofort bis zu einer Entfernung von 1000 m und verwundet alle bis zu einem Umkreis von 2000 m tödlich. Auch darüber hinaus sind noch schwere Verwundungen mit lebenslangen Schädigungen möglich.

Obwohl diese Waffe noch nicht eingeführt ist, scheint man auch im Osten ihre Herstellung zu kennen. Diese offiziell ERW genannte Waffe besitzt, wenn sie einmal von der nato eingeführt werden sollte, keine Abschreckungswirkung, so lange der Warschauer Pakt als Antwort auf ihren Ersteinsatz seinerseits mit seinen fünffach überlegenen eurostrategischen Systemen Westeuropa vernichten kann und somit der Einsatz dieser Waffe zum Selbstmord führte. Sie entbindet die nato daher nicht von einer Stärkung ihres konventionellen Potentials und Beibehaltung sowie Modernisierung ihrer allgemeinen nuklearen Abschreckungsfähigkeit.

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Völlig im dunkeln bleibt die mögliche, aber nicht wahrscheinliche Verwendung biologischer Waffen, der sog. B-Waffen, mit denen Krankheitserreger schlimmster Art gegen Menschen, Tiere und Pflanzen verschossen werden können.  

Die Verbreitung von Milzbranderregern ist eine der bekanntesten Wirkungen dieses Waffeneinsatzes. Sie war bereits im Zweiten Weltkrieg bekannt, wurde aber nicht eingesetzt, weil man befürchtete, der Gegner könnte das gleiche tun. Das britische Beispiel wurde erwähnt. Die Furcht vor dieser, die Wirkung von Atomwaffen noch übertreffenden Waffe, die wohl kein Staat ganz zu kontrollieren in der Lage ist, wird hoffentlich ihren Einsatz verhindern.

Anders steht es dagegen um die chemischen Waffen, die sog. C-Waffen. 

Hier handelt es sich vor allem um den Einsatz verschiedener Nervengase, die auf Mensch und Tier tödlich wirken. Chemische Kampfstoffe wurden zum ersten Mal im Ersten Weltkrieg eingesetzt, doch war ihre Wirkung so furchtbar, daß man selbst bei der Verbitterung, mit der im Zweiten Weltkrieg gekämpft wurde, vor ihrem Einsatz zurückscheute.

Es ist bekannt, daß die Sowjetunion große Mengen chemischer Kampfstoffe eingelagert hat, während die USA unter der Regierung Carter ihre Produktion einstellten. Dennoch sind solche Waffen bei amerikanischen, britischen und französischen Truppen vorhanden, während die Bundeswehr sie genausowenig besitzt wie nukleare und biologische Waffen. Auf eine Reduzierung, Bannung und Abschaffung der C-Waffen wird in letzter Zeit vor allem von der nato gedrängt, die sich auf diesem Gebiet dem Warschauer Pakt unterlegen glaubt. Der Warschauer Pakt strebt seit kurzem nach einer Lösung auf »unterer Ebene« unter Ausklammerung der Sowjetunion.

Neuerdings versuchen die beiden Supermächte auch, den erdnahen Weltraum für militärische Zwecke zu nutzen. Diese Nutzung beschränkt sich nicht nur auf Aufklärungssatelliten, deren Besitz von keiner Partei geleugnet wird. An eine Abschaffung dieser Satelliten auf dem Verhandlungsweg ist nicht gedacht, da sie nicht zuletzt auch der Kriegsverhinderung dienen können. Anders dagegen verhält es sich mit Offensiv- und Defensiv-Waffen, durch die der sog. »Star War« (Sternenkrieg) ausgelöst werden könnte. Seit langem ist bekannt, daß die Sowjetunion Versuche mit sog. Killer-Satelliten anstellt, die die Aufgabe haben, feindliche Aufklärungssatelliten abzuschießen, um den Gegner »blind« zu machen.

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In jüngster Zeit haben allerdings die usa Schritte zum Aufbau eines Raketenabwehr-Systems im Weltraum unternommen, durch das angreifende Interkontinental­raketen der Sowjetunion abgefangen und im Weltraum vernichtet werden können. Diese Initiative (SDI) geht auf Pläne des Erfinders der amerikanischen Wasserstoffbombe, Edward Teller, zurück.272

Der Ausbau eines solchen Abwehrsystems, so argumentieren wahrscheinlich die Sowjets, kann das strategische Gleichgewicht gefährden, da der Sowjetunion dadurch die Möglichkeit genommen werden könnte, mit ihren strategischen Nuklearwaffen Ziele in den Vereinigten Staaten anzugreifen. Zu solchen Abwehrsystemen gehören u.a. Laser- und elektromagnetische Impulswaffen. Bei den kürzlichen Verhandlungen in Genf, im Januar 1985, wurden daher die Weltraumwaffen ausdrücklich neben den Interkontinental- und Mittelstrecken-Raketen in das Verhandlungsprogramm der beiden Supermächte für die Zukunft aufgenommen, wozu Präsident Reagan in seiner Ansprache vor der Presse erklärte, die USA würden über alles verhandeln und strebten die Einschränkung bzw. Abschaffung aller Nuklearwaffen an.

Die gerade genannten Laser- und elektromagnetischen Impulswaffen bieten auch die Möglichkeit, in den Funk-, Radar- und Elektronikbetrieb des Feindes einzugreifen. Schon im letzten Weltkrieg kam es darauf an, Entschlüsse so schnell wie möglich zu fassen und durch sog. Sattelbefehle sofort in die Tat umzusetzen. Bei dem Umfang der Nachrichten und Meldungen, die vor allem auch auf technischem Wege gewonnen werden und zur Grundlage von Entschlüssen dienen, reicht die Auswertung durch das menschliche Gehirn nicht mehr aus. Weder ein Einzelner noch Stäbe vermögen in der gewünschten Schnelligkeit, die notwendigen Unterlagen für die Entschlüsse auszuwerten. Dies ist auf höherer Ebene nur noch mit Hilfe von Computern möglich. 

Diese aber werden durch die emp genannten elektromagnetischen Impulswaffen unter Umständen völlig außer Gefecht gesetzt. Bei dem technologischen Vorsprung, den der Westen vor allem auf dem Gebiet der Elektronik besitzt, könnte damit die waffentechnische Überlegenheit des Ostens, die sich vornehmlich in Zahlen ausdrückt, in eine Gesamtunterlegenheit umgewandelt werden, wenn es dem Osten nicht gelingt, entsprechende Abwehrmittel zu entwickeln. Doch sagt uns die Erfahrung, daß dies in kürzerer oder längerer Zeit der Fall sein wird.

Als Fazit aus diesem noch lange nicht vollständigen Überblick über die moderne Waffenentwicklung gilt es festzuhalten, daß die Kriegsmittel Gefahr laufen, nicht mehr von den Menschen, sondern von der seelenlosen Technik beherrscht zu werden. Ein weiterer Schritt zur Entmenschlichung des Krieges wäre getan, wenn es dem Menschen nicht gelingt, die Technik vollständig zu beherrschen; und das Menetekel gäbe sich zu erkennen, das mit deutlichen Buchstaben an die Wand geschrieben ist.

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Nur fortdauernde, geduldige Verhandlungen, vom besten Willen beider Seiten geleitet, können die Menschheit vor dem entsetzlichen Schicksal der Selbstzerstörung durch die seelenlosen, materiellen Kräfte bewahren. Wehe aber den Menschen, wenn einer der Männer, bei denen die Entscheidung liegt, die von den Computern ausgedruckten Vorschläge annimmt, ohne sie mit Geist und Seele zu prüfen. Diese Prüfung hat jedoch innerhalb weniger Minuten, manchmal sogar Sekunden zu geschehen. Es setzt ein militärisches Führerkorps von größter Charakterstärke und höchsten moralischen Qualitäten voraus.

Dieser hohen Verantwortung entspricht die Erziehung des Offiziers der Bundeswehr, die im gesamten Westen in gleicher oder ähnlicher Form erfolgt. Über die Erziehung im Osten wird noch zu sprechen sein. Der Soldat hat seinen Dienst als Ehrendienst anzusehen. Die unbedingte Entschlossenheit, die Freiheit seines Volkes zu verteidigen, macht das Ethos des soldatischen Dienstes aus. Diese Entschlossenheit muß seine innerste Antriebskraft werden. Sie muß sein Handeln als Offizier leiten und bestimmen. Sie gilt auch im nuklearen Zeitalter. Den Frieden zu sichern und das Land vor äußerer Gefahr zu schützen, legitimiert den Dienst des Soldaten, der sich gleichwohl auf das Handeln im Verteidigungsfall einzurichten hat. Um nicht kämpfen zu müssen, muß der Soldat kämpfen können und im Ernstfall kämpfen wollen. Darin steckt keine Paradoxie, sondern eine Logik, die den Frieden seit Jahrzehnten gesichert hat.273) 

 

Der Einzelne muß bereit sein, sich unterzuordnen, ein persönliches Opfer für die Gemeinschaft zu leisten, kurz: sich zu ideellen Werten bekennen. Entscheidende Bezugspunkte sind dabei der demokratische Staat, dem er laut Gesetz treu zu dienen hat, und der mögliche Einsatz im Verteidigungsfall. Die Besonderheit des Soldatenberufes liegt nicht nur in der Tatsache, daß er sein Leben einzusetzen bereit sein muß, sondern darin, sich im Ernstfall der schrecklichsten Konsequenz, nämlich der Anwendung seiner Waffen gegen Menschen, wenngleich ausschließlich zur Abwehr eines Angriffs und daher zur Verteidigung seiner Mitbürger, stellen zu müssen.

Der militärische Führer muß seine Soldaten im Ernstfall in den Kampf führen. Diese Besonderheit und die Verantwortung für das Leben anvertrauter Soldaten machen die Bindung an Werte unverzichtbar. Auch wenn Entwicklungen in der Industriegesellschaft und Erkenntnisse aus dort praktizierten Arbeitsverfahren ihre Berücksichtigung in der Bundeswehr finden müssen: Streitkräfte sind keine gewinnorientierten Wirtschaftsunternehmen, und der militärische Führer ist kein Manager, auch wenn er über Manager­fähigkeiten verfügen muß. Gefordert ist stets der selbständig denkende kritische Offizier und Staatsbürger. Geboten wird ihm dafür nur das Bewußtsein, einer persönlich empfundenen moralischen Verpflichtung nachzukommen. Der Offizier ist nicht nur militärischer Führer und Ausbilder. Er ist auch Erzieher.

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Weder modernstes Großgerät noch hochentwickelte Führungsgeräte noch perfekt arbeitende Stäbe bestimmen in erster Linie den Kampfwert der Streitkräfte, sondern die durch Erziehung geschmiedete Gemeinschaft. Offiziere sind danach zu beurteilen, inwieweit sie eine Gemeinschaft schaffen und erfolgreich führen können. Ziel der Erziehung des Soldaten ist es vor allem, den Belastungen des Ernstfalles standhalten zu können. Mangel an Erziehung bedeutet daher auch eine höhere Gefährdung des Soldaten, die gegenüber dem Einzelnen wie dem Staat nicht zu verantworten ist.

Die Grundwerte der Gesellschaft wie Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit, die Prinzipien des demokratischen Zusammenlebens wie Rücksicht, Fairness, Wahrhaftigkeit und Hilfsbereitschaft müssen auch bei den Streitkräften Grundlagen des Führens sein. Innere Freiheit und Zivilcourage sind für den Offizier notwendige Eigenschaften, um den sich aus der Auftragstaktik ergebenden Handlungsspielraum verantwortlich ausfüllen zu können. Sie sind zugleich notwendige Gegenpole zu den sich aus der streng hierarchisch gegliederten Großorganisation ergebenden Gefährdungen: Uniformität der Wertvorstellungen und Meinungen, bedingungsloser Gehorsam.

Der Offizier hat das moralische Recht, ja sogar die Pflicht, abweichende Ansichten zu äußern, wo es im Sinne des Ganzen oder einer höheren Wertvorstellung erforderlich erscheint. Weiter gehören zu den Erziehungszielen Kameradschaft, Treue, Tapferkeit, Fürsorge für die Untergebenen, kurz: der Offizier muß Vorbild sein. Um diesen Ansprüchen genügen zu können, braucht der Offizier einen Bildungshorizont, der es ihm ermöglicht, aus sich selbst heraus Antworten auf Fragen seines Berufsfeldes zu geben, bei gleichzeitigem Erkennen übergeordneter Bezüge und entsprechendem Einordnen des eigenen Handelns. Theoretisch-wissenschaftliche Kenntnisse wie praktische Fähigkeiten, beides ist vom Offizier gefordert. Auf diesen Grundlagen, die damit noch lange nicht erschöpfend dargestellt sind, ruht das hohe Ethos, das zusammen mit Entschlußfreudigkeit und Charakterfestigkeit den Offizier auch in den schwierigsten Lagen, selbst und gerade im nuklearen Zeitalter, zu raschen und klaren Entscheidungen befähigt.

Können aber diese kurzen Zeiten, die zur Entschlußfassung vorhanden sind, nicht ungewollt zu einem Krieg, also zu einem Atomkrieg aus Versehen führen? Die Nuklearmächte haben zur Verhinderung von Fehlern alle erdenklichen Maßnahmen getroffen, weil schließlich ihr eigenes Überleben von den technischen und politischen Sicherheitssystemen abhängt. Diese Systeme werden ständig verbessert, wie in letzter Zeit z.B. der Vorschlag zur Verbesserung des »heißen Drahtes« zwischen Washington und Moskau zeigte. Die Computertechnik ist ein unentbehrliches Hilfsmittel. Sie ersetzt aber nirgends die menschliche Entscheidung. Technische Störungen treten von Zeit zu Zeit auf.

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Die Presse berichtet meist darüber. Sie führten bisher zu Alarmierungen, jedoch zu keiner Zeit zum Risiko eines Atomwaffeneinsatzes. Kriegerische Akte werden nur dort vollzogen, wo mit ihnen etwas erreicht werden kann, militärisch oder politisch. Ein überraschender Atomschlag aber wäre sinnlos, er würde allein den Gegenschlag der anderen Seite hervorrufen, der in keinem Fall zu verhindern ist. So geht zum Beispiel die Nato in ihren Verteidigungsplanungen von der realistischeren Überlegung aus, daß ein Angriff des Warschauer Paktes immer im Zuge einer politischen Spannung und krisenhaften Entwicklung erwogen werden könnte.

Ähnliche Überlegungen werden auch immer wieder, nach der Fachpresse zu urteilen, im Warschauer Pakt angestellt274 Sollte der Warschauer Pakt in Fehleinschätzung der Verteidigungsbereitschaft der nato einen Angriff planen, so wären hierzu aufwendige Vorbereitungen wie Mobilmachung, Truppenaufmärsche, Mobilisierung wirtschaftlicher Ressourcen usw. erforderlich, die eindeutig erkannt werden können und eine Überraschung ausschließen.

Die so entstandene Zeit nennt man Vorwarnzeit, deren Spanne allerdings immer geringer wird. Zu den technischen Maßnahmen zur Verhütung eines Krieges aus Versehen gehören die Frühwarnsysteme, die sich aus Radaranlagen, Satellitenaufklärung, Luftaufklärung (awacs) und elektronischer küstennaher Aufklärung zusammensetzen. Bei der nato erstrecken sich diese Systeme von Norwegen und Grönland über Europa und den Mittelmeerraum bis nach Alaska. Alle Systeme arbeiten selbständig und werden von unabhängigen Systemen gegenkontrolliert. Alle eingehenden Daten laufen in einer Zentrale zusammen, wo sie wiederum von verschiedenen Systemen miteinander verglichen und ausgewertet werden. 

Auf diese Weise werden Fehler in einzelnen Systemen frühzeitig erkannt. Das gleiche gilt für Störungen. Kein Computer trifft selbständig Alarmmaßnahmen. Über die Alarmauslösung entscheiden Menschen. Zweifellos könnte dies auch einmal im Zusammenhang mit einem technischen Fehler erfolgen. Dies erhöht jedoch nicht die Gefahr eines versehentlichen Einsatzes. Alarme bedeuten nämlich auf keiner Stufe die Freigabe zum Waffeneinsatz. Zwar werden Bomber in vorgesehene Warteräume verlegt, Raketenstellungen in erhöhte Bereitschaft versetzt, U-Boote in Einsatzpositionen gebracht, aber keine dieser Maßnahmen richtet Schaden an. Sie werden zurückgenommen, wenn eine Gefahr sich als gegenstandslos herausgestellt hat. Datenverarbeitung und Datenauswertung unterliegen im Bereich der Nuklearverteidigung auf allen Ebenen menschlichen Kontrollen. Dies gilt selbstverständlich und vor allem für Einsatzbefehle. Sie werden vor Weiterleitung oder Durchführung von jeder Ebene auf Echtheit geprüft.

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Entscheidungen zum Einsatz von Atomwaffen haben schwerwiegende Folgen. Sie sind das Ergebnis eingehender Konsultationen und verantwortungsbewußter Risikoabwägung, bei der Nato auch in enger Abstimmung aller Verbündeten. Die endgültige Entscheidung über den ersten Einsatz auch einer einzelnen amerikanischen Atomwaffe trifft der amerikanische Präsident. Es gibt keine pauschale Freigabe des Nuklearwaffeneinsatzes in die Verantwortung der militärischen Führung. Damit ist sichergestellt, daß eine politisch nicht gewollte nukleare Eskalation in jeder Phase verhindert wird. Zwar kann der amerikanische Präsident nur in letzter Verantwortung den Befehl zum Einsatz einer Nuklearwaffe geben; er trifft die Entscheidung jedoch im engen Einvernehmen mit den Verbündeten.

Im Bewußtsein der Verantwortung für das Überleben ihrer Völker und der Menschheit haben die Regierungen in Ost und West über ihre technischen Sicherheitsvorkehrungen hinaus besondere Vereinbarungen zur Krisenbewältigung getroffen. Zu ihnen gehört das Abkommen von 1963 zwischen den USA und der Sowjetunion über ununterbrochene direkte Nachrichten­verbindungen zwischen den beiden nationalen Kommandozentralen (»heißer Draht«), gleichartige Abkommen zwischen Frankreich und der Sowjetunion aus dem Jahr 1966 und zwischen Großbritannien und der Sowjetunion aus dem Jahr 1967; weiterhin das Washingtoner Abkommen von 1973 zur Verhinderung eines Atomkrieges zwischen den usa und der Sowjetunion.

Es sieht in Krisenfällen Konsultationen zur Abwendung einer militärischen Konfrontation vor, die auch die Verbündeten der beiden Mächte einschließen; gleichwertige Abkommen bestehen auch zwischen Frankreich und der Sowjetunion seit 1976 und zwischen Großbritannien und der Sowjetunion seit 1977. Auch bei sicheren Anzeichen eines sowjetischen Nuklearschlages sieht die amerikanische Verteidigungsplanung eine letzte Sicherung vor. Ein nuklearer Vergeltungsschlag wird erst eingeleitet, wenn die ersten feindlichen Sprengköpfe aufgeschlagen sind. Selbst wenn die Warnzeiten für einen Nuklearwaffen-Angriff, d.h. das erkennbare Starten feindlicher Raketen, unter die Zehnminutengrenze fallen würden, würde von diesem Prinzip nicht abgewichen. So ist ein Krieg aus Versehen nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen. 

Nicht auszuschließen ist dagegen, daß die publizistische und propagandistische Dramatisierung dieses Themas verstärkt fortgeführt wird.

Es erhebt sich nun die Frage nach der Führbarkeit von Nuklearkriegen. Vor einer SPD-Friedens­versamm­lung verkündete der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Altenburg, am 2.9.1983, wie es die »Tagesthemen« des deutschen Fernsehens der ard vom gleichen Tag wiedergaben, ein Atomkrieg sei nicht führbar. Das steht im Gegensatz zur sowjetischen Auffassung, die selbst den uneingeschränkten Atomkrieg für führbar hält, und auch zur Auffassung einiger amerikanischer Militärs.

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Aber diese Denkweise ist nicht genereller Art und schon gar nicht diejenige der amerikanischen Politiker. Da aber im Westen Meinungsfreiheit herrscht, die es auch jedem hochstehenden Militär gestattet, seinen eigenen Ansichten Ausdruck zu verleihen, während im Osten beides nicht zutrifft, werden solche von der offiziellen Politik abweichende Äußerungen sofort aufgegriffen und durch die Massenmedien verbreitet.

Nach der offiziellen amerikanischen Anschauung sind dagegen Nuklearwaffen absolute Waffen, die unannehmbare Verwüstungen anrichten. Daher ist der Nuklearkrieg auch keine Möglichkeit der rationalen Politik. Daraus ergibt sich, daß eine militärische Überlegenheit nicht sinnvoll ist. Notwendig dagegen ist eine annehmbare Abschreckung, die gegenseitig sein muß, d.h. die USA und die UdSSR müssen sich gegenseitig abschrecken können. Keine Partei darf unverwundbar werden oder eine Monopolstellung an Atomwaffen besitzen. Damit ist die amerikanische politische Strategie auf das Verhüten, nicht aber auf das Gewinnen eines Nuklearkrieges ausgerichtet. Das NATO-Bündnis will durch Abschreckung einen Angriff verhindern und im Fall eines Scheiterns dieser Abschreckung abgestuft konventionell, taktisch atomar und strategisch angemessen auf die sich ändernde militärische Konfliktlage reagieren. Daß dieses Prinzip der gegenseitigen Abschreckung zur Verhütung eines Nuklearkrieges einmal überwunden werden muß, wurde von führenden Politikern im Westen mehrfach ausgesprochen.

Dagegen verneinen die russischen militärischen und politischen Führer den Sondercharakter eines Atomkrieges. Sie erkennen auch die Atomwaffe nicht als absolute Waffe an. Die angerichteten Zerstörungen und Verwüstungen sind demnach lediglich eine Frage der Größenordnung. Wenn auch bei einer Auseinandersetzung in Europa eine anfänglich konventionelle Phase nicht ausgeschlossen wird, vertreten die Sowjets doch folgende Ansicht: »Die Dauer von Operationen mit konventionellen Waffen läßt sich durch den Einsatz von Nuklearmitteln stark verkürzen. Der Nuklearschlag kann überraschend geführt und der Gegner somit schneller vernichtet werden.«275

Der Übergang von der konventionellen Kriegsführung zur nuklearen wird aus sowjetischer Sicht von vier Überlegungen bestimmt: »Ein Krieg in Europa wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Nuklearkrieg entwickeln. Den Nuklearschlag hat man als erster zu führen. Daher müssen sämtliche Nuklearstreitkräfte fortlaufend einsatzbereit und die vorgesehenen Ziele [aufgeklärt] sein. Alle Land- und Seestreitkräfte haben der Tatsache Rechnung zu tragen, daß der Übergang zum Nuklearkrieg sehr schnell erfolgen kann. Das Überraschungsmoment ist sicherzustellen.

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Für den Übergang von der konventionellen zur nuklearen Kriegsführung muß der günstigste Zeitpunkt ausgewählt werden. Bei den Sowjets findet sich kein Gedanke, solange wie möglich mit dem Einsatz von Nuklearwaffen zu warten... oder zu warten, bis sich die nato zu Nuklearoperationen entschlossen hat. So scheint der Entschluß der Sowjets zum Nuklearwaffeneinsatz allein davon abzuhängen, welche Ergebnisse sie sich von ihm zu einem bestimmten Zeitpunkt versprechen.276

Die Sowjets sprechen geradezu von einer nuklearen Revolution des Militärwesens, wobei die nuklearen Streitkräfte keineswegs eine Sonderrolle spielen, sondern Streitkräfte der verbundenen Waffen darstellen, die praktisch in jedem Gefecht und in Massen eingesetzt werden, wenn die konventionelle Phase vorüber ist. »Der Einfluß der neuen Kriegsmittel auf die Methoden der Kriegführung hängt von der Zahl und Beschaffenheit dieser Waffen ab. Neue Waffen und Militärtechnologien, die nur in geringem Umfang eingesetzt werden, können keinen wesentlichen Einfluß auf den Charakter der Operationen ausüben.«277 Das bedeutet also, daß der Masseneinsatz von Kernwaffen untrennbar mit der sowjetischen Revolution im Militärwesen verbunden ist.278

Wie wir gehört haben, besteht seit dem Anfang der siebziger Jahre zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion ein vertraglich vereinbartes nuklear-strategisches Patt. Bei den nuklearen Mittelstreckenwaffen verfügt die Sowjetunion dagegen seit Einführung der sehr zielgenauen mobilen ss-20-Raketen über Optionen unterhalb der strategischen Ebene, denen die nato zunächst nichts entgegenzusetzen hatte.

Nach der Aufstellung der Pershing-II-Raketen und der Marschflugkörper vom Typ Cruise Missile hat der Verteidiger zwar weiterhin die politische Freiheit der Wahl seiner Einsatzmittel, dennoch muß der Gegner die steigende Möglichkeit des Nuklearwaffeneinsatzes in sein Risikokalkül einbeziehen. Aufgrund der Reichweite der neuen Mittelstreckenwaffen kann die Sowjetunion ihr Territorium nicht mehr aus dem Risiko der nuklearen Bedrohung heraushalten, wie das früher der Fall war. Bei einem Beschuß ihres Territoriums mit A-Waffen müssen nun die Sowjets solche Waffen zwangsläufig auch gegen das amerikanische Territorium richten, wie sie wiederholt erklärt haben. Hier zeigt sich die Bedeutung der landgestützten Mittelstreckenflugkörper für die nato. Sie besteht in der Koppelung an den amerikanischen strategischen Nuklearschirm und ist damit der Garant für die Wirksamkeit der Abschreckung sowie für die Risiko­verknüpfung gerade durch Landstationierung.

Diese Argumente sprechen aber auch gegen die Wahrscheinlichkeit, einen Konflikt nuklear auf Europa begrenzen zu können. Diese Gefahr bestand in einem hohen Maß, hätte die Abschreckung weitgehend verringert und unter Umständen einen Krieg in Europa lokalisierbar gemacht. Die Sowjetunion war daher ständig bemüht, durch die Abkoppelung des amerikanischen Nuklearschirms das Risiko für sich selbst zu begrenzen.

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Dies zeigt sich auch darin, daß sich die Sowjetunion durch die jahrzehntelang vorhandenen nuklearen Gefechtsfeldwaffen und -systeme kurzer Reichweite, die nur die Verbündeten treffen konnten, nicht sonderlich beeindruckt zeigte. Der NATO-Doppelbeschluß, der aus der Aufstellung und Dislozierung von Pershing-II-Mittelstreckenraketen und landgestützten Marschflugkörpern bei gleichzeitiger Verhandlungs­bereitschaft mit der Sowjetunion bestand, hat damit die Wirkung der Abschreckung wieder auf den alten Zustand erhöht.

Eine neue Gefahr für Westeuropa und die nato kann sich unter Umständen in ein paar Jahren durch das bereits erwähnte Abwehrsystem im Weltraum gegen sowjetische Interkontinentalraketen ergeben, das die usa planen und in die neuen Verhandlungen zwischen den usa und der Sowjetunion, wie in Genf im Januar 1981 vereinbart, einbeziehen wollen. Gelänge es den Amerikanern, ein wirkungsvolles Abwehrsystem — und nur um Abwehrwaffen handelt es sich dabei — im Weltraum über ihrem eigenen Territorium zu errichten, so wäre das durch die Parität der strategischen Waffen hergestellte Gleichgewicht der Abschreckung zwischen Ost und West empfindlich gestört.

Der Sowjetunion wäre damit zwar die Möglichkeit zu einem nuklearen Erstschlag genommen, aber in ihrer Sicht erhöhte sich auch die Gefahr eines solchen Angriffs durch die Amerikaner. Daß sie dies, obwohl es sich um ein Abwehrsystem (sdi) handelt, nicht ohne weiteres hinnehmen wollen, ist verständlich. Außerdem aber ist es fraglich, ob das Gebiet der nato in seiner Gesamtheit durch dieses Abwehrsystem gesichert werden kann. Präsident Reagan hat es allerdings in seiner Presseerklärung ausdrücklich versichert. Andererseits ist es den Amerikanern auch nicht zuzumuten, keine Maßnahmen zur Abwehr der bereits vorhandenen sowjetischen Killersatelliten im Weltraum zu ergreifen. Hier ergibt sich vielleicht durch beiderseitigen Verzicht in Verhandlungen eine Möglichkeit, die Militarisierung des erdnahen Weltraumes zu verhindern.

Doch neben der nuklearen Komponente gibt es auch eine uns Deutsche betreffende konventionelle. Die Bundeswehr stellt die stärksten Landstreitkräfte auf dem Gebiet der nato, und zwar in jenem Raum, in dem der Schwerpunkt bei möglichen kriegerischen Auseinandersetzungen liegen dürfte. Ein Ausscheiden der Bundesrepublik und damit der Bundeswehr aus dem Verteidigungssystem der nato käme einer westlichen Kapitulation nahe

Gerade deshalb bemüht sich die Sowjetunion auf direktem und indirektem Weg, die Bundesrepublik und die Bundeswehr aus der nato herauszubrechen. Besonders die neue Partei der Grünen könnte ihr dabei wichtiger Helfer werden, selbst wenn die Vertreter dieser Partei mit ihrer Forderung nach Austritt aus der nato und Neutralität keineswegs an eine Unterstützung der Bemühungen der Sowjetunion denken.

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Im übrigen wäre die Sicherheit des Westens durch den Austritt der Bundesrepublik aus der NATO derart bedroht, daß die Westmächte um ihrer eigenen Sicherheit willen eine solche Maßnahme niemals zuließen. Es handelt sich also um rein utopische Vorstellungen.

Die nato geht bei ihren Rüstungsanstrengungen und strategischen Überlegungen von ihrem reinen Verteidigungsauftrag aus, der die Integrität des NATO-Territoriums gewährleisten soll. Die Betonung liegt dabei auf »strategisch«. Die Beschränkung der NATO-Streitkräfte auf die strategische Verteidigung schließt ihre taktische Fähigkeit zum Angriff nicht aus. Diese beiden Ebenen werden in der öffentlichen Diskussion oft durcheinandergebracht.

Die strategische Ebene umfaßt nach Clausewitz den Gebrauch der Gefechte zum Zweck des Krieges, während die taktische Ebene, d.h. die untere Ebene, den Gebrauch der Truppen zum Zweck des Gefechts einschließt. Eine Truppe, die taktisch nicht in der Lage ist, ein Gefecht auch beweglich und angriffsweise zu führen, ist, wie wiederholt betont wurde, zwecklos. Strategisch können dagegen Truppen ausschließlich zur Verteidigung bestimmt werden. Da weder die Absichten des potentiellen Angreifers noch Art, Umfang und Zeit eines Angriffs mit Sicherheit vorhersehbar sind, müssen sich Struktur und Umfang der NATO-Streitkräfte nach dem militärischen Potential und den daraus folgenden Möglichkeiten des Warschauer Paktes richten. Dabei bestimmen die geographische Lage des möglichen Hauptkampfgebiets, also der Bundesrepublik Deutschland, ihre mangelnde räumliche Tiefe und die Angriffskraft des Warschauer Paktes Struktur und Umfang der Verteidigungsvorkehrungen. Nach Strategie, Struktur, Ausrüstung und Ausbildung sind die Streitkräfte des Warschauer Paktes, wie noch genauer gezeigt werden wird, auf schnelle, weiträumige Offensive ausgerichtet. Die Fähigkeit hierzu wurde in den letzten Jahren bei Land- und Luftstreitkräften, aber auch bei der Flotte erheblich gesteigert.

Eine andere Frage ist die Einschätzung der politischen Absichten der udssr und des Warschauer Paktes. So lange die Verteidigungsvorstellungen der nato das Risiko eines Angriffes hoch genug veranschlagen, ist mit einem Angriff des Warschauer Paktes nicht zu rechnen. Dies ist trotz zahlenmäßiger Überlegenheit des Warschauer Paktes in Europa gegenwärtig der Fall. Daher besteht keine Kriegsgefahr. Unabhängig davon darf die politische Wirkung militärischer Macht im Frieden jedoch nicht übersehen werden.

Der militärischen Bedrohung durch den Warschauer Pakt begegnet das Bündnis mit der militär-strateg­ischen Konzeption der flexiblen Reaktion. Kommt es zu einem Angriff, so muß sich die nato wirksam verteidigen.

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Ziel dieser Verteidigung ist es, einen aufgezwungenen Konflikt so früh wie möglich auf einer möglichst niedrigen Ebene der Gewaltanwendung und unter Wahrung der Interessen der gleichberechtigten Partner sowie durch Wiederherstellung der Sicherheit des NATO-Vertragsgebietes zu beenden. Oberstes Ziel bleibt aber die Kriegsverhinderung. Die Allianz wird keine ihrer Waffen jemals einsetzen, es sei denn als Antwort auf einen Angriff.

Zur Durchsetzung dieser Strategie hat die Allianz ein wirksames Instrumentarium entwickelt, die sog. NATO-Triade. Sie besteht aus konventionellen Streitkräften, nuklearen Kurz- und Mittelstreckensystemen und interkontinentalstrategischen Nuklearwaffen. Kommt es zu einem Angriff, so soll dem Angreifer verwehrt werden, sein Ziel zu erreichen, und zwar auf der Stufe des militärischen Konflikts, die der Angreifer gewählt hat. Erforderlichenfalls muß er auch durch andere Maßnahmen zur Einstellung seines Angriffs gezwungen werden.

Hierzu gehört z.B. die Bildung neuer Abwehrschwerpunkte innerhalb des NATO-Vertragsgebietes oder die Androhung bzw. der Vollzug des politisch kontrollierten und selektiven Einsatzes von Nuklearwaffen. Dabei soll einem Angreifer verdeutlicht werden, daß Erfolgschancen und Risiko für ihn in keinem tragbaren Verhältnis zueinander stehen. Mit anderen Worten: Dem Angreifer soll klar gemacht werden, daß er bei Fortführung seines Angriffs mit untragbar hohen Verlusten und Schäden rechnen müßte. Nuklearwaffen haben dabei primär einen politischen Zweck. Deshalb sind sie vorrangig auf ihren politischen Nutzen hin zu beurteilen und erst in zweiter Linie nach ihrer militärischen Wirkung im Kampfgeschehen. So lange es Nuklearwaffen gibt — und diese Waffen lassen sich, wie schon mehrfach betont, nicht wieder »wegerfinden« — wird die nato auf Nuklearwaffen zur Abschreckung und erforderlichenfalls zur Verteidigung in einem aufgezwungenen Krieg nicht verzichten.

Die Vorneverteidigung stellt eine der Grundsätze der Verteidigungsplanung dar. Sie bedeutet grenznahe, zusammenhängende Abwehr eines Angriffes, damit nicht zerstört wird, was verteidigt werden soll. Deshalb sind alle alternativen Vorstellungen, die auf eine nur raumdeckende Verteidigung hinauslaufen, vor allem mit dem deutschen Interesse nicht zu vereinbaren. Allerdings widerspricht diese Auffassung einer uralten militärischen Lehre, die Friedrich der Grosse in die Worte gefaßt hat: »Wer alles defendieren will, defendieret nichts.« Eine solche, auf den ersten Blick lineare Verteidigung an den Grenzen zwischen den beiden deutschen Staaten muß aber nicht unbedingt starr geführt werden, sondern kann nach vorn und hinten Raum gewinnen. Da die Tiefe des Raumes nach hinten durch die geringe Ausdehnung der Bundesrepublik nicht gewährt ist, ein angriffsweises Überschreiten der Grenze jedoch nicht im Sinne des Auftrags wäre, bleibt nur die Raumgewinnung nach vorn durch Waffenwirkung möglich, so wie sie in dem Konzept des Oberbefehlshabers der nato, General Rogers, »Strike deep« gegeben ist.

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Darüber wird noch zu sprechen sein. Zudem ist eine schnelle Konfliktbeendigung unter politisch annehmbaren Bedingungen durch Wiederherstellung der Abschreckung anzustreben. Ein lang dauernder Konflikt, der auch als rein konventioneller Krieg für die Bundesrepublik Deutschland untragbare Folgen hätte, ist zu vermeiden. Alternative Konzeptionen, die auf das Auskämpfen eines lang andauernden Krieges hinauslaufen oder gar eine Besetzung des Gebiets der Bundesrepublik in Kauf nehmen, widersprechen dem fundamentalen Sicherheitsinteresse Deutschlands. Die Schadensbegrenzung ist ursächlich verknüpft mit den beiden Prinzipien der Vorneverteidigung und der schnellen Konfliktbeendigung. Steht dabei einmal der Raum, zum anderen der zeitliche Ablauf im Vordergrund, so soll der Schaden für die Bundesrepublik und ihre Bürger nicht nur durch die Beachtung dieser beiden Prinzipien, sondern auch durch zweckmäßige und angemessene politische Entscheidungen zur Konfliktbeendigung unter politisch annehmbaren Bedingungen begrenzt werden.

Bei dem erwähnten Plan General Rogers handelt es sich, kurz gesagt, um folgende Maßnahmen: Es wird angenommen, daß feindliche Angriffsspitzen die Grenze überschritten und die dort in Stellung gegangenen nato-Truppen angegriffen haben. Hinter dieser ersten feindlichen Staffel folgen weitere mit dem Auftrag zur Verstärkung der vorn eingesetzten Truppen und zur Ausnutzung ihres Erfolgs, wo immer er sich angebahnt hat. Unter schweren Verlusten ist der Feind in die NATO-Stellungen eingebrochen. Mit Hilfe aller modernen technologischen Aufklärungsmittel haben die eigenen Truppen die zweite feindliche Staffel erkannt und greifen sie nun mit weittragenden, ihre Ziele selbst suchenden oder selbst findenden modernen Waffen an. Der Feind kann dadurch seine weiter vordringende erste Staffel nicht verstärken. Ziel der eigenen in Grenznähe eingesetzten Truppen ist es nun, den eingebrochenen Feind zu umfassen, zu vernichten oder auf seine Ausgangsstellungen zurückzuwerfen, während die weittragenden eigenen Waffen das Heranführen von Verstärkung durch Vernichten und Zerstören von Brücken und Straßenverbindungen sowie durch Sperren von Bereitstellungsräumen verhindern. Damit ist durch eine moderne und überlegene Waffentechnologie die Möglichkeit gegeben, die mangelnde Tiefe des Raumes bei der Verteidigung wettzumachen und den Feind am Erreichen seiner Ziele wirkungsvoll zu hindern.

In diesem Zusammenhang muß auf die in letzter Zeit in der Öffentlichkeit diskutierte »Air-Land-Battle«-Vorschrift FM 100-5 der Amerikaner eingegangen werden. Sie wurde in der deutschen Öffentlichkeit vielfach angegriffen.

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Man hat sie geradezu als eine Vorschrift bezeichnet, mit der das gültige NATO-Konzept der flexiblen Reaktion außer Kraft gesetzt und einer rückhaltlosen Offensivstrategie mit dem Ziel geopfert würde, die Gesamtstreitkräfte des Warschauer Paktes zu vernichten und einen totalen Sieg zu erringen. Dabei sollten angeblich gleichwertige atomare, biologische und chemische Waffen eingesetzt werden. Zugunsten der Kritiker nehmen wir an, daß sie nicht in der Lage waren, die operativ-strategische von der operativ-taktischen Ebene zu unterscheiden, nicht aber böswillig die falschen Schlüsse gezogen haben. 

Bei dieser amerikanischen Vorschrift handelt es sich aber gar nicht um die strategische Doktrin der usa, sondern um eine Vorschrift, die der deutschen Vorschrift »Truppenführung« entspricht. Ganz klar heißt es daher auch in dem einleitenden Kapitel der amerikanischen Vorschrift: »Die Militärstrategie bestimmt die Grundbedingungen für militärische Operationen. Ihre Formulierung liegt außerhalb des Rahmens dieser Vorschrift.« Die in dieser Vorschrift genannten Grundsätze für die Führung von Truppen beziehen sich daher eindeutig nicht auf die strategische, sondern auf die operative und taktische Führung von Großverbänden (Korps und Divisionen). Sie richten sich an die militärische mittlere Führung. Legt man die operativtaktischen Begriffe dieser Vorschrift politisch und strategisch aus, so führt dies zu absurden Schlußfolgerungen. 

 

Darüber hinaus befaßt sich diese Vorschrift nicht nur mit der Truppenführung auf einem möglichen europäischen Kriegsschauplatz, sondern auf allen weltweit vorstellbaren Kriegsschauplätzen wie Dschungeln, Wüsten und Gebirgen. Außerdem beschreibt sie wie die deutsche Vorschrift die Grundsätze für die Führung aller Gefechts- und Kampfarten wie Angriff und Verteidigung mit ihren verschiedenen Abarten, mit allen vorstellbaren Kriegsbildern, vom Kampf unter ausschließlich konventionellen bis hin zu nuklearen und chemischen Einsatzbedingungen, sowie mit allen vorstellbaren Kriegstypen, von begrenzten Interventionen bis zum globalen allgemeinen Krieg. Die dabei aufgeführten Führungs- und Kampfgrundsätze sind zwar für die amerikanische Armee verbindlich, aber so allgemein gehalten, daß sie bei ihrer Anwendung sinngemäß ausgewählt und ausgelegt werden müssen. 

Völlig abwegig ist es, wie verschiedene Kritiker dies getan haben, darunter einen amerikanischen Operationsplan für Mitteleuropa verstehen zu wollen. Die Kommandierenden Generäle der amerikanischen Korps und die Divisionskommandeure haben zwar das Gefecht im mitteleuropäischen Raum im Rahmen der allgemeinen Grundsätze dieser Vorschrift zu führen, aber sie müssen diese Grundsätze jeweils entsprechend den ihnen vorgegebenen spezifischen Rahmenbedingungen auslegen und umsetzen. Das bedeutet, daß jeder Truppenführer dieser mittleren Ebenen im Rahmen von Operationsaufgaben und -beschränkungen führen muß, die ihm von höherer Kommandoebene befohlen werden, und daß er dabei die Faktoren Feindlage, verfügbare eigene Kräfte, Geländebedingungen usw. zu berücksichtigen hat.

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Im Fall der nato sind diese den amerikanischen Korps übergeordneten Kommandobehörden auf der Ebene der Heeresgruppen (centag, northag), der NATO-Streitkräfte Mitteleuropa (af-Cent) und der NATO-Streitkräfte Europa (ace) nicht etwa nationale amerikanische, sondern international integrierte NATo-Stäbe. Ihre Befehle hinsichtlich der Operationsräume und der Grundzüge der Anfangsoperationen binden folglich auch die amerikanischen Korps- und Divisionskommandeure in der Ausgestaltung ihrer Verteidigungspläne und bestimmen in Verbindung mit der Kräftelage darüber, welche Grundsätze der »Air-Land-Battle«-Doktrin in welcher Form realisiert werden können und sollen. Zusammenfassend ist zu dieser Vorschrift und dem »Strike deep«-Plan festzuhalten, »daß die Air-Land-Battle-Doktrin nach ihrem Wortlaut und der Kommentierung durch ihre Autoren keineswegs den Charakter einer >Offensivstrategie< ausweist, die die sowjetische Position in Osteuropa militärisch gefährden soll oder kann.

Vielmehr reflektiert diese Doktrin das Problem der usa und ihrer NATO-Verbündeten in Europa, sich im Kriegsfall gegen einen offensiv operierenden, quantitativ überlegenen Gegner verteidigen zu müssen, ohne dabei nennenswerten Raum aufgeben zu können und einen langwierigen Kampf führen zu wollen. Die Air-Land-Battle-Taktik fügt sich den Rahmenbedingungen dieser Defensivstrategie ein. Sie ist u.a. als Versuch zu verstehen, bisherige Schwächen der Nato-Vorneverteidigung auszuräumen, ohne die Grundlagen dieses Konzepts und der Nato-Strategie der >Flexible Response< in Frage zu stellen. Diese Übereinstimmung im Grundsätzlichen wird auch in der Version des Air-Land-Battle-2000-Konzepts deutlich. Dort wird als strategisches Operationsziel auf dem europäischen Schauplatz definiert, > einen quantitativ überlegenen Gegner nahe der Grenze zum Stehen zu bringen und ihn darauffolgend zum Rückzug zu zwingen<.«279)

Aus all dem ergibt sich, daß die Nato einen reinen Verteidigungsauftrag hat und der Kampf ihrer Truppen nur auf den Erhalt der Integrität des Nato-Vertragsgebietes abzielt, nicht aber großräumige Offensiven in das Gebiet des potentiellen Feindes hinein plant, um dessen Streitkräfte zu vernichten und seinen Staat zu zerschlagen. Ideell wird dies ausgedrückt in der Forderung nach Frieden in Freiheit und nach dem Leben in einer demokratischen Grundordnung sowie dem Motto der nato: vigilitas pretium libertatis — »Wachsamkeit ist der Preis der Freiheit«.

Ganz anders dagegen sind die Voraussetzungen im Warschauer Pakt. Die sowjetische Definition vom Krieg wurde bereits in der Einleitung gegeben. Sie wird ergänzt durch eine Aussage des verstorbenen Oberbefehlshabers des Warschauer Paktes und sowjetischen Verteidigungsministers, Marschall Gretschko, die lautet: »Es gibt nur Kriege (1) zwischen Kapitalisten und Sozialisten, (2) Bürgerkriege zwischen dem Proletariat und der Bourgoisie, (3) Kriege unter kapitalistischen Staaten und (4) Kriege zwischen Imperialisten und Kolonialvölkern.«280

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Die sowjetischen Militärtheoretiker vertreten ohne Ausnahme die Ansicht, ein Atomkrieg wäre keineswegs Selbstmord, sondern könne wie jeder andere Krieg gewonnen werden. Den Sieg erränge jener, der sich am besten auf ihn vorbereitet habe. Die russische Lehre über den Nuklearkrieg wird von fünf Elementen beherrscht: 

1. Überraschung und Erstschlag. — Sollten nach diesem Grundsatz die sowjetischen Politiker den Eindruck erhalten, sie müßten mit einem Angriff der Nato sicher rechnen, so würden sie keine Minute mit einem vorbeugenden Erstschlag zögern, der ihnen nach ihrer Theorie den entscheidenden Vorteil bringt. 

2. Quantitative Überlegenheit. — Die sowjetischen Militärtheoretiker glauben, daß die Entscheidung in einem Atomkrieg innerhalb der ersten Stunden fällt. Dennoch können die militärischen Auseinandersetzungen darüber hinaus noch lange andauern. 

3. Zielauswahl. — Ziel eines Atomschlags können entweder die feindliche Bevölkerung oder die Atomwaffen des Gegners sein. Da die Luftangriffe der westlichen Alliierten auf die deutschen Städte nicht zu dem gewünschten Erfolg führten und in Hiroshima schon zwei Tage nach dem Abwurf der Atombombe die ersten Züge wieder fuhren und auch die amerikanischen Luftangriffe in Vietnam keine entscheidende Wirkung besaßen, glauben die Sowjets, vor allem die Kommando- und Kontrollzentren, militärische Komplexe und Industrieanlagen mit atomaren Waffen angreifen zu müssen. Viele dieser Ziele lägen naturgemäß auf dem Gebiet der Bundesrepublik. 

4. Kombinierter Truppeneinsatz. — Am Ende eines Atomkrieges muß der Sieger das feindliche Territorium mit Truppen besetzt haben. Dazu sagte Marschall Gretschko: »Die Armeen werden die Zerstörung vollenden, welche durch die Schläge der atomaren Raketentruppen ausgerichtet wurden.« 

5.Verteidigung und Zivilschutz. — Die Abschreckungstheorie setzt voraus, daß sich keine Seite ganz gegen einen Vergeltungsschlag schützen kann. Daher drängten auch die Sowjets in Genf im Januar 1985 auf die Einbeziehung des amerikanischen Abwehrsystems im Weltraum in die Verhandlungen. Trotz allem baut die Sowjetunion ein riesiges Flugabwehrnetz auf und unternimmt die größten Anstrengungen auf dem Gebiet des Zivilschutzes. Über letzteren wurde bereits gesprochen.281 

*

Aus allen sowjetischen Fachbüchern und Fachzeitschriften geht hervor, daß allein der Angriff im Krieg die Entscheidung bringt. Zur Verteidigung darf nur vorübergehend übergegangen werden, wenn man örtlich und zeitlich begrenzt zum Angriff zu schwach ist. 

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»Laut der sowjetischen Militärdoktrin ist die Bedeutung aktiver Angriffshandlungen im modernen Krieg weiter gewachsen. Schläge mit strategischen Nuklearraketen gegen feindliche Einrichtungen schaffen günstige Bedingungen dafür, daß die Bodentruppen offensive Operationen in größeren Tiefen durchführen können. Die Anwendung von Atomwaffen macht es vor allem möglich, dem Gegner durch die Vernichtung seines Menschenmaterials, strategischen Gerätes und seiner Verteidigungseinrichtungen hinter den Frontlinien in kurzer Zeit gewaltige Verluste zuzufügen. Unter diesen Bedingungen haben die Bodentruppen die wichtige Aufgabe, die Ergebnisse eines atomaren Angriffs auf den Gegner so rasch wie möglich auszunutzen.....«283

Ganz im Sinne dieser Theorie sind bisher auch alle Manöver des Warschauer Paktes verlaufen, das letzte sogar unter der Annahme einer Offensive auf das Vertragsgebiet der Nato. Aus vielem geht hervor, daß die Sowjetunion in einem Kriegsfall nach dem Einsatz von Nuklearwaffen auf die beschriebenen Ziele mit eigens dafür ausgebildeten und zusammengestellten Kampfgruppen, von Fallschirmjägern, luftgelandeten Truppen und Hubschrauberverbänden unterstützt, wichtige Geländeräume, wie etwa die Rheinübergänge in Deutschland oder die Häfen an der Nordsee, ihrer ersten operativen Staffel weit voraus nehmen und so lange halten will, bis die Masse ihrer Truppen aufgeschlossen hat.

Bei diesen wird mit einem sehr hohen Angriffstempo von 100 km pro Tag gerechnet. Massierte Feuerkraft der Nuklearwaffen sowie Schnelligkeit und Stoßkraft der Bodentruppen sollen dazu dienen, die weitgesteckten Angriffsziele innerhalb weniger Tage zu erreichen und den Krieg in kürzester Frist zu beenden. Ziel ist dabei die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte und die Beseitigung von »Kapitalismus und Imperialismus«. Nicht zuletzt diesem Konzept scheint der Plan »Strike deep« des amerikanischen Generals Rogers begegnen zu wollen.284

Diesen militärstrategischen Plänen entspricht die gewaltige Aufrüstung in Heer, Luftwaffe und Flotte sowie die Verbesserung des sowjetischen Kriegsmaterials. Die Mehrzahl dieser Rüstungsmaßnahmen wurden in der Zeit der Entspannung ergriffen. Als Beispiel mögen die sowjetischen Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20 und der Ausbau der sowjetischen Hochseeflotte in bezug auf Träger und U-Boote dienen. 

Für beide Waffensysteme sind Entwicklungs- und Erprobungszeiten von 10 und mehr Jahren nötig, d.h., daß die ersten Schritte in dieser Richtung unternommen wurden, als die Bundesregierung und der Bundeskanzler Brandt mit ihrer Entspannungspolitik gegenüber dem Osten begannen. 

Auch der im Januar 1985 über Norwegen und Finnland gesichtete sowjetische Marschflugkörper muß etwa zu jener Zeit geplant und entwickelt worden sein, wenn auch die Sowjetunion stets geleugnet hat, solche Marschflugkörper zu besitzen, und daher scharf auf die Dislozierung ähnlicher Waffen der Amerikaner auf europäischem Gebiet, besonders auf dem der Bundesrepublik, reagierte.

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In technische Einzelheiten der sowjetischen Aufrüstung soll in diesem Rahmen nicht weiter eingegangen werden, da dies auch bei der Behandlung der Nato unterblieb. Die einschlägige Literatur darüber und über die Rüstung der Nato ist aber leicht zu erreichen.285

 

Der militärischen Planung und darauf ausgerichteten Ausbildung und Erziehung der Truppen entspricht die Wehrpropaganda zur Verteidigung des »sozialistischen Vaterlandes« in allen Staaten des Warschauer Paktes. Darüber hinaus gilt die Wehrerziehung der Jugend als wichtiges Element der sozialistischen Gesamterziehung und findet ihre stärkste Ausprägung in einer straff organisierten und breitgefächerten vormilitärischen Schulung und Ausbildung der Jugendlichen. In der DDR wurde z.B. am 7. August 1952 nach sowjetischem Muster die paramilitärische Jugendorganisation »Gesellschaft für Sport und Technik« (GST) gegründet, die die Aufgabe hat, »die Bürger, insbesondere die Jugend, auf den Dienst zum bewaffneten Schutz der revolutionären Errungenschaften des Volkes vorzubereiten«.286)

Die GST, die auch als »Schule der Soldaten von morgen« bezeichnet wird, hat den Auftrag, allen männlichen Jugendlichen systematisch militärische und technische Grundkenntnisse zu vermitteln, so daß der zukünftige Soldat rasch in die militärische Ausbildung innerhalb der Waffengattungen eingeführt werden kann. Nach einer etwa einjährigen vormilitärischen Grundausbildung mit 60 bis 70 Dienststunden beginnt die zwei Jahre umfassende militärische Laufbahnausbildung entsprechend den Anforderungen der Streitkräfte der DDR. Dabei gibt es sieben vormilitärische Ausbildungsarten: für motorisierte Schützen, Nachrichtenspezialisten, Taucher, Fallschirmjäger, Matrosen, Flieger und Militärkraftfahrer.

Zum Schluß der Ausbildung gibt es ein sog. Qualifikationsabzeichen, wenn das Mitglied der GST regel­mäßig an der Ausbildung teilgenommen, eine Leistungs­überprüfung und Abschlußübung erfolgreich abgeleistet, alle erforderlichen Berechtigungen, Erlaubnisse und Befähigungsnachweise erbracht, alle Normen der präzisierten Ausbildungsprogramme erfüllt, die Schießausbildung, den Dreitausendmeterlauf und den Lauf über die GST-Sturmbahn mit mindestens der Note 2 absolviert und die militärische Disziplin vorbildlich eingehalten hat. 

Ergänzt wird diese praktische vormilitärische Ausbildung wie auch die militärische Ausbildung selbst durch die Erziehung »zum Haß gegen den Klassenfeind«, unter dem besonders die Bundesrepublik Deutschland verstanden wird. Die Haß-Erziehung ist Teil der politischen Erziehung und in der Innendienst­vorschrift der Nationalen Volksarmee nach sowjetischem Vorbild festgelegt.

Proteste der Kirchen in der DDR gegen diese Erziehung zum Haß haben bisher noch keinerlei Erfolge gezeigt, wenn man einmal von dem Protest Einzelner und auch einiger Gruppen der dortigen Friedensbewegung »Pflugscharen statt Schwerter« absieht. Im allgemeinen sind aber die Protestbewegungen im Westen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt als im Osten. 

Beurteilt man die Fähigkeiten der sich in Europa gegenüberstehenden Militärblöcke, so stellt man fest, daß die Nato gemäß ihrem Verteidigungs­auftrag zu dieser Verteidigung auch fähig ist, wenn die europäischen Staaten ihre konventionelle Rüstung ergänzen und verstärken, was allerdings mit beträchtlichen Belastungen für den Steuerzahler verbunden ist. Ein offensives Vorgehen steht im Widerspruch zum Abkommen, das die NATO-Partner unterzeichnet haben, und vor allem auch im Gegensatz zur militärischen Planung; es kommt daher nicht in Frage. 

Der Warschauer Pakt dagegen ist zu Angriff und Abwehr gleichermaßen befähigt. Die militärische Planung zielt allerdings auf die Offensive ab, wenn die sowjetischen Politiker den Eindruck erhalten, die NATO wolle ihrerseits zum Angriff übergehen. Jedoch kann ein Überraschungsangriff durch die Kräfte des Warschauer Paktes bei einer Fehlbeurteilung der Lage durch die Politiker nicht ausgeschlossen werden. 

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