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Militärische Weltlage 

Frieden 

 

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Nach dieser mehr theoretischen Darlegung der Verhältnisse, Bedingungen und Fähigkeiten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges wenden wir uns nun der praktischen militärischen Lage in weltweitem Rahmen zu. 

Niemals dürfen wir dabei aus den Augen verlieren, daß Clausewitz in seinem berühmten Hauptwerk <Vom Kriege> ein für allemal gültig formulierte, daß der Krieg »eine Fortsetzung des politischen Verkehrs, ein Durch­führen desselben mit anderen Mitteln« ist.

Ob er jedoch im Hinblick auf die moderne Waffenentwicklung mit ihren Massenvernichtungswaffen noch immer ein gangbares Mittel ist, darf füglich bezweifelt werden. Dennoch hat Clausewitz damit völlig richtig den Primat der Politik über die militärische Führung festgestellt. Daher kann auch eine Darstellung der militär­ischen Lage niemals allein die politische Entscheidung bestimmen, sie ist lediglich eine von vielen Elementen der politischen Entschlußfassung.

Wir haben bereits festgestellt, daß die USA und Großbritannien nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sofort ihre Streitkräfte abrüsteten, ihre Flotten »einmotteten« und glaubten, die nun geschaffenen Vereinten Nationen würden als eine Art Weltregierung für alle Zeiten den Frieden sichern. Die Sowjetunion dagegen stand mit ihren Truppen nicht nur in den strategisch entscheidenden Räumen, sondern rüstete in einem nie vorher gekannten Ausmaß auf.

Bevor noch die Amerikaner bemerkten, daß sie als Supermacht herausgefordert wurden, versuchten die Russ­en, ihre Stellung auf dem Balkan zu verbessern, um ihre Schwarzmeerflotte aus ihren Fesseln zu befreien und Druck auf die Staaten im Mittelmeer auszuüben. Der von den Kommunisten 1947 in Griechenland entfesselte Bürgerkrieg endete jedoch nach unerhörten Grausamkeiten 1949 mit dem Sieg der griechischen, vom Westen materiell unterstützten Regierungstruppen, und auch das kommunistische Jugoslawien entzog sich unter Tito der Umarmung des »russischen Bären«.

Daß die Sowjetunion nicht selbst aktiv »zur Verteidigung der unterdrückten Arbeiterklasse« in die Kämpfe eingriff, war der Tatsache zu verdanken, daß sie noch nicht im Besitz der Atomwaffe war. Aber der Mittel­meerraum sollte von nun an ein Schwerpunkt sowjetischer Politik bleiben, besonders nachdem es zu den israelisch-arabischen Auseinandersetzungen gekommen war, die ja noch fortdauern.

 

Im übrigen Europa wurde aus der ehemaligen Demarkationslinie der Eiserne Vorhang, hinter dem die einstmals freien Staaten zu Satelliten wurden. Nur durch das energische Auftreten der Westmächte und die Versorgung Berlins 1948/49 durch die Luft blieb der Status West-Berlins erhalten. Da aber war bereits der im Westen so genannte Kalte Krieg ausgebrochen. Die Sowjets kreierten dann die Zweilager-Theorie, die die politische Offensive gegen das kapitalistische Lager rechtfertigen sollte; sie nannten das den ideologischen Kampf.

Die in diesem Rahmen eingeleitete sowjetische Offensive gegen das kapitalistische Lager wurde auf drei Ebenen geführt: durch Lähmung der Vereinten Nationen, die sog. Friedensoffensive unter Einschaltung der orthodoxen Kirche und eben durch den ideologischen Kampf. Aufstände innerhalb des sozialistischen Lagers wurden unterdrückt. In allen diesen Fällen hielt sich der Westen zurück, nicht zuletzt, weil die Sowjetunion seit 1951 die Atomwaffe besaß. Der 1966 an die Macht gekommene Generalsekretär Breschnew setzte dann durch, daß alle Ereignisse innerhalb des sozialistischen Lagers allein Angelegenheit der im Warschauer Pakt vereinten Staaten sind.

 

Doch wir sind den Ereignissen vorausgeeilt. Nach der Niederlage der Kommunisten in Griechenland überfiel Nordkorea mit Billigung Chinas und wahrscheinlich auch der UdSSR 1950 Südkorea. Nach einem dreijährigen Krieg, der von UN-Truppen, hauptsächlich aber Amerikanern, geführt wurde, waren die alten Grenzen zwischen den beiden Ländern wiederhergestellt. Erfolge dagegen erzielte das kommunistische Lager militärisch in Indochina, im Nahen Osten und Nordafrika politisch. Auch vor der »Haustür« der USA, in Kuba, konnte ein sowjethöriges Regime unter Fidel Castro an die Macht gelangen.

Nur eine Kriegsdrohung der USA unter Präsident Kennedy hinderte die Sowjetunion, in Kuba Raketen aufzustellen, mit denen das amerikanische Mutterland hätte atomar beschossen werden können. Chruschtschow gab damals, 1962, nach, aber wie er sagte, zum letzten Mal. Weitere kommunistische Aufstands­versuche in Mittelamerika und Südamerika schlugen zunächst fehl.

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Nun aber trat eine entscheidende Veränderung ein, der vor allem in Deutschland viel zu wenig Aufmerksam­keit gewidmet worden ist. Diese Veränderung betraf die Lage zur See. Fast unbemerkt lernte »der Bär«, dessen Leistungen zur See in den beiden Weltkriegen kaum eine Rolle gespielt hatte, »nun schwimmen«. Die Atommacht Sowjetunion wurde durch eine kampfstarke Kriegsflotte mit unterstellter Handelsflotte zur echten Supermacht und suchte und gewann Stützpunkte für sich auf der ganzen Welt.

Die Pazifikflotte operierte von Wladiwostok, Korea, Sachalin, den Kurilen und vor allem von Cam Ranh in Vietnam aus, das als entscheidender Marinestützpunkt für ganz Südostasien angesehen wird (s. Fig. 21). Dort hatten zwar vorher amerikanische Truppen zur Unterstützung des westlich orientierten südvietnamesischen Staates versucht, das kommunistische Nordvietnam in die Knie zu zwingen, aber es war ihnen nicht gelungen, weil der Armee durch die Politiker, die den Ausbruch eines Weltkrieges verhindern wollten, die Hände gebunden wurden und die öffentliche Meinung sich im Westen immer schärfer gegen die dort eingesetzten amerikanischen Truppen und die USA selbst richtete.

So zogen sich die Vereinigten Staaten aus diesem Land zurück, das von nun an eine beherrschende Stellung in Südostasien einnehmen sollte und selbst das ebenfalls kommunistische, aber an China orientierte Kambodscha mit Krieg überzog. Auch an Auseinandersetzungen mit dem kommunistischen China, das in der Zwischenzeit, nachdem es zur Atommacht geworden war, einen eigenen, von Moskau getrennten Weg einschlug, fehlte es nicht. Die von den Amerikanern gut und modern ausgebauten Stützpunkte, vor allem an der Küste Vietnams, können nun der Sowjetflotte als Rückhalt dienen.

 

Auch Indien, das zur Atommacht aufgestiegen war, erlaubte sowjetischen Kriegsschiffen die Benutzung seiner Kriegshäfen. Vom Südjemen und vom Irak aus griffen die Russen nach dem Öl im Persischen Golf, der Lebensader des Westens. Allerdings darf hier nicht übersehen werden, daß der Iran heute ein sowjetisches Eingreifen nicht ohne weiteres zuließe. Auch der Irak, mit dem der Iran im Krieg liegt, verfolgt bis zu einem gewissen Grad, wie die meisten arabischen Staaten, eine von der Sowjetunion und vom Westen unabhängige Politik. Dennoch sind sowjetische Truppen in Afghanistan näher am Golf und damit an den Ölquellen als etwaige westliche Eingreifverbände, die über See oder durch die Luft herangeführt werden müßten.

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Fig.  21   Südvietnam mit dem für Südostasien entscheidenden Marinestützpunkt Cam Ranh 

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Doch hat die Erschließung eigener europäischer Ölquellen die Bedeutung des Persischen Golfes als Lebens­ader etwas herabgesetzt. Die Wichtigkeit des Ölnachschubes für die Beweglichkeit der westlichen Truppen, aber auch für die Versorgung der Zivilbevölkerung liegt auf der Hand (s. Fig. 22).

Südjemen, Somali, Mozambique und Ägypten öffneten der Sowjetunion den Indischen Ozean und das Rote Meer, allerdings verließen Somali und Ägypten dann wieder das sozialistische Lager. Als verläßlichste Verbündete der Sowjets im Mittel­meer­raum, die allerdings auch durchaus willens sind, von Zeit zu Zeit eigene Politik zu betreiben, erwiesen sich Libyen und Syrien, das sogar mit sowjetischen Raketen beliefert wurde. 

Vor allem das letztere Land erweist sich als ständiger Herd, von dem aus das Kriegsfeuer im Nahen Osten unterhalten wird, während Libyen als eines der wichtigsten Zentren des internationalen Terrorismus gilt. Nur Israel wirkt außerhalb des NATO-Vertragsgebietes, zu dem ja auch die Territorien der Türkei und Griechenlands gehören, im östlichen Mittelmeer als Bollwerk des Westens.

In Westafrika bieten Angola und Guinea sowjetischen Schiffen Stützpunkte, und seit einiger Zeit laufen Unternehmen der von Angola unterstützten Befreiungsarmee Swapo, im übrigen von einem großen Teil der Westpresse gefördert, zur Wegnahme Namibias, der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Mit Ausnahme Äthiopiens, wo die Sowjetunion selbst mit Waffen und Material auftritt und ihr durch die schwachen französischen Kräfte in Djibuti nur in geringem Umfang am Roten Meer Paroli geboten werden kann, werden die meisten politischen und militärischen Unternehmen in Afrika von Stellvertretern der Sowjetunion wie etwa Kuba und der ddr getragen.

Von Kuba aus breitete sich der sowjetische Einfluß aufgrund der russischen Flottenstärke nach Mittelamerika, besonders nach Nicaragua aus. Weitere Aufstandsbewegungen in Guatemala und San Salvador werden von Kuba kräftig unterstützt. Der Versuch, auch Grenada zu nehmen, scheiterte aufgrund des Eingreifens der Amerikaner, die es nicht dulden konnten, daß der für die Verschiebung der westlichen Flottenkräfte so wichtige Panamakanal durch dort startende Luftstreitkräfte oder Raketen gefährdet würde. Dennoch zielen die von Kuba unterstützten Unternehmen in Mittelamerika auf den »weichen Unterleib« Amerikas ab, so daß dieses große Land zumindest zum politischen Eingreifen gezwungen sein könnte, gleichgültig ob man dem dortigen sozialen Aufbegehren verständnisvoll gegenübersteht oder nicht.

Während in Afrika das Kap der Guten Hoffnung nur ein fernes Wunschziel der Sowjets sein kann, weil Südafrika, trotz seiner vom Westen angefeindeten Apartheidpolitik, doch zwangsläufig mit diesem verbunden ist, lagen die Verhältnisse in Südamerika, am Kap Hoorn, für sie weit günstiger.

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In der Antarktis besitzen die Sowjets Forschungsstützpunkte. Sie versuchten, den schwelenden Konflikt zwischen Chile und Argentinien für sich auszunutzen, wenn auch bisher ohne Erfolg. Von der Weltöffent­lichkeit unbemerkt, verlangte die Sowjetunion den Rückzug der Briten von den Falklandinseln und ermutigte, gewollt oder ungewollt, Argentinien zu deren Besetzung. Als es dann zur argentinischen Invasion kam, waren die Sowjets jedoch militärisch zu schwach, um Argentinien aktiv zu unterstützen. Es blieb bei Propagandaparolen und Materiallieferungen.

Noch kann die Sowjetunion ihre Flotte aus technischen Gründen nicht vollständig zur See versorgen. Aber es wird nicht mehr lange dauern, bis sie dazu in der Lage ist.

Daß diese, an die Zeiten des europäischen Imperialismus vor dem Ersten Weltkrieg erinnernde Militärstrategie auch ihre politischen Auswirkungen überall, besonders aber in den Entwicklungsländern hat, denen die Sowjetunion großzügig Waffenhilfe gewährt, aber keine Lebensmittel liefern kann, braucht nicht besonders betont zu werden. Im übrigen wurden diese militärischen Maßnahmen ebenfalls fast alle während der Zeit der Entspannung unternommen, als sie fast risikolos durchgeführt werden konnten.

Nun mag man argumentieren, diese Verhältnisse könnten den Europäern doch ziemlich gleichgültig sein, solange man nur von der Sowjetunion unbehelligt bliebe. Die sowjetischen Definitionen von Krieg und Pazifismus sollten eines Besseren belehren. Der Kampf um die Macht, der sich bei rivalisierenden Blöcken fast von selbst ergibt, solange sie vom Egoismus beherrscht sind, und aus dem sie entweder durch Selbstaufgabe oder durch militärische Niederlage ausscheiden könnten, es sei denn, man setzt auf Abschreckung und Verhandlung, um wenigstens miteinander auszukommen, ist subtil und allumfassend.

Im Gegensatz zu dieser Expansion der Sowjetunion zogen sich die Westmächte aus der nun sog. Dritten Welt zurück, wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Damit ging ein Großteil ihrer bisherigen Flottenstützpunkte verloren, in die die Sowjetunion meist unverzüglich nachrückte. Dies führte zu einer außerordentlich ernsten Lage, da die Westmächte ihre Seewege bedroht sahen, von denen sie in Krisen oder im Kriegsfall völlig abhängen. Besonders trifft dies, wie schon betont, für die Region am Persischen Golf zu, dessen Ölquellen für den Westen lebensnotwendig sind. Nur der Stützpunkt der USA in Diego Garcia, das französische Stationierungsrecht in Djibuti und einige vorläufig noch prowestliche Araberstaaten wie Saudi Arabien, die Emirate an der Straße von Ormuzd und Jordanien erlauben einen gewissen optimistischen Blick in die Zukunft, wenn auch die arabisch-israelische Konfliktsituation sowie das neue Erwachen des Islam einen ständigen Gefahrenherd bilden.

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Fig. 22 Marinestützpunkte und Rohölströme

Dennoch wurde der sowjetische Einfluß, teils durch eigene Schuld der Sowjets, denen es am nötigen Takt mit den neuen Verbündeten in der Dritten Welt fehlte, teils aber auch durch die amerikanischen Flugzeug­träger­verbände, die überall auf den Ozeanen operieren können, ohne zu ihrer Versorgung ständig Stützpunkte anlaufen zu müssen, etwas eingedämmt.

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Seit die Sowjetunion 1957 ihren Erdsatelliten Sputnik I in den erdnahen Weltraum sandte, begann auch militärisch ein Wettlauf um die Ausnutzung dieses Raumes. Vor allem gelang es, ihn für die Aufklärung und Erkundung zu nutzen. Aufklärungssatelliten beider Supermächte, aber auch der Europäer, Chinesen und Inder, vermögen heute kleinste Bewegungen und Veränderungen auf und an der Erdoberfläche festzustellen, auch wenn sie noch so gut getarnt sind. Daher ergänzen hier Täuschungsmaßnahmen die Tarnmaßnahmen, etwa durch Scheinstellungen.

Eine militärische Nutzung des Mondes oder der erdnächsten Planeten liegt sozusagen in der Luft. Auf dem Gebiet der Aufklärung und elektronischen Datenverarbeitung ist der Westen dem Osten klar überlegen, daher die sowjetischen Spionageanstrengungen auf diesem Gebiet, aber auch die bereits seit langem von der Sowjetunion unternommene Entwicklung sog. Killersatelliten, mit denen westliche Aufklärungs­satelliten abgeschossen werden können. Vor kurzem zogen die USA auf diesem Gebiet nach. 

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Das Gleichgewicht ist aber noch nicht hergestellt, da sich die USA bisher an das vertraglich festgelegte Verbot der Nutzung des Weltraumes für militärische Zwecke hielten, während die UDSSR dies nicht tat und einfach den Begriff »Weltraum« anders definierte, nämlich als sowjetisches Hoheitsgebiet, soweit dieser Weltraum über dem Gebiet der Sowjetunion liegt, eine völkerrechtlich bisher noch nicht geklärte Frage.

Es besteht jedoch kein Zweifel darüber, daß der erdnahe Weltraum im Kriegsfall eine wichtige Rolle für beide Blöcke spielen würde. Dies zeigt auch der amerikanische Plan zum Aufbau eines Abwehrsystems gegen Interkontinentalraketen und dessen Einbeziehung in die neuen Verhandlungen mit der Sowjetunion in Genf.

Doch kehren wir zur Erde zurück.  

Hier bilden heute die Nuklearwaffen, über die schon eingehend gesprochen wurde, den Trumpf in der Hand jener Mächte, die sie besitzen. Das sind die USA, die Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich, China, Indien sowie möglicherweise auch Israel und Südafrika. Die Bundesrepublik Deutschland hat ausdrücklich auf die Herstellung und den Besitz nuklearer Waffen verzichtet. Sie ist daher auf den Schutz durch die usa angewiesen, die allein ihn ihr garantiert haben. Für Frankreich und Großbritannien trifft das nicht zu. 

Mit den nuklearen Waffen besitzen beide Seiten die Möglichkeit zum sog. Overkill, da sie ihre Bestände nicht vernichtet, sondern verstärkt haben. Bei den biologischen Waffen dürften die USA überlegen sein, bei den chemischen nach Masse die UDSSR. Die Supermächte und die großen mittleren Mächte besitzen sie mit Ausnahme der Bundesrepublik in Ost und West, um mit ihnen im Fall des Einsatzes durch den Gegner Vergeltungsschläge durchführen zu können.

Kommen wir nun zur augenblicklichen Lage in Europa im einzelnen. 

Solange die Vereinigten Staaten das Atomwaffenmonopol besaßen, bildete die auf der Stärke ihrer Luftstreitkräfte beruhende Abschreckung den Rückhalt der Nato. Nach der These von »Schild und Schwert« hatten die Landstreitkräfte der europäischen NATO-Staaten, verstärkt durch amerikanische, britische und kanadische Großverbände, eine Abwehrfront zu bilden, so stark, daß sie nur durch den Einsatz beträchtlicher Kräfte des Warschauer Paktes zu durchbrechen gewesen wäre.

Damit wäre die Voraussetzung für das Zuschlagen des »Schwertes« der amerikanischen strategischen Atomwaffen gegeben gewesen. Von etwa 1957 ab war der »Schild« durch das Eingliedern taktischer Atomwaffen in die atlantischen Großverbände verstärkt worden. Als jedoch etwa zur gleichen Zeit die sowjetischen Atomwaffen in beträchtlicher Stärke einsatzbereit waren, glaubte man in Europa nicht, sich in jedem Fall auf den bedingungslosen Einsatz der amerikanischen Atomwaffen verlassen zu können, weil die usa damit ihr eigenes Land bei jedem Konflikt der Vernichtung aussetzten. Es entstand eine ähnliche Lage wie sie jetzt bei den Mittelstreckenraketen besteht.

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Darüber hinaus hatten die europäischen NATO-Staaten, weil sie sich zu sehr auf den amerikanischen Atomwaffenschirm verlassen hatten, begonnen, ihre Militärausgaben zu reduzieren. Da man den Eindruck hatte, in einer Sackgasse zu stecken, erhielten nun die NATO-Streitkräfte den Auftrag, auf jede Aggression elastisch zu reagieren. So kam man zur noch heute gültigen Lehre von der »flexible response«, der angemessenen Erwiderung oder flexiblen Reaktion.

Dabei wird selbst ein konventionell geführter sowjetischer Angriff zunächst mit einem atomaren Warnschuß beantwortet, um so eine Pause für Verhandlungen zu erreichen. Diese Pause, so glaubt man, muß zwangsläufig eintreten, weil der Angreifer für das atomare Gefecht umgliedern muß. Dennoch soll dieser »Atomschwelle« genannte Einsatz atomarer Waffen so hoch oder spät wie möglich angesetzt werden. Nach Überschreiten dieser Schwelle kann es zu einer Steigerung des Atomwaffeneinsatzes in der »Atomspirale« kommen, also zu einer Eskalation. 

Ob diese Theorie durchführbar ist, wird von manchen bezweifelt. Die Abschreckung ist als Kriegsverhind­erungsmittel wohl verläßlicher, obwohl sie natürlich keinen Gegensatz zur »flexible response« darstellt, sondern eine Kriegsverhinderungs- und Vorbeugungsmaßnahme. Frankreich glaubt überhaupt nicht an einen konventionellen Beginn, sondern rechnet von Anfang an mit dem Einsatz atomarer Waffen, über die es daher allein die Verfügungsgewalt behalten will. Dies und andere Gründe veranlaßten es, aus dem militärischen Verband der NATO auszuscheiden, obwohl es im Kriegsfall als ihr Verbündeter auftreten wird.

Aufgrund der Theorie von der »flexible response« haben im Gegensatz zur Sowjetunion die konventionellen Streitkräfte bei der nato den gleichen Stellenwert wie die nuklearen. Allerdings ist das mehr oder weniger Theorie, denn zur konventionellen Abwehr gehören zahlenmäßig stärkere Kräfte als die nato sie besitzt. Diese kosten mehr Geld und erfordern eine Ausschöpfung der Wehrkraft der europäischen Völker in weit höherem Maße als bisher. Wie die Dinge aber liegen, bleiben zur Zeit nur atomare Abschreckung oder Unterwerfung übrig, so lange noch kein neuer Weg gefunden worden ist. Die Verstärkung der konventionellen Streitkräfte würde aber eine beträchtliche Anhebung der Atomschwelle bedeuten.

Sehen wir uns nun die drei Abschnitte der nato in Europa an. Als besonders empfindlich gilt die europäische Nordflanke mit Norwegen, Dänemark und den Ostsee-Zugängen. Die Sowjetunion hat die Halbinsel Kola zu einem gewaltigen Flotten- und Raketenstützpunkt für Interkontinentalraketen ausgebaut. Von dort aus hat die starke Nordmeerflotte den Auftrag, die atlantischen Verbindungslinien der nato, ohne die diese nicht existieren kann, zu unterbrechen. Die Wirksamkeit der Nordmeerflotte wäre bedeutend erhöht, wenn es den Sowjets gelänge, Norwegen mit seinen Häfen zu erobern.

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Natürlich müssen sich die Streitkräfte des Warschauer Paktes zuerst dieses Raumes bemächtigen, bevor die Sowjetflotte diese Häfen nutzen kann. Dazu hat allein die Sowjetarmee auf der Halbinsel Kola 2 Divisionen mit 400 Panzern und 500 Artilleriegeschützen und Mörsern stehen, die durch 7 weitere Divisionen, 1300 Panzer und 1500 Geschütze und Mörser, verstärkt werden können, und zwar sofort bei Angriffsbeginn. Diesen 9 sowjetischen Divisionen stehen nur 13 Brigaden, etwas mehr als 4 Divisionen der MATO mit 100 Panzern und 500 Geschützen und Mörsern gegenüber.

Diese starke Überlegenheit der Sowjets reicht nach allen Regeln der Kriegskunst für einen Angriff aus. Nehmen wir jedoch die Flottenkräfte hinzu, so ist die Nato nach Zuführung amerikanischer Verbände ebenso zur Verteidigung befähigt wie beim Einsatz atomarer Mittel. Das Gleichgewicht ist dort einigermaßen gewahrt, solange man von den sowjetischen Mittelstreckenraketen absieht. Doch können diese hier durch U-Boot-Raketen der Nato nach zeitgerechter Zuführung ausgeglichen werden.

Besonders wichtig für die Nato ist es, der sowjetischen Baltischen Flotte den Austritt aus der Ostsee und den Zugang zur Nordsee zu verwehren. Dies ist vor allem die Aufgabe der deutschen und dänischen Marine, die außerdem noch sowjetische Landungsversuche an den Ostseeküsten abwehren und Geleitzüge in der Nordsee schützen sollen. Die sowjetische Baltische Flotte dagegen wird versuchen, die amphibischen Landungsunternehmen der Warschauer-Pakt-Staaten im Ostseeraum zu unterstützen und sich den Zugang zur Nordsee und damit zum Atlantik zu erkämpfen, um ebenfalls die atlantischen Seewege der Nato zu unterbrechen.

Auch das neutrale Schweden ist im Kriegsfall ganz offensichtlich Ziel eines möglichen sowjetischen Landungs­angriffes, wie die Aufklärungsversuche sowjetischer U-Boote in schwedischen Hoheitsgewässern gerade gezeigt haben. Einer der letzten Versuche vor etlichen Monaten wurde von drei U-Boot-Mutterschiffen und sechs Mini-U-Booten unternommen, die bis in den Innenhafen von Stockholm vordrangen. Jetzt hat die schwedische Marine den Auftrag erhalten, sofort mit Waffengewalt gegen jeden weiteren Versuch vorzugehen. Doch reichen die Mittel der Schweden dazu nicht ganz aus.

Wegen dieses Vorfalls zur Rede gestellt, erklärte der sowjetische außenpolitische Sprecher, Arbatow, in Washington, die Schweden wären naiv, wenn sie glaubten, daß ihre Neutralitätspolitik und scharfen Proteste die Sowjetunion hindern könnten, die U-Boot-Operationen in schwedischen Gewässern fortzusetzen. Diese Art von Aktivität gehöre zum Benehmen einer Supermacht.

 

Eine ähnliche, ja noch größere Überlegenheit der Sowjets besteht an der Südflanke der Nato, im Mittelmeerraum, soweit es die Heeres- und Luftwaffenkräfte angeht.

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Die Operationen der sowjetischen Schwarzmeerflotte sind dagegen eingeschränkt, weil ihr der Austritt aus dem Mittelmeer nach Süden oder Westen wohl nicht gelingen kann. Durch politischen Druck und Stellvertreterkriege im Nahen Osten versucht sie jedoch, diese Lage zu ändern; ein zweischneidiges Schwert, da ihre islamischen Verbündeten nicht unbedingt und uneingeschränkt sowjetische Interessen vertreten.

Außerordentlich bedroht dagegen ist das neutrale Österreich, das im Kriegsfall Durchmarschland nach Südostbayern und Jugoslawien werden könnte, ohne geeignete oder ausreichende Mittel zur Abwehr zu besitzen. Der Widerstand des österreichischen Bundesheeres darf nur als symbolisch angesehen werden, um sich bei späteren Friedensverhandlungen ein Mitspracherecht zu sichern. Das eigentliche Ziel eines Angriffs im Süden werden vermutlich Jugoslawien, seiner Häfen wegen, und aus dem gleichen Grund Nordost-Italien sein. Ähnliches gilt für Griechenland und die Türkei. Dennoch ist auch hier, von den sowjetischen SS-20-Raketen abgesehen, vorläufig das Gleichgewicht gewahrt.

Für den Schwerpunkt des beiderseitigen Aufmarschgebietes, Mitteleuropa, wurde bereits ein flüchtiger Überblick gegeben. Bei einem konventionellen wie atomaren Angriff des Warschauer Paktes bieten sich vermutlich folgende Stoßrichtungen an: aus Mecklenburg heraus in Richtung auf die Häfen Hamburg und Bremen, um sie für die eigene Flotte nutzbar zu machen, den Nordabschnitt der nato von Europa-Mitte zu trennen und damit Landungen an der deutsch-dänischen Ostseeküste zu erleichtern und den Belt zu öffnen; aus dem Raum Stendal-Magdeburg heraus durch die Norddeutsche Tiefebene zur Wegnahme des deutsch-belgischen Industriegebiets, das möglichst unversehrt in sowjetische Hand fallen soll, und ein weiterführender Stoß zu den belgisch-niederländischen Kanalhäfen; aus Thüringen heraus gegen das Rhein-Main-Gebiet mit seinen Industrieanlagen und den Rheinübergängen mit weiterer Stoßrichtung nach Frankreich hinein; die beiden letzten Angriffsgruppen könnten durch Luftlandedivisionen, die aus der Tiefe des Raumes rasch herangeflogen werden können, zur Wegnahme der operativ-strategisch wichtigsten Ziele unterstützt werden; aus dem Raum Eger-Pilsen heraus nach Südwesten zur Wegnahme der Rheinübergänge bei Karlsruhe und Kehl sowie des schwäbischen Industriegebiets bei Stuttgart und zum Weiterführungsstoß durch die Burgundische Pforte nach Frankreich hinein; und bei einem Angriff aus dem tschechisch-ungarischen Raum heraus die Donau entlang durch Österreich in den bayerischen Voralpenraum Richtung Nordschweiz mit ihrem panzergünstigen Gelände zum Vorstoß die Rhone entlang zum Mittelmeer.

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Atomar würden diese Angriffsgruppen durch Feuer auf die »Flugzeug- und Raketenträger« Großbritannien, Spanien, Italien mit Sizilien sowie die Dardanellen, Israel und den Suezkanal unterstützt. Über die weiteren Ziele wurde bereits gesprochen. All das ist mit den Mittelstreckenraketen vom Typ SS-20 möglich, von denen eine jede drei Gefechtsköpfe trägt, die unabhängig voneinander in verschiedene Ziele geführt werden können, während die Nato nur Raketen mit je einem Gefechtskopf besitzt, selbst wenn die Pershing-II und Cruise Missiles aufgestellt sind. 

Ohne diese Aufstellung könnte die UdSSR mit ihren Verbündeten die europäischen NATO-Länder atomar bedrohen oder erpressen, ohne daß diese ein Mittel zur Gegenwehr hätten. Die französischen Raketen stünden nur bei einem Angriff auf das französische Mutterland zur Verfügung, reichten aber nicht aus. Außerdem können sie nicht bis zur Sowjetunion wirken. Erst wenn die Pershing-II und Cruise Missiles alle in Stellung gegangen sind, können, ohne den »großen Holocaust« auszulösen, sowjetische atomare Bedrohungen durch diese sehr genau schießenden Waffen, mit denen auch das sowjetische Mutterland zu erreichen ist, ausgeschaltet werden. Wichtiger aber ist, daß allein sie bei Verhandlungen als gleichartige Waffen ins Spiel gebracht werden können. Im übrigen handelt es sich ja nicht um eine zusätzliche atomare Rüstung der nato, sondern um eine Modernisierung; denn im Zuge ihrer Aufstellung wurde und wird eine gleiche Zahl atomarer Gefechtsköpfe der nato aus Europa abgezogen. Das Wort Nachrüstung trifft den Kern nicht und ist unglücklich gewählt. Die Amerikaner und Briten sprechen viel richtiger von einer Modernisierung.

Erst nach dem völligen Vollzug dieser Aufstellung ist das Gleichgewicht in Europa-Mitte wiederhergestellt. Jetzt ist auch zu verstehen, warum die Sowjetunion, die so viel Kraft während der Zeit der Entspannung in die Aufrüstung gesteckt hat, alle Register der Propaganda und Desinformation bis hin zur Drohung zieht, um die Ausführung des NATO-Doppelbeschlusses, der ja vom sozialdemokratischen Bundeskanzler Schmidt ausging, zu verhindern. In den letzten Jahren hat sie über die Deutsche Kommunistische Partei pro Jahr 50 Millionen DM für die Finanzierung ihr nahestehender Kreise mit dieser Zielsetzung aufgebracht.287) Daß die Bundesrepublik dennoch bis zu einem gewissen Grade erpreßbar ist, wurde bei der Beschreibung des mangelnden Zivilschutzes bereits betont.

Neben dem Truppenaufmarsch und der Dislozierung der entsetzlichen modernen Waffen diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs deuten auf östlicher Seite noch weitere Vorbereitungen des Warschauer Paktes auf die Erhöhung der Kriegsfähigkeit hin, die von Laien meist übersehen werden. Es sei dabei besonders betont, daß damit über die politische Entscheidung zum Angriff durch den Warschauer Pakt nichts ausgesagt wird. 

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Diese Maßnahmen bestehen darin, daß das Verkehrsnetz für die Versorgung laufend ausgebaut wird und die Truppen des Warschauer Paktes eine unverhältnismäßig hohe Zahl von Brückengeräten, Übersetzmitteln und amphibischen Fahrzeugen mit sich führen, weit mehr als die sich zur Verteidigung vorbereitenden Truppen der nato. Weiter hat der Warschauer Pakt für die Munitionsversorgung Infanteriewaffen eingeführt, mit denen NATO-Munition verschossen werden kann. Umgekehrt ist das nicht möglich. Die Versorgung scheint der Schwachpunkt der Truppen des Warschauer Paktes zu sein, wie vor allem der Einmarsch in die Tschechoslowakei gezeigt hat.

Ein letztes Wort gilt dem Kampfwert beider Seiten. Allgemein ist zu beobachten, daß der Kampfwert der Truppen immer geringer zu werden scheint und die Waffen immer schrecklicher. Dennoch wird wohl der größte Teil der Mannschaften auf beiden Seiten seine soldatische Pflicht tun. Einschränkend ist jedoch hinzuzufügen, daß die Soldaten aus den Satellitenstaaten für die Sowjetunion einen gewissen Unsicherheits­faktor darstellen. Wahrscheinlich würden sie im Fall eines siegreichen Vordringens des Warschauer Paktes »bei der Stange« bleiben, im umgekehrten Fall aber eher zur Fahnenflucht und Sabotage neigen.

Nach dieser Beschreibung der militärischen Lage, die aber absolut nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann, bleibt nur noch der Schluß zu ziehen, daß, falls das Gleichgewicht des Schreckens wiederhergestellt wird, weder mit einer sowjetischen politischen Erpressung noch mit einem militärischen Angriff zu rechnen ist. Auch die sowjetischen Führer sind keine Selbstmörder. Allein ihre Politiker entscheiden über Krieg und Frieden, ganz gleich, ob die sowjetischen Militärs den atomaren Krieg für gewinnbar halten oder nicht. Sicher werden sie keinen Krieg führen, nur weil die Militärs das etwa wollten. Schon die Tatsache, daß bei allen sowjetischen Manövern und Manövern des Warschauer Paktes in der ersten Phase stets ein Angriff des Westens angenommen wird, der zurückgeschlagen wird, bevor der Warschauer Pakt zur Offensive übergeht, zeigt, daß bei aller Betonung des Angriffs in der Militärstrategie der Kriegsfall nur eine Lösung bietet, falls alle anderen Mittel versagen. Auch im Osten hält man, wie Genf im Januar 1985 bestätigt hat, von Kriegsverhinderung und Verhandlungen mehr.

Im übrigen bewahrheitete sich bei der erneuten Übereinkunft über Verhandlungen, was bereits Boris Souvarine in bezug auf die westlichen Verhandlungspartner und den damals führenden sowjetischen Politiker Stalin gesagt hat: »Er [Churchill] hatte geglaubt, gut daran getan zu haben, daß er einen Sozialisten, einen Anhänger der Arbeiterbewegung, Sir Stafford Cripps, als Botschafter nach Moskau geschickt hatte, und angenommen, er wäre als solcher a priori bei einer kommunistischen Regierung willkommen. 

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Es war ein enormer Irrtum, der Churchills Unwissenheit auf diesem Gebiet kennzeichnet: Stalin verabscheute nichts so sehr wie einen Sozialisten, dem er die finstersten Absichten unterstellte. Hätte der englische Premierminister auch nur die geringste Vorstellung von der pathologischen Mentalität des Generalsekretärs gehabt, so hätte er einen Konservativen der äußersten Rechten nach Moskau geschickt. Das wäre die einzige, wenn auch kleine Chance gewesen, Stalin näherzukommen.«288)

Auch jüngst hat es sich wieder erwiesen, daß die Sowjets nach anfänglicher Zurückhaltung und Ablehnung gerade mit den konservativen Kräften der NATO-Länder zu verhandeln entschiedener bereit sind.

Dennoch ist es immer möglich, daß ein Funke aus den Krisenherden, besonders dem Nahen Osten, überspringt und die europäische Welt in einen Krieg verwickelt, den alle nicht wollen. Das Gleichgewicht des Schreckens darf nicht der Weisheit letzter Schluß sein. Die Menschheit muß einen Ausweg aus diesem Dilemma finden. Bisher weiß aber noch niemand eine gangbare Lösung. Abgerüstet muß auf jeden Fall werden, auch vom militärischen Standpunkt aus gesehen. Totale Abrüstung aber ist im Augenblick nicht möglich. Die Gründe sind nach allem, was hier dargelegt wurde, wohl einsehbar.

 

Angesichts der Furchtbarkeit eines Krieges in der Zukunft gelten alle Anstrengungen der Politiker beider Seiten der Kriegs­verhinderung. Weder in Moskau noch in Washington noch sonstwo auf der Welt gibt es einen einzigen Politiker, der einen allgemeinen großen Krieg wünscht, und dennoch bereiten alle Militärstrategien ihn vor, um ihn im Notfall führen zu können. Diese Strategien der beiden Supermächte und Blöcke wurden geschildert. Gibt es dazu Alternativen?

In letzter Zeit wurde viel, vor allem in der Bundesrepublik Deutschland, über alternative Strategien gesprochen. Die für die Sicherheitspolitik verantwortlichen Politiker der Bundesrepublik Deutschland nehmen das hier angeschnittene Problem durchaus ernst. Eine öffentliche Anhörung zu alternativen Sicherheitskonzeptionen durch den Verteidigungsausschuß des Deutschen Bundestages im letzten Viertel des Jahres 1984 beweist es. Die verschiedenen alternativen Strategien laufen alle darauf hinaus, mit Hilfe unterschiedlicher technischer Mittel und taktischer Verfahren den Schwerpunkt so auf die konventionellen Streitkräfte zu verlegen, daß Nuklearwaffen zur Verteidigung ganz, wenigstens in Europa, überflüssig werden. Oder sie fordern, auf deren Ersteinsatz zu verzichten. Zur letzteren Forderung gehört auch die, auf die amerikanischen Mittelstreckenraketen zu verzichten oder sie wieder abzuziehen und sich nur auf die der Franzosen und Engländer zu verlassen. Dies ist schon deshalb unmöglich, weil diese Länder sich den Einsatz ihrer Nuklearstreitkräfte vorbehalten und keinerlei Garantie für den Schutz der Bundesrepublik abgegeben haben.

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Der Verzicht auf den Ersteinsatz von Nuklearwaffen aber würde bedeuten, daß ein möglicher Angreifer, der sich auf konventionelle Kräfte stützt, mit dem Einsatz dieser Waffen zur Abwehr einer Aggression nicht mehr zu rechnen brauchte. Er könnte sich auf seine konventionelle Überlegenheit verlassen und seine Chancen genau ausrechnen, d.h. sein eigenes Risiko exakt kalkulieren. Damit verkehren sich diese Strategien in ihr Gegenteil. Die Kriegsgefahr würde größer und die eigene Bevölkerung all den Schrecknissen ausgesetzt, die einen modernen Kriegsschauplatz beherrschen.

Einige Vertreter dieser Ansicht geben sich sogar der unrealistischen Vorstellung hin, einzelne Städte aus den Kampfhandlungen aussparen zu können. Daß auch die anderen NATO-Partner bei der Gesamtheit dieser Pläne ein Wort mitzureden hätten, lassen sie im übrigen ganz außer acht. Dazu glauben sie, auf die Erklärung von kernwaffenfreien Zonen oder Gemeinden zurückgreifen zu können. Einige der Initiatoren dieses Gedankens stützen sich auf die UN-Resolution 3472 (xxx) vom 11.12.1975, die aber nicht das Einverständnis der Bevölkerung, sondern der Kernwaffen-Staaten voraussetzt. Außerdem müssen solche Entschlüsse von der Gesamtheit der Vereinten Nationen anerkannt sein. 

Welchen Wert aber solche Erklärungen der Vereinten Nationen haben, hat die Vergangenheit ausreichend bewiesen. Auch als Beispiele angeführte Modelle nuklearwaffenfreier Zonen in Bereichen außerhalb Europas lassen sich nicht auf unser Gebiet übertragen, weil sie nicht im Mittelpunkt machtpolitischer Interessen stehen. Darüber hinaus sind Erklärungen von Gemeinden zur kernwaffenfreien Zone verfassungsrechtlich problematisch, politisch wirkungslos und strategisch oder taktisch völlig unrealistisch. Ist ein Krieg erst einmal ausgebrochen, so wird sich keine der beiden Seiten im geringsten um solche Erklärungen kümmern. Dann spricht nur noch die militärische Zweckmäßigkeit. Außerdem wäre es richtiger, von kernwaffenaufschlags-freien Zonen als von kernwaffenfreien Zonen zu sprechen und diese zu fordern, denn nicht die Aufstellung solcher Waffen verursacht die schrecklichen Verluste und Schäden, sondern der Aufschlag der Geschosse.

Eine andere Forderung der alternative Strategien vertretenden Gruppen beinhaltet einen Verzicht auf alle Mittel und Waffen, die einen Rückschluß auf Offensivfähigkeit zulassen. Natürlich betrifft das bei den ernsthaften Vorschlägen die strategische und nicht etwa die taktische Ebene. In diesem Rahmen werden als Alternative zur Vorneverteidigung verschiedene Modelle der Raumverteidigung auf dem eigenen Gebiet angeboten, wobei bewußt in Kauf genommen wird, daß der Angreifer dann in weite Teile des eigenen Raumes eindringt. Das ist zwar militärisch, nicht aber politisch akzeptabel.

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Schließlich verzichten die Vertreter der sog. Sozialen Verteidigung auf jede Art des bewaffneten Widerstands und verlangen dafür als ersten Schritt den sofortigen Austritt der Bundesrepublik aus der Nato. Bei dieser Art der Sozialen Verteidigung verlassen sie sich ganz auf den psychologischen und moralischen Widerstandswillen und die Leidensfähigkeit einer unter dem Diktat einer Besatzungsmacht lebenden Bevölkerung sowie auf die demoralisierende Wirkung dieses Widerstandswillens und der Leidensfähigkeit auf einen möglichen Aggressor. 

Es schwebt ihnen dabei im wesentlichen das Beispiel des indischen Widerstands unter Mahatma Gandhi gegen die Briten vor. Sie vergessen dabei aber, daß Gandhi absolut nicht für Gewaltlosigkeit in beiden Weltkriegen plädierte, sondern sich ausdrücklich auf die Seite Großbritanniens stellte. Weiter wird übersehen, daß Großbritannien eine alte Demokratie ist, in der die öffentliche Meinung eine wesentliche Rolle spielt. Sie stand aber mit den Jahren in zunehmendem Maße auf der Seite Gandhis und der indischen Forderung nach Unabhängigkeit, die aber, und das ist außerordentlich wichtig, innerhalb und nicht außerhalb des British Commonwealth of Nations erreicht werden sollte. 

Die Achtung der Briten vor der Würde und Unantastbarkeit des menschlichen Lebens begrenzte darüber hinaus die Gegenmaßnahmen weitgehend auf diejenigen, die Gesetz und Recht erlaubten, wodurch etwa Geiselerschießungen ausgeschlossen waren. Wer aber im Kriegsfall von seinem Volk die Soziale Verteidigung fordert, muß ihm auch klarmachen, daß damit auch Massenerschießungen und Massendeportationen zur Brechung des Widerstands der Gesamtbevölkerung nicht auszuschließen sind. Das aber verlangt Opfer in einem Maß, das nicht mehr hinnehmbar ist. Mit Sicherheit würde ein solcher Widerstand in Form der Sozialen Verteidigung, wenn überhaupt die gesamte Bevölkerung dafür zu gewinnen wäre, sehr bald zusammenbrechen. Die Soziale Verteidigung ist daher nichts anderes als eine außerordentlich gefährliche und tödliche Utopie. 

 

   

Bemühungen um den Frieden 

 

Wir haben nun jenen Punkt erreicht, an dem über die Friedensbewegung gesprochen werden muß. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß die Bestrebungen der beiden Supermächte darauf gerichtet sind, eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen den beiden Militärblöcken zu verhindern. Im gesamten westlichen Lager gibt es eine beträchtliche Anzahl von Instituten, die allein der Friedens- und Konflikt­forschung dienen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, die ihre Forschungen von einem einseitigen ideologischen Standpunkt aus betreiben, dienen diese Institute der Erforschung von Möglichkeiten und Wegen zum Abbau von Spannungen in Krisenzeiten, zur Beseitigung von Konfliktstoffen und zur Verhinderung kriegerischer Auseinandersetzungen.

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Ihre Ergebnisse werden durch die Massenmedien verbreitet und den verantwortlichen Politikern als Arbeitsunterlage zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus findet eine breit angelegte Erziehung zum Frieden zumindest in allen Schulen der Bundesrepublik statt. Außerdem hat jeder Bürger der Bundesrepublik das Recht, den Wehrdienst zu verweigern. Dies trifft mit unterschiedlichen Bedingungen für alle Staaten des Westens zu. 

Lediglich die Schweiz macht davon eine Ausnahme, indem sie die Wehrdienstverweigerung nicht gestattet. Erst 1984 wurde dieses Verbot der Wehrdienstverweigerung durch Volksentscheid ausdrücklich bestätigt. In Teilen der Ostblockstaaten, aber bei weitem nicht in allen, gibt es, wie z.B. in der ddr, lediglich die Verweigerung des Dienstes mit der Waffe; doch wird der Wehrpflichtige dann in Baubataillonen und ähnlichen Verbänden zum Ersatzdienst eingezogen. Er dient in Uniform und unterliegt den militärischen Gesetzen.

Im westlichen Europa dagegen hat die Friedenserziehung in vielen Fällen zur Wehrdienstverweigerung, zu Pazifismus und Antiamerikanismus geführt. Durch die Verlängerung der Zivildienstzeit in der Bundesrepublik ist die Zahl der Wehrdienst­verweigerer zunächst um 35 % gesunken, was auf einen hohen Prozentsatz von Wehrdienstverweigerern hinweist, die sich um des persönlichen Vorteils willen von dem Dienst in den Streitkräften befreien ließen. Aufschlußreich für das Verhalten der jungen Menschen in der Bundesrepublik sind Angaben aus den Jahresberichten der hauptamtlichen Jugendoffiziere der Bundeswehr. Darin heißt es u.a.: » Die Zusammenarbeit der Jugendoffiziere mit den Schulbehörden verläuft in aller Regel reibungslos. Ebenfalls ohne wesentliche Schwierigkeiten stellt sich die Zusammenarbeit mit Grund-, Haupt- und Realschulen sowie mit berufsbildenden Schulen dar. 

Häufiger als zuvor berichten aber Jugendoffiziere über erschwerte Bedingungen in der Zusammenarbeit mit Gymnasien; dies trifft besonders für die Sekundarstufe n zu. ... Der Dialog mit der Jugend war im Berichtszeitraum durch mehr Sachlichkeit und Toleranz als in den Vorjahren gekennzeichnet. Das Hauptproblem beim Dialog mit jungen Menschen über Fragen der Friedens- und Sicherheitspolitik sehen Jugendoffiziere nach wie vor in den weitaus zu geringen Grundlagenkenntnissen. Nur bei Wortführern der Diskussion ist nach ihrer Ansicht deutlich verbessertes Wissen um sicherheitspolitische Zusammenhänge feststellbar. Ein anderes Problem ist das der selektiven Wahrnehmung. Junge Menschen gehen oft mit vorgefaßten Meinungen an ein Problem in eine Diskussion. Argumente akzeptieren sie dann nur, wenn sie die eigene Meinung stützen; auf Gegenargumente gehen sie häufig gar nicht erst ein. 

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Schließlich wird der Jugendoffizier nicht selten als Repräsentant der staatlichen und politischen institutionellen Macht abgelehnt. So muß sich der Jugendoffizier häufig mit dem Vorwurf der Unglaubwürdigkeit an Politik und Politikern auseinandersetzen. <<28' Dies geht wahrscheinlich weitgehend auf die starke propagandistische Wirkung der die Emotionen ansprechenden Losungen der Friedensbewegung zurück.

Leider steht aber am Anfang dieser Losungen mit der Parole »Stell dir vor, es kommt Krieg und keiner geht hin« ein Falschzitat. Denn es ist der Beginn eines Gedichts von Bertolt Brecht, dessen Inhalt genau das Gegenteil von dem fordert, was die Anhänger dieser Parole damit verbinden. Es lautet:

Stell dir vor, es kommt Krieg und keiner geht hin — dann kommt der Krieg zu euch!
Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt und läßt andere kämpfen für seine Sache, der muß sich vorsehen;
Denn wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will :
denn es wird kämpfen für die Sache des Feindes,
wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat!

 

In sehr vielen Fällen ist, von den meisten offen eingestanden, Angst der Beweggrund für den Anschluß des Einzelnen an die Friedensbewegung. Angst aber, so lautet eine alte Volksweisheit, ist ein schlechter Ratgeber. Was ist nun diese Friedens­bewegung? Zweifellos ist sie der Ausdruck für die ungeheure Friedenssehnsucht, die die Menschen vor allem in der Bundesrepublik Deutschland erfaßt hat. In riesigen und zu einem großen Teil auch friedlich verlaufenden Demonstrationen wurde diesem Friedenswillen fast in allen Ländern des Westens mit Ausnahme Frankreichs Ausdruck gegeben. 

Im Osten dagegen halten sich diese Friedensbezeugungen, wie schon angedeutet, in Grenzen, es sei denn, sie unterstützten ausdrücklich die von den kommunistischen Regierungen ausgegebenen Parolen und jene Maßnahmen, die sich eindeutig nur gegen eine Aufrüstung im Westen richten, also der Regierungspolitik dienen. Menschen, die ihre eigenen Friedensvorstellungen öffentlich bekunden, wie etwa Anhänger der Bewegung »Pflugscharen statt Schwerter«, sind dagegen der politischen Verfolgung ausgesetzt.

Aber auch im Westen kann nicht von einer einheitlichen Friedensbewegung gesprochen werden. Dies zeigt schon die Tatsache, daß die großen Friedensdemonstrationen, bei denen sich mehrere hunderttausend Menschen versammelten, nur dann zustande kamen, wenn sie sich gegen die Aufstellung oder Einführung von Waffen richteten. Hatten die Ereignisse, wie bei der Dislozierung der Pershing-II in der Bundesrepublik, die Demonstrationen überholt, so kam es zu keinen weiteren großen Demonstrationen mehr, ja die Friedensbewegung drohte auseinander­zubrechen.

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Sicher deuten solche Großdemonstrationen auf eine existente und wirkungsvoll arbeitende Organisation hin, sonst wären solche gewaltigen Aufmärsche nicht möglich. Wer Erfahrung mit der Bewegung und Versorgung von Massen besitzt, weiß, daß dies ohne straffe Führung, ohne eine große Zahl von Hilfskräften und vor allem ohne große Geldmittel nicht möglich ist.

Nun soll auf keinen Fall gesagt werden, die Friedensbewegung wäre eine Schöpfung der Kommunisten oder unterstütze in der Bundesrepublik die politischen Absichten des Warschauer Paktes. Die Masse der Anhänger der Friedensbewegung würde eine solche Behauptung völlig zu Recht weit von sich weisen. Aber es ist auch nicht zu leugnen, daß der Ostblock die Friedens­bewegung im Westen dann für seine Zwecke benutzt, wenn sie Ziele verfolgt, die, wie die Dislozierung der Mittel­streckenraketen, ihm nützlich sein können. 

Ein Fehler der Friedensbewegung liegt in der mangelnden Erkenntnis, daß nicht Waffen die Ursache von Kriegen sind, sondern stets nur der menschliche Egoismus. Ihn gälte es zu bekämpfen, und zwar in Ost und West. Dann wäre die Friedensbewegung glaubwürdiger. Was im übrigen der Warschauer Pakt von Friedensbewegungen und vom Pazifismus ganz allgemein hält, definiert das im großen und ganzen aus dem Russischen übersetzte »Deutsche Militär-Lexikon der ddr« wie folgt:

Pazifismus:  Bürgerlich-liberale Strömung, deren Vertreter gegen jeglichen Krieg auftreten. Der P. will den Krieg durch Passivität gegenüber den Kriegskräften verhindern. Das ist machtlose Friedensschwärmerei. Von den Imperialisten wird der P. zur Verdummung der Massen benutzt, um die Vorbereitung imperialistischer Raub- und Eroberungskriege zu verschleiern und die Massen vom aktiven Kampf gegen diese Kriege abzulenken. 

Die Kommunisten waren niemals Pazifisten, sondern legten stets die klassenmäßigen Ursachen der Kriege bloß. Die kommunistischen und Arbeiter-Parteien kämpfen gegen ungerechte Kriege und unterstützen mit allen Kräften gerechte Kriege.

Die organisierte Weltfriedensbewegung, die sich nach dem zweiten Weltkrieg herausgebildet hat, unterscheidet sich vom P. durch ihren aktiven, offensiven Kampf gegen die Kriegsgefahr. Die besten Kräfte der Pazifisten unterstützen die Weltfriedensbewegung.

Imperialistische Agenten versuchen, den P. in die sozialistischen Länder bewußt hineinzutragen und zu fördern, um dadurch die Verteidigungsmacht der sozialistischen Länder zu schwächen. Deshalb wird der P. in den sozialistischen Ländern konsequent bekämpft.

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Schon in der Einleitung wurde Franz Alt mit seinem Buch genannt. Es ist das edelste und moralisch hochstehendste Werk aus der Gesinnung der Masse der Friedens­bewegungs­anhänger. Und doch kann die Haltung, die sich in den Forderungen Franz Alts ausdrückt, nicht unwidersprochen hingenommen werden. Er verlangt unter Berufung auf die Bergpredigt Gewaltlosigkeit und einseitige Abrüstung, will aber andererseits den Friedhofsfrieden der Unterdrückung in totalitären und autoritären Staaten nicht hinnehmen. Damit bestätigt er selbst, daß Politik einerseits der Wahrung des Friedens, andererseits aber auch dem Schutz der Freiheit verpflichtet ist. 

Franz Alt beruft sich auf die Bergpredigt und verlangt einen radikalen Wandel der politischen Institutionen, ohne anzudeuten, worin der bestehen oder wie er aussehen könnte. Er behauptet, die Menschheit plane den Selbstmord aus Angst vor dem Frieden, ohne zu erklären, warum dies gerade aus diesem Grund geschehen soll. Ganz falsch wird es, wenn er von einer Alternative »Glaube an Gott oder Glaube an die Bombe« spricht. Hier werden zwei Ebenen verwechselt und sträflicherweise gleichgesetzt.

Andererseits wendet er sich entschieden gegen diejenigen in der Friedensbewegung, die den Bonner Politikern Kriegswillen unterstellen, und behauptet, sie wüßten nicht, was sie sagten, und schadeten dem Frieden. Zwei Schritte auf dem Weg zum Frieden könne er sich vorstellen: den Verzicht auf die Nachrüstung, allerdings mit Einschränkung, weil er nicht weiß, ob die sowjetische These vom bestehenden ungefähren Gleichgewicht richtig ist. Er stellt sich nur vor, ein westlicher Verzicht führe näher zum Ziel der Abrüstung. Sicher ist er aber nicht.

Der zweite Schritt läge in der Verpflichtung des Westens, keine Waffen in Gebiete außerhalb der NATO zu liefern. Nach den anfänglich hohen Ansprüchen klingt dies mehr als bescheiden. Nach der richtigen Forderung zur Wandlung der Menschheit im Sinne der Bergpredigt, die aber nur nach langer Zeit vollzogen und lediglich dort verwirklicht werden kann, wo die Bergpredigt verkündet wird, folgt eine Betonung der Wichtigkeit von Verhandlungen. Das aber tun die Regierungen, z.T. freiwillig, z.T. aber auch gezwungenermaßen. Im Westen liegt der Grund in der öffentlichen Meinung, zu deren Ausdruck auch die Demonstrationen der Friedensbewegung gehören, sowie im Friedenswillen der Regierenden, der nicht angezweifelt werden kann, und im Osten darf man ruhig unterstellen, daß auch dort der Friedenswille vorherrscht, wenn auch die öffentliche Meinung keine Rolle spielt; daneben zwingen äußere Gründe wie technologischer Rückstand oder die Versorgung der Bevölkerung mit den notwendigsten Gütern die Regierenden ebenfalls an den Verhandlungstisch.290

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Grober Oberflächlichkeit macht sich Alt schuldig, wenn er zum Beweis seiner Thesen die Geschichte heranzieht. Dabei vertritt er immer wieder die Ansicht, daß eine Anhäufung von Waffen notwendigerweise zum Krieg führen muß. Wir glauben, im Verlauf unseres Ganges durch die Geschichte das Gegenteil bewiesen zuhaben. Als Beispiel sei angeführt: Die Behauptung, von deutschem Boden seien in diesem Jahrhundert zweimal Kriege ausgebrochen, womit aller historischen Erkenntnis zum Trotz auch die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg Deutschland angelastet wird, oder die Aussage, Rüstung führe zwangsläufig zum Krieg. 

Was etwa mit dem Beispiel Karthagos im letzten Punischen Krieg, mit der Wegnahme Straßburgs und einiger anderer elsässischer Städte und Landstriche im 17. Jahrhundert, dem Einmarsch der Russen in Afghanistan usw., bei denen der Überfallene entweder abgerüstet hatte oder ungenügend gerüstet war, leicht widerlegt werden kann. Nicht die Waffen lösen Kriege aus, sondern Menschen. Lösten tatsächlich allein die Waffen Kriege aus, so müßte z.B. die bis an die Zähne bewaffnete Schweiz ständig Krieg führen. Andererseits haben wir immer wieder gezeigt, daß sich wehrlose Völker als Nachbarn hochgerüsteter im Lauf der Geschichte niemals haben halten können. 

Es wurde auch schon gesagt, daß mit dem Abschaffen von Atomwaffen oder anderen Massen­vernichtungs­mitteln nichts getan ist, denn ihre Herstellung ist bekannt und sie können jederzeit wieder neugeschaffen werden. Wichtig ist nur der unbedingte Wille zum Frieden, der aber durch Selbstaufgabe keineswegs gefördert, sondern nur geschwächt werden kann. Schon in der Einleitung haben wir darauf hingewiesen, daß die Vertreter der beiden großen Kirchen, vor allem die katholische Bischofskonferenz in einem Hirtenbrief, betont haben, daß die Bergpredigt kein Rezept für praktische Politik ist. Unmißverständlich erklären sie und befinden sich damit in Übereinstimmung mit allen westlichen Regierungen und der Bevölkerung, der Krieg sei heute weniger denn je ein Mittel, politische Ziele zu erreichen, er dürfe niemals sein. 

In dem Hirtenbrief »Gerechtigkeit schafft Frieden« nennen sie die Abschreckung eine »Not-Ordnung« in einer Übergangsphase. Als solche wird sie auch hingenommen. »Die deutschen Bischöfe binden die sittliche Erlaubtheit der Abschreckung an mehrere Kriterien: Bestehende oder geplante militärische Mittel dürfen den Krieg weder führbarer noch wahrscheinlicher machen, es dürfen nur so viele militärische Mittel bereitgestellt werden, wie für das Funktionieren der Abschreckung <gerade noch erforderlich sind>, und der Eindruck von Überlegenheitsbestrebungen muß vermieden werden.

Zu den <Mitteln> heißt es: <Allerdings darf man dann nicht einzelne Waffen oder Systeme isoliert vom Gesamtzusammenhang der Strategie betrachten, auf die sie bezogen sind. Wenn die Abschreckung den Waffen ein politisches Ziel, einen Rahmen der Kriegsverhütung setzen soll, dann müssen sie unter diesem Blickwinkel beurteilt werden.>

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Entschieden wird zum Abschied vom Wettrüsten aufgefordert... 

Als Voraussetzungen für die Sicherung des Friedens nennen die Bischöfe die Verwirklichung von Gerechtigkeit, Freiheit und die wirtschaftliche Stärkung der Entwicklungsländer. Durchsetzen der Menschenrechte ist für den deutschen Episkopat aktive Friedenspolitik. Rasche Erfolge sind nach seiner Meinung nicht zu erzielen. Deshalb wird empfohlen: >Laßt euch nicht täuschen von falschen Friedensparolen, die Frieden vorgeben, aber zugleich Haß, Feindschaft und Gewalttat propagieren<.«291)

Mitunter wird auch die Auflösung der Militärblöcke in Ost und West gefordert. 

Diejenigen, die dies guten Willens erstreben, wissen meist gar nicht, daß sie damit im wesentlichen nur den Westen träfen. Die Westeuropäische Union kann sich in ihrem augenblicklichen Zustand des Friedens ohne den amerikanischen Atomschirm nicht vor Pressionen der östlichen Supermacht schützen, und die Staaten Europas allein können dies schon gar nicht. Im Osten dagegen würde eine Auflösung des Warschauer Paktes nur eine kosmetische Veränderung der Verhältnisse herbeiführen, denn alle Staaten dieses Bündnisses haben sich vorsorglich durch zwei- oder mehrseitige Verträge so gebunden, daß die Organisation des Warschauer Paktes nur nach außen hin ein anderes Gesicht erhielte, nach innen hin aber bestehen bliebe.

Eng verbunden mit diesem Gedanken ist die Vorstellung einer deutschen Neutralität. 

Was mit militärisch schwachen Staaten im Verlauf der Geschichte geschehen ist, wenn sie geographisch zwischen hoch gerüsteten Großmächten lagen, wurde bei unserem Gang durch die Geschichte zur Genüge gezeigt. Neutralität wäre der sicherste Weg zum Untergang. Darüber hinaus würde das von Deutschen besiedelte Gebiet genauso zum Kriegsschauplatz wie bei einem möglichen Krieg, in dem die deutschen Staaten in Bündnissysteme eingebunden sind. Außerdem müßten sich die jungen Männer unseres Volkes vielleicht für Dinge schlagen, für die sie gar nicht zu kämpfen bereit sind. Eine Mittlerrolle Deutschlands zwischen Ost und West, wie sie vielleicht noch in der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg möglich gewesen wäre, ist heute politisch undenkbar. Anders dagegen verhält es sich mit der geistigen Mittlerrolle, für die gerade durch die unglückselige Teilung Deutschlands doch eine reelle Chance gegeben ist, falls sich die Menschen in den deutschen Staaten auf ihr eigentliches Wesen, das goetheanisch verstandene Deutschtum, besinnen und so auf ihre Partner in Ost und West einwirken. Darüber hinaus bleibt politisch nur das Bekenntnis zu einer Politik des ständigen Dialogs. Dabei könnte Europa die Rolle des ständigen Mittlers übernehmen.

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Überblickt man die heutige Lage der Menschheit, so wird sie im wesentlichen, soweit es Krieg und Frieden anbelangt, von der Existenz der Nuklear­waffen und anderer Massenvernichtungsmittel bestimmt. Zum ersten Mal in der Geschichte besteht die Möglichkeit, daß die Menschheit sich durch diese Waffen selbst vernichtet. Diesen Willen einem heute lebenden Politiker zu unterstellen, ist absurd. Aber die Geschichte wird nicht nur von Menschen gelenkt, sondern geistige Mächte geben ihr immer wieder neue Impulse.

Einer der im Augenblick mächtigsten Impulse kommt von jenen satanischen Mächten, die die Materie beherrschen. Aber gerade diese Mächte befinden sich in einem Selbstkonflikt, denn es nützt ihnen nichts, wenn sie diejenigen, die sie für sich gewinnen wollen, sich gegenseitig vernichten lassen. Die Menschen können sich gegen sie schützen, wenn sie sie mit allen geistigen Kräften unter Verzicht auf Egoismus und mit Hinwendung zur Agape, zur Nächstenliebe, bekämpfen. 

Der andere Angriff auf die Menschheit kommt von den diabolischen Mächten, die sie für falsche Ideale wie den egoistischen Nationalismus, eine bestimmte Klasse oder eine bestimmte Rasse zu gewinnen suchen. Auch die Forderung nach bedingungsloser Selbstaufgabe gehört hierher. Für den satanischen wie den diabolischen Angriff aber gilt das Wort: »There is no way to bargain with evil. You have to fight it, even to death.« Auch Christus hat die Wechsler im Tempel in heiligem Zorn mit Gewalt aus dem Tempel verjagt.

Selbstaufgabe kann auch einer idealistischen Selbsterlösungstheorie entstammen, wie sie in manchen Jugendsekten vertreten wird. Auch Selbsterlösung, auf welchem Weg auch immer sie erlangt werden soll, ist, wenn sie egoistisch ausgerichtet ist, nichts anderes als ein Mangel an Nächstenliebe.

Peter Scholl-Latour gibt dafür in seinem Buch <Der Tod im Reisfeld> ein sehr gutes Beispiel, wenn er ein Gespräch mit zwei französischen Freunden zitiert. 

»Ob der Buddhismus nicht einen letzten Ausweg böte [aus dem Krieg in Südostasien], fragte ich. Aber da wehrten sie beide ab. - <Woran ist denn das große Reich von Angkor zugrunde gegangen? Wie kam es, daß die kriegerische und staatsbildende Kraft der Khmer im Mittelalter erlahmte? Das war doch eine Folge der buddhistischen Entsagungs­philosophie und Weltabgewandtheit
Die Lehre Gautamas ist eine Religion der egozentrischen Selbsterlösung, ohne Verantwortungsgefühl gegenüber dem Nächsten. Einige Jahrhunderte Buddhismus, und jedes Imperium ist reif für den Zerfall. Vielleicht werden die Siamesen in absehbarer Zeit eine ähnliche Erfahrung machen. 
In Zeiten des Friedens mag es angehen, seine Sutren zu murmeln, Weihrauch zu brennen, die Bonzen zu füttern und im Nirvana die ewige Befreiung von den Schrecken der Wiedergeburt zu suchen. Aber wenn harte, feindliche, ganz auf die Auslöschung des Individuums zugunsten der kollektivistischen Gemeinschaft angelegte Kräfte zum Sturm ansetzen, dann gibt sich der Buddhismus als das zu erkennen, was er ist: <Opium für das Volk> in einem anderen Sinne vielleicht, als Lenin das verstand.>«
292) 

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Eine andere Art der Selbstaufgabe, der ein großer Teil der heutigen Jugend zu verfallen droht, war Anlaß einer Warnung des französischen Oberbefehls­habers während des Frankreich-Feldzugs 1940, Generals Gamelin, der am 18. Mai, eine Woche nach Feldzugsbeginn, sagte: 

»Schließlich und vor allem ist der deutsche Erfolg das Ergebnis körperlicher Ausbildung und einer moralischen Hochstimmung der Volksmassen. Der französische Soldat, der Staatsbürger (citoyen) von gestern glaubte nicht, daß es Krieg geben könne. Sein Interesse ging oft nicht über seine Werkstatt, sein Büro oder seinen Acker hinaus. Geneigt, unaufhörlich jeden zu kritisieren, der über etwas Autorität verfügt, und angereizt, unter dem Vorwand der Zivilisation von einem Tag zum anderen ein leichtes Leben zu genießen, hatte der Wehrpflichtige zwischen den beiden Kriegen nicht die moralische und die vaterländische Erziehung (l'edtication morale et patriotique) erhalten, die ihn auf das Drama vorbereitet hätte, in dem es um das Schicksal des Landes gehen würde.«291

Auch diese Art des Egoismus muß überwunden werden, wenn man heute der Verwirklichung des Friedens zum Segen der Menschheit näherkommen will.

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Wir haben auf unserem Gang durch die Geschichte den Krieg als Phänomen verfolgt und beobachtet, wie er, dem Bereich des Religiösen entstammend, vom Gottesurteil zum Rechtsstreit wurde und im Zeitalter der ideologischen Kriege ganz in die Hände der Widersachermächte Christi geriet. Die drohende Selbstvernichtung der Menschheit durch die Massenvernichtungsmittel verbietet es, den Krieg noch als politisches Mittel zum Austragen eines Rechtsstreits zu benutzen. Sollte es noch einmal zu einem Krieg kommen, so hätten die Politiker versagt. Der Krieg darf kein gängiges Mittel mehr zur Durchsetzung der eigenen Politik sein. Er dient lediglich noch als letztes und verzweifeltes Mittel der Selbsterhaltung. 

Die Selbstaufgabe im Sinne der absoluten Gewaltlosigkeit, selbst gegenüber dem Räuber und Mörder im Zivilleben, hat eine Entscheidung zur Voraussetzung, die nur der Einzelne zu treffen vermag. Er muß sich aber bewußt sein, daß selbst dabei mangelnde Nächstenliebe, sogar gegenüber seinen eigenen Verwandten und seinem eigenen Volk, sowie Egoismus vorherrschend sein können. Ein Rezept zur Erhaltung des Friedens in unserer Zeit, das in politischen Maßnahmen bestünde, gibt es wohl außer demjenigen nicht, das bereits angewendet wird: Es besteht aus wirksamem und festem Verteidigungswillen und ständigen ehrlichen und offenen Verhandlungen, in denen dem Verhandlungspartner stets die Friedenshand dargeboten wird.

Wirklich zu überwinden aber ist der Krieg nur durch das Ablegen des Egoismus der einzelnen Völker, Staaten, Blöcke und Klassen und auf dem christlichen Weg der Agape, der Menschenliebe, die auch den vermeintlichen Feinden gilt.

Ausgangspunkt ist jeder Einzelne von uns. Der Weg aber ist lang und schmal. Doch er ist deutlich vorgezeichnet durch die Entwicklung der Menschheit, mit der diejenige des Phänomens Krieg parallel verlief.

Unter göttlicher Führung und Leitung betrat der Mensch die Erde und machte dort seine ersten Schritte. Götter lenkten auch seine ersten kriegerischen Auseinandersetzungen, ließen ihn dabei für das Gute und gegen das Böse kämpfen; dann erlebte er sich als Glied der Polis in der Phalanx, als Glied der Zenturie, die mit der römischen Familie gleichgesetzt war, und schließlich als ritterlicher Einzelkämpfer, der aber noch in der göttlichen Ordnung des Mittelalters geborgen war. Ganz im Besitz seines Ich-Bewußtseins konnte er sich als Einzelpersönlichkeit fühlen, wenn er als Söldner die Artikelbriefe seines Werbeherrn oder Kriegsherrn unterschrieb. Im Sinne des Rationalismus war er als Einzelner Rädchen einer Maschine, die in der Lineartaktik den Krieg beherrschte. Das Feuer des Nationalismus ließ ihn sich einerseits für sein Volk opfern, setzte ihn andererseits aber in den Materialschlachten der beiden Weltkriege unbarmherzig der Materie aus. 

Die west- und mitteleuropäischen Staaten sind in ihrer prekären geostrategischen Lage den Widersacher­mächten besonders ausgesetzt: vom kapitalistischen Westen her durch die materialistische Verführung mit Luxus und Wohlleben, die sich als schleichende Gifte für die Seelen erweisen und den Egoismus Einzelner anstacheln, während im heute noch materialistischen Osten die Verführung durch intellektuelle Unterdrückung und die Erstarrung in einem einseitigen Menschenbild, in dem der Einzelne nur Teil der Masse und Produkt des Milieus ist, lauert. Europa kann, wenn es sich auf seine uralten, echten Kulturgüter besinnt, vereint und seiner eigenen Kraft bewußt diese Gefahren abwehren und zugleich als Mittler wirken. 

Der Einzelne aber steht heute im völligen Ich-Bewußtsein vor der Frage, ob er sich in Freiheit für die Selbsterhaltung oder die Selbstaufgabe entscheiden will. Frei von jedem Egoismus sollte er sich für die Nächstenliebe entscheiden, die ohne Selbst­erhaltung nicht möglich ist. Sie kann die Menschen vor der Selbstvernichtung durch die satanischen und diabolischen Mächte schützen.

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