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1  Maîtres et possesseurs  

(Von Gregory Fuller, 1993)

 Maîtres et possesseurs:
Herren und Besitzer
  wikipedia Naturbeherrschung

23-73

Es ist zu spät. 

Die Verheißung der Technik ist, wie Hans Jonas betont, in Bedrohung umgeschlagen. Dieser Umstand allein genügt jedoch nicht, den Kassandra­ruf zu rechtfertigen. Die Existenz lediglich einer Bedrohung gestattet Hoffnung, gestattet ein Entkommen. Demgegenüber kündigt sich ein furioses Finale von apokalyptischen Ausmaßen an, ja, die Apokalypse selbst. 

Radikaler Klima­wandel, Ozonloch, Desertifikation und weltweite Entwaldung, Oberflächengewässer- und Grund­wasser­verseuchung, schleichende Nahrungs­mittelvergiftung und Erbschädigung, Folgen der Kernspaltung und Gen­manipulation nähern sich stetig einer Grenz­markierung, auf der steht: Tod der Mitwelt, Unbewohnbarkeit unseres blauen Planeten. 

Es braucht nicht einmal den befürchteten synergetischen Effekt aller vernichteten Natursysteme, allein das biologische Umschlagen der Weltmeere würde schon genügen, damit man sagt (falls noch die Zeit bleibt): 
Es ist zu spät. 

Nichts anderes betreiben wir nämlich als die systematische Zerstörung der Bio- und Atmosphäre, nichts anderes als die Verwandlung der Welt in Wüste.

Das Tempo dabei ist atemberaubend. Tausend Mal schneller als die natürliche Auslese der Evolution wird die Artenvielfalt heute liquidiert. Hundert Mal schneller als jemals zuvor ändert sich das Weltklima. Am Ende der Beschleunigung steht jedoch nicht die Entdeckung der Langsamkeit, sondern das Umschlagen aller Ökosysteme; nichts anderes als unser aller Tod. 

Warum ist es zu spät? 

Montaigne schrieb, vierzig Jahre bevor Descartes sich anschickte, Mensch und Natur mathematisch zu erobern: 

»Die Anmaßung ist unsere natürliche und angeborene Krankheit. Aus dem Hochmut, eben dieser Einbildung, macht der Mensch sich Gott gleich, legt sich göttliche Eigen­schaften zu, sondert sich selbst ab und trennt sich vom Haufen der anderen Geschöpfe, teilt den Tieren, seinen Brüdern und Genossen, ihr Stück zu und mißt ihnen soviel Vermögen und Kräfte bei, wie ihn gut dünkt.«

An diesem Zitat wird Montaignes Modernität und seine bemerkenswerte Einsicht in die menschlichen Schwächen deutlich. 

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Ich zweifle jedoch, ob man für eine Gesamterklärung des zeitgenössischen Zerstörungs­phänomens auf den kritischen Bürger Montaigne zurückgreifen sollte. Einer anthropologisch-psychologischen Erklärung mag man zustimmen, allein, sie befriedigt nicht.  

Wie kommt es denn, daß wir Homines sapientes uns mit Hilfe der kartesischen Absolution in wahre <maîtres et possesseurs de la nature>, in gnadenlose Herren und Besitzer der Natur verwandelt haben? 

Ich halte es für müßig, die Lorenz'sche Aggressionsdebatte wieder aufzu­nehmen. Und wäre der Mensch ein Scheusal, es erklärte nicht, ob und wieso unsere Spezies den kollektiven Exitus selbst betreibt. 

Auch die etwa von Koestler und Löbsack vertretene Theorie, derzufolge das im Pleistozän explosions­artig entstandene Großhirn die Schuld trage, kann nicht befriedigen. Die disparate Verbindung zwischen Großhirn und Stammhirn soll nicht geleugnet werden. In Wirklich­keit hat das Großhirn die Kontrolle über die Entwicklung der Spezies längst verloren. Doch die Großhirntheorie fällt in sich zusammen, da sie nicht zu erklären vermag, warum jahrzehn­tausendelang, bis zum Neolithikum, die Mensch­heits­entwicklung im Einklang mit der Natur verlief. 

detopia:   Koestler   Löbsack   Lorenz    Montaigne    

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Erst in den neolithischen Stadtgesell­schaften beginnt die destruktive Geschichte der Mensch­heit. 

Im Paläolithikum lebte der Mensch in Harmonie mit der Natur. Anklänge an das verlorene Paradies, an Rousseaus stets spielende Karaiben, an Cythère möge man beiseite schieben. Über die Sozialformen der Paläolithiker ist nichts bekannt. 

Nüchtern betrachtet, ging der Mensch in der protoneolithischen Zeit (9000-7000 v.u.Z.) von der aneignenden Wirt­schafts­weise der Jäger und Sammler zu einer neuen Wirt­schafts­form über, in der Nahrungs­mittel nicht mehr erbeutet, sondern produziert wurden. 

Die dreistufige Entwicklung vom Jäger zum Hirten zum Ackerbauern zog sich über Jahrtausende hin und interessiert hier nur im Hinblick darauf, daß sich mit der von Gordon Childe so genannten neolithischen Revolution das Verhältnis vom Menschen zur Natur und vom Mensch zum Menschen radikal verwandelte.

Einst gab die Natur, und der Mensch nahm. Im Neolithikum macht sich der Mensch unabhängig von den Geschenken der Natur. Nun bestimmte er, was er wollte. Nun genügten die einfachen Gaben der Natur nicht mehr. Nun mußte die Natur mehr hergeben, als sie zu verschenken bereit war. 

* (d-2013:)  G. Fuller versuchte selber eine Rekonstruktion der "Sozialformen der Paläolithiker" vor ca. 10.000 Jahren in Europa
Roman Mammut von Gregory Fuller 

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In den späten neolithischen Stadt- und Staatgesellschaften entstand ein ständiges Mehrprodukt. Menschen entdeckten, daß andere Menschen als Mittel zum Zweck wirt­schaft­licher Mehrung zu gebrauchen waren. Mensch und Natur bewiesen mit dem großen wirtschaft­lichen Erfolg der patriarchalischen Gesellschaften zumindest das eine: Sie ließen sich gut ausbeuten. 

Alles ließ sich gut ausbeuten: Männer, Frauen (insbesondere), Sklaven, Kriegs­gefangene, Flüsse, Seen, Felder, Wälder. Buchstäblich auf das Konto der vielgeliebten, hochstilisierten Antike geht unter anderem die verheerende Entwaldung des gesamten Mittelmeerraums.

Bei den Griechen wird die Welt zum Logos: moralisch neutralisiert, entgöttert, nackt, nur sich selbst bedeutend. Die Außenwelt wird, wie Gehlen schreibt, freigelegt für das rationale Erkennen­wollen. Der einst symbol­trächtigen, bedeutungs­schweren Mitwelt der mirakulösen Flüsse und bedrohlichen Bäume wird versagt, was ihr einst zukam: die Ehrfurcht. Die Erinnerung an eine Mitwelt, in die sich der Mensch eingebettet fühlt als Teil eines natürlichen Ganzen, verblaßt. 

Trotz brutaler Kriege, trotz Seuchen, trotz Pestilenz: die Bevölkerungszahl wuchs stetig. 

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Energie­technische, agrartechnische und verkehrstechnische Erfindungen ermöglichten dem fleißigen Menschen eine immer effizientere Unterwerfung der Natur. Das 12. und 13. Jahr­hundert schufen Wasser- und Windmühlen, Räderpflug und Kummet­geschirr, Feuerwaffen, Heckruder und Kompaß. Die Abholzung der europäischen Urwälder machte langsam, aber unaufhaltsam Fortschritte. Es geschah, planlos und ungewollt; die Dinge entwickelten sich eben so. Das biblische Gebot an den Menschen, sich die Erde Untertan zu machen, bedurfte keiner Rechtfertigung. Erst mit Descartes und Bacon erhielt die Unterwerfung der Natur ein Programm. 

Descartes' Selbstkonstitution des Menschen als res cogitans bedeutet, daß sich der Mensch von seiner Leiblichkeit trennt. Res extensa wird von der res cogitans geschieden. In der sechsten Meditation heißt es, der Mensch sei als denkendes Wesen von seinem Körper verschieden. Die Selbstentfremdung, die sich darin ausdrückt, ist offenbar. Sie hat jedoch auch Vorteile. Denn nun liegt das Nichtdenkende nackt da, darf benutzt und nach Belieben verbraucht werden. 

Mit Descartes entstand die Subjektivitätsphilosophie, mit der die neuzeitliche Anthropozentrik anhebt. So äußerte sich Descartes kritisch etwa zu Montaignes Vorstellungen über Tiere.

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In einem Brief vom 23. November 1646 heißt es, er, Descartes, glaube nicht an die Denkfähigkeit der Tiere, »weil ich an der behaupteten absoluten Herrschaft der Menschen über alle anderen Tiere festhalte«

Descartes' deduktive Subjektivitätsphilosophie wird durch die Induktion des Zeitgenossen Francis Bacon ergänzt. Noch klarer ausgedrückt als bei Descartes ist das Programm dieses »philosophischen Wegweisers der Industrie­gesellschaft«, wie ihn Meyer-Abich nennt. Kunst und Wissen­schaft dienen nur dazu, die Körperwelt zu unterwerfen. Die Wissen­schaft soll den Menschen wieder in die Souveränität und in die Macht einsetzen, die er zu Anfang der Schöpfung besaß. 

Der Mensch allein, der zunächst nur theoretisch konstituierte Mensch, bestimmte zunehmend die Zwecke aller Dinge — und seine eigenen. Die Selbst­behauptung wächst umgekehrt proportional zu dem etwa von Blumenberg untersuchten Telos­schwund* der Neuzeit. Galilei schuf mit der klassischen Mechanik das Vorbild der modernen Naturwissenschaft. Die in ihren Gesetzen scheinbar verständliche Materie verkam zum Experimentier­objekt. 

*detopia-2006: Telos: Ende, Ziel, Zweck <griech>

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Je klarer, verständlicher, gesetzmäßiger, desto leichter vor den Karren der Herrschaft zu spannen. Die galileische Revolution hatte zum Ziel, die Erscheinungen auf ihre meßbaren Antriebe zurückzuführen.

Goldene Zeiten kündigten sich an. Während Newton, Descartes und Leibniz noch auf Gott zurück­greifen mußten, um die gut und immer besser funktionierende Welt zu erklären, schuf die metaphysikfeindliche Aufklärung einen neuen Gott. Sie trennte den Verstand von der Vernunft und erhob letztere zur ideologischen Rechtfertigung unserer Spezies. Der Vernunftglaube schenkte Lebenssinn, den Sinn auch, an den Fortschritt zu glauben. 

Nichts ist natürlicher für ein metaphysisches Wesen, das der Mensch auch ist, als sich mit der Vernunftgabe zu beschenken und sich auf diese Weise über alle Wesen und Dinge zu erheben. Und so sei die Vernunftfiktion nicht abgewertet; sie ist unabdingbar. 

Aber eine Vernunft hat es nie gegeben. Es gab und gibt nur den Verstand: nackt, dynamisch, gierig, voll von appetitus imperatoris und bestrebt, sich die Rechtfertigung seiner selbst und seines Handelns zu schenken. Großzügig, wie der Verstand in nomine veritatis sui schon immer mit sich umgegangen war. Die Vernunft ist die große geile Hure des Verstandes im Gewand der reinen Jungfrau. 

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Der wirtschaftliche Erfolg gab der Ratio recht. Rationales und immer systematischeres Handeln ersetzte allmählich, wie Horkheimer betont, die natürliche Selektion. Die rationalisierte Produktion erreichte, scheinbar, in der Industriellen Revolution ihren Höhepunkt. Ratio­nalisierung und Planung schufen bis dahin ungeahnte Produktions­möglich­keiten, nicht nur in den Fabriken Europas und Amerikas, sondern auch in Form der großen Flurbereinigung des 19. Jahrhunderts.

Die Naturbeherrschung geht Hand in Hand mit der Naturentfremdung. Gehlen zufolge drückt sich Realität heute als Fakten­außenwelt aus, von der wir unsere subjektiven Vorstellungen mühelos getrennt halten. Die von uns abgeschirmte natürliche Mitwelt nehmen wir kaum noch wahr. Eine entsinnlichte, scheinbar gut funktionierende Welt umgibt uns. Ohne uns dessen bewußt zu sein, hassen wir Spätkultur-Menschen, scheint mir, die Natur aus tiefster Seele, und wir glauben aufrichtig, daß wir sie lieben. Seinen Sklaven liebt man jedoch nicht. Man herrscht über ihn und fürchtet sein Aufbegehren. Seien wir ehrlich: Unsere Herrschaft ist nicht einmal wohlwollend. Herr und Knecht — ein Verhältnis auf Leben und Tod.

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Friedrich von Hayek schrieb, unsere Zivilisation sei uns einfach passiert. Trifft dies zu, dann wäre es sinnlos, die Natur­wissenschaft zu verteufeln. Weder Descartes noch Bacon sind Bösewichter. Sie stellen wichtige Etappen in einer chaotischen, ungeplanten Entwicklung dar, die unglaublich dynamisch ist. Die Entdeckungen des 12. und 13. Jahrhunderts machten Europas Herrschaft über den Rest der Welt möglich, insbesondere das Schießpulver, der Kompaß und das Heckruder. Mit Galilei begann die eigentliche Quantifizierbarkeit der Welt, unterstützt durch Bacon'sche und kartesische Rechtfertigungs­programme. Und nun befinden wir uns in der Überlebenskrise. 

Ein amerikanischer Sozialforscher setzt das Ende der Welt auf den 13. Juni des Jahres 2116 an. Schreitet der Bevölkerungs­zuwachs wie bisher voran, wird es an jenem denkwürdigen 13. Juni nur noch Stehplätze geben. Auch wenn man diese Vorhersage wohlwollend als weit übertrieben annimmt, denn sicherlich werden bis dahin Gegenfaktoren wirksam werden, bleibt die Tendenz der Aussage richtig. 

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Sagen wir, die Geschichte des Homo sapiens habe vor 100.000 Jahren eingesetzt. In 98 Prozent dieser Zeit oder in 98.000 Jahren wuchs die menschliche Erdbevölkerung lediglich auf 250 Millionen an. Als Christus lebte, gab es nur 250 Millionen Menschen. Um 1500 fand die erste Verdoppelung statt. Die nächste Verdoppelung benötigte nur 300 Jahre; kurz vor Napoleons Kaiserkrönung gab es 1 Milliarde Menschen. Heute ist, wie Hoimar von Ditfurth alarmiert feststellt, die Zeitspanne der Bevölkerungs­verdoppelung auf ungefähr 35 Jahre geschrumpft; eine abnehmende Zahl.

Bis zum Jahr 2025 könnte es zur erneuten Verdoppelung auf 10,6 Milliarden Menschen kommen. 90 Prozent des zukünftigen Bevölkerungswachstums wird auf die ärmeren Länder entfallen. Bis zum Jahre 2040 müßte die landwirt­schaftliche Produktion auf das Doppelte gesteigert werden, damit dieser Zuwachs verkraftet werden kann. Das wiederum ist unmöglich, denn wir haben das Maximum der landwirt­schaftlichen Intensivierung bereits überschritten. Hungerkatastrophen unvorstellbaren Ausmaßes kündigen sich an. 

*detopia-2013: 10 Millarden war die oberste Hochrechnung, wobei es keine 'Weltvolkszählung' gibt, sondern diese Zahlen sind eher Rechenergebnisse.- 1987 war die 5. Mrd. erreicht. Die 3 Mrd. seit 1960 gingen auch 'immer schneller', nämlich 14 Jahre, 13 und 12 Jahre. (1960, 1974, 1987). Jedenfalls wurde die 7. Mrd. 'erst' 2011 erreicht, so dass 2025 von 8 Mrd. auszugehen ist. Diese Zahl ist furchtbar genug. -- Und ich meine, wir sollten bedenken, dass die reine Zahl (der Münder) nur die eine Seite ist. Die andere kommt dann zum Vorschein, wenn die letzten drei Miiliarden in 'ihren besten Jahren' ist und Teilhabe fordert und erkämpft. Das scheint nunmehr zu beginnen.

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In letzter Instanz mag das ungebremste Wachstum der Erdbevölkerung sich bedrohlicher auswirken als jede andere Einzel­bedrohung, denn die Bevölkerungs­zahl hängt eng mit anderen Problemen zusammen: anwachsender Müllberg, Zersiedelung der Landschaft, Verstädterung, Verbrauch des Bodens und des Wassers, steigender Energie­verbrauch, rapide Zunahme von CO2  (Kohlendioxid) in der Atmosphäre durch Verbrennung fossiler und nicht­fossiler Stoffe, Entwaldung der Welt.

Die Wälder, insbesondere die tropischen Regenwälder, bilden ein Kohlenstoffreservoir in der Luft und im Strahlungssystem der Erde. Die tropischen Regen­wälder bedecken nur sieben Prozent der Landfläche, enthalten aber rund die Hälfte der organischen Stoffe (Biomasse) aller Kontinente. Als Klimapuffer, als Regenproduzenten, als Bewahrer vor weiterer Bodenerosion sind die Wälder unersetzlich. Über 40 Prozent der Regenwälder, die die Erde 1950 noch bedeckten, sind inzwischen verschwunden. In jeder Sekunde wird ein fußballplatzgroßes Waldstück gerodet, jährlich eine Fläche von über 200.000 km2.

In vergleichbarem Maß verschwinden die heimischen europäischen Wälder durch eine Kombination zahlloser nicht-natürlicher oder in dieser Konzentration nicht mehr natürlicher Luft­bestandteile: Schwefel­dioxid, Stickoxide, Ozon, Photooxidantien von Schwermetallen (Blei), von Autoabgasen produzierte Kohlen­wasserstoffe, Terpene*, Benzole, Methan, Äthylene, chlorierte Kohlen­wasserstoffe. 

*detopia-2005: spezielle Kohlenwasserstoffe in ätherischen Ölen

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Forschungs­ergebnisse der Universität Bayreuth machten 1990 die Stickoxide und das Ammonium, das bei der Zersetzung organischer Materie in Kläranlagen und in Mastanstalten entsteht, für das Baumsterben hauptverantwortlich. Man schätzt, daß Europa bis in wenigen Jahren waldlos sein wird. 

Die entwaldeten Mittel­meerländer mit ihren völlig erodierten Küstengebieten weisen uns auf die schöne neue Welt hin, in der wir bald leben werden. Die Tendenz der Entwaldung bleibt seit dem Altertum unauf­haltsam. Gegen die brasilianischen Goldgräber, gegen die Großgrundbesitzer und gegen die verarmten Siedler helfen in einem Frontstaat wie Brasilien keine Gesetze.

Nimmt man den hypothetischen Fall an, einer gesetzlichen Handhabe wäre durchschlagender Erfolg beschieden, es hülfe nichts, da die Stickoxid- und Schwermetall­emissionen bereits weltweite Ausbreitung erfahren haben. Auch bislang gesunde Wälder wie etwa die kalifornischen Redwoodgebiete zeigen seit kurzem erste Erkrankungs­erscheinungen. Wer kränkelt, ist bereits tot. 

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Nur eine radikale Sofortmaßnahme, die global alle Abgasemissionen beendet, könnte die Weltwälder retten. Nirgends sind derartig kompromiß­lose Sofort­programme in Sicht; sie zu fordern, wird als utopisch gebrandmarkt. 

 

Obwohl die Regenwälder nur 7 Prozent der Landfläche bedecken, leben in ihnen zwischen 50 und 80 Prozent der Spezies unseres Planeten. Mit der Vernichtung der Wälder sterben — auch in Europa — Tier- und Pflanzenarten schneller, als der Computer zu zählen vermag. Man nimmt an, daß in jedem Jahrhundert wenigstens eine Tier- oder Pflanzenart ausstarb. 

Vergehen und Geboren­werden gehören zur Evolution und können in diesem Maß als natürlich gelten. Um 1900 starb bereits eine Art pro Jahr aus, heute eine Art pro Tag, um das Jahr 2000 wird dies auf eine Art pro Stunde beschleunigt werden. 

Dieser sich in aller Stille, aber in aller Eile vollziehende Massentod läßt sich nicht einmal mit dem großen Faunenschnitt vor 65 Millionen Jahren vergleichen, als die Saurier verschwanden. Im Verhältnis zu heute starben die Saurier über die Jahrtausende langsam aus, und die Kleintier- und Pflanzenwelt vermochte zu überleben und den Platz der Großtiere einzu­nehmen. Heute jedoch verschwinden Wälder wie Seen, Moose wie Bäume, Falter wie Kondore. Nichts wird verschont. 

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Flüsse lassen sich zur Not reinigen. Das Massensterben aber bedeutet Unwieder­bringlichkeit der Arten. Was in Jahrmillionen gewachsen war, wird in wenigen Jahrzehnten liquidiert, garottiert, ausradiert. Alle bisherigen evolutionären Sprünge werden durch diese objektive Katastrophe, die in vollem Gang ist, in den Schatten gestellt. Während ich diese Zeilen niederschreibe, beginnt ein neues Kapitel in der Evolution. Und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen.

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Die biologische Vielfalt ist eine der elementarsten Voraussetzungen für die Lebenstüchtigkeit. In einem gesunden Mischwald haben Schädlinge eine geringe Ausbreitungs­chance. In der Welt als Plantage kann man ohne Schädlings­bekämpfungs­mittel nicht auskommen. Die Vielfalt ist das Rohmaterial des irdischen Reichtums. Werden die fragilen, fein ausbalancierten Ökosysteme zerstört, gibt es kein Reservoir, auf das der Mensch zurückgreifen kann, um neue Pharmazeutika, um natürliche Düngerarten zu entdecken. Es gibt nur noch uns. 

Neu ist nicht nur das unglaubliche Tempo. Zum ersten Mal führt eine einzige Spezies den Tod fast aller anderen herbei; ohne böse Absicht, freilich. Es geschieht eben so. Der technologisch hochgerüstete Mensch hat jeden Respekt vor der Mitwelt verloren, weil er keinen natürlichen Bezug mehr dazu hat.

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Dieses Faktum ist unbestreitbar und impliziert, daß wir mit einer gewissen Zwangsläufigkeit vernichten müssen, da wir nichts anderes kennen, nichts anderes können. Der beispiellose Vernichtungs­feldzug gegen die Arten wird sich, und wie soll es anders sein, gegen die Mörder kehren.

 

 Der Klimawandel  

Der Mensch — stupor mundi, Verwandler der Welt — inszeniert auch die Klimaänderung. Vor der Industriellen Revolution vermochte der Mensch nur regional auf die natürlichen Regel­mechanismen Einfluß zu nehmen. Der zeitgenössische Klimawandel als anthropogenes Phänomen weist, bei allen Unsicherheiten Klimatologen, auf die globale kartesische Macht hin.

Bei der Verbrennung von Holz und fossilen Brennstoffen wie Öl, Kohle, Benzin und Gas fällt CO2 an. Es sammelt sich rasch in der Atmosphäre. An sich ein harmloses geruchloses Gas, das sogar für die Photosynthese notwendig ist, das in Unmengen aber auf gravierende Weise in das Klimasystem eingreift. In den letzten einhundert Jahren gab es eine etwa zehnprozentige CO2-Zunahme in der Atmosphäre, Tendenz steigend.

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Bis zum Jahr 1900 war der atmosphärische CO2-Gehalt auf 280-290 ppm (parts per million) angestiegen. Heute erreichen wir dank Rodung, Verbrennung und gestiegenem Energie­verbrauch 350 ppm. Geschätzt wird ein weiterer Anstieg auf 500-700 ppm bis zum Jahr 2050, mehr als zuvor in Millionen von Jahren. 

CO2 trägt mit 50 Prozent zum Treibhauseffekt bei, Methan mit 19 Prozent, die Fluorchlor­kohlen­wasser­stoffe (FCKW) mit 17 Prozent, Ozon (O3) mit 8 Prozent in der Troposphäre sowie Distickoxide und Wasserdampf. Diese Gase und das Kohlendioxid wirken in der Atmosphäre wie die Glasscheiben eines Treibhauses: Sie lassen das Sonnenlicht einfallen, verhindern jedoch zur gleichen Zeit, daß die von der Erdoberfläche zurückgestrahlte Wärme ins All entweichen kann. Indem sie Infra­rot­strahlung stärker aufnehmen als reflektieren, wächst die angesammelte Erwärmung, die zum Treibhauseffekt führt.

Gegenüber den vorindustriellen Daten ist die Temperatur bereits um 0,7°C gestiegen. Inwieweit wir mit den warmen, oft orkanreichen Wintern in Europa und den relativen Sommerdürren schon Auswirkungen des Effekts spüren, ist noch unklar. Eines aber gilt der Fachwelt als gesichert: Bei der gegenwärtigen Welt­durch­schnitts­temperatur von rund 15°C wäre ein zu befürchtender Temperaturanstieg um 5°C eine Katastrophe ohnegleichen. 

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Die Dürren im amerikanischen Midwest und die Standard­über­schwemmungen in Bangladesh wären nichts im Vergleich zu dem Wandel, der sich unübersehbar ankündigt. Die Klimamodelle, mit denen Klimatologen arbeiten, sind noch so rudimentär, daß genaue Vorhersagen unmöglich sind. Allein die Andeutung der Gefahr müßte genügen, Sofortprogramme in die Tat umzusetzen. Die Industrieländer, in denen 25 Prozent der Weltbe­völkerung leben, verbrauchen doppelt soviel Energie wie die armen Länder und müßten umgehend Energiereduktionen um mehr als die Hälfte in Kauf nehmen. Die armen Länder dürften ihren Energie­verbrauch nicht erhöhen. Aber nichts obszöner, als von den Armen Verzicht zu fordern.

Im Grund müßten die reichen Länder ihren Energieverbrauch sofort beenden; eine utopische Forderung. Ebenso utopisch die Forderung, sofort global mit einer Wiederaufforstung zu beginnen, damit CO2 in großen Mengen absorbiert werden kann. Genau das Gegenteil geschieht.

Selbst bei Sofortmaßnahmen dauert es aufgrund der Trägheit des Systems — Atmosphäre, Ozeane, Spurengasverweilzeiten — Jahrzehnte, bis diese Maßnahmen sich gegen die klimarelevanten Spurengase auswirken. Einzig die kümmerliche Verringerung der FCKW bis zum Jahr 2000 gilt als sicher — ebenso wie umgekehrt der weltweite Anstieg von CO2

Ein weltweiter Klimawechsel ungeahnten Ausmaßes ist unvermeidbar. Ob die Klimarevolution zum Umschlagen ökologischer Systeme und damit zum Weltentod führt, hängt auch von anderen Faktoren ab.

Die Ozonschicht

Mit dem Treibhauseffekt gekoppelt bleibt die Zerstörung der vor UV-Strahlung schützenden Ozonschicht durch FCKW. Die wissenschaftliche Unsicherheit bei der Feststellung der Ozonloch-Verursacher ist noch groß. Als gesichert gilt: Manche FCKW haben eine Verweildauer von hundert Jahren und sind noch nicht einmal in der Atmosphäre angekommen. Jedes aus einem FCKW freigesetzte Chloratom vermag bis zu 100.000 Ozonmoleküle aufzulösen. Die Auswirkungen, die sich daraus bis zum Jahr 2100 ergeben, sind nicht mehr auszumalen. 

Nach Sofortmaßnahmen muß nicht mehr gerufen werden. Es ist zu spät. Die UV-Strahlung bewirkt Hautkrebs, Katarakte, ein geschwächtes Immunsystem bei Tieren und Menschen. Unbekannt bleibt, wie die UV-Strahlung das DNA-System schädigt. Doch die noch unverstandene Schädigung unseres DNA durch UV-Strahlung ist wie die Spitze des Eisbergs im Vergleich zu der chemischen Revolution auf der Erde. 

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Die chemische Revolution

Die Gefahr, die von der chemischen Industrie ausgeht, birgt ein geringes Risiko für die Beschäftigten. Die Gefahr liegt in dem Risiko für potentielle Opfer dritten Grades. Zu den Opfern dritten Grades zählen wir alle. Die amerikanische <Environmental Protection Agency> schätzt die Zahl chemischer Stoffe weltweit auf über 48.000. Andere Schätzungen liegen zwischen 50.000 und 70.000. Nehmen wir einmal wohlwollend an, es gebe lediglich 48.000 chemische Stoffe. Jetzt, da ich diese Zeilen niederschreibe, staune ich darüber, daß so gut wie nichts über die giftigen Auswirkungen von 47.000 dieser Stoffe bekannt ist. Weniger als 1000 Stoffe wurden einer Prüfung auf ihre akuten Auswirkungen hin unterzogen, davon nur ungefähr 500 auf ihre krebserregenden oder erbschädigenden Effekte. Wir sitzen also alle auf einem riesigen Pulverfaß, dessen Explosions­gefahr kaum eingeschätzt zu werden vermag. Von einer planvollen, wirklich wirksamen Neutralisierung der Bedrohung kann ohnehin nicht die Rede sein. 

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Beim gegenwärtigen Wissensstand der Chemiker (der Begriff ehrt den Stand) sind weder die Wirkungen jedes einzelnen Stoffes noch ihre Wechsel­wirkungen, noch die daraus resultierenden Auswirkungen auf unseren Organismus auch nur im Ansatz erforscht. So gut wie nichts ist erforscht, nichts ist begriffen, alles ist möglich. Die Kontrolleure des Geschehens — die Gesetz­geber und Verwalter — manifestieren ihre Hilflosigkeit. 

Wir sitzen, buchstäblich, auf einem Pulverfaß. Allein in der Bundesrepublik Deutschland wurden zwischen 35.000 und 60.000 Erddeponien zu potentiell gefährlichen Orten erklärt. An die Anwohner, denen zum Schluß nur noch die Flucht bleiben wird, denkt man en passant. Hier geht es um noch Wichtigeres. Das Grundwasser ist gefährdet, unser vielleicht wertvollstes Reservoir.  

 

Das Trinkwasser

Den Oberflächengewässern und dem Grundwasser drohen aber noch ganz andere Gefahren als jene, die von Giftdeponien ausgehen. Über den Grad der Verschmutzung der Weltozeane sei hier ausdrücklich nichts vermerkt, da über die langfristigen Auswirk­ungen unserer bedenkenlosen Gifteinleitungen in die Meere nichts bekannt ist. Wann schlägt ein Ozean um? Sterben die Wale, Delphine und Fische vorher oder gleichzeitig? Es kommt auf einen Versuch an. 

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Die Autoren des Berichts <Global 2000> (1980) an den ehemaligen Präsidenten Carter zeigen, daß vom Trinkwasser tendenziell eine Katastrophen­gefahr ausgeht. Tausende und Abertausende chemischer Stoffe tummeln sich in den Flüssen, in den Bächen, zunehmend auch in den einst reinen Quellen. Vollkommen unbekannt ist die erbschädigende oder krebserregende Wirkung. Lediglich bei den Schwermetallen wurde die Ahnung zur Gewißheit. Im Augenblick der Niederschrift dieser Zeilen beginnt auch das europäische Grundwasser von Chlorkohlen­wasserstoffen, die aus verschiedenen industriellen Prozessen stammen, erste Verseuchungs­erscheinungen zu zeigen. Fast alle Chlorkohlenwasserstoffe gelten als krebserregend, erbschädigend und lebertoxisch. Das verwundert nicht weiter, denn ungefähr 85 Prozent des Wasserverbrauchs der Bundesrepublik entfällt auf die Industrie. 

<Save water — bathe with a friend> — ein Relikt aus naiv-humanistischer Zeit. Von überallher fließt, tröpfelt und läuft es in die Gewässer, regnet es giftig in den Boden. Das beginnt bei den Rindermast­anstalten und der Landwirt­schaft. Zum Beispiel: Der Stickstoff­dünge­mittel­verbrauch der USA wuchs zwischen 1949 und 1968 um 648 Prozent — während der landwirt­schaftliche Ertrag im selben Zeitraum um nur 45 Prozent anstieg. 

 

                               

Bild von detopia eingefügt

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Offensichtlich war der Großteil der Stickstoffmenge, wie Barry Commoner kritisiert, nicht von den Pflanzen aufgenommen worden. Er muß an einer anderen Stelle im Ökosystem verblieben sein. Die andere Stelle — zum Beispiel der Mensch. Über den Boden gelangt das Gift in die Pflanzen, die wir essen. Nitrat in Kunstdüngern wird von bestimmten Darmbakterien in Nitrit verwandelt, das sich tödlich auswirkt, da es sich im Körper mit Hämoglobin verbindet. Das Hämoglobin wandelt es in Methämoglobin um und verhindert damit den Sauerstofftransport im Blut.

Soll man auch die Schädlingsbekämpfungsmittel erwähnen? 

Sie verlieren in einem relativen Mono­kultur­system rasch ihre Wirksamkeit, da die Schädlinge resistent werden. Folglich müssen immer größere Mengen dieser Gifte, deren Mensch- und Umweltverträglichkeit kaum erforscht wurde, eingesetzt werden, sollen die Ernteerträge nicht zurückgehen. Manch einer glaubt, mit dem Verbot des DDT als dem gefährlichsten synthetischen Insektizid sei die Gefahr vorüber. Wie gut unser Gesetzgeber für uns sorgt. Die Folge des Irrtums liegt, wie stets, beim Opfer. 

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Wäre die Gefahr gebannt, warum taucht dann DDT Jahrzehnte später in zunehmendem und alarmierendem Maß etwa — und nicht nur dort — in der Muttermilch auf? Außerdem reimportieren wir in den Kaffeebohnen, Früchten, Teeblättern usw. alle bei uns längst verbotenen Gifte dieser Welt aus den armen Herstellungsländern.

Man vergesse nicht die Detergentien. Mit dem neuen, phosphatfreien Waschpulver wurde Bauernfängerei betrieben. Das in den Pulvern nach wie vor verwendete Benzol verwandelt sich im Abwasser zum giftigen Phenol. Die Fische gehen an den neuen, biologisch abbaubaren Waschmitteln eher zugrunde als an den alten, Schaumberge verursachenden.

Wird man nicht müde, kann man sich auf Einzelstoffe konzentrieren. Blei, Nickel, Kadmium, Quecksilber sickern trotz gesetzlicher Auflagen in den Boden. Quecksilber zum Beispiel wird gebraucht, um Chlor herzustellen. Seit 1946 hat der Quecksilber­verbrauch für die Chlor­produktion um mehrere Tausend Prozent zugenommen. Über den Synergismus von hochgiftigen Schwermetallen mit dem hochgiftigen Quecksilber ist wenig bekannt, ebenso wie über deren Zusammenwirken mit organischen Verbindungen. 

Die Vernichtung erdgebundener Bakterien bleibt da geringste Gefahr. Wer weiß schon, welche Horror-Mutationen zur Zeit entstehen? 

(d-2014:)  wikipedia  Detergens 

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Dabei lasse man die Schwefeldioxide, die pausenlos auf Boden und Gewässer hinunterregnen, nicht außer acht. Das geminderte Pflanzenwachstum nimmt man noch hin. Niemand weiß darüber Bescheid, welchen qualitativen Wachstums­veränderungen die Mikroorganismen im Boden unterliegen. Wir spielen va banque und hoffen auf den großen Gewinn.

Eine potentiell verseuchte Welt.  
Seveso ist überall, Bhopal ist überall.

detopia-2014: Wortspiel nach <Hiroshima ist überall>, ein Wort von Günther Anders 
  wikipedia  Seveso  Italien 1976    wikipedia  Bhopal  Indien 1984
Bild von detopia eingefügt

 

Die Kunststoffe

Die chemischen Stoffe müssen die Arbeit aber nicht allein leisten. Die Kunststoff- und Kunstfaserindustrie verzeichnete in den Nachkriegsjahren, wie man weiß, eine schwindel­erregende Zunahme. In den USA stieg die Herstellung der Kunststoffe seit 1945 um 1960 Prozent, die der Kunstfaser um 5980 Prozent.

Erst dem Spätkultur-Menschen gelang es, Nylon und ähnliche synthetische Polymere zu erfinden. Sie alle sind biologisch unzerstörbar und würden uns noch in Jahrtausenden begleiten, lebte unsere Spezies noch so lange. 

Über die eigentlichen Kunststoffe sei kein Wort verloren. Jede Wanderung, jeder Strand­spaziergang konfrontiert jenen, der mit der Natur Frieden schließen möchte, mit den unaufhörlich wachsenden Müllbergen der zivilisierten Menschheit.  

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Auf daß die Welt eine Plastikmüllhalde werde. Bevor die Natur an den Abfallhaufen jedoch erstickt, müßten vielleicht Jahrtausende vergehen. Erleichtert kann man immerhin einstweilen die Kunststoffe und Kunstfasern als Probleme dritten Grades übergehen. An einer hingeworfenen Plastiklandschaft ist noch keiner gestorben, es sei denn, seine Seele nähme Schaden. Ich wende mich daher dem freischwebenden Todesengel zu, von dem unmittelbarer Kollektivtod droht. 

 

Die Atomkraft

Der in den vierziger Jahren eingeleitete Komplex der Kernspaltung birgt — soweit ich das sehe — eine mindestens vierfach-tödliche Gefahr in sich. So ausgiebig wurden Rüstungswahn und Atomenergie in den letzten Jahren diskutiert, daß ich nur kurz darauf eingehen will.

Man muß die Sprache verrenken, um die erste Gefahr angemessen zu bezeichnen. Sie ist ohne Zweifel stets extrem akut — und sei sie es nur durch den Bedienungs­fehler eines schläfrigen Force de frappe-Offiziers. 

  wikipedia  Force de frappe   landläufige Bezeichnung für die französische Atomtruppe 

Anfang der neunziger Jahre verfügten die Supermächte über eine Atom­sprengkraft von 12.000 Megatonnen [= 12 Gt ;detopia], was etwa einer Million Hiroshima-Bomben oder ungefähr drei Tonnen TNT für jeden Erdbewohner entspricht. Auch nur 120 Megatonnen genügten, um den Planeten zu entvölkern. 

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Nicht erwähnt ist dabei die wachsende Schar von Duodez*-Despoten, die in den kommenden Jahrzehnten über die Bombe verfügen werden. Ihnen macht der Tod von Hunderten von Millionen Nachbarn, die nicht dem gleichen Propheten folgen, nichts aus. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, scheint umgekehrt proportional zur Einsicht der USA und Rußlands zu wachsen. 

Selbst wenn bei einem unvorstellbaren Krieg Teile der Weltbe­völkerung überlebten, ein Weiterleben wäre dies nicht. Unmengen von Stickoxiden würden in die Stratosphäre gepumpt, was den Ozongehalt — den Ultraviolettfilter der Welt — reduzieren würde. Die Folge: Zunahme der Haut­krebs­erkrankungen und der augentrübenden Katarakte mit anschließender Erblindung von Mensch und Tier.

Dies wäre, wie Hoimar von Ditfurth* — allerdings auf der Grundlage älterer Hypothesen — schreibt, nichts im Verhältnis zum eventuell sofort einsetzenden atomaren Winter. Die Staub- und Rußpartikel einer brennenden, explodierenden Welt würden maximal 10 Prozent, minimal 1 Prozent des bisher einstrahl­enden Sonnenlichts auf die Erde durchlassen. Weltweite Gefriertemperaturen im Sommer, arktische Kälte im Winter erstickten jedes Leben. 

* (d-2008:) 
Der Begriff Duodez hat mehrere Bedeutungen: Ursprünglich stammt er von duodecim, dem lateinischen Zahlwort für 12, ab und bezeichnete ein Buchformat, bei dem der Bogen zwölf Blätter zählt, und das somit als etwas unbedeutend Kleines galt, siehe: Duodezformat Davon abgeleitet war es die Bezeichnung eines Fürsten oder Staatsgebildes, das durch Territorialisierung (kritisch: Kleinstaaterei) so klein geworden war, daß der Machtbereich fast in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden drohte, und in Anspielung auf das kleine Duodez-Buchformat spöttisch als „Duodezstaat“ oder „Duodezfürst“ bezeichnet wurde, siehe auch: Zwergstaat. Wiederum durch letzteres beeinflusst ist es der Titel einer Satire von Hermann Löns über die Zustände und Verhaltensmuster des Zivilstaates in einem kleinen Fürstentum.

wikipedia  Duodez 

Der Tag danach in Ditfurth <Apfelbäumchen> 

2006 Audio über dieses Thema  "Kleiner" Atomkrieg und Folgen für Klima, Ozonschicht, Landwirtschaft

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Selbst wenn die Annahmen über einen nuklearen Winter völlig falsch sind, wie neuere Expertisen ergeben haben, ein nuklearer Herbst wäre katastrophal genug. Landwirtschaft wäre ohnehin nicht mehr möglich. Die Felder wären auf jeden Fall verseucht, das Trinkwasser vollkommen ungenießbar, und bei den weltweiten Flächen­bränden würde alles brennen, auch die Wälder.

 

Dank Tschernobyl brauche ich die zweite atomare Gefahr, die akute Gefahr, kaum zu streifen. Nur so viel: Charles Perrow hat in seiner Studie über Hochrisikosysteme 1984 überzeugend nachgewiesen: Die Tendenz zu unvorhergesehenen Inter­aktionen muß als Eigenschaft insbesondere eines eng gekoppelten Systems gewertet werden. Weder der Operateur noch die Bauteile tragen Schuld. Die Schuld liegt im System selbst. 

Je komplexer das System, desto störanfälliger. Je enger die Koppelung der Elemente, desto störanfälliger, da die Interaktion direkter ist als bei voneinander unabhängigen Systemen. Die formelhaft, ja beschwörend wiederholte Entschuld­igung, der gerade eingetretene Unfall gehe auf »menschliches Versagen« zurück, belügt das unwissende Publikum. 

Bei Flugzeugunfällen kommt dem aufmerksamen Laien dieses stereotyp wiederholte Gebet allzu bekannt vor; nur daß bei Flugzeugen das Gefahren­potential nicht so immens hoch ist wie bei Atomkraftwerken. Wie sinnlos, vor dem nächsten GAU zu warnen. Frankreich besitzt über dreißig mangelhaft gesicherte Atomkraftwerke (wie Anfang 1990 eine interne Unter­suchung der französischen Elektrizitäts­werke selbstkritisch feststellte); und bei uns herrscht meist Westwind. 

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Als langfristig gefährlich – die dritte atomare Bedrohung – muß wohl die mutagene und krebserregende Zunahme von Radioaktivität, von Strontium-90 und Jod-131 eingeschätzt werden. Seit 1953 taucht Strontium-90 im Fallout mit Kalzium auf, wobei Kalzium von den Pflanzen auf dem Boden aufgesogen wird und so in die Nahrungskette gelangt. Es lagert sich in den tierischen und menschlichen Knochen ab. Zusammen mit Jod-131 reichert es sich an und vergiftet uns seit den ersten Atomwaffentests der Nachkriegsjahre. 

Wer kann absehen, welche langfristige Zeitbombe bereits fleißig am Ticken ist? 

Sellafields krebsgeschädigte Kinder gehören in diesen weltweit langfristigen, für die unmittelbar Geschädigten allerdings kurzfristigen Todeskomplex.

Genügt nicht ein krebskrankes Kind, um die funktionsbesessene Erwachsenenhärte zu erweichen? Offensichtlich nicht. Windscale wird in Sellafield umbenannt, das Problem wird begrifflich gelöst. 

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Die vierte atomare Gefahr, die ungelöste und unlösbare Endlagerung, nenne ich extrem langfristig. Der gebräuchliche Begriff »Entsorgung« entblößt den technokratischen Newspeak in all seiner Perversion. Bekanntlich geschieht genau das Gegenteil. Eine Entsorgung gilt als unmöglich. Der atomare Müll ist unser kostbarer, unser je eigener, unser ganz alleiniger Besitz. Hüten wir es gut, dieses beschämende Souvenir der Jahre 1950-2000. Die jahrzehn­tausendelange Hypothek, die wir der gemutmaßten Nachwelt hinterlassen, kennt nun jeder Grundschüler.

Auch ins All kann man den strahlenden Abfall nicht gut torpedieren. Ein einziges Challenger-Unglück, und der Planet wäre, hokuspokus, unbewohnbar. Schon allein die »Entsorgungs«-Lüge macht unsere technologische Kurzsichtigkeit auf tragikomische Weise deutlich. 

Allmählich frage ich mich, ob die Aufzählung nicht genügt. Warum noch weitermachen? Und doch fahre ich fort. Nicht, daß mir etwas an Vollständigkeit liegt, denn das Chaospotential des Homo sapiens scheint unerschöpflich, aber man will es wissen, um sich dem letzten Angriff stellen zu können.

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Die Gentechnik

Den Stimmen, die vor der Gentechnik warnen, von Chargaff über Rifkin bis zu Beck und Jonas, sei eine weitere hinzugefügt. 

Chargaff meint, die Gentechnik berge unter allen Entdeckungen die größte Gefahr. Rifkin zufolge beginnen wir mit der Gentechnik eine zweite, eine synthetische Genesis. Auf daß wir werden wie Gott; allein das Machbare ist verbindlich. Mit unglaublicher Geschwindigkeit entschwindet das Bewußtsein von der Schutzwürdigkeit des Menschen und der Natur. Nicht der Organismus gilt mehr als Arbeitseinheit, sondern das prinzipiell veränderbare Genom.

Je größer die Verfügungs­gewalt des Menschen über Mensch und Ding ist, desto tiefer müßte die Verant­wortungs­moral verankert sein, wie Jonas betont. In der Gentechnik geschieht das Gegenteil. Seit Descartes das Wunschbild eines mechanistischen Universums entwarf, wurde der Boden für die gentechnische Revolution vorbereitet. Sie legitimiert sich nach Maßgabe der Machbarkeit. Die Würde des Menschen zeigt sich in seiner unverwechsel­baren Einheit als Person, der Selbstwert der Natur in der Ausprägung und im ökologischen Zusammenspiel aller Arten. All dies soll überholt sein durch unsere zunehmende Beherrschung des DNA? 

Längst der Geschichte angehörig ist die Konferenz von Pacific Grove im Jahr 1975, als Genetiker sich Selbst­beschränkungen unterwarfen. Die Selbst­beschränkungen sind dahin.

 (d-2014:)   wikipedia  Pacific_Grove 

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Man vergegenwärtige sich das Tempo. Bis 1980 galt in den USA: Lebewesen sind nicht patentierfähig. 1980 hieß es, Bakterien könne man grundsätzlich patentieren. 1985 verkündete das ameri­kanische Patentamt, Pflanzen seien patentierfähig. Im April 1987 erfolgte der letzte Schritt: Keinem gentechnisch erzeugten Gegenstand, und sei er noch so groß – der Mensch zum Beispiel –, darf der Patentschutz verweigert werden. Im selben Monat, am 24. April 1987, schritt man zur Tat: Die wahrscheinlich harmlosen Eis-Minus-Bakterien, die Pflanzen vor Frost schützen, wurden auf kalifornische Erdbeerfelder versprüht.

Es geht nicht um Eis-Minus-Bakterien. Es geht zunächst einmal um die moralische Frage, um die Genetik als Inbegriff der beliebigen Verfügbarkeit. Jeder beliebige Baustein soll als genetisches Idealziel in jedes beliebige Lebewesen eingebaut werden können. Daß dies Gott sei Dank nicht oder noch nicht möglich ist, wie ein Genetiker lachend erwidern würde, ändert nichts an der Zielsetzung. Wer sich Ziele setzt, trachtet danach, sie annähernd zu erreichen.

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Doch an einer Welt ohne Moral sterben nur wenige. Wir sind wunderbar anpassungsfähig. 

Lassen wir die moralische Katastrophe beiseite und konzentrieren wir uns auf die reale.

Man kann sich streiten, ob die Gefahr der Gentechnik von möglichen Unfällen ausgeht, bei denen vernichtende Bakterien unachtsam freigesetzt werden, oder vom »Erfolg« dieser Technik. Perrow meint, die Gentechnik unterscheide sich vom uns bis dato bekannten Katastrophen­potential aller Systeme, da nun Interaktionen zwischen Systemen ausgelöst würden, die zuvor überhaupt nicht verknüpft waren. Sobald eine derartige Verknüpfung zustande kommt, läßt sie sich von den Operateuren nicht mehr unter Kontrolle halten. Hier haben wir Ökosystem-Unfälle zu erwarten, im Bereich der engen Koppelung zwischen natürlichen und künstlichen Systemen. Was wissen wir über diese Koppelung? So gut wie nichts, genau wie bei den mindestens 48.000 chemischen Substanzen, die wir freigesetzt haben.

Nehmen wir jedoch wohlwollend an (und die Leserin oder der Leser muß zunehmend Wohlwollen aufbringen), ein genetischer Ökosystem-Unfall katastro­phalen Ausmaßes ereigne sich nie. 

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Nun offenbart sich der Erfolg der genetischen Pflanzenzüchtung. Ökologisch optimierte Kulturpflanzen werden weltweit angebaut. Kein Schädling und kein Wetter kann ihnen etwas anhaben, Insektizide und Herbizide werden überflüssig, welch ein Segen. Bisher galt jedoch: Je besser uns die Technik in die Lage versetzt hat, die Natur auszubeuten, desto höher sind die ökologischen Kosten, die wir zu bezahlen haben. Diese Kosten liegen versteckt in der Zerstörung der lebenserhaltenden Ökosysteme. 

Und so auch hier. 

Abgesehen vom intensiveren Anbau mit entsprechender Bodenermüdung, geschieht in einer gentechnisch bereinigten Landwirtschaft noch etwas ganz anderes. In makaberem Verbund mit der aktiv betriebenen Ausrottung der Tierarten und der Pflanzenarten in Wald und Flur verschwinden in der neuen Landwirtschaft die evolutionären Optionen. Der Natur wird keine Zeit gelassen, sich für die neuen Pflanzen zu entscheiden. Die alten Pflanzen werden abgeschafft. Ohne im geringsten an die natürliche Langsamkeit der Evolution auch nur einen Gedanken zu verschwenden, wird die Fehlerfreundlichkeit der Natur außer Kraft gesetzt. 

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Was die chemische Industrie nicht erreicht hat, das gelingt der Gentechnik. Ganze Sektoren der Welternährung werden an einem Chromo­somensatz hängen. Mit ihm leben wir, ohne ihn gehen wir zugrunde.

Mit der Gentechnik erreichen wir den Höhepunkt unserer Verachtung gegenüber allen natür­lichen Wesen, ja, gegenüber der Natürlichkeit überhaupt. Wir entscheiden, was nützlich und überflüssig ist. Aber wer ist »wir«? Wer kann sich gottgleich anmaßen, die rücksichtslose Verfügungs­gewalt zu erobern? Bei der Gentechnik geht es im Grund um Herrschaft, und genetische Herrschaft bedeutet ungeahnte Macht. Genetische Kriege und Eugenik-Bürger­kriege scheinen vorprogrammiert, falls uns die Zeit noch bleibt. 

Die genetische Zukunft ist schlichtweg unbekannt. Alles ist möglich. Wo wie jetzt schon große wirtschaftliche Kräfte wirken, wird auch alles unternommen werden, was wirtschaftlichen Erfolg verspricht. Es ist naiv, anzunehmen, natürliche moralische Hemmnisse könnten regulierend in den dynamischen Prozeß eingreifen. Im Umfeld dieser gigantischen synthetischen Revolution nehmen sich natürliche Einwände deplaziert aus. Die genetische Dynamik muß ausgelebt werden. Sie kann nicht mehr aufgehalten werden.

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Jetzt heißt es: Jeder für sich! Wer am schnellsten klont, hat gewonnen. Ausleben der Dynamik heißt aber auch aus-leben. Wehe den Siegern!

Damit komme ich jedoch zu übergreifenden Merkmalen, die alle Weltverwandlungen der letzten hundert Jahre kennzeichnen.

Scheinbar haben Descartes und Bacon den Sieg davongetragen. Ihr ganzes theoretisches Streben zielte auf Herrschaft ab. Unsere moderne technologische Leistungsfähigkeit ermöglichte uns, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Die Absicht war gut, freilich: Herrschaft um eines besseren Überlebens willen. Im Endergebnis und allen gutwilligen Beteuerungen zum Trotz herrscht eine einzige Spezies über Flora und Fauna. 

Von einer Konvivialität mit unseren Werkzeugen, wie sie Ivan Illich fordert, kann nicht die Rede sein.

Dank der Chemie und der Kernspaltung existiert erstmals in unserem Zeitalter eine Art Omnipotenz. Sie schlägt in Knechtschaft um, wenn Apparate und Produkte ein Eigenleben gewinnen und uns durch ihre Unverzichtbarkeit beherrschen. Auf eine andere und relevantere Weise schlägt Herrschaft in Knechtschaft um, wo ihre Ausübung Vernichtung nach sich zieht. Auf die Dauer gesehen ist unsere Herrschaft für die Natur und für uns tödlich.

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Diese Herrschaft wird weltweit ausgeübt. Es gibt keine Refugien mehr. Ein Druck auf den Knopf in Indien, und DDT sammelt sich auf undurchsichtige Weise im Fettgewebe antarktischer Pinguine. »Wir sind die Zeit mit der kleinstmöglichen Ursache und der größtmöglichen Zerstörung«, schreibt Ulrich Beck in Gegengifte. Durch unsere globale chemische, technologische, atomare und nun auch bald gentechnische Herrschaft schufen wir einzigartige Voraussetzungen, das Leben auszulöschen. 

Beck führt vier Unterschiede in der Gefahren­verwaltung an, die sich von jener zur Zeit der Frühindus­trialisierung unterscheiden: Die Gefahren sind überhaupt nicht mehr eingrenzbar, weder räumlich noch zeitlich, noch sozial; die etablierten Regeln von Kausalität und Schuld versagen; die Gefahren können immer nur minimalisiert, nie aber ausgeschlossen werden; wir leben in einer Risikowelt, die von einer fehlenden vorsorgenden Nachsorge geprägt wird. Mit anderen Worten: Wir haben eine Herrschaft errichtet, die nur punktuell, nicht aber global beherrschbar ist, obwohl ihre Auswirkungen zu jeder gegebenen Sekunde den Globus umspannen. Unsere Herrschaft gebietet über Land und Gewässer und dringt in alle Poren des Lebendigen ein, aber mit welchen Interaktionen und mit welchen Auswirkungen das geschieht, entzieht sich unserer begrenzten Kenntnis.

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Wir sind unfähig, die selbstgeschaffene Komplexität (das zweite Merkmal unseres Dilemmas) zu verwalten. Mit der nachmechanistischen Physik ist das einfach Ursache-Wirkungs-Schema als Gesamtparadigma aufgehoben worden und in ein multidimensional funktionierendes, dynamisches Ganzes überführt worden. Die Nebenwirkungen bleiben unbekannt. Was im einzelnen als durchschaubar und kontrollierbar erscheint, wird im Ganzen zu einem Vabanque­spiel tödlicher Inter­dependenzen. Nichts mehr ist durchschaubar, nichts mehr kalkulierbar. Die Risiken der Moderne sind, wie Beck schreibt, nicht mehr sinnlich erfahrbar, sie sind zugleich ortsspezifisch und bei universellem Auftreten unspezifisch.

Schon 1974 hat Wolf Häfele auf das kategorial Neue der Risikoproduktion im 20. Jahrhundert hingewiesen. Man könne die Gefahren nicht mehr im Labor untersuchen und langsam, mittels trial and error, zu einem sichtbaren Ergebnis gelangen. Leider gebe es nur einen Test den Ernstfall. Typisch dafür ist die Atomwirtschaft. Probelauf und Ernstfall fallen zusammen.

  wikipedia  Wolf_Häfele  1927-2013, Atomphysiker

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Aufgrund der Komplexität des Hochrisikosystems und der Hochrisikostoffe bleibt nur der Weg, die Produktion auszuprobieren — und zu hoffen, daß nichts Schlimmes passiert. Dieses verant­wortungs­lose Vorgehen gilt allerdings für unsere gesamte Lebenseinstellung; das Labor wirkt auf Operateur und Nichtoperateur zurück. Und wenn wir die Artenvielfalt zerstören, wenn wir die Regenwälder roden um kurzfristiger wirtschaftlicher Ziele willen? Macht nichts, mal sehen, was danach geschieht. 

Und wenn wir unsere heimischen Wälder zerstören? Man soll uns, bittesehr, das Autofahren nicht verderben, bewiesen ist sowieso nicht alles. Das immerhin trifft zu: Bei 47.000 Stoffen steht der Beweis noch aus.

Die Herrschaft, moralisch schon immer verwerflich, gründete bei Descartes und Bacon anfänglich in der Idee, Natur zum Wohle aller zu beherrschen. Dies macht die schreckliche Ambivalenz der Natur­wissen­schaft aus. Je komplexer aber, desto unbeherrschbarer. Scheinbar sinnvolle, nützliche Herrschaft wird aufgehoben durch die Unbeherrschbarkeit der Komplexität. Non incipit vita nova, um Bloch kritisch zu paraphrasieren, sed incipit apocalypsis. 

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Daß die Prozesse immer komplexer und darum immer unbeherrschbarer werden, ist zwangsläufig. Einmal begonnen, entwickeln die Prozesse eine Eigendynamik, die ausgelebt werden muß (das dritte Merkmal).

Die Elektrizität mußte sich fortentwickeln, auf daß wir ihre tausendfältigen Möglichkeiten ausloten. Die chemische Industrie muß immer neue, immer künstlichere Stoffe produzieren. Die Atomwirtschaft mußte sich im Leben verankern, auf daß ihr Werbeslogan einer »friedlichen Nutzung des Atoms« zur Farce wurde. Auch die Gentechnik wird in den kommenden Jahrzehnten all ihre Potenzen ausprobieren müssen — bis zum Klonen von Menschen, bis zu Mensch-Tier-Kreuzungen.

Dank unserer technologischen Herrschaft, die allein aufgrund des Prinzips Machbarkeit, durch extremen und bedenkenlosen Pragmatismus errichtet werden konnte, werden wir es schaffen, sowohl Träume als auch Schreckens­visionen der Philosophen in die Tat umzusetzen. Wir sind unsagbar erfinderisch. Allein Machbarkeit setzt die Grenzen. 

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In der Verwegenheit der Ahnungslosen sieht Jürgen Dahl den Sachverhalt ganz nüchtern: 

»Hundert Jahre Industrie­zivilisation haben gezeigt, daß es immer so schlimm kommt, wie die Furchtsamen von Anfang an vermutet haben, und meistens noch etwas schlimmer, weil selbst der Furchtsame nicht über so viel Phantasie verfügt wie all die Wissen­schaftler und Techniker und Kaufleute und Politiker, denen immerzu etwas Neues einfällt.«  

 wikipedia  Jürgen_Dahl  1929-2001

Machen wir uns nichts vor. Wir leben seit 1945 in einer neuen Epoche, deren Eigendynamik, je mehr sie sich beschleunigt, unaufhaltsam ist. Günther Anders bezeichnet unsere bestandlose Zeit, die sich jeden Augenblick selbst vernichten kann, als »das letzte Stück Geschichte«. 

Ich empfinde es als traurig und ironisch zugleich, daß der geistig-kreative Höhepunkt des Verstandes just mit der evolutionären Sekunde der permanent drohenden Selbstvernichtung zusammenfällt. Sie setzt spätestens 1945 mit Hiroshima ein und wurde von den Gaskammern der Werwölfe präfiguriert

Es besteht ein tiefer innerer, anti­humanistischer Zusammenhang zwischen Zyklon B und der Kernspaltung. Der Verstand muß seine objektiven Möglichkeiten praktisch ausleben, seine Eigendynamik gestattet ihm nichts anderes. 

Wie bemerkt, ausleben heißt auch aus-leben. Insofern lebt der Mensch kein ganz unnatürliches Leben, sondern folgt dem biologischen Gesetz, an dessen Ende der Tod wartet. Banal ausgedrückt ist das Leben Sein-zum-Tode, konkreter: Der Verstand will ans Ende kommen.

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Dieses Ende ist nicht das Paradies und nicht das summum bonum, sondern das Aus-leben einer voll ausgeschöpften Verstandesdynamik. Das natürliche kollektive Aus-leben nennt man auch Gattungstod. Die Nebeneffekte oder die unkalkulierbaren, hochrisikoreichen Haupt­effekte unserer Schöpfungen haben begonnen, die segensreichen Haupteffekte zu über­holen. Der neue Haupteffekt beschleunigt sich zur Todesdynamik. Die Verstandeskinder Groß­technologie und Naturwissenschaft haben uns in diese unvorhergesehene Falle getrieben.

Das Überleben einer einzigen Spezies darf sich nicht auf die Vernichtung fast aller anderen gründen. Sogar die Saurier waren toleranter — weil sie weniger Herrschaft innehatten als wir Homines. Beruht das Überleben einer einzigen Gattung doch auf der Ausrottung aller wichtigen ökologischen Mitsysteme und auch der meisten unwichtigen (eine reine Wertungsfrage), tritt ein Ungleichgewicht im fein abgestimmten Zusammenwirken aller auf. Es verschiebt sich immer mehr zu Ungunsten der neuen Hauptspezies, obwohl sie ihr Überleben ganz besonders gut gesichert zu haben meint. Das Gegenteil ist der Fall. 

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Auf Dauer vernichtet sich die herrschende Gattung selber, gerade wegen ihrer unausgewogenen Dominanz. Naiv die Politiker, die da verkünden: Es ist drei Minuten vor Zwölf! Die Mittagsglocke hat längst geschlagen.

Ich rekapituliere: 

Die Kriegs-Atomindustrie brachte uns, auf einen Knopfdruck hin, der welt­weiten Vernichtung nahe. Trotz dankenswerter Détente bei den USA und Rußland wird diese Gefahr in Zukunft nicht gemindert werden. Immer mehr Duodez-Despoten werden sich die Bombe zu verschaffen wissen.

 wikipedia   Duodez   

Noch wurde das Waffenarsenal der USA und Rußland nicht hinreichend entrümpelt, noch hantieren Großbritannien und Frankreich aus Statusgründen mit dem Todesspielzeug. Die Gefahr wächst eher, als daß sie abnimmt. Gering ist die technische Kompetenz jener, die neuerdings über die Bombe verfügen. 

Über die biologisch-chemische Kriegsführung schweigt man am besten, aber auch diese Gefahr wird wachsen. Die Friedens-Atomindustrie bescherte uns die drohende welt- oder europa- oder landesweite GAU-Möglichkeit — der Nachwelt die ungelöste Endlagerung. Über Strontium-90 und Jod-131 und Radioaktivität schweige ich, da über die damit zusammen­hängende schleichende Erbschädigung zu wenig bekannt ist. 

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Ein wenig mehr wissen wir über die schleichende Nahrungsmittelvergiftung, die Vergiftung von Flora und Fauna. Nur ein Beispiel: Täglich nimmt der Mensch Westeuropas 20-30 Millionstel Gramm Kadmium weitgehend durch die Nahrung auf —, und Kadmium ist nur eines der vielen Gifte. Wann schlägt dies global durch, sei es als wahnwitzige Krebsrate, sei es als Schreckensszenario aus Margaret Atwoods Roman <The Handmaid's Tale>, in dem fast alle Menschen steril geworden sind? 

Und die Gifte werden ununterbrochen produziert. Während ein Gift in die Schlagzeilen kommt, drängen zehn weitere auf den Markt. Die Lösung lautete: Stopp der chemischen Industrie, weltweit; eine Radikal­maßnahme, deren Unmöglichkeit auf der Hand liegt. 

 

Und was wissen wir über den weltweiten Klimawandel? Man ahnt nur, was die zunehmende Aufheizung des Planeten nach sich ziehen wird. Ein jeder male sich eine eigene Katastrophe aus, es beginne ein freier Wettbewerb der Phantasien. 

Noch fatalere Wirkung könnte die Artenvernichtung zeitigen. Meine Phantasie versagt vor einer Welt, in der das Arten­ungleich­gewicht mangels Biomasse überhaupt nicht mehr rückgängig zu machen ist. Der Arten- und Wäldertod ist ein irreversibler Prozeß, der in den Abgrund führt.

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Über die Anmaßung der gentechnischen Perversion mag ich nichts mehr hinzufügen. Wir torpedieren uns ins Aus der Evolution. Je artenreicher ein System, desto flexibler kann es auf Störungen antworten, desto stabiler bleibt das jeweilige Ökosystem. Wir aber erzeugen mit zunehmender Beschleunigung Instabilität. Alles geschieht einfach so. In immer schnelleren Rhythmen lebt sich die Eigendynamik unserer Spezies aus.

Die Tendenz der Menschheitsentwicklung ist absolut unleugbar. Man muß nur den Mut und die Ehrlich­keit aufbringen und die von Günther Anders beklagte »Apokalypseblindheit« abstreifen, um sehend zu werden. Die Bevölkerung wuchs stetig und unaufhörlich. Sie wird bald den Kulminationspunkt erreicht haben.

Von Jahrtausend zu Jahrtausend, ganz allmählich, dann immer schneller von Jahrhundert zu Jahrhundert wurde entwaldet. Seit der Antike starben immer mehr Tierarten aus, von Jahrhundert zu Jahrhundert zu Jahrzehnt immer mehr Pflanzenarten. Heute wird nicht mehr gestorben, es wird sozusagen planmäßig ausgerottet. Immer mehr chemische Stoffe und Kunststoffe wurden produziert. Die potentiell tödliche Schar, die keinen Platz hat im biologischen Kreislauf, ist völlig unübersehbar geworden.

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Immer gefährlicher, immer größer wurde das Wirkungspotential der Hochrisikosysteme. Das gefährlichste Risikosystem des Jahres 1840 war die Eisenbahn — gemessen an den heutigen Systemen ein minimales Risiko und dazu noch exakt eingrenzbar. In der kurzen Zeit, die uns noch verbleibt, werden die Systeme noch größer und noch gefährlicher werden. Unsere Herrschaft verdichtet sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, alles wird immer schneller und immer komplexer und immer gefährlicher. 

Diese Tendenz unserer Evolution nenne ich in Anlehnung an Thomas S. Kuhn: Super-Paradigma.

Ich fasse den Begriff des Paradigmas weiter als Kuhn und füge »super« dazu. Bei Kuhn umschließt ein Paradigma alle Voraussetzungen, innerhalb derer die gerade akzeptierte Wissenschaft in einem gegebenen sozialen und politischen Umfeld wirkt. Wenn die Widersprüche und Falsifikationen dieses Paradigmas überhand nehmen, gerät das herrschende Paradigma aus dem Gleichgewicht. Dann ist der Zeitpunkt für eine von Kuhn so genannte »wissenschaftliche Revolution« gekommen. Das alte, problematische Paradigma wird aufgegeben. Nach einer Periode der Orientierungslosigkeit etabliert sich ein neues Paradigma, eine neue Sicht der Dinge.

 wikipedia  Thomas_S._Kuhn  1922-1996

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Wir sind heute an dem Scheitelpunkt angelangt, an dem nicht nur das technologisch-natur­wissen­schaftliche Paradigma problematisch geworden ist. Die Glaub­würdigkeits­krise zieht immer weitere Kreise, mit jeder neuen Kleinkatastrophe vertieft sie sich. Das Super-Paradigma unserer evolutionären Tendenz wird von Jahr zu Jahr fragwürdiger.

 

Im Mesolithikum scheint es den ersten Super-Pardigmenwechsel der Evolution gegeben zu haben: Der Mensch nahm nicht mehr von der Natur, er holte sich auf immer systematischere Weise, was er haben wollte. Der Mensch vollzog den grundlegenden Wechsel von der aneignenden zur produzierenden Lebensweise.

Im Paläolithikum lebte der Mensch in kooperativer, herrschaftsfreier Eintracht mit der Mitwelt. Das soll nicht idealisiert werden, denn die Lebensbedingungen waren an Härte kaum zu überbieten. Sie wären für uns Spätkultur-Menschen unerträglich und können auch nicht als wünschenswert bezeichnet werden. 

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Im Gegensatz zur Spätkultur jedoch schufen die Neanderthaler und Cromagnons Bedingungen, unter denen alle folgenden Generationen überleben konnten; nicht weil unsere Vorfahren klüger oder weiser oder humanistischer waren als wir. Man muß das nüchtern sehen. Unsere Vorfahren waren aufgrund ihres geringen, ja fast nicht existenten Produktionsniveaus nicht in der Lage, mehr Herrschaft über die Natur auszuüben. Die Komplexität fand sich in ihren Köpfen und vielleicht in ihren Sozialbeziehungen, nicht aber im techno­logischen Bereich. Unsere Vorfahren waren auf völlig natürliche Weise in den biologischen Kreislauf eingebettet.

Im Neolithikum übernahm der Mensch zusehends die Initiative und verwandelte die Mitwelt in Umwelt. Warum dies geschah, darüber werde ich mir den Kopf nicht zerbrechen. Das mögen Wissenschaftler tun, die sich, im Treibsand versinkend, noch heftig streiten, welche Konsistenz der Sand habe.

Wollen wir überleben, muß der Kritiker nichts geringeres fordern als den endgültigen Super-Paradigmen­wechsel. Die gesamte Tendenz der Evolution seit dem Neolithikum muß umgekehrt werden. Nicht morgen muß sie umgekehrt werden, denn dann ist es zu spät, sondern heute. 

Ein Ding der Unmöglichkeit. 
Es ist bereits zu spät. 

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Wir leben heute am Kreuzungspunkt, am Schnittpunkt der mit den folgenden Begriffen vielleicht nur unzureichend bezeichneten Realprozesse: fehlgeleitete Herrschaft, die vom biolog­ischen Kreislauf abstrahiert und glaubt, sich ausnehmen zu können; Eigendynamik, die ausgelebt werden will aufgrund unseres extremen, ja krankhaften Pragmatismus; autodestruktive Komplex­ität, die im Widerspruch zur Herrschaft zum Wohle aller steht, weil die Komplexität die Folge eines Zuviels an Herrschaft ist. 

Herrschaft, Eigendynamik und Komplexität charakte­risieren in ihrer technologischen Form unser Super-Paradigma der schleichenden ökologischen Katastrophe. Wir erreichen den Kulminationspunkt, bevor wir überhaupt die Zeit finden, den Super-Paradigmenwechsel zu vollziehen. Die ökologischen Ansätze dazu werden aus Zeitmangel nur Ansätze bleiben. 

Das hochindustrialisierte 20. Jahrhundert ist der Abfall der Weltgeschichte. Kein Jahrhundert gebärdete sich schöpferischer und zugleich zerstörerischer. Wie wir mit der Mitwelt umgehen, so auch mit den Mitmenschen; es hat alles seine Logik. Nicht zu zählen die Archipel Gulags, die Auschwitztoten, die kambodschanischen Killing Fields. Bei aller nachhaltigen Entrüstung, die nicht enden darf: diese Tötungen passen zu uns.

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Ergeben wir uns den Cheeseburgers, dem gezüchteten und chemisch aufgepäppelten Lachs, dem künstlichen Cocktail. Ergeben wir uns der Tiefkühlkost, dem Video und dem neuesten PC. Halten wir all dies für echt, für wahre Erfahrung aus erster Hand. Der Gebrauchsabfall, mit dem wir tagtäglich umgehen und der die Welt langsam vergiftet und zuschüttet, gehört zu uns. Das Leben als Plastikverpackung - das Leben, das wir verdient haben. 

Kapitulieren wir vor dem Urwaldroder, den beruhigenden Wahrschein­lichkeits­rechnungen der Chemiker und der Atom­operateure und der Gentechniker. Sie sind die letzten Ausgeburten des Todesparadigmas und werden uns noch im Untergehen mathematisch beschwichtigen. 

Um kurzfristiger ökonomischer Ziele willen werden die Regierenden stets die Forderung nach Umstülpung des Super-Paradigmas belächeln und zur Not Kompromisse eingehen, die das Ende nur heraus­zögern. Mit den Argumenten, Arbeits­plätze seien in Gefahr und auch der Wohlstand sei nicht mehr gesichert, läßt sich noch immer jeder Gegner in Schach halten. Volkswirtschaftliche Rechnungen wird man uns präsentieren, die uns beweisen, weshalb der Super-Paradigmen­wechsel nicht herbeigeführt werden darf. 

Und die Politiker und die Experten haben recht:  Der sofortige Wandel ist tatsächlich nicht machbar. Es führt kein Weg zurück ins Paläolithikum, wird man uns schmunzelnd vorhalten, und die Kritiker wird man als Utopisten entlarven, so schön das Höhlenleben auch gewesen sein mag.

Auch da muß man den allzuschlauen Politikern und den klugen Experten recht geben. Schon allein die Überbevölkerung, schon allein der irreversible Artentod hat uns dummerweise den Rückweg abgeschnitten. 

Unser Dilemma liegt in der Ausweg­losigkeit. Ziehen wir daher den Schluß, den einzigen möglichen aus der Unvermeidbarkeit des Endes mit Furore. 
Heulen und jaulen wir mit den schiefmäuligen Wölfen. 
Es ist zu spät. 

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Das Ende (1993) Von Gregory Fuller