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Nachwort         2010 von Marko Ferst 

 

 

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Die <Hauptverwaltung ewige Wahrheiten> ist gestrandet, die DDR ist Geschichte. Spannend zu erfahren wäre, wie Robert Havemann die aktuellen polit­ischen Gegebenheiten und die Zukunfts­aussichten charakterisieren würde. 

Bemerkenswert bleibt, wie weit er sich über die DDR-Zustände mit seinem Zukunftswerk <Morgen> hinausgedacht hat und all seine politische Lebens­erfahrung konzentrierte, während sein Grundstück obsessiv von der Stasi belagert wurde. 

Bleiben seine Artikel und Bücher über die DDR und andere Themen eher für die historische Forschung interessant, ist es ihm hier gelungen etwas in Szene zu setzen, daß auch Jahrzehnte später anregenden Diskussionsstoff bietet. Das spricht für große Könnerschaft über die politische Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse hinaus.

Wolfgang Harich hatte in seinem Buch <Kommunismus ohne Wachstum> 1975 erstmals die Frage nach den ökologischen Grenzen der heutigen Industrie­gesellschaft für die östlichen Systeme aufgeworfen. Der ökostalinistische Zug bei ihm ist nicht ganz von der Hand zu weisen, wobei darin verborgen auch die Frage nach der totalitären Potenz der westlichen Systeme steckt, die vor dem selben Problem der Selbstbegrenzung stehen.

Unbestreitbar thematisierte Havemann in seinem <Morgen> die ökologische Zivilisationsproblematik 1980 wie kein anderer Autor aus der DDR. Auch die <Alternative> von Rudolf Bahro, 1977 im Westen veröffentlicht, rückte die ökologische Dimension noch nicht so stark in den Mittelpunkt. 

Havemanns Reise nach Utopia in eine mögliche Zukunftsgesellschaft ist darüber hinaus nur von ganz wenigen Autoren weltweit versucht worden. Ein ähnliches Experiment stellt die Reisereportage <Ökotopia>" von Ernest Callenbach aus den USA dar - mit eher anarchistischem Ansatz. Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Entwürfe zu vergleichen ist äußerst spannend. 

Nur 10% des früheren Energiebedarfs sollen bei Havemann noch genutzt werden. 

Sicher wird man heute vollständig auf erneuerbare Energien setzen und auf die Kernfusion verzichten. Extrem langlebige Gebrauchsgüter müssen wir noch lernen herzustellen. Wie weit eine zukünftige Gesellschaft gänzlich ohne Geld, Staat und Verwaltung auskommt, dürfte heiß umstritten sein. Für Havemann stellt sich die Frage nicht, vielleicht wird man sich aber doch noch mal Gedanken machen müssen, wie eine politische Ökonomie aussieht, in der alle reale Miteigentümer der Produktions­mittel sind, womöglich eine Kombination aus Eigentum der Beschäftigenten und der Gesellschaft. Dabei muß man auch eine demokratische Wirtschaftsstruktur schaffen, eine Aufgabe, an der die westlichen Gesellschaften bislang gescheitert sind und die sie für überflüssig halten.


Rudolf Bahro meinte in seinem Band <Logik der Rettung>, man brauche dezentrale Wirtschaftsformen. Wie weit ist hier vielleicht eine Kombination von Havemanns Ansatz und Bahros Subsistenzwirtschaft geboten?   wikipedia / Subsistenz  ca. Autarkie 

Eine ähnlich brisante Frage ist die nach einem modernen Matriarchat und alternativen Familien- und Liebesformen. Offensichtlich sind die jahrtausendelang verfestigten patriarchalen Strukturmuster, doch vakant bleibt, wie sich dies substantiell auflösen läßt, über die formale Gleichstellung der Geschlechter hinaus, bis in die zivilisatorischen Tiefenschichten. Havemann wollte seine Utopie als eine kritische Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir leben, verstanden wissen und man möge mithelfen, damit ein vielfarbigeres Bild entstehen kann, neue Ideen hinzukämen. Das ist ein Beitrag, den eine neue Generation heute leisten könnte und müßte.

In dem Band <Wege zur ökologischen Zeitenwende> versuchte ich einige Mosaiksteine beizusteuern in dem Kapitel <Die ökotopianische Zukunfts­gesellschaft>. Immer offenkundiger wird jedoch, das Zeitfenster in dem ökologische Veränderungen noch möglich sind, schließt sich mehr und mehr. Dies bedeutet, man muß sich ernsthafte Gedanken darüber machen, wie man den zivilisatorischen Absturz wenigstens teilweise abfangen kann. 

 

Wir leben jetzt in einer durch Kapitaldynamik bestimmten Ordnung, und es sieht ganz danach aus die radikalisierte Selbstsucht, das Gewinnmachen um jeden Preis wird in schlimmen gesellschaftlichen Verwerfungen enden. 

Offensichtlich leiden nicht nur die Politgreise in der DDR, wie sie ihr staatsmono­polistisches System einbalsamierten, an politischer Sklerose. Bis zuletzt sperrten sich die DDR-Oberen noch gegen eine deutsche Perestroika, während Korrekturen in westlichen Demokratien zumindest möglich sein könnten. Gleichwohl darf man das totalitäre Potential einer marktwirtschaftlich geprägten Rationierungs­strategie nicht unterschätzen.  

Bahros <Logik der Rettung>, 1987 veröffentlicht, ist eines der kenntnisreichsten Werke, wenn man nach einer tieferen Ursachenanalyse der ökologischen Zivilisationskrise fahndet. Manche seiner Veränderungen, die er vorschlägt, könnten modifiziert noch mal hochgradig interessant werden, wenn die herrschenden Ordnungen sich ihrer langfristig aufgebauten Zerstörungskapazität stellen müssen, der Reichtum der Biosphäre immer dramatischer ausfällt. Havemanns Sorge, wenn eine gesellschaftliche Alternative verfehlt wird, könnte uns die Barbarei drohen, zeichnet sich als reales Szenario heute viel greifbarer ab.

 

Noch mögen viele Menschen, auch die politische Verantwortung tragen, die Gefahr nicht wahrnehmen oder ausblenden. Doch ewig ist so ein Selbstbetrug nicht durchzuhalten. Aber wer verzichtet schon gern auf Annehmlichkeiten, die die heutige Zeit bietet? Aus der Sicht einer armen Familie aus Sambia oder Indien z.B., wo es am Nötigsten fehlt, sieht der Reichtum einer handvoll Industriestaaten und ihrer Bewohner noch mal ganz anders aus. Mit dem Ende des Ostblocks ist einstweilen auch ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz, wie er Havemann vorschwebte, von der Tagesordnung geräumt worden, gleichwohl starke Impulse nach einer gerechten Gesellschaft immer wieder auf die weltpolitische Tagesordnung kommen werden, wie man aktuell in Lateinamerika sieht. Dies um so mehr, als sich herausgestellt hat, daß mit dem Wegfall des systemischen Kontrahenten auch die westlichen Demokratien in starke Erosionsprozesse verwickelt wurden, die soziales und bürgerschaftliches Engagement herausfordern.

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Die friedliche Revolution von 1989 richtete sich gegen die Diktatur des Politbüros, diese mußte überwunden werden. Ihr folgte jedoch der Sog zum größeren Konsumtempel. Eine eigenständige Entwicklung geriet unter die Räder der Geschichte, vielleicht unvermeidlich angesichts der deutsch-deutschen Teilung. Mit Blick auf die katastrophalen sozialen Folgen kapitalistischer Marktwirtschaft in der ehemaligen Sowjetunion, zweimal wurden die Ersparnisse der Leute in Rußland platt gemacht in den 90er Jahren, ist die Frage nach einer alternativen Übergangsgesellschaft jedoch mehr als berechtigt und das gewiß nicht als putinsche Autokratie. 

Es ist nicht einfach zu sagen, in welchem politischen Lager heute Havemann zu finden wäre - ob bei B90-Grüne, PDS-Linke oder vielleicht doch eher so wie Rudolf Bahro, der sich zuletzt neben alle Lager gestellt hat. 

Während seiner Krebserkrankung schrieb Bahro einen Essay darüber, wie man sich aus dem Untergang der DDR befreien könnte. Dieser sehr umfangreiche Text beschäftigt sich mit der Frage der kommunistischen Wurzeln, dem Prag von 1968 und der seelischen Disposition von Ideen und Menschen. Alles dies im Kontext der untergegangenen Einheitspartei und der PDS, die aus ihr hervor­gegangen ist. Er unterbreitet dort neben den unabdingbaren geistigen Wandlungen auch einige nicht ganz einfach zu beherzigende philosoph­ische Vorschläge zur Veränderung. (Herzberg-Buch 2007: Bahro-Nachlass)

<Die Alternative> von Bahro und <Morgen> von Havemann dürften in ihrer Zeit die brisantesten politischen Bücher aus der DDR gewesen sein, auch wenn sie dort erst nach 1989 erscheinen konnten. Für mich kann ich sagen - Havemanns <Morgen> und dann Bahros <Logik der Rettung> stellten entscheidend die Weichen für meine ökologische Orientierung. 

Auf einer Veranstaltung mit Andre Brie und mir 1994 kam die Idee einer Ökologischen Plattform bei der PDS auf. Zwischenzeitlich hat sich die anfänglich überschaubare Gruppe in der LINKEN zu einer größeren Strömung in der Partei entwickelt, die steigenden Einfluß nimmt auf Programmatik und Politik, gleichwohl dies kein einfacher Weg war, ist und sein wird. 

Dabei gilt, Partei bleibt Partei, egal welche - ob nun CDU, SPD usw. Die Logik des Mißlingens läßt sich nur bedingt ausräumen, aber auf das Verhalten einzelner Menschen kommt es doch immer wieder an. So wie es auf Robert Havemann angekommen ist. Für die Veränderungen, die sich 1989 vollzogen haben, war er ein wichtiger Vordenker. Ob er mit dem Ergebnis zufrieden gewesen wäre, da sind sicher Zweifel angebracht. 

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