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Natürlich gibt es das nicht, ich weiß. Kein Neugeborenes ist, kaum daß es den ersten Schrei ausgestoßen, bewußter Beobachtung fähig. Es mag Bewegungen in seiner Umgebung bemerken, Licht, Schatten. Aber Gestalten unterscheiden, Stimmen, Worte?

Dennoch findet sich in seinem Gedächtnis, als erstes Bild des Films, den ein jeder mit sich herumträgt: wie er der jungen Mutter in den Arm gelegt wird, und die Wärme des Arms, der ihn nun umfängt, die Geborgenheit — das Gefühl, das er immer wieder suchen wird sein Leben lang. Und dazu die freudig trompetende Stimme des Arztes, des Dr. Götz: »Ein Jungchen! Ein sehr schönes Jungchen!« Der Dr. Götz hat Lachfältchen im Gesicht, die lose Haut unterm Kinn ist gleichsam aufgespießt auf den Ecken des gestärkten Hemdkragens, die wulstigen Lippen sind in die Breite gezogen.

Es war eine Erstgeburt, vorgenommen im Schlafzimmer der Wohnung im zweiten Stock des Hauses Kaiserplatz 13 in der sächsischen Industriestadt Chemnitz; vom Fenster aus hat man die Sicht auf das Frühlingsgrün der Bäume auf dem Kaiserplatz. Der Arzt mag Komplikationen erwartet haben, die junge Frau ist eher zierlich gebaut, aber die Geburt verlief normal: ein schönes Jungchen, ein braves Jungchen, nur ein Mädchen hätte es werden sollen, wie das Jungchen später erfuhr, sogar den Namen hatte es schon, Helene, nach der verstorbenen Mutter des Vaters, des Kaufmanns Daniel Flieg aus der kleinen Stadt Schrimm in der Provinz Posen; nun wird notgedrungen aus Helene ein Helmut, und wenige Tage später wird er, wie sich's gehört, beschnitten, vom Lehrer Sommerfeld und mit dem Daumennagel, knips, ab.

Das Haus Kaiserplatz 13 existiert nicht mehr. In meinem Besitz befindet sich ein Photo von S. H., darauf steht er, in amerikanischer Uniform, vor den Resten seines Geburtshauses, der Vorderwand mit den hohlen Fenstern und den schwärzlich angesengten, ehemals roten Ziegeln. Er steht da breitbeinig, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Kappe schief auf dem Schädel. Ein Sieger?

Ich weiß noch, was ihm durch den Kopf ging. Daß alles ganz anders war als erwartet, und war dies wirklich die Rückkehr, die Rückkehr zu den Wurzeln? Da war nicht nur der Krieg gewesen, der die Bäume auf dem Platz geknickt und das Haus zertrümmert hatte bis hinein in das Souterrain vorn rechts, wo der Schuhmacher Bernhardt immer gesessen hatte unter seiner weißen Glaskugel, die Holzstifte zwischen den Lippen; auch die Proportionen hatten sich verändert, waren geschrumpft. Aber wenn er die Augen schloß, waren sie alle wieder da, die Bilder der Kindheit, die aus ihm unerfindlichen Gründen stets in Sonnenlicht getaucht waren. Also ein glückliches Kind?

Der amerikanische Soldat vor der übriggebliebenen Vorderwand des Hauses Kaiserplatz 13 schüttelt den Kopf, zuckt die Schultern und geht.

Wie groß die Freude des Kaufmanns Daniel Flieg über die Geburt des Stammhalters gewesen ist, läßt sich schwer sagen; er war ein Mensch, der seine Emotionen selten zeigte, und seinen Kindern gegenüber fast nie. Er muß vieles in sich hineingeschluckt haben, verdrängt, wie man heutzutage sagt, und wenn er des Abends stundenlang in der Sofaecke saß, den Brockhaus auf dem Knie, doch ohne die Seite zu wenden, spürte der kleine Sohn plötzlich die Fremdheit des Mannes, die nicht zuließ, daß man ihm auf den Schoß kroch und sich anschmiegte an ihn.  

Daniel Flieg war ein Pflichtmensch, mit preußisch-gerader Haltung; auf Sonntags­spaziergängen wurde Helmut durch die nach hinten gedrehten Ellbogen der Spazierstock geschoben; der Stock, waagerecht gegen das Rückgrat gepreßt, zwang zu aufrechtem Gang, Kopf hoch, Junge, Brust heraus. Das war dem Jungen nicht einmal unangenehm, und er hatte ja auch nichts einzuwenden gegen eine gute körperliche Haltung; untergründig lag dann, daß man rechtzeitig etwas tun mußte gegen den krummen jüdischen Rücken.

Aber die Pflicht, die zu erfüllen war, war nicht nur eine preußische; sie war jüdisch ebenso, denn sie war Pflicht vor allem der Familie gegenüber. Früh schon war dem Kaufmannslehrling Daniel Flieg durch den Tod seines Vaters, Abraham hatte er geheißen, und den bald darauf folgenden Tod der Mutter die Sorge um die Geschwister auferlegt worden, ihrer sieben an Zahl, darunter fünf Mädchen, die alle der Reihe nach unter die Haube gebracht werden mußten: Recha (vergast), Linka (vergast), Dora (emigriert), Regina (vergast), Liesel (emigriert).

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Ohne eigenes Verschulden war der Kaufmannslehrling Daniel Flieg also in die Rolle des Milchmanns Tewje aus Anatevka geraten, in eine Rolle, der er sich nicht entzog, das wäre undenkbar gewesen, und um deretwillen er die Verse verkümmern ließ, die sich in seinem Kopfe bildeten, und seine Phantasie abschnürte, der nachzuhängen ihm gegeben war. Oh nein, die Mädchen wurden verheiratet, eine nach der anderen, und je jünger die Schwester, desto höher stand der Erkorene im bürgerlichen Leben: die Älteste bekam einen, der nicht viel mehr als ein Schnorrer war, ein seelensguter Mensch und später besonders geliebt von dem Knaben Helmut; die jüngeren wurden Rechtsanwälten und Notaren gegeben, der reicheren Mitgift entsprechend. 

Im tiefsten Innern muß Daniel Flieg die Familie gehaßt haben, deren Patriarch er schon in jungen Jahren war; der Knabe Helmut hatte ein Gespür dafür, auch wenn ihm nicht sofort bewußt wurde, was der Blick bedeutete, die Handbewegung, mit der sein Vater die Tanten empfing, die nun ihrerseits den Kronprinzen mit bewunderndem Jauchzen begrüßten: Ach, was für ein hübsches und begabtes Kind!

Schrimm lag in der Provinz Posen, die Provinz Posen war preußisch, ihre Juden daher deutsche Juden. Aber die russische Grenze lag doch sehr nahe, so nahe, daß der Schatten der Deklassierung auch auf die Schrimmer Juden fallen konnte: waren sie nicht doch vielleicht ostjüdisch eingefärbt? Ostjude aber hieß speckiger Kaftan, Singsang-Stimme, mit den Händen reden. Körpergeruch, faule Geschäfte, hieß verachtet werden von den Goyim, den Ariern, wie sie sich bald nennen sollten. Wollte man das abschütteln, dieses Stigma, wollte man anerkannt werden als Deutscher und als Patriot, so mußte man fort aus dem Posenschen; je weiter nach Westen man ginge, desto besser würde man die Schwestern versorgen, den jüngeren Brüdern die Bahn brechen können für eine solide Zukunft.

Also kam Daniel Flieg, der inzwischen ausgelernt und sich als kaufmännischer Vertreter etabliert hatte, nach Chemnitz in Sachsen, welches mit seiner aufstrebenden Industrie — Textil, Maschinenbau — weit genug von den östlichen Einflüssen entfernt lag, um Fragen bezüglich der Schrimmer Herkunft nicht aufkommen zu lassen, und welches ihm Gelegenheit bot, Fuß zu fassen, sich zu entwickeln, den Schwestern und Brüdern zu helfen, solange sie seine Hilfe brauchten, um dann, endlich, sich selber leben zu können. Die Gelegenheit war eine Einheirat.

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Ich weiß nicht, wer sie zusammenführte, den jungen Kaufmann Daniel Flieg und das Mädchen Elsa, einzige Tochter des Harry Primo, des Junior-Chefs der Firma B. Eisenberg & Sohn, Strumpf- und Wirkwaren, ob es der Zufall war, oder gemeinsame Bekannte, oder gar ein Heiratsvermittler; ihr Sohn Helmut hatte eine merkwürdige Scheu vor derart Fragen an die Eltern; und auch in späterer Zeit, da S. H., Verfasser mehrerer erfolgreicher Romane bereits, schon aus professioneller Neugier hätte nachforschen müssen, vermied er das Thema in seinen Gesprächen mit der Mutter. Aus welchen Gründen auch immer, das Liebesleben der Eltern war ihm tabu; er hat sich, mit einer Ausnahme, über die zu berichten sein wird, stets abgewandt, wenn ein Stück nacktes Fleisch von Vater oder Mutter ihm ins Blickfeld geriet.

 

Das Mädchen Elsa, oder Else, wie sie sich dann nannte, war von ganz eigenartiger Schönheit. Das mag, vom Sohne geschrieben, übertrieben klingen, aber die Rötelzeichnung, die der Maler Weinheimer von ihr angefertigt hat und die dann von den Nazis fortgeschleppt und wahrscheinlich vernichtet wurde, beweist es. Das Bild zeigte ihre sanften Augen, ihre weichen Züge, eine mittelhohe, leicht geschrägte Stirn über gerundeten Brauen, Lippen und Mund wohl proportioniert, ein kleines Kinn mit Grübchen, gutgeformte Ohren, deren eines ein wenig abstand, und dunkles, gewelltes Haar. 

Und dann, S. H. unvergeßlich, war da die Stimme, die weder zu tief noch zu hoch lag und die er nie, hier ist seine Erinnerung zuverlässig, in schrillem Ton oder überlaut gehört hat. In seinem Film sieht er den Kleinen — sechs wird er gerade geworden sein und trägt den Schulranzen auf dem Rücken — wie er die Treppe zur zweiten Etage hinaufeilt, sieht in der Wohnungstür oben, vom Licht angestrahlt wie ein Engel, die Mutter, die ihn erwartet, und wie sie die Arme breitet und ihn zu sich nimmt und er sich an ihren Leib preßt.

Als der Kaufmann Daniel Flieg, zweiunddreißig Jahre alt, die zwanzigjährige Elsa Primo heiratet, ist der alte Eisenberg noch am Leben, der Gründer der Firma, die ihre bescheidenen Büroräume in einem Eckhaus der Moritzstraße hat, ein paar Schritte außerhalb des früheren Befestigungsrings der Stadt. Urgroßvater Eisenberg trug, an schwarzem Band, einen Klemmer auf der Nase; auch besaß er eine laut tickende Taschenuhr, die an zwei über den Bauch geschwungenen Teilen einer goldenen Kette hing und deren Deckel, auf einen Druck des Daumens hin, schnalzend aufsprang und den Blick auf das Zifferblatt und die beiden verschnörkelten Zeiger freigab. 

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Außerdem roch der Urgroßvater immer so angenehm — nach Alter, dachte der Kleine, aber es dürfte wohl ein Eau de Cologne gewesen sein — und hatte in seiner Westentasche eine silberne Schnupftabaksdose, die aber keinen Tabak enthielt, sondern eine Auswahl von Honigbonbons. Der Urgroßvater saß in einem Lehnstuhl aus Rohrgeflecht auf dem Balkon der Wohnung seiner Tochter Jenny, der Frau Primo, und lachte, wenn er den Urenkel aufs Knie nahm. Eigentlich lachte er immer, was der Kleine als sehr lustig empfand und als ebenso angenehm wie den Altmännerduft und die Stimme, die etwas heiser war und, soweit er es beurteilen konnte, voller Güte. 

In den Balkonkästen der Großmutter wuchsen rote Pelargonien, die einen rosigen Schein auf das Gesicht des Urgroßvaters warfen. Sie blühten dort auch noch, als der alte Mann nicht mehr auf dem Balkon saß und die Schnupftabakdose und die Taschenuhr im Schrank hinter Glas lagen. Und dann blühten sie nicht mehr, denn die Großmutter Jenny war tot: der erste Fall von Selbstmord in der an Selbstmördern reichen Familie des S. H.

 

Das Haus Kaiserplatz 13, das im Film des S. H. als Kulisse seiner ersten Jahre dient, hatte ein Parterre mit zwei Wohnungen, eine davon die des Hausbesitzers, des Schuhmachers Bernhardt, und drei Etagen mit je einer größeren Wohnung, und ein viertes oder Mansardengeschoß mit mehreren kleinen Wohnungen für die ärmeren Leute. Aber auch bei den drei Hauptetagen war die Miete gestaffelt, und zwar von unten nach oben billiger werdend; die der Fliegs, im zweiten Stock, lag also genau in der Mitte. Der kleine Helmut jedoch beneidete die Jungen aus dem Mansardengeschoß, denn diese durften barfuß durchs Treppenhaus und über den Hof patschen, während er allzeit Schuhe anhaben mußte; schmutzige Füße mit breit gefächerten Zehen galten ihm als Inbegriff erstrebenswerter Männlichkeit, und das kurzgeschorene, stachlige Haar dieser Jungen zog er der eigenen, vom Friseur Peters geschnittenen Pony-Frisur, einer frühen Version der Brechtschen Haartracht, bei weitem vor. 

Mädchen gab es, soweit ich mich entsinnen kann, im Hause Kaiserplatz 13 keine; sollten doch welche dort gelebt haben, so galten sie Helmut jedenfalls noch nicht als Wesen einer anderen Gattung. Doch nicht nur Schuhe und Frisur erzeugten ihm Unbehagen, die ganze Kleidung jener Zeit war dazu angetan: die an den Schultern zerrende, Leibchen genannte Baumwollweste, an der die Strumpfbänder aus Gummi befestigt waren, die wiederum die Strümpfe hochhielten; 

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die kurzen Hosen, deren Saum im Sommer, wenn man statt der langer Strümpfe Söckchen trug, in den Kniekehlen kratzte; der viereckige Kragen der Matrosenbluse, der einem um die Ohren flappte, dieweil die Bluse selbst, mit schwarzem Bändchen festgezurrt am Bauch, sich bauschte — um wieviel besser hatten es da die Proletariersöhne, die anziehen durften, was ihre älteren Brüder abgelegt hatten oder was sonst so anfiel, und die auf ihre Lappen keine Rücksicht zu nehmen brauchten.

Vor den Matrosenblusen, den blauen oder weißen, war der feldgraue Kittel gewesen, gefertigt aus einem frotteeartigen Stoff und versehen mit drei kugelrunden Knöpfen über der linken Schulter, die, Kokarden ähnlich, in konzentrischen Kreisen die kaiserlichen Farben Schwarz-Weiß-Rot zeigten. So, patriotisch kostümiert, hockte er in der Sandkiste in dem Hintergärtchen, von denen jeder der Mieter des Hauses eines besaß. 

Säuberlich voneinander abgezäunt, reihten sich diese längs eines schmalen Wegs hinter dem Hof des Hauses aneinander, mit Beeten, auf denen Gemüse und Kartoffeln angebaut wurden und Stachel- und Johannisbeeren; es wurde alles gebraucht, denn es war Krieg, der Erste Weltkrieg, und von diesem Krieg ist nicht nur das Bild von dem Kind in dem feldgrauen Kittel geblieben, sondern auch eines, da der Kleine, halb hinter einer Litfaßsäule an der Ecke von Marschall- und Weststraße verborgen, weit aufgerissenen Auges den Vorbeimarsch eines mit Gewehr und Tornister ausgerüsteten Trupps Soldaten erlebt; die Pickelhauben sind bereits mit einem grauen Futteral überzogen, was die Szene etwa ins Jahr 1916 verlegen würde: da ist er drei Jahre alt. 

Der Onkel Karl steht im Felde, der Onkel David ist gleichfalls eingezogen; der Vater allerdings ist unabkömmlich, als Direktor eines Unternehmens, das kriegswichtige Güter für das Heer liefert, nämlich Socken und ersatzwollene Unterhosen. Der Vater sitzt an der Schmalseite des Frühstückstisches und köpft ein Ei; er ist der einzige, dem noch ein Ei serviert wird, denn er ist der Vater; kurze Zeit später ist auch dieses Ei nicht mehr erhältlich. Nach Jahrzehnten noch wird S. H. sein Brot viel zu dick mit Butter bestreichen und, von seiner Frau deswegen getadelt, nach einigem Nachdenken ihr erklären, daß seine Unmäßigkeit wahrscheinlich eine verspätete Reaktion auf die Mangeljahre der Kindheit ist; dabei dürfte der Mangel bei anderen Leuten viel schlimmer gewesen sein; bei Fliegs »gab es immer noch zu essen«, die Redensart prägte sich ihm ein, und selbst wenn Kohlrüben auf den Tisch kamen, war doch noch etwas Fett dabei.

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Im letzten Jahr des Krieges dann, im Frühling 1918, kam der kleine Bruder. Da ist Helmut schon beinahe fünf und durchaus fähig, Geschehnisse bewußt zu erleben und bis zu einem gewissen Grad auch zu verarbeiten, und ich wünschte, ich könnte berichten: dies hat er empfunden, und das sich gedacht. Man könnte natürlich, aus dem Wissen der Psychiater um das Verhältnis von älteren zu jüngeren Söhnen, rekonstruieren, was in dem Kinde vorgegangen sein mag, das nun plötzlich nicht mehr einziges Objekt mütterlicher Liebe und väterlicher Aufmerksamkeit war; aber das wäre eben rekonstruiert, und ich halte es für besser, ich beschreibe das Bild, das sich in meinem Gedächtnis erhalten hat. 

Da steht er, anderthalb oder zwei kurze Jahre später, vor dem kleinen Bruder, der rücklings auf dem Teppich liegt und brüllt und mit den Füßen nach ihm stößt, ein Bündelchen Haß. Was der Ältere dem Jüngeren zuvor angetan hat, bleibt offen, etwas Liebens­würdiges wird es wohl kaum gewesen sein; vielleicht aber war Helmut auch gar nicht schuld an dem Ausbruch, und es handelte sich um eine cholerische Laune Werners — dies der Vorname, den die Eltern dem Bruder gaben —, wie denn der Größere später immer von dem Kleineren behauptet hat, der sei uneinsichtig und verbockt und es sei nicht mit ihm auszukommen. Aber selbst wenn vieles von seiten des Jüngeren kam, wird es wohl Gründe für dessen Trotz und Jähzorn gegeben haben, und einer dieser Gründe mag im Verhalten des großen Bruders gelegen haben.

Auf jeden Fall besteht ein Zusammenhang zwischen den Gefühlen des Älteren seinem Brüderchen gegenüber, was immer diese auch gewesen sein mögen, und jenem Erlebnis auf dem Theaterplatz zu Chemnitz, das, rückblickend betrachtet, das künftige Leben des Helmut Flieg ganz entscheidend beeinflußte: seine erste Begegnung nämlich mit der dunklen Masse, deren Teil er nicht war und nicht werden konnte und die dennoch eine Faszination auf ihn ausübte wie kein anderes Phänomen seiner Zeit.

Der Vater mußte wohl gespürt haben, daß seinem älteren Kind ein Pflaster gebührte für die Wunde, die er und die Mutter ihm geschlagen, und hatte angekündigt, er werde sich die Zeit nehmen, mit Helmut ins Theater zu gehen, zur Weihnachtsvorstellung im Opernhaus — war es Schneewittchen? — Dornröschen? — Peterchens Mondfahrt? — er und der Junge ganz allein, Vater und Sohn. Und nun schritten sie beide, Hand in Hand, die Königstraße entlang, vorbei an dem versteinerten Wald, der rechts neben dem Städtischen Museum steht, bis hin zu der Balustrade, die das Trottoir der Königstraße von dem tiefer gelegenen Theater­platz trennt. 

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Dieser Platz aber ist schwarz von Menschen, dort kommt niemand durch, und von der Fassade des Opernhauses her redet einer zu der Masse, und eine Stimme dicht neben dem Kinde, vielleicht die des Vaters, spricht: »Da wird die Vorstellung wahrscheinlich ausfallen.«

So tritt die Revolution in das Bewußtsein des Kindes. Der Knabe spürt, daß da etwas im Gange ist, wogegen die Macht selbst des Vaters bedeutungslos wird, und die Reden, die heiseren Rufe und Sprechchöre, das Rot der Fahnen und Transparente vereinen sich zu etwas Beängstigendem und zugleich Verlockendem; dies ist spannender als alle Tagträume, die er hat von Räubern und Hexen und heimlichen Verstecken, und er möchte wissen, wie es weitergeht.

Nur es geht nicht weiter. Die Demonstration ist vorbei und die Massen verlaufen sich und der Theaterplatz ist wieder leer. Aber die Kindervorstellung findet trotzdem nicht statt; es ist zu spät dafür geworden, sagt der Vater, schade.

Er ist ein eigenbrötlerisches Kind, das seinen Gedanken nachhängt und seinen Träumereien; stundenlang kann er sitzen und auf das rotblaue Netzwerk des Wäschebeutels an der Tür zur Wäschekammer starren; in seinem Kopf folgen die Phantasiebilder aufeinander von Seereisen und Bergen und Ungeheuern.

Empfindlich wie er ist, zieht er sich zurück, wenn die Jungen aus den oberen Etagen, zumeist älter und kräftiger als er, ihm abweisend oder höhnisch begegnen; da steigt er lieber hinab ins Souterrain, in die Werkstatt des Schuhmachers Bernhardt und hockt dort im weißen Licht auf dem blankgesessenen Gesellenschemel — der Geselle ist im Krieg — und blickt auf die Holzstifte zwischen den Lippen des Meisters, die auf und ab wippen, wenn der sein schwer verständliches Gemümmel von sich gibt über das Leben im allgemeinen, und wie die Leute ihre Stiefel bis zum Geht-nicht-mehr abtragen, bevor sie damit zum Schuster kommen, und wie die Mieter so säumig sind, nicht der Herr Flieg, der zahlt pünktlich; aber auch höchst erstaunliche Geschichten, die der Junge nie glauben würde, kämen sie nicht von dem Schuhmacher Bernhardt, diesem Born von Weisheit und Erfahrung. Zeitweilig hat er auch ein Kinderfräulein, das sich mit ihm beschäftigt, ohne allerdings in seinem Gemüt irgendwelche Spuren zu hinterlassen.

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Dabei ist es gar nicht sein Wunsch, sich abzusondern. Er sehnt sich danach, akzeptiert zu werden, mitspielen, mitlaufen, mitschreien, mitlachen zu dürfen: kurz, hinzuzugehören. Aber die Art und Weise, wie man mit ihm umgeht, vergrößert seine natürliche Unsicherheit, und unter den Größeren ist keiner, der sich seiner annähme, ihn schützte, auch der Erhard aus dem Mansardengeschoß nicht, demzuliebe er das Tabu bricht und seine Schuhe und Strümpfe auszieht und barfuß durch die Pfützen patscht. Er glaubt, daß er zu dicklich ist und zu schwach und ungelenk, um bei den Prügeleien mithalten zu können, die sich im Hof des Hauses und auf den verschlungenen Wegen des Kaiserplatzes wiederholt entwickeln; du hast ihn zu sehr verwöhnt, hört er den Vater zur Mutter sagen; zu sehr verwöhnt ist er also, nicht genügend hart, ein Muttersöhnchen, was soll aus ihm werden, wie soll er sich durchsetzen, wird er immer benachteiligt bleiben und von Glück reden können, wenn die andern ihn dulden?

Vielleicht wird er sich ändern, wenn man ihn mit aller Rücksicht und Schonung einführt in die Gemeinschaft, über die Familie etwa. Ob dieser schöne pädagogische Gedanke nun dem Aufenthalt in Bad Kosen zugrunde lag, der zu einem denkwürdigen Horror im Leben des Kindes Helmut werden wird, oder ob sein Vater meinte, nach so viel Mühe und Geld, investiert in das Eheglück seiner Schwestern, könnten diese sich auch einmal nützlich erweisen, oder ob gar eine der Tanten selber das Unding sich ausdachte: 

Der Plan war, alle Kinder des Clans, die gesamte dem Samen des Schrimmer Urvaters Abraham entsprossene jüngste Generation, unter Aufsicht natürlich, in der herrlichen Umgebung eines kleinen Badeorts mehrere Wochen gemeinsam verleben zu lassen; und da das Ganze, wie üblich, von dem treusorgenden ältesten Bruder Daniel bezahlt werden würde, ergäbe sich als besonderer Bonus ein kostenloser Landaufenthalt für die Schwestern Dora, Regina und Liesel. Ein ganzes Haus wurde am Orte gemietet, und zusammen mit den genannten Tanten reisten an die Berliner Cousins und Cousinen Lutz, Hans und Gerda (emigriert), Alfred und Kurtchen (verstorben, vergast), und Evchen (emigriert), und in deren Gefolge eine Schar anderer Kinder unklaren Verwandtschaftsgrades und mit Namen, die austauschbar waren, und mutterseelenallein aus Chemnitz der Helmut. Kein Wunder, daß er sich erdrückt fühlte und, den besonderen erzieherischen Bemühungen der Tanten ausgesetzt, die Flucht in die Krankheit antrat. Er bekam Ziegenpeter. 

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Er mußte um das geschwollene Gesicht eine weiße Binde tragen, deren säuberlich geknüpfte Knotenenden, Hasenohren gleich, von seinem Kranium in die Höhe standen, und wurde, um die von ihm ausgehende Ansteckungsgefahr zu vermindern, auf Entfernung gehalten; der herzlose Spott, der sich sonst aus kindlichen Mündern über ihn ergossen hätte, wurde von den Tanten, die schließlich wußten, wessen Sohn der arme Kranke war, in lärmendes Mitleid konvertiert. 

Bis dann die Mutter endlich kam und ihn nach Hause zurückholte, hatte sich in Helmut eine Abneigung gegen alles, was mit Familie zu tun hatte, gebildet, eine Abneigung vergleichbar der seines Vaters und die Jahre überdauernd, bis er, nach dem Kriege, den wenigen Überlebenden jener unschuldigen Kösener Truppe wiederbegegnete und mit dem einen oder anderen von ihnen tatsächlich Freundschaft schloß.

Im Alter von sechs Jahren wird er eingeschult.

An Erinnerungen ist geblieben, daß die Mutter mitkam an diesem Tag und nicht der Vater, der mußte ins Geschäft, und daß der frischgebackene ABC-Schütze aufatmete, als sie das Klassenzimmer verließ, um vor der Schule auf ihn zu warten; wohl hatte er Angst vor der neuen Umgebung, spürte aber, daß die zärtliche Hand der Mutter ihn hier nicht mehr schützen konnte; im Gegenteil, ihre Anwesenheit stellte eher eine Belastung dar. Dann der Schulweg: quer über den Kaiserplatz, der nun, die Republik war gekommen, Gerhart-Hauptmann-Platz genannt wurde, die Kaiserstraße entlang, die, so eine Republik war das, auch weiterhin Kaiserstraße hieß, und links um die Ecke in die Heinrich-Beck-Straße zur Heinrich-Beck-Schule, einer achtklassigen Volksschule für Knaben, in der die Kinder von Reich und Arm nebeneinander saßen. Dann das Häusliche: das Pult, mit schräger Platte, das ihm ins Kinderzimmer gestellt wurde und auf dem er seine Arbeiten schrieb; die ersten Klavierstunden, neben ihm am Instrument Frau Holl, die, ihre Brille schief auf der Nase, mit dem Bleistift den Takt schlug.

Und dann der erste Schulausflug, bei dem der Klassenlehrer, Herr Weber, vornan schritt und das Kind Helmut sich so dicht wie möglich an ihn zu halten suchte, um nur ja keine seiner Erläuterungen zu versäumen über die Natur und andere lehrreiche Gegenstände — und aus Bedürfnis nach Schutz. Schutz vor wem, gegen was? Woher die Bedrohung? Und wieso sollte dieser Mann mit dem kurzgeschnittenen grauen Haar und der goldgerahmten Brille auf der Nase gerade ihn beschützen wollen? Nahm er denn überhaupt Notiz von ihm?

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Das Erschreckende, das den kleinen Jungen Schutz suchen ließ bei dem einzigen, von dem er Schutz erhalten zu können glaubte, dem Lehrer, war die Erfahrung totaler Vereinsamung in der Menge, die um ihn herum quirlte; dies war anders als im Klassen­zimmer in der Schule, dort gab es eine gewisse Ordnung und man wußte, hier gehörte man hin und dort nicht. Doch statt nun Verbindung herzustellen zu den Gleichaltrigen, saß er auch im Wirtshausgarten, wo gerastet wurde, abseits, nippte an der rosa Brause, die er mit den Groschen bezahlt hatte, die ihm die Mutter vor dem Abmarsch sorglich zugesteckt, und hätte auch sein Frühstücksbrot alleine verzehrt, wenn nicht welche gekommen wären, die es so begehrlich betrachteten, daß er es mit ihnen teilte.

Denn dies war die Hungerzeit nach dem Kriege. Er wußte Bescheid; oft schon war er in den Lebensmittelladen in der Germaniastraße zum Einholen geschickt worden und hatte gesagt bekommen, was es alles nicht gab, und war vom Vater aufs Land mitgenommen worden, nach Niederdorf im Erzgebirge, wo die Firma B. Eisenberg & Sohn, mit Herrn Oertel als Verwalter, in einem schuppenartigen Bau, der den Namen Fabrik nicht verdiente, aus irgendwelchen minderwertigen Garnen Socken herstellte. 

Herr Oertel, ein kleiner Mann mit fülligem Bauch und einem Schlapphut auf dem Kopf, wie Bismarck ihn in seinen letzten Jahren getragen hatte, und hellen großen Augen wie Bismarck und einem Schnauzbart wie der Fürst, hatte seinen rechten Zeigefinger in einer Wirkmaschine verloren, was Helmut erschauern ließ, wenn er ihm die Hand drücken mußte; dafür aber hatte Herr Oertel alle möglichen Dinge auf Lager, die man sonst nirgendwo mehr sah. Seine Frau verpackte eine Auswahl davon sorgfältig in Körbe zum Mitnehmen, während Herr Oertel dem kleinen Sohn seines Chefs die Anatomie des Schweins erklärte, von dem all die Schätze stammten, und ihm schließlich mit einem »Da hast du!« ein Stück Wurst in den Mund schob. 

In der Schule versuchte man, dem Hunger mit Hilfe der Amerikaner zu steuern, die im Krieg Feinde gewesen waren und die nun Semmeln und heißen Kakao für deutsche Kinder über das Meer schickten. Das Unternehmen hieß Quäkerspeisung, niemand wußte warum und wer diese Quäker waren, und in der großen Pause früh mußte man sich dafür anstellen. Auch Helmut erhielt seine Semmel und seinen Kakao, und S. H. hat, als er in späteren Jahren wirklichen und leibhaftigen Quäkern begegnete, stets nur die freundlichsten Gefühle für sie gehabt.

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Er war, obwohl oft in sich gekehrt und scheinbar geistesabwesend, so daß die zwischen den Reihen der Schulbänke patrouillierenden Lehrer ihn grob anstießen, ein wissbegieriges und aufnahmefähiges Kind, das ohne Schwierigkeiten rechnen und lesen und schreiben lernte, in Sütterlin-Schrift, mildem zweigestrichenen kleinen e und dem langen und dem runden s, und dem das richtige Buchstabieren kein Problem war. Mit dem Rohrstock bekam er nur dann eines über die gestreckten Finger, wenn er mit Spucke gefestigte Papierkügelchen verschoß, was er nicht etwa tat, um seine Treffsicherheit zu zeigen, die besaß er in höchst geringem Maße, sondern eher um zu beweisen, was für ein tolles Kerlchen er war und wie er doch verdiente, von den andern als einer der ihren betrachtet zu werden. Doch er war und blieb in einer Ausnahmestellung, die er vielleicht stärker empfand, als seine Mitschüler es taten. Die machten sich seinetwegen kaum irgendwelche Sorgen, sondern schoben ihn, wenn er sich zu auffällig unter sie zu mischen suchte, einfach beiseite.

Der Gedanke, dies könnte der Andersartigkeit seiner Eltern wegen sein, also weil er jüdisch war, kam ihm schon im zweiten oder dritten Jahr seiner Volks­schulzeit; er konnte sein Judentum auch nicht verbergen, weil er vom allgemeinen Religionsunterricht, der früh am Morgen stattfand, befreit war und dafür an zwei Nachmittagen zur Schule zurückkehren und beim Rabbiner Fuchs jüdische Geschichte und beim Lehrer Sommerfeld Hebräisch lernen mußte, und weil er an den hohen jüdischen Feiertagen überhaupt nicht zur Schule kam und dafür vor der Synagoge, die am Ende der Heinrich-Beck-Straße stand, zusammen mit lauter Herren in Gehrock und Zylinder gesichtet wurde. 

Gewiss, die Erzählungen des Rabbiners Fuchs von den Makkabäern und anderen Helden, zu denen er, Helmut Flieg, nun eine persönliche Beziehung haben sollte, entschädigten zeitweilig für diese Nachteile und zeigten, daß eine Position als Außenseiter mitunter auch Anlaß zu Stolz geben konnte; doch wurde der kindliche Stolz auf das Jüdische erheblich abgebaut durch den Lehrer Sommerfeld, der mit dem breiten Ende seines Zahnstochers im Ohr zu polken pflegte und mit demselben Zahnstocher dann im Siddur, dem hebräischen Lehrbuch, seinem Schüler die Stelle wies, an der er mit lauter Stimme weiterzulesen hatte, auf diese Weise die Hieroglyphen des Textes mit kleinen fettigen Flecken versehend.

Aber wieso galt das alles nicht für den Schüler Gattl, der das gleiche religiöse Handicap zu überwinden hatte wie er und der, mit seinen dicken roten Fäusten und seiner durch einen Unfall plattgedrückten Nase und seinem ordinären Wortschatz, sogar als einer der Rädelsführer der Klasse anerkannt war? 

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Demnach lag es nicht nur daran, daß er ein jüdisches Kind war; es mußte da noch etwas sein bei ihm, etwas schwer Definierbares, von dem er nicht einmal der Mutter erzählen konnte, sie wäre zu traurig gewesen und wäre vielleicht sogar, schrecklicher Gedanke, zu den Lehrern gelaufen, um sie um Hilfe zu bitten oder, schlimmer noch, sich bei ihnen zu beschweren; der Vater kam als Vertrauensperson sowieso nicht in Frage, der hatte, wie der Sohn immer wieder hörte, geschäftliche Sorgen. Was aber tun? Er, den es so sehr danach verlangte, Teil zu werden der Gemeinschaft, die allein Sicherheit verhieß, ging noch mehr auf Distanz, schwieg, wenn er hätte mitlärmen sollen, und lärmte, wenn Stille angebracht war. Zum ersten Male damals vernahm er das Wort Arroganz, das ihm Jahre hindurch anhaften sollte, ein arroganter Bengel, ein arroganter jüdischer Bengel.

In diese Zeit fällt der Umzug.

Das Haus am Kaiserplatz war Mittelklasse gewesen, untere Mittelklasse; Personen aber, die es sich leisten konnten, in die Hoffmannstraße zu ziehen, in das noch einzeln stehende Doppelhaus Nr. 58/60 mit den zwei dekorativen Eingängen und den beiden halbrunden Türmen oberhalb der Fassade, nicht mehr Jugendstil und noch nicht Neue Sachlichkeit, durften sich zur oberen Mittelklasse zählen; die Bourgeoisie, die echte, hauste in eigenen Villen. 

Wieso dieser Umzug plötzlich möglich war, wurde dem jungen Sohne nicht erklärt; ein paar Jahre später, nachdem er etwas vom Geschäft mitbekommen hatte, rechnete er sich aus: Strümpfe und Untertrikotagen waren Sachwerte; Sachwerte überdauerten die Inflation, durch die anderer Leute Vermögen vernichtet wurde. Von der Inflation selbst wußte er schon, als sie vor sich ging, durch die in die Höhe schnellenden Summen seines Taschengeldes und den rasch kletternden Preis der Zeitschrift Heiterer Fridolin, die er abonnieren durfte; dann, plötzlich, erhielt er als Taschengeld einen kleinen grauen Schein, auf dem stand als Wertangabe Eine Rentenmark; mit dem alten Geld, mit den hohen Zahlen darauf, so wurde ihm gesagt, ließe sich eine hübsche Sammlung anlegen.

In der neuen Wohnung, im Parterre des Hauses in der Hoffmannstraße, um deren Fenster sich bereits die ersten Schößlinge wilden Weins rankten, gab es ein Herrenzimmer, holzgetäfelt, einen Salon mit kostbarer blau-silberner Tapete, in dem der Flügel stand und, neben dem Bild der schönen Mutter, Weinheimers Porträts der Kinder Helmut und Werner hingen, ferner das Speisezimmer und, durch eine Schiebetür erreichbar, das eigene Zimmer des älteren Sohns, der bald anstelle des Schülerpults einen richtigen Schreibtisch erhielt.

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Dann war da ein Wintergarten mit weißen Korbmöbeln und vielerlei Pflanzen, durch den man auf die mit Steinplatten belegte Terrasse gelangte und von dort aus, ein paar breite Stufen hinunter, in den zu dem Ganzen gehörenden Garten mit Laubenkolonnade. 

An dem zweiten Trakt der Wohnung, der von der vorderen, der herrschaftlichen Toilette in rechtem Winkel abging, lagen Küche und Kammern, eine zweite Toilette, das Dienstmädchenzimmer, und ganz am Ende, wiederum mit Ausblick auf den Garten, das eheliche Schlafzimmer mit Bad und das Kinderzimmer für Klein-Werner. Ein Schloß also, nur daß der Vater es eher mürrisch in Besitz nahm; er sah die Familientreffen voraus, die Schwestern herbeischwirrend zu den unpassendsten Zeiten, und was sonst noch auf ihn zukommen würde an neuen gesellschaftlichen Verpflichtungen, die ihn abhielten von seinem Brockhaus; und tatsächlich hinterließ auch sehr bald der stellvertretende Staatsanwalt Kurt Cohn (KZ, dann emigriert, später hoch angesiedelt im Justizwesen der DDR), als er seine Glatze an die Tapete im Salon lehnte, auf dem blau-silbernen Muster einen weithin sichtbaren Schweißfleck, den zu beseitigen dem Vater selbst mit Hilfe von Löschpapier und Bügeleisen nicht gelang. 

Und von der Hoffmannstraße aus, die Weststraße hinunter, vorbei an dem Vorgarten der Konditorei Freund und der Villa derer von Graisowsky, deren Tochter Jutta einen so aufreizenden Gang hatte, ging auch bald, nachdem er das vierte Jahr der Volksschule mit sehr zufriedenstellenden Noten abgeschlossen hatte, der Sextaner Flieg in das an der Hohen Straße gelegene Staatsgymnasium.

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Von jetzt an werden die Erinnerungen vielfältiger, zu den Empfindungen des Kindes treten Beobachtungen hinzu und Reflexionen; Meinungen bilden sich heraus und gewisse Haltungen, aus noch zu untersuchenden Gründen zumeist gegen die der Eltern und Lehrer und anderen Autoritäten gerichtet; eine kleine, durchaus nicht immer angenehme Persönlichkeit entsteht. 

Es muß nicht leicht gewesen sein, mit ihm auszukommen, und ich wäre nur ungern sein kleiner Bruder gewesen; wie oft war er hochfahrend und stets suchte er, war nicht ein Stärkerer da als er, seinen Willen durchzusetzen; dabei war er voller Selbstzweifel, die er durch Leistung zu überspielen strebte oder durch Vortäuschung einer Überlegenheit, die er in Wahrheit oft gar nicht besaß; ging die Sache dann schief und kam die unvermeidliche Depression, lernte er diese zu überwinden, indem er seine Phantasie um sich zog wie eine Regenhaut und ein neues Rollenspiel erdachte, in welchem er am Ende dennoch siegreich blieb. 

Trotzdem muß er etwas wie Charme besessen haben, denn immer wieder stellen sich jetzt Menschen ein, ältere zumeist, die sich für ihn interessieren und ihm zu helfen suchen und deren Geduld und Zuneigung er oft genug belohnt, indem er sie vor den Kopf stößt. 

Eine Zeitlang hat sich in den Papieren seiner Mutter ein Aufsatzheft erhalten, in das der Lehrer, welcher es war, weiß ich nicht, unter die Zensur die Bemerkung schrieb: <Der Flieg will anscheinend die Welt verändern!>  

Und der Turnlehrer Scharsich — dies ist überliefert — sagte, als er 1945 erfuhr, daß ein amerikanischer Soldat in das sowjetisch besetzte Chemnitz gekommen sei und dort das Staatsgymnasium aufgesucht habe, wo er schnurstracks durch das Gebäude hindurch, über den Schulhof und in die Turnhalle ging, dort eine hölzerne Keule entwendete und wieder verschwand: »Das kann nur der Flieg gewesen sein.«  

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