§ 21
113-114
Die Geschichte des Untiers ist erfüllt,
und in Demut harrt es des doppelten Todes —
der physischen Vernichtung und
des Auslöschens der Erinnerung
an sich selbst.Kein Überlebender wird sein Gedächtnis bewahren;
keine Sage wird von den Prüfungen berichten, die es heimsuchten;
die Qualen benennen, die es litt; —
um der großen, der universalen
Erlösung willen.Über dem nackten Fels seiner Heimat aber wird Frieden sein,
und auf den Steinen liegt der weiße Staub des Organischen
wie Reif.Das Reißen und Schlingen, das Zermahlen und Ausbluten, das Stechen und Kröpfen,
dieser ohne Unterlaß wütende Bürgerkrieg alles Lebendigen —
ist nie gewesen,und der Geist, der sich endlich aufgesetzt hat
über den Hinterläufen
und bei sich beschloß, daß es genug sei,
ist zu seinem eigenen Hirngespinst
geworden.In einem Feuerwerk ohnegleichen ist er untergegangen,
und mit dem Aufsteigen der letzten Rakete sind die Spuren getilgt,
die ein Einzeller in Äonen hinterließ
und die das Antlitz der Erde furchten
— wie sonst nur Gletscher
und Glaziale.Den Nachruf setzt die anthropofugale Vernunft zu Lebzeiten auf —
und billigerweise wird er seine Urheberin nicht überdauern.Doch die Materie ist großmütig
und hat uns von Urbeginn ein Mahnmal an den Himmel gerückt,
das uns fürderhin zugleich zum kosmischen Grabstein und Triumphbogen taugen soll:Nacht für Nacht steigt der Mond über den Horizont
und stellt uns in schroffer und makelloser Schönheit
die irdische Nachgeschichte paradiesisch vor Augen.Ermannen wir uns!
Überführen wir sein transzendentales Ideal in die sublunare Wirklichkeit!
Vermonden wir unseren stoffwechselsiechen Planeten!Denn nicht bevor sich die Sichel des Trabanten hienieden in tausend Kraterseen spiegelt,
nicht bevor Vor- und Nachbild — Mond und Welt — ununterscheidbar geworden sind
und Quarzkristalle über den Abgrund einander zublinzeln im Sternenlicht,nicht bevor die letzte Oase verödet,
der letzte Seufzer verklungen,
der letzte Keim verdorrt ist,wird wieder Eden sein auf Erden.
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Ende
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Das Untier von Ulrich Horstmann