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5  Crescendo oder Horch, was explodiert denn da? 

 

Thesen  

 

 

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Daneben benötigen wir nicht weniger, sondern mehr naturwissenschaftlich-technische Forschung und mehr industriellen Einsatz zur Schaffung erneuerbarer Energien und sinnvoller Recycling-Systeme. 

Die zeitgeistgetragene ökoduselige Schadstoffkammerjägerei begeistert allenfalls Endzeitlemminge, lenkt aber von dem eigentlichen Problem ab und bewirkt letztlich nur eine Vergeudung von Kapital, von immer knapper werdender Zeit und leider auch von Ressourcen.

 

   Wachstum ohne Ende oder Ende der Fahnenstange?   

 

Als am 11.4.1996 bei einem Großbrand am Düsseldorfer Flughafen 17 Menschen umkamen, stellte sich heraus, daß Fahrlässigkeit und Baufehler dafür verantwortlich waren. Obwohl auch PVC brannte, sind alle Opfer durch Kohlenmonoxid, das bei sämtlichen Bränden auftritt, umgekommen. So berichtet es im April 1997 die offiziell eingesetzte wissenschaftliche Untersuchungskommission. Dennoch veranstalteten unsere Hysterieprofis das übliche Ökotrara. 

In der Bundestag-Drucksache 13/4729 behaupteten die Grünen wahrheitswidrig, daß die PVC-Kabelisolierungen für die schnelle Brandausbreitung ursächlich verantwortlich gewesen wären. Durch den sogenannten "Zündschnureffekt" hätten mit diesem Material ummantelte Kabel den Brand "dramatisch rasch" weitergeleitet. Das kann nur von naturwissenschaftlichen Legasthenikern geglaubt werden, denn PVC ist schwer entflammbar.

Dann aber kam der Öko-Kindergeburtstag. Greenpeace rückte mit einem Meßtrupp an, und auch Messungen der Flughafengesellschaft ergaben "erschreckende" 123 pg Dioxin/kg Ruß. Damit war der geltende Grenzwert um das Zehnfache überstiegen worden. Hätte man den Grenzwert aus ökopathischen Gründen um ein Zehntel niedriger festgelegt, so wäre sogar ein 100fach überhöhter Wert gefunden worden. Was soll's? Erstens ißt kein Mensch den Ruß, zweitens liegen keine Tonnagen davon herum, und drittens gilt nach wie vor das auf den Seiten 207 bis 217 Geschriebene! Im übrigen hat man bei den heute geltenden Dioxingrenzwerten aus politischen Gründen einen Sicherheitsfaktor von 1000 und mehr eingebaut. Hätten wir 20fach höhere Grenzwerte festgelegt, wäre immer noch ein Sicherheitsfaktor von 50 gegeben und der Dioxingrenzwert am Düsseldorfer Flughafen nur zur Hälfte erreicht worden.

Die ökohysterische Mikrogramm- und Becquerel-Sackhüpferei lenkt vom eigentlichen Problem ab, das übrigens nicht nur die Bundesrepublik betrifft. Trotzdem vergeuden wir für umweltkosmetische Bemühungen Kraft, Zeit, Energien, Kapital und wissenschaftliche Anstrengungen, die anderweitig sinnvoller eingesetzt wären. Die Musik spielt am ganz anderen Ende - und das sind äußerst schräge Töne!

Eine Schätzung der Menschen, die in den letzten 600.000 Jahren lebten, kommt auf eine Zahl von etwa 77 Milliarden.' Geht man davon aus, daß diese Zahl stimmt, so leben allein heute 7,5 % dieser 77 Milliarden. Vor 10.000 Jahren, also in der Jungsteinzeit, lebten schätzungsweise 5 bis 10 Millionen. Um 6000 v. Chr. waren es immer noch nicht mehr als 6 bis 10 Millionen. Dies entspricht in etwa der heutigen Bevölkerung einer Großstadt wie Tokio (6,7 Millionen) oder New York (12,3 Millionen). Wie gesagt, das war damals die gesamte Erdbevölkerung. Um Christi Geburt lebten 252 Millionen, die sich bis zum 30jährigen Krieg auf etwa 610 Millionen vermehrten. Kurz danach aber setzte die Bevölkerungsexplosion ein; der Zeitraum, in dem sich die Bevölkerung verdoppelte, wurde immer kürzer. Um 1800 gab es knapp eine Milliarde Menschen, 1950 waren es bereits 2,5 Milliarden, und heute, nur 45 Jahre später, bevölkern knapp 6 Milliarden die Erde (Bild 23).

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Bild 23: Die Entwicklung der Erdbevölkerung in den letzten 8000 Jahren

 

 

Es handelt sich hierbei um eine stille Explosion, deren Auswirkungen sich schleichend bemerkbar machen. Das Ganze geschieht so unauffällig wie das Altern: Man betrachtet sich jeden Tag im Spiegel und stellt fest, daß man noch so wie gestern aussieht. Kaum ein Politiker beschäftigt sich ernsthaft mit der Eindämmung der Bevölkerungsexplosion! Da ist es schon einmal wohltuend, wenn jemand wie der FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle im FAZ-Magazin auf die Frage "Was ist für Sie das größte Unglück?" antwortet: "Die Überbevölkerung."

Die in den letzten Jahren angeschwollene Verkehrslawine, der sich in den nächsten Jahren verdoppelnde Flugverkehr, auf dessen beschäftigungswirksamen Effekt unsere Dienstleistungsgesellschafts-Enthusiasten so sehr setzen, das sind laute, hörbare Ereignisse, die niemandem verborgen bleiben. Die bekommt jeder mit. Genauso wie den alltäglichen Gutmenschenklamauk, wenn beispielsweise ein Castor-Behälter von ökomarxistischen Schwesterchen und Brüderchen in die Zwischenlagerhöhle begleitet wird. Dies ist für unser eigentliches Problem ebenso uninteressant wie die "ultragefährlichen" Arsenspuren im Sand von Kinderspielplätzen oder in Babysäften.

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Die Bevölkerungsexplosion, die die eigentliche Ursache aller Umweltverschmutzung ist, ist in den Medien und der Politik ein Tabuthema. Unter dem Stichwort "Vergreisung der Gesellschaft" tun deutsche Politiker sogar alles, damit die Bundesbürger wieder mehr Kinder in die Welt setzen. Der Öko-Musterknabe Deutschland gibt angesichts der herannahenden Betonwand volkspädagogisch Gas, damit der Aufprall nicht so hart wird! Die Eltern, die heute hellauf empört sind, wenn Mikrospuren eines Pflanzenschutzmittels in der Babynahrung gefunden werden, und ernsthaft glauben, die Gesundheit ihres Kindes sei dadurch gefährdet, machen sich keine Gedanken darüber, daß ihr Sprößling dereinst vielleicht von den Enten im Wald plattgetreten wird, nämlich dann, wenn die Erdbevölkerung bei einem jährlichen Wachstum von 97 Millionen in 40 Jahren auf 11,1 Milliarden explodiert ist. Jede Sekunde beträgt der Geburtenüberschuß drei Erdenbürger. Das ist täglich eine Großstadt mit rund 265.000 Einwohnern, so groß wie etwa Magdeburg oder Wiesbaden.

Bereits um 1810 hatten wir die erste Milliarde Erdenbürger erreicht. Über 12.000 Jahre hat es gedauert, bis diese Milliarde erreicht war! Heute schaffen wir eine solche Milliarde locker in der Zeitspanne von 1995 bis 2005!

Weil es hinreichend Absurditätsvirtuosen unter den Politikern gibt, die sich immer noch hinstellen und die Geschichte von der aussterbenden Bevölkerung herunterleiern, rentiert es sich, ein paar vollkommen absurde Rechnungen aufzustellen. Geht man von einer Verdoppelungszeit von 41 Jahren aus, so gibt es bei ungebremstem Wachstum um das Jahr 2630 nur noch Stehplätze auf dem Globus.

Isaac Asimow rechnet noch weiter:1 Die Gesamtmasse aller menschlichen Körper wird im Jahr 3550 gleich der Gesamtmasse der Erde sein. Und wenn es dann immer noch genügend Unwohlmeinende gibt, die uns einreden, wir müßten bei unserem generativen Verhalten auch einmal an unsere Rente denken, und wenn genügend religiöse Wahrheitsbesitzer immer noch den Fruchtbarkeitskult predigen, dann werden wir uns bis zum Jahr 3550 schon längst immer weiter fortpflanzend ins Weltall aufgemacht haben.

Schon jetzt kommt es immer häufiger zu handfesten Konflikten um knappen Siedlungsraum und um Agrarfläche, wie in Ruanda. Auch wenn der Saunakaiser mehr Fiction als Science sein dürfte, atmet heute bereits jeder der 5,7 Milliarden Menschen mindestens 0,21 t CO2 aus, die meisten dürften es sogar auf 0,45 t bringen (s.S.283). Geht man von der letztgenannten Zahl aus, so werden jährlich 2,6 • 109 t Kohlendioxid allein durch die menschliche Atmung emittiert. Zur Erinnerung: Das entspricht der CO2-Emis-

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sion der 1994 weltweit vorhandenen über 500 Millionen Pkw. Aber im Kampf gegen den automobilen Wahnsinn meinen die regierenden Ökokosmetiker einen wichtigen Beitrag zur Rettung der heilen Welt zu leisten. Da lachen doch die Ökohühner!

Die theoretische Maximalbevölkerung wird nicht nur vom Mindeststehplatz her beschränkt, sondern auch von der Zahl der Zellen. Die Gesamtzahl der Zellen aller Lebewesen auf der Erde beträgt 1030. Die Gesamtzahl der Zellen aller heute lebenden Menschen ist 1023. Demnach könnten theoretisch zehnmillionenmal so viele Menschen wie heute leben, bis alle Zellen auf die menschlichen Körper verteilt wären. Da jeder Organismus und ganz besonders der Mensch nur auf Kosten eines anderen leben kann, müßten wir uns aber ein besonderes Recyclingsystem ausdenken, damit wir nicht schon vorher die Erde kahlfressen.

Auch die chemischen Elemente begrenzen die maximal mögliche Menschenzahl. Ihre Verteilung in der Erdrinde und im menschlichen Körper sieht folgendermaßen aus:

 

Tabelle

 

Kohlenstoff ist das limitierende Element. Spätestens wenn es unter bzw. in den Menschen aufgeteilt ist, ist Schluß mit der Fortpflanzung, und wir müssen uns ein neues Rentensystem ausdenken. Wann ist das der Fall?

Ein Mensch mit 70 kg Gesamtgewicht enthält 14 kg Kohlenstoff. Das Gesamtvorkommen des Elements in der Erdrinde beträgt 2x1016 t. Demnach wären 1,43x1018 Menschen möglich. Bei der oben angegebenen Verdoppelungszeit von 41 Jahren haben wir den Kohlenstoff der Erdkruste im Jahr 3141 verteilt. Die angegebene Kohlenstoffmasse umfaßt aber auch den anorganischen Kohlenstoff. Nimmt man nur die in der Biosphäre verfügbare Kohlen-

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stoffmasse von 1,84 • 1012 t, so sind maximal nur 1,3 • 1014 Menschen möglich. In dem Fall haben wir die Grenzen des Wachstums der menschlichen Körper bereits um das Jahr 2590 erreicht. Bis dahin wird sich auch die Kirche etwas Neues einfallen lassen müssen. Vielleicht ist der Spruch "Seid fruchtbar und mehret euch" nur ein Übersetzungsfehler. Schon heute beansprucht die Menschheit 40 % der durch Photosynthese an Land erzeugten organischen Materie für sich!2 Man muß sich hier schon einmal fragen: Ist der Mensch als Krone der Schöpfung und sind die Regierenden als Krone des Durchblicks noch ganz klar im Kopf, wenn sie für mehr Kinder plädieren? Jede Bevölkerung, die von sich aus ihr generatives Verhalten reduziert, verhält sich vernünftiger als ihre Politiker.

Die Überbevölkerungsdebatte ist alt. 1798 führte der englische Pfarrer und Sozialforscher Thomas R. Malthus in seiner Streitschrift "An Essay on the Principle of Population" das Elend seiner Zeit auf das Anwachsen der Bevölkerung zurück. Nach seinen Überlegungen wächst die Bevölkerung in einer geometrischen Reihe, während die Bodenerträge nur arithmetisch anwachsen. Da die Nahrungsmittelversorgung nicht nur die Zahl der Menschen begrenzt, sondern Ursache des Pauperismus ist, gibt es nach Malthus nur einen Ausgleich durch Vorbeugung (späte Heirat, Enthaltsamkeit) oder durch Wiedervernichtung von Leben durch Seuchen und Kriege. Der erste Teil der These von Malthus ist inzwischen widerlegt. Schließlich ist es der Chemie gelungen, den Ernteertrag gegenüber dem 19. Jahrhundert zu vervielfachen, und außerdem hat man die "Pille" erfunden. Das ist ein Segen und kein Fluch, denn: "Jedes heute nicht gezeugte Kind bedeutet einen Arbeitslosen und damit einen Unzufriedenen weniger im Jahr 2010."3 Die Malthussche Seuchen- und Kriegsthese ist heute aber nach wie vor brandaktuell!

Der 1972 erschienene Bericht des Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums" lenkte die Öffentlichkeit leider vom Problem der Bevölkerungsdynamik ab und nannte die industrielle Betätigung des Menschen mit ihrer Umweltbelastung und die Endlichkeit der Ressourcen als limitierende Faktoren. Im Klartext: Das Bevölkerungsproblem löst sich, weil wir an unserem eigenen Dreck ersticken werden. Aber vorher gehen die Rohstoffe zu Ende. Daß aktiv etwas gegen die Überbevölkerung getan werden muß, klingt zwar hier und da an, ist aber nicht die eigentliche Botschaft der Ökotanzlehrer. Zunächst drücken sich die Club-Mitglieder etwas zurückhaltend aus und formulieren: "Umweltverschmutzung

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könnte die Lebenserwartung der Menschen beeinflussen." Aber auf Seite 107 ihrer Home-made-Apokalypse4 sind sich die Endzeitpropheten sicher: "Umweltverschmutzung beeinflußt die Lebenserwartung mit Sicherheit negativ." Wer hätte das gedacht. Auf solch eine Offenbarung haben 68er Hobbydurchblicker gewartet. Mit der Umweltverschmutzung als Menschheitsproblem Nummer eins erlöste 1972 der Club of Rome die jungen Patentrezeptler vom Frust und gab den Startschuß zum heute grassierenden sanften Öko-Wahn.

Auf Seite 137 seines Berichts läßt der "Club of Foam" (Erich Wiedemann) schließlich die ökomarxistische Katze aus dem Sack und vertritt die Auffassung, daß auf der Welt zuviel Kapital vorhanden sei: "Die Feststellung, daß das weitere Wachstum von Bevölkerung und Kapital jetzt bald gebremst werden muß, wird sehr viel Widerspruch erregen. Dennoch wird kein vernünftiger Mensch ernsthaft behaupten wollen, daß das materielle Wachstum auf diesem Planeten endlos fortgesetzt werden könne."

In einem Land wie der Bundesrepublik, in dem man den Neid und die Mißgunst erfunden haben könnte, trifft so etwas auf offene Ohren. Zur Erinnerung: Der posthum zum Grundlagenforscher der heutigen Neidgickel-Hackerei gewordene Karl Marx wurde nicht nur in Trier geboren, sondern hat trotz der x-fach belegten Untauglichkeit seiner Philosophie noch jede Menge offene und heimliche Anhänger in der Bundesrepublik.

Statt sich mit dem Umweltproblem Nummer eins, der Überbevölkerung, zu befassen, wurden die Wohlstandsmäkelei und die Nanogrammjägerei (0,000.000.001-g-Jägerei) zum Ökorenner mit Fetischcharakter erhoben. Damit haben die intellektuellen Empörungsprofis letztlich erreicht, daß 20 Jahre aktive Bevölkerungspolitik verschenkt wurden! Bleibt zu fragen: Wie intelligent sind eigentlich Intellektuelle?

 

Zum Waldsterben braucht's keine Technikgesellschaft

Nicht das Kapital, sondern schon allein die ganz schlichten Grundbedürfnisse der Menschen verursachen erhebliche Umweltbelastungen, und das wiederum hat ausschließlich etwas mit der Bevölkerungsdynamik zu tun! Hierzu ein Beispiel. Im Mittelalter

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war Europa etwa zu 70 % mit Urwald bedeckt. Er war zwar nicht mit von Baum zu Baum springenden Affen bevölkert, aber mit Bären, Auerochsen, Wildschweinen, bösen Geistern, Hexen, Einsiedlern und Räubern. Heute hat die europäische Waldfläche nur noch einen Anteil von 38 %. Dies aber nicht, weil wir die Bäume fällten, um den Boden mit Straßen zu versiegeln, sondern weil bereits im Mittelalter eine Bevölkerungsexplosion stattfand. Im 14. Jahrhundert lebten in England, Frankreich und Deutschland 40 Millionen Menschen. Wäre die Zuwachsrate gleichgeblieben, so würden heute in den genannten Ländern nicht 200 Millionen leben, sondern 1000 Millionen, sprich eine Milliarde.

Die oben genannten 40 Millionen Menschen verbrauchten den Wald als Energie- und Rohstofflieferanten, wobei der Schiffsbau, die Salinen und die Glashütten die größten "Waldfresser" waren. Auch Bäcker, Brauer, Köhler, Schmiede, Töpfer, Kalk- und Ziegelbrenner hielten sich nicht zurück. Jedes Jahr hat man, allein um das Grundbedürfnis an Salz zu befriedigen, unter den Sudpfannen von Lüneburg und Reichenhall 200.000 Festmeter Holz verheizt. Es ging also nicht um Luxus, mit dem man heute das schlechte Gewissen in den "reichen Ländern" anheizt, sondern nur um die Befriedigung der Grundbedürfnisse!

Um 1500 holzten die 10.000 Einwohner des Großdorfes München jährlich einen kleinen Wald ab, indem sie 14.000 Festmeter Brenn-, Bau- und Werkholz verbrauchten. Obwohl kein saurer Regen fiel und niemand den Zündschlüssel umdrehte, lebte man vor 500 Jahren auch nicht gerade nach dem ökologischen Reinheitsgebot. Auch das ist interessant: Um 11 Roheisen zu gewinnen, wurden seinerzeit 8 t Holzkohle eingesetzt, zu deren Herstellung wiederum 30 t Holz geschlagen wurden. Wenn nicht die Pestzüge und der 30jährige Krieg die Bevölkerung dezimiert hätten, wäre der Wald längst verschwunden!5

Apropos Wald. Trotz über 20jährigen Waldsterbens nimmt die Waldfläche in Deutschland heute ständig zu - weil eben kein Raubbau mehr betrieben wird. So gab es 1950 in der alten Bundesrepublik nur noch 7,018 Millionen Hektar Wald. Diese Fläche stieg bis 1989 um 5,5 %.6 Würde jeder Erdbewohner 1,4 Festmeter verbrauchen, wie das die Münchner um 1500 taten, so benötigten wir jährlich 8 Milliarden Festmeter. Das wäre das Fünffache der Rundholz-Weltproduktion! Auch das belegt: Wir sind bereits jetzt schon zu viele!

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Das Waldproblem macht sich nur deshalb nicht so stark bemerkbar, da seit dem 19. Jahrhundert die Kohle und im 20. Jahrhundert das Erdöl den Wald als Energie- und Rohstofflieferant entlasten. Für PVC-Kunststoffenster, die aus Erdöl gefertigt werden, wird kein Baum gefällt. Betonfußböden aus Kies, Stahl (für die Armierung) und Zement, der wiederum unter Erdöleinsatz und Altreifenverbrennung hergestellt wird, enthalten kein Holz usw. Richtig ist, daß wir Zeitung lesen, zu deren Herstellung Holz verbraucht wird. Aber deshalb müssen wir uns von Kargheitsschwärmern kein schlechtes Gewissen einreden lassen, denn der Löwenanteil des bundesdeutschen Zeitungspapiers stammt zwischenzeitlich aus dem Recyclingprozeß.

Um 1978 begann das Waldsterbenlamento. Zur Abrichtung von Ökotanzbärinnen liefen im Fernsehen Horrorfilme, wonach die Umgebung von Heidelberg 1990 eine entwaldete Wüste sein werde. Damals war es der saure Regen, der natürlich nur von unserem Wohlstand und nicht von den Braunkohleschloten der mittlerweile untergegangenen Ostblockländer verursacht wurde. Heute stirbt der Wald, weil wir noch kein "Tempo 100" auf der Autobahn haben. Wer so etwas glaubt, muß schon eine besondere psychische Grundstruktur aufweisen (vgl. S. 306). Wenn die Frugalitätsschwärmer im Jahr 2028 ihr 50jähriges Waldsterben unter dichtem Nadel- und Laubdach feiern, hat man zur Erklärung der ständig ansteigenden Baumsterbenstatistik bestimmt einen neuen Hysterie-Renner. Auf die naheliegende Schlußfolgerung, daß zu viele Menschen da sind, die das Waldsystem verschleißen und unter Streß setzen, kommt man nicht.

Würde man, nebenbei bemerkt, die Schadensstufe 1 fallenlassen, so hätten wir von 1984 bis 1989 einen Rückgang des Waldsterbens von 17 auf 16 % statt ein Anwachsen von 50 auf 53 % gehabt. Eine Abschaffung der Schadensstufe 1 wäre keine Kosmetik, sondern wurde 1988 von den Amerikanern W. Blank, T. M. Roberts und R. A. Skeffington in einem Artikel in Nature deshalb vorgeschlagen, weil bei dieser Stufe normale Wachstumsschwankungen mitgezählt werden. Da aber die Bäume in Mangeljahren überschüssiges Grün abwerfen, müssen ökosterbenskranke Bäume auch dann mitgezählt werden, wenn einfach nur Trockenheit herrscht. Natürlich gibt es kaputte Bäume, das wird niemand bestreiten. Man braucht sich nur einmal im Erzgebirge, an einigen Stellen des Schwarzwalds und des Bayrischen Waldes umzusehen.

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Aber mit dem unbegrenzten Tempo auf Teilstrecken unserer Autobahnen hat das soviel zu tun wie König Herodes mit dem Kinderschutzbund.

Die ökolarmoyanten Anhänger der Fahrrad- und 2-CV-Kultur behaupten einfach, daß trotz Abgaskatalysatoren die Belastung gleich geblieben sei, weil eben heute mehr gefahren werde. Das ist schlicht Quatsch. Da die Pkw-Abgase seit der Einführung des Katalysators um 1985 um 90 % gereinigter den Auspuff verlassen, müßte etwa zehnmal soviel gefahren werden. Tatsächlich wurden 1985 in den alten und neuen Bundesländern zusammengerechnet 726,4 Milliarden Personenkilometer gefahren. Bis 1993 hat sich die Ziffer um den Faktor 1,24 auf 903,1 Milliarden Personenkilometer erhöht, aber nicht verzehnfacht!7

Was zugenommen hat, ist vor allem der stauverursachende Lkw-Transitverkehr. Wurden in den alten Bundesländern 1980 nur 48,7 % der Güter über die Straße transportiert, so waren es 1992 bereits 60,4 %. Gleichzeitig sank der Anteil der Bahn von 25,4 % auf 17,8 %. Dabei wurden die Autobahnen hauptsächlich für den Personenverkehr konzipiert und nicht für den Massenmaterialtransport im Fernverkehr. Aber der ist eine heilige Kuh, weil damit viel EU-Aktionismus verbunden wird. 1990 schätzte man, daß der grenzüberschreitende Lkw-Verkehr wegen des europäischen Binnenmarktes um die Jahrtausendwende noch einmal um bis zu 50 % steigen wird. Wenn schon etwas gegen den Straßenverkehr unternommen werden soll, dann an dieser Stelle!

Die ganz schlichte Anwesenheit des Menschen läßt in einem Land wie der Bundesrepublik nur noch wenigen Arten genug Lebensraum.8 Zur Erinnerung: Die Bevölkerungsdichte beträgt hierzulande 228 Menschen/qkm. Das sind 2,28 Menschen je Hektar. Ein Steinadler benötigt 10.000 bis 14.000 ha ungestörten alpinen Lebensraum. Ein Luchs braucht 5.000 bis 15.000 ha Fläche, und der Uhu kommt nicht unter 6.000 ha aus. Selbst der Hermelin wird auf seinen 3 ha theoretisch von fast sieben Menschen gestört. Nur die Wühlmaus mit 0,01 ha kann sich entsprechend breitmachen. Wann taucht endlich der Politiker auf, der die Trommel dafür rührt, daß wir auch in der Bundesrepublik weniger werden müssen?

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Die siebenköpfigen Raupen

Abgesehen davon, daß sich die Prognosen des Club of Rome von 1972 vielfach als falsch herausstellten, sind die Ressourcen selbstverständlich begrenzt.

Die landwirtschaftlich nutzbare Fläche der Erde beträgt etwa 3,3 • 109 ha. Das sind rund 22 % der Landfläche. Um 6000 v. Chr. kamen auf jeden Erdenbewohner theoretisch 330 ha Ackerland. Um Christi Geburt waren es noch 13,1 ha, heute sind es lediglich 0,6 ha. Das reicht durchaus noch aus, aber nur weil wir eine intensive Landwirtschaft mit Dünger und Chemie betreiben und eben nicht den Boden mit dem Stock aufkratzen, um vorsintflutlichen Emmer zu säen! Deshalb muß selbst dann kein Mensch hungern, wenn, wie in der Bundesrepublik, nur 0,2 ha/Kopf zur Verfügung stehen. Trotz Flächenstillegung versorgten 1993 die 567.295 Betriebe mit ihren 11,7 Millionen ha die Bundesbürger ausreichend. Unser Selbstversorgungsgrad beträgt 95 %.9 Wie sieht es mit den Ökolandwirten aus, die den Boden extensiv nutzen? Riesenhaft. Nur 4385 anerkannte "ökologisch wirtschaftende Betriebe" gibt es. Diese 0,7 % alternativer Landwirte mögen sich zwar um das Seelenheil der Hühner verdient machen, ernähren werden sie uns kaum können.

In Bangladesh, wo 833 Menschen auf einem Quadratkilometer leben, stehen sogar nur 0,08 ha Ackerland pro Kopf zur Verfügung. Ich kann mir kaum vorstellen, daß man sich dort viel um die seelische Ausgeglichenheit von Huhn, Rind oder Schwein und um das Gedeihen von Wildkräutern kümmert.

Alternaivos meinen ernsthaft, daß die extensive Landwirtschaft an die Stelle der herkömmlichen industriellen mit ihren "lebensfeindlichen Eingriffen (z. B. Pestiziden, Antibiotika, wachstumstreibenden Mineraldüngern)" treten solle. Dazu folgendes: Um 1930 wuchsen auf einem Hektar 23 dt (Dezitonnen) Getreide. Mitte der 80er Jahre war es nicht zuletzt dank der bösen Chemieonkels und -tanten mehr als das Doppelte, nämlich 50 dt. Auch hatte sich die Produktivität je Arbeitskraft in dieser Zeitspanne um den Faktor 8,3 erhöht. Noch um 1900 ernährte in Deutschland eine landwirtschaftliche Arbeitskraft nur fünf Personen, 1978 bereits 43. Die Ausgaben für Nahrungsmittel eines bundesdeutschen Vier-Personen-Arbeitnehmer-Haushaltes sanken in der Zeit von 1949 bis 1980 von 47,8 auf 20,1 % und haben sich seit der Zeit auf die-

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sem Level gehalten.10 Anhängern des Folklore-Landhaus sei die folgende Feststellung des ehemaligen Landwirtschaftsministers Erti ins Stammbuch geschrieben:"

"Meine Mitarbeiter haben einmal ausgerechnet, was erforderlich wäre, um unsere heutige Nahrungsmittelproduktion mit den Methoden von 1949/50 zu erstellen. Wir würden benötigen: 7 Millionen Arbeitskräfte, 2,2 Millionen Pferde, 700.000 Zugkühe und -ochsen und 25 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche (statt jetzt 12,3 Millionen Hektar). Von dieser Fläche würden allein 3 Millionen Hektar zur Erzeugung des Futters für die Zugtiere erforderlich sein. Das wäre der Weg zurück zur Natur, von den Kosten gar nicht zu reden."

Würden wir unseren gesamten Landbau unter ökologischen Gesichtspunkten betreiben, läge unser Selbstversorgungsanteil nicht bei 95, sondern nur bei rund 72 %. Und selbst dieser Anteil dürfte nach einigen Jahren noch sinken, weil wir nur 20 bis 25 % der aus Fäkalien gewonnenen Klärschlämme auf den Acker fahren. Die Biobauern würden somit nach einiger Zeit den Böden den Phosphor entzogen haben, und wir müßten noch mehr Lebensmittel importieren.

Alternativer Landbau ist etwas für Wohlhabende, die nicht allzusehr auf die zur Verfügung stehende Anbaufläche achten müssen. Besonders interessant wird es, wenn um das Jahr 2005 eine Milliarde Menschen mehr versorgt werden muß. Dann stehen jedem Erdenbewohner schon 17,5 % weniger Landbaufläche zur Verfügung, und um das Jahr 2060 treten sich bei weiterhin ungebremster Fortpflanzung 1,65 • 1010 Menschen gegenseitig auf die Füße. Auf jeden Erdenbürger kommen dann, wie bereits heute in der Bundesrepublik, nur noch 0,2 ha Landbaufläche. Man darf gespannt sein, wie sich dann unsere Spontangrün-Liebhaber die Versorgung der Erdbevölkerung ohne "Chemie in der Landwirtschaft" vorstellen. Sollen wir uns dann vielleicht von biotopgerechten Wildkräutern ernähren?

Am liebsten hacken die Ökos auf unserem Fleischverbrauch herum, denn der ist, da gibt es nichts zu beschönigen, äußerst energieintensiv. "Für eine Kalorie Rindfleisch werden zuweilen über 30 Kalorien Fremdenergie aufgewandt." Der Durchschnittsamerikaner hat nur ein Zehntel der Energie auf dem Teller, die vorher an technischer Energie hineingesteckt wurde. Bei wenigen Menschen ist das kein Thema. Bei einer Milliardenbevölkerung

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sehr wohl, und so verwundert es nicht allzusehr, daß für einen "ökologisch sauberen" Hamburger eigentlich 200 (!) Dollar auf den Tresen der Imbißbude gelegt werden müßten."

Überzeugte Veganer finden nichts dabei, auf Fleisch zu verzichten. Sie können aber nicht davon ausgehen, daß sie den Rest der Menschheit mit ihrer Überzeugung beglücken können. Die 1,17 Milliarden Zwangsvegetarier in China sind ein beredtes Beispiel dafür, daß das nur in einer Diktatur klappt. Nebenbei darf man auch nicht vergessen, daß nur die Pflanzenfresser, wie das Zebra, echte Ökos sind. Nur sie leben von der ausschließlich durch Sonneneinstrahlung gewachsenen Biomasse. Ein Löwe, der das Tier frißt, holt wegen der Entropie (s. S. 222 bis 223) nur einen Bruchteil der Energie heraus, die das Zebra vorher mit dem Gras gefressen hat. Der Mensch braucht nun einmal die in Proteinen enthaltenen essentiellen Aminosäuren. Beispielsweise benötigt ein erwachsener Mann täglich 0,8 g der Aminosäure L-Valin. Bei Mangel kommt es zu Störungen des Nervensystems, die sich in Ataxie und Krämpfen ausdrücken. In der Bundesrepublik haben wir wahrhaftig keinen Mangel an Proteinen. Anders sieht es in den Hungergürteln aus.

Wachstumsstörungen sind das mindeste, was ohne ausreichende Proteinzufuhr zu erwarten ist. Deshalb sollten wir uns unseren Hamburger oder unser Rumpsteak auf dem Teller nicht durch Öko-Frugalos versalzen lassen.

Aus den Weltmeeren können wir uns nur bedingt bedienen, denn der Energieaufwand ist noch viel größer als in der konventionellen Landwirtschaft, und die Hochsee ist inzwischen rettungslos überfischt. Heutzutage werden dem Ozean jährlich 80 Millionen Tonnen Meerestiere entnommen. Das ist mehr als 20mal soviel wie zu Beginn des Jahrhunderts. Damit aber genügend Futter für kommende Generationen übrigbleibt, muß die Politik darüber aufklären, daß wir weniger werden müssen. Nach Ernst U. von Weizsäcker hat die Politik, nachdem sie bereits 1975 auf die Gefahr hingewiesen wurde, die "friedliche" Lösung des Bevölkerungswachstumsproblems 20 Jahre lang verschlafen. Sie ist heute noch nicht aufgewacht.

Bei den Rohstoffen unterscheidet man zwischen Reserven und Ressourcen. Der erste Begriff umfaßt die momentan bekannten Mengen, die sich mit heutiger Technik rentabel gewinnen lassen. Die Ressourcen dagegen entsprechen den vermuteten Gesamt-

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mengen. Interessant ist ein Vergleich zwischen der aktuellen Schätzung, in wie vielen Jahren die Rohstoffe erschöpft sein werden, und den Vorhersagen des Club of Rome von 1972. Beide Quellen gehen von einem ansteigenden Verbrauch aus.

 

Tabelle

 

Prognosen sind immer schwierig – besonders wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Beim Aluminium liegt der Club of Rome am weitesten daneben. Trotzdem sind die Vorräte endlich. Deshalb bedarf es einer vernünftigen Wiederverwendungsstrategie, die nichts mit der albernen Joghurtbecherspülerei zu tun hat. Deren ökologischer Ertrag ist, auf den grünen Punkt gebracht, geringer als der Aufwand, den man beim Einsammeln und Sortieren des Kunststoffs investiert.

 

Die "Renten sind sicher"-Legebatterien

Jetzt wird es Zeit, einmal wirklich querzudenken. Wenn es richtig ist, daß die 15% der im Wohlstand lebenden Menschen 80% der Rohstoffe und Energien verbrauchen, dann leben bereits heute in den Industrieländern zu viele Menschen. Auf gut deutsch: Auch die hochindustrialisierten Länder sind schon lange überbevölkert – nur die Verantwortlichen wollen es nicht wahrhaben! Statt dessen wird uns wegen der Rente ständig das Liedchen von der Kinderfeindlichkeit, von der überalterten Bevölkerung und den aussterbenden Deutschen vorgedudelt.

Ernst U. von Weizsäcker und seine Mitautoren greifen das Problem auf:15 "Ein neuer Volkszorn wird auf weitreisende Pensionäre sowie auf Yuppie-Paare gelenkt, die als Inbegriff der Egoisten gelten, weil sie sich später von Kindern anderer durchfüttern lassen werden. Als Abhilfe gilt folglich die finanzielle Besserstellung der Kinderreichen beziehungsweise die wesentlich stärkere Steuerbelastung der Kin-

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derlosen. Dagegen ist sozialpolitisch und rentenpolitisch nichts einzuwenden. Aber ökologisch betrachtet ist die Förderung des Kinderreichtums vor allem in den ökologisch überbevölkerten Ländern des Nordens, um die es bei der Rentendiskussion ausschließlich geht, der helle Wahnsinn." (Hervorhebung durch den Verfasser)

So ist es. Bei Licht besehen ist unsere Rentenversicherung nichts anderes als ein verklausulierter Kettenbrief. Nur mit dem Unterschied, daß man zur Rentenbeitragszahlung verdonnert wird, während man beim Kettenbrief aus Dummheit teilnimmt. Genauer betrachtet, hat kein einziger Beitragszahler den "Generationenvertrag" unterschrieben. Noch schlimmer: Die Rentenbeiträge, die ein junger Arbeitnehmer im Alter von 25 Jahren einzahlt, werden fast am selben Tag von denjenigen verfrühstückt, die schon in Rente sind. Ein toller Aberwitz! Zu allem Überfluß hat man die Rentenkassen mit versicherungsfremden Verpflichtungen belastet.

Das ganze System kann nur so lange funktionieren, wie jeder Mensch bereit ist, als "Teil einer Legebatterie" (FAZ) mitzumachen. Abgesehen davon handelt es sich bei unserer Altersversorgung wahrhaftig nicht um eine echte Versicherung. Die müßte nämlich auch dann noch auszahlen können, wenn weniger Beitragszahler einzahlen. Hierzu haben beispielsweise Lebensversicherungsgesellschaften erhebliche Vermögenswerte und Rückstellungen angehäuft.

Niemand zeugt ein Kind, weil er dabei an seine Rente denkt! Trotzdem tun manche Politiker so, als würden sich die Ernährer kinderreicher Familien für die gesinnungslosen Hedonisten opfern, die lieber ihr Geld verleben, statt Kinder großzuziehen.

Andere Politiker sind da schon weiter. Obwohl sie sich eventuell auch über süße Enkelchen freuen, akzeptieren sie das aus umweltpolitischen Gründen vernünftige generative Verhalten der deutschen Bevölkerung und suchen andere Wege. In einem Focus-Interview äußert der Ministerpräsident von Sachsen, Kurt Biedenkopf: "Eine Neuordnung der Alterssicherung rechtfertigt eine Erhöhung der Mehrwertsteuer - aber nur sie." Der Vorteil wäre, daß die Altersversorgung dann arbeitsmarktunabhängig aus der Stärke der Volkswirtschaft erwüchse! Man könnte beispielsweise die jetzigen Rentenbeiträge als Grundrentensteuer "umetikettieren" und nach und nach durch die Mehrwertsteuer ablösen. Koppelt man dann die Auszahlung der Altersversorgung an die Lebensarbeitsleistung, kann man verhindern, daß sich jemand, statt nach der

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Ausbildung zu arbeiten, gleich in die soziale Hängematte schmeißt. Wer im Alter mehr als die Grundrente haben will, kann sich während seiner Lebensarbeitszeit zusätzliche Anteilsscheine kaufen. Klar kann man das Modell nach Lust und politischer Laune zerreden. Das bisherige Legebatterienmodell ist aber auf keinen Fall zu retten.

Heuchlerisch wollen tränenerstickte Gutmenschen unsere Rente durch "Einwanderung" sichern. Stillschweigend setzen sie dabei voraus, daß die Leute Arbeit finden und auch Rentenbeiträge entrichten. Auf eine entsprechende Interviewfrage antwortete Ende 1995 Bundesinnenminister Kanther:" "Wie groß sind denn die Chancen von Zuwanderern auf dem deutschen Arbeitsmarkt - bei 3,5 Millionen Arbeitslosen? Das Bundesarbeitsministerium hat in einer Studie nachgewiesen, daß die Mehrzahl der Zugewanderten in der Sozialhilfe landet, weil die deutsche Wirtschaft keine für sie geeigneten Arbeitsplätze bereithält.

Die Zahl der arbeitslosen Ausländer hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt; bringen wir doch sie erst mal in Lohn und Brot. Die Behauptung, aus dem Zustrom jüngerer Ausländer ergäbe sich ein Zuwachs an späteren Rentenzahlern, ist daher abwegig."

Sowohl die Werbung für mehr Nachkommen als auch die für mehr Zuwanderung sind umweltpolitisch unsinnig, wenn nicht gar debil. Die Chinesen haben das Überbevölkerungsproblem, das irgendwann auch die Menschenrechte aushebeln wird und heute die Umwelt bedroht, eher erkannt als wir. Genauer betrachtet handeln sie mit ihrer strikten Ein-Kind-Politik humaner als unsere zynischen Gutmenschen, die mit tollen Computerprogrammen Kurven berechnen, wonach das Bevölkerungswachstum nebst der Industrieproduktion so lange zunehmen wird, bis die Umweltverschmutzung und der Rohstoffverbrauch Grenzen setzen.

Obwohl China mit 122 Einwohnern/qkm nur etwa halb so dicht wie die Bundesrepublik besiedelt ist, geht man das Problem entschlossen an. Die Mittel, die man wählt, sind keinesfalls etwas für zimperliche Gemüter und nicht ohne Nebenwirkung. Dies kann auch nicht anders sein, denn die strikte Ein-Kind-Politik geht noch nicht einher mit einer Bewußtseinsänderung in der Bevölkerung. Da man traditionsverbunden noch immer den Sohn als Nachkommen bevorzugt, lassen chinesische Ehepaare weibliche Föten abtreiben - tolle Aussichten für die späteren jungen Männer. Auch kann kein Mensch die Zustände in chinesischen Waisenhäusern gutheißen, in denen nach einem Bericht von Human-Rights-Watch/Asia über 50% der Kinder das erste Jahr nicht überleben.

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Den bedeutendsten Beitrag zur Umweltpolitik hat die Bevölkerungspolitik zu leisten. Deshalb ist die humanste Umweltpolitik nicht das Einschränken von Komfort und Wohlstand und nicht das Zuwarten, bis sich das Bevölkerungsproblem durch Kriege und Seuchen löst, sondern die beschleunigte Ächtung des Kindersegens und das Absenken der Bevölkerung in allen Ländern durch Verhütung - und sonst nichts.

 

Nehmen die reichen Länder den armen die Butter vom Brot?

Im Herbst 1994 fand in Kairo eine Weltbevölkerungskonferenz statt. Bezüglich der Bevölkerungsexplosion brachte man außer heißer Luft, Absichtserklärungen und einiger Bankette wenig zustande. Die Weltreligionen, mit ihrem jahrtausendealten Fruchtbarkeitswahn die Hauptverursacher der Überbevölkerung, blieben politisch korrekt ausgeklammert. Eine der erstaunlichsten Ablenkungsthesen wurde von der bunten Truppe der NRO (Nichtregierungsorganisationen) aufgewärmt: Vor allem die Industrieländer hätten durch ihren Wohlstand und Konsum zu verantworten, daß 95 % des Bevölkerungswachstums in der Dritten Welt stattfänden, da dort die Armut grassiere.

Es wird einfach behauptet, daß die Armut die Überbevölkerung verursache. Das ist genauso falsch wie die Aussage, eine geringe Bevölkerungsdichte sei schon allein der Garant für Wohlstand. Wäre das richtig, dann müßte die Bundesrepublik Deutschland mit 228 Menschen/qkm zweifellos ärmer sein als die westafrikanische Republik Niger mit sechs Bewohnern/qkm. Deutschland hat je Einwohner ein Bruttosozialprodukt von 23.030 Dollar, während in der Republik Niger nur 280 Dollar zusammenkommen.

Ganz so einfach kann es also nicht sein. Deshalb hat man dem "Eine Welt"-Singsang noch ein paar Strophen angehängt. Eine lautet: Die "ungleichen weltwirtschaftlichen Partizipationschancen", der "Protektionismus" und das "Exportdumping" der Reichen sind schuld an der Armut der Dritten Welt. Wenn das stimmte, dann hätten die ostasiatischen Tigerstaaten in den 90er Jahren kein

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Wirtschaftswachstum von über 8 % erreichen können, denn sie hatten am Ende der Kolonialzeit die gleichen Ausgangschancen wie jedes andere Dritte-Welt-Land. Außerdem gäbe es dann keine Globalisierung der Wirtschaftsstandorte.

Die nächste Strophe ist die von der Schuldenkrise. Nach dieser Theorie haben die reichen Länder den Entwicklungsländern Kredite aufgeschwatzt, die mit dem Export von Rohstoffen zurückgezahlt werden sollten. "Weil praktisch alle rohstoffexportierenden Länder den Ressourcenverkauf gleichzeitig forcierten, kollabierten schließlich die Rohstoffpreise auf den Weltmärkten."17 Die These setzt voraus, daß die Länder sich mit ihrem Warenangebot gegenseitig Konkurrenz machten. Wie sieht es tatsächlich aus? Nigerias Export besteht zu 96 % aus Erdöl. Nicaraguas wichtigste Exportziffern lauten: 21 % Kaffee, 20 % Fleisch, je 11 % Zucker und Baumwolle. Indiens Export setzt sich hauptsächlich zusammen aus 23 % Textilien, 20 % Kunsthandwerk (Schmuck u. ä.), 17 % Agrarerzeugnissen, 13 % Maschinen und Geräten. Kap Verde (Westafrika) exportiert hauptsächlich Fisch (Anteil 54 %) und Bananen (Anteil 36 %). Für Kenia lauten die Ziffern: 54 % Nahrungsmittel (Tee, Kaffee) und Blumen, 22 % Industriebedarf. Die Komoren (Ostafrika) exportieren hauptsächlich Vanille (69 %), Ylang-Ylang, ein ätherisches Blütenöl für die Parfümindustrie (15 %), Gewürznelken (12 %). Die Bewohner Lesothos (Südafrika) exportieren vor allem Bekleidung, Schuhe und Wolle (Mohair). Liberia exportiert zu 80 % Eisenerz und Naturkautschuk. Marokko beteiligt sich am Welthandel mit Konsumgütern (28 %), Nahrungsmitteln (26 %), Halbwaren (24 %), Phosphat (8 %). Mexiko lebt zu 82 % vom Export der verarbeitenden Industrie (darunter 27 % Elektrotechnik/Elektronik, 17 % Kraftfahrzeuge). Der Export von Naura (Ozeanien) besteht zu 100 % aus Phosphat. Papua-Neuguinea (Ozeanien) macht Kap Verde kaum Konkurrenz, weil es seinen Export zu 75 % durch Bergbauprodukte, darunter zu 47 % Kupfererze, bestreitet. Sicher gibt es auch Schnittmengen, in denen sich die Exportinteressen zweier Schwellen- oder Entwicklungsländer decken. Das kann aber nicht die Ursache kollabierender Rohstoffpreise sein. Genausowenig wie die Autopreise zusammenbrechen, nur weil Italien, Japan, die USA, Deutschland, Frankreich und andere Industrieländer sich gegenseitig Konkurrenz machen.

Brasilien konkurriert mit Australien beim Export des Alumini-

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umminerals Bauxit. Das australische Bruttosozialprodukt liegt je Einwohner bei 17.260 Dollar, während die Brasilianer sich mit 2770 Dollar begnügen müssen. Verkaufen etwa die Australier ihr Bauxit teurer? Nein, es hegt am jeweiligen System. Abgesehen davon wäre es für Länder wie Brasilien ein großer Vorteil, wenn wir unsere Recyclingbemühungen einstellen würden. Dann ließe sich wegen der Ressourcenknappheit mehr Geld herausholen, und den Leuten ginge es vielleicht besser. Auch Chile hätte dann 1991 an dem Export von 1,9 Millionen Tonnen Kupfer mehr verdient.

Eine andere Strophe lautet: Die Armut der Dritten Welt beruht auf dem Kolonialismus. Demnach müßten ehemalige Kolonialmächte reich sein. Gunnar Sohn schreibt: "Diese These ist nicht nur außerstande, den Reichtum der Schweiz oder Finnlands zu erklären, sie versagt auch vor der - bis vor kurzem - ziemlich miserablen Situation Spaniens oder Portugals, die ja doch als zwei der Hauptplünderer und Kolonialmächte ökonomisch wie eine Eins dastehen müßten."

Die Wahrheit ist: Viele Entwicklungsländer produzieren mehr Menschen, als ihre unterentwickelte Volkswirtschaft trägt, und die verantwortlichen Regierenden schüren das noch. Beispielsweise hat man im Sudan, dessen Bruttosozialprodukt heute bei 400 Dollar pro Einwohner liegt, 1984 sogar einen Orden fürs Kinderkriegen eingeführt. Die Goldmedaille gibt's bei neun, die silberne für mehr als sieben und die Bronzemedaille bei fünf Kindern.

Programme zur Eindämmung des Bevölkerungszuwachses versagen in afrikanischen Ländern nicht deshalb, weil keine Empfängnisverhütungsmittel verfügbar wären, sondern weil kein Mensch sie haben will. Unfruchtbarkeit gilt als Fluch. Die Yoruba im Sudan glauben beispielsweise, daß eine unfruchtbare Frau vor ihrer Geburt einen Pakt mit bösen Geistern geschlossen habe. Demnach würde sie bewußt ihre Kinder töten, damit sie sich selbst nach ihrem Ableben mit den bösen Geistern zusammentun könne.

Die Wahrheit ist auch, daß die westliche Welt meistens mit engagierter Betroffenheit zuschaut, wenn in einem Land der Dritten Welt irgendein Operettengeneral die Macht ergreift. Ja, die Pfeife wird sogar hofiert und gelegentlich zum Staatsbesuch eingeladen.

Auch unternimmt man nichts, wenn Entwicklungsgelder sachfremd verwendet werden. Mobutu, der nach einem Militärputsch bis 1997 in Zaire herrschte, ist so ein Beispiel. Jährlich steckte er Mil-

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lionen von Hilfsgeldern in seine europäischen Schlösser, während sein Volk sich mit einem Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt von 210 Dollar begnügen muß. "Die totalitären Staaten", schreibt Erich Wiedemann, "sind - ganz gleich, ob rechts oder links - durchweg Drop-outs und Habenichtse. Negatives Musterbeispiel: Uganda. Knapp zehn Jahre Parteien- und Militärdiktatur reichten aus, um ein fruchtbares blühendes Land, die >Perle Afrikas<, wie Winston Churchill es nannte, in einen qualmenden Trümmerhaufen zu verwandeln."

1993 ließ sich Greenpeace in seiner Hauspostille über die Ökodiktatur aus. Nicht daß die Organisation diese anstrebt, bewahre - aber man wird ja mal denken dürfen. In einer Öko-Fiction-Story wird die Arbeit des Abteilungsleiters Paul Strahlen im Naturgesetz-Ministerium beschrieben. Selbstverständlich haut der allen Bösewichtern auf die Finger. "Allen, die nicht Maß hielten, die nicht an das Ganze dachten, wie diese asozialen Renegaten, die das Teilen mit der Dritten Welt nicht lernen wollten, würde er zeigen, was das Naturgesetz auch ist: das Recht des Stärkeren." Es ist schon interessant, was diesen Leuten so durch den Kopf geht.

Ginge es der Bevölkerung in der Dritten Welt wirklich besser, wenn das Weltbruttosozialprodukt gemäß dem ökomarxistischen Kinderglauben gleichmäßig verteilt würde? Die Frage ist schnell beantwortet. Man braucht nur einen Taschenrechner und den Fischer Weltalmanach von 1995. Zunächst multipliziert man das Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt eines jeden Landes mit seiner Bevölkerungszahl. Dann bildet man die Summe der Einzelergebnisse und dividiert durch die Erdbevölkerung. Man erhält:

2,26 • 1013 Dollar : 5,7 • 109 Menschen = 3965 Dollar/Kopf

Würden wir teilen, wie sich das die Gutmenschen so vorstellen, dann hätte jeder Bundesbürger im Schnitt nicht 23.030 Dollar im Jahr zur Verfügung, sondern nur 3965 Dollar, etwa soviel wie die Bevölkerung von Trinidad und Tobago. Richtig ist, daß es einigen Ländern besser ginge, Uganda mit einem derzeitigen Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt von 170 Dollar beispielsweise um den Faktor 23. Aber das in der Bundesrepublik zu verteilende Einkommen betrüge nur noch etwa ein Sechstel. Ob das den Bundesbürgern und ihren Gewerkschaften, die über Nullrunden stöhnen, zu verkaufen ist, das bezweifle ich. Wenn die Umweltverschmutzung an das verfügbare Kapital geknüpft ist, wie das der Club of Rome 1972 po-

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stulierte, wäre durch die Umverteilung die Umwelt kein bißchen entlastet, denn das Weltbruttosozialprodukt wäre nicht geringer, sondern läge nach wie vor bei 2,26 • 1013 Dollar.

Ach so, natürlich sollen nicht die Arbeitnehmer mit ihrem krummen Rücken den Buckel hinhalten, nein, dazu haben wir unsere Egoisten, die Besserverdienenden und vor allem die Einkommensmillionäre. Betrachtet man einmal die letzte Gruppe, so gab es 1989 in der Bundesrepublik folgende Verteilung:19

Zahl der Einkommensmillionäre - zu versteuerndes Einkommen

11.200 - 1 bis 2 Millionen Mark
4.900 - 2 bis 5 Millionen Mark
1.200 - 5 bis 10 Millionen Mark
900 - mehr als 10 Millionen Mark

Diese grünfriedlich so taxierten 18.200 Egoisten hatten 1989 ein zu versteuerndes Einkommen von 71,5 Milliarden Mark. In Amerika fände man nichts dabei. Einem deutschen Bundesbürger kommt hier der blanke Neid hoch. Das gehört gefälligst gerecht verteilt! Richtig, dann hätte jeder Bundesbürger 893,75 Mark jährlich mehr in der Tasche, und die Einkommensmillionäre wären auf das richtige Maß gestutzt. Endlich Gleichheit und wirkliche Demokratie - eine wahre Wohltat! Was man sich für die 893,75 Mark alles kaufen kann. Drei bis vier Paar Schuhe oder 350 Päckchen Butter. Phantastisch!

Noch interessanter wird es, wenn die Mega-Egoisten mit der Dritten Welt teilen müßten. Nach Angaben der UN leben 1,3 Milliarden Bewohner des Planeten in Armut. Teilten die bundesdeutschen Einkommensmillionäre mit diesen meist in Afrika und Südasien lebenden Armen, so hätte jeder ein zusätzliches Jahreseinkommen von 55 Mark (etwa 35,7 Dollar). Am Tag wären dies 15 Pfennige mehr. Nein, damit ist dem Elend nicht beizukommen!

In der FAZ kommentiert Klaus Natorp das gutmenschliche Märchen von den bösen Wohlstandsländern, die den armen Aschenputteln die Butter vom Brot nehmen: 

"Glaubt jemand allen Ernstes, arme Leute in Bangladesh oder in Mexiko würden auch nur ein einziges Kind weniger in die Welt setzen, wenn Europäer oder Amerikaner in Zukunft auf Kurz- und Urlaubsflugreisen verzichten? Autofreie Innenstädte sind zwar erstrebenswert, aber sie werden weder die tropischen Regenwälder retten noch die letzten Sträucher am Himalaja davor bewahren, für das Kochen der einzigen warmen Mahlzeit am Tag verfeuert zu werden." 

Denkt man über den berühmten "Tellerrand" hinaus, so kann man sich dem Fazit nicht entziehen, daß die Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer des fernasiatischen Raums schon der Anfang vom Teilen mit der Dritten Welt ist.

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