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4. Wie holen wir das Unbewusste herauf ?

 

 

 

Jahrhunderte lang hat man uns beigebracht, nicht zu fühlen. Es ist eines unserer ältesten Gebote. Hör auf zu heulen, oder ich gebe dir was zum Heulen! - Hör auf, dich zu bemitleiden und mach dich an die Arbeit! - Denk nicht nur an dich, denk auch mal an andere!

Nicht fühlen zu dürfen ist das Kainsmal der menschlichen Spezies. Wenn wir das Fühlen begraben, begraben wir zugleich die unermesslichen, subtilen und intuitiven Ressourcen des Gehirns. So verlieren wir den größten und organisch produktivsten Teil von uns selbst. Der tiefste Kompass des Geistes funktioniert nicht mehr richtig. Intuition und Kreativität erleiden Schaden. Die Sensibilität für das Selbst und die Welt wird gedämpft.

Nichts ist wichtiger, als dass der Therapeut seinen Klienten die Erlaubnis zurück gibt, wieder zu fühlen. Das erreichen wir auf unterschiedliche Weise. All diese Methoden fußen auf dem gleichen Prozess, den ich <Kongruenzprinzip> nennen will.

 

Ereignisse in der Gegenwart haben ihre eigene Realität. Oft aber bringen sie alte Gefühle zum Schwingen bzw. lösen sie aus (‚triggern sie'). Tatsächlich lösen aktuelle Ereignisse überraschend oft innere Erfahrungen aus, die mit Erfahrungen aus der Vergangenheit genau kongruent sind.

Wenn ein Therapeut einen Klienten dazu bringt, eine Reihe von Kongruenzen zwischen einem gegenwärtigen und einem vergangenen Ereignis zu erleben, dann kommt die Psyche wieder ins Lot, und das vergangene Ereignis wird mit großer Intensität wiedererlebt.

Wir ermutigen zum Wiedererleben von vergangenen Erlebnissen, denn nur so kann sich die Psyche von ihrem Ausgeliefertsein an ein frühes Trauma befreien. Solange ein Ereignis nicht wiedererlebt wurde, und zwar so vollständig wie nur möglich, bleibt es in den Tiefen der Seele verankert und verändert sich nicht. Von diesem versteckten Ort aus strahlen die frühen Gefühle Verwirrung in unser gegenwärtiges Leben hinein und bewirken, dass jedes Mal, wenn etwas uns als Erwachsene verletzt, wir eine doppelte Last tragen müssen: den aktuellen Schmerz, und dazu noch den Schmerz aus der Vergangenheit.

Diese Doppelbelastung führt zu Vermeidungsverhalten und Überreaktionen in unserem alltäglichen Leben. Ein Mensch, der einen Raum voller Menschen nicht betreten kann, aus Angst, kritisiert zu werden, reagiert auf  frühe Kritik, die in den Tiefen der Vergangenheit verschüttet bleibt. Dies beeinträchtigt unser Funktionieren in der Gegenwart so lange, bis es wiedererlebt wird.

So bewegen wir uns als Erwachsene immer in zwei Landschaften, ohne es je zu wissen. Wir sind nie ganz verfügbar, um unsere jetzige Existenz zu gestalten oder ihren Anforderungen zu genügen. Die Vergangenheit vergiftet die Gegenwart.

 

Daraus folgt, dass die erste und wichtigste Kongruenz, um die wir uns bei unseren Klienten bemühen, die KONGRUENZ DES FÜHLENS ist.

Kongruenz I:

Durch das Hochholen von unbewusstem Material regressive Psychotherapie auf Stufe Vier bewirken.

 

Die Kongruenz des Fühlens

Wenn eine Person bei einem gegenwärtigen Ereignis ein starkes Gefühl empfindet, so gab es nahezu immer das genau gleiche Gefühl auch in ihrer Vergangenheit und zwar als Begleiterscheinung eines frühen traumatischen Ereignisses. Bricht beispielsweise jemand unter der anhaltenden Kritik seines Chefs zusammen, dann trägt er die doppelte Last des aktuellen Geschehens UND die der massiven Kritik aus seiner Kindheit. Der aktuelle Stress triggert dabei den unbekannten Schmerzfundus aus der Vergangenheit und schwingt in Resonanz mit ihm. Das führt zu einer Überreaktion und und zu einem mehr oder weniger schlimmen Zusammenbruch seines Funktionierens in der Gegenwart.

Als Therapeuten haben wir die Aufgabe, die Vergangenheit in den Blick zu rücken. Als Regressionstherapeuten ist es auf Stufe Vier unsere Aufgabe, den Klienten dahin zu bringen, dass er eine gefühlte Kongruenz zwischen dem aktuellen und dem vergangenen Ereignis erlebt, eine Kongruenz, die mächtig genug ist, um Vergangenes zu reaktivieren, sodass es im Therapieraum wiedererlebt werden kann. So wird der Klient aus dieser frühen Landschaft befreit.

Deshalb bitten wir die Klienten, sich in bequemer, neutraler Position in einem halbdunklen, schalldichten Raum auf eine gepolsterte Matte zu legen, und fordern sie auf, ihr gesamtes Denken außen vor zu lassen.  Dann bitten wir sie, sich auf die Gefühle einzulassen, die sich auf das aktuelle Ereignis beziehen. Jedes Mal, wenn sie wieder in ihren Kopf gehen und anfangen, über sich zu sprechen und ihre Geschichten zu erzählen  (Therapie auf Stufe Eins), lenken wir ihre Aufmerksamkeit sanft, aber bestimmt wieder zurück auf das, was sie fühlen und in ihrem Körper spüren. Anders als ein Therapeut auf Stufe Drei übersetzen wir aber die Gefühle nicht unmittelbar in Worte. Wir bitten den Klienten, noch tiefer in das Erleben einzusteigen und im Gefühl zu bleiben. Wie der Choke eines Autos bei kaltem Wetter das Gemisch anreichert, so reichern wir die Erfahrung an und zünden den Regressionsprozess. Wie ein Schlitten an einem steilen Hang gewinnt dieser zunehmend an Fahrt und Intensität und führt zu einem Wiedererleben des frühen Kindheitstraumas.

Das Zünden dieser Erfahrung ist selten so einfach, wie ich es gerade anklingen ließ. Psyche und Körper werden, auch bei hochmotivierten Menschen, von Schmerz zutiefst abgestoßen. Diese Abwehr ist eindeutig jenseits der bewussten Kontrolle unserer Klienten. Das ist auch der Grund dafür, dass sich der Kopf verzweifelt darum bemüht, zum normalen und alltäglichen intellektuellen Funktionieren zurückzukehren.

Im Fall des kritisierten Angestellten beispielsweise bitten wir den Klienten, der jetzt in unserem halbdunklen, schalldichten Raum liegt, einfach in dem Gefühl zu bleiben, das er spürt, während der Chef ihn kritisiert. Wenn er es zulassen kann, dass das Gefühl intensiv genug wird, und wenn es ihm gelingt, ausreichend lange in diesem Gefühl zu bleiben, dann ist er auf einmal wieder sechs Jahre alt, und sein Vater lacht ihn vor seinen Geschwistern aus, während er sich abmüht, auf seinem neuen Fahrrad zu fahren. Die damalige Angst kommt dann voll zurück, und er erlebt sie mit aller Wucht erneut.

Dieses Prinzip, das Erleben von Gefühlen, die mit einem gegenwärtigen Ereignis verbunden sind, im Therapieraum mit ausreichender Intensität und lange genug aufrecht zu erhalten, ist entscheidend für den Trigger-Effekt bei all den Kongruenzen, die wir noch untersuchen werden.

Kongruenz II:

Das Wiedererleben von frühen traumatischen Erfahrungen in der regressiven Psychotherapie auf Stufe Vier in Gang bringen.

 

A. Die Kongruenz unartikulierter Laute

Die Kongruenz unartikulierter Laute ist nicht unbedingt eine Kongruenz zwischen einem gegenwärtigen Laut und dem Laut eines Ereignisses aus der Vergangenheit. Vielmehr geht es um die Kongruenz zwischen dem, was wir in einer Therapiesitzung fühlen und dem, wie es sich angehört hätte, wenn wir während des Gefühlserlebnisses damals hätten sprechen oder losschreien dürfen. Das kann, muss aber nicht, sich mit dem decken, wie wir als Kind geschrieen haben, als wir verletzt wurden. Es kann nämlich sein, dass wir damals überhaupt nicht schreien durften.

Jedenfalls gibt es in der Gegenwart einen Laut, der in Qualität und Intensität genau zu dem Gefühl passt, das wir in der Therapiesitzung empfinden. Nebenbei bemerkt, die Tatsache, dass wir keinen Laut von uns geben, kann selbst in Resonanz mit einer Kindheitssituation stehen und schnell zu einem Wiedererleben führen.

Der direkte Ausdruck des Schmerzes, den wir empfinden, während wir einen unartikulierten Laut ausstoßen, verschafft uns ziemlich unmittelbar Erleichterung bei körperlichem, insbesondere aber bei seelischem Schmerz.

In der Regressionstherapie auf Stufe Vier bitten wir also den Klienten, denjenigen Laut von sich zu geben, der genau zu dem schmerzhaften Gefühl passt bzw. es exakt spiegelt. Die Intensität und die Qualität dieses Lautes bringen das Gefühl in Richtung Kongruenz. In dem Augenblick werden wir außen zu dem, was wir innen fühlen, und so erreichen wir Kongruenz.

Beispielsweise würden wir den Mann, der einen Schmerz im Bauch spürt, ermutigen, mit einem tiefen grunzenden Laut zu experimentieren, während eine Frau, die als Baby allein und unbehütet in ihrem Bettchen gelassen wurde, vielleicht in einer hohen Tonlage zu wimmern anfängt. Es ist am Klienten selbst, die genaue Beschaffenheit des Lautes zu gestalten; geleitet wird er dabei von einer inneren Körperempfindung, die ihn einen Laut hervorbringen lässt, der exakt passt.

Man denke etwa an die oben erwähnte Geschichte von der Frau, die dieses Engegefühl in ihrem Hals spürte und nichts mehr von ihrem Chef schlucken konnte. Hätten wir sie ermutigt, statt dieses Beengungsgefühl zu verbalisieren, die Laute eines Menschen von sich zu geben, der am Ersticken ist, dann hätte diese Kongruenz mit dem tatsächlichen Erstickungsgefühl, als der Onkel ihr den Mund mit Sperma voll spritzte, höchstwahrscheinlich ein Wiedererleben des Inzests bei ihr ausgelöst.

 

B: Die Kongruenz artikulierter Laute

In der regressiven Tiefentherapie mit Sprache zu arbeiten kann äuβerst hilfreich sein, birgt aber ein schwer wiegendes Problem.

Wie schon erwähnt, neigen wir dazu, uns in der Tiefentherapie umso mehr vom direkten Erleben zu entfernen, je gesprächiger wir werden. Der Prozess wird dadurch intellektuell, und wir sind wieder bei der Psychotherapie auf Stufe Eins. Reden ist (in allen sozialen wie auch therapeutischen Zusammenhängen) fast immer eine Abwehr gegen das Fühlen. Trotzdem kann man es auf verschiedene Weise im Rahmen einer Tiefentherapie nutzen.

Zunächst einmal kann das Gespräch als Mittel der Sondierung eingesetzt werden. Für Klienten, die sich nicht hinlegen und gleich in Kontakt mit einem Gefühl oder einem inneren Körperzustand kommen können, ist Reden ein ausgezeichneter Einstieg. Wenn wir einem Klienten die Freiheit geben, über alles zu reden, worüber er reden will, so wird das, worüber er dann spricht, langsam, aber sicher seinen nicht abgeschlossenen emotionalen Themen immer näher kommen. Wie ein Magnet zieht der Schmerz das, wovon wir normalerweise reden, unvermeidlich in Richtung der in uns verschütteten Verletzungen. Wir beginnen dann, endlos über den tieferen Themen zu kreisen, wenn auch auf hochgradig indirekte und symbolisierte Art und Weise.

So kommt beispielsweise ein Mann, den seine Mutter nicht gut behandelt hat, auf das Thema der Unzulänglichkeit von Frauen in der Politik zu sprechen. Lange Zeit lässt er sich dann vielleicht darüber aus, wie sie einfach nicht stark genug sind, um sich konsequent für ihre Wähler einzusetzen.

Ein Therapeut, der auf das darunter liegende Thema hinhört, spürt unter Umständen, dass die wichtigste Frau in seinem Leben sich nicht angemessen um den Klienten gekümmert hat, als er ein Kind war. Einfühlsam unterstützt er den Klienten dann darin, die Verbindung herzustellen und über die Beziehung, die er als Kind zu seiner Mutter hatte, zu sprechen.

Der Regressions-Psychotherapeut wird den Klienten fragen, was er fühlt, während er über Politikerinnen spricht und ihn veranlassen, bei diesem Gefühl zu bleiben, bis es zu einer Kongruenz kommt. Das kann dann ein Wiedererleben dieser frühen Beziehung auslösen.

Nicht nur dreht sich unser Alltagsgespräch häufig  um unaufgelösten Schmerz, auch die tatsächlichen Worte und Sätze aus der frühen Kindheit liegen überall verstreut am Strand des Gesprächs der Erwachsenen. Für Therapeuten, die sie zu erkennen wissen, stellen diese kleinen, noch intakten Muscheln einen hervorragenden Zugang zu tiefem, unbewusstem Material dar.

So beschreibt beispielsweise eine Klientin einen Streit mit einem Taxifahrer, der sie zu einer falschen Adresse gefahren hat. Im Verlauf ihrer Geschichte sagt sie dann: "Egal, wie sorgfältig ich ihm seinen Irrtum auch zu erklären versuchte, er konnte mich einfach nicht hören."

Vielleicht bittet der Tiefentherapeut, der den Satz „er konnte mich einfach nicht hören" hört, die Klientin, die im halbdunklen, schalldichten Raum liegt, den Satz immer wieder zu sagen, bis sie möglicherweise in Tränen ausbricht und erkennt, dass der gröβte Teil des mit diesem Streit verbundenen Gefühls aus ihrer Kindheit stammt, weil ihr Vater sie während ihrer ganzen Kindheit nie gehört hat. Der Satz „er konnte mich einfach nicht hören" schafft eine perfekte Kongruenz zwischen Gegenwart und Vergangenheit, und die Türen des Unbewussten öffnen sich.

Wenn der Klient Sätze aus seiner Kindheit wiederholt, die in sein Reden als Erwachsener eingestreut sind, wirkt das wie ein Diamantbohrer und durchdringt die Abwehr mit Leichtigkeit.

Als Tiefentherapeuten können wir das, was der Klient sagt, durchaus nutzen, doch dazu  müssen wir es erst seiner defensiven Eigenschaften entkleiden. Wir müssen es überarbeiten, damit es zu einem Instrument des Suchens und Zugang-Findens und nicht zu einem Mittel des Vermeidens wird.

Eine andere Methode, das Reden des Klienten tiefentherapeutisch zu nutzen, besteht darin, ihn zu bitten, seinen Wortschatz auf den Gebrauch kurzer Wörter und einfacher Sätze zu beschränken. Weil diese Art zu sprechen der Kindersprache ähnlich ist, führt sie auch zu mehr Kongruenz mit der Kindheit. So dringen diese einfachen Worte und kurzen Sätze durch die Abwehr des Erwachsenen.

Der Gebrauch bedeutungsgeladener kurzer Worte und einfacher Sätze, die der Klient in der Therapie mit gefühlten frühen Erlebnissen verbindet, erlaubt einen Übergang vom Symbol zur Wirklichkeit und erreicht dann fast die intensive Macht unartikulierter Laute.

Ein Klient erzählt eine lange und komplizierte Geschichte von einem Mann, der ihn bei einem Geschäftsabschluss übervorteilt hat. Gebraucht der Therapeut an diesem Punkt einen einfachen Satze wie etwa „er hat dich sehr verletzt", dann durchbricht das oft das defensive Reden und bringt den Klienten zum Weinen. Der Satz hat ein Kindheitsthema berührt.

Kongruenz III:

Durch das Hochholen von unbewusstem Material  Regressionstherapie auf Stufe Vier bewirken.

 

Die Erfahrung der Körperposition

Die dritte Methode, um das Erleben des ursprünglichen Traumas zu zünden, benutzt das, was Tiefentherapeuten als Körper-Erinnerung bezeichnen.

Wurde ein Klient als Kind geschlagen, während er zusammengerollt auf einem Bett lag, dann bitten wir ihn, genau die gleiche Position auf der Matte einzunehmen. Wenn wir ihn zusätzlich auffordern, in dieser Position in seine Gefühle zu gehen und ihm dazu noch vorschlagen, die Laute zu machen, welche seine Verzweiflungsschreie von damals genau nachmachen, dann addieren wir drei verschiedene Kongruenzen. Dadurch setzen wir die psychischen Abwehrmechanismen einem hochspezifischen Druck aus. Schließlich  geben sie nach und erlauben so ein Wiedererleben des frühen Kindheitstraumas.

Kongruenzen sind kumulativ, und wir versuchen, so viele wie möglich davon zu kombinieren.

Wenn die Körperposition im Therapieraum mit der Körperposition während des Kindheitstraumas kongruent wird, dann feuern unzählige Nervenzellen im peripheren und im zentralen Nervensystems in genau der gleichen Konfiguration wie damals, während des Vorfalls in der Kindheit. Dieser elektronische Schlüssel passt ins Schloss, und die Therapie kommt voran.

Bei der Herstellung von Kongruenzen handelt es sich durchwegs um Methoden, um das Unbewusste zum Vorschein zu bringen. Daher möchte ich in diese Gruppe von Techniken noch eine vierte Methode, die Abwehr zu durchdringen, einbeziehen. Obwohl es sich dabei eigentlich nicht um die gleiche Art von Kongruenz handelt, ist es doch eine hochspezifische Form der körperliche Intervention, die ein Wiedererleben der Kindheit auslöst.

Kongruenz IV:

Durch das Hochholen von unbewusstem Material  Regressionstherapie auf Stufe Vier bewirken

Die Methode der körperlichen Intensivierung

Bei dieser Methode, die Abwehr zu durchdringen, benutzen wir Berührung, um den körperlichen Schmerz von Symptomen zu intensivieren, die im Körper verschoben wurden. Bei Stufe Drei sprachen wir über das Hineinspüren in das diffuse, subtile innere Körperempfinden, wie es Gendlin beschrieben hat. Hier beziehen wir uns auf eine andere Technik, bei der es um ein unauffälligeres, intensiveres und enger umrissenes Körpersymptom geht, und die Herangehensweise ist unterschiedlich. Das können wir bei jedem psychisch bedingten körperlichen Schmerz tun.

Ein Mann liegt nicht weit von mir im Halbdunkel meines Primalraums. Im Moment spürt er nichts als einen leichten Schmerz im oberen Teil des Bauchs. Er hat mit der inneren Erkundung aufgehört, weil nicht ausreichend Intensität vorhanden ist, um damit weiterzukommen. Das Gefühl in seinem Bauch entsteht durch die Erinnerung an einen noch unbekannten Konflikt, und es absorbiert und versteckt ihn gleichzeitig.

Ich lege meine Fingerspitzen genau in die Mitte der schmerzenden Stelle. Wenn die Position der Finger nicht auf den Millimeter genau stimmt, passiert gar nichts. Die Vergangenheit bleibt dann verborgen. Ich bitte den Klienten, meine Finger zu führen, und sein inneres Gespür zeigt ihm den genauen Punkt.

Nun beginne ich, leicht zu drücken, und so verstärke ich die Intensität des Schmerzes. Ich passe dabei auf, dass ich nicht zu fest drücke, um nicht ein mögliches Zwölffingerdarmgeschwür zu verletzen. Ich sage dem Klienten, dass er jetzt unbedingt vermeiden muss, über irgendetwas nachzudenken; vielmehr soll er einfach hochkommen lassen, was immer kommen will. Dadurch, dass er  "aus seinen Kopf heraus bleibt", vermeidet er, wieder zu einer Verknüpfung auf Stufe Zwei oder Drei zurückzukehren. So wird die Kraft seiner Einsicht nicht verwässert.

Während meine Finger den Schmerz verstärken, gelingt es plötzlich dem Symptom nicht länger, die Kräfte der Verdrängung zu halten und zu binden. Das Symptom, könnte man sagen, ist überwältigt, und der Klient fängt an zu schluchzen. Jetzt ist er in seiner Vergangenheit und fühlt den Tod seines Vaters, als er neun war, und er spürt die Trauer, die er damals nicht fühlen durfte, weil er für Mami und seine kleinen Geschwister stark sein musste. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren entspannt sich sein Magen, er trauert, und sein Magengeschwür, das zuvor mit unterschiedlichen Medikamenten behandelt wurde, kann endlich zu heilen beginnen.

Bei dieser letzten Methode ist die Kongruenz etwas verdeckt. In dem obigen Beispiel muss die Position der Finger mit der Lokalisation des Schmerzes genau kongruent sein. Der ausgeübte Druck muss genau den Schmerz schaffen und verstärken, den der Klient fühlt: Er muss mit dem Schmerz kongruent sein. Wenn diese Arbeit genau gemacht wird, spürt der Klient mit ansteigendem Schmerz die Finger des Therapeuten tatsächlich überhaupt nicht mehr. Das Einzige, was er fühlt, ist, wie sich der damalige Schmerz bis zu dem Punkt verstärkt, wo er die Erinnerung nicht länger binden und versteckt halten kann. Die Magenschmerzen waren damals in seiner Kindheit vielleicht vorhanden, vielleicht auch nicht.

Ich fasse zusammen: Bei dem Gefühl bleiben, die genau stimmigen Laute und Wörter hervorbringen, den Körper in die exakte Position des ursprünglichen Traumas bringen, und den genauen Schmerzpunkt berühren – jede dieser vier therapeutischen Methoden impliziert eine Reihe von Kongruenzen.

Bei der Anwendung dieser Techniken wird klar, dass die psychophysische Achse wie ein Kombinationsschloss arbeitet. Jede Technik, die ein zusätzliches Kongruenzniveau einbringt, ist eine weitere richtige Ziffer in der Kombination. Schließlich, wenn alle Riegel in der richtigen Position sind, treten die psychischen Abwehrmechanismen zurück, und die Kindheit kommt zum Vorschein. Diesen Vorgang nenne ich  die KONGRUENZ VON BEWUSSTSEIN UND UNBEWUSSTEM.

In einem kompetenten und fürsorglichen therapeutischen Umfeld muss sich dieser Vorgang bis zu seinem Ziel, dem Wiedererleben, entfalten können. Dieses Wiedererleben, das in der Therapie bei vielen Klienten immer wieder erfolgen muss, ist notwendig, wenn es darum geht, tiefe Traumatisierungen zu integrieren.

Es besteht allerdings die Gefahr, dass Klienten von diesen warmen, sich selbst bestätigenden, frühen schmerzlichen Erfahrungen abhängig werden. So seltsam es auch klingen mag, mit dem Wiedererleben von frühem Schmerz ist eine Art Wärme und ein Gefühl von Realsein verbunden, das manche Klienten dazu führt, dieses Wiedererleben endlos wiederholen zu wollen. Deshalb ist das Vermeiden  dieser Abhängigkeit ist ein weiteres Thema für Tiefentherapeuten.

Wenn, wie Freud sagte, Träume der Königsweg zum Unbewussten sind, dann sind die Techniken der KONGRUENZ VON BEWUSSTSEIN UND UNBEWUSSTEM der „Expresslift" dorthin.

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