Robert Jungk

Die Zukunft
hat
schon
begonnen 

 

Amerikas Allmacht und Ohnmacht

Entmenschlichung - Gefahr unserer Zivilisation

DNB.Buch (40)
mit Fremdsprachen

Bing.Buch  

Goog.Buch

 

detopia:

Jungk.Start 

Umweltbuch

Amerikabuch

Ökobuch

 

Herman Kahn 

Rolf.Kreibich 

Adrien Turel

 

 

  wikipedia  Metaphysik  

Robert Jungk Die Zukunft hat schon begonnen  Amerikas Allmacht und Ohnmacht Entmenschlichung - Gefahr unserer Zivilisation

 

 


1952 bei Scherz & Goverts, Stuttgart, 318 Seiten
1954 10. Auflage  DNB.Buch (4)


1963-1980 bei Rowohlt, 117.000 Stück  DNB.Buch (11), 231 Seiten


1983 als Goldmann-Sachbuch mit 250 Seiten
Untertitel:
Entmenschlichung - Gefahr unserer Zivilisation
DNB.Buch  (1)     Bing.Buch 

 

detopia-2021:

Mit einem Zusatzvorwort "No Future oder Pro Future" auf Seite 7 von R. Jungk. Und dem Nachwort "Brief an einen..."


1990 im Heyne-Sachbuch mit einem Vorwort von Matthias Greffrath  DNB.Buch (1)  314 Seiten


2016 bei Rowohlt "Repertoire", 231 Seiten

Mit dem (alten) Nachwort "Brief an einen..."

rowohlt  jungk-die-zukunft-hat-schon-begonnen 

Verlag mit Lesen bis Seite 22 (geht bei mir nicht mit allen Browsern)


Kleiner Artikel zum Buch
jungk-bibliothek.org/die-zukunft-hat-schon-begonnen-1952 


detopia-2021

Das erste Umweltbuch von Robert Jungk

Bei DNB sehe ich beeindruckende Auflagenzahlen.

Wusste ich gar nicht.

Also ein "Umweltweltbestsellersachbuch" ähnlich Gruhl-1975 oder Ditfurth-1985 mit vielen hunderttausend Lesern.


Angaben aus der Verlagsmeldung 2016

Dieses Buch, das bereits kurz nach seinem Erscheinen in alle Weltsprachen übersetzt wurde, ist eines der großen Dokumente seiner Zeit und hat im Bewußtsein aller Menschen, die Auge in Auge mit den Gefahren ihres atemraubenden Säkulums leben, eine unverlierbare Spur hinterlassen.

Es ist das Werk eines ordnenden, kritischen Geistes, der auf die Suche nach neuen moralischen Maßstäben geht.

Soll - so fragt der Autor - eine sich ins Phantastische steigernde, das Individuum nahezu auslöschende Technik zum alles verschlingenden Moloch werden oder lassen sich aus ihr dienende, segenbringende Kräfte entbinden?

Das Leben des einzelnen wie der ganzen Menschheit hängt von der Beantwortung dieser Frage ab.

Was Geschichtsphilosophen und Kulturkritiker denken, was Dichter in utopischen Romanen ausmalen, das ist hier zum Wirklichkeitsrecht geworden.

Robert Jungk schreibt nüchtern und sachlich, und doch spürt man aus jeder Zeile die Unruhe eines Mannes, der sich fragt, ob in unserer durch und durch technisierten, von eisiger Rationalität bestimmten Welt der Mensch überhaupt noch eine Chance habe, sich als Mensch zu behaupten.


 

 

 

 

Inhalt 2016

 

Vorwort zur Taschenbuchausgabe (5) [Vermutlich 1963 zur ersten rororo-Ausgabe]

 

Griff nach der Allmacht  (8)

1. Kapitel, 2. Kapitel, 3. Kapitel, 4. Kapitel, 5. Kapitel

 

Griff nach dem Himmel

GEBURTSMAL DER NEUEN ZEIT  16
KEINE ZEIT FÜR GEFÜHLE  22
ARMER KLEINER ÜBERMENSCH  34

Griff nach dem Atom

DIE LETZTEN ABENTEURER 43
EINE STADT MUSS STERBEN — EINE STADT MUSS WACHSEN 57
DER ORT, ÜBER DEM «GEHEIM» STEHT 69
EIN STÜCKCHEN HÖLLE  81
GOMORRA IN DER WÜSTE  93

Griff nach der Natur

PARADIES VON MENSCHENHAND 99
DIE WEITERMACHER  108
MASCHINE TIER  113

Griff nach dem Menschen

ROBOTER IM BÜRO  (125)
SEELENINGENIEURE  (137)
WELT OHNE WÄNDE  (148)
MÄRCHENERZÄHLER VON HEUTE   (161)

Griff nach der Zukunft

ERFINDUNGEN AUF BESTELLUNG  170
DAS ELEKTRONENORAKEL  177
DIE UMKEHR DER DENKER  186

Griff nach dem Weltraum

BAHNHOF ZU DEN STERNEN  (191)
DAS ZEITALTER DER VERTIKALEN ENTDECKUNGEN  (196)
DIE GEBURT EINER WELTRAUM-INDUSTRIE  (202)

Griff nach dem Geist

DAS ZEITALTER DER GEHIRNE  (208)

VERLANGT: DAS ÜBERHIRN  (213)

DIE SUCHE NACH DEM SINN   (223)

 

Nachwort  (230)
Brief an einen, der an der Zukunft verzweifeln möchte

 

Inhaltsübersicht - Rowohlt 2016

 

Inhalt 1952 (Scherz)

Inhalt 1983 (Goldmann)

 

No Future oder Pro Future?  (7)  Vorwort 1983

Vorwort (8-10) Vorwort 1963

Behauptung (ca.1945) von Adrien Turel (11)

 

Griff nach der Allmacht (12)

 

Griff nach dem Himmel

Geburtsmal der neuen Zeit 21

Keine Zeit für Gefühle 28

Armer kleiner Übermensch 40

Griff nach dem Atom

Die letzten Abenteurer 50

Eine Stadt muß sterben - Eine Stadt muß wachsen 65

Der Ort, über dem «geheim» steht 78

Ein Stückchen Hölle 91

Gomorra in der Wüste 103

Griff nach der Natur

Paradies von Menschenhand 109

Die Wettermacher 119

Maschine Tier 124

Griff nach dem Menschen

Roboter im Büro 136

Seeleningenieure 149

Welt ohne Wände 161

Märchenerzähler von heute 175

Griff nach der Zukunft

Erfindungen auf Bestellung 184

Das Elektronenorakel 192

Die Umkehr der Denker 202


Griff nach dem Weltraum

Bahnhof zu den Sternen 207

Das Zeitalter der vertikalen Entdeckungen 213

Die Geburt einer Weltraum-Industrie 219

Griff nach dem Geist

Das Zeitalter der Gehirne 225

Verlangt: Das Überhirn 231

Die Suche nach dem Sinn 242

 

Nachwort (248) Brief an einen, der...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Goldmann 1983

 


"Dem Robert Jungk, in dessen liebenswertem Wesen sich Bescheidenheit mit unerbittlicher sachlicher Aggressivität vereinen, ist es gegeben, Zusammenhänge und Tendenzen aufzuspüren, wie sie vor ihm keiner sah. Und wenn es darum geht, die Welt, in der wir leben, zu entdecken, so gilt für Jungk vor allem diese Devise: >>Wir müssen die Gegenwart mehr als bisher unter dem Aspekt der Zukunft betrachten. Wir müssen lernen, müssen kritisieren und - träumen.<<"  ---- Hans Gresmann in Die Zeit


»... die Zukunft hat schon begonnen. Sie ist erschreckend, diese Zukunft, und erinnert so sehr an Szenen aus den modernen Utopien von H. G. Wells bis Orwell, daß die Frage auftaucht, ob nicht schon das Denken und Niederschreiben solcher vorgeschauter Möglichkeiten wie das Weichenstellen auf einen fahrenden Zug wirkt: Die Entwicklung wird dahin gelenkt, wohin der Mensch vorher denkt.« ----  Margret Boveri in Frankfurter Allgemeine Zeitung


»Der >Altgläubige<, zu denen wohl auch Jungk zählt, wird von der Möglichkeit einer Theologia Americana nicht viel wissen wollen, so wenig, wie die Altgläubigen des Reformationszeitalters von den Neuerern etwas wissen wollten. Und doch wird man Jungks Buch nicht lesen, ohne die Überzeugung zu gewinnen, daß die Zukunft, die schon begonnen hat, auch eine neue Metaphysik und eine neue Religion bringen wird, auch wenn sie sich noch alter Formen vorübergehend bedient. Dieser Hintergrund des Gemäldes, das Jungk entwarf, gibt ihm die gefährlicheTiefe.«  ---- Hans Fleig in Die Tat

 wikipedia  Metaphysik 


Zum Autor

Robert Jungk, der am 11. Mai 1983 seinen 70. Geburtstag feierte, ist heute einer der bekanntesten Futurologen und Wissenschaftspublizisten. Er studierte bis zu seiner Verhaftung im Februar 1933 in Berlin Psychologie und Geschichte. Nach der Haftentlassung emigrierte er zunächst nach Paris, kehrte jedoch 1935 nach Deutschland zurück, um sich einer Widerstandsgruppe zur Verfügung zu stellen. Nach Zerschlagung der Untergrundorganisation gelang ihm die Flucht nach Prag, wo er - wie später in Zürich und London - als Journalist tätig war.

1945 promovierte er mit der Dissertation «Der Kampf um die Pressefreiheit in der Schweiz» zum Dr. phil.

Seit 1968 lehrt Robert Jungk das von ihm mitbegründete Fach Zukunftsforschung an der Technischen Universität Berlin. Er ist Honorarprofessor.

Seinen internationalen Ruf begründete Robert Jungk mit Werken, in denen er vor den Gefahren moderner Technologie eindringlich warnt: «Die Zukunft hat schon begonnen», «Heller als tausend Sonnen», «Strahlen aus der Asche».

Jungk ist Mitherausgeber der Buchreihe «Modelle für eine neue Welt» und gilt als einer der führenden Köpfe in der internationalen Friedensbewegung.


Made in Germany

5/83

1. Auflage

Genehmigte Taschenbuchausgabe

© 1952 by Alfred Scherz Verlag, Bern und Stuttgart

Umschlaggestaltung: Atelier Adolf & Angelika Bachmann, München

Druck: Eisnerdruck GmbH, Berlin

Herstellung: Sebastian Strohmaier


 

No Future

oder Pro Future?

 

Selten ist ein Titel so oft mißverstanden worden wie der dieses Buches. Was von mir als Warnung gemeint war, münzte die Werbung (zu der leider auch stets ein Teil der Publizistik zu zählen ist) zur Fanfare für einen rasanten Fortschritt. Jetzt da dieser bedenkenlose Vorwärtssturz an den Rand des Abgrundes geführt hat, macht ein Schlagwort die Runde, das den naiven Zukunftsoptimismus vergangener Jahrzehnte durch einen nicht weniger vereinfachten Zukunftspessimismus ersetzen will: No Future!

Unbeirrt durch Voraussagen, die meist nur eine gegenwärtig vorherrschende Stimmung vergrößern und verlängern, entwickelt sich die Geschichte. Sie kommt zwar oft an ein Ende, aber bisher nicht an das Ende.

Es stimmt in der Tat, daß jene Epoche, in der eine durch wissenschaftliche und technische Erfolge vorangetriebene Elite immer tollkühnere und immer riskantere Projekte zu verwirklichen versuchte, nun ausklingt. Etwas Neues hat schon begonnen, eine alternative Zukunft kündigt sich durch Signale an, die andere Werte zum Antrieb ihres Handelns macht und zu anderen Zielen strebt; die mißachtete Menschlichkeit fordert ihr Recht.

Daß dieser Neubeginn nicht erst nach einer durch den Eigensinn der alten Mächte verursachten Katastrophe einsetzen, sondern sich friedlich durchsetzen möge, ist nicht nur mein Wunsch, sondern auch eine reale Hoffnung, die in der weltweiten Überlebensbewegung ihren Ausdruck findet.

So wie ich beim Schreiben des vorliegenden Buches gegen die blinde Technikbegeisterung der Zeit warnte, möchte ich heute auf Grund meiner ermutigenden Erfahrungen in vielen Ländern, mit Menschen verschiedenster Klassen und Rassen einer modischen Verzweiflung entgegentreten, die wir uns nicht leisten können, wenn die Menschheit erhalten werden soll.

Robert Jungk,
Januar 1983 

 


 

Vorwort

[Vermutlich 1963 zur ersten rororo-Ausgabe; detopia 2021]

8-10

Der Titel dieses Buches ist seit seinem Erscheinen zu einem immer häufiger gebrauchten «geflügelten Wort» geworden, das heute mehr noch als zu Anfang der fünziger Jahre die zwischen Furcht und Hoffnung schwankende Zukunftserwartung unserer Zeit ausdrückt. Der Untertitel der Originalausgabe «Allmacht und Ohnmacht Amerikas» erwies sich bald als zu eng. Denn die Phänomene und Tendenzen, die ich am «Modell USA» aufzeige, haben längst die Grenzen der Vereinigten Staaten, ja sogar die «Vorhänge» zwischen West und Ost überschritten. Als am weitesten entwickeltes Industrieland der Erde hat Amerika nur zuerst jene gefährlichen Möglichkeiten deutlich gemacht, die dem jetzigen Stadium der wissenschaftlich-technischen Revolution inhärent zu sein scheinen.

Es ist daher völlig falsch, die hier folgenden Reportagen als «anti-amerikanisch» zu etikettieren und damit zu isolieren. Sie sind nicht gegen dieses eine bestimmte Land gerichtet, sondern gegen die Maßlosigkeit, die jeder modernen Zivilisation droht, wenn sie die vielfältigen, kaum abwägbaren Voraussetzungen menschlicher Entfaltung den groben und daher leicht meßbaren Vorteilen technischer Leistungen unterordnet.

Wollte der Verfasser heute über Europa ein Buch mit ähnlicher kritischer Blickrichtung schreiben, so müßte manches Kapitel noch weit schärfer ausfallen. Denn wer könnte gegenüber dem brutalen «Griff nach der Geschichte» gleichgültig bleiben, der im Namen eines hastigen Wieder- oder Neuaufbaus in den letzten Jahren zahlreiche europäische Kulturdenkmäler entweiht oder einfach dem Erdboden gleichgemacht hat? Wer wird nicht von Schreck gepackt, wenn er, über den eigenen lokalen Blickwinkel hinausschauend, mitansehen muß, wie Europas Landschaft durch den gierigen «Griff nach Land» seit Ende des Zweiten Weltkrieges immer unkenntlicher wird, wenn er, ohne wirksamen Einspruch erheben zu können, erlebt, wie Tag um Tag Äcker, Wiesen, Wälder unter Betondecken begraben werden, wie an Stelle der grünen Hügel die Müllberge immer höher wachsen und überall aus lebendigen Flüssen und Seen träge Kanäle oder stinkende Kloaken werden? Und diese Sorge müßte sich zu ganz persönlich empfundener Angst steigern, wenn dann der «Griff nach der Gesundheit» geschildert würde: alle die lauten und leisen, sichtbaren und unsichtbaren Attacken einer unbewäl-tigten Technik auf Leib und Seele der Menschen, die in den von immer mehr Lärm, Rauch und giftigen Abgasen erfüllten Stadtlandschaften Europas leben müssen.

«Schreiben Sie das doch!» Wie oft haben Zuhörer, denen ich von der sich mitten im sogenannten Frieden vor unseren Augen ereignenden Zerstörung des alten Erdteils erzählte, mir diesen Rat gegeben. «Rütteln Sie die Leute auf.» Doch ich frage mich, ob es wohl sinnvoll sei, auf einen Berg von Warnungen noch einen zweiten zu stülpen.

Die Gründe für dieses Zögern sind in der Wirkung dieses hier als Taschenbuch vorliegenden Berichtes zu suchen. Er war bisher meiner Ansicht nach trotz aller hohen Auflagenziffern und vielen Übersetzungs-Ausgaben nicht erfolgreich. Ich hatte gehofft, die Leser zu bewegen, aber ich fürchte, es ist mir nur gelungen, sie zu erschrecken und zu lähmen. Das was sie hier über das auf sie Zukommende lesen konnten, hat sie nicht aktiver, sondern höchstens noch etwas resignierter gemacht. Ähnlich wie mir ist es auch anderen Zivilisationskritikern ergangen. Sie haben weniger zur Veränderung der von ihnen geschilderten und getadelten Verhältnisse beigetragen, als vielmehr der fast allgemeinen Apathie und Passivität unserer Zeitgenossen noch die entschuldigenden Argumente geliefert.

Deshalb sehe ich es jetzt als meine oberste Pflicht an, immer wieder darauf hinzuweisen, daß die in diesem Buch geschilderten Entwicklungen zwar gewaltig, aber keineswegs zwingend sind. Es geht in Zukunft weniger darum, sie aufzuhalten, als sie zu steuern und ihnen neue Richtungen zu weisen. Die Technik, so werden gerade die Techniker bestätigen können, befindet sich noch in einem ersten frühen und recht plumpen Stadium. Sie ist nicht unser Schicksal, sondern nur ein ziemlich neues, mächtiges Instrumentarium, dessen Differenzierung, Meisterung, Umgestaltung und Zähmung vielleicht die wichtigste Aufgabe der heute und morgen Lebenden sein wird.

Der Mensch mag, wie ich in diesem Buch berichte, in den Augen eines Weltraum-Mediziners als eine Fehlkonstruktion erscheinen. Er ist langsamer, ermüdbarer, gebrechlicher als die meisten seiner künstlichen Geschöpfe. Aber nur er auf dieser Erde verfügt über eine Energiequelle, die stärker ist als jede andere Naturkraft: die kritische und erfindende Phantasie. Aus ihr ist diese heute so bedrohliche Nebenwelt der Geräte erstanden, aus ihr müssen nun ganze neue Konzepte entspringen, die das Explosive, Gefährliche an seinen dienenden Platz verweisen.

«Die Zukunft hat schon begonnen» soll nicht ein Endstadium der Menschheitsgeschichte schildern, sondern den Anstoß zu einem neuen Beginn geben. Dies ist kein «fertiges Buch», sondern ein Anfang, der jeden Leser anregen möchte, von hier aus weiterzudenken und, statt die vielen derben «Griffe» fatalistisch hinzunehmen, von seinem Platz aus die Zukunft spürend, wissend, entwerfend und handelnd formen zu helfen.

Robert Jungk

(1963?)

10


 

«Wir behaupten, daß

Rußland und Amerika seit 1917 auf technische Allmacht... konvergieren,

daß sie hierbei von Alt-Europa divergieren.»

Adrien Turel

GESCHRIEBEN MEHR ALS EIN JAHRZEHNT VOR DEM ERFOLGREICHEN START
DER ERSTEN SOWJETISCHEN UND AMERIKANISCHEN ERD-SATELLITEN

 


 

 

 

Griff nach der Allmacht

 

1

12

 Als Christoph Kolumbus aufbrach, um für seine Königin den kürzesten Seeweg nach Indien zu suchen, wußte er so wenig über die Regionen, nach denen er sich einschiffte, daß er, ohne es zu wollen, eine «neue Welt» fand. Der x-millionste Besucher, der heute auf den Spuren des großen Seefahrers in das von ihm entdeckte «Amerika» reist, bringt dagegen eher zuviel als zuwenig Wissen um sein Ziel mit. Denn fast jeder von uns hat auf irgendeine Weise bereits den Einfluß des «Ame-rikanismus» erfahren, bevor er je den Boden der Vereinigten Staaten betritt. Uns allen ist «Onkel Sam» im Laufe der letzten Jahre aus einem fernen Verwandten zu einem nahen Nachbarn geworden, einem fast alltäglichen Besucher, dessen Heimat wir aus seiner Art, seinen Gewohnheiten, aus einer Fülle von Zeitschriften, Büchern, Bildern, Filmen besser zu kennen glauben als manches geographisch näher gelegene Land.

Trotzdem kann auch dem heutigen wohlinformierten Amerikareisenden ein Kolumbusschicksal blühen. Er kommt in ein ganz anderes Land, als er angenommen hatte. Hinter dem ihm bereits aus der Ferne bekannten Bild der «neuen Welt» entdeckt er noch eine andere höchst seltsame Welt, die ihm fremd und gefährlich erscheint.

Nur widerstrebend und unwillig nimmt der Zugereiste nach und nach immer mehr Eindrücke auf, die seinen Erwartungen widersprechen. Er will sie zuerst als «Ausnahmen» ausklammern und als «vorübergehende Erscheinungen» abtun. Nur ganz allmählich dämmert ihm, daß die Summe all dieser «Provisorien» vielleicht eine neue, eigene Wirklichkeit darstellen könnte, ein ganz verschiedenes, erst im Werden befindliches Amerika.

Gewiß — die Kulisse verrät nicht viel von diesem anderen Amerika. Sie ist intakt und frisch aufgeputzt. Die Freiheitsstatue grüßt bei der Einfahrt in den Hafen von New York, Toleranz und Humanität verheißend. Die Wolkenkratzer lächeln aus blitzenden Fensterreihen und strahlen pflichtgemäß Optimismus aus. Nirgends werden die Symbole einer freiheitlichen, auf ihre Anfänge stolzen Demokratie versteckt oder verleugnet. Im Gegenteil: gerade weil sie von Jahr zu Jahr an wirklichem Einfluß und echter Kraft verlieren, werden sie um so auffallender in die


Schaukästen der Publizität gestellt. Aber in Wahrheit haben «das kleine rote Schulhaus», «das freundliche weiße Kirchlein», «der im Blockhaus geborene Präsident», «der rauhbeinige Individualist», «der Selfmademan, der es von Lumpen zu Reichtum brachte» zu der realen Gegenwart der Vereinigten Staaten kaum eine stärkere Beziehung als etwa Dome, Schlösser, Cancan- und Heurigenmusik zur Nachkriegswirklichkeit Europas. Sie sind Museumsstücke geworden, Attraktionen für Touristen und dankbare Gegenstände für einfallslose patriotische Festredner.

Denn auch die Vereinigten Staaten haben sich im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte entgegen manchem äußeren Anschein tief verändert, mindestens so tief wie die von inneren und äußeren Umwälzungen durcheinandergeschüttelten Länder Europas. Es bricht jetzt durch die Fassade der «neuen Welt» etwas anderes durch, das ich als die «neueste Welt» bezeichnen möchte: ein Amerika, das mit den Leitsätzen seiner bisherigen Geschichte nicht mehr im Einklang steht und immer deutlicher Züge totalitärer Art aufweist.

Um dieser «neuesten Welt» zu begegnen, muß man die Stadtzentren verlassen und in die Vororte hinausfahren, wo die Arbeitswelt in die Lebenswelt hinübergreift und die menschliche Einzelexistenz immer mehr in die Uniform der Standardisierung preßt. Mittelpunkte dieser Siedlungen sind nicht mehr die Kirche, die Schule oder die Town Hall, sondern die Zentren von Erzeugung und Verbrauch, die Fabrik und der «supermarket».

Am klarsten aber wird das Bild der «neuesten Welt», wenn man überhaupt den bisherigen Zivilisationsmetropolen Amerikas in den östlichen Staaten und im Mittelwesten Lebewohl sagt, um sich nach den einst vorwiegend ländlichen oder ganz unbesiedelten Regionen im Süden, Südwesten und Westen der Staaten zu begeben; denn gerade dort sind die Wahrzeichen des anderen Amerikas seit Beginn des zweiten Weltkrieges mit der Schnelligkeit von Goldgräberstädten aufgeschossen.

Da sind die großen Rüstungsfabriken mit ihren nagelneuen Massensiedlungen, die metallschimmernden Ölraffinerien und automatisierten chemischen Industriekomplexe. Da sind vor allem die militärischen Reservationen, die Laboratoriumsstädte, die Testplätze. Sie liegen nicht nur geographisch abseits. Auch politisch führen sie ein Sonderleben. Die Freiheitsrechte sind in ihnen weitgehend aufgehoben worden, und man experimentiert mit allen möglichen Verfassungsformen herum, die von der unverhüllten Diktatur über den aufgeklärten Absolutismus bis zum Sozialismus reichen.

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Wer einmal Gelegenheit gehabt hat, dieser bisher deutlichsten Ausprägung der «neuesten Welt» zu begegnen, wird ihre Mentalität auch an zahlreichen anderen Orten spüren, selbst wenn sie dort noch nicht so deutlich hervorgetreten ist. Denn all das Uniformierte, Gleichgeschaltete, in seinem ausschließlichen Streben nach Höchstleistung Unmenschliche ist heute noch fast überall so sehr mit den demokratischen, christlichen und humanitären Lebensformen der «guten alten Zeit» vermischt, daß es nicht gleich sichtbar wird.

Das hat seinen guten Grund. Während sich in anderen Ländern die totalitäre Tendenz meist mit revolutionärer Gewalt Durchbruch verschaffte und dann sofort alles daransetzte, die Spuren einer freiheitlicheren Vergangenheit zu beseitigen, geht der Prozeß in den Vereinigten Staaten evolutionär vor sich. Daher gibt es ein Nebeneinander von alt und neu, von Freiheitsresten und Sklavereibeginn, in dem zum Ausdruck kommt, daß die letzte Entscheidung noch nicht gefallen ist. Selbst die wenigen Persönlichkeiten, die bewußt auf eine neue, der amerikanischen Tradition widersprechende Tyrannei hinarbeiten, sind geschickt genug, sich dabei freiheitlicher Phrasen zu bedienen.

 

2

Es gibt für die jüngste, totalitäre Phase der Vereinigten Staaten sicher manche naheliegende und einleuchtende politische Erklärung. Eine solche Deutung ist aber nicht Gegenstand dieses Buches. Hier soll versucht werden, diese beunruhigende Entwicklung auf eine andere Weise zu schildern und zu erklären. Denn es handelt sich meiner Ansicht nach um einen Prozeß, der über die augenblicklichen innen- und außenpolitischen Konstellationen weit hinausreicht.

Historisch gesehen scheint mir die neue Tendenz zur Unfreiheit aus der gleichen Quelle zu kommen, die gestern und vorgestern noch den amerikanischen Freiheitsbaum tränkte, nämlich aus dem Streben zur Aufschließung immer neuer Gebiete, dem Drang zu immer «neuen Grenzen». Die «frontier», die im Laufe von anderthalb Jahrhunderten vom Atlantischen bis zum Pazifischen Ozean vorgeschoben wurde, hat Amerikas Denken, seine seelische Einstellung und nicht zuletzt seine Wirtschaft im neunzehnten Jahrhundert tief beeinflußt. Sie war das Symbol des maßlosen amerikanischen Fortschrittsgeistes; von hier kamen die allmählich zum Bedürfnis gewordenen Erschütterungen des Landes durch Funde immer neuen Reichtums. An der «Grenze» gab es keine Regeln, keine gesellschaftlichen und zivilisatorischen Hindernisse.

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Sie war das Paradies der Pioniere, das Land der «unbegrenzten Möglichkeiten», in dem sich jedermann, der genügend Kraft und Mut besaß, aus freien Stücken eine Zukunft aufbauen konnte.

Aber etwa um 1890 hatten die Pioniere das ganze Territorium ihres eigenen Landes erobert und besetzt. Der Dynamismus des amerikanischen Grenzgängers mußte nach neuen Zielen suchen, die nur noch jenseits der Ozeane oder in den großen Landmassen gegen Norden und Süden liegen konnten.

Es hätte damals nahegelegen, daß der Drang nach «neuen Grenzen» sich in puren «Imperialismus» verwandelte. Aber die Stimmen, die den Vereinigten Staaten ein «imperiales Geschick» prophezeiten und das Land auf den Weg kolonialer Eroberungsabenteuer zu weisen versuchten, fanden nur vorübergehend Gehör. Nach dem kurzen und wenig populären Krieg gegen Spanien wandte sich die wachsende Großmacht lieber anderen als territorialen Eroberungen zu. Sie suchte unter der Führung von Wissenschaft und Technik nach «neuen Grenzen», die nicht auf Landkarten zu finden waren. Grenzen, die jedermann offenstanden, der sie mit Nachdruck attackierte und zu überschreiten wagte.

Während andere Großmächte sich um Provinzen, Inseln, Wüstenstrecken stritten und dabei gegenseitig aufrieben, begann Amerika statt dessen seine Laboratorien und Fabriken zu entwickeln. Die neuen Pioniere waren Finanziers, gewillt, Risiken auf sich zu nehmen, Wissenschaftler und Ingenieure. Diese fruchtbaren Gehirne mußten nicht einmal «erobert» werden. Waren sie nicht schon im Lande, so kamen sie freiwillig nach den USA, angelockt von großzügigen Mitteln und Entwicklungsmöglichkeiten, die sie sonst nirgends auf der Welt fanden.

So sind die Vereinigten Staaten im Laufe eines halben Jahrhunderts zur führenden wissenschaftlichen und technischen Großmacht emporgewachsen. Ihre «neuen Grenzen» lagen und liegen noch heute vor allem in den Laboratorien und Werkstätten des eigenen Landes. Die scheinbar in den letzten Jahren erfolgte territoriale Grenzausweitung der USA, durch die Einrichtung eines weltweiten Netzes von militärischen Stützpunkten, ist zweifellos defensiver Natur. Dieser weitgespannte Verteidigungsgürtel soll vor allem dem Schutze jener anderen ungleich weiter zielenden und erfolgversprechenderen Offensive dienen, die stündlich und täglich in den Versuchsstätten des Mutterlandes weiter vorgetragen wird.

Denn es geht den Amerikanern auch heute noch um viel mehr als Landbesitz. Sie sind im Grunde ehrgeiziger, als selbst ihre schärfsten Gegner glauben. Ihr Streben trachtet nämlich nicht nach Herrschaft über

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Kontinente oder gar über den ganzen Erdball, sondern nach viel Höherem. Amerika bemüht sich darum, die Macht über das All zu gewinnen, die vollständige, absolute Herrschaft über das Universum der Natur in allen seinen Erscheinungen.

Es ist dies ein Machtstreben, das sich gegen keine der heute bekannten Nationen, Klassen, Rassen, Eliten und Kasten richtet. Es greift nicht bestimmte Regierungsformen an, sondern die seit Menschengedenken kaum erschütterten Wirkungsformen der Schöpfung. Wolken und Wind, Pflanze und Tier, der unendlich weite Himmelsraum selbst sollen unterworfen werden. Auf dem Spiel stehen mehr als Diktatorensessel und Präsidentensitze. Es geht um Gottes Thron. Gottes Platz zu besetzen, seine Taten zu wiederholen, einen eigenen menschengemachten Kosmos nach menschengemachten Gesetzen der Vernunft, Vorhersehbarkeit und Höchstleistung neuzuschaffen und zu organisieren: das ist das wirkliche Fernziel Amerikas. Darauf sind seine besten Kräfte gerichtet.

Dies ist eine Verschwörung, die ihres Erfolges so sicher ist wie nur je eine andere revolutionäre Bewegung. Sie wird von Staatslenkern gefördert, von den Massen beklatscht, von der Polizei gehätschelt. Denn sie verspricht allen Reichtum, sie will keinem Menschen etwas nehmen. Alles ursprünglich Sprießende, wild Wuchernde, in geduldiger Veränderung langsam Werdende wird von ihr ausradiert. Was sie nicht beobachten und messen kann, zwingt sie indirekt in ihre Gewalt. Sie sagt das Unsagbare. Sie kennt keine Scheu.

Die Sklaven, die vor den Karren des Griffes nach der Allmacht gespannt werden, gehören nicht fremden Nationen an, sondern den Elementen. Jedes Jahr, so hat man ausgerechnet, wächst diese Armee der «Energiesklaven» um Millionen von «Pferdekräften» und «Wärmeeinheiten». Nichts bleibt unberührt, nichts unbenutzt. Selbst das Innerste von Himmel und Stoff, von Lebensquell und Seele muß sich öffnen. Es gibt kein Halt vor dem Tod, keinen Respekt vor der Zeit. Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft sind Jongleurbälle, die durcheinandergewirbelt werden.

Welch zahmer Stümper war Prometheus, verglichen mit seinen fernen amerikanischen Nachfahren I

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Es ist lange angenommen worden, daß dieser Griff nach der Allmacht auf die religiöse, moralische, politische Haltung Amerikas ohne Einfluß bleiben könne. Wie überall und in mancher Hinsicht wohl noch stärker sind aber mit dem Aufstieg der angewandten Wissenschaft und der Technik auch in den Vereinigten Staaten die Grundpfeiler der Demokratie, des Christentums und der persönlichen Ethik ins Wanken geraten. Wo vorher Glaube und Gewissen allein geurteilt hatten, heißen die neuen Richter nun Zweck und Leistung. Vor ihnen hat nichts Bestand, das nicht auf die scharfe Frage: «What is it good for?» — «Wozu kann es dienen?» zu antworten vermag. Alles und jedes, das Kleinste wie das Größte werden nun ins Joch gespannt und nutzbar gemacht.

Auch der Mensch selbst, der eigentliche Erdenker und Lenker dieser zweckgebundenen Welt, hat sich schließlich der neuen Knechtschaft nicht entziehen können. Der Amerikaner zahlt für den Griff nach der glückverheißenden Allmacht den höchstmöglichen Preis. Er gibt dafür seine Freiheit als gottgeschaffene Person hin. Diese individuelle Ohnmacht ist die Vorbedingung der Teilhaberschaft an der Allmacht. Denn der Vorstoß zur «frontier» unserer Zeit hat eine Vorbedingung, die der Pionier des vorigen Jahrhunderts nicht erfüllen mußte: kollektive Anstrengung und Disziplin.

Damals hatte jeder mehr oder weniger auf eigene Faust mit wenigen Gefährten seiner Wahl, ein paar Flinten, ein paar Pferden und einem «covered waggon» voller Proviant in die unbekannte, Reichtum versprechende Weite aufbrechen können. Die noch unausgebeutete jungfräuliche Erde wartete auf ihn, Ernten und Geld als Früchte seiner Anstrengung gaben greifbare Befriedigung.

Wie anders die neuen Pioniere! Ihre Laboratorien, Werkstätten, Versuchsanlagen gehören nicht ihnen. Sie selbst sind nur als Vorhut einer riesigen industriellen Armee denkbar. Hinter dem Bau und dem Abschuß jeder Fernrakete, jeder Atomzertrümmerung, jedem chemischen Experiment, jeder Arbeit eines Elektronengehirns steht ein hochentwickelter technischer Apparat, eine Unsumme von Opfern an Zeit, Kraft, Geld, individueller Freiheit. Nur in finanzieller, organisatorischer und persönlicher Abhängigkeit von den Leitern der forschenden Gesamtanstrengung ist der Pionier von heute möglich.

Es ist nur konsequent, daß der neue Pionier selbst den gleichen Methoden unterworfen wird, die er zur Beherrschung der Natur anwendet. Auch er wird wissenschaftlich beobachtet, auf seine Eignung geprüft, bis zum Äußersten seiner Fähigkeiten genützt und wie irgendein an-

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deres Werkzeug weggeworfen, sobald er den gewünschten Zweck nicht mehr erfüllt. Der «freie Wille» muß in diesem Zusammenhang geradezu als unstabiles Element gewertet und ausgeschaltet werden, der unsichere Faktor Mensch durch einen möglichst zuverlässigen Typus ersetzt werden. Wie in jeder Revolution haben die Aufrührer, Himmelsstürmer, Unzufriedenen zu verschwinden. Der verläßliche lenkbare Durchschnittsmensch wird zum neuen Pionierideal.

 

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So ist zur Zeit in den Vereinigten Staaten eine Welt im Entstehen, wie es sie nie zuvor gab. Es ist die von Menschen entworfene, im Höchstmaß vorausgeplante, kontrollierte und je nach dem Fortschrittsstand immer wieder «verbesserte» Schöpfung. Sie besitzt ihre besondere Art von Schönheit und von Schrecken. Denn obwohl die menschlichen Schöpfer sich bemüht haben, aus ihrer Kreation Schicksal, Zufall, Katastrophen, Unglück und Tod zu verbannen, so treten die Fortgewiesenen nun verkleidet nur noch viel eindringlicher auf: Kalkulationsfehler der Planstatistiker, Versagen der technischen Apparatur, Unfälle und Explosionen bringen ein Vielfaches an Leid.

Sogar die alten dunklen Mythen vom verschleierten Bild, dessen Vorhang niemand heben darf, von Geistern, Dämonen und verwunschenen Regionen, ja von der Hölle selbst, kommen in dieser scheinbar so genau ausgerechneten, rational entstandenen Welt zu neuer Geltung. Denn der Durchschnittsmensch bewegt sich in der zweiten, künstlich aus der Retorte gewonnenen Natur genauso unsicher wie seine prähistorischen Vorfahren in der primären Natur, weil rfur die Spezialisten — und oft nicht einmal sie — die Wesen und Kräfte begreifen, die sie in die Welt gesetzt haben.

Diese «neueste Welt» ist keine ferne Utopie, kein Geschehen aus dem Jahre 1984 oder einem noch ferneren Jahrhundert. Wir sind nicht wie in den Zukunftsromanen von Wells, Huxley und Orwell durch den breiten Graben der Zeit von dem reißenden Tier Zukunft getrennt. Das Neue, Andere, Erschreckende lebt schon mitten unter uns. So ist es, wie alle historische Erfahrung zeigt, immer gewesen. Das Morgen ist schon im Heute vorhanden, aber es maskiert sich noch als harmlos, es tarnt und entlarvt sich hinter dem Gewohnten. Die Zukunft ist keine sauber von der jeweiligen Gegenwart abgelöste Utopie: die Zukunft hat schon begonnen. Aber noch kann sie, wenn rechtzeitig erkannt, verändert werden.

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In dieser zukunftsbezogenen «neuesten Welt» haben die Grenzen von Tag und Nacht, von Licht und Finsternis keine Gültigkeit mehr. Die Tat des ersten biblischen Schöpfungstages wird von den späten Nachkommen des Prometheus annulliert. Damit der moderne Produktionsprozeß keine Unterbrechung erleide, brennen in den Fabriken von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang die künstlichen «Sonnen» der elektrischen Scheinwerfer. In fast allen großen Städten Amerikas gibt es Markthallen und Drugstores, die verkünden: wir schliessen nie! Es ist nur noch ein kurzer Schritt zu dem Augenblick, da der bereits in einem kalifornischen Laboratorium entwickelte künstliche «Nordlichteffekt» dem Himmel für immer sein Nachtgewand herunterreißt.

Und so geht es mit jedem einzelnen im heiligen Buche beschriebenen Schöpfungsakt. Der Mensch schafft künstliche Materie, er baut eigene Himmelskörper und bemüht sich dann, sie am Firmament über uns aufgehen zu lassen, er kreiert neue Pflanzen- und Tierarten, er setzt eigene, mit übermenschlichen Sinnesorganen ausgestattete mechanische Wesen, die Roboter, in die Welt.

Nur eines kann er nicht. Es ist ihm nicht gegeben, mit den Worten der Bibel auszurufen: «Und siehe da, es war sehr gut.» Er darf niemals die Hände in den Schoß legen und sagen, daß seine Schöpfung vollendet sei. Rastlosigkeit und Unzufriedenheit bleiben mit ihm. «Denn hinter jeder Tür, die wir öffnen, liegt ein Gang mit vielen anderen Türen, die wir abermals aufschließen müssen, nur um dort dann wieder hinter jedem einzelnen Zugang weitere Pforten zu abermals neuen Toren zu finden», sagte ein chemischer Forscher zu mir, einer der gottgleichen Schöpfer des künstlichen Universums.

Es scheint, als sei hinfort der Sinn all dieses Schaffens nur wieder neues Schaffen. Produktion ruft nach immer mehr Produktion, jede Erfindung nach weiteren Erfindungen, die vor den Folgen der vorhergehenden Neuschöpfung schützen sollen. Der Mensch kommt nicht mehr zum Genuß der Welt. Er verzehrt sich in Angst und Sorge um sie. Kein Glücksgefühl und kein «Hosianna» begleitet den neuen Schöpfungsakt.

 

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Diese Unzufriedenheit mit der menschengeschaffenen «neuesten Welt», die heute in den Vereinigten Staaten oft schon so deutlich empfunden wird, daß sie zu einem Schwelgen in Furcht- und Untergangsphantasien ausartet, scheint mir eines der hoffnungsvollsten Zeichen für die Zukunft Amerikas. Zivilisationspessimismus ist nicht mehr nur die modi-

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DIE SUCHE NACH DEM SINN

 

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 In einer hervorragenden zusammenfassenden Studie über die Entwicklung der Vereinigten Staaten in den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts und einer Vorschau auf das folgende Jahrzehnt* stellt der amerikanische Publizist Francis Bello fest, daß ein entscheidendes Merkmal der neuesten Entwicklung in Wissenschaft und Technik der Übergang von der Bemühung um das Überdimensionale, das «Große» und «Größte», zur Beschäftigung mit dem «Kleinsten» sei.

Das ist eine außerordentlich fruchtbare und sicherlich zutreffende Beobachtung. Das Eindringen in die Welt der winzigsten Dimensionen auf nahezu allen Gebieten der Naturwissenschaft und der daraus resultierende Versuch, mit diesen nur noch unter dem Mikroskop oder sogar nur dem elektronischen Super-Mikroskop wahrnehmbaren Erscheinungen zu operieren, ja sie womöglich in «überverkleinerten» Geräten zu imitieren, ist wirklich als Vorstoß in eine ganz neue Welt zu betrachten.

Erstmals wird unserem Zeitgenossen, dem Menschen der Jahrtausendwende, im Elektronenmikroskop und in den großen Atombeschleunigungsmaschinen oder der «Bläschenkammer» das Innerste der lebendigen Zellen, das geheime «Alphabet» der Erbmasse, die erst halbverstandene — von den Kernphysikern als «Zoo voller seltsamer Biester» bezeichnete — Vielfalt der subatomaren Partikelchen sichtbar. Es scheint, als hätten die Forscher erstmals nicht mehr nur mit den Gestalten der Natur als solcher zu tun, sondern mit dem, was diese Gestalten hervorbringt und verändert, mit den bisher unsichtbaren innersten «Sprungfedern» der belebten und unbelebten Schöpfung (eine Zweiteilung übrigens, die gerade in dieser Welt des Winzigsten nicht mehr ganz klar zu ziehen ist, da sich hier die Grenzen zwischen lebendiger und «toter» Materie zu vermischen beginnen).

In diesen «neuen Territorien» werden täglich, ja stündlich so zahlreiche neue Einzelheiten entdeckt, daß es selbst den Spezialisten immer schwerer wird, mit der Fülle letzter Informationen Schritt zu halten. Die «Lawine» von immer neuen Forschungsergebnissen auf allen Gebieten der Wissenschaft läßt sich an folgenden Zahlen ablesen.

Es erschienen im Jahre 1960 in der Welt etwa 100.000 Forschungsberichte, 60.000 wissenschaftliche Bücher und bereits zwischen 50.000 und 100.000

* Veröffentlicht in «America in the Sixties» by The Editors of «Fortune», New York 1960.


Fachzeitschriften in über 60 Sprachen. Sie enthielten an die zwei Millionen wissenschaftliche und technische Artikel, etwa dreimal mehr, als an der Schwelle des zweiten Weltkrieges erschienen waren. 2

Ein mit der Geschichte der Wissenschaften beschäftigter Historiker am «Institute of Advanced Study» in Princeton glaubte 1958 noch, eine Art «Gesetz» über die mengenmäßige Entwicklung der Wissenschaft aufstellen zu können, indem er auf Grund seiner bis ins achtzehnte Jahrhundert zurückgehenden Studien konstatierte, daß die Zahl der Wissenschaftler sich durchschnittlich alle zehn Jahre verdoppele. Diese Prognose scheint aber nach den Ende 1960 auf der Jahressitzung der «Association for the Advancement of Science» gemachten Mitteilungen über die forcierte Heranbildung neuer Wissenschaftler im kommunistischen China bereits wieder überholt zu sein. Die Flut der Forschungsberichte, genährt nicht nur durch die Entdeckungen der Wissenschaften, sondern auch dadurch, daß neue, in dieser Richtung bisher wenig aktive Völker die Wissenschaft nun für sich entdeckt haben, wächst und wächst und wächst.

 

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Lee A. DuBrigde, Rektor des «California Institute of Technology» hat noch Ende 1959 dieses Problem der «Informationslawine» in einer vielachteten Ansprache als fast unlösbar angesehen. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, so führte er aus, nähmen heutzutage schneller zu als die Möglichkeiten des Menschen, sich die neuen Erkenntnisse anzueignen, ja sie auch nur zu überblicken.

 wikipedia  Lee_DuBridge  1901-1994

Hier sind nun bald darauf einige wichtige «Durchbrüche» erzielt worden, an denen speziell für diese Zwecke vorbereitete «Elektronen-Gehirne» (oder, genauer gesagt, «elektronische Datenverarbeitungsgeräte») einen wichtigen Anteil haben. Der ihrem «Gedächtnis» anvertraute Titel- und Stichwortkatalog stellt in Minuten- oder in einigen Fällen sogar Sekundenschnelle ein zu einem bestimmten Problem verlangtes Literaturverzeichnis zusammen. Das kann für die Forschung von größter praktischer Bedeutung sein, denn es werden sich dann Wissenschaftler nicht mehr um die Lösung von Problemen kümmern müssen, je Kollegen von ihnen schon längst gelöst und bekannt gemacht haben.

Pannen wie die jenes amerikanischen Elektrokonzerns, der acht Millionen Dollar für zwei Erfindungen zahlte, die — wie sich etwas später erausstellte — längst von früheren Erfindern gemacht und patentiert worden waren, oder Enttäuschungen wie die der amerikanischen Luftwaffe, deren Forscher nach mehrjähriger angestrengter Forschungsarbeit 1958 herausfanden, daß die Russen die Lösung eines von ihnen bearbeiteten Problems bereits 1950 publiziert hatten, wird es dann nicht mehr geben.

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Doch liegt auf lange Sicht die Bedeutung dieser sich in stürmischer Entwicklung befindenden Wissenschaft des «Information Retrieval», des «Wiederauffindens von Information», viel tiefer. Denn mit ihrer Hilfe könnte es möglich werden, den Fluch einer zu engen wissenschaftlichen Spezialisierung zu überwinden. Je tiefer die forschenden «Gehirne» graben, desto häufiger treffen sie nämlich nun auf Gänge und Schächte anderer «Fakultäten». Der Physiker bricht durch eine Mauer und sieht sich plötzlich im «Bau» der Biologie; der Biologe vernimmt neben sich das Scharren der Mathematiker, die Signale der Soziologen und Philosophen. Es gäbe unzählige Querverbindungen zu ziehen, es wäre möglich, diese Entwicklung der «Konvergenz», des heute erst zufälligen Aufeinanderzukommens der Erkenntniswege, bewußt zu fördern und damit ein Zeitalter größter geistiger Fruchtbarkeit einzuleiten. Aber das könnte nur geschehen, wenn es gelänge, die Unmenge der neuen Einsichten zu übersehen und derart in ihren tieferen Bezügen zu erkennen.

Noch dringlicher wäre solche «Schau des Ganzen» für diejenigen, die aus der Auswertung der Geistesarbeit Kraft und Macht schöpfen. Welche Katastrophen haben Politiker und Techniker über die Menschheit gebracht, weil sie «nicht wußten, was sie taten», weil sie die Wirkungen der neuen von der Forschung freigesetzten Gewalten nicht in allen ihren Folgen zu beurteilen versuchten. Die Befreiung der in der Materie eingebetteten radioaktiven Strahlung und die heute schon fast sichere Möglichkeit, das Lebendige durch Eingriffe ins Erbgefüge zu verändern, ja vielleicht sogar künstlich zu «erzeugen», verlangen eine gereifte Menschheit, die das Neue nicht mehr so unbekümmert auf die Welt losläßt. Übersicht wäre ein erster Schritt zu Voraussicht und Vorsicht.

Die Tatsache, daß 1961 mit dem neuen Präsidenten der USA die Elektronengehirne ins Weiße Haus eingezogen sind, ist daher nicht besorgniserregend, sondern eher beruhigend. Denn diese Datengeräte ermöglichen es dem Staatschef, das vielfältige und verworrene Gewebe der Wirklichkeit, die zahllosen aufeinander einwirkenden Prozesse und Tatsachen genauer zu erfassen, und erlauben so den führenden Politikern, die im Besitze solchen Wissens sind, vernünftiger zu handeln, als es eine Führung vermöchte, die nur ihren Eingebungen und Launen vertrauen würde.

Anfang 1961 gab es bereits 524 «elektronische Datenverarbeitungsgeräte» in den Regierungsbüros von Washington (gegenüber einem im Jahre 1950), und rund 6000 Spezialisten waren damit beschäftigt, diese «Elektronenorakel» mit immer neuen Informationen über die ständig sich wandelnde Lage zu füttern und sich von ihnen das «Rohmaterial» der Entscheidungen liefern zu lassen.

Alles deutete aber schon damals darauf hin, daß dieser neue «trend», diese hochwichtige Entwicklung erst begonnen hätte.

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Die elektronischen Datenverarbeitungsgeräte können dem Menschen vielleicht die unter der «Informationslawine» begrabene «große Sicht» wiedergeben, ihm jedoch nicht die Frage nach dem Sinn und der wünschbaren Richtung seines stürmischen Fort-Stürzens beantworten.

Diese Frage aber, die Frage nach den «Zielen», die es eigentlich verfolge, hat sich das amerikanische Volk in der letzten Zeit mit immer größerer Beharrlichkeit gestellt. Die Zahl der selbstkritischen Äußerungen amerikanischer Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler und Staatsmänner ist von Jahr zu Jahr gestiegen. Diese schonungslosen Schilderungen und Analysen fast jeden Aspektes der amerikanischen Gesellschaft und ihrer Kultur haben nur vorübergehend zu Verleumdung und Verfolgung der Kritiker geführt.

Die kurze Periode undemokratischer Unduldsamkeit, die durch das Auftreten des unseligen Senators Joe McCarthy gekennzeichnet war, hat allen gezeigt, «it could happen here» («es könnte vielleicht hier geschehen»), und so als Schutzimpfung gegen neue ähnliche Anfälle von totalitärer Intoleranz gewirkt.

  wikipedia  Joseph_McCarthy  1908 bis 1957 (48, Alkoholismus)

Gerade aus der Minorität von kritischen Köpfen, die aufzeigten, daß die USA seit ihrem Aufstieg zur «Super-Großmacht» manchen Irrweg gegangen waren, sind heute zum Teil die führenden Mitarbeiter der neuen Regierung rekrutiert worden. Sie versuchen nun — ob mit oder ohne Erfolg wird sich erst in Jahren zeigen —, ihre Vorstellungen von 'nem menschlicheren Amerika in die Wirklichkeit umzusetzen.

Typisch für diese Entwicklung ist die Tatsache, daß Professor Jerome B. Wiesner, Gründer und langjähriger Direktor des «Lincoln Communiations Center» am «Massachusetts Institute of Technology», zum ersten wissenschaftlichen Berater von Präsident Kennedy gewählt wurde. Dieses «Center» bemüht sich um eben jene «große Perspektive», die mit Hilfe (aber ohne Überschätzung) der Elektronengehirne wiedergewonnen werden könnte, indem es Forscher verschiedenster Sparten zu großen Gemeinschaftsprojekten zusammenspannt.

 wikipedia  Jerome_Wiesner  

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«Psychologen, Sprachforscher, Neurophysiologen, Mathematiker, Physiker, Elektroingenieure und Informations-Theoretiker treffen sich hier und tauschen ihre Gedanken aus ...» schreibt der amerikanische Publizist John Lear über diese ungewöhnliche Forschungsstätte. «Es ist der Sammelpunkt Hunderter Geister, die sich Gedanken darüber machen, wie Menschen sich anderen Menschen mitteilen, wie sie sich mit Maschinen verständigen können und wie Maschinen mit anderen Maschinen verkehren.»

Jerome B. Wiesner hat sich schon seit 1957 für den Gedanken verwendet, daß die Bemühung um eine kontrollierte Abrüstung alle anderen Zielsetzungen der USA überschatten müßte. Es sollte ein besonderes «Friedensministerium» geschaffen werden, außerdem aber in allen anderen Ministerien — vor allem im Staatsdepartement und im Verteidigungsministerium — «kleine aktive Gruppen qualifizierter Friedensforscher» dafür sorgen, daß die Bemühungen des Staatsoberhauptes um eine friedliche Welt von diesen Behörden wirklich unterstützt und nicht sabotiert würden.

Schließlich hat Professor Wiesner — laut John Lear — vorgeschlagen,

«es müßten die Konstellationen brillanter Gehirne, die hier und dort im Lande — an Orten wie Los Alamos, dem Lincoln-Laboratorium, der Johns-Hopkins-Universität — versammelt seien, von der Regierung durch Stipendien und feste Aufträge veranlaßt werden, einzeln oder in Gruppen Expeditionen in jene dunklen, unerforschten Dschungel zu wagen, in deren Lichtlosigkeit die Hindernisse für den Frieden verborgen sind

 

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Die Amerikaner stellen heute nicht nur die zentrale Position der Aufrüstung als Hauptantrieb der wissenschaftlichen Betätigung in Frage, sondern auch das Übergewicht einer auf praktische Anwendung und materielle Erfolge hinarbeitenden Naturforschung. Gerade die einsichtigen «Gehirne» erkennen an, daß der Geist sich nicht nur in den Reagenzgläsern und Zyklotronen, sondern auch anderswo offenbare. Die Gelehrten der «humanistischen Fächer» reichen nun endlich den «Anderen» die Hand, wie folgendes Zitat aus der vom «Parlament der Wissenschaft» (einer aus über hundert repräsentativen Forschern bestehenden Versammlung der «American Association for the Advancement of Science») gefaßten Entschließung vom März 1958 zeigt. Dort heißt es:

«Die besonderen Kenntnisse des Naturwissenschaftlers sind sicherlich notwendig, aber dieses Wissen wäre machtlos oder sogar gefährlich, wenn es nicht alle Gebiete der Wissenschaft einschlösse und mit den Beiträgen der Humanisten, der Staatsmänner und Philosophen vereinigt würde ... Obwohl die Naturforschung eine Menge praktischer

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und nützlicher Ergebnisse zeitigt und obwohl wir nicht die geringste Absicht haben, die Bedeutung dieser praktischen Resultate zu verkleinern, wollen wir betonen, daß die Wissenschaft im Grunde und in Wirklichkeit ein Ausdruck der geistigen Neugier des Menschen ist, mit der er auf die Ordnung und Schönheit des Universums, in dem er sich befindet, reagieren will. Sie ist in keiner Weise die einzige Antwort auf diese Ordnung und Schönheit, und daher fühlt sich die Wissenschaft mit anderen Bestrebungen wie den Künsten und den humanistischen Studien verbunden, keineswegs aber ihnen entgegengesetzt.»

Diese Washingtoner Resolution des repräsentativen Forums der Naturwissenschaftler, die im Sommer 1960 noch einmal feierlich bekräftigt und erweitert wurde, muß als Ereignis von größter geistiger Bedeutung gewertet werden. Denn hier kündigt sich eine Überbrückung der jahrhundertealten Kluft zwischen der Naturwissenschaft und den Künsten an. Das Resultat dieser Trennung war — in den Worten des Engländers C. P. Snow — die Entstehung von «zwei getrennten Kulturen», einer sich immer mehr in den Vordergrund schiebenden naturwissenschaftlich-technischen neben der alten humanistischen, auf Ethik und Ästhetik gegründeten Kultur.

Jetzt aber erweist es sich in den mutigen und auf ihre Art ergreifenden Worten des Parlaments der Naturwissenschaftler, daß sie, erschüttert von den unvorhergesehenen und noch zu erwartenden Folgen ihrer Arbeiten, ohne geistig-moralische Grundsätze nicht mehr auskommen können und wollen. Denn nun erklären sie feierlich:

«Wir sagen tatsächlich, daß der Mensch abermals vor einer Schwelle steht, vor einer neuen Beziehung zum Atomkern, zur Zelle, zu seinem eigenen Innersten und zum All. — Viele Kräfte haben dahin gewirkt, aber es ist klar, daß die Wissenschaft hauptverantwortlich für das Werden dieser neuen Situation ist. Diese neue Lage wird alle Kraftquellen des Menschen beanspruchen, besonders aber seine Fähigkeit, die neue Macht mit Weisheit, Zurückhaltung und Anstand zu verwalten.»

In dieser Erklärung ist der menschliche Geist über die Grenzen, die er sich selbst durch die Einseitigkeit seiner so erfolgreichen, aber auch bedrückend gefährlichen Bemühungen setzte, hinausgewachsen.

So hat mit der «Resolution von Washington» vielleicht schon eine sinnvollere und schönere Zukunft begonnen.

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Nachwort

BRIEF AN EINEN,

DER AN DER ZUKUNFT VERZWEIFELN MÖCHTE

 

Lieber Freund,

so will ich Sie ansprechen, obwohl wir uns nur ein einzigesmal begegnet sind, denn seither habe ich mich im Geiste oft mit Ihnen unterhalten und Sie sind mir ein vertrauter Gefährte geworden. Da ich jedoch weder Ihren Namen noch Ihre Adresse kenne, so kann ich nicht unmittelbar mit Ihnen in Verbindung treten und muß auf den guten Zufall hoffen, der Ihnen diese Ausgabe meines Buches vielleicht ebenso in die Hände spielen wird wie die frühere.

Es war nach einem Vortrag, den ich vor Studenten in Oslo gehalten hatte. In der sich anschließenden öffentlichen Debatte standen Sie auf und sagten zu mir:

«Ich will Elektro-Ingenieur werden. Jedoch das Bild, das Sie von der in den Vereinigten Staaten und anderen hochzivilisierten Ländern begonnenen technischen Entwicklung entwerfen, läßt mich an meinen Berufsplänen zweifeln. Darf ich denn mithelfen am Bau einer kalten, künstlichen, lebensfeindlichen, entmenschlichten Welt? Ist es nicht konsequenter, an dieser Zukunft zu verzweifeln?»

Es war Ihnen bitter ernst. Das spürten wir alle, die im Saale saßen. Wir sahen, wie blaß Sie waren, und hörten, wie Ihre Stimme zitterte. Sie hatten uns unvermittelt vor eine der großen Fragen unserer Zeit geführt, eine Frage, die erst brennend geworden ist, seitdem der Mensch durch die von ihm geschaffenen Machtmittel selbst über das Wohl und Wehe der Welt bestimmen kann.

Nachdem ich mich von meiner Betroffenheit etwas erholt hatte, versuchte ich Ihnen damals ungefähr auf folgende Weise zu antworten:

«Bitte bleiben Sie bei Ihrer Berufswahl. Sie sollen nicht nur Elektroingenieur werden, Sie müssen es sogar! Denn erst wenn es mehr Techniker geben wird, die ihr Gewissen fragen, ob das, was sie tun, zum Gemeinen oder zum Erhabenen, zum Häßlichen oder zum Schönen, zum Bösen oder zum Guten führe, können die Schatten der Vernichtung von uns weichen.»

Aber diese impulsiv gegebene Antwort erschien mir in den kommenden Monaten immer unbefriedigender. Hatte ich Sie mit meinem Rat nicht vielleicht in andere, noch ärgere Konflikte hineingehetzt? Würde es Ihnen, der später, dem technischen Gefüge entsprechend, doch wohl nur ein Rädchen in der Maschinerie einer großen Or-

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ganisation sein könnte, überhaupt möglich sein, Sinn und Ziel Ihrer Arbeit mitzubestimmen? Versuchten Sie es, dann würden Sie wohl zerrieben, gebrochen oder einfach ausgeschieden, das heißt entlassen werden. Gäben Sie aber den Versuch einer aktiven Einwirkung auf die Natur und die Früchte Ihrer Arbeit auf, so würden Sie nach einem solchen Akt der Resignation vermutlich schlimmer dran sein als zuvor.

Über diese sehr reale Problematik kann man sich nicht mit irgendwelchen schönen Worten hinwegschwindeln. Das sah ich besonders deutlich, als sie mir in der Folgezeit bei den Vertretern eines anderen Berufes in dramatischer Zuspitzung entgegentrat. Ich hatte nämlich begonnen, Material für ein Buch über das so eigenartige und erschütternde Schicksal der Atomforscher in unserer Zeit zu sammeln. Als ich nun mit diesen Männern sprach, als ich begann, ihre Lebensläufe zu studieren, ihre hohe Hoffnung von einst mit ihrer oft bis zur Verzweiflung gehenden Bedrücktheit von heute zu vergleichen, da hörte ich immer wieder die Entschuldigung:

«Ich konnte nicht anders. Gewiß: Ich wollte keine Atomwaffen bauen. Aber ich wurde dorthin gedrängt, ließ mir eine Konzession nach der anderen abringen und wurde so Schritt um Schritt gezwungen, etwas zu tun, was ich eigentlich nicht tun wollte.»

Ist das nicht eine Situation, die, wenn auch meist in weniger zwingender Form, heute viele berufstätige Menschen kennen? Haben wir uns nicht fast alle angewöhnt, im Berufsleben hinzunehmen, was wir im Privatleben niemals dulden würden? Das «Mitmachen» wider besseres Wissen und Gewissen scheint geradezu ein Charakteristikum unserer Zeit geworden zu sein.

Doch fand ich, daß es unter den Atomforschern auch eine Minderheit gab, die sich zum Teil schon sehr früh, zum Teil erst später, teilweise konsequent und teilweise wenigstens in kurzen heftigen Aufwallungen des Gewissens gegen die von ihnen heraufbeschworene Entwicklung gewehrt hatte. Einige Wissenschaftler hatten sich, auch wenn dies beträchtliche materielle Opfer nach sich zog, von der Mitarbeit an Waffenprojekten abgewandt, hatten auf Macht und gute Bezahlung verzichtet, um sich lieber der reinen Forschung zu widmen. Andere wollten oder konnten sich einen solchen radikalen Schritt nicht leisten. Aber sie erhoben wenigstens in Wort und Schrift ihre Stimme, um in beredter Weise vor den gefährlichen Früchten ihres eigenen Schaffens zu warnen.

Das ist aber etwas ganz Neues für unser industrielles Zeitalter, ist vielleicht das erste Anzeichen zu einem gewandelten Berufsethos, das nicht mehr nur fragt: «Was produziere ich?» oder «Wieviel produziere ich?» sondern «.Wozu produziere ich?» oder «Für wen produziere ich?»

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Und schließlich: «.Welche Wirkung hat meine Arbeit? Ist sie gut? Ist sie böse?»

Erstaunlich ist es, daß diese ethische Fragestellung von einem Menschenkreis aufgeworfen wurde, der sich in seiner Mehrheit um moralische Maßstäbe bis dahin wenig zu kümmern pflegte. Die Naturwissenschaftler und die auf ihren Erkenntnissen aufbauenden Techniker glaubten meist ohne die Wertmaßstäbe der Religionen und Sittenlehren auskommen zu können. Nun aber sind sie durch die Konsequenzen der ihnen zugefallenen technischen Allmacht gezwungen worden, sich mit den bisher als überflüssig erachteten Fragen der Philosophie, Theologie und Soziologie auseinanderzusetzen.

Eine ähnliche Wendung läßt sich heute bereits überall dort beobachten, wo technische Höchstleistung erzielt und gegen Grenzen vorgestoßen wird, die man jahrtausendelang für unüberwindlich hielt. Gerade in den Vereinigten Staaten, wo der Glaube an einen «blinden Fortschritt» besonders weit gediehen war, zeigen sich neuerdings Anfänge von etwas, das ich den «sehenden Fortschritt» nennen möchte.

Man beginnt sich über die moralischen, psychologischen und sozialen Folgen neuer Erfindungen Gedanken zu machen und ist sogar geneigt, gewisse übertriebene Neuerrungenschaften wieder preiszugeben. Solche Neuorientierung wird nur möglich, wo vorläufig noch kleine Gruppen von Wissenschaftlern und Technikern ohne Rücksicht auf mögliche Zurücksetzungen und Berufsschwierigkeiten für eine höhere Sinngebung ihrer Arbeit kämpfen. Ist dieser Protest erst einmal stark genug geworden, so kann sich die ja im Grunde durchaus anpassungsfähige Technik dem neuen Begehren fügen. Sie wird dann hier und dort vielleicht ihren übersteigerten Grad von efficiency etwas zurückschrauben müssen, dafür aber bei den mit ihr lebenden Menschen größerer Zufriedenheit begegnen. Geschieht das, so könnte die Technik, statt Problem zu sein, schließlich Selbstverständlichkeit werden und der schöpferische Geist sich wieder höheren Zwecken als der Eroberung und Ausnutzung von Himmel, Erde, Arbeitskraft und Seele zuwenden.

In einer solchen Übergangszeit zu leben ist nicht leicht, aber für Menschen, die wirklich gestalten wollen und können, von großem Reiz. Die Zukunft nämlich, mag sie auch zur Zeit noch auf gefährlich falschem Weg laufen, beginnt mit jedem Tage und jedem Menschen wieder neu.

Sie mögen, lieber Freund, in Ihrem Ingenieurberuf eine Zeitlang als Außenseiter gelten. Aber vielleicht wird man Sie einmal als Vorläufer einer neuen Zeit betrachten, die aus dem Grauen über manche entmenschlichenden Einflüsse der Technik und dem Glauben an den gottgeschaffenen Menschen gezeugt wurde.

 

Ihr Robert Jungk

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Robert Jungk  (1952)  Die Zukunft hat schon begonnen - Amerikas Allmacht und Ohnmacht --- Entmenschlichung: Gefahr unserer Zivilisation.