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Epilog

 

 

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Wenn es eine Schabe mit menschlichem Denkvermögen gäbe (aber zu ihrem Glück haben dies die Schaben nicht), dann würde sie, nach ihrer Meinung über die Menschen befragt, wahrscheinlich ein vernichtendes Urteil fällen. Sie würde uns vermutlich für ein staatenbildendes Getier halten, das von zahlreichen Alters­krankheiten geplagt ist und schon nach wenigen Millionen Jahren seiner Existenz auf der Erde seinem Ende entgegensieht. Sie würde die Lebenszeit des Menschen mit den 300 Millionen Jahren ihrer eigenen vergleichen und nur ein mitleidiges Lächeln für den überheblichen Versuch dieser Spezies haben, die Schabengesellschaft auszulöschen.

»Ein vielfältiges Siechtum«, würde die Schabe sagen, »schüttelt euer degeneriertes Geschlecht, und alle Intensivmaßnahmen, die ihr mit hektischer Betrieb­samkeit auf der Erde unternehmt, werden euer Schicksal nicht abwenden können.«

»Euer Großhirn«, wird der Kakerlak befinden, »hat euch zwar all das zugegeben imponierende Menschenwerk ermöglicht, es hat euch aber nicht die Mittel und Weisheit beschert, euch dauerhaft auf der Erde einzurichten. Wohl habt ihr die von euch selbst heraufbeschworenen Gefahren erkannt und sogar deren Bedrohlichkeit in den düstersten Farben beschrieben, doch habt ihr es nicht vermocht, sie zu bannen. Den schönen Planeten habt ihr ausgeplündert und vergiftet, und mit eurer Massenvermehrung schaufelt ihr euch nun selbst das Grab. Ihr hättet es eigentlich gar nicht verdient, auf der Erde zugelassen zu werden.«

Vielleicht wird die Schabe, was allerdings unwahrscheinlich ist, für einen Augenblick unachtsam sein, und am Ende ihrer Anklage den plötzlichen ungeheuren Druck einer Schuhsohle auf ihren Flügeldecken verspüren, und ein schauriges Krachen wird ihr dann vielleicht sagen, daß es soeben mit ihr selbst zu Ende geht. Doch wird dies an ihrer Überzeugung nichts ändern, daß ihr Tod völlig belanglos ist angesichts der Vielzahl und Lebenstüchtigkeit ihrer Artgenossen, und es wird sie nicht einmal kränken können, was ihr Gesprächspartner noch sagte, bevor er sie zertrat: »Es war uns wichtiger, verehrter Kakerlak, eine kurze Zeit in Saus und Braus zu leben, als Jahrmillionen in Dunkelheit nach Abfällen zu suchen auf einer Erde, die mehr als dies zu bieten hatte.« 

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