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Teil 2  

Der Apparat und seine Romeos

 

 

1.

129-157

»Solange der Imperialismus existiert, bleibt die Tätigkeit sozialistischer Kundschafter eine unabdingbare Notwendigkeit, denn sie sind wahre Kundschafter des Friedens.« Das schrieb Erich Mielke, Chef des Ministeriums für Staatssicherheit, am 7. Februar 1985 im »Neuen Deutschland«.

Natürlich beschäftigte ein sozialistisches Land wie die DDR keine »Spione«. Das klingt nach üblem Verrat und dem bösen Spiel der Mächte. »Spionage«: Das verheißt spektakuläre Abenteuer bourgeoiser Individualisten und Erotomanen, dekadenter Wanderer zwischen den Welten, wie es zahlreiche Thriller und Krimis beschreiben. Begriffe wie »Agent« oder »Spion« waren im Vokabular des DDR-Geheimdienstes und seiner offiziellen Verlautbarungen tabu und blieben der Beschreibung feindlicher Machenschaften des imperialistischen Gegners vorbehalten.10

Im Jargon des MfS hieß der Geheimdienstmitarbeiter »Kundschafter« oder auch schlicht »Inoffizieller Mitarbeiter«: ein geheimer Bannerträger des Klassenkampfs, ein Kämpfer an der »unsichtbaren Front« im kalten Krieg der Systeme, eher »Held der Arbeit« als frauenmordender James Bond. In der »Richtlinie 2/68 für die Arbeit mit Inoffiziellen Mitarbeitern im Operationsgebiet«, vom MfS als »geheime Verschlußsache« verfaßt, liest sich das so: 

»Das Ministerium für Staatssicherheit führt den Kampf gegen die imperialistischen Aggressions- und Diversionshandlungen in enger Zusammenarbeit mit den Werktätigen und mit Unterstützung aufrechter Patrioten. (...) Um die von der Partei- und Staatsführung gestellten politisch-operativen Ziele zu erreichen, setzen die Organe des Ministeriums für Staatssicherheit ihre wichtigste Kraft, Inoffizielle Mitarbeiter, im Kampf gegen die Feinde auch außerhalb der Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik ein.«11

Das Hauptziel in diesem Kampf war es (und bleibt es für jeden Geheimdienst), »in die Zentren des Gegners einzudringen und streng geheime Informationen, Dokumente und Materialien zu beschaffen«, wie es in einem der ersten Grundsatzdokumente der HVA, der sogenannten »IM-Richtlinie 1/59«, heißt.12) Solche Informationen erhält man hauptsächlich, indem man »Quellen in den feindlichen Zentren« plaziert und sie abschöpft.13)

Wie sich heute aus erhaltenen Spionage-Richtlinien und Erlassen des MfS rekonstruieren läßt, sah die weitere Überlegung der HVA-Logistiker vor, daß die Kundschafter »Personengruppen mit Aussichten auf eine Einstellung in feindlichen Hauptobjekten, wie Studenten, Sekretärinnen und Beamte« operativ bearbeiten.14 Besonderes Interesse, so eine MfS-Richtlinie, sollte »jungen Stenotypistinnen« gelten.15

Nach Schätzungen der HVA waren 30 Prozent der Sekretärinnen in den Partei- und Regierungsapparaten ledig oder geschieden.16 Damit waren das Terrain und die Operationsweise zur Gewinnung neuer »Quellen« abgesteckt: insbesondere die Strategie, alleinstehende Sekretärinnen mit den Mitteln der Liebe nachrichtendienstlich zu ködern.

 

Daß die HVA und ihr Chef Markus Wolf die Romeo-Methode so erfolgreich einsetzen konnten, lag an ihrer frühen Erkenntnis, daß die Ausgangslage für diese Form der Spionage in einem geteilten Land wie Deutschland so günstig war wie nirgendwo sonst. Die Agenten verfügten über dieselbe Sprache und Kultur wie der »imperialistische Feind«, und so konnten sich die heimlichen Grenzgänger (natürlich mit bestens gefälschten Papieren versehen) relativ unauffällig hin und her bewegen. Und der vielleicht wichtigste Grund für das Gelingen dieser Strategie: Frauen (wie Männer), die in sicherheitsempfindlichen Bereichen arbeiteten, wurden nicht nur laufend kontrolliert und in ihrem Lebenswandel überprüft. Sie waren außerdem verpflichtet, über ihre persönlichen Beziehungen Auskunft zu geben. Kontakt oder gar ein Verhältnis mit einem Ausländer (wie das bei einem fremdsprachigen Romeo der Fall gewesen wäre), hätten bei bundesdeutschen Behörden sofort den Verdacht auf einen feindlichen Anwerbungsversuch ausgelöst. Hier aber schien einfach ein deutscher Mann eine deutsche Frau zu lieben.

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Natürlich hätte der Bundesnachrichtendienst (BND) diese Methode ebenfalls anwenden können. Er tat es nicht. Nicht weil der Westen skrupulöser war als der Osten: Man kam einfach nicht darauf, wie ein hoher ehemaliger BND-Beamter der Autorin glaubhaft versicherte.

Der einstige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heribert Hellenbroich, der in den brisanten Jahren bis 1985 zunächst Abteilungsleiter und dann oberster Dienstherr der Behörde war, erkannte in einem Interview mit der Autorin den Einfallsreichtum der ehemaligen Konkurrenten neidlos an: 

»Ich habe Hochachtung vor der Strategie, und zwar weil sie Erfolg damit hatten, weil sie an Informationen kamen, die sie sonst nie hätten bekommen können. Insofern sage ich vom Beruflichen her über diese Methode: Okay, ganz prima!«

Mindestens drei Dutzend weibliche Spionagequellen wurden auf diese Weise angeworben und abgeschöpft. Dies entspricht zumindest der Anzahl der seit Ende der 50er Jahre enttarnten und verurteilten Frauen. Ihre Anwerbung geschah meist unter »fremder Flagge«, also unter Vorspiegelung falscher Hintergründe, was die Identität des Auftraggebers betraf.17

Laut Verfassungsschutzbericht des Freistaats Bayern aus dem Jahr 1987 hingegen wurden zwischen 1949 und 1987 58 Sekretärinnen als DDR-Spioninnen enttarnt. Allerdings bleibt unklar, ob all diese Frauen aus Liebe spionierten oder ob ideologische bzw. finanzielle Gründe ausschlaggebend waren. Über die Dunkelziffer des Verrats aus Liebe läßt sich nicht spekulieren. Denn diese Technik scheint im inneren Zirkel der HVA geheimer als geheim betrieben worden zu sein. Kaum einer der früheren Kader will etwas davon gewußt haben oder gar daran beteiligt gewesen sein.

Zum Thema »Spionage aus Liebe« schreibt Markus Wolf in seinem Buch »Spionagechef im geheimen Krieg« süffisant: 

»Zu den vielfältigen Ursprüngen, in denen die Motivation derer, die sich für meinen Dienst engagierten, gründete, gehört neben der politischen Überzeugung, dem Idealismus, den finanziellen Motiven und denen des unbefriedigten Ehrgeizes auch das der Liebe, der Zuneigung zu einem Mitarbeiter meines Dienstes.... 

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Alleinstehende, die sich für die HVA in die Bundesrepublik aufmachten, waren in den weitaus meisten Fällen Männer und nicht Frauen. Daß sie im Westen Freundinnen kennenlernten, war von unserer Seite aus nicht untersagt, und wenn sich dabei Bekanntschaften ergaben, die für unseren Dienst lohnende Aussichten beinhalteten, sahen wir es nicht als geboten an, unsere Leute davon abzuhalten. Das aber bedeutete noch lange nicht, daß wir <Agenten mit spezieller Auftragsstruktur> in Herzensdingen in die Bundesrepublik aussandten, damit sie dort den ledigen Fräulein den Kopf und den Verstand verdrehten.«18)

 

Das hält den Ex-General aber nicht davon ab, mit stolzer Attitüde von einem Dutzend Sekretärinnen zu berichten, die seine Agenten über den Königsweg »Liebe« zu Spioninnen machten. Fünf dieser Fälle wurden im Urteil gegen Markus Wolf im Jahr 1993 vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht als belastende Indizien gegen den Angeklagten geltend gemacht. Was Wolf in seinem Buch verschweigt, ist die Tatsache, daß er sich über Jahre persönlich um die Instruktion und Motivation des Stars unter den Romeo-Spioninnen, um die ehemalige BND-Beamtin Gabriele Gast, gekümmert hatte, die erst 1990 enttarnt wurde.19) Gabriele Gast war 1968 von dem Agenten Karl-Heinz Schneider für das MfS angeworben und einschlägig betreut worden.

 

In einer entsprechenden Schulungsanweisung der HVA (die Markus Wolf garantiert kannte, abgesegnet, wenn nicht mitformuliert hatte) heißt es zum Beispiel: 

»Die Entwicklung enger Freundschaften und Liebesverhältnisse war und ist eine tragende, stabile und nachgewiesenermaßen erfolgreiche Basis für die operative Zusammenarbeit mit IM-Sekretärinnen. Es konnte in der operativen Praxis wiederholt festgestellt werden, daß sich weibliche IM zuerst für die von ihnen geachtete oder geliebte Person engagieren und erst in zweiter Linie für die Sache, die diese Person vertritt. Für den Werber kommt es in der Bearbeitung deshalb vorrangig darauf an, daß er behutsam, einfühlsam und auch mit relativ großem Zeitaufwand an die Interessen und Probleme einer Frau anknüpft, <für sie da ist> und ihr das sichere Gefühl gibt, als gleichberechtigter Partner anerkannt, geschätzt und auch geliebt zu werden.«20)

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Welche Bedeutung der Romeo-Methode in vielen Abteilungen der HVA zur Gewinnung neuer »Quellen« in der Bundesrepublik beigemessen wurde, erfährt man von einem ihrer ehemaligen hochkarätigen Mitarbeiter, dem früheren Oberleutnant aus der Abteilung XIII (»Wissenschaft und Technik«), Werner Stiller, der 1979 in die Bundesrepublik übergelaufen war. Er schreibt in seinem Buch »Im Zentrum der Spionage«,

»daß in der politischen Aufklärung die Anwerbung von Sekretärinnen über den Umweg von Liebesbeziehungen tatsächlich eine der wichtigsten Methoden in der Arbeit der HVA darstellte«.21)  

Stiller berichtet auch über zwei einschlägige »Vorgänge«, bei denen Inoffizielle HVA-Mitarbeiter von ihren Führungsoffizieren auf alleinstehende Sekretärinnen in Bonn angesetzt worden waren.22)

Darüber hinaus schildert der Ex-Geheimdienstmann seine Ausbildung an der HVA-Hochschule in Belzig. Sie lag eine Autostunde von Berlin entfernt und wurde von den dort in strenger Isolation gehaltenen Genossen auch »Bullenkloster« genannt. Alle hauptamtlichen HVA-Kader mußten dort Lehrgänge absolvieren. Im Unterrichtskomplex »operative Regimeverhältnisse« widmeten sich die Ausbilder, wie der ehemalige Oberleutnant berichtet, ausführlich jenen als »Pflaumenfälle« (»Pflaume« salopp für »Frau«) apostrophierten Einsätzen, bei denen die »Kundschafter« auf Frauen angesetzt wurden.23 Man bereitete die künftigen Romeos darauf vor, indem man ihnen die spezifischen Chancen und Probleme dieser Strategie nahebrachte, sowohl was die konspirativen Elemente als auch was die emotionale Anwerbung der Frauen betraf.

Im Unterrichtsfach »operative Regimekenntnisse« informierte man die Offiziersschüler umfassend über die kulturellen, politischen und juristischen Verhältnisse im »Operationsgebiet Bundesrepublik«. Sie erfuhren Details über den Alltag, über gesellschaftliche Werte, Normen und die Lebensbedingungen des »Klassenfeindes«. Denn die Mimikry des Kundschafters war die Grundvoraussetzung für den Erfolg all jener Unternehmen.

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Nach Beendigung dieser Lehrgänge arbeiteten die Männer (von weiblichen Führungsoffizieren ist kaum etwas bekannt) in einer der 18 Abteilungen des DDR-Geheimdienstes. Die meisten Sektionen waren spezialisiert auf die Unterwanderung bestimmter Institutionen oder Organisationen in der Bundesrepublik: die Abteilung I (»Regierung«) zum Beispiel für das Bundeskanzleramt und die obersten Bundesbehörden, die Abteilung II für Parteien und politische Organisationen, die Abteilung IV für die Bundeswehr und die militärischen Zentren, die Abteilung XII für die NATO-Stäbe in Paris und Brüssel. Allein drei Abteilungen betreuten den Sektor »Wissenschaft und Technik« und spionierten in entsprechenden Unternehmen, Behörden und Instituten. Die berühmt-berüchtigte Abteilung X (»Aktive Maßnahmen«) befaßte sich mit der Desinformation und »Zersetzung« des Gegners, mit psychologischer Kriegsführung. Sie war für manchen Skandal, für viele Enthüllungen, aber auch für einige böse Intrigen und Diffamierungen im westdeutschen Politik- und Medienapparat zuständig. Sie hatte zum Beispiel jene Dokumente und Baupläne gefälscht, die den damaligen Bundespräsidenten als Architekten von Konzentrationslagern »überführen« sollten. Dieser später widerlegte Verdacht hing Lübke jahrelang an.

 

In den Bezirksverwaltungen des MfS bestand jeweils eine Abteilung XV, die für die Aufklärungsarbeit in bestimmten Regionen und speziellen Objekten des »Operationsgebietes« BRD zuständig war. Die Berliner Abteilung XV war für Westberlin zuständig und befaßte sich u.a. mit dem Senat, der Freien Universität und hier ansässigen Firmen. Der Abteilung XV in Cottbus war das Saarland, der in Halle Nordrhein-Westfalen zugeteilt.24) Die Bezirksverwaltungen hatten außerdem die Aufgabe, einreisende Westbesucher für eine Agententätigkeit anzuwerben, und sie lieferten »Tips« auf neue operative Mitarbeiter aus der DDR-Provinz. Denn Ostberlin war kein ideales Pflaster für die Rekrutierung von MfS-Mitarbeitern. Wegen des freiheitlichen Flairs der Großstadt und der Nähe zum Westen traf man hier auf eine viel stärkere ideologische Skepsis als in der übrigen DDR.

Für die Führung von Romeos gab es keine eigene Abteilung innerhalb des DDR-Geheimdienstes. Diese Methode wurde in jeder Sektion angewandt, wenn man dadurch eine neue »Quelle« in einem auszuspähenden Objekt plazieren konnte.

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So mächtig und selbstbewußt der Apparat der HVA und ihr Chef Markus Wolf auch immer waren, im Grunde beruhte die Arbeit seiner Agenten auf einer Paradoxie. Denn diese Einsätze fanden vorwiegend im westlichen Ausland statt, also auf verbotenem Terrain. Das bedeutete Reisen in alle möglichen europäischen Länder, zwar unter den strengen Augen der Zentrale, aber es waren dennoch Abenteuer in unbekannten und für normale DDR-Bürger unerreichbaren Welten. Der ideologischen Gefahren solcher Einsätze war sich die Führung natürlich bewußt: »Die politisch-operative Tätigkeit erfordert oftmals die Anpassung der Ansichten und des Verhaltens der IM an gesellschaftliche Verhältnisse und Erscheinungen, die z.T. im krassen Widerspruch zur tatsächlichen politischen Überzeugung der IM und zum angestrebten politisch-ideologischen Erziehungsziel stehen.«25 Die Kundschafter sollten »nach außen die glaubhafte Verkörperung der kapitalistischen Lebensweise mit ihren Normen und Werten« sein,26 heißt es in der parteiamtlichen Sprache einer HVA-Richtlinie aus dem Jahr 1979. Zugleich befürchtete man, daß der IM seine »kritische Distanz zur kapitalistischen Lebensweise und [eine Bindung] an das Leben im Sozialismus« verlieren und sein »Abgleiten in bürgerliche Denk- und Verhaltensweisen« drohen könnte.27

 

Die inneren Widersprüche verschärften sich besonders bei den Romeo-Einsätzen, denn vor allem auf Führungs- und Parteiebene herrschte, zumindest offiziell, ein rigoroser Puritanismus, der die mühsame Bemäntelung dieser sexuellen Spezialaufträge erforderlich machte. Der Ex-Oberstleutnant der HVA, Günter Bohnsack, erzählte in einem Gespräch: »Die erste Erfordernis, die man an den Romeo stellte, war seine Parteiverbundenheit. Und dann mußte er diesen sexuellen Auftrag als Klassenauftrag und als vaterländische Pflicht verstehen. Denn durch die Romeo-Strategie gerieten die Mitarbeiter und die Führungsoffiziere in einen Widerspruch. Einerseits wurden sie nach strengen Parteikriterien bewertet und durften um Himmels willen noch nicht einmal eine Freundin haben. Zugleich aber mußten diese Offiziere Romeos suchen und einsetzen, die all die Teufeleien beherrschten, die ihre Vorgesetzten weder konnten noch durften.«

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Die besten Agenten, vor allem die besten Romeos, waren eben keine stur linientreuen Genossen, sondern eher abenteuerlustige, manchmal skrupellose Draufgänger, die gleichwohl ihrem Staat so sehr verbunden waren, daß sie sich nicht absetzten oder gar zum »Feind« überliefen. »Das Wichtigste, worauf es bei der Auswahl der Kandidaten ankam«, sagte Günter Bohnsack weiter, »war, daß die Männer über eine gewisse Ausstrahlung verfügten, über gepflegte Umgangsformen und ein gutes Aussehen. Sie sollten Playboy-Qualitäten haben. Aber der Romeo sollte auch Überzeugungskraft sowie Fremdsprachen­kenntnisse besitzen. Diese Grundtalente trainierte man dann weiter.«

Der Alltag der Führungsoffiziere verlief fern solcher Gefahren und Verführungen und war ebenso bleiern, grau und trist wie in anderen Abteilungen des MfS. Sie hatten zwar die Aufgabe, ihre Kundschafter anzuleiten und gegebenenfalls zu disziplinieren, kannten jedoch die Bedingungen, unter denen diese im Westen operierten, nur vom Hörensagen.

Die konspirativen Regeln, denen sich alle Beteiligten unterwerfen mußten, besagten unter anderem, daß gleichrangige Mitarbeiter, selbst wenn sie das Büro miteinander teilten, nicht über ihre jeweiligen Projekte oder ihre Inoffiziellen Mitarbeiter miteinander sprechen durften. Dies galt natürlich nicht zuletzt für die Romeo-Einsätze mit ihren mitunter pikanten Details. Gespräche darüber waren nur mit weisungsbefugten Vorgesetzten zulässig. Das diente auch dem Schutz der jeweiligen Agenten und Romeos, und dieser Schutz funktioniert leider zum Teil bis heute.

Wie fand ein Führungsoffizier nun Agenten, die über die entsprechenden Romeo-Talente verfügten? Und wie waren solche Männer psychologisch disponiert, damit sie auf diesem Gebiet erfolgreich sein konnten? Meist waren es sehr kontaktfähige, gesellige Männer, in hohem Maße flexibel und anpassungsfähig, die außerdem über Phantasie, Einfühlungsvermögen und verhaltenspsychologisches Geschick verfügten. Sie hatten eine gewisse Ausstrahlung auf Frauen, was nicht heißt, daß sie sehr attraktiv waren. 

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Im Gegenteil, die oft zurückgezogen lebenden, meist aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammenden Frauen, auf die man es abgesehen hatte, wurden eher von soliden, unauffälligen Typen angezogen. Und natürlich durften diese Männer keine Schwierigkeiten haben — auch keine moralischen —, den physischen Teil ihres Auftrags zu erfüllen. Was die sexuelle Seite des Engagements betrifft, so kursieren lediglich Gerüchte, inwiefern die Agenten auch medizinisch aufgerüstet wurden.

Die Agenten, die als Inoffizielle Mitarbeiter und Romeos im Westen arbeiteten, sollten möglichst weder verheiratet sein noch eine feste Lebenspartnerin in der DDR haben. Von ihnen wurde der »Verzicht auf persönliche Ziele« und auf Kinder gefordert.28 Man befürchtete offenbar — und bei Romeo-Einsätzen vermutlich ganz besonders —, daß die emotionale Bindung an die Ehefrau oder Freundin stärker sein würde als die Loyalität des Agenten zu seinem Staat oder seine Identifikation mit dem konspirativen Auftrag. Eine Ehefrau oder Freundin konnte darüber hinaus zu einem Sicherheitsrisiko werden, wenn sie etwa Verdacht schöpfte, daß der Mann oder Freund eine — wenn auch auftragsgemäße — Geliebte im Westen hatte.

Die Hintergründe dieser speziellen nachrichtendienstlichen Strategie ließen sich bisher fast nur über Indizien aus Spionageprozessen rekonstruieren. Denn das Bundesamt für Verfassungsschutz und das Bundeskriminalamt hielten sich bei entsprechenden Rechercheanfragen und Bitten um Informationen sehr bedeckt.

Fast alle Dokumente des früheren DDR-Geheimdienstes sind vernichtet. Die HVA betrieb, als Gefahr im Verzuge war, die Vergangenheitsbewältigung auf ihre Weise: Sie beseitigte fast alle ihre Aktenbestände. »Die Hauptverwaltung A begann mit der systematischen Vernichtung ihrer Akten im November 1989. Insgesamt sollen während dieser <Politik der Reißwölfe> etwa 100 LKW beladen worden sein, die das Material aus der Zentrale der HV A in der Normannenstraße (größtenteils) zu einer Papiermühle schafften.

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Mit dem 15. Januar 1990, als Bürger die MfS-Zentrale besetzt hatten, änderten sich auch für die HVA die Arbeitsbedingungen. Nunmehr trugen kleine, vom Bürgerkomitee eskortierte Gruppen von Mitarbeitern der HVA das noch verbliebene Material in wenigen Räumen zusammen und vernichteten es Tag und Nacht in Reißwölfen ...«29) Das war möglich, weil der Runde Tisch Anfang 1990 der Selbstauflösung der HVA unwidersprochen ihren Lauf ließ.

 

Inzwischen ist bekannt, daß HVA-Funktionäre in jenen Wochen heimlich Mikrofilm-Kopien zumindest eines Teils der Akten für viel Geld an die USA verhökerten. Sie enthalten die komplette Kartei der HVA-Auslandsagenten mit rund 13.000 Klar- und Decknamen sowie die Jahresberichte über deren Arbeit. Die Mikrofilme lagern in der CIA-Zentrale in Langley bei Washington.30 Von den sogenannten »Rosenholz«-Akten erfuhren die bundesdeutschen Behörden erst im Jahr 1993, denn bis dahin verloren die Amerikaner über diesen interessanten Einkauf kein Wort. Einige Verfassungsschützer erhielten bisher lediglich die Genehmigung, die Unterlagen vor Ort einzusehen und sich die Namen von 1900 Personen zu notieren. Die US-Regierung weigert sich, den Deutschen eine Kopie der Filme auszuhändigen. Für Journalisten oder Wissenschaftler ist dieses Material bislang überhaupt nicht zugänglich.

 

Vor kurzem aber ist es Technikern der Gauck-Behörde gelungen, eine Hinterlassenschaft der HVA endlich zu entschlüsseln. Es handelt sich um vier ursprünglich mit einem Geheimkode unkenntlich gemachte Magnetbänder, die jetzt lesbar sind. Sie bergen die komplette Inventarliste der DDR-Auslandsspionage von 1969 bis 1987: die Tarnnamen sämtlicher Auslandsagenten, Kurzbeschreibungen der brisantesten Berichte und der Geheimdokumente, die die insgesamt 4500 Kundschafter aus dem Westen besorgt hatten.31 Bislang wußten die Amerikaner zwar, wer für die Auslandsspionage tätig gewesen ist, hatten allerdings keine Ahnung, was die Spione preisgegeben hatten. Nun lassen sich den Namen in den »Rosenholz«-Akten auch die entsprechenden Delikte zuordnen. Die Deutschen haben plötzlich eine ganz andere Verhandlungsposition, wenn es um die Rückgabe der Rosenholz-Akten bzw. eine Mikrofilm-Kopie davon geht. Konnten sie bisher nur bitten, mit wenig Aussicht auf Erfolg, so haben sie nun ein interessantes Geschäft anzubieten. Möglicherweise kommt es in absehbarer Zeit zu einem Deal.

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Vor wenigen Monaten hat die Gauck-Behörde einen im Zusammenhang mit der Romeo-Strategie sensationellen Fund in ihren Archiven gemacht. Es handelt sich um eine mikro-verfilmte Forschungsarbeit mit dem relativ harmlos klingenden Titel »<Die Entwicklung operativer Prozesse zum systematischen Eindringen in bedeutende Führungsstellen> — am Beispiel zentraler Vorgänge untersucht«.32 Diese Studie von 264 Seiten, 1974 der Juristischen Hochschule des MfS vorgelegt, ist nichts anderes als die akribische Beschreibung und Analyse von mehreren Romeo-Einsätzen auf Sekretärinnen im Bundeskanzleramt ab Ende der 50er Jahre. Daß die Forschungsarbeit der Vernichtung entging, ist ein Glücksfall, denn sie ist das bislang einzig bekannte Originaldokument, das belegt, wie aufwendig die logistische und psychologische Planung der Romeo-Methode betrieben wurde.

Darüber hinaus fand die Gauck-Behörde weitere Unterlagen, mit deren Hilfe sich auch die Entstehungs­geschichte dieser Untersuchung rekonstruieren läßt. Sie sind die bisher einzigen schriftlichen Belege dafür, wie sehr sich Markus Wolf für die Erforschung und konspirative Anwendung der Romeo-Methode engagierte. Kraft seines Amtes forderte er, daß die Einsätze wissenschaftlich erforscht wurden, damit die gewonnenen Erkenntnisse danach um so gezielter in die Praxis einfließen konnten. Es lag ihm außerdem offenbar sehr am Herzen, daß seine Mitarbeiter — ob in wissenschaftlicher oder auch in praktischer Hinsicht mit der Spionage aus Liebe betraut — höchster Auszeichnungen für würdig befunden wurden.

In einem Schreiben an den »Leiter der HA Kader und Schulung, Gen. Generalmajor Mühlpforte«, datiert vom 14. Juli 1970, schreibt der »Stellvertreter des Ministers«, Markus Wolf: »Ich habe die Mitarbeiter der Hauptverwaltung A Gen. Oberstleutnant Wendel, Otto, Leiter der Schule der HV A und Gen. Oberstleutnant Genschow, Rudolf, Stellvertreter des Leiters der Abteilung I der HV A beauftragt, neue Probleme der operativen Tätigkeit gegen die Bonner Regierung zu erarbeiten und eine umfassende wissenschaftliche Arbeit zu folgendem Arbeitsthema fertigzustellen:

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<Probleme des Aufbaus operativer Vorgänge zum systematischen Eindringen in die exekutive Führungszentrale des westdeutschen Bundeskanzlers>. Das Thema ist für die weitere operative Arbeit auf der Linie I der HVA von großer Bedeutung. Es handelt sich um ein entscheidendes Schwerpunktgebiet.«33)

Diese wissenschaftliche Untersuchung scheint sich ihrem Titel nach vordergründig allgemein auf die konspirative Ausforschung des Bundeskanzleramts zu beziehen, tatsächlich aber ist das Hauptthema der Studie ausschließlich die Anwendung der Romeo-Methode in diesem Bereich. Die geschilderten »Vorgänge« betreffen zwar durchweg die einschlägige Anwerbung von Sekretärinnen des Kanzleramts, sämtliche Fallgeschichten und Ergebnisse lassen sich jedoch beliebig auf jede andere Institution anwenden. Wenn Wolf also in seinem Schreiben dezidiert von einem »entscheidenden Schwerpunktgebiet« spricht, so kann sich das nur auf die Technik gezielter Liebeskommandos beziehen. Wolf fährt fort: »Mit der Ausarbeitung dieses Materials sollen unmittelbar für die praktische Tätigkeit neue konzeptionelle Voraussetzungen zum Eindringen in die Führungszentrale der Bonner Regierung geschaffen werden.«34 Seine Ausführungen belegen zusätzlich, daß die Romeo-Technik ab Beginn der 70er Jahre forciert betrieben wurde und es kein Zufall war, daß in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts die meisten Liebesspioninnen enttarnt wurden.

Auch die exponierte Position der Autoren, die Markus Wolf mit der Studie betraute, verweist auf den Stellenwert, den er dieser Strategie beimaß. Über Oberstleutnant Wendel, einen der beiden Verfasser, schreibt er: »1959 wurde er an der Schule der HVA (in Beizig, d. Verf.) zunächst als Stellvertreter des Leiters und später als Leiter eingesetzt. (...) Er war an der Ausarbeitung der Richtlinie 2/68 und einiger Kommentare maßgeblich beteiligt.«35 Diese Richtlinie dürfte der ideologisch und praktisch bedeutsamste und umfassendste Programmkatalog der HVA gewesen sein, sozusagen die Bibel der Konspiration. Wer bei ihrer Niederschrift Hand anlegen durfte, war ganz oben. 

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Über den zweiten Autor der Studie, Oberstleutnant Genschow, heißt es bei Wolf: »Von 1953 bis 1959 hat er als stellvertretender Schulleiter der HV A eine umfangreiche Lehr- und Forschungsarbeit auf den Gebieten der Politischen Ökonomie, der politischen Regimefragen und der operativen Arbeitsmethodik geleistet. (...) Als Stellvertreter des Leiters der Abteilung I seit 1959 verfügt Gen. Oberstleutnant Genschow über große operative Erfahrungen und Kenntnisse in der Aufklärungstätigkeit gegen die Bonner Regierung. Er war einer der Mitautoren der Richtlinie 2/68.«36 

Genschow wurde 1975 Leiter der Abteilung I. Beim raschen Erklimmen der Karriereleiter hat ihm möglicher­weise sein oberster Dienstherr geholfen, der in besagtem Schreiben — die Studie ist gerade in Auftrag gegeben und noch längst nicht ausgeführt — bereits folgende Anweisung erteilt: »Ich bitte Sie, zu veranlassen, daß diese Arbeit zusätzlich in das Forschungsprogramm der Juristischen Hochschule aufgenommen und nach Fertigstellung in ein Promotionsverfahren übergeleitet wird. Ich beabsichtige, diese Arbeit aus der Sicht der Aufklärungspraxis selbst zu betreuen.«37 

Selbstverständlich wird dieser Anordnung Folge geleistet. Mit Datum vom 19. Dezember 1974 ergeht folgender Beschluß: »Der Wissenschaftliche Rat der Juristischen Hochschule Potsdam verleiht durch die von ihm zur Leitung der Verteidigung berufene Kommission den Genossen Oberst Genschow und Oberst Wendel den wissenschaftlichen Grad eines Doktors der Rechtswissenschaften (Dr. jur.). Die Promotionsleistungen beider Genossen werden mit der Note magna cum laude bewertet.«38 Die Abteilung I, deren stellvertretender Leiter Genschow zunächst war und deren Chef er schließlich ab 1975 für zehn Jahre wurde, hat mindestens fünf der ertragreichsten Romeo-Opfer geführt: Gerda O. und Karin S., zudem Helge B. (Auswärtiges Amt), Ingrid G. (Auswärtiges Amt), Edith D. (Mitarbeiterin eines staatlichen Entwicklungshilfeinstituts). Dr. Rudolf Genschow scheint ein großer Kenner und Förderer der Romeo-Methode gewesen zu sein.

Die Forschungsarbeit von Genschow und Wendel, die als »Vertrauliche Verschlußsache MfS 160 Nr. 206/74« bei der Juristischen Hochschule des MfS archiviert wurde, enthält minutiös angelegte Protokolle der geheimdienstlichen Verstrickung von mehreren Sekretärinnen. Auf Grundlage dieser konkreten Fälle versuchen die Autoren, generelle Methoden und Techniken der Romeo-Strategie zu entwickeln.

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Die trockene Apparatschik-Sprache, in der dieser Bericht verfaßt ist, straft sein Thema Lügen und läßt nirgends spürbar werden, wie man über solche Einsätze, wenn auch unterderhand, tatsächlich sprach: Daß der Romeo nämlich zum »Ficken fürs Vaterland« ins »Operationsgebiet« geschickt wurde. Genschow und Wendel verbrämen die Methode bis zur Unkenntlichkeit: »Das persönliche Verhältnis ist in einem Werbeprozeß fast immer von großer Bedeutung. Es ist in der Regel nicht gleichgültig, welche Persönlichkeit ein Werber darstellt, wie seine Ausstrahlungskraft, seine Sympathie wirkt, und es ist stets gut, wenn ein festes menschliches Verhältnis entsteht.«

 

Im wesentlichen sind es drei Aspekte, die diese Studie am Beispiel verschiedener Romeo-Einsätze herauszufiltern versucht: Wie findet man den für einen entsprechenden Auftrag geeigneten Agenten, und über welche Eigenschaften muß er verfügen? Wie findet man geeignete weibliche »Quellen«, und wie beutet man das Wissen über die Biografie und die Psyche der jeweiligen Frau spionagetechnisch aus? Wie entwickelt der Agent in enger Zusammenarbeit mit der Zentrale eine erfolgversprechende nachrichten­dienstliche Anwerbungsstrategie?

Diese Fragen referiert die Studie hauptsächlich am »Fallbeispiel« der damals 28jährigen »Gudrun«. »Gudrun« arbeitete in den 50er Jahren als Sekretärin eines Kanzler-Referenten im Büro von Adenauers Staatssekretär Hans Globke, in der Umgebung jenes Juristen und Politikers also, der als Kommentator der Nürnberger Gesetze öffentlich heftig umstritten, aber dennoch zum Vertrauten Adenauers und zu einem der mächtigsten Männer in dessen Umgebung geworden war. »Gudrun« war der »Tip« eines anderen Agenten gewesen. Daraufhin hatte die Zentrale beschlossen, sie gezielt über die Romeo-Strategie anzuwerben. Nun erfolgten jene Schritte, die die »Richtlinie 2/68« »die Aufklärung des vollständigen Persönlichkeitsbildes« nennt.39 Die Studie zitiert aus »Gudruns« Psycho-Soziogramm, das im Vorfeld der Anwerbung erstellt wurde: »Ferner ergaben sich Hinweise zur Erforschung ihrer Motivstruktur. 

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Als Frau, die den eigentlichen Anschluß an den Partner verpaßt hatte, bevorzugte sie einen Umgangskreis seriöser, materiell gesicherter älterer Herren, ohne offenbar stark ausgeprägte sexuelle Bedürfnisse zu entwickeln oder auf eine rasche Bindung orientiert zu sein.«

 

Man erstellte einen »Operativplan« und suchte einen geeigneten Romeo: »Zur Kontaktierung der <Gudrun>, ihrer weiteren Aufklärung und Erkundung von Werbechancen wurde von der Zentrale der IM <Astor> ausgewählt.«40 Warum gerade »Astor«? Er war wesentlich älter als die Sekretärin, die solche Männer sehr anziehend fand, wie man wußte. Die Zentrale hielt ihn für geeignet, weil »er über große Lebenserfahrung und eine attraktive gesellschaftliche Position verfügte, um bei einer ledigen weiblichen Person Interesse für eine Bekanntschaft zu wecken und (weil) er in der Lage war, <Gudrun> etwas zu bieten und Vertrauen zu gewinnen«.41) 

Er gründete auf Anweisung der Zentrale in Düsseldorf ein Immobilienbüro, ließ sich in die Kreise des rhein-ländischen Geldadels einführen, wurde aktives Mitglied im Kölner »Luftwaffenring« und trat auch dem Godesberger Luftsportklub bei. Es störte offenbar weder ihn noch die Zentrale, daß dort auch »Prominenz der Naziluftwaffe« verkehrte.42

 

Der »Operativplan«, nach dem der Agent schließlich an die Frau »herangeführt« wurde, ist in seinen Details ebenso drehbuchreif und aufwendig wie in vielen anderen Fällen. Es kam, wie kalkuliert, zu einer »intimen Beziehung« zwischen »Astor« und »Gudrun«, der Kanzleramtssekretärin. Die Studie protokolliert akribisch und destilliert — denn das ist Ziel dieser Forschungsarbeit — alle Rahmenbedingungen heraus, die schließlich zum Erfolg führten, vor allem die subtile Qualifikation des Romeos »Astor«. Seine Voraussetzungen waren: »Hohe Allgemeinbildung, gepaart mit bewußter politischer Einstellung zu seiner operativen Aufgabe und Vertrauen zur Führungstätigkeit der Zentrale; analytische Fähigkeiten, gepaart mit dem Blick für operative Erfordernisse, gutes Reaktionsvermögen und Sachlichkeit bei der Entscheidungsfindung; Kontaktfreudigkeit und -fähigkeit mit ausgeprägter Beeinflussungs- und Überzeugungskraft sowie aus Lebenserfahrungen und Kenntnissen der kapitalistischen Lebensweise herrührendes psychologisches Einfühlungsvermögen; Disziplin, gepaart mit schöpferischem Herangehen an die Aufgaben.«43) 

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Natürlich wird in der Studie auch das »Einsatzmittel« Sexualität erwähnt, aber immer nur im Hinblick auf die Frauen. In welcher Form die Männer damit umgingen, wie sie dafür zu motivieren waren, wie sie diesen Teil ihres Einsatzes bewältigten, ob man sie psychologisch oder medizinisch entsprechend vorbereitete oder unterstützte — darüber fällt kein Wort. »Astor« wurde bezüglich möglicher Wünsche der Frau beraten und von seiner Führungsstelle auf eine gängige Gefahr hingewiesen: »Ein weiteres Problem waren die intimen Beziehungen. Es mußte damit gerechnet werden, daß <Gudrun> trotz des Altersunterschiedes eine Heirat wünschen könnte. >Astor< sollte sich in dieser Frage äußerst vorsichtig verhalten. Im Prinzip sollte er erkennen lassen, daß er glaube, in ihr einen guten weiblichen Kameraden gefunden zu haben. Er sollte sich jedoch auf sein Alter berufen, um ihr seinen Standpunkt einer freien Liebe zu begründen.«44

 

Beim nächsten Schritt, der geheimdienstlichen Anwerbung von »Gudrun«, arbeitete die Führungsstelle intensiv mit dem Agenten zusammen. Immer wieder weist die Studie auf die Federführung der Zentrale beim gesamten »Vorgang« hin, was die konspirativen, aber auch die psychologischen Aspekte betrifft. Dennoch betonen die beiden Autoren stets, wie wichtig »selbständig denkende und handelnde«, vor allem aber »schöpferische« Agenten in diesem speziellen Bereich sind.45 »Astor« gab sich, gemäß dem »Operativplan«, gegenüber »Gudrun« als Nachrichtenoffizier der Roten Armee aus, was mehr Eindruck auf diese junge Frau machen sollte als die Offenbarung, daß sich ein Agent der DDR um sie bemühe. Wie sie reagiert? Ganz nach Drehplan: »<Gudrun> weinte, ließ es aber trotzdem zu, daß <Astor> sie in die Arme nahm. Sie drückte <Astor> selbst noch fester an sich und wiederholte mehrmals, daß sie ihn doch liebe.«46 Weitere Details über den Lug und Betrug, mit denen man »Gudrun« zur Spionage brachte, folgen. »Astor« starb einige Zeit später an einem Lungenleiden. Einen Nachfolger akzeptierte »Gudrun« trotz mehrerer Versuche der Ostberliner Zentrale nicht, sie beendete die Zusammenarbeit.

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Für die erfolgreiche Anwendung der Romeo-Taktik war es entscheidend, daß die beiden »Partner« sorgfältig ausgewählt wurden. Die Zentrale in Ostberlin erhielt von ihren Inoffiziellen Mitarbeitern oder über sogenannte Werber »Tips« auf entsprechende Frauen. Diese Hinweise wurden zentral gesammelt und ausgewertet. Schien einer der Hinweise interessant, setzte man weitere Agenten zum Ausforschen der betreffenden Frau und zum Sammeln von Informationen an. Je detailreicher das »Persönlichkeitsbild« des weiblichen »Zielobjektes« ausfiel, desto treffsicherer war man in der Wahl des geeigneten Romeos.

All diese Informationen landeten in einem konspirativen Opfer-Katalog, dessen Dossiers über die jeweiligen Frauen neben ihrer äußerlichen Charakterisierung auch ein Psychogramm, Lebenslauf, Angaben über berufliche und politische Tätigkeit, ihre sozialen und persönlichen Beziehungen und ihre »Denk- und Verhaltensweisen hinsichtlich der Verarbeitung persönlicher Erlebnisse und Erfahrungen« enthielten.47 Wären diese Unterlagen nicht vernichtet worden — in welches Pandämonium hätten wir heute Einblick! Welche Drehbücher über (Männer-) Macht und (Frauen-) Ohnmacht, über Mißbrauch und Naivität, Manipulation und Blindheit .....

Nicht immer fand der Führungsoffizier in seinem eigenen Revier einen passenden Romeo. Im August 1989 etwa richtete die Abteilung XI der Ostberliner Zentrale eine entsprechende Anfrage an die Abteilung XV der Bezirksverwaltung Gera. Man benötige für »die Führung einer bedeutsamen Quelle« einen Inoffiziellen Mitarbeiter. Das gewünschte Profil: möglichst ein »Bundesbürger« (natürlich in Diensten des MfS, der vielleicht aus Sicherheitsgründen für diesen Auftrag eine hundertprozentig saubere Identität und eben keine gefälschten Papiere haben sollte) mit »weißer Hautfarbe«, der zirka 35 Jahre alt, 1,75-1,80 m groß und solide sein sollte. Aufgabe: »Der IM muß in der Lage sein, für längere Zeit einen weiblichen Vorgang zu führen und intim zu betreuen.«48)  

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Die Forschungsarbeit schildert an einem anderen Fall, welche Probleme entstehen konnten, wenn man den falschen Mann auswählte oder ihn gar zu einem solchen Auftrag nötigte. Für die Kanzleramtssekretärin »Schneider« suchte man Anfang der 60er Jahre einen Nachfolger des Romeos »Mirbach«, der sich als unfähig oder unwillig erwiesen hatte, mit ihr ein sexuelles Verhältnis einzugehen. Über »Schneider« heißt es: »In sexueller Hinsicht war sie kein Neuling.«49 Und: »Sie suchte einen Mann, der bereit und in der Lage war, sich mit ihr zu verbinden, die Lebenslasten mit tragen zu helfen und natürlich auch die sexuellen Wünsche zu erfüllen.«50 

Man glaubte, diesen Mann in »Schade« gefunden zu haben, der bislang lediglich vom Boden der DDR aus für die HVA gearbeitet hatte. Seine Führungsstelle teilte ihm den neuen Auftrag folgendermaßen mit: »Er sei ausgewählt worden, um mit einer Frau zusammenzuarbeiten. Die Frau wäre jung und ledig. Es bestände die Gefahr, daß sie einen Mann kennenlerne und dann sei die operative Perspektive verloren. <Schade> solle durch seine Person diese Gefahr abfangen.« »Schade« wollte für seine Zusage eine Bedingung durchsetzen: »Er machte den Vorbehalt, die Verbindung zu seiner Freundin in der DDR halten zu wollen. Er liebe sie und möchte bald ein Zuhause haben.« Doch das akzeptierte die Zentrale nicht. 

Wie auch immer es gelungen sein mag, ihn zu überreden — vielleicht verbirgt sich auch dahinter eine tragische Geschichte —, »Schade« nahm den Auftrag schließlich an. »Bei einem Treff berichtete >Schade<, er habe seiner Freundin gesagt, er würde für mehrere Jahre ins Ausland gehen, und eine feste Bindung habe deshalb keinen Sinn. Er habe in den letzten Wochen kaum geschlafen. Der operative Mitarbeiter schätzte im Treffbericht ein, daß >Schade< dieser Entschluß sehr mitgenommen habe.« Man verbot ihm sogar, bis zur Abreise in die Bundesrepublik mit seiner Freundin, die an der Beziehung festhielt, zusammenzusein.

Er wurde dann ins »Operationsgebiet« eingeschleust und hatte bald, wie befohlen, ein intimes Verhältnis mit »Schneider«. Doch es unterliefen ihm immer wieder Fehler, die seinen konspirativen Einsatz gefährdeten. Eines Tages war sein Reserveausweis mit seinem Paßbild aus jenem Erdloch verschwunden, in dem er ihn versteckt hatte. Kurz darauf fand sich dieses Foto auf einem Fahndungsplakat des Bundeskriminalamtes.

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»Schade« mußte sofort abgezogen werden. Ob er bewußt oder unbewußt selbst dazu beigetragen hatte, daß er in die DDR zurückkehren konnte, wird in dem Bericht nicht erwähnt. Der Agent, so die unausgesprochene Botschaft, kann auf diesem Sektor nur erfolgreich arbeiten, wenn er den entsprechenden Befehl auch innerlich, psychologisch wie emotional, akzeptiert.

 

Die meisten Romeo-Kandidatinnen wurden »getippt«, wie Ex-Oberstleutnant Bohnsack bestätigt, das heißt, der Hinweis auf die potentiellen weiblichen »Quellen« stammte von Agenten aus dem »Operationsgebiet«. Sie waren angewiesen, diesbezüglich stets die Augen offenzuhalten, darüber hinaus gab es spezielle »Werber«, die ausschließlich mit dem Ziel der Anwerbung neuer IMs in der Bundesrepublik unterwegs waren. Sie sollten ihr Augenmerk auch auf weibliche Zielpersonen richten, die das folgende psychologische Profil trugen und damit als Romeo-Opfer in Frage kamen: »Das waren Frauen«, so Bohnsack, »die ihr Selbstbewußtsein erst durch den Mann entdeckten. Als Ausgangspunkt dienten immer die Schwachpunkte der Frauen, denn hier konnte man mit der Steuerung ihrer Persönlichkeit ansetzen. Es war eben das >schwache Geschlecht< im wörtlichen Sinn, das als Voraussetzung für den operativen Einsatz diente.«

Wenn konkrete »Tips« über geeignete Frauen ausblieben, mußte der Romeo selbst sein Opfer ausfindig machen. Als normaler Bundesbürger getarnt, ließ er sich zumeist im Raum Köln/Bonn nieder, suchte sich einen Beruf und baute eine bürgerliche Existenz auf. Unter dem Schutz dieser Tarnung nahm er seinen Auftrag selber in die Hand, besuchte die damals üblichen Tanztees, studierte Bekanntschaftsanzeigen, hoffte auf Zufälle. Diese Methode konnte allerdings sehr kostspielig werden. Es mußten Reisekosten bezahlt werden, der Agent brauchte ein Auto, gute Kleidung, er mußte eine Wohnung einrichten, damit er als wohlsituierter Mann gelten konnte, der einer Frau etwas zu bieten vermag. Es konnte Jahre dauern, bevor er eine geeignete Frau gefunden hatte, die man in eine Institution einschleusen konnte. Aber Geld war für die HVA offenbar nie ein Problem.

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Hatte die Zentrale von Fall zu Fall über die Auswahl der Frau, die Besetzung des Romeos und die vorläufige Strategie des Einsatzes entschieden, so mußte der ins »Operationsgebiet« einzuschleusende Agent eine »Legende« erhalten, das heißt eine neue Identität mit entsprechenden Papieren, auch glaubwürdige Geschichten über seine Vergangenheit, seine Familie, Gründe für den Zuzug in die neue Stadt usw.

Für die Erarbeitung einer solchen falschen Identität und die entsprechenden Dokumente waren die Spezialisten der HVA-Abteilung VI für »Regimefragen« zuständig. Sie gingen eine Zeitlang nach der sogenannten »Doppelgänger-Methode vor. Hierfür sammelten sie Daten über Bürger der Bundesrepublik, die ins Ausland emigriert waren, etwa nach Kanada, Neuseeland oder Australien. Der Agent schlüpfte nun in die Rolle eines dieser Menschen, natürlich mit hervorragend gefälschten Papieren ausgestattet. Über ein Drittland reiste er unter dieser neuen Identität in die Bundesrepublik ein und gab an, er habe einige Jahre in dem entsprechenden Land verbracht, wolle aber nun wieder in Deutschland leben. Einleuchtende private oder geschäftliche Gründe hatte er sich zuvor ausgedacht. Seine Identität war quasi sauber, selbst wenn der Agent in eine Fahndung geriet, konnte er sich in diesem geliehenen Gewand sicher fühlen. Die Person, hinter der er sich versteckte, war schließlich verwaltungstechnisch verbürgt. Und da sie sich im Ausland befand, gab es auch keinerlei Spuren, die verraten konnten, daß sich zwei Menschen ein und dieselbe Identität teilten. Die Polizei konnte ruhig nach den entsprechenden Eintragungen bei den Meldeämtern oder nach anderen Indizien suchen. Erst 1976 kam das Bundesamt für Verfassungsschutz dieser Methode endlich auf die Schliche und entwickelte ein entsprechendes Rasterprofil für solcherart eingeschleuste DDR-Agenten. Dann aber flogen mit einem Schlag gleich dreißig »Doppelgänger« aus der DDR auf. Hals über Kopf zog die Ostberliner Führung Dutzende weiterer mit Doppelgängerpapieren versehene Agenten vorsichtshalber ab. Aber all das war nur ein Sieg auf Zeit von sehen der bundesdeutschen Abwehr. Die HVA ließ sich rasch neue Wege zur Einschleusung ihrer Agenten einfallen.

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In jeder Phase der Annäherung und der Anwerbung einer Frau erstellte der Agent ausführliche Berichte, die seinem Führungsoffizier zugingen: Er gab Auskunft über die Entwicklung des Verhältnisses, meldete den gelungenen Vollzug der »intimen« Annäherung, informierte über den psychischen Zustand der Frau und über ihre persönlichen Probleme. War alles erfolgreich verlaufen, schickte der Romeo regelmäßig detaillierte Chroniken der Beziehung zwischen ihm und seinem Opfer und schilderte vor allem genau das konspirative Verhalten der Frau.

Die hochsubtilen Probleme und Situationen, die in solchen auch für die Romeos komplexen Beziehungen entstanden, die psychologische Beeinflussung der »Quelle«, die Krisen und Konflikte, in die die Frauen durch ihre Verstrickung gerieten, hat man in der Zentrale schon früh zu erforschen versucht und den HVA-Psychologen zur Lösung übertragen. Auch Genschow und Wendel plädieren in ihrer Forschungsarbeit für eine noch stärkere Professionalisierung auf diesem Gebiet: »Wir stoßen (...) auf ein generelles Problem unserer operativen Arbeit, auf das Problem der Erforschung und Beachtung der menschlichen Psyche des betreffenden Kandidaten oder IM, besonders, was das Motivationsgefüge anbelangt. Es ist erforderlich, noch stärker von den gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen der marxistischen Psychologie auszugehen und nicht nur autodidaktisch eigene Lebenserfahrungen zur Anwendung zu bringen. (...) Meist wird die Notwendigkeit, die Bedeutung und Beachtung der psychischen Gesetzmäßigkeiten, wie es in der Richtlinie 1/68 und 2/68 und in den Kommentaren gefordert wird, erkannt.«51

Zur Lösung der hier erwähnten Probleme wurde die »Arbeitsgruppe P« eingerichtet, die der Abteilung VI angegliedert war. Sie hatte die Aufgabe, psychologische Verfahren und Methoden zur »Erziehung und Befähigung« von Inoffiziellen Mitarbeitern zu entwickeln und einzusetzen.52 Was sich hinter dieser bürokratischen Formulierung verbirgt, war nur vertraulich von einem ehemaligen hohen Kader der HVA zu erfahren. Diese psychologische Arbeitsgruppe stand nämlich unter anderem als Krisenstab für Romeo-Einsätze zur Verfügung. 

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In ihr arbeiteten ein Mediziner, ein Psychologe und Frau Z., Ehefrau eines HVA-Majors. Sie kannte den Westen, wo sie einst zusammen mit ihrem Mann als Kundschafterin gearbeitet hatte. Frau Z. war für die »Frauenfragen« im Stab zuständig, instruierte in jenen Fällen, in denen es bei den Romeo-Einsätzen Schwierigkeiten gab, wenn die Frauen destabil waren, verängstigt öder gar depressiv. Sie beriet in Beziehungskrisen und gab Tips für die weitere Behandlung der Frauen. Eine konspirative Romeo-Beziehung war vor allem immer dann höchst gefährdet und psychologisch beratungsbedürftig, wenn eine Frau schwanger wurde. Oft wollten die Frauen die Kinder behalten, denn sie wünschten sich ja in den meisten Fällen ein enges Zusammenleben und eine Familie mit dem Mann. Man mußte also mit allen psychologischen Mitteln, auch mit Druck und Nötigung, auf die Frauen einwirken, damit sie einer Abtreibung zustimmten. Auch in solchen Fällen standen die psychologischen Experten dem Romeo mit Rat und Tat zur Seite und entwickelten entsprechende Handlungsanweisungen. Günter Bohnsack: »Das waren immer äußerst diffizile Situationen. Kinder waren ein Hemmnis für den Job, den die Frau dann über Jahre vielleicht nicht mehr hätte machen können. Man versuchte also, sie zu einer Abtreibung zu drängen. Denn die Frau vor dem Panzerschrank war wichtiger als ein Kind.«

Natürlich mußten diese Abtreibungen illegal vorgenommen werden, denn der damals geltende §218 erlaubte einen Schwangerschaftsabbruch nur in Ausnahmefällen. Die Frauen mußten oft auch noch den schweren Gang in die Hinterzimmer von Kurpfuschern auf sich nehmen, und es ist denkbar, daß die eine oder andere von ihnen mit eben dieser illegalen Abtreibung von ihrem Romeo erpreßt wurde.

Die Forschungsarbeit von Genschow und Wendel verdeutlicht, welch große Bedeutung der Wechselwirkung zwischen Forschung und Praxis für die Weiterentwicklung dieser Strategie beigemessen wurde. Minutiös festgehaltene Chroniken von Romeo-Fällen fanden, wie diese Studie belegt, gezielt Eingang in die Lehr- und Forschungsbereiche der Juristischen Hochschule (JHS) des MfS, wo sie genauestens analysiert wurden, damit die daraus gewonnenen Kenntnisse wiederum in die Praxis zurückwirken konnten.

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Die »Vorgänge« aus dem »Operationsgebiet« waren nicht nur Stoff zur Erlangung akademischer Reife an der JHS, sie dienten auch zu Schulungszwecken für spätere Führungsoffiziere. Das siebenseitige Literaturverzeichnis der Studie betet die obligatorische Pflichtlektüre der Werke von Marx und Lenin daher und führt brav »Parteibeschlüsse«, »Reden des Genossen Erich Honecker« und »Reden des Genossen Leonid I. Breschnew« an. Hier finden sich zudem einige höchst aufschlußreiche Titel über die psychologische Anleitung Inoffizieller Mitarbeiter und ihrer »Quellen«. Der ehemalige MfS-Generalmajor Horst Felber zum Beispiel schrieb seine Dissertation 1970 über »Psychologische Grundsätze der Zusammenarbeit mit Inoffiziellen Mitarbeitern, die im Auftrage des Ministeriums für Staatssicherheit außerhalb des Territoriums der Deutschen Demokratischen Republik in direkter Konfrontation mit den feindlichen Geheimdiensten in der äußeren Spionageabwehr tätig sind«. Diese Arbeit ist als »GVS«, »Geheime Verschlußsache«, gekennzeichnet. Der frühere HVA-Oberst Dr. Klaus Roesler, von 1971 bis 1989 Leiter der HVA-Abteilung XII (Führung der NATO und EG), promovierte 1972 über das Thema »Psychologische Bedingungen der inoffiziellen Arbeit in das und im Operationsgebiet«.53 Seine Dissertation ist wie andere Schriften und Untersuchungen zu ähnlichen Themen als »WS« - »Vertrauliche Verschlußsache« - gekennzeichnet.

Die Intensität dieser Wechselwirkung zwischen Theorie und praktischer Anwendung läßt sich heute nur noch an Einzelfällen wie der vorliegenden Forschungsarbeit rekonstruieren. Alle entsprechenden Studien, die an der HVA-Schule in Beizig erstellt wurden und den damaligen Stand der Forschung belegen könnten, sind vernichtet worden. Daher kann man heute meist nur noch allgemein auf den Lehrstoff und die vermittelten praktischen und theoretischen Erkenntnisse schließen.

Doch man weiß, daß es an der Schule der HVA zum Beispiel den Fachbereich »Operative Spezialdisziplinen und Methodik« gab, geleitet von Oberst H. Klugow. In jenem Bereich wurde das Unterrichtsfach »Operative Psychologie« gelehrt.54

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Man kann mit Sicherheit davon ausgehen, daß auch die psychologische Strategie für Romeo-Einsätze Eingang in den Unterrichtsstoff und in entsprechende Forschungsprojekte fand. Selbst wenn alle diesbezüglichen HVA-Dokumente vernichtet wurden, kann man - zumindest indirekt - Einsicht ins Innere jener Hexenküche des Psychoterrors gewinnen, in der die Techniken für die Zurichtung von Menschen innerhalb und außerhalb der DDR immer mehr psychologisiert und zugleich brutalisiert wurden. 

Denn die Dissertationen und Diplomarbeiten der Juristischen Hochschule des MfS sind großenteils erhalten geblieben und ermöglichen einen schockierenden Blick ins Labor einer skrupellosen Machtzentrale. Ab 1976 wurden die Erforschung des Bereichs »Operative Psychologie« innerhalb der JHS, an der natürlich auch HVA-Mitarbeiter studierten, außerordentlich intensiviert und die daraus gewonnenen Erkenntnisse verstärkt angewandt.55 Auch die erwähnte Studie über die Romeo-Strategie war Teil dieser Anstrengungen. Anhand der Arbeiten von Studenten der JHS sowie aufgefundener MfS-Richtlinien aus dieser Zeit kann man den erschreckenden Mißbrauch der Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie in der ehemaligen DDR nachweisen. Bei den ausschließlich anwendungsorientierten Forschungen der Studenten und Hochschullehrer ging es nicht nur um die Entwicklung einer psychologischen Eignungs- und Persönlichkeitsdiagnostik operativer Mitarbeiter, sondern vor allem auch um die Einschätzung von Zivilpersonen und die psychologische Einflußnahme auf sie. Es wurden Methoden der Persönlichkeitseinschätzung und Gesprächsführung, der menschlichen Manipulation sowie der Stimm- und Sprachanalyse zu erforschender Personen erarbeitet. Auf dem Lehrplan und in den praktischen Anleitungen zur späteren Verwendung standen aber vor allem Techniken der »Zersetzung« im Zentrum. Wie löst man bei Individuen und in Gruppen negative Gefühle aus und nutzt dies zur Steuerung von Einzelpersonen und Kollektiven? Wie produziert man gezielt Panik und Bestürzung, was sich in der offiziösen Sprache der Pychostrategen als Technik des »zielgerichteten Wirksamwerdens der Schutz -und Sicherheitsorgane« verbrämt?56 

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Solche Konzepte reichten bis zur Anleitung, wie man bei unliebsamen Individuen Angstneurosen auslöst. In einer neueren Untersuchung wurde der Fall einer jungen Frau in der ehemaligen DDR rekonstruiert, die einen Ausreiseantrag gestellt hatte und deshalb in die Schußlinie des MfS geraten war. Als sie einen Schwangerschaftstest machen lassen wollte, ahnte sie nicht, daß der Arzt, an den sie sich gewandt hatte, in Diensten des MfS stand und entsprechend instruiert worden war. Er verschwieg ihr, daß der Test positiv war, und behauptete statt dessen, sie sei an Krebs erkrankt. Da ihr Bauch zunehmend dicker wurde, vermutete sie einen wuchernden Krebstumor. So kann man Menschen tatsächlich »zersetzen« und in den Wahnsinn treiben.57)

 

Es ist sehr wahrscheinlich, daß derartige Methoden auch in der Schule der HVA gelehrt und von ihren Mitarbeitern angewandt wurden, vor allem auch von Romeos, zu deren Grundausrüstung neben ihrem Körper vor allem ja ihr psychologisches »Geschick« gehörte.

Wer waren diese Romeos, die so spektakulär in die Lebensgeschichten von Frauen eingriffen, wer waren diese spezifischen Frontkämpfer im Kalten Krieg, die die ost-west-deut-sche Nachkriegsgeschichte mitprägten? Jene Spezialagenten waren gewiß einerseits ganz durchschnittliche »Kundschafter«, andererseits aber mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet, mit Vorzügen, die man sich vielleicht, vor allem, was ihr Äußeres betrifft, sehr viel spektakulärer vorstellt, als sie es in Wirklichkeit waren. Natürlich wäre es sehr interessant, eine Typologie dieser Männer zu entwerfen. Aus welchen sozialen Schichten stammten sie? Von welchen Impulsen wurden sie gelenkt? Wie waren ihre Beziehungen zu Frauen im allgemeinen? Wie verbrämten sie vor sich selber ihren durchaus anrüchigen Auftrag? Wie bewältigten sie, oft über viele Jahre, das Rollenspiel, das sie Tag für Tag durchhalten mußten, die Maskerade des verständnisvollen Geliebten, und das sicher auch Frauen gegenüber, die sie sich selbst vielleicht nicht ausgesucht hätten, für die sie oft bestenfalls eine vage Sympathie empfanden? Und nicht zuletzt: Wie schafften sie es, ihren erotischen Auftrag auf Dauer zu erfüllen?

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Eine solche Typologie kann man nicht erstellen. Es sind viel zu wenige Romeos mit ihren Klarnamen bekannt, und die wiederum sind bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht bereit, über ihren früheren Job zu sprechen. Sicher gab es darunter einige, die Frauen durchaus mochten und ihren Romeo-Auftrag lediglich wegen der Möglichkeit eines Aufenthalts im Westen annahmen; während andere Kandidaten die Frauen eher verachteten und Spaß daran hatten, sie zu täuschen, zu mißbrauchen und zu manipulieren. Andere wiederum dürften, ähnlich wie Schreibtischtäter, einfach einem Auftrag nachgegangen sein, den sie wie jeden anderen auch ordentlich und weisungsgemäß erfüllten - ohne besondere eigene Empfindungen. Es gab Überzeugungstäter, Karrieristen und Appa-ratschiks darunter.

Rudolf Hack, der Romeo von Gabriele K., deren Schicksal eingangs beschrieben wurde, gehört wahrscheinlich in die Rubrik der Karrieristen und übernahm diesen Parteiauftrag unter Aufstiegsgesichtspunkten und als Beweis seiner überzeugten Parteimitgliedschaft. Aber daneben dürfte er ein sehr persönliches Motiv gehabt haben: Er scheint Frauen eher verachtet und einen Lustgewinn aus ihrer Demütigung gezogen zu haben. Die Art, wie er Gabriele K. sieben Jahre lang manipulierte, wie er ihr ohnehin mangelndes Selbstvertrauen, als Mensch und als Frau, zerbrach und dann scheinbar wieder aufrichtete, um noch mehr Macht über sie zu gewinnen, wie er sie systematisch persönlich von sich abhängig und unter vollem männlichem Einsatz sexuell hörig machte, um ihr dann immer wieder zu zeigen, daß sie ihm nicht gut genug war - das spricht für eine ausgeprägte sadistische Veranlagung, die er als Romeo im Gewand des sozialistischen Kundschafters offenbar genüßlich ausleben konnte. Daß er sie auch noch finanziell betrog, obwohl er bestimmt ausreichend vom MfS honoriert wurde, unterstützt diese Vermutung noch. Eine solche Verachtung muß er - zumindest unbewußt -auch seiner Ehefrau entgegengebracht haben, die er all diese Jahre ebenfalls täuschte.

Ein ganz anderer Typ war Herbert Schröter, Romeo von Gerda O. und Karin S.: kein sehr gebildeter Mann, äußerlich eher etwas grobschlächtig, aber offenbar mit einer großen Ausstrahlung auf Frauen. Er muß eine immense Bauernschläue

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besessen haben, wenn es darum ging, bei einer Frau die richtige Strategie anzuwenden: Für Gerda O. war er zunächst ideologischer Übervater, dann kluger und interessierter Förderer ihrer eigenen politischen Ideen, der seine Beeinflussung in warme Fürsorglichkeit und Zärtlichkeit verpackte.

Anders bei Karin S.: Bei dieser verzweifelten jungen Frau spielte er den Tröster, Förderer ihres zerstörten Selbstbewußtseins, Bewunderer ihrer Fähigkeiten und ihrer Schönheit, Ersatzvater für das Kind; er war leidenschaftlicher Liebhaber, väterlicher Ratgeber, überzeugter Kommunist und treuer Bürger seines Landes.

Er hat es mit seinen Gaben mindestens zweimal geschafft, als Romeo nicht unter »fremder Flagge« zu reisen, sondern den Frauen reinen Wein einzuschenken und sie dennoch zu glänzenden Spionageergebnissen zu motivieren.

Nachdem sich Gerda O. im Mai 1973 gestellt und er nach kurzer Zeit sein neues Opfer Karin S. in Bulgarien gefunden hatte, muß er sein Tätigkeitsfeld erweitert haben. Für die Bundesrepublik war er »verbrannt«, hier konnte er keine neuen Einsätze mehr übernehmen. Karin S. sah er nur selten, zunächst zirka alle zwei Wochen in Ostberlin, später nur alle paar Monate in Österreich. Es blieb also viel freie Zeit übrig. Alles weist darauf hin, daß er parallel zur Betreuung von Karin S. innerhalb der DDR und im sozialistischen Ausland weitere Jobs für eine der MfS-Bezirksverwaltungen übernommen hat, genauer: für eine der Abteilungen XV, die der HVA auf regionaler Ebene zuarbeiteten.

Eines Tages im Jahr 1973 klingelt es an der Wohnungstür eines Hauses in einem kleinen Ort bei Meißen. Als die junge Mieterin öffnet, stehen ihr zwei Männer gegenüber. Der eine stellt sich als »Herbert Richter« vor, der andere beläßt es bei Nennung seines Vornamens: »Heiner«. Sie sagen, sie seien Mitarbeiter beim »Institut für Imperialismusforschung« und würden sich gern mit der jungen Frau, die hier wohnt, und mit ihrem Besucher aus Westberlin unterhalten. In der Tat ist Barbara F. nicht allein. Zur Zeit hält sich ihr Freund, ein Student aus Westberlin, bei ihr auf. Sie haben sich über eine Brieffreundschaft kennengelernt, dann trafen sie sich und verliebten sich ineinander.

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»Herbert Richter« und »Heiner« sind sehr freundlich und geben sich unbefangen, vor allem dem jungen Mann gegenüber. Es bleibt nicht bei dieser Begegnung. Die beiden Männer kommen allerdings nur dann, wenn Barbaras Freund zu Besuch ist. Nach einiger Zeit sprechen sie ihn offen an, ob er das Institut nicht mit Informationen aus dem Westen versorgen wolle, er sei doch Student und könne eine kleine finanzielle Unterstützung, die er dafür bekäme, sicherlich brauchen. Der junge Mann begreift sofort, wer hinter diesem Ansinnen steht und was man von ihm will. Er bekommt Angst und stellt seine Besuche in der DDR ein.

Doch die Männer pflegen weiterhin den Kontakt zu ihr, sind von unverbindlicher Freundlichkeit und versprechen, ihre Verbindungen dafür einzusetzen, den jungen Mann in der Bundesrepublik zu finden, ihm Grüße von ihr zu bestellen und ihn zu animieren, sie wieder zu besuchen. Aber sie hört nichts mehr von ihm.

»Herbert Richter«, der niemand anderer ist als Herbert Schröter, pflegt ihre Bekanntschaft weiter, ruft regelmäßig an, schreibt ihr. Er ist ein leidenschaftlicher Tänzer und führt sie oft aus. Der Mutter bringt er Rosen mit, wenn er die Tochter abholt.

Barbara F., die inzwischen in Hamburg lebt, bestätigt das Urteil von Gerda O. und Karin S. über die äußere Wirkung von Herbert Schröter. Er sei ein äußerst faszinierender, charmanter Mann gewesen, sagt sie heute. Man habe immer das Gefühl gehabt, man könne ihm alles anvertrauen und es gebe nichts, was er nicht verstehen könne. Aber die damals 21 jährige Frau hat dennoch kein Interesse an dem 46 Jahre alten Herbert. Er scheint das zu spüren, tritt ihr nie zu nah. Sie hofft lange, er könne ihr den Weg zu ihrem Freund in Westberlin ebnen, eine Verbindung herstellen.

Eines Tages spricht Herbert sie an, ob sie nicht etwas für ihr Land tun wolle. Sein Vorschlag: Sie solle bei einem ausgedehnten Urlaub an der bulgarischen Schwarzmeerküste, der natürlich bezahlt werde, versuchen, interessante Kontakte mit westdeutschen Männern anzuknüpfen. Dann solle sie ihnen Informationen aus den Bereichen Wirtschaft oder Politik entlocken. Wie weit sie bei diesen Bekanntschaften gehe, ob sie mit den Männern intim werde, überlasse man allein ihr. Es komme nur auf die Ergebnisse an. Ein »Julia«-Auftrag also.

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Barbara F. erfährt in diesem Zusammenhang, daß sich Schröter und sein Kollege »Heiner« öfter in Bulgarien aufhalten und daß es dort einen angemieteten Bungalow als Stützpunkt gebe. Einmal macht sie tatsächlich Urlaub mit einer Freundin am Schwarzen Meer. Sie sieht sich den Bungalow an — es gibt ihn wirklich. Sie erinnert sich, daß sie Herbert Richter/Schröter dort kurz getroffen hat. Aber sie nimmt den Auftrag nicht an. Er versucht noch öfter, sie darauf anzusprechen, übt aber niemals Druck auf sie aus. Da sie jedoch nicht darauf eingeht, bricht der Kontakt mit Herbert Schröter schließlich ab.58

 

Etwa von 1973 bis 1975 stand Barbara F. mit ihm in Verbindung. Es muß die Zeit gewesen sein, in der er als Romeo Karin S. führte. Sollte er damals und auch nach der Verhaftung von Karin S. im Jahr 1977 weitere Frauen in Bulgarien angeworben haben? Oder beschränkte er sich schließlich darauf, seine vielfältigen Erfahrungen weiterzugeben, an Männer, an Frauen, die ihm darin folgten?

Herbert Schröter ist jetzt 71 Jahre alt und lebt als Rentner in Chemnitz. Es gelingt leider nicht, mit ihm in Kontakt zu treten und ihn danach zu fragen. Selbst früheren Bekannten oder seiner ersten Ehefrau Gerda O. ist es nicht möglich, ihn am Telefon zu sprechen. Herbert Schröter wird in seiner eigenen Wohnung von Leuten abgeschirmt, die weder sagen, wer sie sind, noch Gründe nennen, warum Herbert Schröter für niemanden zu sprechen ist. Was fürchten sie? Was fürchtet er? Herbert Schröter ist niemals strafrechtlich belangt worden und wird es auch weiterhin nicht.

Die Fälle zweier weiterer erfolgreicher Romeos können vielleicht das Spektrum der verschiedenen Motivationen und persönlichen Dispositionen noch detaillierter skizzieren: Wilhelm M. ist der einzige bekannte Romeo, der sich seiner Vergangenheit stellt und zu ausführlichen Gesprächen bereit war. Roland X. ist sein Antipode. Man wird noch sehen, wie sehr er die Öffentlichkeit fürchtet und warum.

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