Wolf Biermann

Eine kleine Rede über Utz Rachowski

Aus dem Buch <Der Sturz des Dädalus>
von Wolf Biermann, 1992

     Rachowski Start

am 13.11.1991 in Fellbach

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Diesen Menschen kannte ich bis heute nicht von Angesicht. Ich wußte nur: Er muß ein paar DDR-Jahre jünger sein als unser gemeinsamer Freund Jürgen Fuchs. Beide wuchsen in dem Städtchen auf, aus dem auch Hans-Joachim Schädlich stammt: Reichenbach im Vogtland.

Alle drei schreiben eine deutsche Prosa, die nicht von Pappe ist: knapp im Sozialen und lapidar im Seelischen. Scharfe Selbstbilder mitten im politischen Schlachtengemälde der Gesellschaft. Alle drei sind durchtriebene Untertreiber und geradezu übergenau mit sich und der Welt.

Verehrte Damen und Herren, Sie merken schon, woher der Wind weht: Ich denke an so was wie Kleist und wie Uwe Johnson und George Orwell. Das sind so drei große Namen, drei Punkte, durch die man eine Linie ziehn kann, die in die Richtung Utz Rachowski zeigt.

„Down and out in GDR" - oder „Inside the Stasi-Whale". So könnten, frei nach Orwell, seine Prosastücke heißen, wenn sie demnächst gesammelt im Ostberliner BasisDruck-Verlag erscheinen.

Ja, Utz Rachowski war im Bauch der Bestie. Wegen sogenannter Hetze (§ 106) wurde er eingesperrt und dann in den Westen verkauft. Das Unglück brach nicht unvorbereitet über ihn herein, er hatte schon vorher Gelegenheiten, seine Abwehrkräfte zu trainieren. 

Aus der Oberschule in Reichenbach flog er vor dem Abitur, weil er allzu ehrliche Deutschaufsätze verbrochen hatte. So stießen ihn die Herrschenden schon früh hinab in die herrschende Arbeiterklasse, und das erwies sich, wenigstens für die Bildung seines Charakters, als eine gute Schule. Utz Rachowski war ein störrischer Wahrheitssucher. Er widerstand solchen Lockungen der Staatssicherheit, auch so Drohungen, denen andere erlagen.

Da unten im Vogtland, nahe der Grenze zur Tschechoslowakei, wurden ja die Truppen der Nationalen Volksarmee schon vorher wochenlang in den Wäldern zusammengezogen. Dort warteten sie auf den Marschbefehl, um 1968 gemeinsam mit den Warschauer-Pakt-Brüdern den Prager Frühling niederzuschlagen.

In seiner Geschichte "Der letzte Tag der Kindheit" erzählt Utz Rachowski von seinem älteren Bruder, der auf eine herzzerreißende hilflose Art mit einem wackligen Motorrad versuchte, die Deutschen Demokratischen Panzer auf ihrer Fahrt gegen den "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu stoppen. Mich hat diese Erzählung mehr als andere erschüttert. Kein Wunder: Ich war nämlich zufällig in diesen furchtbar lehrreichen Zeiten immer mal wieder und gar nicht so weit von Reichenbach im Städtchen Markneukirchen. Dort leben die wunderbarsten Geigenbauer, göttliche Bogenmacher, dort lernte ich bei einem Max Hoyer die Anfänge des Gitarrenbaus.

In der Nacht zum 21. August 1968, als die Panzer auf genau denselben Straßen in Richtung Grenze fuhren wie am 15. März 1939, da gab es hinter den vibrierenden Fensterscheiben der alten grauen Häuschen einen stummen Aufschrei aus Verzweiflung und Wut und Scham. Die Erzählung von Utz Rachowski hat mir all diese verschütteten Erinnerungen wieder ins grelle Licht gebracht.

Es gab in diesen schlimmen Tagen eine große Zahl von älteren Menschen, die sich töteten. Etliche haben sich im Dachstuhl erhängt, die Pulsadern aufgeschnitten, was weiß ich. Manche hinterließen einen Brief, ein Zettelchen. Wieder diese verfluchten Panzer! Wie die Väter, so die Söhne. Genauso hatte eine Generation vorher der große Krieg begonnen.

Nun war das schöne Vogtland wieder Aufmarschgebiet. Die allermeisten DDR-Deutschen wollten nicht noch einmal durch die Hölle gehn. Sie wollten nicht noch einmal schuldig sein, nicht durch Mitmachen noch durch Schweigen.

Utz Rachowski kommt von da unten. Und er kommt außerdem von ganz unten. 

Bei ihm ist das sogenannte Niedrige keine literarische Pose, sondern gewachsene Haltung. Er zottelt uns mit seinen Texten in die sozial armen Schichten der Gesellschaft, er hat dabei nicht den proletarischen, sondern den universelleren, den plebejischen Blick. Die sogenannten einfachen, die kleinen Leute sind seine Helden. Ich sehe beim Lesen der Geschichten des Utz Rachowski beides: was in diesen Menschen irreparabel kaputt gemacht wurde, aber zugleich erkenne ich in ihnen eine humane Grundhaltung, die nicht leicht auszurotten ist.

Seit nun der Streit um die Stasi-Karriere so mancher Geistesgrößen in Ost und West losbrach, fragt man die Schriftsteller nicht mehr zuerst, wieviele gute Bücher sie geschrieben haben, sondern wieviele gute Freunde sie verrieten. So entsteht im Westen ein falsches Bild, das womöglich genauso schief ist wie das geschönte Bild vordem.

Solche Menschen wie Utz Rachowski sind eben auch ein echtes DDR-Produkt, im allerbesten Sinne. Nicht nur sein Name klingt slawisch, es ist auch der Seelen-Sound in der Sprache. Östliche Tugenden, die es im Westen genauso gibt, aber vielleicht seltener: altmodische Leidenschaft, moralischer Ernst, melancholischer Humor. Seine Prosa klingt nach Poesie, so wie es auch die hellsichtig verrückte Dichterin Herta Müller aus Temesvar in Rumänien kann. Umgekehrt versucht er mit seiner Poesie, die Höhe guter Prosa zu erreichen. Das ist normal in Deutschland, das prägende Beispiel Brecht. Diese reziproke Ästhetik streben in unserer Zeit die meisten Dichter an, ich auch.

Gewiß wimmelt es im Osten von prominenten Feiglingen, die sich nun mit nie getanen Widerstandstaten brüsten. Hermann Kant schießt mit ruhiger Hand beim Schützenfest der Heuchler mal wieder den Vogel ab. Volker Braun ist viel zu zittrig, viel zu anständig, um seinen jahrelangen Kumpel, den SED-Oberzensor Klaus Höpcke, zu verleugnen. Da läßt er vor Schreck lieber andere Freunde fallen. Auch mich ließ er nun fallen wie den Sandsack aus einem Ballon, der gefährlich an Höhe verlor. Vor lauter Aufräumungsarbeiten im Keller, in dem nicht nur die Leiche Günter Zehm liegt, vor lauter Postenjägerei im Literaturinstitut Leipzig kommt Rainer Kirsch nicht mehr zum Schreiben.

Ich könnte jetzt Utz Rachowski als gutes Gegenstück und tapferes Schneiderlein preisen. Aber das haut auch nicht hin. 

Mein Kandidat Utz Rachoswki definiert sich aus sich selber und hat, so kommt es mir vor, auch gar nicht den Ehrgeiz, als moralische Lichtgestalt hochgejubelt zu werden.

Im Prenzlauer Berg, so höre ich, sind allerhand Leute in diesen Tagen sehr aufgeregt. Die Erregung ist begründet. Es ist alles noch ernster, als ich in Darmstadt sagte. Damals setzte ich das provokative Reizwort Sascha Arschloch in die Welt. Wer wüßte nicht, daß ein Schimpfname noch lange kein Argument ist und schon gar kein Beweis. Aber ohne diesen lutherischen Furz hätte es statt einer politischen Kontroverse in Germany weiterhin den small talk gegeben. Wir hätten womöglich geschwiegen, bis das Stasiaktengesetz wie ein Maulkorb über unser Land gestülpt ist. Ich will nicht, daß unser explodierter Stasiaktenberg so wie der Tschernobyl-Reaktor einfach einbetoniert wird. Der Beton aus Bonn würde bald Risse kriegen, und der Schrecken aus Lüge, Angst und Erpressung würde kein Ende haben.

Inzwischen hat Sascha Anderson selbst zugegeben, daß er jahrelang und immer wieder und ohne die geringste Hemmung zur Stasi gelaufen ist und alles über alle erzählt hat. Traurige Tatsachen kommen ans Licht, und wir kriegen sie in den nächsten Wochen Schwarz auf Weiß von Jürgen Fuchs geliefert. Auch die Zaungäste können dann mit hektischem Desinteresse alles bequem im Wochenblättchen nachlesen. 

Im großen ZEIT-Interview vor einer Woche tat der traurige Held vom Prenzelberg noch so, als ob er ein Spitzel von der somnambulen Sorte war. Er redete wirr, in lyrischen Andeutungen und kindlichen Paradoxen und mit einer Naivität, die leider, leider nicht naiv war. Er tat so, als habe er gar nicht so recht begriffen, was diese Herren von der Firma MfS seit 1972 in Dresden und dann in Ostberlin immer wieder und immer mehr und immer genauer von ihm hatten wissen wollen. Er offerierte sich uns also als ein Zuträger, der aber nie ein Zuträger war, frei nach Heinrich Heines schönem Lied von der Loreley:

Ich weiß nicht was soll es bedeuten 
Daß ich ein Spitzel bin 
Eine Unterschrift aus uralten Zeiten 
Die geht mir nicht aus dem Sinn...

Es ist alles viel banaler, viel mieser und krimineller, als ich am Anfang dachte. Deshalb nehme ich das Wort Sascha Arschloch zurück. Nicht nur, weil einige empfindsame Geister sich über dieses grobschlächtige Wort empörten. Ich bilde mir ein, es müßte für Deutsche, die genügend Menschenverstand und Sprachgefühl haben, sowieso klar gewesen sein, daß dieses Schimpfwort viel zu drollig, viel zu familiär und verharmlosend war. Wie auch immer — ich nehme es zurück, denn ich brauche es für bessere Gelegenheiten. Wenn etwa ein im Grunde guter Kerl und Freund etwas tut, worüber man sich im ersten Schreck ärgert, dann kann man so kumpelhaft schimpfen und sich auch wieder vertragen.

Ich höre von kollektiven Haßanfällen einer buntgemischten Gruppe aus ehemaligen Staatsdichtern und halbherzigen Gelegenheitsoppositionellen. Sie alle können es nicht ertragen, daß das SED-Monopol der öffentlichen Kritik jetzt demokratisiert wurde. In der Zeit der Unterdrückung waren die staatstreuen und die staatsfremden Intellektuellen eben vorsichtiger miteinander. Das verband sie trotz aller Konflikte: Angst. Die einen zitterten um ihre Privilegien, die anderen vor dem Knast. Utz Rachowski paßt in keine dieser Gruppen, er gehört halt nicht zu den trauernden Hinterbliebenen des toten Regimes.

Viele haben vieles verloren, manche alles. Also wimmelt es in der ehemaligen DDR-Kulturszene von aggressiven Jammerlappen, die gestern noch in lässig eleganter Haltung mit der ideologischen Peitsche hoch zu Roß durch die Partei-Plantagen ritten. Jetzt pfeifen sie auf dem letzten Loch das verlogene Lied der tapferen Opposition: Ach wenige wenige waren wir — und viele sind übriggeblieben.

Jedes Kind weiß es, und keiner muß so tun, als ob ich es in der Rage vergessen hätte: Natürlich gab es immer auch viele prima Leute in der DDR. Sogar unter den Schriftstellern und sogar unter den Prominenten und natürlich auch unter Genossen der SED. Es geht im richtigen Leben so interessant zu wie im realistischen Roman: sehr gemischt. Es kann ja gar nicht anders sein: Natürlich gab es unter all diesen Menschen auch Menschen.

Fast alle Geschichten, die Utz Rachowski in Poesie oder Prosa schreibt, erzählen von getretenen Landeskindern wie Woyzeck. Und Rachowski weiß das auch ganz genau. So ist es kein Wunder, daß der Preisträger einen seiner besten Texte über eben diesen Woyzeck verfaßt hat. Und zwar schrieb er nicht über die Kunstfigur des Georg Büchner, sondern über den historischen Mörder Johann Christian Woyzeck, der im Jahre 1824 hingerichtet wurde.

Dieser Text ist ein innerer Monolog des armen Mörders auf dem Weg zum Blutgerüst auf dem Naschmarkt. An dem Text begeistert mich ein aufreizender Mangel an mitleidtriefender Moral. Die Tatsachen um den Delinquenten auf dem Schafott und die Gedankenfetzen und Bilderfetzen in ihm werden raffiniert von Utz Rachowski wie in einer Collage montiert. Die scheinbar mitleidlose Sicht des Autors provoziert im Leser ein um so intelligenteres Mitgefühl und provoziert ein gradezu aufrührerisch wildes Erbarmen mit der geschundenen Kreatur.

Georg Büchner läßt den Hauptmann in der ersten Szene zum Woyzeck sagen:

"Woyzeck, 
Er ist ein guter Mensch, - aber Woyzeck, 
Er hat keine Moral! 
Moral, das ist, wenn man moralisch ist, 
versteht Er."

Das paßt glänzend zu den bevorzugten Helden in Utz Rachowskis Prosa. Sie sind keine ideologischen Sprachtüten, keine homunculi der Literatur. So entsteht was Lebendiges in der Dichtung. Utz Rachowski ist eben ein guter Dichter, und so einer war ja hier gefragt.

 

Verehrte Stadtmütter und Stadtväter, verehrte Bürger 
in der schönen kleinen Stadt Fellbach
 — ich denke, Sie können froh sein mit diesem Kandidaten, 
dem ich so selbstherrlich, wie ich ja durfte und auch sollte,
den Förderpreis zum Eduard-Mörike-Preis zuerkennt habe.

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Utze ist verschwunden / Sie fuhren oft von Reichenbach nach Zwickau / und meinten den UHU damit /  oder das Hotel Wagner / gleich am Bahnhof hatte es noch Bier / wenn in Reichenbach schon alles duster war /  die Reichsbahn war ein Nahverkehrsmittel / die war nicht teurer als das Bier / 51 Ostpfennig für Null-Zwei-Fünf / im Hotel wars teurer  / im UHU war mehr 'Stimmung' / da trafen sich die Blueser und Tramper / aber die waren nur ein bischen so wie Utz und Jürgen / und die anderen aus Reichenbach / Im "Thüringer Hof" im dritten Glas-Bier-Geschäft in Bahnhofshörweite waren dann doch eher die Proleten zugange / aber Bier ist Bier / zumindestens war es damals so.

Im August 89 wußte Mielke dann, daß er die größten Probleme im Landkreis Zwickau hat / die waren nicht so viele, wie die in Leipzig / die waren wenige / aber die Blueser halfen mit / auch die 'A-Leute' / die wollten ihren Blues im Westen hören /  aber die Blueser wußten gleich, daß es im Westen keinen 'Zum Löwe' in Ebersbrunn gibt / auch Renft hat da gespielt / nach der Wende sah ich sie / aber ohne Pannach / der lebte noch / auch Fuchs lebte noch / auch Hieke lebte noch / der Lehrer, der nicht 'Zum Fuchs' wurde / weil er Kinder hatte /  Gabi sagte mir im Sommer 89, daß es jetzt einen Film über Alkohol gibt in der DDR / Ob ich den nicht vorführen könne im Filmclub Zwickau / Sie erzählte auch, wie Fuchs oft im Haus war / Beim Vater / Diskutieren / Und dann nicht mehr / 

Ich las in der 'Friedensbibliothek Zwickau' Fuchsens NVA-Buch / Endlich spricht es mal jemand aus /  Fuchs hilft von 'drüben' / auch Jahn aus Jena, Friedenkreis / Wir lesen ihre Texte / und unsere aus der DDR, 'Samisdat' /  Wir verstehen nicht alles / Wir waren noch nie in Westberlin / Utze ist verschwunden / / Er genießt jetzt die Anarchie in Kreuzberg / Nach 89 dann auch in Dresden / Er fährt oft nach Berlin / zu Fuchs in die Magdalena / Den Freunden gehts nicht gut / Was war in der Haft? /  Wir besprechen es mit dem Uhu / Der weise Uhu aus dem Kinderfernsehen / Uhu, Uhu, sagt er nur / Und antwortet nicht / Was war in der Haft? / Fuchsens Herz ward gebrochen / Pannnachs auch /  Gefehlt ham sie uns / 89 als die Wessis kamen / Allein waren wir in der Reichenbacher Str in der Friedensbibliothek / Auch wenn wir auf dem Heimweg diskutierend in den UHU gingen / waren sie nicht da / die Leute aus Reichenbach / die abends manchmal kamen / wenn es in ihrem Kaff kein Bier mehr gab /  Sie fuhren oft nach Zwickau / ohne Koffer und ohne Biere 

Utze ist wieder da.  (d-2005)