Walter van Rossum

 

Audio 2007 Die Utopie der Utopie  
Partisanen der Utopie

 

Die Tagesshow. Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht. 2007. 200 Seiten.

 

Meine Sonntage mit Sabine Christiansen. Wie uns das Palaver regiert. 2004.

 

wikipedia.Autor  *1954

DNB Autor   30 Treffer

Google Autor    Amazon.Autor 

 

detopia:   R.htm  

Utopiebuch   Umweltbuch

T.Rietzschel   

 

 

Walter van Rossum (* 1954) ist ein deutscher Autor und Investigativjournalist. Er studierte Romanistik, Philosophie und Geschichte in Köln und Paris. Seit 1981 arbeitet er als freier Autor für WDR, Deutschlandfunk, Zeit, FAZ und Freitag. Für den WDR moderierte er unter anderem die „Funkhausgespräche“. 1988 erhielt er den Ernst-Robert-Curtius-Preis für Essayistik.  Walter van Rossum lebt in Köln und Marokko.

Kritik: 
In einem vom Deutschlandradio 2012 ausgestrahlten Essay konstatierte van Rossum einen Antiislamismus, der Parallelen zum Antisemitismus aufweise; bestritt eine Verantwortung Osama bin Ladens für die Terroranschläge des 11. Septembers und relativierte die von Alice Schwarzer kritisierte Situation von Frauen in islamischen Gesellschaften.

aus wikipedia

 

 

 


dradio.de/dlf/sendungen/hoerspiel/585567    HÖRSPIEL  13.02.2007 

Das Mögliche hat seine Spur im Sein. Die Utopie der Utopie

Reihe: Partisanen der Utopie    Feature von Walter van Rossum 

Offenbar leben wir in einer Zeit, in der Utopien selbst utopisch geworden sind. Dieser Hörspiel-Essay erinnert deshalb an einige historische Traumprogramme: von der Apokalypse über Thomas Morus, Karl Marx und die Weltenbauer-Fantasien des technischen Zeitalters.

Heute leben wir in einem utopischen Schwundstadium. Längst ist uns die Zukunft als ein offener Erfüllungsraum abhanden gekommen - nur zweihundert Jahre nach ihrer Erfindung. Ebenso hat sich jede Vorstellung von Gesellschaft im Tumult der neoliberalen Märkte aufgelöst. Deren Held ist das selfmade-Individuum: die postmoderne Lebenslüge in Person.

Regie: der Autor Darsteller: Frauke Poolman, Ernst August Schepmann, Horst Mendroch u.a. Produktion: Deutschlandfunk 2006 Länge: ca. 49'

Walter van Rossum, Jahrgang 1954, Journalist, Autor, lebt in Köln.

 


 

Walter van Rossum    13.11.2011    

Meine Sonntage mit Günther Jauch 

Über die Heilige Dreifaltigkeit und das Problem der Froschperspektive: 
Walter van Rossum erklärt den Sonntagabend in der ARD

freitag.de/autoren/der-freitag/meine-sonntage-mit-gunther-jauch  

 

Am 4. Januar 1998 wurde der Name Sabine Christiansen zum Label und ging auf Sendung. Seitdem entfaltet sich allsonntäglich eine Heilige Dreifaltigkeit im Abendprogramm der ARD. Beginnend um 20.00 Uhr mit der Tagesschau. Eine Sendung, die seit Jahrzehnten daran arbeitet, die Welt als jenes Ritual darzustellen, als das sie selbst abläuft. Die Irritation des Realen perlt an ihr ab wie Wasser am Gefieder des schönen Schwans. Komplexität findet nicht statt, bloß ewig blasse Ergründlichkeit. Der Zuschauer wird zum Zaungast einer Welt, in der ein paar Dutzend Staatsschauspieler, Kardinäle und andere Repräsentanten „gesellschaftlich relevanter Gruppen“ von mobilen Kanzeln ihre von Referenten verfassten Verlautbarungen zur Kenntnis geben. 

Alles huldigt einem Informationsziel, das Chefredakteur Kai Gniffke in unsterbliche Worte gekleidet hat: „Was unser Auftrag ist und was wir leisten können, ist, die Leute fit für den nächsten Tag zu machen. Dass sie am nächsten Tag bestehen können, dass sie dann wissen, das habe ich doch schon einmal gehört“.

Am Rande der Legalität 

Pünktlich zum Wetterbericht erreicht die Quote ihre Vollendung. Und bräche dann erheblich ein, folgte nicht sonntags der Tatort. Im lodernden Kontrast zur Tagesschau verglüht hier die Wirklichkeit der Sprachregelungen auf erstaunlich hohem Niveau. Das Tatort-Böse bricht nicht in den geregelten Lauf der Dinge ein, sondern das Verbrechen ereignet sich in Konsequenz oder als Ekstase der Ordnung. Die Welt stimmt nicht – und viele Zuschauer dürften hier ihre eigene Unverstandenheit wiederfinden in Gestalt der Ermittler, die oft am äußersten Rand der Legalität bis zur Erschöpfung am Ende nur einen Moment von Anständigkeit gerettet haben. Haltbar bis zur nächsten Folge.

Sabine Christiansen hatte, bald nachdem sie auf Sendung gegangen ist, verstanden, wie man das brüchige Weltbild des Tatorts zur Vorlage für neoliberale Propaganda macht. Denn wahrscheinlich in keiner anderen Sendung wurde so klar und ohne Unterlass die Forderung nach Systemüberwindung gestellt, keinem anderen Medium dürfte es gelungen sein, die Reste bürgerlicher Reflexionsfähigkeit so konsequent unter neoliberales Sperrfeuer zu setzen. Woche für Woche trat ein Großaufgebot von Deutschlandsanieren an und verkündete die zukünftige Schlachtordnung. Sonntag für Sonntag wurde den von Pierers, Henkels, Hundts Co ein Bedenkenträger aus Gewerkschaft, Kunst oder Moral zum heiteren Verfrühstücken hingeworfen.

Sabine Christiansen beherrschte allerdings eine Kunst bis zur Vollendung: Sie hetzte Hans Eichel und Friedrich Merz, Guido Westerwelle und wie hieß der andere von der SPD? in wütend grundsatzprogrammatischem Streit gegeneinander – und man musste schon eine besonders coole Socke sein, um zu kapieren, dass der Dissens weit hinter dem Komma stattfand. 

Im Prinzip herrschte eiserne Einigkeit. Doch die Demokratieshow war Spitze! Der wahre Gegner war das Publikum, das lernen musste, dass es eventuell weiterginge, wenn man mit der Katastrophe des Gewerkschafts- oder Wohlfahrtsstaats fertig wäre – allerdings zu erheblich schlechteren Bedingungen. Mission accomplished!

„Diese Sendung bestimmt die politische Agenda in Deutschland mittlerweile mehr als der deutsche Bundestag“, sagte Friedrich März am 29. Juni 2003. Das stimmte.

TV-Elefanten 

Kaum wankte das Land von Krise zu Krise, verblasste die Sonne von Sabine Christiansen jedoch. Sie wurde beerbt von einer geborenen Erbin: Anne Will. Bereits Nachfolgerin von Christiansen als Moderatorin der Tagesthemen, ein ganz und gar ARD-sozialisiertes Gewächs, hatte sie keine Mission, nur die Routine des Lächelns, das sie zur gefälligen Conférencière der Großen Koalition im Reich der ganz großen Mitte machte. Nach dem Ende dieser Koalition wurde man ihrer schnell überdrüssig.

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere: Nach den letzten Bundestagswahlen konnte man einen Moment lang den Eindruck haben, es könnte eine Zeit neuerer programmatischer Kontroversen anbrechen. Themen gab es wahrlich genug, und viele hatten die Nase voll von dem quasitotalitären Konsens einer ubiquitären Mitte. Es wäre an der Zeit gewesen, eine neue Form von Talk zu lancieren, die die politische Agenda beeinflussen könnte, nur diesmal vielleicht nicht als Verschwörung der Eliten gegen das Publikum – doch wer hätte in den Reihen der ARD das Auftrittsformat, gepaart mit journalistischem Mut gehabt? Insofern war naheliegend, sich für Günther Jauch zu entscheiden: Deutschlands beliebtesten Unterhaltungsmoderator. WDR-Intendantin Monika Piel taufte ihn gleich ein „ARD-Urgestein“. Jauch hatte in Jugendzeiten beim Hörfunk des BR eine Nachmittagssendung moderiert, die nur deshalb im Gedächtnis geblieben ist, weil es hier zum ersten Aufeinandertreffen der späteren TV-Elefanten Gottschalk und Jauch kam.

Das Jauch-Urgestein hat sich seitdem durch Tonnen von Schaumstoff privater Unterhaltungssender gearbeitet und es zum beliebtesten Moderator des Landes gebracht. Geliebt von wem? Und für was? Eines war jedenfalls stets gewiss: Der Mann kann keine Gespräche führen. Kein Moderator dürfte öfter karikiert worden sein, wie er trostsuchenden Witwen oder betrogenen Mietern schlichte Fragen stellt, die er zuvor auf seinen Memokärtchen entziffern muss. Wie wollte er dann in der Gischt steifer Kontroversen die Übersicht behalten?

Ich als einfacher Grieche Günther Jauch war mehrfach Gast bei Sabine Christiansen – als Experte für nix, als Verkörperung des gesunden Menschenverstandes, als Joker fürs Allerallgemeinste. Und so tritt er auch in der Sendung seines Namens auf: „Ich als einfacher Grieche frage mich“, und bald darauf sieht er die Lage aus der Sicht eines ganz normalen deutschen Steuerzahlers – Jauch entert die Themen aus der Froschperspektive. Verständnis für alle – nur nicht für Probleme. So lief es auch in der letzten Sendung. Da kann man nur staunen: Die ganze Woche lang hat man sich mit dem Griechenlandthema dumm und dämlich getalkt und jetzt kommt auch noch Jauch mit der alles klärenden Frage: „Chaos-Tage in Athen – wer will die Griechen jetzt noch retten?“ Es scheint, als sähe sich Jauch in der Rolle des Nachhutgefechts, in dem der mittlere Stand der Dinge festgehalten werden soll.

Auf Sendung ging der Jauch-Talk am 11. September mit dem Thema des Datums. Wochenlang hatte man uns auf sämtlichen Kanälen und mit allen Drucksachen die Bilder der Tragödie und die Notwendigkeit der Konsequenzen eingebläut – selten ließe sich der Verdacht auf mediale Gleichschaltung so leicht begründen – und dann kommt noch Günther Jauch als Forum höchstinstanzlicher Beglaubigung mit „neuen“ Wallungsmomenten: die dunkelhäutige ascheüberpuderte Angestellte, die sich aus dem WTC retten konnte und deren Bild dann zu einer der hochproblematischen Ikonen von 9/11 wurde. 

Jauch hält das Titelblatt des Time-Magazine in die Kamera – eine von den Taliban verunstaltete Frau, als sei das Legitimation genug. Hunderte Male hat man die Lügen über Afghanistan aufgedeckt, hunderte Male die Wirklichkeit der blühenden afghanischen Schullandschaften gezeigt, doch bei Jauch bekam man noch einmal die gute alte Propaganda-Version zu sehen. Das ist das Problem der Froschperspektive: In welchen Frosch verwandelt man sich gerade? Es gibt so viele.

Und so ist das wahrscheinlich mit Jauch. Er will‘s gar nicht wissen. Es wäre wahrscheinlich Unfug, dem Mann eine politische Mission zu unterstellen. Günther Jauch moderiert eine politische Unterhaltungssendung, die aus dem Unterhaltungsetat der ARD fürstlich finanziert wird. Das Staatstragende gehört da eher zum Format. Und Information wird als Kollateralschaden in Kauf genommen. Die Übertragung der Hochzeit von William und Kate ist auch nicht billiger

 


 

31.07.2004    Unschlagbar unbedarft  

Walter van Rossum zeigt ebenso unterhaltsam wie bitterböse: 

Das Politpalaver in der TV-Kampfzone Deutschland vermittelt vor allem die Meinung der Chefetagen ans Volk

VON BETTINA GAUS     taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2004/07/31/a0346    

 

Der Titel klingt gemütlich. "Meine Sonntage mit <Sabine Christiansen>": Das hört sich nach Feierabend an. Die Melodie führt in die Irre. Der Publizist Walter van Rossum hat ein bitterböses Buch geschrieben, zornig, fast völlig ohne - bei diesem Thema allzu nahe liegende - ironische Sottisen. 

Um Medienkritik geht es dem Autor allenfalls am Rande. Er nimmt die Sendung zum Anlass, "das Palaver des Juste milieu" und die "wandernden Normen der Mitte" zu analysieren - mithin ein Bild der gesamten tonangebenden Schicht in der Bundesrepublik aus seiner Perspektive zu malen.

Der Blickwinkel wirkt seltsam vertraut und ungewöhnlich zugleich. Vertraut, weil es gar nicht so lange her ist, dass Äußerungen der herrschenden Klasse auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft wurden. Ungewöhnlich, weil das eben längst nicht mehr die Regel ist. Van Rossum kann das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, zu den ganz wenigen zu gehören, die den Kaiser trotz angeblich neuer Kleider auch weiterhin nackt zu nennen bereit sind.

"In den letzten zehn Jahren gab es ein Wirtschaftswachstum von über 15 Prozent. Doch das Netto-Durchschnittseinkommen ist um 4,3 Prozent gesunken. Das ist zwar bloß die reine Wahrheit, aber wahrscheinlich deshalb unvorstellbar in dieser Umgebung." Diese Umgebung: das sind die Gäste, die Zutritt bei Sabine Christiansen finden. Ein Zirkel, der einen geschlossenen Kreis bildet. Walter van Rossum: "Sabine Christiansen funktioniert als eine Tonspur in der Endlosschleife mit den stets gleichen Figuren, die bloß unterschiedliche Namen tragen." Guido Westerwelle, Hans Eichel, Angela Merkel und Peer Steinbrück, beispielsweise.

Repräsentieren die nicht ganz verschiedene Flügel des politischen Spektrums? Nicht aus Sicht von Walter van Rossum. Er behauptet: "98 Prozent des Wortumsatzes bei Sabine Christiansen ließen sich keiner Person, keiner Richtung, keinem Programm, keinem Konzept und keinem Sprecher zuordnen." Und er belässt es nicht bei der Behauptung, sondern er belegt die These. Er lässt seine Leser raten, von wem einige der ausführlichen Zitate stammen, die er anführt. Die (gewollt überraschende) Auflösung am Schluss des Kapitels ist entlarvend. Es fällt schwer, der Schlussfolgerung zu widersprechen: "Die Differenz zwischen Merkel und Müntefering mehrt nicht gerade den Zauber der Demokratie."

Mit der so genannten Reform der Sozialsysteme - vulgo: deren Abschaffung - beschäftigt sich der Autor besonders ausführlich. "Jetzt soll der ,Wohlfahrtsstaat' liquidiert werden. Als sei die soziale Umverteilung ein karitatives Großprojekt gewesen: Almosen aus dem Füllhorn unerschöpflicher Güte. Als handelte es sich nicht um schwer verdiente Ansprüche." Van Rossum zweifelt an nahezu allem, was mittlerweile als unumstößliche Wahrheit gilt. Etwa daran, dass Steuersenkungen und der Abbau sozialer Leistungen zwangsläufig zu Investitionen und somit zu mehr Arbeitsplätzen führen.

Ob es dafür auch nur bescheidene Hinweise gebe, will er wissen, und er schreibt: "Eine der Lieblingssprechblasen, die im Christiansen-Talk pausenlos gen Studiohimmel steigen, ist die Rede vom Zusammenhang zwischen Wachstum und Arbeitsplätzen: Wirtschaftswachstum schafft Arbeitsplätze. Und wenn die erhitzte Konjunktur uns alle mit Arbeit segnet, erledigen sich die Probleme mit der Altersversorgung und der Krankenkasse und den Steuereinnahmen fast von selbst." Jeden Sonntag sei es bei Christiansen fünf vor zwölf, stellt van Rossum fest: "Wie selbstverständlich ergibt sich aus der Katastrophendiagnose die einzige Therapie: die Totalreform, um nicht zu sagen: die Systemüberwindung. Allsonntäglich tritt so eine große Koalition der Systemüberwinder gegen ihr Volk an."

Der Autor bleibt nicht abstrakt, und er beschränkt seine Kritik nicht auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Er nennt Namen, und er benennt die Verbindungen, die prominente Talker wie beispielsweise der FDP-Politiker Günter Rexrodt und der CSU-Politiker Peter Gauweiler zu einzelnen Wirtschaftsunternehmen geknüpft haben. Das ist verdienstvoll - umso bedauerlicher ist es, dass dies nicht die stärksten Passagen des Buches sind. Der rigide Ton, in dem van Rossum nahezu jede nebenberufliche Tätigkeit von Politikern geißelt, wäre überzeugender, wenn er nicht über das Ziel hinausschösse und zugleich den Talk-Runden von Sabine Christiansen jede Fähigkeit zu ehrlicher Erschütterung abspräche. Der Versuch des Autors, auch noch die Reaktionen auf den Tod von Jürgen Möllemann in einen Zusammenhang mit jeweiligen konkreten Interessen der Fernsehgäste zu bringen, streift die Grenze zur Verschwörungstheorie.

Aber was verschlägt das gegen eine Analyse wie diese: "Das Weltbild, das bei Sabine Christiansen zusammengeplappert wird, ist nicht gerade neu, und es ist keineswegs exklusiv. Doch im Sendegebiet der deutschen Kampfzone dürfte es keine politische Talkshow geben, die auf ähnliche Weise die Wünsche der Chefetage ans Volk durchreicht - und dabei eine unschlagbare journalistische Unbedarftheit an den Tag legt." Klare, wahre Worte.

Walter van Rossum: "Meine Sonntage mit ,Sabine Christiansen'. Wie das Palaver uns regiert". Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004, 192 Seiten, 8,90 Euro

 

 

 

Oberflächlich, ideologisch und polemisch    2004  Von Ein Kunde bei Amazon 

Zugegeben: Wer sich wie Walter van Rossum ein Jahr lang Woche für Woche "Sabine Christiansen" angesehen hat, der geht damit ein gewisses Risiko ein. Nicht unwahrscheinlich, daß man danach Hemmungen entwickelt, an einem Sonntagabend überhaupt noch zur Fernbedienung zu greifen, weil man dieses oberflächliche, polemische und oft populistische Palaver schlicht nicht mehr ertragen kann. Mir ging es ähnlich. Ich bin vor ein paar Monaten nach London gezogen - wohl nicht direkt als Flucht vor Frau Christiansen (das wäre zuviel der Ehre), aber andererseits würde ich auch nicht behaupten, daß ich sie dort vermißt hätte - ganz im Gegenteil.

Nun ist mir bei einem Besuch in Deutschland das vorliegende Buch aufgefallen, und ich erinnerte mich qualvoll an meine eigenen Sonntage mit Sabine Christiansen. "Prima," dachte ich, "ein Leidensgenosse hat seine Gedanken zu Papier gebracht", und freute mich auf die Lektüre. Aber bereits nach den ersten Seiten wurde mir dann klar, daß der Autor aus ganz anderen Gründen litt als ich.

Während mir als studierter Ökonom und Jurist die Sendung oft nur die Oberfläche der politischen Probleme des Landes tangiert (und manchmal nicht einmal das), ist es für den Philosophen und Romanisten Walter van Rossum die inhaltliche Ausrichtung der Sendung, die ihn zur Weißglut bringt. Für ihn ist "Christiansen" die Speerspitze des polit-ökonomischen, "neoliberalen" Mainstreams - sozusagen, um es einmal marxistisch zu formulieren (und das dürfte van Rossum gefallen), der mediale Überbau der bundesrepublikanischen Gesellschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts. 

Und daran paßt van Rossum so gut wie nichts: Die Politiker sind seiner Meinung nach austauschbar, korrupt, zynisch und bestenfalls ahnungslos; "die" Wirtschaft bereichert sich auf Kosten der "kleinen Leute" nur selbst; die Medien sind unfähig, die tatsächlichen Probleme darzustellen und kritisch zu hinterfragen; die Experten sind gekauft, überversorgt und naiv. Kein einziger der Gäste der Sendung kommt in diesem Buch auch nur ansatzweise gut davon.

Kurz und pointiert könnte man es auch so zusammenfassen: Alle ahnungslos - außer anscheinend van Rossum selbst. Manche Leser könnten ihm dies als Arroganz auslegen, und ich wäre geneigt, mich diesem Urteil anzuschließen.

Und die in der Sendung "diskutierten" Probleme? Nach van Rossums Meinung handelte es sich lediglich um Scheingefechte, die den Umverteilungskampf von unten nach oben dürftig verkleisterten. Dabei übersieht der Autor geflissentlich, daß die Probleme tatsächlich existieren: Es gibt eine überbordende Staatsverschuldung, eine Bildungskrise, einen kollabierenden Arbeitsmarkt. 

Die von allen ernstzunehmenden Experten diskutierten Reformen als "neoliberale Verdummungstaktik" abzutun, ist umso törichter, als der Autor selbst keinerlei praktikable Lösungen anzubieten hat. Man könnte ihm vielleicht zugute halten, daß er kein Ökonom ist und vielleicht nicht versteht, wovon er schreibt. Aber die bessere Alternative wäre es dann doch, auf das Verfassen eines solch polemischen Traktats zu verzichten. Demokratie heißt, daß man zu allem eine Meinung haben darf, aber eben nicht muß.

Wer sehen will, warum man sich über Christiansen ärgern kann, ist mit diesem Buch gut bedient. Wer wissen will, was in Deutschland wirklich passiert und welche Lösungen es für die Strukturkrise der deutschen Volkswirtschaft gibt, der sollte besser zu Büchern ausgewiesener Experten greifen (z. B. Hans-Werner Sinn, Horst Siebert, Hendrik Müller, Roland Baader, Meinhard Miegel). 

Auch ein wenig liberale Rechts- und Staatsphilosophie (John Locke, Adam Smith, F. A. Hayek) wäre zu empfehlen, und sicherlich täte auch Herrn van Rossum diese Lektüre gut. Es steht nur zu befürchten, daß er sämtliche von seinem eigenen Standpunkt abweichenden Meinungen als neoliberales Teufelszeug ablehnen würde, ohne auch nur einen Moment darüber nachgedacht zu haben.

Ich habe selten ein so ideologisch verblendetes Buch wie "Meine Sonntage mit Sabine Christiansen" gelesen. Wenn dies die Art und Weise sein sollte, wie in Deutschland politische Fragen diskutiert werden, dann bleibe ich lieber in London.

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