Maximilien Rubel

Stalin

Selbstzeugnisse und Bilddokumente

1975 by Rowohlt Taschenbuch Verlag #  ISBN 3-499-50224-0    
9. Auflage: 2000,  7. Aufl. 34.-36. Tausend, 1994  
Hg: Kurt Kusenberg   #   Red: Möhring,  Eberle 
Rückseite: Totenehrung am Stalin-Denkmal in Moskau  

1975    (*1905)

124 (158) Seiten 

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Rubel.Start

 

(d-2005:)Feinste historische Aufarbeitungsware - obwohl schon 30 Jahre alt. 

Inhalt 

Vorbemerkung  (7)  

Anmerkungen  (126) 

Zeittafel (137)  

Quellennachweis der Abbildungen (151)  

Zeugnisse (152)  

Bibliographie  (154)  

Über den Autor (156)  

Namenregister (157-158) 

Aus Wikipedia 

Maximilien Rubel (* 10. Oktober 1905 in Czernowitz; † 28. Februar 1996 in Paris) war ein französischer Soziologe und Rätekommunist österreichischer Herkunft.

Rubel studierte Recht und Philosophie in Czernowitz und Wien, wo er unter dem Einfluss des Sozialphilosophen Max Adler stand. 1931 zog er nach Paris zur Fortsetzung seiner Studien an der Sorbonne, und erhielt 1934 sein Lizentiat. 1937 wurde er französischer Staatsbürger. Während der deutschen Okkupation Frankreichs war er als Jude und politischer Aktivist verfolgt. Bis 1945 war er Mitglied der kleinen Groupe révolutionnaire prolétarien, und übersetzte Flugblätter, die an deutsche Soldaten gerichtet waren.  Ab 1948 war Rubel im Centre d'études sociologique des Centre national de la recherche scientifique beschäftigt, wo er 1970 als Maître de recherche honoraire emeritiert wurde. 1959 gründete er die Zeitschrift Etudes de marxologie, und wirkte an den ab 1962 erscheinenden Cahiers de discussion pour le socialisme des conseils mit.  Rubel war marxistischer Humanist. Von ihm stammt die Bezeichnung Marxologie für die systematische Untersuchung von Karl Marx und des Marxismus. Rubel vertrat gegen die Mehrheit der Wissenschaftler die These, dass Marx entscheidend durch Baruch Spinoza beeinflusst worden sei. Rubel lehnte den real existierenden Sozialismus leninistischer Prägung ab. Die aktuelle Bedeutung von Karl Marx sah er nicht in erster Linie in seinen wissenschaftlichen Theorien, sondern in der Ethik, und seiner radikalen Kritik an gesellschaftlichen Institutionen. 

 1   Das russische Vermächtnis der «Klassiker»  (9)

 2   Emigranten-Marxismus  (12) 

 3   Ein asiatischer Berufsrevolutionär  (19) 

 4   Lenin an der Wiege Stalins  (33) 

 5   Die Revolution und ihre Meister  (39) 

 6   Ein multiplizierter Kommissar  (44) 

 7   Die letzte Metamorphose  (49) 

 8   Das Dilemma eines Vermächtnisses  (52) 

 9   Der weitsichtige Erbe  (58) 

10  Ein Hohepriester der Führung  (62) 

11  Sozialistische Kapitalakkumulation  (66) 

12  Vom Archipel Gulag zum Sozialismus  (78) 

13  Ein Kulturrevolutionär neuen Stils  (85) 

14  Der Überlebende  (88) 

15  Hitlers Zwillingsbruder  (97) 

16  Sowjetpatriotischer Imperialismus   (103) 

17  Politik und Paranoia  (111) 

18  Epilog  (120) 

     

 

Vorbemerkung

Solcherart ist die russische Propaganda, unendlich 
variierend, je nach den Völkern und den Ländern.
Gestern sagte sie uns: <Ich bin das Christentum>. 
Morgen wird sie uns sagen: <Ich bin der Sozialismus>. 

Jules Michelet, 1854

7

Die geschichtliche Figur Stalins ist nur vom Stalinismus her zu begreifen, von einer geschichtlich bedingten Herr­schafts­struktur, die der Person des Diktators vorgegeben war und seine Wirkungszeit zwangsläufig über­dauert. Stalins revolutionäre und politische Laufbahn bildet ein Kapitel der Geschichte der bolschewist­ischen Partei Rußlands und der Sowjet-Union, endet aber nicht mit seinem Tode, sondern erst drei Jahre später, auf dem XX. Parteikongreß, mit der Zerstörung des Stalin-Kults. Damit war jedoch die Periode des Stalinismus nicht abgeschlossen: dessen Sinnbild, die einbalsamierte Leiche Lenins, die Stalin den ihrer Ikone beraubten Sowjet-Völkern als Geschenk anbot, ist weiterhin im Mausoleum sichtbar.

Ohne Lenin kein Stalin – aber auch ohne Stalin war der Stalinismus eine der möglichen Konsequenzen der mit dem «Großen Oktober» eingeleiteten bolschewistischen Partei- und Staatspolitik. In dem Augenblick, als Lenin nach der Machteroberung die jedem bürgerlichen Historiker geläufige Idee vertrat, daß «in der Geschichte der revolutionären Bewegungen durch die Diktatur einzelner Personen sehr oft die Diktatur der revolutionären Klassen zum Ausdruck gebracht, getragen, vollstreckt wurde»,1)* war bereits die theoretische Basis des «Stalinismus» gegeben.  

Den eingestandenermaßen «bürgerlichen» Begriff der persönlichen Diktatur dehnte Lenin überdies auf den Bereich der maschinellen Großindustrie, das «Fundament des Sozialismus», aus. Konsequent forderte er dann zur Sicherung der Leitung der gesellschaftlichen Arbeit «die Unterordnung des Willens von Tausenden unter den eines einzigen».2)

Wladimir I. Lenin besaß zwar die Ehrlichkeit, sich bei diesem Ausspruch nicht auf die Autorität von Karl Marx zu berufen, aber er hütete sich, zu bekennen, daß er mit dieser Auffassung der proletarischen Diktatur die Marxsche Theorie von der unvermittelten Selbstbefreiung des Proletariats über den Haufen geworfen hatte. Damit sei allerdings nicht behauptet, daß Stalin und der Stalinismus nichts als Folgen des Leninschen Marx-Unverständnisses sind. Denn gerade Marx bietet den Schlüssel zum Verständnis sowohl von Lenins ideologischer Verkehrung der Marxschen Gesellschaftslehre als auch der von Stalin im Anschluß an die Leninsche Politik betriebenen Partei- und Staatsdiktatur.

* Die hochgestellten Ziffern verweisen auf die Anmerkungen S. 126 f.


Bedeutende Protagonisten großer gesellschaftlicher Umwälzungen sind nur von diesen her zu verstehen, und nicht umgekehrt. Am Beispiel Rußlands, der russischen Revolution, bewahrheitet sich diese Erkenntnis mit besonderer Prägnanz. Gewiß haben die Bolschewiki der gesellschaftlichen Entwicklung Rußlands eine bestimmte Richtung gegeben, so daß das gewaltige Reich sich noch heute in der von der Partei gewiesenen Bahn bewegt, einem historischen Trägheitsgesetz folgend, das die Menschen modifiziert, wo sie zu modifizieren glauben. Was Marx vom Menschen sagte, gilt nicht minder für Parteien: diese machen zwar ihre Geschichte, aber nur unter Bedingungen und Verhältnissen, die ihrem Wirken unüberschreitbare Grenzen setzen.

 

Damit haben wir auch das Prinzip einer «objektiven» Stalin-Biographie formuliert: Diktatoren können wohl die Geschichts­schreibung modifizieren, nicht aber die Geschichte selbst. Sie können die eigene Biographie diktieren und fälschen, vermögen jedoch nicht aufzuhören, das zu sein, was sie sind und sein müssen. Eines schönen oder unschönen Tages kommt die Welt auf den Schwindel, und es beginnt eine Bilderstürmerei. Diesem Schicksal ist auch der «Große» Stalin nicht entgangen.

Was auf diesen Seiten vorliegt, ist keine Kurzbiographie Stalins in didaktischer Absicht, sondern die Darstellung und Begründung einer These, die man wie folgt zusammenfassen kann: Stalin hat eine doppelte Fälschung begangen: an der eigenen Lebens­geschichte und an der Revolutionsgeschichte Rußlands.

Diese Fälschung ist ihm nur deshalb gelungen, weil vor ihr eine größere Fälschung begangen wurde. Der Fälscher Stalin war möglich, weil die russische Revolution unter falscher Flagge in die Annalen der Geschichte eingehen konnte. Im Sinne jener Theorie, auf die sich die bolschewistischen Berufs­revolutionäre beriefen, um ihr Machtstreben ideologisch zu verhüllen, war sie weder proletarisch noch sozialistisch.  

Marx hatte es abgelehnt, «Rezepte für die Garküche der Zukunft zu verschreiben»;3) weniger noch war er bereit, Politikern und Staatsmännern Verordnungen für Revolutions­macherei zu liefern. Für die «zahlreichste und ärmste Klasse» (Saint-Simon) schrieb und wirkte er, keineswegs für professionelle Politiker und Revolutionäre, wie edel und human deren Absichten jener Klasse gegenüber auch sein mögen.

Damit man jedoch aus seinem kritisch-wissenschaftlichen Werk keine moralische Verdammung der Kapitalisten und Grund­eigentümer herauslese, schrieb Marx folgende Worte im Vorwort des ersten Bandes des «Kapitals»: 

«Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformen als einen natur­geschicht­lichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, so sehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.» 4)

Indem wir an diese für den unvoreingenommenen Leser bestimmte Richtlinie erinnern, wollen wir die Grund­absicht dieser Kleinarbeit verraten.

8

 

   

Iossif 
(Josef) 
W. 
Dschugaschwili,
genannt Stalin, 
1934 

 

9

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