Themenseite

Sprachverhunzung

 

Das unschöne Ende

unserer schönen 

deutschen Sprache 

Audio 2007  Es ist Pfingstmontag

Audio 2008  Imbissdeutsch für Fortgeschrittene

Audio 2009  Falsche Sprache - falsche "Denke"

Audio 2010  Wenn alles sitzen bliebe

Sprachverhunzung.de

single-generation.de  woerterbuch_sozialpopulismus


detopia:  S.htm  Umweltbuch

C.Bergmann Sprache des MfS

Möller Sprache der NVA

Siewert Sprache der DDR 

V.Klemperer Sprache des Hitlerismus

Bernd.Hamm 

Bildzeitung 

Währung Aufmerksamkeit   

Die Sprache des Neoliberalismus 

 

 

Wie wir unsere Sprache kaputtmachen 

Ein aufhaltbarer Niedergang (2008)

Von Paul-Hermann Gruner, 12.09.2008  

dradio.de - politisches feuilleton    

Paul-Hermann Gruner, geboren 1959, ist Politikwissenschaftler und Historiker. Seit Beginn der Achtzigerjahre tätig als bildender Künstler mit den Schwerpunkten Montage, Installation und Performance. Seit 1996 in der Redaktion des "Darmstaedter Echo", daneben Veröffentlichungen in regionalen und überregionalen Zeitungen, satirische Texte, Buchpublikationen unter anderem zu Sprachpolitik und Zeitgeistkritik.

 

 

Das Deutsche mit rund einhundert Millionen Muttersprachlern in Europa ist bedroht, nein: wird verkorkst durch eine sonderbare Form von Globalisierung. 

Die ältere Garde der Germanisten ist erfüllt von der dazu passenden "liberalen" Geisteshaltung; sie nimmt das sogenannte Denglisch - wegen dessen Verheerungen ja der "Tag der deutschen Sprache" ins Rollen kam - wenig ernst und säuselt vom "großen Magen", den das Deutsche doch habe.

Diese Haltung kann man nur als Versuch werten, Selbstvergessenheit zu einer Tugend zu erklären. 

Die aggressive Invasion unnötiger - Betonung: unnötiger - englischer Termini ins Deutsche zählt zur Unkultur der mit Achselzucken verfolgten Verwahrlosung einer Sprache. 

Diese ist aber kein Werkzeug wie Messer und Gabel, sondern der zentrale deutsche Kultur-Ausdruck.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war hierzulande die Bahn endgültig frei für die pauschale Aufnahme von fast allem, was aus Westen kam. Da im Osten eines der hässlichsten Weltbeherrschungsregime der Historie sein pralles Unwesen trieb, war dies nicht verwunderlich. 

Essen, Trinken, Musik und Sprache - alles, was nach 1945 vor allem aus den Vereinigten Staaten von Amerika kam, war neu, war attraktiv. Care-Paket, Kaugummi, Coca-Cola - alles gut. Glenn Miller, Bill Haley, Elvis Presley - alle toll.

Zusätzlich verlängerten die Alliierten ihren Sieg gegen NS-Deutschland auf Zelluloid. Und so bellte die deutsche Sprache durch eine Armada von Spielfilmen, vorwiegend als Maul-Kanonade einer Kreatur in SS-Uniform. Widerwärtig und unmenschlich. Leider ging auf diese Weise ein großer Teil des Ekels - bei Siegern wie Besiegten - auf die gesprochene Sprache über, weg vom Ungeist der sie Sprechenden.

Heute betreiben Deutsche eine sprachlich-geistige Selbst-Kolonisierung ersten Ranges. 

Ersetzung des Deutschen heißt die Gefahr, keineswegs Ergänzung des Deutschen. Und ersetzt wird in einem Tempo, das geradezu besoffen macht. Das öffentliche Deutsch - zeitverzögert folgend das private - leidet unter Bulimie. Es frisst und frisst englische Brocken und Bröckelchen pausenlos in sich hinein, übergibt sich ebenso permanent und schaut hernach bedenklich abgemagert aus der Wäsche. Unser Sprachkleidchen umflattert einen ausgehungerten Leib. Vor allem das Deutsch der Medien, der Werbung, der organisierten Jugendsprache, der Wirtschaft, des Einzelhandels.

Wichtig wäre nun zu erkennen, was man sich antut. Dazu müsste man Schmerz aber spüren. Bei Journalisten, bei Unternehmern, Politikern, Künstlern, allen beruflichen Sprachnutzern. Leider ist ein Wertebewusstsein gegenüber dem Eigenen - und damit Identitätsstärke - bei den zitierten Gruppen kaum noch im Kontor.

Denglisch mache nur ein Prozent des deutschen Wortschatzes aus, trösten manche Germanisten. So zählen hauptamtliche Verharmloser. Wer's glaubt, wird nicht selig. Begrüßt wird stattdessen jedes frisch einverleibte Wort - etwa "Fashion-Week" statt Mode-Woche oder "Factory-Outlet" statt Fabrikverkauf - wie ein verlorener Sohn. 

Diese Art von Multi-Kulti-Gedöns kommt einem vor wie zu spät nachgeholter Widerstand gegen den Nationalsozialismus, vollzogen obendrein am falschen Objekt.

Worte wandern nicht ein, sie werden "eingepresst". Sie stehen im Kontext einer kalten Effizienzrechnung, die Vereinheitlichung auf Kosten der Vielfalt erzwingt. 

Deshalb sind auch alle Verweise auf frühere Wortwanderungen ins Deutsche hinfällig. Es geht nicht um Wortwanderung, es geht um den sprach- und technikhistorisch bis dato einmaligen Anpassungs­druck hin zur globalen Uniformität, der für alle Regional- und Kleinsprachen eine klare Existenzgefährdung darstellt.

#

 


 

Wo. Ist. Die. GottVerdammte. Sprach Polizei?

Von Patrick Spät am 26.01.2015 

heise   Wo-Ist-Die-GottVerdammte-Sprach-Polizei 

 

Es nervt, wie Werbung und PR die Sprache verhunzen Ich bin kein Sprachfetischist. Es ist mir schnuppe, wenn der Bäcker um die Ecke die Substantivierung eines Verbs verhuddelt und auf sein Schild pinselt: "Kaffee zum mitnehmen." 

Es ist mir auch schnuppe, wenn mittlerweile jeder zweite Tagesschausprecher den Genitiv zum Teufel schickt und den Zuschauern mitteilt: "Wegen dem Sturm fielen zehn Züge aus." Der Genitiv klingt sowieso hölzern. Und ich will auch nicht, dass man "Klapprechner" oder "Rollbretter" sagt, wenn "Laptops" oder "Skateboards" gemeint sind. Etablierte Anglizismen sind okay.

Falsche Anglizismen jedoch sind nervtötend: Wenn jemand zum "Public Viewing" geht, denke ich zuerst an tote Körper statt lebendige Fußballer - meint der englische Begriff doch die öffentliche Leichenschau. Die Deutsche Bahn schießt bekanntlich den Vogel ab mit ihrem "Service Point". Die gute alte "Information" würde man nicht nur im Deutschen, sondern auch im Englischen und vielen anderen europäischen Sprachen verstehen. Apropos Deutsche Bahn: Wer zum Kuckuck hat sich eigentlich die Schreibweise der "BahnCard" ausgeheckt? Die sogenannte Binnenmajuskel ist ein ungesühntes Verbrechen der Werber und PR-Macher. 

Wenn ich im Supermarkt einkaufen gehe, weiß ich nicht, was mein Hirn mehr zermatscht: die Weichspüler-Radiomusik aus den Lautsprechern oder die Sprachungetümer auf den Verpackungen. Es sind dann wohl doch die Produktnamen, genauer: deren Schreibweise. Da ist einmal besagte Binnenmajuskel, zum Beispiel beim "OlivenÖl" oder beim "SpezialSenf". Irgendwann im 18. Jahrhundert tauchte die Binnenmajuskel gelegentlich auf, etwa beim "BürgerMeister", aber diese Schreibweise war glücklicherweise schon bald völlig passé. Wer sie reanimiert hat, möge in der Hölle schmoren. Ebenso grausig ist das sogenannte Leerzeichen in Komposita, bekannter unter dem Schlagwort Deppenleerzeichen. Warum, liebe Sprachpolizei, ermittelst du nicht gegen das "Kartoffel Püree"? Warum dürfen Hersteller ihre Produkte straffrei als "Mate Tee" oder "Tafel Salz" bewerben?

Klar, die Werbefuzzis gieren nur nach einem: Aufmerksamkeit. Wenn man dann Schnappatmung bekommt, weil sie einmal mehr die Sprache verhunzt haben, ist ihr Ziel erreicht: Aufmerksamkeit. Aber der PR-Mist nervt gewaltig. Und: Viele bekommen eben keine Schnappatmung, sondern übernehmen diese Schreibweisen, weil sie glauben, diese Verhunzungen seien korrekt. Und so haben wir den Sprachsalat, wenn wir bei Tankstellen von Angeboten lesen wie "Bremsen Dienst" oder "Wasch Anlage". Das Sahnehäubchen sind die nunmehr modischen Ein-Wort-Sätze. "Quadratisch. Praktisch. Gut." war ja noch ganz nett, aber wenn ganze Sätze zerhackt werden, nervt’s. 

Ein Paradebeispiel für solche Ein-Wort-Sätze ist der Slogan: "Wir. Dienen. Deutschland." Richtet sich die Werbung der Bundeswehr an Schimpansen? Vermutlich. Die Sprache gehört niemandem. Zum Glück. Wir können mit ihr schreiben, mit ihr reden und mit ihr spielen. Wie es uns gefällt. Doch manchmal wünsche ich mir doch eine Sprachpolizei, die den Werbefuzzis auf die Finger haut. 

Denn egal, ob Binnenmajuskel, Deppenleerzeichen oder Ein-Wort-Sätze: Solche Sprachkonstruktionen sind so elegant wie ein pinker Trainingsanzug auf einer Beerdigung. 

#

 

^^^^

www.detopia.de    (Ordner