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Interview 1975 mit dem Magazin Stern

Im Oktober 1975 sprach Gordon Taylor in Hamburg mit dem Stern-Redakteur Rüdiger Proske. 

 

 

 

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Proske: 
Mister Taylor, schon in Ihrem Buch <Selbstmordprogramm> (1970) war für Sie der Weg bis zum Unter­gang der Mensch­heit nicht weit. Dieser Weg scheint für Sie inzwischen eher noch kürzer geworden zu sein. Bezog sich jenes Buch noch beinahe ausschließlich auf die wachsende Belastung unserer Umwelt und die daraus für uns entstehende Bedrohung, so schließen Sie in dem vorliegenden Buch nun auch die gesellschaftlichen Entwicklungen in Ihre Betrachtung ein. Und siehe da: Auch sie gelingt Ihnen, wie mir scheint, zu einer so gut wie aussichtslosen Sackgasse in das Verderben. -- Mister Taylor, sind Sie inzwischen vielleicht das Opfer einer Stimmung geworden, die wir in Deutschland <Die Lust am Untergang> nennen?

Taylor: Oh nein, ich halte mich für einen Realisten, nicht für einen Optimisten oder Pessimisten. Mir geht es darum, zu beobachten, wie die Gesellschaft sich verändert. Vor Jahren schrieb ich ein Buch über Sex in der Geschichte, das unter dem schlimmen Titel <Im Garten der Lüste> ins Deutsche übersetzt wurde. Man hätte es besser <Die Psychologie der Geschichte> nennen sollen. Jedenfalls wollte ich darin zeigen, wie die verschieden­artigen Methoden, Kinder aufzuziehen, die Entwicklung von Gesellschaften beeinflussen. Ich habe mich immer für den Nexus zwischen psychologischen und gesellschaftlichen Phänomenen interessiert.

Nachdem ich dieses Problem durchdacht hatte, schrieb ich ein Buch über die unterschiedlichen gesellschaftlichen Voraus­setzungen im achtzehnten Jahrhundert, das durch große moralische Freizügigkeit gekennzeichnet war, als im eher puritanischen neunzehnten Jahrhundert. Wie war es möglich, daß sich binnen zweier Generationen die gesamte gesellschaftliche Szene total veränderte?

Von dieser Arbeit her begann ich schließlich die Zukunft ins Auge zu fassen und beschäftigte mich zunächst mit der Biologie. Ich wollte wissen, wie sie unsere Welt veränderte. Dann stieß ich auf das Problem der Umweltbelastung, und auf einer Konferenz in den USA wurde ich mit den Fragen der Übervölkerung vertraut gemacht. Ich war von den neuen Herausforderungen fasziniert, und so entstand das Buch «Das Selbstmordprogramm».

Auch meine Töchter — ich habe zwei, die eine zweiundzwanzig, die andere fünfundzwanzig Jahre alt — hatten es gelesen und begannen mich zu fragen, was die denn nun machen sollten. Ob sie vielleicht nach Australien auswandern sollten? Die Frage nach der Zukunft, sagen wir in den nächsten zwanzig Jahren, wurde auch für mich immer dringender. Ich begann wieder zu schreiben, und dabei entdeckte ich neben der Bevölkerungsexplosion und der Umweltfrage ein drittes Problem: das Problem des gesell­schaftlichen Zusammenhalts oder, besser, des fortschreitenden Verlusts dieser Voraussetzung allen menschlichen Lebens. Was würde uns schon Kernenergie im Jahr zweitausend nützen, wenn Anarchisten die Reaktoren in die Luft jagten? Was war ein Flugzeug schon wert, wenn es von Luftpiraten entführt wurde? Die Frage, ob unsere Gesellschaft in der Zukunft überhaupt noch würde funktionieren können, wurde das Thema, das mich immer mehr beschäftigte. Ihm ist mein neues Buch gewidmet.

Proske: Wenn Sie sich als Realisten bezeichnen — sind dann Ihre Aussagen nicht doch zu pessimistisch?

Taylor: Bedeutet Pessimismus nicht, daß man meint, alles sei schlimmer, als es ist oder als man erwartet und alles werde noch schlimmer werden? Wenn unter Pessimismus die übertriebene Tendenz verstanden wird, alles schwarzzusehen, bin ich sicher kein Pessimist. Ich sehe durchaus nicht alles schwarz. Etwas anderes ist es, ernsthafte Schwierigkeiten vorauszusehen, und ich meine, eben das sei konstruktiv. Wer die Gefahren der Zukunft ins Auge faßt, kann sie vermeiden.

ProskeIm Vorwort zu diesem Buch schreiben Sie, die moderne technologische Gesellschaft könne ohne einen hohen Grad von gesellschaft­lichem Zusammen­gehörigkeits­gefühl nicht funktionieren, und dieser Zusammenhang sei in Großbritannien heute mehr gelockert als irgend anderswo. Vielleicht werde deshalb gerade das Land, das als erstes Demokratie wagte, sich als erstes industrialisierte, als erstes Arbeiter­gewerkschaften entstehen ließ, auch das erste sein, das nun zugrunde gehe.

Mister Taylor, vieles in Ihrem Buch hängt mit solchen speziell britischen Erwartungen zusammen. England ist in der Tat zur Zeit in einer Verfassung, die Bedauern auslöst. Aber diese Verfassung rührt nicht zuletzt daher, daß das Land die Weiterentwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, wie sie sich auf dem Kontinent vollzog, nicht mitmachte.

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Vielleicht wird hier in dramatischer Weise der Nachteil gewonnener Kriege sichtbar. Aus zwei Weltkriegen ging Großbritannien als Sieger hervor. Aber diese Kriege haben die Struktur der britischen Gesellschaft nur verfestigt; sie haben dem Land zwar schmerzliche Umwälzungen erspart, aber gesellschaftlichen Fortschritt zugleich verhindert. Bei aller relativen Egalisierung der Einkommen ist England wie kaum ein anderes westliches Land auf der Welt bewußtseinsmäßig ein Klassenstaat geblieben. Indessen: Der Westen ist mehr als die Britischen Inseln. Ist Ihr Buch nicht vielleicht allzu einseitig aus dem Blickwinkel eines Engländers geschrieben?

TaylorSicher sehe ich die Dinge aus einem britischen Gesichtswinkel. Ich lebe schließlich in England, lese britische Zeitungen, Englisch ist meine Muttersprache. Und so gibt es wohl eine Tendenz zur Einseitigkeit, obwohl ich ihr zu widerstehen suche. Aber die Probleme, die mir besonders am Herzen liegen: die aufkommende antigesellschaftliche Haltung, das Ansteigen der Kriminalität, die Zunahme der Gewalttätigkeit — das gibt es im Westen überall. Mindestens in Amerika sind diese Phänomene mit gesellschaftlichen Prozessen verbunden. Die Art der Kindererziehung, der Mangel an Disziplin im Elternhaus, die Abwesenheit des Vaters, die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen — das alles sind Entwicklungen, die es überall im Westen und vielleicht heute überall auf der Welt gibt. Und Amerika führt diesen Reigen an; hier ist das Familiensystem schon tiefer zerstört und die Kriminalität deshalb größer. Am besten hat sich die Familie noch in Frankreich gehalten. Die Verhältnisse in England und Deutschland erscheinen mir in etwa gleich.

ProskeWas die Familie angeht, so mögen Sie recht haben, was die Gewerkschaften betrifft, sicher nicht. Im Gegensatz zu den Gewerkschaften aller anderen westeuropäischen Länder, selbst jener, in denen es starke kommunistische Gewerkschaften gibt, maßen sich die britischen Gewerkschaften eine Rolle an, die eine vernünftige wirtschaftliche Entwicklung einfach nicht mehr zuläßt. Sehen Sie aus diesen Erfahrungen die Zukunft nicht schwärzer, als sie ist?

TaylorNun, ich verbrachte letztes Jahr eine lange Zeit in Frankreich und war auch verschiedene Male in Italien. Ich hatte nicht den Eindruck, daß die Lage dort besonders stabil sei. Die modernen Gesellschaften sind so eng miteinander verbunden, daß jeder wirtschaftliche oder technische Zusammenbruch sie alle unmittelbar berührt. Aber vielleicht sollte ich etwas hinzufügen. Was heißt hier eigentlich Zusammenbruch? Ein Land bricht nie zusammen. Was geschieht, ist ein Wechsel seiner Herrschaftsformen. Diese können sich zu einer faschistischen Diktatur wandeln oder zu einem kommunistischen Regime. Und sobald das geschehen ist, wird alles anders.

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ProskeWenn Sie von der Weltbevölkerung oder der Umweltbelastung sprechen, so machen Sie hier und da wohl darauf aufmerksam, daß andere auch anderer Meinung sind, aber ihre Ansichten werden schnell vom Tisch gewischt, und so bleibt dann die Version des Jüngsten Gerichts in all ihrem dunklen Glanz unberührt erhalten. Dabei fehlen uns für eine hinreichende Beurteilung der weltweiten Bevölkerungs­tendenzen, der verschiedenartigsten Umweltentwicklungen oder der Klimaveränderungen vorläufig hinreichende Unterlagen. Unsere Beobachtungsdaten reichen nicht weit genug zurück, um schon die Zukunft voraussagen zu können. Mister Taylor, warum erwähnen Sie in Ihrem Buch nicht die Möglichkeit, daß das Wachstum der Weltbevölkerung schließlich einen Sättigungsgrad erreichen und damit zu einem Ende kommen könnte?

TaylorNun, einfach deshalb, weil das nicht das Thema meines Buchs war. Ich wollte nur etwa zwanzig Jahre in die Zukunft blicken, und was ich sehe und gesagt habe, ist, daß in zwanzig Jahren mehr Menschen in Städten leben werden, daß infolgedessen mehr Familien von der Auflösung bedroht sein werden und die Gewalttätigkeit um sich greifen wird. Sehen Sie sich doch nur an, wie die Städte in Südamerika, in Asien, in Afrika wachsen! Dieses überbordende Wachstum bedeutet mehr Verbrechen, mehr Krankheit, mehr Psychosen, mehr Probleme und mehr Menschen, die Bomben werfen wollen, um diese Probleme zu lösen.

ProskeJa, aber wird die Entwicklung immer so weitergehen? Unsere Bevölkerung zum Beispiel wächst nicht mehr, und unsere Städte entleeren sich; die Menschen ziehen in die Vororte, aufs Land.

TaylorDas sehe ich etwas anders. Aus eigener Erfahrung — ich bin Mitglied eines Komitees für Landschaftsschutz — weiß ich, wer sich alles um Land bemüht: die Armee, die Bauern, die Touristen, die Industriellen. Manche Landschaften in England dienen sechs Verwendungszwecken zur gleichen Zeit. Der Auszug aus den Städten verstärkt den Druck nur noch, und es besteht die Gefahr, daß das «Land», wie Sie es im Deutschen nennen, eine Art Museum unter strengster Kontrolle wird. Wir können zum Beispiel auf dem Land ohne Erlaubnis schon kein Haus mehr bauen, kein Rohr mehr verlegen. Eine solche Kontrolle ist notwendig, damit nicht alles durcheinandergeht. Und was die reine Zahl betrifft, denke ich hier analog zum Gas, in dem der Druck von der Anzahl der Moleküle und von der Energie bestimmt wird.

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Es kommt nicht nur auf die Anzahl der Menschen an, sondern auch auf deren Verfügung über Energie. Menschen können heute eher als früher Dinge zerstören. Zum Fällen von Bäumen nehmen sie eben Motorsägen, und sie verletzen oder töten Menschen mit ihren Autos. Der Bevölkerungsdruck steigt so gesehen stetig an, auch wenn die Bevölkerung selbst stagniert. Vor hundert Jahren traf man vielleicht am Tag zehn Menschen; geht man heute durch eine große Stadt, mögen es Zehntausende sein, und so nimmt die Wahrscheinlichkeit, mit jemandem zusammenzustoßen, ständig zu. Wenn früher ein Bauer, der sein Feld pflügte, verrückt spielte, so schadete das niemandem. Wenn der Fahrer eines Autos heute verrückt spielt, können fünfzig Menschen in einem Omnibus sein Opfer sein, und wenn ein Pilot durchdreht, gar zweihundert­fünfzig oder noch mehr Flugzeuginsassen. Nein, wir können es nicht zulassen, daß die Bevölkerung weiter wächst. Ihre Anzahl muß sinken, damit der gesellschaftliche Druck nicht weiter steigt.

Proske:  Was die Umweltbelastung angeht, gibt es diesen «Weg zurück» offenbar schon. Die düsteren Warnungen von vor zwei, drei oder vier Jahren haben bereits einen gewissen Erfolg gehabt: In der Themse schwimmen schon wieder Lachse, und in unserem Bodensee kann man wieder baden. Waren die Voraussagen von früher, sind Ihre Voraussagen in diesem Buch deshalb nicht eher übertrieben?

TaylorIch meine: nein. Es geht hier um das Tempo der gesellschaftlichen Rückkopplung. Die Menschen suchen und finden natürlich Antworten auf die Herausforderungen. Die Frage ist nur, ob sie diese Antworten schnell genug finden. Deshalb mag es notwendig sein, die Herausforderung deutlicher darzustellen, und bisher kann ich nicht sehen, daß die Menschheit sich der Herausforderung des sinkenden gesellschaftlichen Zusammenhalts stellt. Wenn in einer Rakete, die zum Mond fliegt, etwas nicht funktioniert, dann werden die Verantwortlichen zitiert; sie müssen einen genauen Erfahrungsbericht schreiben, und man sorgt dafür, daß das Bauteil nicht noch einmal versagen kann. Aber bei einem gesellschaftlichen Zusammenbruch fragt niemand nach dem Hintergrund, nach den Details, den verborgenen Gründen. Wenn ein junger Mann drei Menschen tötet, dann müssen wir herausfinden, warum er das getan hat. Wir finden die Tat schrecklich, meinen, der Junge sei vielleicht ein bißchen verrückt — und vergessen ihn. Wir stecken ihn ins Gefängnis, wo er andere Kriminelle trifft und krimineller wird, als er je war. Unsere Antwort auf anti-gesellschaftliche Haltungen erscheint mir gänzlich ungenügend.

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Proske:  Es gibt natürlich Gesellschaftsformen, die zumindest einige der gesellschaftlichen Probleme, um die Sie sich sorgen, gelöst haben. Faschistische und kommunistische Systeme können offensichtlich manches erzwingen, was wir Demokraten bestenfalls heilen können: Gewalt gegen Therapie. Und so scheint mir vieles, was Sie als drohende Zeichen des Verfalls in unserer Welt ansehen, auf Grundprobleme zurückzugehen, die unsere Philosophen schon seit Jahrhunderten beschäftigen. Im Grunde geht es um das uralte, der Quadratur des Kreises gleichende philosophische Problem, wie bürgerliche Freiheit, also individuelle Freiheit, die vom Eigentum nicht zu trennen ist, und Gleichheit miteinander verträglich gemacht werden könnten. Solange das bürgerliche Bewußtsein die Familienstrukturen wirksam schützte, religiöse Ethik Maßstäbe setzte und eine hinreichende Übereinkunft über gesellschaftliche Prioritäten vorhanden war, konnte zwischen Freiheit und Gleichheit ein Kompromiß gefunden werden. Mit der Heraufkunft der marxistischen Gegenwelt hat sich das geändert. Nichts ist mehr unbestritten, aber die meisten unter uns halten sich weder an das Normenpaket der einen noch an das der anderen, sondern an gar keines mehr.

Taylor:  Das ist ein interessanter Gedanke. Lassen Sie mich zunächst über die Gleichheit nachdenken. Was bedeutet Gleichheit in der Gesellschaft? Ist Gleichheit überhaupt möglich? In der Wirklichkeit haben Menschen verschiedene Fähigkeiten, verschiedene Wünsche. Gleichheit wird allzuoft mit Identität verwechselt. Warum hat der ein Boot und ich nicht? Aber genaugenommen ist jener, der so denkt, für sein Geld nach Mallorca in die Ferien gefahren, und deshalb hat er kein Boot. In England erregt es Unmut, jemanden Wein trinken zu sehen; man betrachtet das als bourgeoise Völlerei. Aber andere geben ihr Geld eben für Schnaps aus. 

In England sind wir heute auf dem Weg, Identität mit Gleichheit zu verwechseln. Binnen kurzem wird niemand mehr ein privates Krankenzimmer in einem Hospital haben dürfen. Jeder soll in dem gleichen kleinen Haus wohnen. Niemand soll anders sein als der andere, und wenn einer anders ist, gerät er unter Kritik. Wir sind mit dem Begriff der Gleichheit bisher offensichtlich noch nicht fertig geworden. Nehmen wir nur die Einkommensgleichheit. Wollten wir sie verwirklichen, müßten zuallererst die Gehälter der höheren Gewerkschaftschargen gekürzt werden. In der Öffentlichkeit werden aber nur die Einkommen der Industriellen kritisiert. 

Der Einkommensunterschied in England zwischen den Höchstbezahlten und den Ärmsten steht im Verhältnis eins zu acht. Das ist ein weit geringerer Spielraum als zum Beispiel in der Sowjetunion. Und doch gibt es in England Klassen. Wir sind das am meisten klassenbewußte Land des Westens, und die Frage unserer Klassenstruktur wird bei uns hitziger diskutiert als irgendwo anders — und dies zu einem Zeitpunkt, da es sie in Wahrheit eigentlich nicht mehr gibt.

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Das gehört zu den Ironien der Geschichte. Man regt sich wohl immer dann besonders über etwas auf, wenn es historisch gerade vergeht. Die Forderung nach Gleichheit ist absolut unrealistisch, weil sie etwas Unmögliches fordert. Wenn das bürgerliche System sie nur in Annäherung akzeptiert, so nicht deshalb, weil sie auf einem unfairen System beruht, sondern deshalb, weil bisher niemand zu definieren wußte, was die auf Gleichheit gestellte klassenlose Gesellschaft in der Wirklichkeit ist.

Proske:  Die bürgerliche Freiheit war bisher eingebettet in eine Vielzahl von Normen und Ordnungs­vorstellungen, die unsere Gesellschaft ausmachten. Sie reichten von der Religion, von der Übereinkunft, was wissenschaftlicher Fortschritt sei, über eine bestimmte Familienordnung bis hin zu demokratischen, auf Toleranz und Pluralität gegründeten Verfassungen. Diese Normen und Ordnungsvorstellungen verlieren zusehends an Prägekraft, und so findet sich unsere individuelle Freiheit plötzlich nicht mehr sinnvoll eingebunden in ein Netz wirksamer gesellschaftlicher Beziehung, sondern entdeckt sich als eine Art freischwebende Voraussetzung für alles oder nichts.

Freiheit und Ordnung hängen aber offenbar viel enger miteinander zusammen, als viele meinen. Chaos ist die Frucht unbegrenzter Freiheit. Ordnung gründete sich auf unser bürgerliches Bewußtsein. Sind deshalb die Phänomene der Unordnung, die Sie, Mister Taylor, beschreiben, nicht in Wahrheit Krisenzeichen unserer traditionellen geistigen Verfassung?

Taylor:  Ich bin nicht bereit, zuzugeben, daß man Wertmaßstäbe frei wählen kann. Es gibt absolute Werte. Es gibt keine Alternativen zu Ehrlichkeit und Unehrlichkeit. Es gibt Werte, die weit über die bürgerliche Verfassung hinausreichen, und ich meine, daß eine Gesellschaft, die diese Regeln ablehnt, zum Tode verurteilt ist. Gesellschaft bedeutet Einhaltung bestimmter Regeln durch alle. Das überhaupt ist erst Gesellschaft.

Es gibt heute Menschen, die unser System zurückweisen oder sich von ihm zurückgestoßen fühlen. Sie leben dann nach eigenen Regeln, so wie die Rote-Armee-Fraktion, und allein schon die Tatsache, daß es Regeln gibt, ist ihnen Grund genug, sie zu brechen. Das ist eine wahrhaft gefährliche Haltung, Eine Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn sich die Mehrheit zu gemeinsamen Wertmaßstäben bekennt.

Proske:  Das ist sicher richtig. Aber das Problem der Wertmaßstäbe bleibt. Sie sagen: Ehrlichkeit und Unehrlichkeit sind absolute Begriffe. Marxisten würden das bestreiten; sie könnten sagen, die «Ehrlichkeit» von Kapitalisten diene nur der Stabilisierung eines Systems, das die Benachteiligten unterdrückt. Wir kommen, glaube ich, nicht daran vorbei, daß ein zentrales Problem der gesellschaftlichen Unruhe unserer Zeit in der Aufsplitterung unserer Wertmaßstäbe zu suchen ist.

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Taylor:  Vielleicht sollte ich als nächstes ein ganz anderes Buch schreiben. Ein ganz und gar politisches Buch. Man müßte versuchen, eine unabhängige Position zwischen Marx und Anti-Marx, zwischen marxistischem und bürgerlichem Bewußtsein zu beschreiben und so einen neuen Standort zu finden. Eine interessante Aufgabe mit dem sicheren Erfolg, von beiden Seiten gehaßt zu werden. Aber mit dem Buch, das hier vorliegt, habe ich das nicht gewollt. Die Aufgabe wäre mir im Augenblick noch zu umfassend gewesen. Mein Ziel war bescheidener: Ich wollte nur zu beschreiben versuchen, wie wir die nächsten zwanzig Jahre überleben könnten. Und wenn Sie sagen, daß insoweit dieses Buch einen Mangel aufweist, so kann ich Ihnen nicht widersprechen. Andererseits muß man — das wissen Sie genausogut wie ich — seinen Zielen Grenzen setzen.

Proske:  Was mir interessant zu sein scheint, ist, daß überall im Westen Gedanken, wie wir sie hier diskutieren, nachdenkliche Beobachter bewegen. So hat Daniel Moynahan, zur Zeit Botschafter der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, in einer amerikanischen Zeitschrift gerade den pessimistischen Gedanken geäußert, die liberale pluralistische Demokratie in unserem Jahrhundert sei, ähnlich wie die Monarchie einige Jahrhunderte zuvor, eine zum Aussterben verurteilte Form des organisierten menschlichen Zusammenlebens. Würden Sie Moynahan folgen wollen?

Taylor:  Sicher nicht. Aber Unordnung motiviert Menschen, nach einer stärkeren Führung zu verlangen. Und da ich wachsende Unordnung vorhersehe, muß ich auch mit immer wieder einander ablösenden stärkeren Führern rechnen. Plato hatte recht, wenn er sagte, Demokratie gehe in Anarchie über und Anarchie in Monarchie. Nun, vielleicht nicht gerade Monarchie, aber wir sollten sehr wachsam sein, daß wir nicht in einer Diktatur enden, wenn wir Auflösungsprozesse nicht rechtzeitig unterbinden.

Ich bin im übrigen nicht der Meinung, daß ein bestimmtes Gesellschaftssystem einer bestimmten Zeit zugeordnet werden müsse. Ich wüßte nicht, was das bedeuten sollte. Es gibt Menschen, die nach bestimmten Mustern aufeinander reagieren und so bestimmte politische Systeme schaffen. Solche Prozesse vollziehen sich mit Hilfe von Rückkopplungen. Was uns vom Römischen Reich vor zweitausend Jahren unterscheidet, ist, daß wir über ein wesentlich größeres Informationssystem verfügen, über mehr gebildete Menschen, einen entschieden leistungsfähigeren Kommunikationsapparat und über bessere Voraussetzungen, Probleme zu durchschauen. Aber vielleicht nutzen wir alle diese Möglichkeiten noch nicht genug. Mit dem Buch, das ich hier geschrieben habe, versuche ich, diese Rückkopplungssysteme zu beschleunigen; in dieser Beschleunigung läge eine Lösung.

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Proske:  Von hier aus gäbe es auch einen neuen Blick auf die pluralistische Demokratie. Denn eines ist sicher: Weder in der Monarchie noch in den Diktaturen faschistischer oder kommunistischer Spielart funktionieren die Rückkopplungssysteme auch nur annähernd so gut wie in der Demokratie. Aber lassen Sie mich zu der Fähigkeit der Menschen zurückkommen, auf eine Herausforderung angemessen zu antworten. Halten Sie diese Fähigkeit für so groß, daß es sich lohnt, sie durch ein Buch wie dieses hier anzuregen?

Taylor:  Wenn ich in eine neue Stadt komme, dann besorge ich mir zuerst eine Karte. Ich möchte wissen, wo ich bin. Ich wollte seit je wissen, wo ich bin. Ich hatte eine sehr gestörte Kindheit. Ich wurde durch ganz Europa geschleppt, und auch psychologisch war meine Kindheit gestört. Ich wußte nie, wo ich war. Meine Mutter war eine Trinkerin, mein Vater verließ sie. Ich hatte kein Heim. Ich wurde zu anderen Familien gegeben, einer nach der anderen. Deshalb ist es für mich so wichtig zu wissen, wo ich bin. Ich will wissen, wo wir sind, vor welchen Problemen wir stehen.

Mein Buch sollte ursprünglich den Titel haben: «Ein skeptischer Blick in die Zukunft», und es sollte eine Kritik der Science-Fiction-Literatur werden. Ich wollte wissen, wo im Vergleich zu den Prophezeiungen der Literaten wir wirklich stehen. Und dann wurde für mich das Problem des sozialen Zusammenhalts zum überwältigenden Problem, und ich begann, mich von außen in das Thema einzuarbeiten. «Außen» — das waren die Wirkungen, die von gestörten Familien ausgehen, und die Erkenntnis, daß der Jugend von heute kaum annehmbare gesellschaftliche Rollen angeboten werden, so daß sich die Jugendlichen irgendwann in Gruppen oder Banden zusammentun, um zu stehlen oder Bomben zu werfen, nur um sich in einer undurch­schaubar gewordenen Gesellschaft zurechtzufinden.

Wir beschäftigen uns nicht mit den eigentlichen Krankheiten der Gesellschaft, sondern setzen uns vor den Fernsehapparat und werden durch die Bilder, die wir sehen, nur darin bestärkt, unrealistische Erwartungen zu pflegen. Wenn Demokratie nur als ein System verstanden wird, das Stimmen zählt, so ist sie meines Erachtens mißverstanden. 

Für mich ist Demokratie das Regierungssystem, das am ehesten Minderheiten eine faire Chance bietet. Viele Leute meinen, die Demokratie tue einfach, was die meisten Leute sagen. Aber das genügt nicht. Wir müssen Menschen dazu erziehen, den Mechanismus der Gesellschaft zu verstehen. Ich glaube nach wie vor, daß es absolute Wertmaßstäbe gibt, aber nicht die totale Freiheit.

Die Freiheit ist eingeschränkt. Man darf seinen Nachbarn nicht ermorden. Wir brauchen den Kompromiß zwischen Freiheit und Gleichheit; das heißt: Wir werden den Verlust eines Stücks Freiheit und eines Stücks Gleichheit hinnehmen müssen. 

In England wurde die «wissenschaftliche Feststellung», daß die Hälfte unserer Bevölkerung einen Intelligenzquotienten unter dem Durchschnitts­wert hundert hat, von klassenbewußten Vertretern der Linken als «Skandal» gebrandmarkt, und man erzählt sich von dem Gewerkschafts­führer, der da gesagt habe; er werde nicht ruhen und rasten, bis jedermann mehr als der Durchschnitt verdiene ...

So also nicht. Aber mehr Beachtung der Familie, mehr Hilfe, wirtschaftlich und psychologisch, bessere Rollenangebote für die Jugendlichen, systematische Diskussion und Interpretation der Werte, auf die unsere Gesellschaften sich gründen. Denken Sie an die Wirkungen, welche die Diskussion über den Umweltschutz gehabt hat! Einmal in aller Munde, wurde die Herausforderung zum Denkanstoß für viele. Die praktischen Ergebnisse waren eindrucksvoll. Warum sollten wir nicht auch der Belastung unserer Ideale so begegnen können?

Proske: Also Evolution statt Revolution?

Taylor: Für mich, der ich mich ja auch viel mit Biologie beschäftigt habe, ist es das natürlichere System. Revolutionen sind kostspielig; man zerstört zuviel und tötet zu viele Menschen. Mit der Evolution kommt man schneller zum Ziel. Ich glaube, daß wir für Revolutionen gar keine Zeit mehr haben. Sehen Sie sich nur an, wie lange sich Rußland schon darum bemüht, die Folgen seiner Revolution zu überwinden! Nein, es geht um einen Kompromiß, in dem für die bürgerliche Welt die Kombination von Freiheit und Gleichheit einen ebenso hohen gesellschaftsordnenden Wert erhalten muß wie in den kommunistischen Staaten die Gleichheit allein.

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Gordon Rattray Taylor   Zukunftsbewältigung   How to Avoid the Future   Wie diese Zukunft zu vermeiden ist