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Auf dem Meere

 

  

Abreise aus Norwegen 

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28. Dezember 1936. Diese Zeilen werden an Bord des norwegischen Petroleumdampfers <Ruth> geschrieben, der von Oslo aus sich in einen der mexikanischen Häfen begibt, in welchen, ist noch unbekannt. Gestern sind wir an den Azoren-Inseln vorbeigefahren. Die ersten Tage war die See bewegt, es war schwierig, zu schreiben. Ich las gierig Bücher über Mexiko: unser Planet ist so klein, und doch kennen wir ihn so wenig! 

Nachdem die »Ruth« die Meerengen passierte und Kurs auf Südwest genommen hatte, wurde der Ozean immer ruhiger; ich konnte daran gehen, die Aufzeichnungen über den Aufenthalt in Norwegen und über meine Aussagen vor Gericht zu ordnen. So vergingen die ersten acht Tage in angestrengter Arbeit und Rätselraten über das geheimnisvolle Mexiko. Nicht weniger als zwölf mal vierundzwanzig Stunden Weges stehen noch bevor. 

Uns begleitet der norwegische Polizeioffizier Jonas Lie, der eine Zeitlang im Dienste des Völkerbundes im Saargebiet tätig war. Am Tische sitzen wir zu vieren: der Kapitän, der Polizeioffizier und wir, meine Frau und ich. Andere Passagiere gibt es nicht. Das Meer ist für diese Jahreszeit ausnehmend günstig. Hinter uns liegen vier Monate Gefangenschaft. Vor uns — Ozean und Ungewißheit. An Bord des Schiffes bleiben wir jedoch noch immer unter dem »Schutz« der norwegischen Flagge, das heißt in der Lage von Gefangenen. Wir haben nicht das Recht, den Radiotelegraphen zu benutzen. Unsere Revolver bleiben beim Polizeioffizier, unserem Nachbar an der Table d'höte. Die Bedingungen der Landung in Mexiko werden per Radio ohne uns ausgemacht. Die sozialistische Regierung liebt nicht zu spaßen, wenn es um Prinzipien der... Internierung geht!

Bei der kurz vor unserer Abreise stattgefundenen Wahl hat die Arbeiterpartei einen bedeutenden Stimmenzuwachs erhalten. Konrad Knudsen, gegen den als gegen meinen »Komplizen« sich alle bürgerlichen Parteien zusammengeschlossen hatten, und den die eigene Partei vor den Angriffen fast nicht in Schutz nahm, wurde mit einer imposanten Mehrheit gewählt. Darin lag ein indirektes Vertrauensvotum für mich ... 

Unterstützt von der Bevölkerung, die gegen die reaktionären Attacken und für das Asylrecht gestimmt hatte, beschloß die


Regierung, wie es sich gehört, dieses Recht, der Reaktion zu Gefallen, völlig zu zertreten. Die Mechanik des Parlamentarismus ist durchweg auf solchen qui pro quo zwischen Wählern und Gewählten aufgebaut! 

Die Norweger sind mit Recht auf Ibsen, ihren Nationaldichter, stolz. Vor 25 Jahren war Ibsen meine literarische Liebe. Ihm hatte ich einen meiner ersten Artikel gewidmet. Im demokratischen Gefängnis, der Heimat des Dichters, las ich seine Dramen wieder. Vieles scheint mir heute naiv und altmodisch. Aber haben denn viele Vorkriegsdichter die Prüfung der Zeit bestanden? Die gesamte Geschichte bis 1914 erscheint heute etwas simpel und provinziell. Im allgemeinen kam mir Ibsen noch frisch vor und in seiner nordischen Frische anziehend. Mit besonderem Vergnügen las ich wieder »Der Volksfeind«. Ibsens Haß gegen protestantisches Muckertum, Krähwinkelstumpfheit und engherzige Heuchelei wurde mir verständlicher und näher nach der Bekanntschaft mit der ersten sozialistischen Regierung in der Heimat des Dichters. »Ibsen kann man auf verschiedene Weise deuten«, verteidigte sich der Justizminister während seines unerwarteten Besuches bei mir in Sundby. »Wie man ihn auch deuten mag, er wird stets gegen Sie sein. Erinnern Sie sich an den Bürgermeister Stockmann« ... »Sie glauben, daß ich es bin?« »Bestenfalls, Herr Minister: Ihre Regierung besitzt alle Laster der bürgerlichen Regierungen, ohne deren Vorzüge.« 

Trotz der literarischen Färbung zeichneten sich unsere Gespräche nicht durch besondere Courtoisie aus. Als Doktor Stockmann, der Bruder des Bürgermeisters*, zu der Schlußfolgerung gekommen war, der Wohlstand seiner Heimatstadt beruhe auf vergifteten Mineralquellen, wurde er vom Bürgermeister aus dem Dienste gejagt, die Zeitungen schlossen sich vor ihm, die £ey bürger erklärten ihn für einen Volksfeind. 

»Wir werden „4erih sehen« — rief der Doktor aus —, »ob Niedertracht und Feigheit so stark sind, um einem freien, ehrlichen Menschen den Mund zu stopfen!« Ich hatte meine Gründe, mich gegen meine sozialistischen Gefängniswärter auf dieses Zitat zu berufen.

»Wir haben eine Dummheit begangen, als wir Ihnen das Visum gaben«, sagte mir Mitte Dezember ungeniert der Justizminister. »Und diese Dummheit wollen Sie durch ein Verbrechen gutmachen?«, antwortete ich mit Offenheit auf die Offenheit. »Sie benehmen sich gegen mich wie Noske und Scheidemann sich gegen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg benommen haben. 

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Sie bahnen dem Faschismus den Weg. Wenn die Arbeiter Frankreichs und Spaniens Euch nicht retten werden, werden Sie und Ihre Kollegen in einigen Jahren Emigranten sein, wie heute Ihre Vorgänger, die deutschen Sozialdemokraten.« 

Das war alles richtig. Doch der Schlüssel zu meinem Gefängnis blieb in den Händen des Bürgermeisters Stockmann.

Hinsichtlich der Möglichkeit, in irgendeinem anderen Lande Asyl zu finden, hegte ich keine großen Hoffnungen. Die demokratischen Länder schützen sich vor der Gefahr einer Diktatur dadurch, daß sie deren schlimmste Seiten sich aneignen. Für Revolutionäre hat sich das sogenannte »Recht« auf Asyl schon längst aus einer Rechts- in eine Gnadenfrage verwandelt. Es ist noch hinzugekommen: der Moskauer Prozeß und die Internierung in Norwegen! Man wird unschwer begreifen können, welch wohltuende Nachricht das Telegramm aus der Neuen Welt für uns war, daß die Regierung des fernen Mexiko uns Gastfreundschaft gewähren wollte. Es zeigte sich ein Ausweg — aus Norwegen und aus der Sackgasse. Auf dem Rückweg vom Gericht sagte ich zu dem mich begleitenden Polizeioffizier: »Bestellen Sie der Regierung, daß ich und meine Frau bereit sind, Norwegen so schnell wie möglich zu verlassen. Bevor ich aber um das mexikanische Visum ansuche, will ich die Bedingungen für eine gefahrlose Überfahrt sichern. Ich muß mich darüber mit meinen Freunden und die Unversehrtheit meiner Archive sichern.« 

Der Justizminister, der tags darauf in Begleitung dreier hoher Polizeibeamten nach Sundby kam, war durch die Radikalität meiner Forderungen sichtbar erschüttert. »Sogar in den zaristischen Gefängnissen«, sagte ich ihm, »pib man den Verbannten die Möglichkeit, zur Ordnung ihrer ,*° sönlichen Angelegenheiten Verwandte oder Freunde zu s|l %chen.« »Ja, ja«, erwiderte philosophisch der sozialistische Minister, »jetzt sind aber andere Zeiten ...« Einer genaueren Charakterisierung der Zeitunterschiede enthielt er sich freilich.

Am 18. Dezember erschien der Minister wieder, aber nur, um mir zu erklären, daß meine Forderung, Freunde zu sprechen, abgelehnt sei, daß das mexikanische Visum ohne mein Zutun eingetroffen sei (auf welche Weise ist mir auch jetzt noch unklar) und daß ich und meine Frau »morgen« auf den Frachtdampfer »Ruth« verladen werden würden, wo man uns eine Kajüte für Kranke angewiesen habe. Ich will es nicht verheimlichen, daß ich dem Herrn Minister zum Abschied die Hand nicht gereicht habe...

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Es wäre ungerecht, nicht zu betonen, daß es der Regierungspartei nur durch Vergewaltigung des Denkens und des Gewissens gelang, ihren Kurs durchzuführen. Sie geriet dabei in Konflikt mit den liberalen oder einfach den gewissenhaften Beamten der Administration und der Magistratur und war gezwungen, sich auf den reaktionären Teil der Bürokratie zu stützen. Bei den Arbeitern rief die Polizeienergie Nygaardsvolds jedenfalls keinen Enthusiasmus hervor. Mit Achtung und Dankbarkeit vermerke ich die Bemühungen der verdienstvollen Führer der Arbeiterbewegung, wie Olav Cheflo, Konrad Knudsen, Haakon Meyer, eine Änderung der Regierungspolitik zu erreichen. Es muß auch wieder Helge Krohg genannt werden, der Worte leidenschaftlicher Empörung fand, um die Handlungsweise der norwegischen Regierung zu brandmarken.

Für das Einpacken der Sachen und Papiere blieben uns unter Abzug der unruhigen Nacht nur wenige Stunden. Noch keine unserer zahlreichen Übersiedlungen hatte sich in einer solchen Atmosphäre von fieberhafter Hast, völliger Isoliertheit, Ungewißheit und tief niederdrückender Empörung vollzogen. Im Hinundhergehen sahen wir uns manchmal an: was soll es bedeuten? wodurch ist es hervorgerufen? — und jeder von uns lief mit Bündel oder Papiermappe weiter. »Ist es nicht eine Falle seitens der Regierung?« fragte meine Frau. »Ich glaube nicht«, antwortete ich, nicht sehr sicher. Auf der Veranda nagelten Polizisten mit Pfeifen im Munde die Kisten zu. Über dem Fjord kreisten Nebel.

Die Abfahrt war vom strengsten Geheimnis umgeben. Die Zeitungen erhielten falsche Nachrichten über unsere angeblich in nächster Zeit bevorstehende Abreise, um die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken. Die Regierung fürchtete sich sowohl davor, daß ich mich weigern könnte, abzureisen, als auch, daß die GPU Zeit finden könnte, eine Höllenmaschine auf dem Dampfer anzubringen. Ich und meine Frau konnten keinesfalls die letztere Befürchtung als völlig unbegründet betrachten. Unsere Sicherheit traf in diesem Falle zusammen mit der Sicherheit des norwegischen Schiffes und seiner Besatzung. Wir wurden auf der »Ruth« mit Neugierde, aber ohne die geringste Feindseligkeit empfangen. Es erschien auch der Schiffsbesitzer, ein alter Mann. Auf seine liebenswürdige Initiative hin

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wurden wir nicht in der halbdunklen Krankenkajüte mit drei Pritschen, ohne Tisch, untergebracht, wie es aus irgendeinem Grunde die wachsame Regierung verfügt hatte, sondern in der bequemen Kajüte des Schiffsbesitzers, neben der Kabine des Kapitäns. Auf diese Weise erhielt ich die Möglichkeit, unterwegs zu arbeiten ... Trotz allem haben wir warme Erinnerungen bewahrt an das herrliche Land der Wälder und Fjorde, des Schnees unter der Januarsonne, des Skis und des Schlittens, der blonden, blauäugigen Kinder, des etwas düsteren und schwerfälligen, aber ernsten und ehrlichen Volkes. Lebe wohl, Norwegen!

 

Eine lehrreiche Episode

 

30. Dezember. Die größere Hälfte des Weges liegt hinter uns. Der Kapitän glaubt, daß wir am 8. Januar in Vera Cruz sein werden, wenn das Meer uns weiter sein Wohlwollen erhält.. Am 8. oder am 10., ist es nicht gleich? Auf dem Schiff herrscht Ruhe. Keine Moskauer Telegramme, — und die Luft scheint doppelt so rein. Wir haben es nicht eilig. Doch zurück zum Prozeß ...

Es ist erstaunlich, mit welcher Beharrlichkeit Sinowjew, Kamenjew mitreißend, jahrelang sein eigenes tragisches Finale vorbereitet hat. Ohne Sinowjews Initiative wäre Stalin kaum Generalsekretär geworden. Sinowjew hatte die episodische Diskussion über die Gewerkschaften im Winter 1920/31 ausnutzen wollen für den weiteren Kampf gegen mich. Stalin schien ihm, und nicht ohne Grund, der geeignetste Mann für die Arbeit hinter den Kulissen. Gerade in jenen Tagen hatte Lenin, gegen die Ernennung Stalins zum Generalsekretär opponierend, seinen berühmten Satz geprägt: »Ich empfehle es nicht — dieser Koch wird nur scharfe Gerichte bereiten.« Welch yrophetische Worte! Es siegte jedoch auf dem Kongreß die von Sinowjew geführte Petrograder Delegation. Der Sieg fiel ihr um so leichter, als Lenin den Kampf nicht aufnahm. Seiner Warnung wollte er keine übertriebene Bedeutung beimessen: solange das alte Politbüro an der Macht blieb, konnte der Generalsekretär nur eine untergeordnete Figur sein.

Nach Lenins Erkrankung nahm Sinowjew den offenen Kampf gegen mich auf. Er hatte damit gerechnet, daß der schwerfällige Stalin sein Stabschef bleiben würde. Der Generalsekretär schob sich damals sehr behutsam vor. Die Massen kannten ihn absolut nicht. Autorität genoß er nur bei einem

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Teil des Apparates, aber auch dort war er nicht beliebt. Im Jahre 1924 schwankte Stalin noch stark. Sinowjew stieß ihn vorwärts. Zur politischen Verschleierung seiner Tätigkeit hinter den Kulissen brauchte Stalin Sinowjew und Kamenjew: darauf beruhte die Mechanik der »Troika«. Den größten Eifer entwickelte immer Sinowjew; er zog seinen künftigen Henker im Schlepptau hinter sich her.

Im Jahre 1936, als Sinowjew und Kamenjew, nach mehr als drei Jahren gemeinsamer Verschwörung mit Stalin gegen mich, sich in Opposition zum Apparat stellten, erhielt ich von ihnen eine Reihe sehr lehrreicher Mitteilungen und Warnungen:

»Sie glauben«, sagte Kamenjew, »daß Stalin darüber nachdenkt, was er Ihnen auf Ihre letzte Kritik erwidern soll? Sie irren. Er denkt darüber nach, wie er Sie vernichten kann ... Zuerst moralisch, und dann womöglich auch physisch. Verleumden, eine Provokation organisieren, eine militärische Verschwörung unterschieben, einen terroristischen Akt inszenieren. Glauben Sie mir, das ist keine Hypothese: innerhalb der >Troika< mußte man mitunter offen miteinander sein, obwohl die persönlichen Beziehungen auch damals mehr als einmal zu explodieren drohten. Stalin führt den Kampf auf einer ganz anderen Ebene als Sie. Sie kennen diesen Asiaten nicht...«

Kamenjew selbst hat Stalin gut gekannt. Beide haben in ihren jungen Jahren, zu Beginn des Jahrhunderts, ihre revolutionäre Tätigkeit in der kaukasischen Organisation begonnen, waren, zusammen in Verbannung gewesen, kehrten zusammen im März 1917 nach Petersburg zurück und gaben zusammen dem Zentralorgan der Partei eine opportunistische Richtung, die bis zu Lenins Ankunft erhalten blieb.

»Erinnern Sie sich an die Verhaftung von Sultan Galiew, dem ehemaligen Vorsitzenden des tatarischen Sowjets der Volkskommissare im Jahre 1933?« fuhr Kamenjew fort. »Das war die erste Verhaftung eines angesehenen Parteimitglieds, die auf Stalins Initiative erfolgte. Ich und Sinowjew hatten unglücklicherweise unsere Zustimmung gegeben. Seit dieser Zeit hatte Stalin Blut geleckt... Sobald wir mit ihm gebrochen hatten, verfaßten wir eine Art Testament, in welchem wir sagten, wenn uns >zufällig< etwas zustoßen sollte, möge man in Stalin den Schuldigen sehen. Dieses Dokument wird an sicherem Ort aufbewahrt. Ich empfehle auch Ihnen, das gleiche zu tun: von diesem Asiaten kann man alles erwarten ...

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Sinowjew sagte mir in den ersten Wochen unseres kurzlebigen Blocks (1936-1927): »Glauben Sie, Stalin hat nicht die Frage Ihrer physischen Beseitigung erwogen? Er hat es, und mehr als einmal. Es hielt ihn davon stets der gleiche Gedanke zurück: die Jugend würde die Verantwortung der >Troika< oder ihm persönlich zuschieben und könnte zu terroristischen Akten greifen. Deshalb hielt es Stalin für notwendig, zuerst die Oppositionskader der Jugend zu zertrümmern. Dann wird man schon sehen ... Sein Haß gegen uns, besonders gegen Kamenjew, beruht darauf, daß wir über ihn zuviel wissen.«

Überspringen wir einen Zeitraum von fünf Jahren. Am 31. Oktober 1931 veröffentlichte das Zentralorgan der deutschen kommunistischen Partei, »Die Rote Fahne«, die Nachricht, der weiße General Turkul bereite in der Türkei ein Attentat auf Trotzki vor. Solche Mitteilungen konnten nur von der GPU kommen. Da ich in die Türkei von Stalin ausgewiesen worden war, so sah die Warnung der »Roten Fahne« sehr nach einem Versuch aus, für den Fall, daß Turkuls Absicht erfolgreich enden sollte, ein moralisches Alibi für Stalin vorzubereiten. Am 4. Januar 1932 wandte ich mich mit einem Brief an das Politbüro in Moskau, in dem ich ausführte, daß es Stalin nicht gelingen werde, sich mit solch billigen Mitteln weißzuwaschen: die GPU sei fähig, mit der einen Hand durch ihre Agents-Provokateure die Weißgardisten zu einem Attentat anzustiften und mit der andern, durch die Organe der Komintern, für jeden Fall sie zu entlarven. »Stalin ist zu der Schlußfolgerung gekommen«, schrieb ich, »daß die Ausweisung Trotzkis ein Irrtum war. Er hat gehofft, wie aus seiner damaligen Erklärung im Politbüro bekannt ist, daß ohne Sekretariat und ohne Mittel Trotzki ein wehrloses Opfer der im Weltmaßstabe organisierten bürokratischen Verleumdung werden würde. Der Bürokrat hatte sich getäuscht. Entgegen seinen Erwartungen hat sich gezeigt, daß Ideen ihre eigene Kraft besitzen, auch ohne Apparat und ohne Mittel... Stalin begreift sehr wohl die ernste Gefahr, die ihm persönlich, seiner aufgeblasenen Autorität, seiner bonapartistischen Allmacht aus der geistigen Unversöhnlichkeit und dem ständigen Wachsen der internationalen linken Opposition droht. Stalin denkt: >man muß den Irrtum gutmachen<. Selbstverständlich nicht mit ideologischen Maß-

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nahmen: Stalin führt den Kampf auf einer anderen Ebene. Er will nicht an die Ideen des Gegners, sondern an dessen Schädel herankommen.« Bereits im Jahre 1924 erwog Stalin alle pro und contra meiner physischen Liquidierung. »Ich habe seinerzeit diese Mitteilungen von Sinowjew und Kamenjew erhalten«, schrieb ich, »in der Periode ihres Überschwenkens zur Opposition, und zwar unter solchen Umständen und mit solchen Einzelheiten, daß es keinen Zweifel an der Richtigkeit dieser Mitteilungen geben kann... Wenn Stalin Sinowjew und Kamenjew zwingen sollte, ihre früheren Erklärungen abzuleugnen, wird niemand ihnen glauben.« Schon damals stand in Moskau das System falscher Geständnisse und Ableugnungen auf Bestellung in voller Blüte.

Zehn Tage nachdem ich meinen Brief aus der Türkei abgesandt hatte, wandte sich eine Delegation meiner französischen Gesinnungsgenossen, geführt von Naville und Frank, an den damaligen Sowjetgesandten in Paris, Dowgalewski, mit einer schriftlichen Erklärung: »Die >Rote Fahne< veröffentlicht eine Nachricht über die Vorbereitung eines Attentats auf Trotzki... Somit bestätigt die Sowjetregierung formell, daß sie über die Gefahren unterrichtet ist, die Trotzki drohen.« Und da nach der gleichen offiziösen Mitteilung der Plan des General Turkul »sich auf die schlecht organisierte Bewachung seitens der türkischen Behörden stützt«, machte die Erklärung Naville-Frank die Sowjetregierung für etwaige Folgen verantwortlich und forderte sofortige Ergreifung entsprechender praktischer Maßnahmen.

Diese Schritte scheuchten Moskau auf. Am 2. März versandte das Zentralkomitee der Französischen kommunistischen Partei an die verantwortlichen Mitglieder ein vertrauliches Dokument mit der Antwort des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei der USSR. Stalin bestritt nicht nur, daß die Nachricht der »Roten Fahne« von ihm ausgegangen sei, sondern rechnete sich die Warnung als besonderes Verdienst an und beschuldigte mich... der Undankbarkeit. Die Frage der Sicherheit übergehend, behauptete das Rundschreiben, ich bereite durch meine Angriffe auf das Zentralkomitee ein »Bündnis mit den Sozialfaschisten« (das heißt den Sozialdemokraten) vor. Auf die Beschuldigung des Bündnisses mit dem Faschismus war Stalin damals noch nicht gekommen, und sein eigenes Bündnis mit den »Sozialfaschisten« gegen mich hat er da-

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mals noch nicht vorausgesehen. Der Antwort Stalins war eine Erklärung von Sinowjew und Kamenjew vom 13. Februar 1933 beigelegt, verfaßt, wie unvorsichtigerweise in der Erklärung selbst steht, auf Verlangen Jaroslawskis und Schkirjatows, Mitglieder der Zentral-Kontrollkommission, die damals die wichtigsten Inquisitoren im Kampfe gegen die Opposition waren. In dem für solche Dokumente üblichen Stil schrieben Kamenjew und Sinowjew, Trotzkis Mitteilung sei »eine ehrlose Lüge, dem einzigen Zweck dienend, unsere Partei zu kompromittieren. Es ist selbstverständlich, daß von der Beratung einer solchen Frage niemals die Rede sein konnte ... wir haben mit Trotzki von etwas Ähnlichem nie gesprochen«. Das Dementi schloß mit einer noch höheren Note: »Trotzkis Erklärung, man könne uns in der Partei der Bolschewiki zwingen, falsche Mitteilungen zu machen, ist ein bewußter Erpressertrick.«

Diese ganze Episode, die auf den ersten Blick dem Prozeß fernsteht, ist bei aufmerksamer Betrachtung von außerordentlichem Interesse. Laut der Anklageschrift habe ich bereits im Jahre 1931 und dann 193s durch meinen Sohn Leo Sedow und durch Lurij Gaven Smirnow die Instruktion erteilt: zur terroristischen Kampfmethode überzugehen und auf dieser Basis mit den Sinowjewisten einen Block zu bilden. Wie wir noch häufig sehen werden, wurden alle meine »Instruktionen« sofort von den Kapitulanten ausgeführt, das heißt von Menschen, die längst mit mir gebrochen hatten und gegen mich im offenen Kampf standen. Nach der offiziellen Deutung waren die Kapitulationen Sinowjews, Kamenjews und anderer einfache Kriegslist, die den Zweck hatte, in das Allerheiligste der Bürokratie einzudringen. Schenkt man einen Moment dieser Version Glauben, die, wie aus dem weiteren hervorgeht, an tausend Tatsachen zerschellt, so erscheint mein Brief vom 4. Januar 1932 an das Politbüro als ein vollkommenes Rätsel. Wenn ich in den Jahren 1931-1932 die Organisation eines terroristischen »Blocks« mit Kamenjew und Sinowjew tatsächlich geleitet haben würde, würde ich selbstverständlich meine Verbündeten vor der Bürokratie nicht so hoffnungslos kompromittieren. Das plumpe Dementi Sinowjew-Kamenjews, bestimmt zur Täuschung der Nichteingeweihten, konnte natürlich keinen Moment Stalin täuschen: er wußte jedenfalls, daß seine früheren Verbündeten mir die volle Wahrheit gesagt hatten! Diese Tatsa-

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che aliein hat genügt, um Sinowjew und Kamenjew für immer die Möglichkeit zu nehmen, sich das Vertrauen der regierenden Spitze wiederzuerringen. Was bleibt da von der »Kriegslist«? Ich hätte ja unzurechnungsfähig sein müssen, um auf solche Weise die Chancen des »terroristischen Zentrums« selbst zu untergratJen.

Anderseits zeugt das Dementi Kamenjew-Sinowjew, im Inhalt und Ton, von allem, nur nicht von Mitarbeit. Außerdem steht dieses Dokument nicht isoliert da. Wir werden noch sehen, besonders an dem Beispiel Radek, daß die Hauptfunktion der Kapitulanten darin bestand, mich von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat vor der Sowjet- und der Weltmeinung zu beschimpfen und zu verleumden. Wie diese Menschen glauben sollten, unter der Leitung eines von ihnen kompromittierten Führers zum Siege zu kommen, ist völlig unerklärlich. Hier verwandelt sich die Kriegslist schon offen in ihr Gegenteil. Im Grunde ist das Dementi Sinowjew-Kamenjew vom 13. Februar 1932, das an alle Sektionen der Komintern versandt wurde, einer der zahlreichen Entwürfe für ihre Aussagen im August 1936: dasselbe Geschimpfe gegen mich als den Gegner des Bolschewismus und insbesondere als den Feind des »Genossen Stalin«; derselbe Hinweis auf meine Absicht, der »Konterrevolution« zu dienen, und schließlich dieselben Versicherungen, sie, Sinowjew und Kamenjew, machten ihre Aussagen aus freiem Willen, ohne jeglichen Zwang. Wie könnte es auch anders sein: auch nur die Möglichkeit eines Zwanges in Stalins »Demokratie« anzunehmen, könnten nur »Erpresser«. Schon die Exzesse des Stils zeigen unverkennbar die Quelle der Inspiration. Wahrhaftig, ein wertvolles Dokument! Es zerstört nicht nur die Dichtung vom »trotzkistisch-sinowjewistischen Zentrum« im Jahre 1932, sondern erlaubt auch in jenes Laboratorium hineinzublicken, wo sich die künftigen Prozesse mit Geständnissen auf Bestellung vorbereiteten.

 

Sinowjew und Kamenjew

31. Dezember. 
Ein Jahr geht zu Ende, das in die Geschichte eingehen wird als das Kainsjahr...
Im Zusammenhang mit der Warnung von Sinowjew und Kamenjew vor den geheimen Plänen und Spekulationen Stalins kann die Frage auftauchen, ob nicht die selben Absichten bei Kamenjew und Sinowjew in bezug auf Stalin entstanden, nachdem alle anderen Wege des Kampfes ihnen abgeschnitten waren.

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Beide haben sie in der letzten Periode ihres Lebens nicht wenig Wendungen gemacht und nicht wenig Prinzipien verloren. Warum soll man also nicht annehmen, daß sie, verzweifelt über die Folgen ihrer eigenen Kapitulationen, in einem gegebenen Augenblick sich auf den Weg des Terrors gestürzt haben? Und dann, als letzte Kapitulation, den Wünschen der GPU entgegenkommend, sich bereit erklärten, mich in ihre unglückseligen Pläne hineinzuziehen, um sich und dem Regime, mit dem sie sich wieder aussöhnen wollten, einen Dienst zu erweisen? 

Eine solche Hypothese war einigen meiner Freunde in den Sinn gekommen. Ich habe sie von allen Seiten erwogen, ohne die geringste Voreingenommenheit oder persönliches Interesse. Und jedesmal bin ich mir über die völlige Unzulänglichkeit dieser Hypothese klar geworden. Sinowjew und Kamenjew sind grundverschiedene Naturen. Sinowjew ist Agitator, Kamenjew Propagandist. Sinowjew leitete hauptsächlich ein feiner politischer Instinkt. Kamenjew überlegte und analysierte. Sinowjew neigte stets zu Übertreibungen. Kamenjew kann man eher übertriebene Vorsicht zum Vorwurf machen. Sinowjew ging völlig in der Politik auf, ohne andere Interessen und Neigungen. In Kamenjew saß ein Sybarit und Ästhet. Sinowjew war rachsüchtig. Kamenjew eher gutmütig. 

Ich weiß nicht, wie ihre Beziehungen in der Emigration gewesen waren. Im Jahre 1917 verband sie vorübergehend ihre Opposition gegen die Oktoberrevolution. In den ersten Jahren nach dem Siege verhielt sich Kamenjew zu Sinowjew etwas ironisch. Später näherte sie einander die Opposition gegen mich, danach die gegen Stalin. Die letzten dreizehn Jahre ihres Lebens gingen sie in einer Reihe, ihre Namen wurden stets zusammen genannt. Bei all ihren individuellen Verschiedenheiten hatten sie gemeinsam, außer der in der Emigration unter Lenins unmittelbarer Leitung durchgemachten Schule, einen ungefähr gleichen Umfang des Denkens und des Willens. Kamenjews Analyse wurde durch Sinowjews Instinkt ergänzt; zusammen tasteten sie sich zu gemeinsamen Entschlüssen durch. Der vorsichtigere Kamenjew ließ sich manchmal gegen seinen Willen von Sinowjew mitreißen, aber am Ende standen sie auf der gleichen Rückzugslihie. Sie waren einander nah durch die gleichen Dimensionen ihrer Persönlichkeit und ergänzten einander durch ihre Verschiedenheiten. Beide waren tief und restlos dem Sozialismus ergeben. Darin besteht die Erklärung ihres tragischen Bundes.

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Eine politische oder moralische Verantwortung für Sinowjew und Kamenjew auf mich zu nehmen, habe ich gar keine Veranlassung. Mit Abzug einer kleinen Pause (1926-1927) waren sie stets meine erbitterten Gegner. Persönlich hatte ich zu ihnen kein großes Vertrauen. Intellektuell stand jeder von ihnen allerdings höher als Stalin. Aber es mangelte ihnen an Charakter. Gerade diese ihre Eigenschaft hatte Lenin gemeint, als er im »Testament« schrieb, Sinowjew und Kamenjew erwiesen sich »nicht zufällig« im Herbst 1917 als Gegner des Aufstandes: sie hielten dem Ansturm der bürgerlichen öffentlichen Meinung nicht stand. 

Als sich in der Sowjetunion tiefe soziale Verschiebungen, verbunden mit der Formierung der privilegierten Bürokratie, herauskristallisierten, ließen sich Sinowjew und Kamenjew »nicht zufällig« in das Lager des Thermidors hineinziehen (1922-1926). Durch das theoretische Verständnis für die sich abspielenden Prozesse waren sie ihren damaligen Verbündeten, darunter auch Stalin, weit überlegen. Dies erklärt auch ihren Versuch, sich von der Bürokratie loszureißen und sich ihr entgegenzustellen. Im Juli 1926 erklärte Sinowjew im Plenum des ZK: »In der Frage der bürokratischen Apparatschraube hat Trotzki gegen uns Recht behalten.« Er gestand damals, daß sein Irrtum im Kampfe gegen mich sogar »gefährlicher« war als sein Irrtum von 1917! Aber der Druck der privilegierten Schicht nahm unüberwindliche Dimensionen an. Sinowjew und Kamenjew haben »nicht zufällig« Ende des Jahres 1927 vor Stalin kapituliert und die Jüngeren, weniger Autoritären mitgerissen. 

Sie haben sich dann nicht wenig Mühe gegeben, um die Opposition anzuschwärzen. Aber in den Jahren 1931-1932, als der gesamte Organismus des Landes unter den schrecklichen Folgen der gewaltsamen und schrankenlosen Kollektivisierung erschüttert war, erhoben Sinowjew und Kamenjew wie viele andere Kapitulanten besorgt den Kopf und begannen über die Gefahren der neuen Regierungspolitik zu tuscheln. Sie wurden gefaßt bei der Lektüre eines kritischen Dokumentes, das aus den Reihen der rechten Opposition kam, und für dieses schreckliche Verbrechen — keine andere Beschuldigung lag gegen sie vor! — aus der Partei ausgeschlossen und — verbannt. Im Jahre 1933 legten Sinowjew und Kamenjew nicht nur wiederum ein Reuebekenntnis ab, sondern warfen sich vor Stalin völlig auf den Bauch.

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Es gab keinen Schimpf, den sie gegen die Opposition nicht ausgestoßen hätten und besonders — gegen mich persönlich. Ihre Selbstentwaffnung machte sie völlig wehrlos und die Bürokratie konnte von nun an jedes Geständnis von ihnen verlangen. Ihr weiteres Schicksal war die Folge dieser progressiven Kapitulationen und Selbsterniedrigungen. Ja, es mangelte ihnen an Charakter. Jedoch darf man diese Worte nicht zu simpel verstehen. Der Widerstand des Materials läßt sich ermessen durch die es beeinflussenden Vernichtungskräfte. In den Tagen zwischen dem Prozeßbeginn und meiner Internierung hatte ich Gelegenheit, von friedlichen Bürgern zu hören: »Es ist unmöglich, Sinowjew zu begreifen ... Diese Charakterlosigkeit!« Ich antwortete ihnen: »Haben Sie an sich den Druck erfahren, dem er eine Reihe von Jahren ausgesetzt war?« Sehr unklug sind die in intellektuellen Kreisen verbreiteten Vergleiche mit der Haltung Dantons, Robespierres und anderer vor Gericht, bort gerieten die revolutionären Tribunen unter das Messer der Justiz unmittelbar von der Kampfarena, in ihrer höchsten Kraftentfaltung, mit fast unberührten Nerven und gleichzeitig ohne die geringste. Hoffnung auf Rettung. Noch unangebrachter sind die Vergleiche mit der Haltung Dimitrows vor dem Leipziger Gericht. Gewiß, neben .Torgier hob sich Dimitrow günstig durch Entschlossenheit und Mut ab. Doch haben,Revolutionäre verschiedener Länder und insbesondere des zaristischen Rußlands unter viel schwierigeren Umständen nicht weniger Standhaftigkeit bewiesen. Dimitrow stand von Angesicht zu Angesicht mit dem grimmigsten Klassenfeinde. Keine Indizien hat es gegen ihn gegeben und geben können. Der Staatsapparat der Nazi war erst in Bildung und zu totalitären Fälschungen noch unfähig. Dimitrow wurde vom gigantischen Apparat des Sowjetstaates und der Komintern gestützt. Es drangen zu ihm von überall die Sympathien der Volksmassen. Freunde saßen im Gerichtssaal. Es hat nur ein durchschnittlicher menschlicher Mut dazu gehört, um »Held« zu werden. War denn die Lage Sinowjews und Kamenjews vor dem Gesicht der GPU und vor dem Gericht dieser ähnlich? Zehn Jahre waren sie umgeben von mit schwerem Gold bezahlten Wolken der Verleumdung. Zehn Jahre schaukelten sie zwischen Leben und Tod, anfangs im politischen Sinne, dann im moralischen und endlich im physischen. Kann man im Verlauf der gesamten Geschichte

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viele Beispiele solcher systematischen, raffinierten, teuflischen Demolierung des Rückgrats, der Nerven, aller Fiber der Seele finden? Die Charaktere Sinowjews und Kamenjews würden für eine friedliche Periode vollauf ausgereicht haben. Jedoch erforderte die Periode grandioser sozialer und politischer Erschütterungen von diesen Menschen, deren Begabung ihnen einen führenden Platz in der Revolution zugewiesen hatte, ganz besondere Standhaftigkeit. Die Disproportion zwischen Begabung und Willen hat zu den tragischen Resultaten geführt.

Die Geschichte meiner Beziehungen zu Sinowjew und Kamenjew läßt sich mühelos nach Dokumenten, Artikeln und Büchern verfolgen. Allein das »Bulletin der Opposition« (1929-1937) bezeichnet zur Genüge den Abgrund, der uns seit der Zeit ihrer Kapitulation völlig getrennt hat. Es gab zwischen uns keine Verbindungen, keinerlei Beziehungen, keinerlei Briefwechsel, nicht einmal Versuche in dieser Richtung — es hat keine gegeben und konnte keine geben. In Briefen und Artikeln empfahl ich den Oppositionellen stets, im Interesse der politischen und moralischen Selbsterhaltung, mit den Kapitulanten rücksichtslos zu brechen. Was ich also über die Ansichten und Pläne Sinowjews-Kamenjews in den letzten acht Jahren ihres Lebens berichten kann, kann keinesfalls als Zeugenaussage gelten. Es befindet sich jedoch in meinen Händen eine genügende Zahl von Dokumenten und Tatsachen, die sich nachprüfen lassen; ich kenne die Beteiligten gut, ihre Charaktere, ihre gegenseitigen Beziehungen, die gesamte Situation, um mit absoluter Sicherheit zu sagen: die Beschuldigung gegen Sinowjew und Kamenjew wegen Terror ist gemeine Polizeifälschung von Anfang bis zu Ende, ohne ein Körnchen Wahrheit.

Allein schon die Lektüre des Prozeßberichtes stellt einen denkenden Menschen vor das Rätsel: wer sind denn eigentlich diese seltsamen Angeklagten? Alte, erfahrene Politiker, die im Namen eines bestimmten Programms kämpfen und fähig sind, Mittel und Zweck in Übereinstimmung zu bringen? oder aber Inquisitionsopfer, deren Benehmen nicht von der eigenen Vernunft und dem eigenen Willen bestimmt ist, sondern von den Interessen der Inquisitoren? Haben wir es mit normalen Menschen zu tun, deren Psychologie eine innere Einheit darstellt, die sich in Worten und Handlungen äußert, oder mit klinischen

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Subjekten, die die vernunftwidrigsten Wege wählen und diese Wahl mit sinnlosesten Argumenten motivieren? Diese Fragen beziehen sich in erster Linie auf Sinowjew und Kamenjew. Welche Motive — und es mußten doch Motive von außerordentlicher Kraft sein — haben sie bei ihrem vermeintlichen Terror geleitet? Im ersten Prozeß, im Januar 1935, haben Sinowjew und Kamenjew, ihre Beteiligung an der Ermordung Kirows leugnend, als Kompensation ihre »moralische Verantwortung« für die terroristischen Tendenzen zugegeben, wobei sie als bewegendes Motiv für ihre oppositionelle Arbeit das Bestreben nannten, ... den »Kapitalismus wieder herzustellen«. Wenn es nichts anderes gegeben hätte als dieses widernatürliche politische »Geständnis«, die Lüge der stalinschen Justiz wäre genügend entlarvt. Wer wird in der Tat glauben, Kamenjew und Sinowjew hätten .so fanatisch zu dem von ihnen gestürzten Kapitalismus hingestrebt, daß sie bereit waren, für dieses Ziel ihre eigenen und fremde Köpfe zu opfern? Die Beichte der Angeklagten im Januar 1936 enthüllte Stalins Auftrag so plump, daß sogar die weniger anspruchsvollen »Freunde« sich betroffen fühlten.

Im Prozeß der 16 (August 1936) wird die »Restauration des Kapitalismus« völlig ignoriert. Als Beweggrund für den Terror erscheint die nackte »Machtgier«. Die Anklage verzichtet auf die eine Version zugunsten einer anderen, als handle es sich um Lösungen von Schachaufgaben, wobei die Änderung der Entschlüsse schweigend, ohne Kommentare geschieht. Nach dem Staatsanwalt wiederholen die Angeklagten jetzt, sie hätten kein Programm mehr gehabt, sondern nur den unüberwindlichen Wunsch, die Kommandohöhen des Staates um jeden Preis an sich zu reißen. Man fragt sich jedoch: Wie hätte die Ermordung der »Führer« Menschen an die Macht bringen können, die durch eine Reihe von Reuebekenntnissen das Vertrauen zu sich untergraben, sich selbst erniedrigt, beschmutzt und damit für immer der Möglichkeit beraubt hatten, in der Zukunft eine führende politische Rolle zu spielen?

Ist Sinowjews und Kamehjews Ziel unwahrscheinlich, so sind ihre Mittel noch sinnloser. In den am meisten überlegten Aussagen Kamenjews wird besonders nachdrücklich betont, daß die Opposition sich von den Massen völlig losgetrennt, ihre Prinzipien aufgegeben und damit die Hoffnung verloren hatte, in der Zukunft Einfluß zu gewinnen, und daß sie gerade

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deshalb zum Gedanken des Terrors gekommen wäre. Nicht schwer zu begreifen, wie sehr eine solche Selbstcharakteristik für Stalin von Nutzen ist: sein Auftrag ist ganz offensichtlich. Aber wenn Kamenjews Aussagen sich eignen, die Opposition zu erniedrigen, so eignen sie sich absolut nicht zur Begründung des Terrors. Gerade unter den Bedingungen politischer Isoliertheit bedeutet der terroristische Kampf für eine revolutionäre Fraktion ein schnelles Verbrennen ihrer selbst auf dem Scheiterhaufen. Wir, Russen, kennen dies zu gut aus dem Beispiel der Narodnaja Wolja (1879-1883), wie auch aus dem Beispiel der Sozialrevolutionäre in der Periode der Reaktion (1907-1909). Sinowjew und Kamenjew sind nicht nur an der Erfahrung dieser Lehren aufgewachsen, sondern sie haben sie auch wiederholt in der Parteipresse kommentiert. Konnten sie, alte Bolschewiki, die Abc-Wahrheiten der russischen revolutionären Bewegung nur darum vergessen und verwerfen, weil es sie so sehr nach der Macht gelüstete? Dies zu glauben, ist völlig unmöglich.

Nehmen wir aber für einen Augenblick an, in den Köpfen Sinowjews und Kamenjews sei tatsächlich die Hoffnung entstanden, auf dem Wege offener Selbstbespeiung, durch anonymen Terror ergänzt, zur Macht zu kommen (eine solche Annahme bedeutet ja im wesentlichen, Sinowjew und Kamenjew als Psychopathen zu bezeichnen!). Was aber waren dann in diesem Falle die Triebfedern der terroristischen Exekutoren — nicht der sich hinter den Kulissen versteckt haltenden Führer, sondern der in Reih und Glied stehenden Kämpfer, jener, die unentrinnbar für den fremden Kopf mit ihrem eigenen zahlen sollten? Ohne Ideal und tiefen Glauben an sein Banner ist ein gedungener Mörder denkbar, dem man von vornherein Straflosigkeit zusichert, aber undenkbar der sich selbst aufopfernde Terrorist. Im Prozeß der 16 wurde die Ermordung Kirows als kleiner Teil eines Planes geschildert, der auf die Ausrottung der gesamten regierenden Spitze berechnet war. Es handelte sich um einen systematischen Terror in grandiosem Maßstabe. Für die unmittelbare Ausführung der Attentate wären viele Dutzende, wenn nicht Hunderte fanatischer, aufopferungsfähiger, eiserner Kämpfer notwendig gewesen. Sie fallen nicht vom Himmel. Man muß sie auswählen, erziehen, organisieren. Man muß sie durch und durch mit der Überzeugung erfüllen, daß es außer dem Terror keine Rettung gibt. Ne-

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ben den aktiven Terroristen braucht man Reserven. Auf diese kann man nur in dem Falle rechnen, wenn breite Kreise der jungen Generation von terroristischen Sympathien erfüllt sind. Solche Stimmungen wären nur zu schaffen durch die Propagierung des Terrorismus, die einen um so leidenschaftlicheren und intensiveren Charakter tragen müßte, als die gesamte Tradition des russischen Marxismus gegen den Terrorismus gerichtet war. Diese Tradition zu brechen, wäre unbedingt notwendig. Ihr mußte man eine neue Doktrin entgegenstellen. Wenn Sinowjew und Kamenjewsich nicht stillschweigend von ihrer antiterroristischen Vergangenheit hätten lossagen können, um so weniger wären sie imstande gewesen, ihre Anhänger nach Golgatha zu schicken — ohne Kritik, ohne Polemik, ohne Konflikte, ohne Spaltungen und ohne ... Denunziationen. Eine so radikale geistige Umrüstung, Hunderte und Tausende Revolutionäre erfassend, müßte wiederum zahllose materielle Spuren hinterlassen (Dokumente, Briefe usw.). Wo ist das alles? Wo die Propaganda? Wo die Terror-Literatur? Wo der Widerhall der Diskussionen und des inneren Kampfes? Im Prozeßmaterial findet sich davon nicht die Spur.

Für Wyschinski wie für Stalin existieren die Angeklagten als menschliche Wesen überhaupt nicht. Damit verschwinden auch die Fragen nach ihrer politischen Psychologie. Auf den Versuch eines der Angeklagten, sich auf seine »Gefühle« zu berufen, die ihn angeblich gehindert hätten, auf Stalin zu schießen, antwortete Wyschinski mit dem Hinweis auf angebliche physische Hindernisse: »das ist ... ein sichtbarer Grund, ein objektiver, alles andere ist Psychologie«. »Psychologie!« Welch vernichtende Verachtung! Die Angeklagten haben keine Psychologie, das heißt, sie dürfen nicht wagen, sie zu haben. Ihre Geständnisse ergeben sich nicht aus normalen menschlichen Motiven. Die Psychologie der regierenden Clique unterwirft sich, mit Hilfe der Inquisitionsmechanik, restlos die Psychologie der Angeklagten. Der Prozeß ist nach dem Muster der tragischen Puppentheater aufgebaut. Die Angeklagten werden an Fäden gezogen, oder an Stricken, die man ihnen um den Hals gelegt hat. Für »Psychologie« gibt es keinen Platz. Ohne die terroristische Psychologie ist aber die terroristische Tätigkeit undenkbar!

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Akzeptieren wir aber einmal die absurde Version der Anklage in ihrer Gesamtheit. Gejagt von »Machtgier« werden Führer-Kapitulanten zu Terroristen. Hunderte von Menschen werden ihrerseits derart von der »Machtgier« Kamenjew-Sinowjews erfaßt, daß sie ihre Köpfe gehorsam zum Henkerblock tragen. Das alles ... im Bunde mit Hitler! Die verbrecherische, dem bloßen Auge allerdings unsichtbare Arbeit nimmt ungeahnte Dimensionen an: Organisierung von Attentaten auf alle »Führer«, universelle Sabotage und Spionage. Und dies nicht etwa einen Tag, einen Monat, nein, fast fünf Jahre lang! Und das alles unter der Maske der Parteitreue! Undenkbar, sich wütendere, kühlere, gestähltere Verbrecher auszudenken. Und nun? Ende Juli 1936 sagen sich plötzlich alle diese Monstren von ihrer Vergangenheit und von sich selbst los und legen jämmerlich, einer nach dem anderen, Beichten ab. Kein einziger verteidigt seine Ideen, Ziele oder Kampfmethoden. Alle sind bestrebt, um die Wette sich und die anderen anzuschwärzen. Der Staatsanwalt hat keine Beweise außer den Geständnissen der Angeklagten! Die gestrigen Terroristen, Saboteure und Faschisten liegen im Staub vor Stalin und schwören ihm heiße Liebe. Wer sind sie nun, diese phantastischen Angeklagten: Verbrecher? Psychopathen? beides zusammen? Nein, sie sind Klienten von Wyschinski-Jagoda. So sehen Menschen aus, die durch eine längere Bearbeitung der GPU hindurchgegangen sind. In den Erzählungen Sinowjews und Kamenjews über ihre vergangene verbrecherische Tätigkeit ist ebenso viel Wahrheit wie in ihren Liebesbeteuerungen für Stalin. Sie sind Opfer des totalitären Systems, das nichts anderes verdient als den Fluch!

 

Warum beichten sie Verbrechen, die sie nicht begangen haben?

1. Januar 1937. Heute nacht begannen beide Sirenen des Tankschiffs, die Luft- und Dampfsirene, zu heulen, die Signal-»Kanone« gab zwei Schüsse ab: die »Ruth« begrüßte das neue Jahr. Niemand antwortete. Während der ganzen Fahrt sind wir, glaube ich, nur zwei Dampfern begegnet. Allerdings, wir halten einen ungewöhnlichen Kurs. Nur der uns begleitende faschistische Polizeioffizier empfing durchs Radio ein Glückwunschtelegramm zum neuen Jahr von seinem sozialistischen Minister Trygve Lie. Es fehlte nur die Gratulation von Jagoda und Wyschinski!

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Die einfachste Art der Verteidigung gegen die Moskauer Beschuldigungen wäre für mich: »Es sind nun fast zehn Jahre, daß ich nicht nur keine Verantwortung für Sinowjew und Kamenjew trage; im Gegenteil, ich habe sie wiederholt als Verräter gegeißelt. Ob diese Kapitulanten, in ihren Hoffnungen enttäuscht und in Intrigen verwirrt, tatsächlich zum Terror gekommen waren, kann ich nicht wissen. Es ist aber völlig klar, daß sie dadurch, daß sie mich kompromittierten, sich Gnade erflehen wollten.« In dieser Erklärung wäre kein Wort Lüge. Aber es wäre nur die Hälfte der Wahrheit, folglich die Unwahrheit. Trotzdem mein Bruch mit den Angeklagten weit zurückliegt, zweifle ich keinen Moment, daß jene alten Bolschewiki, die ich während einer Reihe von Jahren gekannt habe (Sinowjew, Kamenjew, Smirnow, Mratschkowski), kein einziges der Verbrechen, die sie »gestanden«, begangen haben noch begangen haben konnten. Uninformierten Menschen erscheint vielleicht eine solche Behauptung paradox, mindestens überflüssig. »Wozu«, sagen sie, »die eigene Verteidigung erschweren durch die Verteidigung seiner bösesten Feinde? Ist das nicht Donquichotterie?« Nein, das ist nicht Donquichotterie. Um der Moskauer Fälschung am laufenden Bande ein Ende zu bereiten, muß man die politische und die psychologische Mechanik der »freiwilligen Geständnisse« entlarven.

Im Jahre 1931 wurde in Moskau der Prozeß der Menschewiki aufgeführt, der völlig auf den Reuebekenntnissen der Angeklagten beruhte. Zwei der Angeklagten, den Historiker Suchanow und den Nationalökonomen Gromann kannte ich persönlich, den ersteren recht gut. Trotzdem die Anklageschrift in einigen ihrer Teile phantastisch klang, konnte ich nicht annehmen, daß alte Politiker, die ich bei aller Unversöhnlichkeit unserer Ansichten als ehrliche und ernste Menschen schätzte, derart über sich und andere zu lügen fähig wären. Gewiß, die GPU hat das Material abgerundet, sagte ich mir, vieles hinzugefügt, vieles erdacht, aber im Kern der Aussagen müssen wirkliche Tatsachen enthalten sein. Ich erinnere mich, daß mein Sohn, der damals in Berlin lebte, mir bei unserer späteren Begegnung in Frankreich sagte: »Der Menschewiki-Prozeß war offenbar durch und durch eine Fälschung.« »Aber die Aussagen Suchanows und Gromanns?«, erwiderte ich ihm, »das sind doch keine Schufte und keine käuflichen Karrieristen!« Zur Erklärung, wenn nicht zur Verteidigung, muß man sagen, daß ich

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die menschewistische Literatur lange nicht verfolgt, und seit Ende 1927 außerhalb jedes politischen Milieus, ohne lebendige, unmittelbare politische Eindrücke in der Türkei gelebt hatte. Mein Irrtum in der Einschätzung des Prozesses der Menschewiki ergab sich keinesfalls aus einem Vertrauen zur GPU (ich habe auch im Jahre 1931 gewußt, daß diese Institution in eine Bande von Lumpen ausgeartet ist), sondern aus dem Vertrauen zur Person einiger der Angeklagten. Ich hatte die weit fortgeschrittene Technik der Demoralisierung und Korrumpierung unterschätzt und die Widerstandsfähigkeit einiger Opfer der GPU überschätzt.

Die weiteren Enthüllungen aus dem Prozeß der Menschewiki und neue Prozesse mit ritualen Reuebekenntnissen hatten, mindestens für denkende Menschen, die Inquisitionsgeheimnisse der GPU noch vor dem Prozeß Sinowjew-Kamenjew aufgedeckt. Im Mai 1936 schrieb ich im »Bulletin der Opposition«: »Eine ganze Serie öffentlicher politischer Prozesse in der USSR hat gezeigt, mit welcher Bereitschaft manche Angeklagte Verbrechen auf sich nehmen, die sie bestimmt nicht begingen. Diese Angeklagten, die vor Gericht gleichsam eine einstudierte Rolle spielen, kommen mit leichten, mitunter offensichtlich fiktiven Strafen davon. Gerade im Austausch gegen diese Milde der Justiz machen sie eben ihre Geständnissen Wozu aber brauchen die Behörden diese falschen >Selbstbezichtigungen<? Manchmal, um eine dritte Person zu treffen, die mit der Sache sichtlich nichts zu tun hat; manchmal, um die eigenen Verbrechen zu verschleiern, in der Art der durch nichts gerechtfertigten blutigen Repressalien; schließlich um eine günstige Atmosphäre für die bonapartistische Diktatur zu schaffen ... Die Erpressung phantastischer, gegen sich selbst gerichteter Geständnisse von einem Angeklagten, um durch Abprallschlag dritte zu treffen, ist schon seit langem zu einem System der GPU, das heißt zu einem System Stalins geworden.« Diese Zeilen waren veröffentlicht zwei Monate vor dem Sinowjew-Kamenjew-Prozeß (August 1936), in dem ich zum erstenmal als der Organisator einer terroristischen Verschwörung genannt worden war.

„ Sämtliche Angeklagten, deren Namen mir bekannt sind, haben früher zur Opposition gehört und dann, aus Angst vor Parteispaltungen oder Verfolgungen, beschlossen, um jeden Preis in die Reinen der Partei zurückzukehren. Die regierende Cli-

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que verlangte von ihnen das laute Bekenntnis, daß ihr Programm falsch sei. Nicht einer von ihnen hatte das geglaubt, im Gegenteil, alle waren überzeugt, daß die Entwicklung die Richtigkeit des Programms der Opposition bestätigt hatte. Nichtsdestoweniger unterschrieben sie Ende 1927 eine Erklärung, in der sie sich fälschlicherweise »Abweichungen«, »Irrtümern« und Sünden gegen die Partei bezichtigten und ihre neuen Führer, für die sie keine Achtung hatten, rühmten. In embryonaler Form sind hier schon die späteren Moskauer Prozesse enthalten.

Es blieb nicht bei der ersten Kapitulation. Das Regime wurde immer totalitärer, der Kampf gegen die Opposition — immer wütender, die Beschuldigungen immer ungeheuerlicher. Politische Diskussionen konnte die Bürokratie nicht zulassen, denn es ging nur noch um ihre Privilegien. Um Gegner ins Gefängnis zu sperren, zu verbannen, zu erschießen genügte die Beschuldigung der »Abweichung« nicht. Man mußte der Opposition das Bestreben nachsagen, die Partei zu spalten, die Armee zu zersetzen, die Sowjetmacht zu stürzen, den Kapitalismus zu restaurieren. Um diese Anklage vor dem Volke zu bekräftigen, zog die Bürokratie jedesmal die früheren Oppositionellen ans Licht, und zwar gleichzeitig in der Eigenschaft von Zeugen und von Angeklagten. So verwandelten sich die Kapitulanten allmählich in professionelle falsche Zeugen gegen die Opposition und gegen sich selbst. In allen reumütigen Erklärungen figurierte unvermeidlich mein Name, als des wichtigsten »Feindes« der USSR, das heißt der Sowjetbürokratie: anders hatte das Dokument keine Kraft. Anfangs handelte es sich nur um meine Abweichungen in die Richtung zur »Sozialdemokratie«, an der nächsten Etappe war die Rede von konterrevolutionären Folgen meiner Politik, noch später von meinem De-facto-, wenn nicht De-jure-Bündnis mit der Bourgeoisie gegen die USSR usw. usw. Der Kapitulant, der den Versuch unternahm, diesen Erpressungen Widerstand zu leisten, stieß stets auf die gleiche Frage: »Also waren Ihre früheren Erklärungen unaufrichtig; Sie sind ein geheimer Feind?« So gestalteten sich die aufeinanderfolgenden Reueerklärungen zu einem Gewicht an den Beinen des Kapitulanten, das ihn in den Abgrund zog*.

* Siehe darüber mein Buch »Verratene Revolution«, geschrieben vor dem Prozeß der sechzehn.

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Sobald politische Schwierigkeiten drohten, wurden die ehemaligen Oppositionellen wieder verhaftet und verbannt, aus nichtigen oder fiktiven Anlässen: die Aufgabe bestand darin, das Nervensystem zu zerstören, die persönliche Würde zu töten, den Willen zu brechen. Nach jeder neuen Repressalie konnte man Amnestie erhalten nur durch eine verdoppelte Erniedrigung. Es wurde gefordert, in der Presse eine Erklärung abzugeben: »Ich gestehe, daß ich in der Vergangenheit die Partei getäuscht, daß ich gegen die Sowjetmacht unehrlich gehandelt habe, daß ich faktisch ein Agent der Bourgeoisie war; ich will von nun an mit den trotzkistischen Konterrevolutionären endgültig brechen ...« usw. So vollzog sich Schritt für Schritt die »Erziehung«, das heißt die Demoralisierung vieler Zehntausender Parteimitglieder und indirekt der gesamten Partei, der Angeklagten wie der Ankläger.

Die Ermordung Kirows (Dezember 1934) hat dem Prozeß der Schändung des Parteigewissens eine früher ungekannte Schärfe verliehen. Nach einer Reihe sich widersprechender und falscher offizieller Erklärungen mußte sich die Bürokratie mit einer halben Maßnahme begnügen, nämlich mit dem »Geständnis« von Sinowjew, Kamenjew und anderen, daß sie für den terroristischen Akt die »moralische Verantwortung« trügen. Diese Erklärung wurde durch ein einfaches Argument entrissen: »Wenn ihr uns nicht helft, die moralische Verantwortung für die terroristischen Akte der Opposition aufzuerlegen, so zeigt ihr damit eure faktische Sympathie mit dem Terror; wir werden mit euch dann entsprechend verfahren.« An jeder neuen Etappe erhob sich vor den Kapitulanten immer die gleiche Alternative: entweder sich lossagen von den früheren »Geständnissen« und sich auf einen hoffnungslosen Konflikt mit der Bürokratie einlassen — ohne Banner, ohne Organisation, ohne persönliche Autorität, — oder einen weiteren Schritt abwärts machen und sich und die anderen mit immer größeren Lumpereien belasten. So sieht die Progression des Absturzes aus! Stellte man ihren ungefähren »Koeffizienten« fest, dann konnte man im voraus den Charakter des »Reuebekenntnisses« an der nächsten Etappe voraussagen. Ich habe mehr als einmal diese Operation in der Presse vorgenommen.

Zur Erreichung ihrer Ziele hat die GPU viele ergänzende Mittel. Nicht alle Revolutionäre haben sich in den zaristischen Gefängnissen würdig benommen: die einen bereuten, die aride-

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ren verrieten, die dritten baten um Gnade. Die alten Archive sind längst untersucht und klassifiziert. Die wertvollsten Dossiers werden in Stalins Sekretariat aufbewahrt. Es genügt, so ein Papierchen herauszuholen, damit ein hoher Würdenträger in den Abgrund stürzt.

Andere, Hunderte heutiger Bürokraten befanden sich in der Epoche der Oktoberrevolution und des Bürgerkrieges im Lager der Weißen. So zum Beispiel die Blüte der Stalinschen Diplomatie: Trojanowski, Majski, Chintschuk, Suritz etc. So die Blüte der Journalistik: Kolzow, Saslawski und viele andere. So der schreckliche Ankläger Wyschinski, die rechte Hand Stalins. Die junge Generation weiß es nicht, die alte tut, als habe sie es vergessen. Es genügt, laut an die Vergangenheit eines Trojanowski zu erinnern, und die Reputation des Diplomaten liegt in Scherben. Stalin ist darum imstande, von Trojanowski jede Erklärung und jedes Zeugnis zu verlangen: die Trojanowskis geben sie ohne Zögern.

Dem Reuebekenntnis einer größeren Figur gehen in der Regel Dutzende falscher Zeugnisse voraus von Personen aus deren Umgebung. Die GPU beginnt mit Verhaftungen der Sekretäre, Stenographen, Schreibmaschinistinnen und verspricht ihnen nicht nur die Freiheit, sondern auch allerhand Privilegien, wenn sie die nötigen Aussagen gegen ihren gestrigen »Patron« machen. Schon im Jahre 1934 hat die GPU meinen Sekretär Glasmann zum Selbstmord getrieben. Im Jahre 1938 beantwortete der Chef meines Sekretariats, Ingenieur Butow, die Versuche der GPU, von ihm falsche Zeugnisse gegen mich zu erlangen, mit dem Hungerstreik und starb am fünfzigsten Tage im Gefängnis. Zwei meiner anderen Sekretäre, Sermux und Posnanski, haben Gefängnis und Verbannung seit 1939 nicht verlassen. Welches ihr Schicksal jetzt ist, ist mir unbekannt. Nicht alle Sekretäre zeichnen sich durch solche Standhaftigkeit aus. Die Mehrzahl von ihnen wird durch die Kapitulationen ihrer Patrone und der gesamten verfaulten Atmosphäre des Regimes demoralisiert. Um Smirnow oder Mratschkowski Aussagen zu entreißen, bewaffnete sich der GPU-Inquisitor zuerst mit falschen Denunziationen ihrer näheren und ferneren Mitarbeiter, ihrer Verwandten und früherer Freunde. Das auserwählte Opfer erweist sich am Ende derart in ein Netz falscher Zeugnisse verstrickt, daß jeder Widerstand zwecklos erscheint.

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Die GPU beobachtet aufmerksam die Familienverhältnisse der hohen Beamten. Der Verhaftung der späteren Angeklagten geht nicht selten die Verhaftung der Ehefrau voraus. Im Prozeß selbst figurieren die Ehefrauen in der Regel nicht; sie helfen aber der GPU während der Untersuchung, den Willen des Mannes zu brechen. In vielen Fällen entschließen sich die Verhafteten zu Geständnissen unter der Drohung mit intimen Enthüllungen, die das Opfer in den Augen der Ehefrau und der Kinder kompromittieren können. Sogar in den offiziellen Berichten kann man Spuren dieses Spieles hinter den Kulissen entdecken!

Ein zahlreiches Menschenmaterial für die Gerichtsamalgame liefern die große Schicht schlechter Administratoren, wirklicher oder angeblicher Schuldiger der wirtschaftlichen Mißerfolge und schließlich die im Umgang mit öffentlichen Geldern nachlässigen Beamten. Die Grenze zwischen Legalem und Illegalem ist in der US SR sehr nebelhaft. Neben dem offiziellen Gehalt existieren zahllose inoffizielle und halblegale Almosen. In normalen Zeiten gehen diese Operationen ungestraft durch. Aber die GPU hat die Möglichkeit, jederzeit ihr Opfer vor die Wahl zu stellen: zugrunde zu gehen als einfacher Defraudant und Dieb oder den Versuch zu machen, sich als Oppositioneller zu retten, der von Trotzki auf den Weg des Landesverrates verlockt wurde.

Doktor Ciliga, ein jugoslawischer Kommunist, der fünf Jahre in Stalins Gefängnissen zugebracht hat, erzählt, wie man die Widerstandleistenden einige Male am Tage aus ihrer Zelle in den Hof führt, wo die Erschießungen stattzufinden pflegen. Das wirkt. Man wendet kein glühendes Eisen an. Wahrscheinlich auch keine spezifischen Medikamente. Es genügt die »moralische« Wirkung solcher Spaziergänge.

Die Einfältigen fragen: Warum aber fürchtet Stalin nicht, daß seine Opfer vor einem öffentlichen Gericht plötzlich zu sich kommen und die Fälschung enthüllen könnten? Dieses Risiko ist ganz minimal. Die Mehrzahl der Angeklagten zittert nicht nur für sich, sondern auch für ihre Angehörigen. Es ist nicht so einfach, sich im Gerichtssaal zu einer effektvollen Geste zu entschließen, wenn Frau, Tochter, Sohn oder alle zusammen als Geiseln in den Händen der GPU sind. Und was heißt es, die Fälschung entlarven? Physische Folter hat es ja nicht gegeben. Die »freiwilligen« Geständnisse jedes einzelnen Angeklagten

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sind die natürliche Fortsetzung seiner vorangegangenen Reueerklärungen. Wie soll er den Gerichtssaal und die Menschheit glauben machen, daß alle Erklärungen und Geständnisse im Laufe von zehn Jahren nur eine Verleumdung seiner selbst waren?

Smirnow hatte den Versuch gemacht, vor Gericht die »Geständnisse«, die er in der Voruntersuchung abgelegt hatte, zurückzunehmen. Sofort wurde ihm als Zeugin seine Frau gegenübergestellt, man hielt ihm seine eigenen früheren Aussagen vor, alle übrigen Angeklagten verleumdeten ihn sofort. Ferner muß man die feindliche Atmosphäre des Saales hinzurechnen. Nach den Telegrammen und Korrespondenzen der diensteifrigen Journalisten scheint die Verhandlung »öffentlich«. In Wirklichkeit ist der Saal angefüllt mit GPU-Agenten, die absichtlich bei den dramatischsten Stellen kichern und den viehischen Ausfällen des Staatsanwalts applaudieren. Ausländer? Gleichgültige Diplomaten, der russischen Sprache nicht mächtig, oder ausländische Journalisten vom Typus Duranti, die eine fertige Meinung in der Tasche mitgebracht haben! Ein französischer Journalist hat sehr bildlich beschrieben, wie Sinowjew mit heißen Blicken den Saal abtastete und, kein einziges mitfühlendes Gesicht findend, hoffnungslos den Kopf sinken ließ. Man füge dem noch hinzu: die Stenotypistinnen, völlig in der Hand der GPU, der Vorsitzende, der jeden Augenblick die Sitzung abbrechen kann, die Agenten der GPU, die Publikum markieren, können jeden Moment ein wütendes Geheul anstimmen. Alles ist vorgesehen. Alle Rollen verteilt. Der Angeklagte, der während der Voruntersuchung sich mit der ihm aufgezwungenen schändlichen Rolle abgefunden hat, findet keinen Anlaß, sie vor Gericht zu ändern: er riskiert nur den letzten Schein einer Hoffnung auf Rettung.

Rettung? Aber Sinowjew und Kamenjew konnten, nach der Meinung der Herren Pritt und Rosenmark, nicht damit rechnen, ihr Leben zu retten durch Bekenntnisse nicht begangener Verbrechen. Warum nicht? Es hat in der Vergangenheit mehrere Prozesse gegeben, wo Angeklagte durch falsche Selbstbezichtigungen ihr Leben retteten. Die erdrückende Mehrzahl der Menschen, die an allen Enden der Welt den Moskauer Prozeß verfolgte, hat auf die Begnadigung der Angeklagten gehofft. Dasselbe wurde auch in der USSR beobachtet. Ein interessantes Zeugnis darüber finden wir in dem Londoner »Daily

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Herald«, einem Organ jener Partei, deren Parlamentsfraktion Herr Pritt schmückt Gleich nach der Hinrichtung der 16 schreibt.der Moskauer Korrespondent des »Daily Herald«: »Bis zum letzten Moment haben die 16 heute Erschossenen auf die Begnadigung gehofft« (Up to the last moment the 16 men shot today had hoped for clemency.) Und er fügt hinzu: »Man vermutete in breiten Kreisen, daß das erst vor fünf Tagen angenommene Sonderdekret das den Angeklagten das Appellationsrecht gibt zum Zwecke ihrer Begnadigung erlassen wurde.« (It had been widely supposed that a special decree passed only five days ago giving them the right to appeal, had been issued in order to spare fhem.) Dieses Zeugnis beweist, daß sogar in Moskau bis zur letzten Stunde die Atmosphäre der Hoffnung auf eine Begnadigung geherrscht hat Diese Hoffnungen wurden mit Absicht von den höchsten Stellen verbreitet und genährt. Das Todesurteil nahmen die Angeklagten, nach den Worten von Augenzeugen, ruhig, als etwas Selbstverständliches auf: sie hatten begriffen, daß ihren theatralischen Reuebekenntnissen nur das Todesurteil Gewicht verleihen konnte. Sie begriffen nicht, oder gaben sich Mühe, nicht zu begreifen, daß das richtige Gewicht dem Todesurteil nur seine Vollstreckung verleihen kann. Kamenjew, der überlegendste und nachdenklichste von allen Angeklagten, hatte offensichtlich die größten Zweifel in bezug auf den Ausgang der ungleichen Abmachung. Aber auch er hat sich wohl hundertmal wiederholen müssen: Wird es Stalin tatsächlich wagen? Stalin hat es gewagt. In den ersten zwei Monaten des Jahres 1923 bereitete sich der kranke Lenin darauf vor, einen entscheidenden Kampf gegen Stalin aufzunehmen. Er fürchtete, daß ich auf Konzessionen eingehen könnte, und warnte mich am 5. März: »Stalin wird ein faules Kompromiß schließen und dann betrügen.« Diese Formel gibt besser als jede andere die politische Methodologie Stalins wieder, auch in bezug auf die 16 Angeklagten: er hat mit ihnen ein »Kompromiß« abgeschlossen — durch den Untersuchungsrichter der GPU — und hat sie dann betrogen — durch den Henker. •

Stalins Methoden waren für die Angeklagten kein Geheimnis, Noch im Jahre 1926, als Sinowjew und Kamenjew offen mit Stalin gebrochen hatten, und in den Reihen der linken Opposition die Frage diskutiert wurde, mit welchem Gegner wir einen Block schließen könnten, sagte Mratschkowski, einer der Hel-

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den des Bürgerkrieges: »Mit keinem: Sinowjew wird davonlaufen, Stalin — betrügen.« Dieser Satz wurde sprichwörtlich. Sinowjew schloß mit uns bald danach einen Block und »lief« bald danach tatsächlich »davon«. Hinterher »lief davon«, neben vielen anderen, allerdings auch Mratschkowski. Die »Davongelaufenen« versuchten einen Block mit Stalin zu bilden. Dieser ging auf ein »faules Kompromiß« ein und betrog später. Die Angeklagten mußten den Kelch der Erniedrigungen bis auf den Grund leeren. Dann stellte man sie an die Wand.

Die Mechanik ist, wie wir sehen, an und für sich nicht kompliziert. Sie erfordert nur das totalitäre Regime, das heißt das Fehlen jeglicher Freiheit der Kritik, militärische Unterwerfung der Angeklagten, Zeugen, Untersuchungsrichter, Sachverständigen, Staatsanwälte, Richter unter einer Person und vollständige Gleichschaltung der Presse, die mit ihrem Wolfsgeheul die Angeklagten einschüchtert und die öffentliche Meinung hypnotisiert.

»Machtgier«

3. Januar. Nach Wyschinskis Worten (August 1936) hatte das »Vereinigte Zentrum« kein Programm gehabt. Es wurde nur von »nackter Machtgier« geleitet. Ich war selbstverständlich von dieser »Gier« am stärksten geplagt. Das Thema von meiner Herrschsucht haben sich die Söldlinge der Komintern und einige bürgerliche Journalisten wiederholt vorgenommen. In meiner ungeduldigen Sehnsucht, das Staatssteuer an mich zu reißen, versuchten diese Herren den Schlüssel zu finden zu meiner plötzlichen Tätigkeit als Terrorist. Eine solche Erklärung — »Machtgier« — findet im beschränkten Kopfe des Durchschnittsphilisters gut Platz.

Als die »neue Opposition« (Sinowjew, Kamenjew und die anderen) Anfang 1926 mit mir und meinen Freunden in Verhandlungen über ein gemeinsames Vorgehen trat, sagte mir Kamenjew beim ersten Gespräch unter vier Augen: »Der Block läßt sich natürlich nur in dem Falle verwirklichen, wenn Sie bereit sind, den Kampf um die Macht aufzunehmen. Wir haben uns mehreremal die Frage gestellt: Vielleicht ist Trotzki müde und will sich nur auf literarische Kritik beschränken, ohne den Weg des Kampfes um die Macht zu betreten? ...« In jenen Tagen waren nicht nur Sinowjew, der große Agitator, sondern auch Kamenjew, der »kluge Politiker«, nach Lenins Bezeich-

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nung, völlig von der Illusion befangen, man könne die verlorene Macht leicht zurückerobern. »Sobald Sie auf der Tribüne Hand in Hand mit Sinowjew erscheinen werden«, erklärte mir Kamenjew, »wird die Partei sagen: >Hier ist das Zentralkomitee! Hier ist die Regierung!< Die Frage ist nur, ob Sie eine Regierung schaffen wollen?« Nach drei Jahren Oppositionskampfes (1923-1926) teilte ich nicht im geringsten diese optimistischen Erwartungen. Unsere Gruppe (»Trotzkisten«) hatte zu jener Zeit bereits eine ziemlich abgeschlossene Vorstellung vom zweiten thermidorianischen Kapitel der Revolution, von der wachsenden Zwietracht zwischen Bürokratie und Volk, von der nationalkonservativen Entartung der regierenden Schicht und vom tiefen Einfluß der Niederlagen des Weltproletariats auf die Schicksale der USSR. Die Frage der Macht betrachtete ich nicht als eine selbständige Frage, das heißt losgelöst von diesen wichtigsten inneren und internationalen Prozessen. Die Rolle der Opposition für die nächste Periode erhielt notwendigerweise einen vorbereitenden Charakter. Man mußte neue Kader erziehen und die weitere Entwicklung der Ereignisse abwarten. In diesem Sinne antwortete ich Kamenjew: »Ich fühle mich nicht im geringsten >müde<, doch bin ich der Ansicht, daß man sich für eine ganze historische Periode mit Geduld wappnen muß. Es geht jetzt nicht um den Kampf um die Macht, sondern nur um die Vorbereitung geistiger und organisatorischer Mittel für diesen Kampf für den Fall eines neuen revolutionären Aufstiegs. Wann er eintreten wird, weiß ich nicht.« Wer meine »Autobiographie«, »Die Geschichte der Russischen Revolution«, »Kritik der Dritten Internationale« oder mein letztes Buch »Die verratene Revolution« gelesen hat, dem wird dieser Dialog mit Kamenjew nichts Neues sagen. Ich habe ihn hier nur deshalb angeführt, weil er an sich die Unsinnigkeit und Dummheit der mir von den Moskauer Falschmünzern zugeschriebenen »Idee« grell beleuchtet: mit Hilfe einiger Revolverschüsse das Rad der Revolution zurückzudrehen zum Oktober-Ausgangspunkt.

Schon während der nächsten anderthalb Jahre hat der Verlauf des innerparteilichen Kampfes die Illusionen Sinowjews und Kamenjews in bezug auf die schnelle Rückkehr zur Macht zerstreut. Aus dieser Nachprüfung haben sie aber die gerade entgegengesetzte Schlußfolgerung gezogen, wie die, die ich verteidigte. »Wenn die Möglichkeit nicht existiert, der regie-

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renden Gruppe die Macht zu entreißen«, erklärte Kamenjew, »dann bleibt nur, in das allgemeine Geschirr zurückzukehren.« Zur selben Folgerung war, nur nach längerem Hin- und Herschwanken, auch Sinowjew gekommen. Am Vorabend und vielleicht sogar schon während des XV. Parteikongresses, der die Opposition ausschloß, im Dezember 1937, hatte ich mit Sinowjew und Kamenjew die letzte Unterredung. In jenen Tagen mußte jeder von uns sein weiteres Schicksal für eine Reihe von Jahren oder richtiger für den Rest seines Lebens bestimmen. Am Ende des Streites, der in zurückhaltenden, aber im Kern tief »pathetischen« Tönen geführt wurde, sagte mir Sinowjew: »Im Testament hat Wladimir Iljitsch (Lenin) gewarnt, daß die Beziehungen zwischen Trotzki und Stalin die Partei spalten können. Bedenken Sie, welche Verantwortung Sie auf sich nehmen!« »Ist unsere Plattform richtig oder nicht?«, »Im Augenblick ist sie richtiger denn je!« (Nach wenigen Tagen sagten sich beide von der Plattform los.) »Wenn dem so ist, so zeigt die Schärfe des Kampfes seitens des Apparates gegen uns, daß es sich nicht um Konjunktur-Meinungsverschiedenheiten handelt, sondern um soziale Gegensätze. Der gleiche Lenin hat im gleichen >Testament< geschrieben, wenn die Meinungsverschiedenheiten in der Partei mit dem Auseinandergehen der Klassen zusammenfallen, dann wird uns keine Macht vor einer Spaltung retten; aber am wenigsten kann davor retten die Kapitulation!« Ich erinnere mich, daß ich nach einigen Repliken zum »Testament« zurückkehrte, in dem Lenin daran erinnert, daß Sinowjew und Kamenjew im Jahre 1917 »nicht zufällig« vor dem Aufstande zurückwichen. »Der heutige Moment ist in seiner Art nicht weniger verantwortlich, und ihr seid daran, einen neuen Irrtum gleicher Art zu begehen, der sich vielleicht als der größte Irrtum eures Lebens erweisen wird!« Diese Unterhaltung war die letzte. Wir haben danach nicht einen Brief, nicht eine Mitteilung gewechselt, weder direkt noch indirekt. Während der nächsten zehn Jahre habe ich nie aufgehört, die Kapitulation Sinowjews und Kamenjews zu geißeln, die neben dem harten Schlag gegen die Opposition zu viel tragischeren Resultaten für die Kapitulanten selbst geführt hat, als ich Ende 1927 hätte erwarten können.

Am s6. Mai 1928 schrieb ich aus Alma-Ata (Zentralasien) an Freunde: »Nein, die Partei wird uns noch sehr und sehr brauchen. Nur nicht nervös werden, weü >alles ohne uns geschehen

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wird<, nicht unnütz sich und andere zerrütten, lernen, abwarten, prüfen und nicht zulassen, daß sich die eigene politische Linie mit dem Rost persönlicher Gereiztheit bedeckt gegen die Verleumder und Schweinekerle — das muß unser Verhalten sein«

Es ist keine Übertreibung, zu behaupten, daß der in diesen Zeilen ausgedrückte Gedanke das grundlegende Motiv meiner politischen Tätigkeit ist. Seit meinen jungen Jahren lernte ich in der Schule des Marxismus Verachtung für den oberflächlichen Subjektivismus, der bestrebt ist, mit einer Kinderpeitsche oder einer Klapper die Geschichte anzuspornen. In der scheinrevolutionären Ungeduld sah ich stets die Quelle des Opportunismus wie des Abenteurertums. In Hunderten von Artikeln griff ich jene an, die der »Geschichte vorzeitig eine Rechnung präsentieren« (Mai 1909). Im März 1931 zitierte ich mit besonderer Sympathie die Worte meines verstorbenen Gesinnungsgenossen Kote Zinzadse, der in der Verbannung umgekommen ist: »Es ist ein Unglück mit Menschen, die nicht warten können!« Die Beschuldigung der Ungeduld weise ich ebenso zurück wie viele andere Beschuldigungen. Ich kann warten. Was bedeutet denn auch in diesem Falle »Warten«? Die Zukunft vorzubereiten! Und läuft denn nicht die ganze Tätigkeit eines Revolutionärs darauf hinaus?

Für eine proletarische Partei bedeutet Macht ein Mittel zum sozialistischen Umbau der Gesellschaft. Unbrauchbar wäre der Revolutionär, der nicht danach strebte, den staatlichen Zwangsapparat in den Dienst seines Programms zu stellen. In diesem Sinne bildet der Kampf um die Macht nicht irgendeine selbständige Funktion, sondern er ist ein Teil der revolutionären Arbeit überhaupt: Erziehung und Sammlung der werktätigen Massen. Insofern die Eroberung der Macht sich naturgemäß aus dieser Arbeit ergibt und ihr dient, kann auch die Macht selbst eine persönliche Befriedigung bieten. Doch ist eine ganz besondere Stumpfheit und Vulgarität erforderlich, um die Macht der Macht wegen anzustreben. Dazu sind nur Menschen fähig, die zu nichts Besserem fähig sind.

»Haß gegen Stalin«

4. Januar. Es bleibt noch, etwas über meinen sogenannten »Haß« gegen Stalin zu sagen. Davon wurde nicht wenig in dem Moskauer Prozeß als von dem bewegenden Motiv meiner

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Politik gesprochen. Im Munde eines Wyschinski, in den Leitartikeln der Moskauer »Prawda« und den Organen der Komintern ist das Gefasel von meinem Haß gegen Stalin die Kehrseite der Erhöhung des »Führers«. Stalin schafft ein »glückliches Leben«. Die gestürzten Gegner sind nur imstande, ihn zu beneiden und zu »hassen«. Das ist die tiefe Psychoanalyse von Lakaien!

Gegen jene Kaste der gierigen Parvenüs, die »im Namen des Sozialismus« dem Volke die Kehle zudrücken, fühle ich unversöhnliche Feindseligkeit und, wenn man will, Haß. Doch ist in diesem Gefühl nicht Personelles. Ich habe zu nahe alle Etappen der Entartung der Revolution und die fast automatische Usurpation ihrer Errungenschaften beobachtet, ich habe zu beharrlich und eingehend Erklärungen für diese Prozesse in den objektiven Bedingungen des sozialen Kampfes gesucht, um meine Ansichten und meine Gefühle auf eine einzelne Person zu konzentrieren. Allein schon der Beobachtungspunkt, den ich innehatte, erlaubte mir nicht, die reale menschliche Figur mit ihrem gigantischen Schatten auf dem Hintergrunde der Bürokratie zu identifizieren. Ich halte mich deshalb für berechtigt zu sagen, daß ich Stalin niemals in meinem Bewußtsein bis zu dem Gefühl des Hasses erhoben habe.

Abgesehen von einer zufälligen, wortlosen Begegnung in Wien um 1911 in der Wohnung Skobelews, des späteren Ministers der Provisorischen Regierung, kam ich mit Stalin zum erstenmal nach meiner Ankunft in Petersburg im Mai 1917 in Berührung, d. h. nach meiner Rückkehr aus dem kanadischen Konzentrationslager. Stalin war für mich damals eines der Mitglieder des bolschewistischen Stabes, unmarkanter als eine Reihe anderer. Er ist kein Redner, schreibt farblos. Seine Polemik ist grob und vulgär. Auf dem Hintergrunde der grandiosen Meetings, Demonstrationen und Zusammenstöße hat er politisch kaum existiert. Aber auch in den Beratungen des bolschewistischen Stabes blieb er im Schatten. Sein langsames Denken kam mit dem Tempo der Ereignisse nicht mit. Nicht nur Sinowjew und Kamenjew, aber auch der junge Swerdlow und sogar Sokolhikow nahmen bei den Debatten einen größeren Platz ein als Stalin, der das ganze Jahr 1917 im Zustande des Abwartens verbrachte. Die nachträglichen Versuche der gedungenen Historiker, Stalin im Jahre 1917 eine beinah führende Rolle zuzuschreiben (vermittels des nie existent gewesenen

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»Komitees« zur Leitung des Aufstandes), ist eine grobe historische Fälschung.

Nach der Machteroberung begann Stalin sich etwas sicherer zu fühlen und zu handeln, blieb jedoch weiter eine Figur im Hintergrunde. Ich bemerkte bald, daß Lenin Stalin »vorschiebt«. Ohne dieser Tatsache sonderlich meine Aufmerksamkeit zu widmen, zweifelte ich keinen Augenblick daran, daß Lenin nicht persönliche Parteilichkeit, sondern sachliche Erwägungen leiteten. Allmählich wurden sie mir klar. Lenin schätzte an Stalin dessen Härte, Ausdauer, Beharrlichkeit, teils auch die Schlauheit, als eine im Kampfe erforderliche Eigenschaft. Selbständige Gedanken, politische Initiative, schöpferische Phantasie erwartete und verlangte Lenin von ihm nicht. Ich entsinne mich, daß ich während des Bürgerkrieges das Mitglied des Zentralkomitees, Serebrjakow, der damals mit Stalin im Revolutionären Kriegskomitee der Südfront zusammen arbeitete, fragte, ob dort die Teilnahme beider notwendig sei, ob er, Serebrjakow, im Interesse der Kräfteökonomie nicht auch ohne Stalin fertig werden könne. Serebrjakow überlegte und antwortete: »Nein, so pressen wie Stalin kann ich nicht, das ist nicht meine Spezialität.« Die Fähigkeit, zu »pressen«, hat Lenin an Stalin sehr geschätzt. Stalin fühlte sich um so sicherer, je mehr der Staatsapparat des »Pressens« wuchs und sich festigte. Man muß noch hinzufügen: und je mehr der Geist von 1917 sich aus diesem Apparat verflüchtigte.

Die heutige offizielle Angleichung Stalins an Lenin ist geradezu eine Schamlosigkeit. Geht man von der Größe der Persönlichkeit aus, so kann man Stalin nicht einmal auf ein Brett mit Mussolini oder Hitler stellen. So arm die Ideen des Faschismus auch sind, so haben doch beide siegreichen Führer der Reaktion, der italienischen und der deutschen, vom Anfang begonnen, Initiative gezeigt, Massen auf die Beine gebracht, sind eigene Wege gegangen. Nichts Ähnliches kann man von Stalin behaupten. Er ist aus dem Apparat erwachsen und von ihm untrennbar. Zu den Massen hat er keinen anderen Zugang als durch den Apparat. Erst nachdem die Zuspitzung der sozialen Gegensätze auf der Grundlage der NEP es der Bürokratie ermöglicht hatte, sich über die Gesellschaft zu erheben, begann Stalin sich über die Partei ^u erheben. In der ersten Periode war er selbst über den eigenen Aufstieg überrascht. Er trat unsicher auf, nach rechts und nach links schielend, immer

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zum Rückzug bereit. Als Gegengewicht gegen mich wurde er aber gestützt und gestoßen von Sinowjew und Kamenjew und zum Teil auch von Rykow, Bucharin und Tomski. Keiner von ihnen hat damals gedacht, daß Stalin ihm über den Kopf wachsen könnte. In der Periode der »Troika« verhielt sich Sinowjew zu Stalin vorsichtig-gönnerhaft, Kamenjew — ein wenig ironisch. Ich erinnere mich, wie bei den Debatten im ZK Stalin einmal das Wort »rigoros« ganz unangebracht anwandte (so was geschieht bei ihm häufig); Kamenjew sah mich verschmitzt an, als wollte er sagen: »Nichts zu machen; man muß ihn nehmen, wie er ist.« Bucharin hielt »Koba« (der alte illegale Name Stalins) für einen Menschen mit Charakter (über Bucharin hatte Lenin öffentlich gesagt: weicher als Wachs) und meinte, »wir« brauchten solche, und wenn er ungebildet und kulturlos ist, werden »wir« ihm schon helfen. Auf diesem Gedanken beruhte der Block Stalin-Bucharin nach dem Zerfall der Troika. So haben alle Umstände, die sozialen und die personellen, Stalins Aufstieg gefördert.

Im Jahre 1923 oder 1934 erwiderte mir J. N. Smirnow, der zusammen mit Sinowjew und Kamenjew erschossen wurde, in einem Privatgespräch: »Stalin-Kandidat für den Posten eines Diktators? Das ist doch ein ganz farbloser Mensch, eine Null.« »Farblos — ja, eine Null — nein«, antwortete ich Smirnow. Über das gleiche Thema hatte ich etwa zwei Jahre später einen Streit mit Kamenjew, der entgegen allem Augenschein behauptete, Stalin sei »ein Führer von Kreisstadt-Format«. In dieser sarkastischen Charakteristik war gewiß ein Körnchen Wahrheit, aber nur ein Körnchen. Solche Eigenschaften des Intellekts, wie Schlauheit, Treubruch, Fähigkeit, auf den niedrigsten Instinkten der menschlichen Natur zu spielen, sind bei Stalin außerordentlich entwickelt und bilden bei einem Menschen mit starkem Charakter ein mächtiges Werkzeug im Kampfe. Selbstverständlich nicht in jedem Kampfe. Der Befreiungskampf der Massen erfordert andere Eigenschaften. Wo es jedoch um die Auslese der Privilegierten, der durch Kastengeist Verbundenen, um die Entmachtung und Disziplinierung der Massen geht, dort sind Stalins Eigenschaften wahrhaft unschätzbar, und sie haben ihn mit Recht zum Führer des Thermidors gemacht.

Und doch, alles in allem genommen, bleibt Stalin eine Mittelmäßigkeit. Er ist weder zur Verallgemeinerung noch zur Vor-

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aussieht fähig. Sein Verstand ist nicht nur des Glanzes und des Fluges bar, sondern auch zum logischen Denken unfähig. Jeder Satz seiner Rede verfolgt irgendeinen praktischen Zweck, aber die Rede erhebt sich niemals zu einem logischen Aufbau. In dieser Schwäche liegt Stalins Stärke. Es gibt historische Aufgaben, die man nur durch Verzicht auf Verallgemeinerungen lösen kann; es gibt Epochen, wo Verallgemeinerung und Voraussicht unmittelbare Erfolge ausschließen: das sind Epochen des Hinabgleitens, des Abstieges, der Reaktion. Helvetius hat einmal gesagt, daß jede gesellschaftliche Epoche ihre großen Männer erfordert, und wenn es solche nicht gibt, erfindet sie sie. Über den heute vergessenen französischen General Changarnier schrieb Marx: »Bei dem gänzlichen Mangel an großen Persönlichkeiten sah sich natürlich die Ordnungspartei gedrungen, die ihrer ganzen Klasse fehlende Kraft einem einzelnen Individuum anzudichten und so zum Ungeheuren aufzuschwellen.« Um mit den Zitaten Schluß zu machen, kann man auf Stalin noch die Worte Friedrich Engels über Wellington anwenden: Er sei in seiner Art groß, und zwar gerade so groß, wie man groß sein kann, ohne aufzuhören, eine Mittelmäßigkeit zu sein. Die »individuelle Größe« ist letzten Endes eine soziale Funktion. Wenn Stalin in der Lage gewesen wäre, vorauszusehen, wohin ihn der Kampf gegen den »Trotzkismus« bringen wird, er hätte wahrscheinlich haltgemacht, trotz der Perspektive des Sieges über alle seine Gegner. Aber er hat nichts vorausgesehen. Die Voraussagen der Gegner, er werde ein Führer des Thermidors, ein Totengräber der Partei und der Revolution werden, schienen ihm ein leeres Phantasiespiel. Er glaubte an die Eigenmacht des Apparates, an dessen Fähigkeit, alle Aufgaben zu lösen. Er verstand absolut nicht die historische Funktion, die er erfüllte. Der Mangel an schöpferischer Phantasie, die Unfähigkeit zur Verallgemeinerung und Voraussicht haben Stalin als Revolutionär umgebracht. Aber die gleichen Züge haben ihm erlaubt, mit Hilfe der Autorität des früheren Revolutionärs den Aufstieg der thermidorianischen Bürokratie zu decken.

Stalin hat systematisch den Apparat demoralisiert. Als Antwort hat der Apparat seinem Führer Zügellosigkeü zugestanden. Die Eigenschaften, die es Stalin ermöglichten, die größten Fälschungen und Justizmorde der menschlichen Geschichte zu begehen, waren selbstverständlich in seiner Natur enthal-

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ten. Doch waren Jahre totalitärer Allmacht nötig, um diesen verbrecherischen Eigenschaften wahrhaft apokalyptische Ausmaße zu verleihen. Ich habe schon die Schlauheit und das Fehlen innerer Bremsungselemente erwähnt. Man muß noch hinzufügen: Grausamkeit und Rachsucht. Lenin hat bereits im Jahre 1931 vor der Ernennung Stalins zum Generalsekretär gewarnt: »Dieser Koch wird nur scharfe Gerichte brauen.« Im Jahre 1923 gestand Stalin in einer intimen Unterhaltung mit Kamenjew und Dserschinski, daß der höchste Genuß im Leben für ihn darin bestehe, sich ein Opfer auszusuchen, die Rache vorzubereiten, einen Schlag zu versetzen und dann schlafen zu gehen. »Er ist ein schlechter Mensch«, sagte mir über Stalin Krestinski, »er hat gelbe Augen.« Man liebte Stalin sogar in den Reihen der Bürokratie nicht, solange man kein Bedürfnis nach ihm verspürte.

Je unkontrollierter die Macht der Bürokratie wurde, um so plumper drangen nach außen die verbrecherischen Züge in Stalins Charakter. Krupskaja, die im Jahre 1926 sich für eine Weile der Opposition angeschlossen hatte, erzählte mir von dem tiefen Mißtrauen und der akuten Feindseligkeit, die Lenin in der letztön Periode seines Lebens gegen Stalin hegte und die einen sehr gemilderten Ausdruck in seinem »Testament« gefunden haben. »Wolodja sagte mir: ihm (Stalin) fehlt die elementare Ehrlichkeit, verstehst du, die einfache menschliche Ehrlichkeit ...« Das letzte Dokument, das Lenin hinterlassen hat, ist ein von ihm diktierter Brief, in dem er Stalin den Bruch aller persönlichen und parteigenössischen Beziehungen ankündigt. Man kann sich vorstellen, wieviel der Kranke auf seinem Herzen hatte, wenn er sich zu diesem äußersten Schritt entschloß!... Indes, der wahre »Stalinisifius« hat sich erst nach Lenins Tod entfaltet.

Nein, persönlicher Haß ist ein zu enges, privates, häusliches Gefühl, als daß es eine Einwirkung haben könnte auf die Richtung des historischen Kampfes, der über jeden der Teilnehmer unermeßlich hinauswächst. Selbstverständlich verdient Stalin die härteste Strafe, sowohl als Totengräber der Revolution wie als Organisator unerhörter Verbrechen. Doch ist diese Strafe kein selbständiges Ziel und für sie existieren keine besonderen Methoden. Sie muß sich ergeben — und wird sich ergeben! — aus dem Siege der Arbeiterklasse über die Bürokratie. Damit will ich keinesfalls die auf Stalin lastende persönliche Verant-

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wortung mildern. Im Gegenteil, gerade weil seine Verbrechen so beispiellos sind, kann es keinem ernsten Revolutionär in den Sinn kommen, sie mit einem terroristischen Akt zu beantworten. Nur die historische Katastrophe des Stalinismus, als Resultat des revolutionären Sieges der Massen, wird nicht nur die politische, sondern auch die moralische Genugtuung bringen. Und diese Katastrophe ist unabwendbar.

Um das Kapitel »Haß« und »Machtgier« zu schließen, muß ich hinzufügen, daß ich, trotz den persönlichen Prüfungen der letzten Periode, unendlich weit entfernt bin von jener Psychologie der »Verzweiflung«, die mir die Sowjetpresse, die stalinsche Staatsanwaltschaft und ihre unvorsichtigen oder unklugen »Freunde« im Westen anbinden. Keinen einzigen Tag in diesen dreizehn Jahren habe ich mich gebrochen oder besiegt gefühlt. Nicht für einen Tag habe ich aufgehört, auf die Verleumdung und die Verleumder von oben herabzublicken. In der Schule der großen historischen Erschütterungen habe ich gelernt und ich glaube erlernt, den Gang der Entwicklung mit seinem eigenen inneren Rhythmus und nicht mit dem kurzen Metermaß des persönlichen Schicksals zu messen. Für Menschen, die fähig sind, das Leben in schwarzen Farben zu sehen, nur weil sie den heiligen Ministersessel verloren haben, kann ich nur ironisches Mitleid empfinden. Die Bewegung, der ich diene, ist vor meinen Augen durch Perioden der Aufstiege und Abstiege und Wiederaufstiege gegangen. Im Augenblick ist sie weit zurückgeworfen. Jedoch liegen in den objektiven Bedingungen der Weltwirtschaft und der Weltpolitik auch die Bedingungen eines neuen gigantischen Aufstiegs enthalten, der alle vorangegangenen weit hinter sich lassen wird. Diese Zukunft klar vorauszusehen, durch alle Schwierigkeiten der Gegenwart sich auf sie vorzubereiten, an der Formierung neuer marxistischer Kader mitzuarbeiten — über diese Aufgabe geht mir nichts ... Es bliebe noch, mich bei dem Leser für diese rein persönlichen Geständnisse zu entschuldigen: sie sind durch das Wesen der Justizfälschung erzwungen.

5. Januar, siebzehnter Tag des Weges. Nach der episodischen Niederlage der Arbeiter Petersburgs, im Juli 1917, erklärte Kerenskis Regierung Lenin, mich und eine Reihe anderer Bolschewiki (Stalin geriet damals nur deshalb nicht unter ihre Zahl, weil sich für ihn niemand interessierte) für Agenten des

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deutschen Generalstabes. Die Stütze der Beschuldigungen waren Angaben des Fähnrichs Jermolenko, eines Agenten der zaristischen Konterspionage. In der nach der »Enthüllung« ersten Sitzung der bolschewistischen Fraktion des Sowjets herrschte eine Stimmung der Bedrücktheit, Fassungslosigkeit, ja geradezu des Alpdrucks. Lenin und Sinowjew hielten sich schon verborgen. Kamenjew war verhaftet. »Nichts zu machen«, sagte ich in meinem Referat, »die Petersburger Arbeiter haben Prügel bekommen, die bolschewistische Partei ist in die Illegalität gejagt worden. Das Kräfteverhältnis hat sich jäh verändert. Alles Dunkle, Unwissende kriecht nach oben. Der Fähnrich Jermolenko ist der Inspirator Kerenskis geworden, der selbst nicht viel höher als Jermolenko steht. Wir werden durch dieses unvorhergesehene Kapitel hindurch müssen ... Wenn die Massen aber den Zusammenhang zwischen der Verleumdung und den Interessen der Reaktion begreifen, werden sie sich uns zuwenden.« Ich habe damals nicht vorausgesehen, daß Josef Stalin, Mitglied des ZK der bolschewistischen Partei, nach achtzehn Jahren die Version Kerenski-Jermolenko erneuern wird!

Kein einziger Angeklagter aus der Zahl der alten Bolschewiki hat seine »Verbindung« mit der Gestapo gestanden. Dabei haben sie mit Geständnissen nicht gekargt. Kamenjew, Sinowjew und die anderen haben nicht nur Reste der Selbstachtung daran gehindert, der GPU bis ans Ende zu folgen, sondern auch Bedenken des gesunden Verstandes. Nach ihr'em Dialog mit dem Staatsanwalt in bezug auf die Gestapo ist es nicht schwer, den Handel zu rekonstruieren, der während der Gerichtsuntersuchung hinter den Kulissen geführt wurde. »Ihr wollt Trotzki entehren und vernichten«, sagte wahrscheinlich Kamenjew. »Wir wollen Euch helfen. Wir sind bereit, Trotzki als Organisator terroristischer Akte hinzustellen. Die Bourgeoisie kennt sich schlecht in diesen Fragen aus, und nicht nur die Bourgeoisie allein: Bolschewiki ... Terror ... Morde ... Machtgier ... Rachedurst ... Dem allem kann man glauben .—.. Aber keiner wird glauben, daß Trotzki oder wir, Kamenjew, Sinowjew, Smirnow usw., mit Hitler verbunden sind. Wenn wir alle Grenzen des Wahrscheinlichen übertreten, riskieren wir auch die Anklage wegen Terror zu kompromittieren, die, wie Ihr wohl selbst wißt, auch nicht auf granitenem Fundament errichtet ist. Und außerdem erinnert die Beschuldigung der Ver-

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bindung mit der Gestapo zu sehr an die Verleumdung gegen Lenin und den gleichen Trotzki im Jahre 1917 ...«

Diese vermutliche Argumentation Kamenjews ist überzeugend genug. Sie hat aber Stalin nicht erschüttert; er hat die Gestapo in die Sache hineingezogen. Der erste Eindruck ist: die Wut hat ihn geblendet. Jedoch ist dieser Eindruck wenn auch kein Irrtum, so doch einseitig. Auch Stalin hatte keine Wahl. Die Beschuldigung, Terror angewandt zu haben, würde an sich die Aufgabe nicht lösen. Die Bourgeoisie würde denken: »Die Bolschewiki bringen einander um, warten wir ab, was daraus entstehen wird.« Was die Arbeiter betrifft, so könnte ein großer Teil von ihnen sagen: die Sowjetbürokratie hat den ganzen Reichtum und die ganze Macht sich angeeignet und unterdrückt jedes Wort der Kritik — vielleicht hat Trotzki recht, wenn er zum Terror aufruft? Der temperamentvollere Teil der Sowjetjugend kann, wenn er erfährt, daß hinter dem Terror die Autorität ihr gut bekannter Namen steht, vielleicht diesen noch unerprobten Weg tatsächlich beschreiten. Stalin mußte die gefährlichen Folgen des eigenen Spiels fürchten. Und deshalb übten auf ihn die Einwände Kamenjews und der anderen keine Wirkung aus. Er brauchte, daß die Gegner im Schmutze ertrinken. Nichts Wahrscheinlicheres als die Verbindung mit der Gestapo konnte er ausdenken. Terror in Verbindung mit Hitler! Der Arbeiter, der an dieses Amalgam glaubt, ist für immer gegen »Trotzkismus« geimpft. Die Schwierigkeit ist, ihn daran glauben zu machen...

Das Gewebe des Prozesses bildet, sogar in der geglätteten und falsifizierten Form, die sich aus dem offiziellen »Bericht« (Ausgabe des Volkskommissariats für Justiz) ergibt, eine solche Anhäufung von Widersprüchen, Anachronismen und einfachem Unsinn, daß allein schon die systematische Darstellung des »Berichtes« alle Anklagen vernichtet. Das ist nicht zufällig so: die GPU arbeitet ohne Kontrolle. Keinerlei Reibungen, Enthüllungen oder Überraschungen sind zu erwarten. Die völlige Solidarität der Presse ist gesichert. Die Untersuchungsrichter der GPU verlassen sich viel mehr auf die Einschüchterung als auf die eigene Findigkeit. Sogar als Fälschung ist der Prozeß plump, ungereimt, stellenweise hoffnungslos dumm. Man kann nicht umhin, zu bemerken, daß den letzten Stempel der Dummheit der allmächtige Staatsanwalt Wyschinski, ein früherer Provinzadvokat und Menschewik, ihm aufdrückte.

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Und doch ist der Plan ungeheuerlicher als die Durchführung. Die Tatsache zum Beispiel, daß der wichtigste Zeuge gegen mich, der einzige alte Bolschewik, der mich angeblich im Auslande besucht hat, nämlich Golzmann, das Unglück hat, als Begleiter meinen Sohn zu nennen, der in Kopenhagen nicht war, und als Treffpunkt das Hotel Bristol, das längst nicht mehr existiert, diese und ähnliche Tatsachen sind vom juristischen Standpunkt aus von entscheidender Bedeutung. Aber für einen denkenden Menschen, dem das psychologische und das moralische Gefühl nicht abgeht, sind diese »kleinen« Defekte der großen Fälschung überflüssig. Die Prägung einer falschen Münze kann besser oder schlechter sein. Aber lohnt es sich, die Prägung zu untersuchen, wenn ich die Münze in die Hand nehmen und mit Bestimmtheit sagen kann: sie ist zu leicht, oder wenn ich sie auf den Tisch werfe und sogleich höre: sie hat den dumpfen Klang des »Amalgams«?

Die Behauptung, daß ich mit der Gestapo einen Bund eingehen konnte, um den stalinschen Beamten Kirow zu ermorden, ist an sich derart dumm, daß ein vernünftiger und ehrlicher Mensch die Details der stalinschen Fälschung zu untersuchen gar keine Lust haben wird.

Die Entsendung von »Terroristen« aus dem Auslande

6. Januar. In der Nacht kamen wir in die Mexikanische Bucht hinein. Die Temperatur des Wassers ist 27 Grad Celsius! In der Kajüte ist es heiß. Der Polizeioffizier und der Kapitän regulieren durchs Radio die Bedingungen unserer Landung (wohl in Tampico und nicht in Vera-Cruz, wie es vor einigen Tagen geplant war).

Mit der Vorbereitung der Prozeßfälschungen ist eines der schändlichsten Kapitel der Sowjetdiplomatie verbunden: Litwinows Initiative in Sachen des internationalen Kampfes gegen Terroristen. Am 9. Oktober 1934 wurden in Frankreich der jugoslawische König Alexander und der französische Minister Barthou ermordet. Der Mord war von kroatischen und bulgarischen Nationalisten organisiert, hinter denen Ungarn und Italien standen. Wenn auch der Marxismus terroristische Kampfmethoden ablehnt, so folgt daraus nicht, daß Marxisten der imperialistischen Polizei die Hand reichen dürfen zum Zweck der gemeinsamen Ausrottung der »Terroristen«. Aber gerade

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so hat sich Litwinow in Genf benommen. Mit Berufung auf Marx hat er die Parole aufgestellt: »Polizisten aller Länder, vereinigt euch!« Es ist nicht möglich, sagte ich damals Freunden, daß diese Scheußlichkeit keinen bestimmten Zweck verfolgt. Um mit den inneren Gegnern abzurechnen, braucht Stalin den Völkerbund nicht. Gegen wen ist dann Litwinows Rede gerichtet? Die Antwort ergab sich von selbst: gegen mich. Was sich vorbereitete, konnte ich natürlich nicht wissen. Doch stand es für mich schon damals außer Zweifel, daß es sich um irgendeine gigantische Fälschung handelt, in die ich auf irgendeine Weise hineingezogen werden muß, wobei die internationale, von Litwinow inspirierte Polizei Stalin helfen sollte, an mich heranzukommen.

Jetzt ist diese ganze Machination völlig klär. Litwinows erste Versuche, eine heilige Allianz gegen »Terroristen« zu schaffen, fallen zusammen mit der Periode der Vorbereitung des ersten Amalgams um Kirow. Entsprechende Instruktionen erteilte Stalin Litwinow vor der Ermordung Kirows, das heißt in jenen heißen Tagen, als die GPU ein Attentat vorbereitete mit der Berechnung, die Opposition darin zu verwickeln. Der Plan erwies sich jedoch als zu kompliziert und stieß auf eine Reihe vori Hindernissen. Nikolajew hatte zu früh geschossen. Der lettische Konsul hatte nicht Zeit gehabt, die Terroristen mit mir zu verbinden. Ein internationales Tribunal gegen Terroristen ist bis jetzt nicht geschaffen worden. Vom großen Plane, an mich vermittels des Völkerbundes heranzukommen, sind bis jetzt nur die skandalösen Reden des Sowjetdiplomaten übriggeblieben, die auf eine Vereinigung der Weltpolizei gegen »Trotzkismus« gemünzt waren.

Die »terroristische« Woche in Kopenhagen (November 1932) ist eng mit der Idee des internationalen Tribunals verbunden. Wenn das terroristische Zentrum existiert und in Moskau handelt, und ich es vom Auslande aus nur durch Briefe »inspiriere«, die niemals dem Staatsanwalt in die Hände fallen, dann ist die Möglichkeit, mich vor dem Tribunal des Völkerbundes anzuklagen, sehr problematisch. Es war unbedingt notwendig, daß ich aus dem Auslande lebendige Terroristen schickte. Aus diesem Grunde haben mich mir unbekannte junge Menschen, Bermann und Fritz David, angeblich in Kopenhagen besucht, wo ich sie im Laufe einer einzigen Unterhaltung in Terroristen, und gleichzeitig auch in Agenten der Gestapo verwandelte. 

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Als ich sie aber in die USSR mit dem Auftrage schickte, möglichst viele »Führer« in einer möglichst kurzen Frist umzubringen, empfahl ich ihnen gleichzeitig, nicht in Beziehungen"zu treten mit dem Moskauer terroristischen Zentrum ... aus konspirativen Gründen: das sicherste Mittel, das »terroristische Zentrum« zu erhalten, besteht nämlich darin, es von der Teilnahme an terroristischen Akten zu befreien ... Mit den gleichen Absichten: die nötigen Zeugenaussagen für das Tribunal des Völkerbundes vorzubereiten, war zu mir nach Kopenhagen auch Golzmann gekommen, der aber das Pech hatte, in dem längst nicht mehr existierenden Hotel sich mit meinem Sohne zu treffen, der zu jener Zeit in Berlin war. Mit Olberg, den beiden Lurje, Moses und Nathan, verhielt sich die Sache noch einfacher: die habe ich, ohne sie je gesehen zu haben, aus der Ferne zu terroristischen Arbeiten beordert. Nein, die Kopenhagener Woche hat den Autoren des großen Planes keine Lorbeeren eingebracht. Aber was konnten sie auch anderes bieten?

Kamenjew hat vor Gericht mit besonderer Beharrlichkeit darauf hingewiesen, daß, solange Trotzki im Auslande bleibt, von dort unvermeidlich Terroristen in die Sowjetunion kommen werden. Die Züge des »klugen Politikers« wahrend, ist Kamenjew auch auf der letzten Stufe der Erniedrigung Stalins Hauptaufgabe: meinen Aufenthalt in jedem ausländischen Staate unmöglich zu machen, entgegengekommen. Trotzki im Auslande — bedeutet terroristische Akte in der USSR! Kamenjew berührte die Frage nicht, aus welcher Mitte ich eigentlich Terroristen würde werben können. Im Auslande gibt es zwei Kreise russischer Menschen; die weiße Emigration und die Sowjetkolonien um die Gesandtschaften herum. Nach meiner Ausweisung in die Türkei hat die GPU durch die Sektionen der Komintern beharrlich versucht, ausländische, insbesondere tschechische »Trotzkisten« mit der weißen Emigration zu »verbinden«. Aber meine ersten, im Auslande veröffentlichten Artikel machten diesen Intrigen ein Ende. In allen ihren Gruppierungen, ausnahmslos, fühlt sich die weiße Emigration, so feindlich sie Stalin auch gegenüberstehen mag, ihm unvergleichlich näher als mir und verheimlicht das nicht im geringsten. Was die ausländischen Sowjetkreise betrifft, so sind sie sehr eng und stehen unter derartiger Aufsicht der GPU, daß von irgendeiner organisatorischen Arbeit unter ihnen nicht die Rede sein kann.

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Es genügt daran zu erinnern, daß Blumkin erschossen wurde wegen eines Besuches bei mir in Konstantinopel: das war meine einzige Begegnung mit einem Sowjetbürger während der ganzen Jahre meiner Verbannung. Auf der Liste der Angeklagten war jedenfalls weder einer von der weißen Emigration, noch von den ausländischen Sowjetangestellten. 

Wer aber sind jene fünf »Terroristen«, die ich aus dem Auslande nach Moskau geschickt habe und die ihre terroristischen Absichten erst im Gerichtssaal entdeckten? Das sind alles jüdische Intellektuelle, und zwar nicht aus der USSR, sondern aus den Nachfolgestaaten, die früher Teile des zaristischen Rußlands waren (Litauen, Lettland usw.). Ihre Familien sind seinerzeit vor der bolschewistischen Revolution geflüchtet, die Vertreter der jüngeren Generation aber haben sich dank ihrer Beweglichkeit, Anpassungsfähigkeit, Sprachenkenntnis, insbesondere des Russischen, nicht schlecht im Apparat der Komintern eingerichtet. Durchweg Abkömmlinge des kleinbürgerlichen Milieus, ohne Verbindung mit der Arbeiterklasse irgendeines Landes, ohne revolutionäre Stählung, ohne ernste theoretische Vorbereitung, wurden diese gesichtslosen Beamten der Komintern, stets dem letzten Zirkular gehorsam, zu einer wahren Geißel der internationalen Arbeiterbewegung. Manche von ihnen kokettierten, nachdem sie auf ihrem Wege irgendeine Havarie erlitten hatten, eine Weile mit der Opposition. In Artikeln und Briefen habe ich wiederholt meine Gesinnungsgenossen vor solchen Herren gewarnt. Und nun stellt sich heraus, daß ich gerade diesen Kommissionären der Komintern, jählings, beim ersten Zusammentreffen oder sogar aus der Ferne meine geheimsten Pläne in bezug auf den Terror, ja sogar meine Verbindungen mit der Gestapo anvertraute. Unsinn.? Darum aber handelt es sich, daß die GPU keine anderen Kreise entdeckt hat, aus denen ich im Auslande »Terroristen« werben konnte. Jedoch ohne Entsendung von Emissären aus dem Auslande hätte meine Teilnahme am Terror einen zu abstrakten Charakter getragen.

Eine Sinnlosigkeit zieht die andere nach sich: 

Als Agenten der Gestapo figurieren ausgerechnet fünf jüdische Intellektuelle (Olberg, Bermann, David und die zwei Lurjes)! Es ist zur Genüge bekannt, daß weite Kreise der jüdischen Intelligenz, darunter auch der deutschen, eine Wendung zur Komintern gemacht haben, nicht aus Interesse für den Marxismus und Kommunismus, sondern auf der Suche nach einem Stützpunkt gegen den aggressiven Antisemitismus

Das kann man begreifen. Aber welche politischen oder psychologischen Motive haben fünf russsisch-jüdische Intellektuelle bewegen können, den Weg des Terrors gegen Stalin ... im Bunde mit Hitler zu beschreiten? 

Die Angeklagten selbst umgingen sorgfältig dieses Rätsel. Auch Wyschinski hat sich seinen Kopf darüber nicht zerbrochen. Indes verdient dieses Rätsel Beachtung. Mich persönlich habe »Machtgier« geleitet. Nehmen wir an! Welche Gefühle aber haben diese fünf Unbekannten geleitet? Sie waren doch auf jeden Fall bereit, ihre Köpfe hinzuhalten. Wofür? Zum Ruhme Hitlers?

Allerdings sind die Motive Trotzkis auch gar nicht so klar, wie es die Pritts, Rosenmarks und die übrigen ausländischen Advokaten des Sowjetstaatsanwalts glauben machen möchten. Es stellt sich ja heraus, daß ich aus »Haß« gegen Stalin gerade das tat, was Stalin am meisten nötig hatte. Seit 1927 habe ich nicht dutzende-, sondern hundertemal gesagt, daß die Logik des Bonapartismus Stalin bewegen werde, der Opposition eine militärische Verschwörung oder einen terroristischen Akt unterzuschieben. Seit dem Augenblick, wo ich nach Konstäntinopel kam, habe ich diese Warnungen in der Presse mehr als einmal wiederholt und politisch begründet. 

Also im voraus wissend, daß Stalin Attentate auf seine »geheiligte Person« dringend braucht, bin ich an die Inszenierung solcher Verschwörungen gegangen; für die Rolle der Exekutoren habe ich zufällige und mir als unzuverlässig bekannte Menschen ausgesucht; als Verbündeten Hitler erwählt; zu Gestapoagenten Juden gemacht; damit meine Zusammenarbeit mit der Gestapo, Gott behüte, nicht geheim bleibe, habe ich darüber nach links und rechts vertraulich erzählt. Mit einem Wort — ich habe das alles getan, was von mir die Phantasie eines simplen Provokateurs der GPU verlangte.

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