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In Mexiko 

 

 

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Am 9. Januar, an einem heißen tropischen Morgen, lief unser Tankschiff in den Hafen von Tampico ein. Wir wußten noch immer nicht, was unser harrt. Unsere Pässe und unsere Revolver befanden sich noch immer in den Händen des Polizei-Faschisten, der auch in den territorialen Gewässern Mexikos das von der »sozialistischen« Regierung errichtete Regime aufrechterhielt. Ich habe den Polizeibeamten und den Kapitän benachrichtigt, daß ich und meine Frau nur in dem Falle freiwillig ans Land gehen werden, wenn uns Freunde abholen. Wir hatten nicht die geringste Veranlassung, den norwegischen Vasallen der GPU unter den Tropen mehr Vertrauen entgegenzubringen als auf dem Breitengrad von Oslo. 

Aber alles verlief gut. Bald nachdem wir angelegt hatten, kam ein Regierungskutter an das Tankschiff heran mit Vertretern der Orts- und Zentralbehörde, mit mexikanischen und ausländischen Journalisten und, das Wichtigste, mit treuen und zuverlässigen Freunden. Da waren Frieda Rivera, die Frau des berühmten Malers, den Krankheit in der Klinik festhielt; Max Shachtman, ein marxistischer Journalist und uns nahestehender Gesinnungsgenosse, der uns schon in der Türkei, in Frankreich und in Norwegen besucht hatte; schließlich George Novack, der Sekretär des New Yorker »Komitees zur Verteidigung Trotzkis«. 

Nach vier Monaten Haft und Isolierung war die Begegnung mit Freunden besonders warm! Der norwegische Polizeibeamte, der uns endlich unsere Pässe und Revolver aushändigte, beobachtete verlegen das zuvorkommende Benehmen des mexikanischen Polizeigenerals uns gegenüber. Nicht ohne Erregung betraten wir den Boden der Neuen Welt. Trotzdem es Januar war, atmete dieser Boden Wärme. Die Petroleumtürme Tampicos erinnerten an Baku. Im Hotel mußten wir bald fühlen, daß wir kein Spanisch verstehen. Um 10 Uhr abends reisten wir in einem uns vom Verkehrsminister, General Mujica, zur Verfügung gestellten Sonderwagen aus Tampico in die Hauptstadt ab. Der Kontrast zwischen dem nördlichen Norwegen und dem tropischen Mexiko war nicht allein am Klima zu merken. Entkommen der Atmosphäre abscheulicher Willkür und ermattender Ungewißheit, begegneten wir bei jedem Schritt Gastfreundschaft und Aufmerksamkeit. 


Die New Yorker Freunde erzählten optimistisch von der Arbeit ihres Komitees, von dem wachsenden Mißtrauen zu dem Moskauer Prozeß, von den Aussichten des Gegenprozesses. Die allgemeine Schlußfolgerung war, daß man so schnell wie möglich ein Buch über Stalins Prozeßfälschungen herausbringen müsse. Das neue Kapitel unseres Lebens begann sehr günstig. Aber ... wie wird es sich weiterentwickeln?

 

Aus den Waggonfenstern beobachteten wir gierig die tropische Landschaft. Bei dem Dorfe Cardenas, zwischen Tampico und San Luis Potosi, zogen unseren Zug zwei Lokomotiven auf ein Plateau. Es wehte eine Kühle, und wir befreiten uns bald von der uns in der Dampfatmosphäre der mexikanischen Bucht Überfallenen Angst der Nordländer vor den Tropen. Am Morgen des 11. stiegen wir in Lecheria, einer kleinen Station vor der Hauptstadt, aus, wo wir Diego Rivera umarmten, der aus der Klinik gekommen war. Ihm vor allem verdankten wir unsere Befreiung aus der norwegischen Gefangenschaft. Da waren noch einige Freunde: Fritz Bach, ein früherer Schweizer Kommunist, der mexikanischer Professor geworden ist; Hidalgo, ein Teilnehmer des Bürgerkrieges in den Reihen der Za-pata-Armee, und einige Jugendliche. In Automobilen brachte man uns mittags nach Coyoacan, einem Vorort von Mexiko. Wir wurden im blauen Hause Frieda Riveras untergebracht, wo in der Mitte des Hofes ein Apfelsinenbaum steht ...

In einem Danktelegramm an den Präsidenten Cardenas, das ich bereits in Tampico aufgegeben hatte, erklärte ich, daß ich mich aufs strengste von jeder Einmischung in die mexikanische Politik zurückzuhalten gedenke. Ich zweifelte keinen Moment daran, daß den sogenannten »Freunden« der USSR verantwortliche Agenten der GPU nach Mexiko zu Hilfe kommen würden, um mit allen Mitteln mir meinen Aufenthalt in dem gastfreundlichen Lande zu erschweren. Aus Europa trafen inzwischen Warnungen auf Warnungen ein. Konnte es auch anders sein? Stalin hatte zuviel, wenn nicht alles riskiert. Seine ursprüngliche Berechnung, die auf Plötzlichkeit und Schnelligkeit der Handlungen beruhte, hatte sich nur zur Hälfte bestätigt. Meine Übersiedlung nach Mexiko hat schroff das Kräfteverhältnis zuungunsten des Kremls verändert. Ich erhielt die Möglichkeit, an die öffentliche Weltmeinung zu appellieren. Wie wird das enden? mußten sich sorgenvoll jene fragen, die zu gut die Zerbrechlichkeit und Fäulnis ihrer Prozeßfälschungen kennen.

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Ein Zeichen der Moskauer Unruhe sprang in die Augen: die mexikanischen Kommunisten widmeten mir ganze Nummern ihres Wochenblattes, gaben sogar Sondernummern heraus, die sie mit altem und neuem Material aus den Jauchegruben der GPU und der Komintern füllten. Die Freunde sagten: »Beachten Sie es nicht; diese Zeitung genießt die verdiente Verachtung.« Es war auch nicht meine Absicht, in eine Polemik mit Lakaien zu treten, wo mich der Kampf mit den Herren erwartete. Sehr würdelos benahm sich auch der Sekretär der Konföderation der Gewerkschaften, Lombardo Toledano. Ein politischer Dilettant aus dem Stande der Advokaten, fremd dem Proletariat und der Revolution, hatte dieser Herr im Jahre 1935 Moskau besucht und war zurückgekehrt wie es sich gehört, als uneigennütziger »Freund« der USSR. Die Rede Dimitrows auf dem VII. Kongress der Komintern über die Politik der »Volksfronten« - dieses Dokument der theoretischen und politischen Selbstentäußerung, war von Toledano proklamiert worden ... als das wichtigste Werk nach dem Kommunistischen Manifest. Seit meinem Eintreffen in Mexiko verleumdet mich dieser Herr um so ungenierter, als er im voraus, infolge meiner Nichteinmischung in das innere Leben des Landes, auf völlige Straflosigkeit rechnen darf. Die russischen Menschewiki waren wahre Ritter der Revolution im Vergleich mit solchen ungebildeten und eingebildeten Karrieristen! Unter den ausländischen Journalisten hatte sich sofort der mexikanische Korrespondent der »New-York-Times«, Kluckhöhn, ausgezeichnet, der in Form von Interviews einige Male versuchte, mich einem Polizeiverhör zu unterwerfen. Es war nicht schwer zu begreifen, welche Quellen diesen Eifer inspirierten.

Hinsichtlich der mexikanischen Sektion der IV. Internationale erklärte ich öffentlich, daß ich keine Verantwortung für ihre Arbeit tragen kann. Ich schätzte zu sehr mein neues Asyl, um mir irgendeine Unvorsichtigkeit zu erlauben. Gleichzeitig habe ich die mexikanischen und nordamerikanischen Freunde gewarnt, daß man seitens der Stalinschen Agenten in Mexiko und Nordamerika auf ganz besondere Maßnahmen des »Selbstschutzes« gefaßt sein müsse. Im, Kampfe um ihre internationale »Reputation« und Macht whjd die regierende Clique in Moskau vor nichts haltmachen und am wenigsten vor einer Ausgabe von einigen zehn Millionen Dollar für den Kauf von menschlichen Seelen.

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Ich weiß nicht, ob Stalin irgendwelche Zweifel in bezug auf die Inszenierung des neuen Prozesses gehabt hat. Ich nehme es an, es ist nicht anders möglich. Meine Übersiedlung nach Mexiko jedoch muß ihnen ein jähes Ende bereitet haben. Jetzt war es notwendig, um jeden Preis und so schnell wie möglich die bevorstehenden Enthüllungen durch die Sensation neuer Beschuldigungen zu unterdrücken. Die Vorbereitungen für den Prozeß Radek-Pjatakow gingen schon seit Ende August. Als Operationsbasis der »Verschwörung« wurde diesmal, wie zu erwarten war, Oslo gewählt: man mußte doch der norwegischen Regierung meine Ausweisung aus dem Lande erleichtern. Aber in die bereits veralteten geographischen Rahmen der Fälschung wurden in aller Eile neue, frische Elemente aufgenommen. Durch Wladimir Romm wollte ich nämlich die Geheimnisse der Washingtoner Regierung erfahren, und durch Karl Radek beabsichtigte ich, Japan für den Fall eines Krieges mit den Vereinigten Staaten mit Petroleum zu versorgen. Nur wegen der Kürze der Zeit hat es die GPU nicht vermocht, mir eine Zusammenkunft mit japanischen Agenten im mexikanischen Park Chapultepec zu organisieren.

Am 19. kam das erste Telegramm von dem bevorstehenden Prozeß. Am 21. antwortete ich darauf mit einem Artikel, den ich hier anführen zu müssen glaube. Am 23. begann der Prozeß in Moskau. Wieder, wie im August, verbrachten wir eine Woche wie unter Alpdruck. Trotzdem die Mechanik nach der Erfahrung des vergangenen Jahres im voraus ganz klar war, hatte sich der Eindruck des moralischen Entsetzens eher verstärkt als abgeschwächt. Die Telegramme aus Moskau waren wie ein Fieberwahn. Jede Zeile mußte man mehreremal nachlesen, um sich zu vergewissern, daß hinter diesen Fieberphantasien lebende Menschen stehen. Einige von diesen Menschen habe ich nahe gekannt. Sie waren nicht schlechter als andere Menschen, im Gegenteil, besser als viele andere. Aber man hat sie mit der Lüge vergiftet und dann mit dem totalitären Apparat zermalmt. Sie verleumden sich selbst, um der regierenden Clique die Möglichkeit zu geben, andere zu verleumden. Stalin hat sich das Ziel gestellt, die Menschheit an unmögliche Verbrechen glauben zu machen. Wieder mußte man sich fragen: Ist denn die Menschheit so dumm? Bestimmt nicht. Die Sache verhält sich so, daß Stalins Verleumdungen derart ungeheuerlich sind, daß sie ebenfalls als unmögliche Verbrechen erscheinen.

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Wie die Menschheit überzeugen, daß diese offensichtliche »Unmöglichkeit« grauenhafte Realität ist? Der Zweikampf wird mit ungleichen Waffen geführt. Auf der einen Seite - GPU, Gericht, Presse, Diplomatie, eine gekaufte Agentur, Journalisten vom Typus Duranti, Advokaten vom Typus Pritt. Auf der anderen Seite - ein isolierter »Angeklagter«, mit Not dem sozialistischen Gefängnis entronnen, in einem fremden und fernen Lande, ohne eigene Presse, ohne Mittel. Und dennoch zweifelte ich keinen Augenblick, daß die allmächtigen Organisatoren des Amalgams einer Katastrophe entgegengehen. Die Spirale der Stalinschen Fälschungen, die bereits eine zu große Zahl von Menschen, Tatsachen und geographischen Punkten erfaßt hat, verbreitert sich immer mehr. Alle kann man nicht betrügen. Nicht alle wollen betrogen sein. Die französische »Liga für Menschenrechte« mit ihrem jungfräulichen Präsidenten Victor Basch ist allerdings fähig, ehrfurchtsvoll einen zweiten und zehnten Prozeß zu schlucken, wie sie den ersten geschluckt hat. Aber Tatsachen sind stärker als der patriotische Eifer zweifelhafter »Rechts«-Anhänger. Tatsachen werden sich den Weg bahnen.

Schon während des Prozesses habe ich der Presse eine Reihe dokumentarischer Widerlegungen übergeben und der Moskauer Gerichtsverhandlung eine Reihe präziser Fragen gestellt, die an sich die wichtigsten Aussagen der Angeklagten zunichte machen. Aber die Moskauer Themis hat sich nicht nur die Augen zugebunden, sondern auch die Ohren zugestopft. Ich habe natürlich nicht mit einer unmittelbaren weitgehenden Wirkung meiner Enthüllungen gerechnet: meine technischen Möglichkeiten sind dafür zu beschränkt. Die nächste Aufgabe bestand darin, dem Denken scharfsinniger Menschen einen faktischen Stützpunkt zu geben und bei der nächsten Schicht Kritik oder mindestens Zweifel zu erwecken. Nachdem sie das Bewußtsein der Auserwählten erfaßt hat, wird sich die Wahrheit immer weiter und weiter entwickeln. Und letzten Endes wird die Spirale der Wahrheit mächtiger sein als die der Fälschung. Alles, was seit der Woche des Alpdrucks Ende Januar geschah, hat mich in meinen optimistischen Erwartungen nur bestärkt.

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Vor dem neuen Prozeß

21. Januar, Coyoacan. Am 19. Januar berichtete die TASS, in vier Tagen, am 23., beginne ein neuer »Trotzkisten«-Prozeß (Radek, Pjatakow u. a.). Von der Vorbereitung dieses Prozesses wußte man schon lange, doch zweifelte man, ob sich Moskau nach dem äußerst ungünstigen Eindruck, den der Sinowjew-Kamenjew-Prozeß hinterlassen hatte, noch tatsächlich entschließen würde, einen neuen Prozeß zu inszenieren. Die Moskauer Regierung wiederholt jetzt das gleiche Manöver wie bei dem Prozeß der 16: in vier Tagen können sich die internationalen Arbeiterorganisationen nicht einmischen, gefährliche Zeugen aus dem Auslande sich nicht melden, unerwünschte Ausländer nicht einmal einen Versuch machen, nach Moskau zu gelangen. 

Was die erprobten und bezahlten »Freunde« betrifft, so wurden sie selbstverständlich auch diesmal rechtzeitig nach der Sowjethauptstadt eingeladen, um dann der Stalin-Wyschinski-Justiz das gebührende Lob zu singen. Wenn diese Zeilen gedruckt sein werden, wird der neue Prozeß Vergangenheit sein, die Urteile gesprochen und vielleicht auch vollstreckt. Die Absicht der Regisseure ist, was diese Seite der Sache betrifft, klar: die öffentliche Meinung zu überraschen und zu vergewaltigen. Um so wichtiger ist es, noch vor der unheilvollen Inszenierung ihren Sinn, ihre Methoden und ihre Zwecke aufzudek-ken. Man darf nur nicht vergessen, daß in dem Augenblick, wo diese Zeilen geschrieben werden, die Anklageschrift und sogar die volle Liste der Angeklagten noch unbekannt sind. Der Prozeß der 16 hat in der zweiten Augusthälfte stattgefunden. Ende November fand ganz unerwartet im fernen Sibirien ein zweiter »Trotzkisten«-Prozeß statt, der eine Ergänzung des Prozesses Sinowjew-Kamenjew und die Vorbereitung des Prozesses Radek-Pjatakow war. Der schwächste Punkt des Prozesses der 16 (starke Punkte hat es darin überhaupt nicht gegeben, wenn man den Mauser des Henkers nicht mitzählt) war die ungeheuerliche Beschuldigung der Verbindung mit der Gestapo. Die Beschuldigung stützte sich ausschließlich auf so problematische Unbekannte, wie Olberg, David usw., die sich selbst auf nichts stützten. Zur Befestigung des ersten Prozesses war ein zweiter Prozeß vonnöten. Bevor man jedoch eine zweite große Schau in Moskau riskieren konnte, wurde beschlossen, eine Generalprobe in der Provinz zu veranstalten.

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Man versetzte diesmal das Tribunal nach Nowosibirsk, weiter von Europa, von Korrespondenten, von unerwünschten Augen überhaupt. Der Nowosibirsker Prozeß erwies sich dadurch als bedeutungsvoll, daß er auf die Bühne einen deutschen Ingenieur brachte, einen wirklichen oder angeblichen Gestapo-Agenten, und vermittels der ritualen »Reuebekenntnisse« dessen Verbindung mit sibirischen, wirklichen oder angeblichen, mir persönlich jedenfalls unbekannten »Trotzkisten« feststellte. Hauptpunkt der Anklage war diesmal nicht Terror, sondern »Industriesabotage«.

Wer aber sind diese deutschen Ingenieure und Techniker, die in verschiedenen Landesteilen verhaftet wurden und offenbar die Bestimmung hatten, die Verbindung der Trotzkisten mit der Gestapo zu personifizieren? Ich kann mich darüber nur hypothetisch äußern. Deutsche, die unter den heutigen Beziehungen der USSR mit Deutschland sich entschließen, im Dienste der Sowjetregierung zu bleiben, muß man a priori in zwei Gruppen teilen: Agenten der Gestapo und Agenten der GPU. Ein gewisser Prozentsatz der Verhafteten wird, wie anzunehmen ist, zu beiden Apparaten gehören: die Agenten der Gestapo maskieren sich als Kommunisten und dringen in die GPU ein; Kommunisten maskieren sich, auf Anweisung der GPU, als Faschisten, um in die Geheimnisse der Gestapo einzudringen. Jeder dieser Agenten bewegt sich auf einem schmalen Pfad zwischen zwei Abgründen. Kann man sich ein dankbareres Material für allerhand Fälschungen und Amalgame ausdenken?

Viel schwieriger ist, auf den ersten Blick, die Sachte Pjata-kow, Radek, Sokolnikow und Serebrjakow zu begreifen. Während der letzten 8^9 Jahre haben diese Menschen, besonders die zwei ersteren, auf Ehr und Gewissen der Bürokratie gedient, gegen die Opposition gehetzt, den Führern Lob gesungen, kurz, sie waren nicht nur Diener, sondern auch Zierden des Regimes gewesen. Wozu hatte Stalin dann ihre Köpfe nötig?

Sohn eines bedeutenden ukrainischen Zuckerfabrikanten, hatte Pjatakow eine solide Bildung erhalten, auch eine musikalische Ausbildung, beherrscht mehrere Sprachen, studierte fleißig Nationalökonomie und erwarb sich ernste Kenntnisse im Bankwesen. Im Vergleich zu Sinowjew und Kamenjew gehört Pjatakow zur jüngeren Generation: er ist jetzt etwa 46 Jahre alt. 

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Innerhalb der Opposition, richtiger der Oppositionen, nahm Pjatakow einen sichtbaren Platz ein. Während des Weltkrieges kämpfte er gemeinsam mit Bucharin, damals einem äußersten Linken, gegen Lenin, besonders in der Frage des »nationalen Selbstbestimmungsrechts«. In der Epoche des Brest-Li-towsker Friedens gehörte Pjatakow, zusammen mit dem gleichen Bucharin, Radek, Jaroslawski, dem verstorbenen Kuibyschew und anderen zur oppositionellen Fraktion der »linken Kommunisten«. In der ersten Periode des Bürgerkrieges trat er in der Ukraine als leidenschaftlicher Gegner der von mir verfolgten Kriegspolitik auf. 1923 schloß er sich den »Trotzkisten« an und gehörte zu unserem leitenden Kern. Pjatakow zählt zu jenen sechs Personen, die Lenin in seinem Testament nennt (Trotzki, Stalin, Sinowjew, Kamenjew, Bucharin, Pjatakow). Jedoch seine hervorragenden Fähigkeiten betonend, erwähnte Lenin gleich, daß man sich in politischer Hinsicht auf Pjatakow nicht verlassen könne, da er, wie Bucharin, von formalistischem Verstand sei, ohne dialektische Elastizität. Zum Unterschiede jedoch von Bucharin hat Pjatakow außerordentliche Eigenschaften als Administrator, die er in den Jahren des Sowjetregimes ausreichend gezeigt hat. Im Jahre 1925 wurde Pjatakow der Opposition und der Politik überhaupt müde. Die wirtschaftliche Arbeit befriedigte ihn vollständig. Aus Trägheit und auf Grund persönlicher Beziehungen blieb er noch bis Ende 1927 »Trotzkist«, brach jedoch bei der ersten Verfolgungswelle entschieden mit der Vergangenheit, legte das Oppositionsrüstzeug ab und wurde häuslich bei der Bürokratie. Während Sftiowjew und Kamenjew, trotz all ihren Reuebekenntnissen, im Hinterhof bleiben mußten, wurde Pjatakow sofort in das Zentralkomitee aufgenommen und bekleidete dauernd den verantwortlichen Posten des stellvertretenden Volkskommissars für die Schwerindustrie. Nach Bildung, Fähigkeit zu systematischem Denken und administrativem Horizont überragte Pjatakow weit den offiziellen Chef der Schwerindustrie, Ord-schonikidse, der hauptsächlich durch seine Autorität als Mitglied des Politbüros, durch Druckausübung und Geschrei wirkte ... Und nun stellt sich im Jahre 1936 plötzlich heraus, daß der Mensch, der vor den Augen der Regierung etwa zwölf Jahre die Industrie leitete, in Wirklichkeit nicht nur »Terrorist«, sondern auch Saboteur und Gestapo-Agent war. Was bedeutet das?

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Radek - er ist jetzt an die 54 - ist nur Journalist. Er hat die glänzenden Eigenschaften dieser Kategorie, aber auch alle ihre Fehler. Radeks Bildung läßt sich eher als große Belesenheit bezeichnen. Seine nahe Kenntnis der polnischen Bewegung, seine lange Zugehörigkeit zur deutschen Sozialdemokratie, sein aufmerksames Verfolgen der Weltpresse, besonders der englischen und amerikanischen, haben seinen Horizont erweitert, seinen Gedanken große Beweglichkeit verliehen und ihn mit zahllosen Beispielen, Gegenübersteilungen und nicht zuletzt mit Anekdoten ausgerüstet. Radek fehlt aber jene Eigenschaft, die Ferdinand Lassalle »physische Kraft des Denkens« genannt hat. In allerhand politischen Gruppierungen war Radek eher Gast als verwurzelter Teilnehmer. Sein Denken ist zu impulsiv und beweglich für systematische Arbeit. Aus seinen Artikeln kann man vieles erfahren, seine Paradoxe beleuchten mitunter eine Frage von einer neuen Seite, aber selbständiger Politiker war Radek nie. 

Legenden, Radek sei zu gewissen Perioden Herr im Kommissariat des Auswärtigen gewesen und habe gar die Außenpolitik der Sowjetregierung bestimmt, sind völlig unbegründet. Das Politbüro schätzte Radeks Talente, nahm ihn aber niemals sehr ernst. Im Jahre 1939 kapitulierte er, nicht mit irgendwelchen geheimen Absichten, o nein! - schrankenlos, endgültig, alle Brücken hinter sich verbrennend, um ein hervorragender publizistischer Lautsprecher der Bürokratie zu werden. Seitdem hat es keine Beschuldigung gegeben, die Radek der Opposition nicht entgegengeschleudert, und es hat kein Lob gegeben, das Radek Stalin nicht gespendet hätte. Warum ist dann aber Radek auf die Angeklagtenbank geraten?

Zwei andere, nicht weniger bedeutende Angeklagte, Serebrjakow und Sokolnikow, gehören zur selben Generation wie Pjatakow. Serebrjakow ist einer der hervorragendsten Bolschewiken, die dem Arbeitermilieu entstammen. Er gehört zu dem verhältnismäßig engen Kreise derer, die die bolschewistische Partei in den schweren Jahren zwischen den zwei Revolutionen (1905-1917) aufgebaut haben. Zu Lenins Zeiten war er Mitglied des Zentralkomitees, bekleidete sogar einige Zeit den Posten des Sekretärs und spielte, dank seinem psychologischen Scharfsinn und Takt, eine merkliche Rolle bei der Schlichtung jeglicher Art von innerparteilichen Konflikten. Ausgeglichen, ruhig, bar jeder Eitelkeit, genoß Serebrjakow in der Partei die größten Sympathien.

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Bis Ende 1927 leitete er, neben dem im Prozeß der 16 erschossenen J. N. Smirnow, an hervorragender Stelle die linke Opposition. Serebrjakow spielte zweifellos die erste Rolle bei der Annäherung der beiden Gruppen, der linken Opposition und der Gruppe Sinowjews (»Opposition 1926«) wie auch bei der Milderung der inneren Reibungen im oppositionellen Block. Der Druck der thermidorianischen Stimmungen hat jedoch auch diesen Menschen, wie viele andere, gebrochen. Er machte ein für allemal Schluß mit den politischen Prätensionen, kapitulierte vor der regierenden Spitze, zwar in würdigerer Form als die anderen, aber nicht weniger entschieden, kehrte aus der Verbannung nach Moskau zurück, reiste mit wichtigen wirtschaftlichen Aufträgen in die Vereinigten Staaten und leistete friedlich seine Arbeit im Kommissariat für Eisenbahnwesen. Wie viele andere Kapitulanten hatte er seine oppositionelle Vergangenheit halb vergessen. Auf Bestellung der GPU haben jedoch die Angeklagten im Prozeß der 16 Serebrjakows Namen im Zusammenhang mit dem »Terror« genannt, zu dem sie selbst auch keine Beziehung hatten. 

Im Jahre 1917 kommt Sokolnikow, der vierte Angeklagte, zusammen mit Lenin aus der Schweiz nach Rußland, in dem sogenannten »plombierten Wagen«, und nimmt sofort eine hervorragende Stelle in der bolschewistischen Partei ein. In den verantwortlichen Monaten des Revolutionsjahres bildet Sokolnikow zusammen mit Stalin die Redaktion des Zentralorgans der Partei. Aber während Stalin, entgegen der später fabrizierten Legende, in allen kritischen Momenten eine abwartende oder schwankende Position einnahm, was in den später veröffentlichten Protokollen des Zentralkomitees festgelegt ist, führte Sokolnikow im Gegensatz dazu energisch jene Linie durch, die in den Parteidiskussionen jener Zeit »die Linie Lenin-Trotzki« genannt wurde. In den Bürgerkriegsjahren stand Sokolnikow auf sehr verantwortlichen Posten und führte eine Zeitlang an der Südfront das Kommando der 8. Armee. In der Periode der NEP hatte er als Volkskommissar für Finanzwesen den Tscherwonez mehr oder weniger stabilisiert, und war später Sowjetgesandter in London. Ein Mensch von außerordentlichen Fähigkeiten, umfassender Bildung und internationalem Horizont, neigt jedoch Sokolnikow, wie Radek, stark zu politischen Schwankungen. In den wichtigsten ökonomischen Fragen sympathisierte er mehr mit dem rechten als mit dem linken Flügel der Partei. 

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Er hat dem Vereinigten Oppositionszentrum, das in den Jahren 1926 bis 1937 existierte, nie angehört. Sein Bekenntnis zur offiziellen Politik hat er unter allgemeinem Beifall der Delegierten auf dem gleichen XV. Kongreß (Ende 1927) abgelegt, der die linke Opposition aus der Partei ausschloß. Sokolhikow wurde damals sofort in das Zentralkomitee hineingewählt. Wie alle Kapitulanten, hörte er auf, eine politische Rolle zu spielen. Zum Unterschiede jedoch von Sino-wjew und Kamenjew, die Stalin als zu bedeutende Figuren auch noch in ihrer Erniedrigung fürchtete, wurde Sokolnikow, wie Pjatakow und Radek, als sowjetischer Würdenträger sofort von der Bürokratie assimiliert. Ist es nicht erstaunlich, daß dieser Mensch nach zehn Jahren friedlicher politischer Arbeit, heute der schwersten Staatsverbrechen beschuldigt wird? *

Im August haben sechzehn Angeklagte um die Wette mit dem Staatsanwalt und miteinander ihrer Hinrichtung nachgejagt. Schreckliche Terroristen verwandelten sich plötzlich in Flagellanten und Streber nach dem Märtyrerkranz. Pjatakow und Radek veröffentlichten in jenen Tagen in der »Prawda« wütende Artikel gegen die Angeklagten und forderten für jeden von ihnen mehrere Todesurteile. Und in dem Augenblick, wo diese Zeilen erscheinen werden, wird die TASS, wie man annehmen kann, der ganzen Welt mitgeteilt haben, daß Radek und Pjatakow aufrichtig ihre eigenen phantastischen und unmöglichen Verbrechen bereuen und für sich die Todesstrafe fordern.

Um den Inquisitionsprozessen auch nur eine äußere Wahrscheinlichkeit zu verleihen, braucht Stalin möglichst bekannte und autoritäre Gestalten der alten Bolschewiki. »Es ist nicht möglich, daß diese erprobten Revolutionäre sich so ungeheuerlich verleumden«, sagt der Durchschnittsspießer. »Es ist andererseits nicht möglich, daß Stalin seine alten Genossen, die keine Verbrechen begangen haben, erschießen läßt.« Auf der Uninformiertheit, Naivität und Vertrauensseligkeit dieser Durchschnittsbürger beruhen eben die Spekulationen des Hauptorganisators dieser Prozesse, des Cäsar Borgia unserer Tage.

 

* Die letzten Telegramme nennen in der Liste der Angeklagten: Muralow, einen Helden der Revolution von 1905, einen der Organisatoren der Roten Armee und späteren Stellvertreter des Volkskommissars für Ackerbau; Boguslawski, den ehemaligen Vorsitzenden des Woronescher Sowjets und späteren Vorsitzenden des »Kleinen Rats der Volkskommissare«, der wichtigsten Kommission des Sowjets der Volkskommissare in Moskau; Drobnis, den Vorsitzenden des Sowjets in Poltawa, den die Weißen an die Wand gestellt, aber in der Eile nicht tödlich getroffen hatten. Wenn die Sowjetmacht in den Jahren 1918-1921 widerstand, so zum großen Teil dank den Menschen dieser Art.

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Im Prozeß der 16 hat Stalin seine größten Trümpfe: Sino-wjew und Kamenjew, verbraucht. In seiner psychologischen Beschränktheit, die die Basis seiner primitiven Schlauheit bildet, hatte er fest damit gerechnet, daß die Geständnisse Sino-wjews und Kamenjews, durch die Erschießung bekräftigt, die Welt ein für allemal überzeugen würden. Es kam anders. Die Welt war nicht überzeugt. Die Scharfsinnigeren glaubten nicht. Ihr Mißtrauen, von der Kritik gestützt, ergreift immer weitere Kreise. Dies kann die regierende Sowjetspitze keinesfalls ertragen: ihre nationale und internationale Reputation steht und fällt mit dem Moskauer Prozeß.

Schon am 15. September des vergangenen Jahres, zwei Wochen nach meiner Internierung in Norwegen, schrieb ich in einer für die Presse bestimmten Erklärung: »Der Moskauer Prozeß erscheint im Spiegel der öffentlichen Weltmeinung als ein schreckliches Fiasko ... Die regierende Clique kann das nicht ertragen. Wie nach dem Zusammenbruch des ersten Kirow-Prozesses (Januar 1935) sie gezwungen war, einen zweiten vorzubereiten (August 1936), so muß sie auch jetzt, um ihre Anklagen gegen mich zu stützen, neue Attentate, Verschwörungen usw. entdecken.« Die norwegische Regierung hat diese meine Erklärung konfisziert, die Ereignisse jedoch haben sie bestätigt. Ein neuer Prozeß ist vor allem nötig, um den alten zu stützen, um die Löcher zuzuschmieren und die Widersprüche, die die Kritik bereits aufgedeckt hat, zu verschleiern.

Radek, Pjatakow, Serebrjakow, Sokolnikow sind, wenn man von Rakowski absieht, den man vorläufig in Ruhe läßt, die autoritärsten Kapitulanten von den noch lebenden. Stalin hat offenbar beschlossen, auch sie »aufzubrauchen«. Aber nicht nur zu diesem Zwecke. Im Prozeß der 16 hat es sich nur um Terrorismus gehandelt, doch der langjährige Terrorismus lief auf die Ermordung des einen, Kirow, einer politisch zweitrangigen Figur, hinaus, durch den völlig unbekannten Nikolajew (unter engster Beteiligung der GPU, was ich schon im Jahre 1934 nachgewiesen habe). Für die Ermordung Kirows sind auf Grund verschiedener Prozesse und ohne Prozesse mindestens zweihundert Menschen erschossen worden! Man kann aber nicht endlos die Leiche Kirows benutzen zur Ausrottung der

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gesamten Opposition, um so weniger, als wirkliche alte Oppositionelle, die weder bereuten noch kapitulierten, seit 1928 die Gefängnisse und Verbannungsorte nicht verlassen haben. Der neue Prozeß hebt darum neue Anklagen hervor: ökonomische Sabotage, militärische Spionage, Beihilfe zur Restaurierung des Kapitalismus, sogar Attentate »zur Massenausrottung von Arbeitern«! Unter diese Formeln kann man alles bringen, was man will. Wenn Pjatakow, der faktische Leiter der Industrie während der zwei Fünfjahrpläne, sich als Hauptorganisator der Sabotage erweist, was soll man da von einfachen Sterblichen sagen? Nebenbei wird die Bürokratie versuchen, ihre ökonomischen Mißerfolge, Fehler, Unterschlagungen und andere Mißbräuche auf... Trotzkisten abzuwälzen, die jetzt in der USSR Punkt für Punkt die gleiche Rolle spielen, wie Juden und Kommunisten in Deutschland. Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, welch gemeine Beschuldigungen und Insinuationen man dabei gegen mich persönlich fabrizieren wird!

Der neue Prozeß muß offensichtlich noch eine andere Aufgabe lösen. Die Geschichte des »trotzkistischen Terrors« beginnt, laut dem Prozeß der 16, mit dem Jahre 1932; es bleiben damit für den Henker jene Trotzkisten unerreichbar, die seit dem Jahre 1928 in den Gefängnissen sitzen. Vieles läßt darauf schließen, daß die Angeklagten des neuen Prozesses berufen sind, Verbrechen und Pläne einzugestehen, die sich auf die Zeit vor ihrer Reueablegung beziehen. In diesem Falle müssen Hunderte alter Oppositioneller automatisch vor den Lauf des Revolvers geraten.

Kann man aber glauben, daß Radek, Pjatakow, Sokolnikow, Serebrjakow und die anderen nach der tragischen Erfahrung der 16 den Weg der Selbst­bezichtigungen beschreiten werden? Sinowjew, Kamenjew und die anderen hatten Hoffnung auf Rettung. Sie wurden betrogen. Für die Geständnisse, die ihren moralischen Tod bedeuteten, hat man ihnen mit dem physischen Tode bezahlt. Ist diese Lektion tatsächlich an Radek und den anderen spurlos vorbeigegangen? Darüber werden wir in den nächsten Tagen alles erfahren. 

Es ist falsch, sich die Sache so vorzustellen, als habe die neue Gruppe der Opfer freie Wahl. Diese Menschen sehen während der monatelangen Untersuchung, wie sich über ihren Köpfen langsam, aber erbarmungslos der Todespendel senkt. Wer sich beharrlich weigert, unter Diktat des Staatsanwalts Reuebekenntnisse abzulegen, wird ohne Gericht erschossen. Radek, Pjatakow und den anderen läßt die GPU den Schein einer Hoffnung. 

»Aber ihr habt doch Sinowjew und Kamenjew erschossen?« 

»Ja, die haben wir erschossen, weil es notwendig war; weil sie geheime Feinde waren, weil sie sich geweigert haben, die Verbindung mit der Gestapo einzugestehen, weil... usw. usw. Aber euch brauchen wir nicht zu erschießen. Ihr müßt uns helfen, die Opposition mit der Wurzel auszurotten und Trotzki restlos zu kompromittieren. Für diesen Dienst schenken wir euch das Leben. Nach einiger Zeit werden wir euch sogar wieder Arbeit geben usw. usw.« 

Gewiß, nach allem, was geschehen ist, können Radek, Pjatakow und die anderen diesen Versprechungen keinen großen Wert beimessen. Aber auf der einen Seite steht vor ihnen der sichere, unvermeidliche und sofortige Tod, auf der anderen ... auf der anderen ebenfalls der Tod, jedoch von einigen Funken der Hoffnung bestrahlt. In solchen Fällen wählen Menschen, besonders gehetzte, zerquälte, zerrüttete, erniedrigte, die Seite der Frist und der Hoffnung.

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