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Die politische Basis der Anklage: Sabotage

 

 

 

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Der plumpeste Teil der Justizfälschung, sowohl seinem Plane wie seiner Durchführung nach, ist jener, der die »Trotzkisten« der Sabotage beschuldigt. Dieser Teil des Prozesses, der das wichtigste Element des ganzen Amalgams ist, hat niemand überzeugt (wenn man die Herren Duranti und Co. nicht mitzählt). Aus der Anklageschrift und der Verhandlung hat die Welt erfahren, daß sich die ganze Sowjetindustrie eigentlich in den Händen eines »Haufens Trotzkisten« befand. Nicht besser verhielt es sich mit dem Transport. Worin aber bestanden eigentlich die Trotzkistischen Sabotageakte? 

Aus den Geständnissen Pjatakows, die durch die Aussagen seiner Untergebenen, die neben ihm auf der Angeklagtenbank sitzen, bestätigt werden, geht hervor, daß: a) die Pläne neuer Fabriken zu langsam ausgearbeitet und vielfach umgestaltet wurden; b) der Bau der Fabriken zu lange dauerte und zur Immobilisierung riesiger Kapitalien führte; c) die Unternehmen unvollendet in Betrieb genommen wurden und deshalb einem schnellen Verfall unterlagen; d) verschiedene Teile der Betriebe zueinander in Disproportion standen, was die Produktivität der Unternehmen herabsetzte; e) die Fabriken überflüssige Reserven an Rohstoff und Material anhäuften, wodurch sie lebendiges Kapital in totes verwandelten; f) mit dem Material Raubbau getrieben wurde etc. 

Alle diese Erscheinungen, die als chronische Krankheiten der Sowjetwirtschaft längst bekannt waren, werden heute als Folgen einer böswilligen Verschwörung proklamiert, einer Verschwörung, die Pjatakow leitete, selbstredend nach meinen Direktiven.

Es bleibt jedoch ganz unverständlich, welche Rolle dabei die staatlichen Organe der Industrie, der Finanzen und der Kontrolle spielten, schon nicht zu reden von der Partei, die in allen Institutionen und Betrieben ihre Zellen hat. Wenn man der Anklageschrift glauben soll, lag die Leitung der Wirtschaft nicht in den Händen »des genialen, unfehlbaren Führers« und nicht in den Händen seiner nächsten Mitarbeiter, der Mitglieder des Politbüros, und der Regierung, sondern in den Händen eines isolierten Mannes, der seit neun Jahren in Verbannung und im Exil lebt. Wie ist das zu verstehen? 

Laut einem Telegramm der »New-York-Times« (35. März 1937) aus Moskau hat der neue Chef der Schwerindustrie, W. Meschlauk, in einer Versammlung seiner Untergebenen die verbrecherische Rolle der Saboteure bei der Aufstellung falscher Pläne gebrandmarkt. Aber bis zum Tode Ordschonikidses (am 18. Februar 1937) stand Meschlauk selbst an der Spitze des Gosplans (Staatsplanes), dessen Hauptaufgabe gerade die Nachprüfung der Wirtschaftspläne und der Kostenanschläge ist. So stellt sich die Sowjetregierung in der Jagd nach Fälschungen selbst ein beschämendes Zeugnis ihrer Unfähigkeit aus. Nicht umsonst hat der »Temps«, der Offiziosus des befreundeten Frankreichs, geschrieben, daß es besser gewesen wäre, diesen Teil des Prozesses nicht ans Licht zu ziehen.

Das Obengesagte gilt auch für das Transportwesen. Die Eisenbahnfachleute rechneten damit, daß die Transportfähigkeit der Eisenbahnen bestimmte technische Grenzen habe. Seit Kaganowitsch an die Spitze des Verkehrswesens kam, wurde die »Theorie von den Grenzen« offiziell als bürgerliches Vorurteil erklärt; schlimmer noch, als eine Erfindung der Saboteure. Hunderte Ingenieure und Techniker büßten, weil sie direkt oder indirekt Anhänger der »Theorie von den Grenzen« waren. Zweifellos unterschätzten viele alte Spezialisten, die unter den Bedingungen der kapitalistischen Wirtschaft erzogen worden waren, offensichtlich die Möglichkeiten, die in den Planmethoden enthalten sind, und waren darum geneigt, zu niedrige Normen aufzustellen. Daraus jedoch folgt keinesfalls, daß das Tempo der Wirtschaft von der Inspiration und der Energie der Bürokratie abhängt. 

Die materielle Ausgestaltung des Landes, die gegenseitigen Angliederungen der verschiedenen Teile der Industrie, des Transports und der Landwirtschaft, der Grad der Qualifikation der Arbeiter, der Prozentsatz erfahrener Ingenieure und schließlich das materielle und kulturelle Niveau der Bevölkerung — das alles sind die grundlegenden Faktoren, denen das letzte Wort bei der Bestimmung der Grenzen gehört. Das Bestreben der Bürokratie, diese Faktoren mit Hilfe nackten Kommandos, Repressalien und Prämien (Stachanowiade) zu vergewaltigen, muß unabwendbar bezahlt werden mit Desorganisierung der Betriebe, Beschädigung der Maschinen, einem hohen Prozentsatz an Ausschuß, Havarien und Katastrophen. Zu der Sache eine Trotzkistische »Verschwörung« heranzuziehen — dafür besteht gar kein Grund.

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Die Aufgabe der Anklage wird auch dadurch außerordentlich kompliziert, daß ich seit Februar 1930 in der Presse systematisch, beharrlich von Jahr zu Jahr und von Monat zu Monat jene Laster der bürokratisierten Wirtschaft geißelte, die heute der phantastischen Organisation der »Trotzkisten« zugeschoben werden. Ich wies nach, daß die Sowjetindustrie nicht maximale, sondern optimale Tempi braucht, das heißt solche, die, gestützt auf die Übereinstimmung verschiedener Teile eines Betriebes und verschiedener Betriebe untereinander, das ständige Wachstum der Wirtschaft in der Zukunft sichern. 

»Die Industrie jagt einer Krise entgegen«, schrieb ich im »Bulletin« am 13. Februar 1930, 

»verursacht vor allem durch die ungeheuerlichen bürokratischen Methoden der Planaufstellung. Der Fünfjahrplan kann durchgeführt werden nur unter der Bedingung der Wahrung aller notwendigen Proportionen und Garantien; nur unter der Bedingung der freien Beratung der Tempi und Fristen, einer Beratung, an der alle interessierten Kräfte der Industrie und der Arbeiterklasse, deren Organisationen und vor allem die Partei selbst teilnehmen; unter der Bedingung der freien Nachprüfung der gesamten Erfahrung der Sowjetwirtschaft in der letzten Periode, darunter auch der ungeheuerlichen Fehler der Leitung ... Der Plan des sozialistischen Aufbaus kann nicht in Form einer a priori erteilten Kanzleidirektive aufgestellt werden.«

Die Trotzkisten bilden, wie wir bei jedem Schritt hören, ein verschwindendes Häuflein, von den Massen isoliert und gehaßt. Darum gerade hätten sie angeblich zu den Methoden des individuellen Terrors gegriffen. Doch ändert sich das Bild völlig, sobald wir zur Sabotage übergehen. Gewiß, einen Stein in eine Maschine werfen oder eine Brücke in die Luft sprengen, kann auch ein einzelner Mensch. Doch vor Gericht hören wir von solchen Sabotagemethoden, die nur in dem Falle möglich sind, wenn der gesamte Verwaltungsapparat sich in Händen von Saboteuren befindet. 

So hat der Angeklagte Schestow, ein berüchtigter Agent provocateur, in der Verhandlung vom 25. Januar ausgesagt: »In allen Bergwerken, in Prokopjewsk, Anjerka, Leninsk, war Sabotage der Stachanowbewegung organisiert. Es waren Instruktionen erteilt worden, die Arbeiter zu reizen. Bevor einer an seinen Arbeitsplatz gelangte, mußte er zweihundertmal die Leitung beschimpfen. Es wurden unerträgliche Arbeitsbedingungen geschaffen. Es war unmöglich zu arbeiten, nicht nur mit Stachanowmethoden, sondern auch mit den gewöhnlichsten.« 

Das alles haben die Trotzkisten gemacht! Offenbar bestand die gesamte Administration, von oben bis unten, aus Trotzkisten.

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Die Anklage gibt sich damit nicht zufrieden und führt Arten von Sabotage an, die ohne aktive oder zumindest passive Unterstützung der Arbeiter selbst undenkbar sind. 

So zitiert der Gerichtsvorsitzende eine Aussage des Angeklagten Muralow, der sich wiederum auf den Angeklagten Boguslawski beruft: »Bei der Eisenbahn arbeitende Trotzkisten zogen vorzeitig Lokomotiven aus dem Verkehr heraus, sabotierten die Fahrpläne, provozierten Verstopfung der Stationen, wodurch sie Verzögerungen der Transportzüge verursachten.« 

Die angeführten Verbrechen bedeuten einfach, die Eisenbahn sei in den Händen der Trotzkisten gewesen. Mit diesem Auszug aus der Aussage Muralows nicht befriedigt, fragt ihn der Vorsitzende: »Hat Boguslawski in der letzten Zeit den Bau der Linie Eiche-Sokol sabotiert?«

Muralow: »Ja.«

Der Vorsitzende: »Und letzten Endes haben Sie den Mißerfolg der Bauarbeiten erreicht?«

Muralow: »Ja.«

Und das ist alles. Auf welche Weise Boguslawski mit zwei, drei anderen »Trotzkisten« ohne Hilfe der Angestellten und Arbeiter den Zusammenbruch der Bauarbeiten einer ganzen Eisenbahnlinie erreichen konnte, bleibt unbegreiflich.

Die Datenangaben der Sabotage stehen im äußersten Widerspruch zueinander. Nach den wichtigsten Aussagen war Sabotage im Jahre 1934 das »neue Wort«. Jedoch verlegt der genannte Schestow den Beginn der Sabotage auf das Ende des Jahres 1931. Im Verlauf der Gerichtsverhandlung verschieben sich die Daten bald nach vorwärts, bald nach rückwärts. Die Mechanik dieser Verschiebungen ist völlig klar. Jede konkrete Anklage auf Sabotage oder »Diversion« stützt sich meistens auf irgendeinen tatsächlichen Mißerfolg, Fehler oder eine Katastrophe in der Industrie oder im Transport. 

Seit dem ersten Fünfjahrplan gab es Mißerfolge und Havarien genug. Die Anklage suchte sich jene heraus, die man mit irgendeinem der Angeklagten in Verbindung bringen kann. Daher die ewigen Sprünge in der Chronologie der Sabotage. Jedenfalls wurde die Generabdirektive«, soweit man es verstehen kann, von mir erst im Jahre 1934 erteilt.

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Die bösartigsten Erscheinungen von »Sabotage« sind jetzt in der chemischen Industrie aufgedeckt, wo die inneren Proportionen besonders schwer verletzt wurden. Indes habe ich vor sieben Jahren, als die Sowjetmacht erst an die Schaffung dieses Wirtschaftszweiges schritt, geschrieben: 

»Die Lösung der Frage, welchen Platz beispielsweise die chemische Industrie im Plane der nächsten Jahre einnehmen soll, kann nur vorbereitet werden durch den offenen Kampf verschiedener Wirtschaftsgruppierungen und verschiedener Zweige der Industrie um den Anteil der Chemie in der Volkswirtschaft. Sowjetdemokratie ist nicht die Forderung einer abstrakten Politik und noch weniger einer Moral. Sie ist Sache der wirtschaftlichen Notwendigkeit geworden.« 

Wie verhielt es sich in der Wirklichkeit? »Die Industrialisierung«, schrieb ich im gleichen Artikel, »wird immer mehr an der administrativen Knute gehalten. Installierung und Arbeitskraft werden forciert. Die Mißverhältnisse zwischen den verschiedenen Industriezweigen häufen sich.« Zu gut die Stalinschen Selbstverteidigungsmethoden kennend, fügte ich hinzu: »Es ist nicht schwer, vorauszusehen, welchen Widerhall unsere Analyse bei den offiziellen Kreisen finden wird. Die Bürokraten werden sagen, wir spekulieren auf eine Krise. Die Lumpen werden hinzufügen, daß wir den Sturz der Sowjetmacht wollen ... Das kann uns nicht abhalten. Intrigen vergehen, Tatsachen bleiben.«

Ich will hier die Möglichkeit, Zitate anzuführen, nicht mißbrauchen. Jedoch verpflichte ich mich, mit einer Sammlung meiner Artikel in der Hand zu beweisen, daß ich im Laufe von sieben Jahren auf Grund von Angaben der offiziellen Sowjetpresse unermüdlich gewarnt habe vor den katastrophalen Folgen des Überspringens von Perioden der laboratorischen Vorbereitung, der Inbetriebnahme unfertiger Fabriken, der Ersetzung technischer Ausbildung und einer richtigen Organisation durch irrsinnige Prämien. Alle jene ökonomischen »Verbrechen«, von denen im letzten Prozeß die Rede war, habe ich wiederholt, beginnend mit dem Februar 1930 und abschließend mit meinem letzten Buche »Verratene Revolution«, als unausbleibliche Folgen des bürokratischen Systems analysiert. Ich habe dabei nicht den geringsten Grund, auf meinen besonderen Scharfsinn stolz zu sein. Ich habe nur aufmerksam die offiziellen Berichte verfolgt und die elementaren Schlußfolgerungen aus den unbestreitbaren Tatsachen gezogen.

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Wenn die »Sabotage« Pjatakows und der anderen praktisch, laut Anklageschrift, erst um das Jahr 1934 begann, wie ist dann die Tatsache zu erklären, daß ich während der vier vorangegangenen Jahre die radikale Heilung der gleichen Krankheiten der Sowjetindustrie gefordert habe, die heute als Resultat bösartiger Tätigkeit der Trotzkisten dargestellt werden? Vielleicht war meine kritische Arbeit einfach »Maskierung«? Aber nach dem Sinn dieses Begriffs muß doch die Maskierung Verbrechen verhüllen. Meine Kritik jedoch hatte sie, im Gegensatz dazu, enthüllt. Es entsteht folgendes Bild: insgeheim »Sabotage« organisierend, habe ich mit allen Kräften versucht, die Aufmerksamkeit der Regierung auf diese Sabotageakte — und damit auf die Schuldigen zu lenken. Das alles wäre vielleicht sehr schlau gewesen, wäre es nicht völlig sinnlos gewesen.

Die Mechanik Stalins und seiner Polizei- und Justizagenten ist sehr einfach. Für große Unglücksfälle in den Betrieben, besonders für Zugkatastrophen, wurden in der Regel einige Angestellte erschossen, nicht selten jene, die man kurz vorher wegen der hohen Tempi mit Orden ausgezeichnet hatte. Die Folge war: allgemeine Unsicherheit und allgemeine Unzufriedenheit. Der letzte Prozeß sollte die Ursachen der Unglücksfälle und Katastrophen in Trotzki personifizieren. Dem guten Geiste Ormuzd ist der böse Ahriman gegenübergestellt. Nach dem heutigen ehernen Gesetz der Prozeßordnung gestehen sämtliche Angeklagten selbstverständlich ihre Schuld. Soll man sich wundern? Der GPU bereitet es keine Mühe, einen Teil ihrer Opfer vor die Alternative zu stellen: entweder sofort erschossen zu werden oder den Schatten einer Hoffnung zu bewahren, unter der Bedingung des Zugeständnisses, vor Gericht als Trotzkist zu figurieren, der die Industrie und den Transport vorsätzlich sabotierte. Das Weitere erfordert keine Erklärungen.

Das Verhalten des Staatsanwalts im Prozeß ist an sich ein tödliches Indiz gegen die wahren Verschwörer. Wyschinski begnügt sich mit nackten Fragen: Bekennen Sie sich der Sabotage schuldig? der Organisierung von Havarien und Katastrophen? Gestehen Sie, daß die Direktiven von Trotzki ausgegangen sind? Aber er fragt niemals, wie haben die Angeklagten praktisch ihre Verbrechen verwirklicht; wie gelang es ihnen, für ihre Schädlingspläne von den höchsten Staatsämtern Bestätigung zu erhalten? die Sabotage eine Reihe von Jahren vor Vorgesetzten und Untergebenen geheimzuhalten? das Schweigen der Lokalbehörden, der Spezialisten, der Arbeiter usw. usw. zu erreichen? Wie stets ist Wyschinski der Hauptkomplize der GPU in Sachen der Fälschung und des Betruges der öffentlichen Meinung.

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Wie weit die Schamlosigkeit des Inquisitors dabei geht, ist daraus zu ersehen, daß die Angeklagten auf das dringliche Verlangen des Staatsanwalts aussagen — wenn auch nicht ohne Widerstand —, sie wären bewußt bestrebt gewesen, möglichst viele Menschenopfer zu verursachen, um dadurch die Unzufriedenheit der Arbeiter hervorzurufen. Doch bleibt es auch nicht dabei. Am 24. März, das heißt in den allerletzten Tagen, berichtete ein Telegramm aus Moskau, in Nowosibirsk seien drei »Trotzkisten« erschossen worden, weil sie eine Schule böswillig angezündet hatten, wobei viele Kinder verbrannten. Ich erlaube mir, hier daran zu erinnern, daß mein jüngster Sohn, Sergej Sedow, wegen der Beschuldigung verhaftet ist, Massenvergiftungen von Arbeitern vorbereitet zu haben. Stellen wir uns einen Augenblick vor, die Regierung der Vereinigten Staaten eröffnet nach dem Schulunglück in Texas, das die Welt erschüttert hat, im Lande eine wütende Kampagne gegen die Komintern, indem sie sie der böswilligen Ausrottung von Kindern beschuldigt — und wir erhalten dann eine ungefähre Vorstellung von der heutigen Politik Stalins. Solche Verleumdungen, die nur in der vergifteten Atmosphäre einer totalitären Diktatur denkbar sind, enthalten ihre Widerlegung in sich selbst.

 

Die politische Basis der Anklage: Bündnis mit Hitler und dem Mikado  

Zur Bekräftigung der zu unwahrscheinlichen Beschuldigung: Bündnis der Trotzkisten mit Deutschland und Japan, verbreiten die ausländischen Advokaten der GPU solche Versionen:

1. Lenin ist während des Krieges mit Ludendorffs Zustimmung durch Deutschland gereist, in der Absicht, seine revolutionären Aufgaben zu verwirklichen.

2. Die bolschewistische Regierung ist davor nicht zurückgeschreckt, Deutschland riesige Territorien abzutreten und Kontributionen zu zahlen zum Zwecke der Erhaltung des Sowjetregimes.

Schlußfolgerung: Warum ist es undenkbar, daß Trotzki mit demselben deutschen Generalstab ein Abkommen getroffen hat, um durch territoriale Abtretungen usw. die Möglichkeit zu erhalten, seine Ziele auf dem übrigen Territorium zu verwirklichen?

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Diese Analogie ist in Wirklichkeit die ungeheuerlichste und infamste Verleumdung gegen Lenin und die bolschewistische Partei in ihrer Gesamtheit.

1. Lenin ist tatsächlich durch Deutschland gereist, ausnutzend die falschen Hoffnungen Ludendorffs auf einen Zerfall Rußlands infolge des inneren Kampfes. Aber wie hat Lenin dabei gehandelt?

a) Er hat keinen Augenblick weder sein Programm noch die Ziele seiner Reise verheimlicht;

b) er hat in der Schweiz eine kleinere Beratung von Internationalisten verschiedener Länder einberufen, die Lenins Plan, durch Deutschland nach Rußland zu reisen, vollständig billigten;

c) Lenin hat keinerlei politische Abmachungen mit den deutschen Behörden getroffen und hat als Bedingung gestellt, daß während der Durchreise durch Deutschland niemand seinen Wagen betreten darf;

d) sofort nach seiner Ankunft in Petersburg hat Lenin vor dem Sowjet und vor den Arbeitermassen Sinn und Charakter seiner Reise durch Deutschland dargelegt.

Kühnheit des Beschlusses und Vorsicht bei der Vorbereitung charakterisieren Lenin auch bei dieser Episode; aber nicht weniger charakterisiert ihn die absolute und unbedingte Ehrlichkeit in bezug auf die Arbeiterklasse, der er jeden Moment bereit ist, für jeden seiner politischen Schritte Rechenschaft abzulegen.

3. Die bolschewistische Regierung hat tatsächlich an Deutschland nach dem Brester Frieden riesige Territorien abgetreten, um das Sowjetregime auf dem übrigen Teil des Territoriums zu erhalten. Aber:

a) die Sowjetregierung hatte keine andere Wahl;

b) der Beschluß wurde gefaßt nicht hinter dem Rücken des Volkes, sondern als Resultat einer freien und öffentlichen Diskussion;

c) die bolschewistische Regierung hat keinen Augenblick vor den Volksmassen verheimlicht, daß der Brest-Litowsker Frieden eine vorübergehende und partielle Kapitulation der proletarischen Revolution vor dem Kapitalismus ist.

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Wir haben in diesem Falle die absolute Übereinstimmung zwischen dem Ziele und den Mitteln und die absolute Ehrlichkeit der Führung gegenüber der öffentlichen Meinung der werktätigen Massen.

Wir wollen jetzt den Sinn der gegen mich erhobenen Beschuldigung untersuchen.

Ich hätte angeblich mit Faschismus und Militärismus ein Abkommen auf folgenden Grundlagen getroffen:

a) ich sei bereit, auf den Sozialismus zugunsten des Kapitalismus zu verzichten;

b) ich gebe das Signal zur Demolierung der Sowjetwirtschaft und zur Ausrottung der Arbeiter und Soldaten;

c) ich verberge vor der ganzen Welt sowohl meine wirklichen Ziele wie meine Methoden;

d) meine gesamte öffentliche politische Tätigkeit diene nur dazu, die werktätigen Massen hinsichtlich meiner wirklichen Pläne zu täuschen, in die Hitler, der Mikado und deren Agenten eingeweiht sind.

Die mir zugeschriebenen Handlungen haben somit nicht nur nichts mit den oben angeführten Beispielen aus dem Handeln Lenins gemein, sondern stehen zu ihnen in direktem Gegensatz.

Der Brest-Litowsker Frieden war ein vorübergehender Rückzug, ein erzwungenes Kompromiß, um die Sowjetmacht und die Verwirklichung des revolutionären Programms zu retten. Das Geheimbündnis mit Hitler und dem Mikado bedeutet Verrat an den Interessen der Arbeiterklasse im Namen der persönlichen Macht, richtiger des Phantoms der Macht, das heißt das niedrigste von allen denkbaren Verbrechen.

Manche von den Advokaten der GPU sind zwar geneigt, Stalins zu scharfen Wein durch Wasser zu verdünnen: Vielleicht, sagen sie, hat Trotzki nur so getan, als verpflichte er sich, den Kapitalismus wieder herzustellen, in Wirklichkeit hatte er beabsichtigt, auf dem übrigen Teil des Territoriums eine Politik im Geiste seines Programms zu verwirklichen. Vor allem widerspricht diese Variante den Angaben von Radek, Pjatakow und den anderen. Doch unabhängig davon ist sie ebenso sinnlos wie die offizielle Version der Anklage. Das Programm der Opposition ist das Programm des internationalen Sozialismus. 

Wieso konnte ein erwachsener und erfahrener Mensch sich einbilden, Hitler und der Mikado, die in ihren Händen die Liste

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all seiner Verrätereien und scheußlichen Verbrechen haben, würden ihm erlauben, ein revolutionäres Programm zu verwirklichen? Wie konnte man überhaupt hoffen, zur Macht zu kommen mit Hilfe krimineller Verbrechen im Dienste eines ausländischen Stabes? Wäre es nicht von vornherein klar gewesen, daß Hitler und der Mikado, nachdem sie einen solchen Agenten soweit wie möglich ausgenutzt, ihn wie eine ausgepreßte Zitrone weggeworfen haben würden? Konnten diese Verschwörer, an deren Spitze sechs Mitglieder des Leninschen Politbüros standen, dies nicht begreifen? Die Beschuldigung erscheint somit innerlich sinnlos in ihren beiden Varianten: in der offiziellen, wo es um die Wiederherstellung des Kapitalismus geht, wie in der offiziösen, die den Verschwörern den Geheimgedanken übrig läßt, Hitler und den Mikado zu täuschen.

Man muß hinzufügen, daß es für die Verschwörer von vornherein klar gewesen sein mußte, daß die Verschwörung in keinem Falle unentdeckt bleiben könnte. Im Prozeß Sinowjew-Kamenjew haben Olberg und andere ausgesagt, die »Zusammenarbeit« der Trotzkisten mit der Gestapo sei keinesfalls eine Ausnahme, sondern »System« gewesen. Folglich waren in dieses System Dutzende und Hunderte eingeweiht. Für terroristische Akte und besonders für Sabotage wären wiederum Hunderte und Tausende Agenten nötig. Reinfälle wären folglich absolut unvermeidlich gewesen und damit — die Enthüllung des Bündnisses der Trotzkisten mit dem Faschismus und den japanischen Spionen. Wer, außer einem Irrsinnigen, könnte hoffen, auf diesem Wege zur Macht zu kommen?

Aber das ist noch nicht alles. Sabotageakte wie terroristische Akte setzen bei den Ausführenden die Bereitschaft voraus, sich zu opfern. Wenn ein deutscher Faschist oder ein japanischer Agent in der USSR ihren Kopf riskieren, so bewegt sie ein so mächtiger Antrieb, wie Patriotismus, Nationalismus, Chauvinismus. Welches Stimulans konnte die »Trotzkisten« anspornen? 

Nehmen wir an, daß die »Führer« irrsinnig geworden waren und hofften, auf diese Weise zur Macht zu kommen. Aber welche bewegenden Motive konnten die Bermann, David, Olberg, Arnold und viele andere haben, die, praktisch den Weg des Terrors und der Sabotage betretend, sich zum sicheren Tode verurteilten? Sein Leben zu opfern, ist ein Mensch nur im Namen eines höheren Zieles, wenn auch eines falschen, bereit.

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Welches höhere Ziel hatten die Trotzkisten? Die Absicht, die USSR zu zerstückeln? Für Trotzki die Macht zu erobern im Namen der Wiederherstellung des Kapitalismus? Sympathie für den deutschen Faschismus? Der Wunsch, Japan für einen Krieg gegen die Vereinigten Staaten Petroleum zu verschaffen? Weder die offizielle noch die offiziöse Version geben eine Antwort auf die Frage, in wessen Namen Hunderte »Vollstrecker« sich bereit erklärten, ihre Köpfe hinzuhalten. Die gesamte Konstruktion der Anklage hat einen mechanischen Charakter ... Sie ignoriert die Psychologie lebender Menschen. In diesem Sinne ist die Anklage ein gesetzmäßiges Produkt des totalitären Regimes, mit seiner Mißachtung und Verachtung der Menschen, wenn sie keine »Führer« sind.

Die zweite phantastische Theorie, die von den Freunden der GPU in Umlauf gesetzt wird, lautet, daß ich angesichts meiner Gesamtposition politisch an der Beschleunigung eines Krieges interessiert sei. Der Gedankengang ist so: Trotzki ist für die internationale Revolution. Bekanntlich führt ein Krieg nicht selten zu Revolutionen. Ergo: Trotzki muß an der Beschleunigung des Krieges interessiert sein.

Menschen, die so denken oder mir solche Gedankengänge zuschieben, haben von Revolution, Krieg und deren Wechselwirkung eine sehr schwache Vorstellung.

Der Krieg hat tatsächlich nicht selten die Revolution beschleunigt. Aber gerade deshalb hat er nicht selten zur Fehlgeburt geführt. Der Krieg verschärft die sozialen Gegensätze und die Unzufriedenheit der Massen. Aber das genügt für den Sieg der proletarischen Revolution nicht. Ohne revolutionäre Partei, die Stützpunkte in den Massen hat, führt eine revolutionäre Situation zu grausamen Niederlagen. Die Aufgabe besteht nicht darin, den Krieg zu »beschleunigen« — daran arbeiten unglücklicherweise nicht ohne Erfolg die Imperialisten aller Länder. Die Aufgabe besteht darin, die Zeit, die die Imperialisten den Arbeitermassen noch lassen, auszunutzen zur Schaffung einer revolutionären Partei und revolutionärer Gewerkschaften.

Das Lebensinteresse der proletarischen Revolution ist: den Krieg so. weit wie möglich hinauszuschieben und möglichst viel Zeit zur Vorbereitung zu gewinnen. Je fester, nmtiger, revolutionärer das Verhalten der Werktätigen ist, um so mehr schwanken die Imperialisten, um so sicherer gelingt es, den

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Krieg hinauszuschieben, um so mehr Chancen bestehen, daß die Revolution vor dem Kriege geschehen und vielleicht den Krieg unmöglich machen wird.

Gerade weil die IV. Internationale für die Weltrevolution ist, bildet sie einen der Faktoren, die gegen den Krieg wirken, denn, ich wiederhole es, die einzige Bremse auf dem Wege zum neuen Krieg ist die Angst der besitzenden Klassen vor der Revolution.

Der Krieg, sagt man uns, schafft eine revolutionäre Situation. Aber hat es in der Periode von 1917 bis heute Mangel an revolutionären Situationen gegeben?

Werfen wir einen flüchtigen Blick auf die Nachkriegsperiode: Revolutionäre Situation in Deutschland in den Jahren 1918 bis

1919-

Revolutionäre Situation in Österreich und Ungarn.

Revolutionäre Situation in Deutschland im Jahre 1933 (Ruhrbesetzung).

Revolution in China in den Jahren 1935-1927, der unmittelbar kein Krieg vorangegangen war.

Tiefe revolutionäre Erschütterungen in Polen im Jahre 1936.

Revolutionäre Situation in Deutschland in den Jahren 1931 bis

1933-Revolution in Spanien 1931-1937. Vorrevolutionäre Situation in Frankreich seit 1934. Vorrevolutionäre Situation in Belgien.

Trotz dem Reichtum an revolutionären Situationen haben die werktätigen Massen in keinem der angeführten Fälle einen revolutionären Sieg errungen. Was fehlt? Die Partei, die fähig ist, die revolutionäre Situation auszunutzen.

Die Sozialdemokratie hat in Deutschland zur Genüge gezeigt, daß sie der Revolution feindlich ist. Jetzt zeigt sie dasselbe in Frankreich (Leon Blum). Andererseits desorganisiert die Komintern, die Autorität der Oktoberrevolution usurpierend, die revolutionären Bewegungen in allen Ländern. Die Komintern ist in Wirklichkeit, unabhängig von ihren Absichten, die beste Helfershelferin des Faschismus und der Reaktion überhaupt geworden.

Gerade darum ist vor dem Proletariat die eiserne Notwendigkeit erwachsen, neue Parteien und eine neue Internationale aufzubauen, die dem Charakter unserer Epoche entsprechen — einer Epoche grandioser sozialer Erschütterungen und ständiger Kriegsgefahr.

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Wenn im Kriegsfalle an der Spitze der Massen keine mutige, kühne, konsequente revolutionäre Partei existieren wird, die an der Erfahrung erprobt ist und vom Vertrauen der Massen getragen wird, dann wird die neue revolutionäre Situation die Gesellschaft zurückwerfen. Der Krieg kann unter solchen Umständen nicht mit dem Siege der Revolution enden, sondern mit dem Zusammenbruch unserer gesamten Zivilisation. Man muß ein jämmerlich Blinder sein, um diese Gefahr nicht zu sehen.

Krieg und Revolution sind die ernstesten, tragischsten Erscheinungen in der menschlichen Geschichte. Mit ihnen ist nicht zu spaßen. Sie vertragen keine dilettantische Behandlung. Man muß die Wechselwirkung zwischen Krieg und Revolution klar begreifen. Ebenso klar muß man auch die Wechselwirkung zwischen objektiven revolutionären Faktoren, die nicht willkürlich zu schaffen sind, und dem subjektiven Faktor der Revolution — die zielbewußte Avantgarde des Proletariats, seine Partei — begreifen. Diese Partei muß man mit allen Kräften vorbereiten.

Kann man auch nur für einen Augenblick annehmen, daß die sogenannten Trotzkisten, der linkste, von allen anderen Strömungen gejagte und verfolgte Flügel, seine Kräfte an verächtlichen Abenteuern, Sabotage und Kriegsprovozierung vergeuden wird — statt eine neue revolutionäre Partei aufzubauen, die fähig ist, einer revolutionären Situation gerüstet entgegenzusehen? Nur die zynische Verachtung Stalins und seiner Schule für die öffentliche Weltmeinung im Bunde mit seiner primitiven Polizeischlauheit waren iunstande, eine so ungeheuerliche und unsinnige Beschuldigung aufzustellen!

Ich habe in Hunderten von Artikeln und in Tausenden von Briefen auseinandergesetzt, daß eine militärische Niederlage der USSR die unvermeidliche Restaurierung des Kapitalismus bedeuten würde, und zwar in halbkolonialer Form unter einem politisch faschistischen Regime, die Zerstückelung des Landes und den Stürz der Oktoberrevolution. Viele meiner früheren politischen Freunde in verschiedenen Ländern, empört über die Politik der Stalinschen Bürokratie, kamen zu der Schlußfolgerung, daß wir die Pflicht der »unbedingten Verteidigung der USSR« nicht auf uns nehmen könnten.

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Darauf antwortete ich, daß man die Bürokratie mit der USSR nicht identifizieren darf. Das neue soziale Fundament der USSR muß man gegen den Imperialismus bedingungslos verteidigen. Die bonapartistische Bürokratie wird von den werktätigen Massen nur dann gestürzt werden, wenn es gelingt, die Grundlagen des neuen ökonomischen Regimes der USSR zu schützen. Ich habe wegen dieser Frage öffentlich mit Dutzenden alter und Hunderten junger Freunde gebrochen. In meinem Archiv befindet sich eine riesige Korrespondenz, die der Verteidigung der USSR gewidmet ist. Schließlich bietet mein neues Buch »Verratene Revolution« eine ausführliche Analyse der militärischen und diplomatischen Politik der USSR, speziell unter dem Gesichtswinkel der Landesverteidigung. Jetzt stellt sich mit Hilfe der GPU folgendes heraus: während ich mit nahen Freunden brach, weil sie die Notwendigkeit der bedingungslosen Verteidigung der USSR gegen den Imperialismus nicht begriffen, ging ich gleichzeitig Bündnisse mit den Imperialisten ein und empfahl, die ökonomischen Fundamente der USSR zu zerstören ...

Es ist völlig unübersichtlich, was denn eigentlich praktisch Deutschland und Japan in den Bund hineingebracht haben. Die Trotzkisten haben dem Mikado und Hitler ihre Köpfe verkauft. Was haben sie im Austausch erhalten? Geld ist der Nerv des Krieges. Haben die Trotzkisten nun mindestens Geld von Japan und Deutschland erhalten? Davon im Prozeß kein Wort. Den Staatsanwalt interessiert diese Frage nicht. Aus Hinweisen auf andere Finanzquellen geht wiederum hervor, daß weder Deutschland noch Japan Geld gezahlt haben. Was haben sie eigentlich den »Trotzkisten« gegeben? Auf diese Frage gibt es im gesamten Prozeß nicht den Schatten einer Antwort. Das Bündnis mit Deutschland und Japan bewahrt überhaupt rein metaphysischen Charakter. Es sei erlaubt, hinzuzufügen, daß sie überhaupt die niederträchtigste aller Polizeimetäphysiken der menschlichen Geschichte ist.

 

Kopenhagen

 

Das »Kopenhagener« Kapitel des Prozesses der sechzehn (Sinowjew und die anderen) ist, nach der Anhäufung von Widersprüchen und Unsinn, das ungeheuerlichste aller Kapitel. Die sich auf Kopenhagen beziehenden Tatsachen sind längst fest-

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gestellt und durchanalysiert in einer Reihe gedruckter Arbeiten, beginnend mit dem »Rotbuch« von L. Sedow. Über die »terroristische« Woche in Kopenhagen möchte ich mich deshalb so kurz wie möglich fassen.

Ich akzeptierte die Einladung dänischer Studenten, in Kopenhagen einen Vortrag zu halten, in der Hoffnung, daß es mir gelingen würde, in Dänemark oder in einem anderen europäischen Lande zu bleiben. Dieser Plan kam nicht zur Verwirklichung infolge des Druckes seitens der Sowjetregierung auf die dänische Regierung (Drohung mit ökonomischem Boykott). Um andere Länder davon abzuhalten, mir Gastfreundschaft zu gewähren, beschloß die GPU, meinen Aufenthalt in Kopenhagen auszunutzen, um eine Woche der »terroristischen Verschwörung« zu veranstalten. Es hätten mich angeblich in der Hauptstadt Dänemarks Golzmann, Bermann-Jurin und David besucht. Alle drei seien unabhängig voneinander gekommen, und jeder einzelne habe von mir terroristische Instruktionen erhalten. Olberg, der sich in Berlin befand, habe von mir aus Kopenhagen gleichfalls Instruktionen erhalten, aber nur schriftlich.

Einer der wichtigsten Zeugen gegen mich und L. Sedow ist Golzmann, ein altes Parteimitglied und ein uns beiden persönlich bekannter Mensch. Golzmanns Geständnisse während der Voruntersuchung und vor Gericht zeichnen sich von den Geständnissen der anderen Angeklagten durch äußerste Zurückhaltung aus: es genügt zu sagen, daß Golzmann, trotz allem Drängen des Staatsanwalts, jegliche persönliche Teilnahme an terroristischer Tätigkeit geleugnet hat. Golzmanns Aussagen kann man als Gesamtkoeffizient aller Aussagen betrachten: er war nur bereit, die terroristischen Pläne Trofzkis und die Beteiligung Sedows an ihnen zu »gestehen«. Gerade die Kargheit der Golzmannschen Geständnisse verleiht ihnen auf den ersten Blick besonderes Gewicht. Indes zerfällt gerade sein Zeugnis in Staub bei der ersten Berührung mit den Tatsachen. Die Dokumente und die Beweise, die ich der Kommission vorgelegt habe, stellen mit Bestimmtheit fest, daß Sedow, entgegen Golzmanns Erklärung, in Kopenhagen nicht war und folglich Golzmann zu mir nicht gebracht haben kann. Um so weniger aus dem Hotel Bristol, das im Jahre 1917 abgerissen wurde. Außerdem untergraben sich die Geständnisse der drei anderen »Terroristen«, Bermann, David und Olberg — unwahrscheinlich an und für sich — gegenseitig und untergraben gänzlich die Aussagen Golzmanns.

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Golzmann, Bermann und David wurden, wie sie sagen, in gleicher Weise von Sedow nach Kopenhagen geschickt. Sedows Anwesenheit in Kopenhagen erwähnt jedoch weder Bermann noch David. Sie haben selbst den Weg zu mir gefunden. Nur Golzmann traf sich angeblich mit Sedow im Vestibül des abgerissenen Hotels.

Die, wie aus ihren eigenen Worten hervorgeht, mir völlig unbekannten Bermann und David sind mir zum erstenmal angeblich von meinem Sohne empfohlen worden, dem damals sechsundzwanzigjährigen Studenten. Während ich also meine terroristischen Ansichten vor meinen nächsten Menschen verheimlichte, erteilte ich gleichzeitig terroristische Aufträge den ersten besten. Diese rätselhafte Tatsache läßt sich nur auf eine Weise erklären: Die »ersten besten« für mich waren nicht die ersten besten für die GPU.

Der vierte Terrorist, Olberg, sagte in der Abendverhandlung vom so. August 1936: »Noch vor meiner Abreise in die Sowjetunion hatte ich vor, zusammen mit Sedow nach Kopenhagen zu Trotzki zu fahren. Unsere Reise kam nicht zustande; nach Kopenhagen fuhr die Frau Sedows, Susanne, allein und brachte, von dort zurückgekehrt, einen Brief von Trotzki, adressiert an Sedow, in dem Trotzki sich mit meiner Reise in die USSR einverstanden erklärt...«

Meine Berliner Freunde, Franz Pfemfert, der Herausgeber der Zeitschrift »Die Aktion«, und dessen Frau, Alexandra Ramm, hielten Olberg, wie aus ihren warnenden Briefen vom April 1930 hervorgeht, schon zu jener Zeit, wenn nicht für einen Agenten der GPU, so für einen Kandidaten auf diesen Posten. Ich hatte sein Angebot, aus Berlin als mein russischer Sekretär nach Prinkipo zu kommen, abgelehnt. Nichtsdestoweniger habe ich ihm zwei Jahre später »terroristische Instruktionen« erteilen können ... Zum Unterschiede von Bermann und David, stand Olberg tatsächlich einige Zeit mit mir in Korrespondenz, kannte in Berlin Sedow, traf sich mit ihm einigemal, kannte Freunde Sedows, kurz, befand sich in gewissem Grade in dessen Umgebung. Olberg konnte wissen und, wie seine Aussage zeigt, wußte es tatsächlich, daß die Versuche meines Sohnes, nach Kopenhagen zu reisen, erfolglos blieben und daß Sedows Frau, die einen französischen Paß hatte, hinfuhr.

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Alle vier »Terroristen« erklären, daß Sedow sie mit mir in Verbindung gebracht habe. Dann aber gehen ihre Aussagen auseinander. Nach Golzmann befand sich Sedow in Kopenhagen. Bermann und David erwähnen Sedows Anwesenheit in Kopenhagen nicht. Schließlich erklärt Olberg kategorisch, Sedows Reise nach Kopenhagen habe nicht stattgefunden. Das Seltsamste an dem Ganzen ist, daß der Staatsanwalt diese Widersprüche nicht im geringsten beachtet.

Die Kommission besitzt, wie gesagt, dokumentarische Beweise dafür, daß Sedow nicht in Kopenhagen war. Das gleiche bezeugen Olbergs Angaben und Bermanns und Davids Schweigen. Die eindrucksvollste aller Aussagen gegen Sedow und mich, die Angaben Golzmanns, zerfallen somit in Staub. Es ist nicht weiter verwunderlich, daß die Freunde der GPU um jeden Preis versuchen, Golzmanns Aussagen zu retten, auf denen die Version von der »terroristischen Woche« in Kopenhagen beruht. Daher die Hypothese: Sedow konnte illegal gekommen sein, was Olberg und den anderen unbekannt blieb. Um dem Gegner kein Schlupfloch zu lassen, will ich kurz bei dieser Hypothese verweilen.

Aus welchem Grunde sollte Sedow das Risiko einer illegalen Reise eingegangen sein? Alles, was wir von seinem vermeintlichen Aufenthalt in Kopenhagen wissen, ist, daß er Golzmann aus dem Hotel Bristol in meine Wohnung begleitete und während meiner Unterhaltung mit Golzmann »rein- und rausgegangen« sei. Das ist alles! Hat es sich gelohnt, deshalb illegal aus Berlin zu kommen?

Bermann und David, die nach ihrem eigenen Geständnis mich vorher niemals gesehen hatten, fanden mich in Kopenhagen ohne Sedows Hilfe, der, wie aus ihren Worten folgt, ihnen in Berlin alle notwendigen Instruktionen gegeben hatte. Um so leichter hätte mich Golzmann finden können, der sich schon früher mit mir traf. Es wird kein vernünftiger Mensch glauben, daß Sedow mit einem fremden Paß aus Berlin nach Kopenhagen fuhr, um Golzmann in meine Wohnung zu begleiten, während er Bermann und David, die er doch angeblich ebenfalls aus Berlin zu mir schickte — und die ich doch persönlich nicht kannte — unbeachtet ließ.

Vielleicht aber ist Sedow illegal nach Kopenhagen gekommen, um die Eltern zu sehen? Diese Vermutung könnte man auf den ersten Blick für wahrscheinlicher halten, wenn er nicht wenige Tage später völlig legal nach Frankreich gekommen wäre mit der gleichen Absicht, sich mit den Eltern zu treffen.

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Aber vielleicht, sagen die Freunde der GPU, hat Sedow die zweite, legale Reise nur gemacht, um die Spuren der ersten, illegalen zu verwischen. Stellen wir uns einen Moment diese Kombination konkret vor. Sedow unternimmt offen und mit Wissen vieler Menschen Schritte, um nach Kopenhagen zu reisen, er verbirgt vor keinem seinen Wunsch, uns zu sehen. Alle unsere Freunde in Kopenhagen wissen, daß wir unseren Sohn erwarten. Seine Frau und sein Rechtsanwalt kommen nach Kopenhagen und erzählen unseren Freunden vom Mißerfolg der Bemühungen unseres Sohnes. Jetzt will man uns glauben machen, daß Sedow, nachdem er kein Visum erhalten hatte, mit einem fremden Paß nach Kopenhagen gekommen sei, für keinen unserer Freunde sichtbar. Hier trifft er im Vestibül des nicht-existierenden Hotels Golzmann, bringt ihn, unsichtbar für meine Bewachung, zu mir und geht während meiner Unterhaltung mit Golzmann »rein und raus«. Dann verschwindet Sedow aus Kopenhagen ebenso geheimnisvoll, wie er gekommen war. Nach Berlin zurückgekehrt, gelingt es ihm, in aller Eile ein Visum zu erhalten, und am 6. Dezember trifft er uns nun wieder auf dem Nordbahnhof in Paris. Wozu das alles?

Einerseits besitzen wir die Aussagen Golzmanns, der mit keinem Wort erwähnt, mit welchem Paß er selbst nach Kopenhagen gelangte (der Staatsanwalt fragt ihn selbstverständlich danach nicht) und der, um das Unglück voll zu machen, als Ort des Zusammentreffens mit dem abwesenden Sedow ein nicht existierendes Hotel nennt. Anderseits haben wir: das Schweigen Bermanns und Davids über Sedow; die richtige Angabe Olbergs, daß Sedow in Berlin geblieben war; zwei Dutzend Aussagen, die die Erklärung Sedows, seiner Mutter und die meine bestätigen, und darüber hinaus den gesunden Menschenverstand, dem man gewisse Rechte nicht absprechen kann.

Schlußfolgerungen: Sedow war nicht in Kopenhagen, Golzmanns Angabe ist falsch. Und Golzmann ist der Hauptzeuge der Anklage. Die ganze »Kopenhagener Woche« zerfällt in Staub.

Ich bin in der Lage, eine Reihe ergänzender Beweise anzuführen, die die letzten Zweifel zerstreuen müssen, falls sie in dieser Sache noch möglich sind.

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i. Kein einziger meiner angeblichen Besucher nennt meine Adresse oder den Stadtteil, in dem die Zusammenkunft stattgefunden haben soll.

s. Die kleine Villa, die wir bewohnten, gehörte einer Tänzerin, die ins Ausland verreist war. Die gesamte Einrichtung entsprach der Profession der Hauswirtin und konnte der Aufmerksamkeit der Besucher nicht entgehen. Wenn Golzmann, Bermann und David mich besucht hätten, sie würden unbedingt die Wohnungseinrichtung erwähnen.

3. Während unseres Aufenthalts in Kopenhagen ging durch die Weltpresse eine Kunde von Sinowjews Tod. Die Nachricht war falsch. Doch standen wir alle unter ihrem Eindruck. Kann man sich vorstellen, daß meine Besucher, die zum Empfang »terroristischer« Instruktionen gekommen waren, von uns nichts über Sinowjews Tod gehört oder diese Tatsache vergessen haben könnten?

4. Kein einziger meiner Besucher erwähnt auch nur mit einem Wort meine Sekretäre, meine Wache usw.

5. Bermann und David sagen nichts darüber aus, mit welchen Pässen sie gekommen waren, wie sie uns fanden, wo sie übernachteten usw.

Richter und Staatsanwalt stellen nicht eine konkrete Frage, um nicht durch eine unvorsichtige Bewegung das zerbrechliche Gebäude umzustürzen.

Die Zeitung der dänischen Regierungspartei, »Sozial-Demokraten«, hat sofort nach dem Prozeß gegen Sinowjew und Kamenjew, am 1. September 1936, festgestellt, daß das Hotel Bristol, wo angeblich die Zusammenkunft zwischen Golzmann und Sedow stattgefunden haben soll, im Jahre 1917 abgerissen wurde. Diese nicht unwichtige Enthüllung ist von der Moskauer Justiz mit konzentriertem Schweigen beantwortet worden. Einer der Advokaten der GPU — ich glaube der unersetzliche Pritt — äußerte die Vermutung, die Stenotypistin hätte den Namen »Bristol« — irrtümlich aufgenommen. Berücksichtigt man, daß die Verhandlung in russischer Sprache geführt wurde, so ist es ganz unverständlich, wie sich die Stenotypistin in einem so nicht-russischen Worte, wie Bristol, irren konnte. Die sorgfältig korrigierten Prozeßberichte wurden von Richtern und Publikum gelesen. Ausländische Journalisten waren im Gerichtssaal anwesend. Niemand

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hat den »Schreibfehler« vor der Feststellung des »Sozial-Demokraten« entdeckt. Die Episode bekam natürlicherweise weite Popularität. Die Stalinisten schwiegen fünf Monate lang. Erst im Februar dieses Jahres machte die Kominternpresse eine rettende Entdeckung: in Kopenhagen gebe es zwar kein Hotel Bristol, dafür aber eine Konditorei Bristol, die mit der einen Mauer an ein Hotel stößt. Zwar heißt dieses Hotel »Grand Hotel Kopenhagen«, aber es ist immerhin ein Hotel. Die Konditorei ist zwar kein Hotel, dafür aber heißt sie »Bristol«. Nach Golzmanns Worten fand die Zusammenkunft im Vestibül des Hotels statt. Die Konditorei hat allerdings kein Vestibül. Man muß noch hinzufügen, daß, wie sogar aus den Zeichnungen der Kominternpresse hervorgeht, die Eingänge zur Konditorei und zum Hotel sich in zwei verschiedenen Straßen befinden. Wo also fand die Zusammenkunft statt? Im Vestibül ohne »Bristol« oder im »Bristol« ohne Vestibül?

Nehmen wir aber nun an, daß Golzmann, als er Sedow in Berlin das Rendezvous gab, Konditorei und Hotel verwechselte. Wie hat Sedow dann den Rendezvous-Platz gefunden? Aber kommen wir den Autoren der Hypothese noch weiter entgegen und nehmen wir an, Sedow entwickelte eine außerordentliche Findigkeit, ging in die andere Straße, fand dort den Eingang zu einem Hotel mit einem anderen Namen und traf im Vestibül Golzmann. Doch konnte sich Golzmann im Namen des Hotels nur vor der Begegnung geirrt haben. Während der Begegnung müßte doch der Irrtum aufgeklärt worden und um so fester im Gedächtnis der beiden Teilnehmer haften geblieben sein. Nach dem Zusammentreffen hätte doch Golzmann keinesfalls vom Vestibül — der Konditorei Bristol sprechen können. Die Hypothese zerschellt somit bei der ersten Berührung.

Um die Lage noch mehr zu verwirren, behauptet die Presse der Komintern, die Konditorei Bristol sei von jeher der Versammlungsplatz dänischer und zugereister Trotzkisten gewesen. Das ist ein offenbarer Anachronismus. Wir fanden in Dänemark im Jahre 193s keinen einzigen »Trotzkisten«. Deutsche »Trotzkisten« kamen nach Dänemark erst im Jahre 1933, nach der faschistischen Umwälzung. Nimmt man aber für einen Augenblick an, daß es im Jahre 1932 in Dänemark Trotzkisten gegeben hat und daß sie die Konditorei Bristol zu jener Zeit bereits okkupiert hatten, dann erweist sich die neue Hypothese als noch sinnloser.

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 Kehren wir zu Golzmanns Aussagen — nach dem offiziellen Bericht — zurück.

»... Sedow sagte mir: >Da Sie vor der Reise in die USSR stehen, so wäre es gut, wenn Sie mit mir nach Kopenhagen reisten, wo sich mein Vater befindet ...< Ich war einverstanden. Erklärte aber, daß wir aus konspirativen Rücksichten nicht zusammen fahren dürfen. Ich verabredete mit Sedow, daß ich in zwei, drei Tagen nach Kopenhagen kommen und im Hotel Bristol absteigen würde ...«

Es ist klar, daß ein alter Revolutionär, der die Reise nicht zusammen mit Sedow machen wollte — denn ein Besuch in Kopenhagen, wenn er entdeckt worden wäre, bedeutete für Golzmann den sicheren Tod — keinesfalls eine Zusammenkunft in einem Räume bestimmen würde, der, nach den Worten der Kominternpresse, »seit einer Reihe von Jahren (!) der Treffpunkt der dänischen Trotzkisten wie auch der dänischen und der ausländischen und der letzteren miteinander war«. In diesem Umstände, der, wie gesagt, an sich die reinste Erfindung ist, sehen die übereifrigen Agenten der Komintern eine Bekräftigung ihrer Hypothese. Also: Golzmann wählte als Treffpunkt eine den Stalinisten als »trotzkistisch« bekannte Konditorei. Eine Sinnlosigkeit gesellt sich zur anderen. Ist aber die Konditorei den dänischen und den fremden Trotzkisten so bekannt, vor allem auch Golzmann, dann hätte er sie erstens nicht mit dem Grand Hotel Kopenhagen verwechselt und zweitens würde er sie als »trotzkistisch« verrufene wie das Feuer gemieden haben. So wird der »Schreibfehler« der Stenotypistin korrigiert ...

Wie aus den Dokumenten hervorgeht, konnte Sedow auch in der berühmtesten »trotzkistischen« Konditorei nicht gewesen sein, weil er überhaupt nicht in Kopenhagen war. Im »Rotbuch« von Sedow ist die Episode mit dem »Bristol« nur als Kuriosität geschildert, die die Schluderarbeit der GPÜ charakterisiert. Die Hauptaufmerksamkeit ist vielmehr auf den Beweis konzentriert, daß Sedow im November 193s in Berlin war: zahlreiche Dokumente und Zeugnisse lassen hier keinen Raum für Zweifel. Man will uns glauben machen, daß Sedows Gespenst Eingang fand in das gespenstische Vestibül einer Konditorei, die die Phantasie der GPU-Agenten in ein Hotel verwandelt hatte.

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Golzmann hat seine angebliche Reise getrennt von Sedow gemacht und selbstverständlich mit einem falschen Paß, um alle Spuren zu verwischen. Ausländer werden heutzutage in allen Ländern angemeldet. Golzmanns Angaben sind in wenigen Minuten nachzuprüfen, wenn man weiß, mit welchem Paß er aus Berlin nach Kopenhagen gereist war. Kann man sich ein Gericht vorstellen, wo der Staatsanwalt in einem ähnlichen Falle dem Angeklagten die Frage nach seinem Paß nicht stellen würde? Golzmann hat bekanntlich seine Verbindung mit der Gestapo kategorisch bestritten. Um so mehr Grund hätte der Staatsanwalt gehabt, Golzmann zu fragen, wer ihm den falschen Paß verschafft hat. Wyschinski aber stellte selbstverständlich diese Frage nicht, um seine eigene Arbeit nicht zu sabotieren. Nach den ganzen Umständen hätte Golzmann in Kopenhagen übernachten müssen. Wo? Vielleicht in der Konditorei Bristol? Wyschinski interessiert auch diese Frage nicht. Wyschinskis Funktion besteht darin, die Angeklagten gegen eine Nachprüfung ihrer Aussagen zu schützen.

Gewiß, der Irrtum hinsichtlich des Hotels Bristol kompromittiert die Anklage. Der Irrtum hinsichtlich des Zusammentreffens mit dem abwesenden Sedow kompromittiert den Prozeß doppelt. Jedoch am meisten kompromittiert den Prozeß und Wyschinski selbst die Tatsache, daß er dem Angeklagten die Fragen nicht stellte nach dem Paß, nach der Quelle, von der der Paß herrührt, nach dem Ort der Übernachtung, obwohl diese Fragen sich von selbst aufdrängen. Das Schweigen Wyschinskis entlarvt ihn auch in diesem Falle als den Mittäter bei der Prozeßfälschung.

 

Radek

In seiner Anklagerede (38. Januar) sagte der Staatsanwalt: »Radek ist einer der bedeutendsten und, man muß ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, der begabtesten und beharrlichsten Trotzkisten ... Er ist unverbesserlich ... Er ist einer der vertrautesten und dem Haupt-Ataman dieser Bande, Trotzki, am nächsten stehenden Menschen.« Alle Elemente dieser Charakteristik sind falsch, außer vielleicht dem Hinweis auf Radeks Begabung; aber auch da muß hinzugefügt werden: als Journalist. Nicht mehr! Von Radeks »Beharrlichkeit«, von seiner »Unverbesserlichkeit« als Oppositioneller und von seiner Nähe zu mir kann man höchstens in Form eines deplacierten Scherzes sprechen.

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Radek kennzeichnen in Wirklichkeit Impulsivität, Unbeständigkeit, Unzuverlässigkeit, Neigung, bei der ersten Gefahr in Panik zu verfallen, und ganz außerordentliche Geschwätzigkeit in ruhigen Zeiten. Diese Eigenschaften machen ihn zu einem Zeitungs-Figaro von hoher Qualifikation, zu einem unschätzbaren Informator für ausländische Journalisten und Touristen, aber völlig ungeeignet für die Rolle des Konspirators. Im Kreise informierter Menschen ist es ganz undenkbar, von Radek als von einem Inspirator terroristischer Attentate oder Organisator einer internationalen Verschwörung zu sprechen!

Der Staatsanwalt jedoch stattet Radek nicht zufällig mit Eigenschaften aus, die dessen tatsächlichem Charakter gerade entgegengesetzt sind: anders wäre es nicht möglich, auch nur den Schein einer psychologischen Basis für die Anklage zu schaffen. In der Tat, wenn ich als den politischen Leiter des »rein trotzkistischen« Zentrums Radek gewählt und gerade ihn in erster Linie in meine Verhandlungen mit Deutschland und Japan eingeweiht haben würde, so wäre klar, daß Radek nicht nur ein »beharrlicher« und »unverbesserlicher« Trotzkist gewesen sein müßte, sondern auch einer meiner »Vertrautesten« und »Nächsten«. Die Charakteristik Radeks in der Anklagerede ist ein notwendiger Bestandteil der gesamten Prozeßfälschung.

Radek ist, nach den Worten des Staatsanwalts, der »Portefeuillebewahrer der Außenpolitik — im Trotzkistischen Zentrum«. Mit Fragen der Außenpolitik hat sich Radek tatsächlich viel beschäftigt, jedoch ausschließlich als Journalist. In den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution war er allerdings .Mitglied des Kollegiums des Volkskommissariats des Äußern. Doch beklagten sich alle Sowjetdiplomaten im Politbüro: was man in Gegenwart von Radek spricht, weiß am nächsten Tag ganz Moskau. Er wurde bald aus dem Kollegium entfernt.

Eine Zeitlang war Radek Mitglied des Zentralkomitees und hatte in dieser Eigenschaft das Recht, die Sitzungen des Politbüros zu besuchen. Auf Lenins Initiative wurden geheime Fragen stets in Radeks Abwesenheit behandelt. Lenin schätzte Radek als Journalisten, konnte ihn aber gleichzeitig wegen seines Mangels an Selbstbeherrschung, seines unernsten Verhaltens zu ernsten Fragen und wegen seines Zynismus nicht ausstehen.

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Es soll hier das Urteil angeführt werden, das Lenin über Radek auf dem VII. Parteitag (1918) während der Debatten über den Brest-Litowsker Frieden fällte. Anläßlich Radeks Bemerkung: »Lenin tritt Raum ab, um Zeit zu gewinnen«, sagte Lenin: »Ich kehre zum Genossen Radek zurück und will hier vermerken, daß es ihm gelang, zufällig einen ernsten Satz zu sagen...« Und weiter: »Es zeigte sich diesmal, daß bei dem Genossen Radek ein ganz ernster Satz entstand.« Diese zweimal gebrauchte Wendung gibt den Kern wieder nicht allein von Lenins Stellung zu Radek, sondern auch die von Lenins nächsten Mitarbeitern. Ich will hier noch anführen, daß sechs Jahre später, im Januar 1924, auf der Parteikonferenz, die kurz vor Lenins Tod stattfand, Stalin sagte: »Bei den meisten Menschen regiert der Kopf die Zunge, bei Radek regiert die Zunge den Kopf.« Bei all ihrer Grobheit sind diese Worte recht zutreffend. Sie haben jedenfalls keinen überrascht, am allerwenigsten Radek selbst; er war an solche Einschätzungen gewöhnt. Wer kann nun glauben, daß ich an die Spitze einer grandiosen Verschwörung einen Mann gestellt habe, bei dem die Zunge den Kopf regiert und der darum nur fähig ist, »zufällig« ernste Gedanken auszusprechen?

Radeks Stellung zu mir hat zwei Stadien durchgemacht: im Jahre 1923 schrieb er über mich einen panegyrischen Artikel, der mich durch seinen gehobenen Ton verblüffte (»Leo Trotzki — der Organisator des Sieges«, »Prawda«, 14. März 1923). In den Tagen des Moskauer Prozesses (21. August 1936) dagegen schrieb Radek über mich seinen verleumderischsten und zynischsten Artikel. Die Periode zwischen diesen beiden Arbeiten ist durch die Kapitulation Radeks in zwei Hälften geteilt: 1929 wurde das Umbruchsjahr in seiner Politik und in seiner Stellung zu mir. Die Geschichte unserer Beziehungen vor und nach 1929 läßt sich aus Artikeln und Briefen jahraus, jahrein verfolgen. Die wichtigsten Tatsachen rekonstruieren, heißt auch in dieser Frage die Anklage entlarven.

In den Jahren 1923-1926 schwankte Radek zwischen der linken Opposition in Rußland und der rechten kommunistischen Opposition in Deutschland (Brandler, Thalheimer usw.). Im Augenblick des offenen Bruches zwischen Stalin und Sinowjew (An-

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fang 1936) versuchte Radek vergeblich, die linke Opposition zu einem Block mit Stalin hinzureißen. Radek gehörte dann fast während dreier Jahre (für ihn eine außerordentliche Frist!) zur linken Opposition. Jedoch innerhalb der Opposition lief er bald nach rechts, bald nach links.

Im August 1927, das Thema über die Gefahr des Thermidors entwickelnd, schrieb er in seinen' Programmthesen: »Die Tendenz zur thermidorianischen Umwandlung der Partei und ihrer führenden Institutionen äußert sich in folgenden Momenten: d) in der Linie des wachsenden Gewichtes des Parteiapparates im Gegensatz zu dem der unteren Parteiorganisationen, die ihren klassischen Ausdruck gefunden hat in Stalins Ausspruch im Plenum (August 1927): >Diese Kader können abgesetzt werden nur durch den Bürgerkrieg< — einer Erklärung, die eine klassische Formel der Bonapartistischen Umwälzung ist; e) in der Außenpolitik, wie sie Sokolnikow projektiert. Diese Tendenzen muß man offen als thermidorianische bezeichnen ... und offen sagen, daß sie im ZK ihren vollen Ausdruck in seinem rechten Flügel (Rykow, Kalinin, Woroschilow, Sokolnikow) und teils im Zentrum (Stalin) gefunden haben. Man muß offen sagen, daß die thermidorianischen Tendenzen im Wachstum begriffen sind.«

Dieses Zitat ist wichtig in doppelter Hinsicht:

1. Es zeigt erstens, daß Stalin schon im Jahre 1927 die Bürokratie (»Kader«) als unabsetzbar proklamierte und jede Opposition gegen sie von vornherein dem Bürgerkrieg gleichsetzte (Radek hat gemeinsam mit der gesamten Opposition diese Erklärung als Manifest des Bonapartismus qualifiziert).

2. Es charakterisiert unzweideutig Sokolnikow nicht als einen Gesinnungsgenossen, sondern als Vertreter des rechten, thermidorianischen Flügels. Im letzten Prozeß aber figuriert Sokolnikow als Mitglied des »Trotzkistischen« Zentrums.

Ende 1927 wird Radek mit Hunderten anderen Oppositionellen aus der Partei ausgeschlossen und nach Sibirien verschickt. Sinowjew, Kamenjew und später Pjatakow legen Reuebekenntnisse ab. Schon im Frühjahr 1928 wird Radek schwankend, hält sich aber noch etwa ein Jahr auf den Beinen.

So schreibt Radek am 10. Mai aus Tobolsk an Preobraschenski: »Ich verwerfe die Sinowjewiade und die Pjatakowiade als Dostojewskiaden. Sie legen gegen ihre Überzeugung Reuebekenntnisse ab. Man kann der Arbeiterklasse nicht durch Lügen helfen. Die Übriggebliebenen müssen die Wahrheit sagen.«

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Am 24. Juni schreibt mir Radek, sich gegen meine Befürchtungen verteidigend: »Niemand plant eine Lossagung von unseren Ansichten. Eine solche Lossagung wäre um so lächerlicher, als die Nachprüfung durch die Geschichte die Richtigkeit dieser Ansichten glänzend bewiesen hat.«

Für Radek besteht folglich kein Zweifel, daß Oppositionelle nur mit der Absicht bereuen können, sich das Wohlwollen der Bürokratie wiederzugewinnen. Ihm kommt es gar nicht in den Sinn, daß hinter den Reuebekenntnissen irgendwelche teuflische Pläne verborgen sein könnten.

Am 3. Juli schreibt Radek dem Kapitulanten Wardin: »Sinowjew und Kamenjew haben Reuebekenntnisse abgelegt, angeblich unuder Partei Hilfe zu leisten, in Wirklichkeit haben sie nur eines gewagt: Artikel gegen die Opposition zu schreiben. Das ist die Logik der Dinge, denn der Reuige muß Reue beweisen.« Diese Zeilen werfen ein vernichtendes Licht auf die späteren Prozesse, wo nicht nur Sinowjew und Kamenjew, sondern auch Radek gezwungen sein werden, die Aufrichtigkeit all ihrer vorangegangenen Reuebekenntnisse zu »beweisen«.

Im Sommer 1928 arbeitet Radek gemeinsam mit Smilga politische Thesen aus, in denen unter anderem steht: »Es irren sich tief jene, die, wie Pjatakow und andere, sich beeilen, durch Verrat ihre Vergangenheit zu begraben.« So urteilt Radek über seinen späteren Mitarbeiter in dem mythischen »parallelen Zentrum«. Radek selbst schwankt schon in jener Zeit. Aber psychologisch konnte er noch die Kapitulation Pjatakows nicht anders einschätzen denn als Verrat.

Jedoch sind Radeks Absichten, sich mit der Bürokratie auszusöhnen, in seinen Briefen bereits so durchsichtig, daß F. Dingelstedt, einer der angesehensten Verbannten aus der jüngeren Generation, Radeks »Kapitulanten«-Tendenzen offen brandmarkt. Am 8. August antwortet Radek Dingelstedt: »Der Versand der Briefe über die Kapitulation ist Leichtsinn, Säen von Panik, unwürdig eines alten Revolutionärs ... Wenn Sie es sich überlegen und Ihre Nerven ins Gleichgewicht kommen werden (und wir brauchen starke Nerven, denn die Verbannung ist eine Lappalie im Vergleich zu dem, was uns noch zu sehen bevorsteht), so werden Sie, ein altes Parteimitglied, sich schämen, so leicht den Kopf zu verlieren. Mit Komm.-Gruß! K. R.« 

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In diesem Brief sind besonders bemerkenswert die Worte: die Verbannung nach Sibirien sei eine Lappalie im Vergleich mit den bevorstehenden Repressalien. Radek ahnt gleichsam die künftigen Prozesse voraus.

Am 16. September schreibt Radek an die Verbannten im Dorfe Kolpaschewo: »Wenn Stalin von uns das Eingeständnis unserer >Irrtümer< und das Vergessen seiner Irrtümer fordert, so bedeutet diese Formel die Forderung unserer Kapitulation als besondere Richtung und unsere Unterwerfung. Unter dieser Bedingung ist er bereit, uns zu begnadigen. Wir können diese Bedingung nicht akzeptieren.« (»Bulletin der Opposition«, Nr. 3-4, September 1939). Am gleichen Tage schreibt Radek an Wratschew über die auf ihn hagelnden Schläge seitens der standhafteren Oppositionellen: »Zurechtweisungen werden mich von meiner Pflichterfüllung nicht abhalten. Wer aber auf Grund dieser Kritik (d. h. der Kritik von Radek) noch weiter von der Vorbereitung eines Falles Pjatakow schwatzen wird, stellt sich damit ein Zeugnis geistiger Armut aus.« Pjatakow bleibt für Radek noch das Maß des äußersten politischen Sinkens. Allein schon diese Zitate, die den tatsächlichen Zersetzungsprozeß der Opposition und den Übergang ihres schwankenden und opportunistischen Flügels in das Lager der Bürokratie zeigen, vernichten die Polizeiversion der Anklage von den beabsichtigten Kapitulationen als einer Verschwörungsmethode gegen die Partei.

Im Oktober 1928 appelliert Radek an das Zentralkomitee, es möge die Verfolgungen der Opposition einstellen oder mindestens mildern. »Ohne Rücksicht darauf, daß die Älteren von uns ein Vierteljahrhundert für den Kommunismus gekämpft haben«, schreibt er aus Sibirien nach Moskau, »habt ihr uns aus der Partei ausgeschlossen und wie Konterrevolutionäre verbannt — auf Grund einer Beschuldigung, die nicht uns entehrt, sondern jene, die sie gegen uns erheben« (Art. 58 des Strafgesetzbuches). Radek zählt eine Reihe von Fällen grausamer Behandlung der Verbannten auf — Sibirjakow, Alski, Horetschko — und fährt fort: »Aber die Geschichte mit Trotzkis Krankheit macht der Geduld ein Ende. Wir können nicht schweigen und teilnahmslos bleiben, wenn die Malaria die Kräfte eines Kämpfers zerfrißt, der sein ganzes Leben der Arbeiterklasse gedient hat und der das Schwert der Oktoberrevolution war.«

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Das ist eine der letzten Äußerungen Radeks als Oppositioneiler und sein letztes positives Urteil über mich. Seit Beginn 1929 lehnt er es bereits ab, seine Schwankungen zu verbergen, und Mitte Juni kehrt Radek nach Verhandlungen mit Organen der GPU und der Partei als Kapitulant nach Moskau zurück, wenn auch noch unter Eskorte. Auf einer sibirischen Eisenbahnstation hat er eine Auseinandersetzung mit Verbannten, die ein Beteiligter in einer »Korrespondenz nach dem Auslande« folgendermaßen schildert (»Bulletin der Opposition«, Nr. 6, Oktober 1929): »Frage: >Und wie ist Ihre Stellung zu L. D. (Trotzki)?< Radek: >Mit L. D. habe ich endgültig gebrochen. Von nun an sind wir politische Feinde ... Mit einem Mitarbeiter von Lord Beaverbrook haben wir nichts gemein.< Frage: >Werden Sie die Abschaffung des Artikels 58 fordern?< Radek: keinesfalls! Wer mit uns gehen wird, wird automatisch von ihm befreit sein. Aber wir werden jene von dem Artikel 58 nicht befreien, die die Partei untergraben und die Unzufriedenheit der Massen organisieren^ Agenten der GPU ließen uns nicht zu Ende sprechen. Sie trieben Karl (Radek) in den Waggon, während sie ihn der Agitation gegen Trotzkis Ausweisung beschuldigten. Aus dem Waggon schrie Radek: >Ich agitiere gegen Trotzkis Ausweisung? Ha-ha-ha ... Ich agitiere dafür, daß die Genossen in die Partei zurückkehren!< Die Agenten der GPU schwiegen und drängten Karl in die Mitte des Waggons. Der Eilzug setzte sich in Bewegung ...« Über diese grelle Erzählung, die Radek wie lebend zeigt, schrieb ich in einer Redaktionsnotiz: »Unser Korrespondent sagt, die Basis (der Kapitulationen) sei >Feigheit<. Diese Formulierung kann vielleicht vereinfacht erscheinen, aber im Kern ist sie richtig. Selbstverständlich handelt es sich um politische Feigheit — persönliche ist dabei nicht unbedingt notwendig, obwohl sie nicht selten zusammentreffen.« Diese Charakteristik stimmt mit meinem Urteil über Radek vollkommen überein.

Schon am 14. Juni, kaum daß der Telegraph die Kunde von Radeks »aufrichtigem Reuebekenntnis« gebracht hatte, schrieb ich: »Indem er kapitulierte, hat sich Radek einfach aus der Liste der Lebenden ausgestrichen. Er wird in die von Sinowjew verkörperte Kategorie der Halbgehenkten, Halbbegnadigten geraten. Diese Menschen fürchten sich, laut ein Wort auszusprechen, fürchten sich, eine eigene Meinung zu haben, und leben nur davon, daß sie sich nach ihrem eigenen Schatten umschauen.« (»Bulletin der Opposition«, Nr. 1/2, Juli 1929.)

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Etwa einen Monat später (7. Juli) schrieb ich in einem anderen Artikel in bezug auf die Kapitulationen: »Allgemein gesprochen hat noch niemand Radek der Beharrlichkeit und der Konsequenz beschuldigt.« (»Bulletin der Opposition«, Nr. 1/2, Juli 1929.) Diese Worte hören sich an wie eine politische Replik, gerichtet an die Adresse des Staatsanwalts Wyschinski, der sieben Jahre später Radek zum erstenmal den Vorwurf der »Beharrlichkeit und Konsequenz« macht.

Ende Juli kehrte ich zum selben Thema zurück, diesmal mit einer breiteren Perspektive: »Die Kapitulation von Radek, Smilga und Preobraschenski ist in ihrer Art ein bedeutsames politisches Faktum. Sie beweiset vor allem, wie stark sich die große und heroische Generation der Revolutionäre verbraucht hat, die vom Schicksal ausersehen war, durch Krieg und Oktoberrevolution zu gehen. Drei alte und verdiente Revolutionäre haben sich aus dem Buche der Lebenden ausgestrichen. Sie haben sich des Wichtigsten beraubt: des Rechts auf Vertrauen. Das wird ihnen niemand zurückgeben.«

Seit Mitte 1929 wird Radeks Name in den Reihen der Opposition zum Symbol der würdelosesten Formen der Kapitulation und treubrüchigsten Schläge in den Rücken der gestrigen Freunde. Der obenerwähnte Dingelstedt schreibt, um die Schwierigkeiten Stalins besser zu schildern, ironisch: »Wird ihm dabei der Renegat Radek helfen können?« Um seine Verachtung gegen das Dokument eines neuen Kapitulanten zu unterstreichen, fügt Dingelstedt hinzu: »Das öffnet dir den Weg zu Radek.« (22. September 192g.)

Ein anderer verbannter Oppositioneller schreibt am 27. Oktober aus Sibirien im »Bulletin der Opposition« (Nr. 7, November/ Dezember 192g): »Einen besonders scheußlichen Charakter — ein anderes Wort finde ich nicht — hat Radeks Arbeit angenommen. Er lebt von Intrigen und Klatsch und bespuckt grimmig seinen gestrigen Tag.«

Im Herbst 1929 schildert Rakowski, wie Preobraschenski und Radek den Weg der Kapitulation betraten: »Der erstere mit einer gewissen Konsequenz, der zweite wie gewöhnlich in Winkelzügen und Sprüngen von der linken Position auf die rechteste und zurück.« (»Bulletin der Opposition«, Nr. 7, November/Dezember 192g.) Rakowski bemerkt sarkastisch, daß jeder Kapitulant verpflichtet ist, bevor er die Opposition verläßt, »mit seinen Hufen, die mit Radekschen Nägeln beschlagen sind, Trotzki einen Tritt zu versetzen«. Alle diese Zitate sprechen für sich selbst. Nein, das Kapitulantentum war keine Kriegslist des »Trotzkismus«!

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Im Sommer 1929 besuchte mich in Konstantinopel das frühere Mitglied meines Kreissekretariats Blumkin, der sich damals in der Türkei befand. Als er nach Moskau zurückgekehrt war, sprach Blumkin von seiner Begegnung mit mir zu Radek. Radek verriet ihn sofort. Damals war die GPU noch nicht auf den »Terrorismus« gekommen. Nichtsdestoweniger wurde Blumkin erschossen, ohne Prozeß, in aller Heimlichkeit. Ich habe damals auf Grund von Briefen aus Moskau vom 25. Dezember 1929 folgendes im »Bulletin« veröffentlicht: »Die nervöse Geschwätzigkeit Radeks ist allgemein gut bekannt. Heute ist er völlig demoralisiert, wie die meisten Kapitulanten... Die letzten Reste eines sittlichen Gleichgewichts verloren, macht Radek vor keiner Scheußlichkeit halt.« Weiter wird Radek ein »verwüsteter Hysteriker« genannt. Die Korrespondenz erzählt ausführlich, wie »Blumkin sich nach dem Gespräch mit Radek verraten sah«. In den Reihen der Trotzkisten wird Radek seitdem die odiöseste Figur: er ist nicht nur Kapitulant, sondern auch Verräter.

Nach sieben Jahren — ich muß hier vorauseilen — berichtet Radek in einem Artikel, in dem er für Sinowjew und die anderen den Tod fordert (»Iswestja«, 21. August 1936), ich hätte im Jahre 1929 Blumkin aufgetragen, »Überfälle auf Handelsvertretungen im Auslande zu organisieren, um Geld zu erbeuten, das benötigt wird (von mir) für die Antisowjetarbeit«. Ich will bei der Sinnlosigkeit dieses »Auftrages« nicht verweilen: die Handelsvertretungen halten wohl ihr Geld nicht zu Hause, sondern in einer Bank!

Uns interessiert hier etwas anderes: Im August 1936 war Radek noch, wie er sagte, Mitglied des Trotzkistischen Zentrums. Während der vier Monate Haft hat er, nach seinen eigenen Worten vor Gericht, jegliche Teilnahme an der Verschwörung geleugnet, das heißt, nach der Charakteristik des Staatsanwalts, sich als hartnäckiger und eingefleischter Trotzkist gezeigt. Wozu hat er dann am 21. August 1936 — ohne daß es im geringsten nötig war — mich, den »Führer« der Verschwörung, mit ungeheuerlichen und sinnlosen Verbrechen belastet? Soll doch jemand eine Erklärung finden, die in das Schema Wyschinskis hineinpaßt. Ich persönlich lehne einen solchen Versuch ab.

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Die erbitterte Feindschaft zwischen Radek und der Opposition kann man noch weiter, von Jahr zu Jahr, verfolgen. Ich bin gezwungen, mich in der Auswahl der Illustrationen einzuschränken.

Dreizehn verbannte Oppositionelle in Kansk (Sibirien), die sich an das Präsidium des XVI. Parteitags der WKP (Juni 1930) mit einem Protest wenden, schreiben unter anderem: »Das Kollegium der GPU der USSR verurteilte, auf Grund der verräterischen Mitteilung des Renegaten Karl Radek, den Genossen Blumkin, Mitglied der WKP bis in die letzten Tage, zur höchsten Strafe.« 

Ein verbannter Oppositioneller charakterisiert im »Bulletin der Opposition« (Nr. 19, März 1931) die politische und moralische Zersetzung der Kapitulanten und vergißt nicht, hinzuzufügen: »Im schnellsten Tempo verfault Radek. Nicht nur die Masse der Kapitulanten, sondern auch die führenden Kapitulanten anderer Gruppen geben offen zu verstehen, daß sie mit ihm weder politisch noch persönlich etwas zu tun haben wollen. Die Aufrichtigeren sagen direkt: >Radek hat die schmutzige Denunziantenrolle übernommen< ...Ich will nur«, fährt der Briefschreiber fort, »eine kleine, aber charakteristische Tatsache des Radekschen Zynismus mitteilen. Die Bitte, einem schwerkranken verbannten Bolschewiken zu helfen, lehnte Radek mit der Bemerkung ab: >Wird dann eher zurückkehren/ Mißt mit seinem kurzen, schmutzigen Maß!«

Aus Moskau schreibt man dem »Bulletin« am 15. November 1931: »An der >Front< der Kapitulanten keine Veränderungen. Sinowjew schreibt an einem Buch über die II. Internationale. Politisch existiert weder er noch Kamenjew. Von den übrigen gar nicht zu reden. Eine Ausnahme bildet nur Radek. Dieser beginnt, eine >Rolle< zu spielen. Faktisch kommandiert Radek die >Iswestja<. Berühmt geworden ist er in seinem neuen Emploi als persönlicher Freund Stalins<, Spaß! Bei jeder Unterhaltung bemüht sich Radek, darauf anzuspielen, daß er mit Stalin auf intimem Fuße steht: >Gestern, als ich bei Stalin Te,e trank...<« usw. usw. (»Bulletin der Opposition«, Nr. 25/26, November/Dezember 1931). Wenn Radek, zum Unterschiede von den anderen Kapitulanten, irgendeine »Rolle« zu spielen begann, so nur deshalb, weil er durch sein ganzes Benehmen das Vertrauen der Spitzen sich zurückerobert hatte. Ich will noch bemerken, daß die hier angeführte Korrespondenz aus Rußland gerade in dem Augenblick veröffentlicht wurde, als ich, laut Anklage, die nötigen Maßnahmen traf, um Radek auf den Weg des Terrors zu locken. Wahrscheinlich untergrub ich mit der linken Hand, was ich mit der rechten tat.

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Die Diskussion um Radek nahm internationalen Charakter an. So veröffentlichte die deutsche oppositionelle Gruppe »Leninbund« eine Erklärung Radeks, Smilgas und Preobraschenskis und schlug mir vor, »unter gleichen Rechten« meinerseits eine Erklärung abzugeben. Im Oktober 1929 antwortete ich der Leitung des Leninbundes: »Ist das nicht ungeheuerlich? Ich verteidige in meiner Broschüre den Standpunkt der russischen Opposition. Radek, Smilga und Preobraschenski sind Renegaten, erbitterte Feinde der russischen Opposition, wobei Radek vor keiner Verleumdung zurückschreckt.« Man kann in der Presse der linken Opposition der verschiedensten Sprachen aus jener Zeit nicht wenige entrüstete oder verächtliche Artikel und Glossen gegen Radek finden.

Der amerikanische Journalist Max Shachtman, einer meiner Gesinnungsgenossen, der in die inneren Beziehungen der russischen Opposition gut eingeweiht war, sandte mir aus New York am 13. März 1932 einige ältere Meinungsäußerungen Radeks über mich mit folgender Anmerkung: »Angesichts des Stalinschen Chors, in dem heute auch Radek singt, wäre es vielleicht lehrreich, die kommunistischen Arbeiter daran zu erinnern, daß vor etwa zwölf Jahren, als der Kampf gegen den >Trotzkismus< noch keine einträgliche Beschäftigung war, Radek andere Lieder sang.«

»Im Februar 1932«, sagte Radek vor Gericht aus, »erhielt ich von Trotzki einen Brief... Trotzki schrieb, daß er, da er mich als aktiven Menschen kenne, überzeugt sei, ich würde zum Kampfe zurückkehren.« Am 24. Mai 1932, drei Monate nach diesem angeblichen Brief, schrieb ich einen Brief an Weissbord in New York: »...Die geistige und moralische Zersetzung Radeks zeigt nicht nur, daß Radek nicht aus einem erstklassigen Material gemacht ist, sondern auch, daß das Stalinsche Regime sich nur entweder auf Beamte ohne eigene Persönlichkeit oder auf moralisch zersetzte Menschen stützen kann.« Das war meine tatsächliche Einschätzung dieses »aktiven Menschen«!

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Im Mai 1932 druckte die deutsche liberale Zeitung »Berliner Tageblatt« in einer dem wirtschaftlichen Aufbau der Sowjetunion gewidmeten Sondernummer einen Artikel von Radek, in dem dieser zum hundertundersten Male meinen Unglauben an die Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande geißelte. »Diese These wird nicht nur von den offenen Feinden der Sowjetunion abgelehnt«, schrieb Radek, »sondern auch von Leo Trotzki bestritten.« Ich antwortete ihm in einer Glosse im »Bulletin« (Nr. 28, Juli 1932): »Ein unernster Mensch über eine ernste Frage.« Ich will daran erinnern, daß Radek gerade im Frühling jenes Jahres nach Genf kam, wo er angeblich durch Romm einen Brief von mir erhielt mit der Empfehlung, so schnell wie möglich die Sowjetführer auszurotten. Es stellt sich heraus, daß ich einem »unernsten Menschen« einen recht »ernsten« Auftrag erteilt hatte!

Im Laufe der Jahre 1933-1936 war meine Verbindung mit Radek, wenn man seinen Angaben glauben soll, von unzerreißbarem Charakter. Das hindert ihn nicht, zugunsten Stalins die Geschichte der Revolution mit aller Leidenschaft umzumodeln. Am 21. November 1935, drei Wochen vor dem »Fluge« Pjatakows nach Oslo, berichtete Radek in der »Prawda« über seine Unterhaltung mit einem Ausländer: »Ich erzählte ihm, wie der nächste Mitkämpfer Lenins, Stalin, die Organisierung der Fronten und die Ausarbeitung der strategischen Pläne, auf Grund derer wir gesiegt haben, leitete.« Aus der Geschichte des Bürgerkrieges erwies ich mich auf diese Weise als gänzlich ausgeschlossen. Indes konnte der gleiche Radek auch anders schreiben. Icj^habe schon seinen Artikel »Leo Trotzki — der Organisator des Sieges« (»Prawda«, 14. März 1923) erwähnt. Ich bin hier gezwungen, daraus zu zitieren: »Es war ein Mensch notwendig, der die Verkörperung des Aufrufes zum Kampfe bedeutete, der, sich der Notwendigkeit dieses Kampfes völlig unterwerfend, zur Glocke würde, die zu den Waffen ruft, zum Willen, der von allen unbedingte Unterwerfung unter die große blutige Notwendigkeit fordert. Nur ein Mensch, der so arbeitet wie Trotzki, nur ein Mensch, der sich selbst so wenig schont wie Trotzki, nur ein Mensch, der zum Soldaten so sprechen kann, wie Trotzki sprach — nur ein solcher Mensch konnte zum Bannerträger des bewaffneten werktätigen Volkes werden. Er war alles in einer Person.« Im Jahre 1923 war ich »alles«. Im Jahre 1935 wurde ich für Radek »nichts«. In einem umfangreichen Artikel im Jahre 1923 wird Stalin nicht erwähnt Im Jahre 1935 ist er der »Organisator des Sieges«.

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Radek verfügt also über zwei verschiedene Geschichten des Bürgerkrieges: eine für das Jahr 1923, eine andere für das Jahr 1935. Beide Varianten, unabhängig davon welche von ihnen richtig ist, charakterisieren fehlerlos sowohl den Grad der Wahrhaftigkeit Radeks wie seine Stellung zu mir und zu Stalin in verschiedenen Perioden. Sein Schicksal mit mir durch das Band der Verschwörung angeblich verknüpfend, schmähte und lästerte er mich unermüdlich, und umgekehrt, als er beschloß, Stalin zu ermorden, putzte er ihm sieben Jahre lang begeistert die Stiefel.

Aber auch das ist noch nicht alles. Im Januar 1935 werden Sinowjew, Kamenjew und andere, im Zusammenhang mit der Ermordung Kirows, zu Jahren Gefängnis verurteilt. Vor Gericht legen sie ein Bekenntnis ab von ihrem Bestreben, »den Kapitalismus wieder herzustellen«. Im »Bulletin der Opposition« qualifizierte ich diese Anklage als grobe und sinnlose Fälschung. Wer erhob sich zur Verteidigung Wyschinskis? Radek! »Es handelt sich nicht darum«, schrieb er in der <Prawda>, »ob der Kapitalismus das Ideal der Herren Trotzki und Sinowjew ist, sondern darum, daß, wenn der Aufbau des Sozialismus in unserem Lande unmöglich ist ...« usw. Ich antwortete im »Bulletin« (Nr. 43, April 1935): »Radek plaudert aus, daß Sinowjew und Kamenjew keinerlei Verschwörungen anzettelten mit der Absicht, den Kapitalismus wieder herzustellen — entgegen dem, was der offizielle Bericht schamlos behauptete —, sondern daß sie, alles in allem, die Theorie vom Sozialismus in einem Lande ablehnten.«

Radeks Artikel vom Januar 1935 war ein natürliches Glied in der Kette seiner Verleumdungen gegen die Opposition und eine Vorbereitung auf den Artikel vom August 1936: »Die Sinowjewistisch-trotzkistische Bande und ihr Hetman Trotzki.« Dieser letztere Artikel wiederum war die Einleitung zu den gerichtlichen Aussagen Radeks im Januar 1937. Jede folgende Etappe resultierte logisch aus der vorangegangenen. Gerade deshalb würde niemand Radek glauben, wenn er auf dem Prozeß nur als Zeuge der Anklage figuriert haben würde. Man mußte Radek in einen Angeklagten verwandeln, über ihn das Damoklesschwert des Todesurteils hängen, damit seine Zeugenaussagen gegen mich Gewicht bekommen. 

Wie wurde die Verwandlung Radeks in einen Angeklagten erreicht — das ist eine besondere Frage, die im wesentlichen in das Gebiet der Inquisitionstechnik gehört. Hier genügt uns die Tatsache, daß Radek auf der Anklagebank Platz genommen hat — nicht als mein gestriger Gesinnungs­genosse, Mitarbeiter und Freund, sondern als alter Kapitulant, als Verräter Blumkins, als demoralisierter Agent Stalins und der GPU, als der treubrüchigste meiner Feinde.

Hier muß man die Frage erwarten: wie konnte sich, angesichts all dieser Dokumente und Tatsachen, die Regierung entschließen, Radek als Führer der Trotzkistischen Verschwörung hinzustellen? Diese Frage kann sich weniger auf Radek beziehen als auf den Prozeß in seinem Gesamtkomplex. Radek ist mit den gleichen Methoden in einen Trotzkisten verwandelt worden, mit denen ich in einen Verbündeten des Mikado verwandelt wurde, und aus den gleichen politischen Motiven. 

Kurz läßt sich die Frage so beantworten: 

1. Für das System der »Geständnisse« eigneten sich nur Kapitulanten, die die lange Schule von Bekenntnissen, Erniedrigungen und Selbstverleugnungen durchgegangen sind; 2. für die Rolle, die sie Radek zugewiesen haben, hatten die Organisatoren des Prozesses keinen passenderen Kandidaten und konnten keinen haben; 3. die gesamte Spekulation der Organisatoren ist aufgebaut auf dem summarischen Effekt der öffentlichen Reuebekenntnisse und der Erschießungen, die die Stimme der Kritik ersticken sollten. 

Das ist Stalins Methode, Das ist das heutige politische System der USSR. Das Beispiel Radek ist nur eine grelle Illustration.

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