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Ein Abschied — und nun? 

 

Vorwort 1987 von Rudolf Bahro 

 

 

Grüner Fundamentalismus — was ist das?    

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Als ich im Herbst 1979 — nach zwei Jahren Haft wegen meiner Kritik am sowjetischen und DDR-Sozialismus — herüberkam, wandte ich mich, für viele über­raschend, gleich der im Entstehen begriffenen neuen Partei — den <Grünen> — zu. 

Carl Amery, einer der Begründer der politischen Ökologie hierzulande, hatte mich zwar als "heimlichen Grünen" vorangezeigt, ehe ich angekommen war, weil der ganze Schlußteil meines damaligen Buches <Die Alternative>1 von der Idee durchdrungen war, der Osten sollte die Wachstums­konkurrenz mit dem Westen aufgeben und das Ziel der menschlichen Emanzipation nicht mehr, im Sinne maximaler materieller Bedürfnis­befriedigung mißverstehen; militär-politisch sollte der Ostblock den Westen mit einseitiger Abrüstung in Zugzwang bringen. Beides entsprach einer Tendenz, die sich hier bei den Grünen artikulierte, dem Streben nach Block­über­windung und Neutralisierung.

Freilich, meine <Alternative> war wegen der sensationellen Umstände sehr viel mehr gekauft als gelesen worden. Viele, die den Fall bloß aus dem Fernsehen kannten, waren enttäuscht, weil ich trotz des Zusammen­stoßes mit den DDR-Autoritäten nicht in das west-östliche Entweder-Oder paßte, vielmehr überzeugt war (und bin), es kommt auf Veränderungen in beiden Teilen Europas an.2) Die gegenwärtige Reform in Moskau übertrifft weit, was ich seinerzeit real für möglich gehalten hatte und erfüllt mich mit großer Hoffnung auch für die Entwicklung im eigenen Land. 

Mitte 1985 habe ich die Grünen verlassen, weil sie eine andere Partei geworden sind, als ich mir gewünscht hatte. Obwohl in der Idee bei Ökopax geblieben, haben sie vor lauter Reformismus und Macht­beteilig­ungs­drang die ursprüngliche Substanz ihres Ansatzes ganz in tagespolitisches Kleingeld eingewechselt.

Man kann jetzt auf die Grünen und ihr erklärtes Ziel übertragen, was Tucholsky in der Weimarer Republik von jenen gesagt hatte, die zu ihrer Selbst­beschwicht­igung die Sozialdemokratie wählten: "Man weiß, man tut etwas für den Sozialismus, und mit der Partei kommt er ganz bestimmt nicht."

  1) In der Anmerkung nur der Hinweis auf das Literatur-verz. und dort wiederum auf die  Alternative    2) In 1977b, S. 49     Carl Amery bei Detopia 


Ich bin natürlich mitver­antwortlich für ihre Entwicklung. Unter anderem hätte ich früher dazu kommen sollen, meine fundament­alistische Position — wie hier beab­sichtigt — geschlossen zu skizzieren. Das meiste ist nur verstreut publiziert und manches überhaupt nur mündlich vorgetragen worden. Der theoretische Zusam­men­hang, den ich jetzt mitbehandeln will, läßt sich ohnehin nur schwer in einen Parteirahmen einbringen, der mehr und mehr auf Machterwerb und die zugehörige Eile pragmatisch zu Potte zu kommen, ausgelegt wird.

Weil es aus den Medien nicht klar sein kann, muß ich hier, ohne daß mir an dem Schlagwort Fundament­alismus besonders gelegen wäre, kurz andeuten, in welchem Sinne ich es stets gebrauchte. Ist doch dieser Begriff jetzt unglücklicherweise weitestgehend mit der oberflächlichen und demagogischen Debatte über "Verant­wortung" oder "Verweigerung" alias Koalieren oder Nichtkoalieren assoziiert, wodurch sein eigent­lich­er Gehalt ganz verdunkelt wird.

Was ist "Fundamentalismus", wenn das Wort mehr als ein falsches Etikett sein soll? 

Anfang 1984 hatte ich geantwortet: Außen — gemeint war, im Hinblick auf die Abwehr der Naturzerstörung in der äußeren Wirk­lich­keit — geht ihm Ökologie vor Ökonomie, gehen ihm die fundamentalen und langfristigen vor die unmittel­baren und kurzfristigen Interessen, und zwar im Sinne einer Priorität, nicht in dem der Ausschließ­lichkeit. Und was die Innenseite angeht: Schon um durchzuhalten, muß er eine Politik mit spirituellem Antrieb und moralischem Anspruch sein. Eine Politik der Umkehr in den Metropolen — so nenne ich en bloc die Länder der Ersten Welt — beginnt mit einer Bereitschaft zur Selbstveränderung, ja in einem gewissen Sinne sogar zur Selbstaufgabe des bürgerlichen Individuums.

Weiter schrieb ich: Offenbar verharmlost es den Fundamentalismus ein bißchen, wenn man seinen Gegensatz zur "Realpolitik" auf die unerhebliche Differenz zwischen einem mehr rhetorischen Neinsagen und einem Mitspielen bei kosmetischen Maßnahmen gegen die ökologische Krise reduziert. 

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Fundamental­ismus kann sich nie an den Objekten, die in den Parlamenten verhandelt werden, als konstruktiv oder destruktiv erweisen, weil er auf die Haltungen zielt. 

Die Dynamik des Industrie­systems kann nur dann in ihrer äußeren Wirklichkeit gestoppt werden, wenn sie zuvor in der Motivation zusammen­gebrochen ist.

Fundamentalismus in diesem Sinne war nie ein Flügel, war bislang nie mehr als eine übrigens hin und wieder selbst noch den letzten grünen "Realo" berührende Stimmung in der Partei. 

Wohin gilt es zu blicken, wenn wir sie verstehen wollen?

 

Arnold Toynbee hat in seinen Untersuchungen zur Weltgeschichte verallgemeinert, was beim Zusammen­bruch von Kulturen bzw. Zivilisationen passiert und welche Mechanismen sich in deren Krise wiederholen.Er spricht von Zerfall, von Desintegration, in der Gesellschaft und in der Seele. Daraus begründet Toynbee seinen jetzt sehr nützlichen eigentümlichen Proletariatsbegriff, der sich von dem geläufigen unterscheidet: Die große Mehrheit einer Gesellschaft fühlt es, wenn die führende Minderheit aufhört, schöpferisch zu sein. 

Diese Minderheit wird dann nur noch als herrschende gesehen und verliert ihr eigentliches Recht. Dann wird die gesamte nichtherrschende Mehrheit tendenziell und sukzessiv "inneres Proletariat": Der wahre Stempel des Proletariertums sei weder Armut noch niedrige Geburt, sondern das Bewußtsein, seines angestammten Erbes, seines Platzes in der Gesellschaft beraubt und in einer Gemeinschaft, in der man Heimatrecht hat, unerwünscht zu sein, sowie das Ressentiment, das dieses Bewußtsein einflößt; dieses sehr umfassend definierte innere Proletariertum vertrage sich mit dem Besitz materieller Mittel.

Toynbee zeigt: Wenn in der herrschenden Minderheit noch partiell schöpferische Kräfte geblieben sind, stiften sie eine Philosophie und die damit erzogenen Beamten bauen einen Universalstaat auf (in unserem Falle die ganze politische und administrative Organisation der "westlichen", "atlantischen" Metropolis, mit den supranationalen Bürokratien an der Spitze). Das innere Proletariat aber schafft eine höhere Religion, die oft, wie im Falle des in Rom aufkommenden Christentums, einer anderen Kultur entstammt und sich zur Universalkirche entwickelt, welche den Übergang in eine neue Kultur probt. 

* (d-2013:)  A.Toynbee bei Detopia 

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Gerade aus der Perspektive des Engländers Toynbee wäre es demnach nicht besonders überraschend, daß jetzt so viele Inder und Tibetaner den Europäern und Amerikanern Entwick­lungs­hilfe in Spiritualität erweisen. Natürlich werden in die neue spirituelle Synthese auch andere, wie z.B. die indianischen Traditionen, einfließen, und selbstverständlich kultureigene Quellen, nicht zuletzt Christus, aus <seinen> Kirchen befreit. Es wird auch deshalb etwas ganz Neues entstehen, weil es jetzt erstmalig in der Geschichte real um den ganzen Erdkreis geht, während zugleich das Patriarchat verfällt, so daß ein neuer sinnen­feindlicher männlicher Mono­theismus unmöglich ist.

Nichts Ökonomisches, sondern diese spirituelle Renaissance, die sich letzten Endes als ein Aufstieg im Bewußtsein und nicht als eine Regression erweisen wird, ist der Lebenskeim der nächsten sozialen Ordnung, die ich <Ökopax-Formation> nennen will (eine andere Möglichkeit ist <Regenbogen-Gesellschaft>). Diese Renaissance ist noch kein Strom, aber sie ist schon in zahllosen Bächen und kleinen Flüssen im Gange. Die vielen neuen Sekten (aber was soll's, auch die Christen begannen als Sekte!) sind sichere Anzeichen, und die Sektenbeauftragten der Großkirchen, in denen Gott tot ist, sind es auch — sie haben viel zu tun.

Anders wäre auch kaum zu erklären, wieso selbst eine neue politische Partei wie die Grünen von vornherein eine freilich meist schamhaft verleugnete spirituelle Komponente hat — auffällig genug in der Verfassung einer Persönlichkeit wie Petra Kelly. Die Grünen sind deutlich eine Gruppierung jenseits der antireligiösen Aufklärung, wenn auch dieser ihr für das Establishment gefährlichster Zug, der der tragende Grund der in ihnen vertretenen fundament­alistischen Tendenz ist, momentan erst einmal überrollt zu werden scheint. In der Ökopax-Bewegung kann er überhaupt nicht überrollt werden, er ist ihre Essenz.

Wahrscheinlich hätte ich den Grünen einen besseren Dienst erwiesen, wäre ich Ende 1982 nach dem wirt­schafts­politischen Zusammenstoß mit den Ökosozialisten an den Schreibtisch gegangen, statt mich in den Vorstand wählen zu lassen. Heute tut es mir dennoch nicht leid, weil ich denke, eine stärker präsente und greifbarere fundamentalistische Konzeption hätte das schon vorgezeichnete Schicksal der Grünen doch nur etwas länger kaschieren, nicht aber abwenden können. 

* (d-2013:)  P.Kelly bei Detopia 

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Ich bilde mir nicht ein, ich hätte die Auskristallisierung der Grünen zur paßfähigen reformistischen Links­partei halb radikal­sozialistischen, halb radikal-liberalen Typs, die die Umweltschutzidee heute genauso wie die anderen Parteien als Profilierungs­thema ausbeutet, aufhalten können, wenn ich mich theoretisch und praktisch noch mehr hineingeworfen und — gegen meine Neigung — geschickter verhalten hätte. 

Das war offenbar so vorgezeichnet, und ich muß eingestehen, daß ich in den ersten Jahren die Unentrinnbarkeit der Heraus­forderung durch die drohende Katastrophe für die grünen Geister überschätzt, ihre soziale Gebundenheit ans metropolitane Milieu aber unterschätzt habe. Vor allem — das hätte ich wissen können — kam die Organisation zur Partei nicht etwa dem Auftrag der ökologischen Wende, sondern der Abkehr davon entgegen.

      

 

 Stop der Megamaschine: Erster Anlauf      

Zumindest auf den ersten Blick scheint alles ganz einfach. Es geht nicht mehr weiter mit den zu großen Städten, den zu großen Fabriken, der chemischen Landwirtschaft, mit Betonschule und Großkrankenhaus, und mit dem ganzen Pentagon der Macht aus Geld, Computern, Bürokratie und Militär rund um den Erdball. 

Aber wir sind ja so erbärmlich abhängig von alledem, wieder­holen es uns alle Tage und beschreiben uns die Lage als eigentlich ausweglos. Was bleibt uns anderes übrig, als uns weiter hineinzureiten? Wir haben ja auch gesehen, Umweltschutz, ob nun mit schwarzen, roten oder grünen Ministern, verfehlt noch einmal mehr den Punkt. Das Elend auf der Welt wird auch nicht weniger durch den <Tag für Afrika>.

Jetzt hält sich Hoimar von Ditfurths Buch <So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen: Es ist soweit> schon das zweite Jahr auf der Bestsellerliste. Der Autor will uns damit versöhnen, daß wir ohnehin alle sterben müssen. Unversehens hat es sich inzwischen bis an jeden Stammtisch herumgesprochen: "Es geht eh alles den Bach hinunter."  

* (d-2008:)  H.Ditfurth bei Detopia   weiter S. 30, 79

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Oder sollten wir unser Leben derart ändern können, daß die Totrüstung und Kaputt­industrialisierung aufhört? 
Wir könnten wohl, aber wollen wir es? 

Es ist bequem, "Zuständige" zu haben, denen wir vorwerfen können, sie täten nicht genug, während wir gar nicht den Auftrag ausgegeben haben, etwas Einschneidendes zu unternehmen. Denn das würde ins eigene Fleisch gehen. Wir sind für Weitermachen, denn was sonst?

Wenn wir es wirklich wagten, sie zu wollen, bekämen wir ziemlich schnell eine Regierung oder besser eine Ordnung des sozialen Ganzen, mit der wir uns retten könnten, trotz aller hinderlichen inneren und äußeren Supermächte. Noch aber fehlt uns die entscheidende Voraussetzung der Rettung, der Wille zur Umkehr. Wie wenige sind nach Tschernobyl so kühn gewesen, die Sofortabschaltung der Atomkraftwerke zu verlangen. Nur deshalb sind die Vorschläge, die es zuhauf gibt — jeder hat da was beizutragen — "nicht machbar".

Vor fünf Jahren, 1981, mitgerissen von dem Aufschwung der Ökopax-Bewegung und der Grünen, hatte ich noch gedacht, die Umkehr könnte im ersten Anlauf unwiderruflich Boden gewinnen, wenn radikal genug ausgesprochen wird, worum es geht. 

Ich setze ein paar Seiten aus einem Text für den Deutschland­funk hierher, den ich damals schrieb und der für mich immer noch eine gültige erste Lesung dessen darstellt, was ich jetzt näher begründen will.4  

Sie hatten mich damals gefragt: Was heißt Frieden? Das ist, so lautete meine Antwort,

... der ideale Zustand, in dem die Menschen nicht Gewalt gegeneinander anwenden — auch nicht versteckt und indirekt — und in dem sich jeder so entwickeln kann, wie es zu seiner Zeit durchschnittlich möglich ist. Da sind also Freiheit und Gerechtigkeit mitgemeint. Da ist auch zwischenmenschliches Gleichgewicht mitgemeint.

Auf den ersten Blick geht das zu weit. Wollen wir denn nicht zufrieden sein, wenn uns keine Atombomben und auch keine "normalen" Panzergranaten umbringen? Wenn auf der Südhalbkugel nicht jährlich mehr Kinder Hungers sterben (letztes Jahr 14 Millionen), als es in einem Jahr des zweiten Weltkriegs Tote gab? Und wenn uns nicht demnächst der Sauerstoff zum Atmen ausgeht?

Aber entgehen wir alledem, wenn wir ansonsten weitermachen wie bisher? Wir haben der ganzen Welt gezeigt, was und wieviel man haben muß. Wie kann es gut ausgehen, wenn immer mehr Menschen von unserer endlichen Erde immer mehr pro Kopf verbrauchen, zerstören, vergiften, wie wir es vormachen? Darüber müssen wir untereinander und mit der Natur zusammenstoßen.

Wir hören nicht gern, wenn jemand ansetzt: "Kriege hat es immer gegeben ..." Dabei ist es nur zu wahr. Soll der dritte Weltkrieg ausfallen, soll nicht die halbe Menschheit absolut verelenden, ein großer Teil verhungern, soll der endgültige Kollaps der Umwelt abgewendet werden — müssen wir uns über die bisher bekannten Gesetze menschlicher Geschichte erheben.

Zuerst wäre zu lernen, und nicht allein fürs Militärische: Sicherheit suchen und Frieden suchen ist nicht dasselbe. Wer Sicherheit sucht, mißtraut und trifft Vorkehrungen, die wiederum das Mißtrauen des anderen nähren. Sicherheits­politik hat ganz offenbar dahin geführt, daß wir jetzt auf einem atomaren Pulverfaß sitzen. Sie soll die Gegenseite drohend abschrecken. Friedenspolitik würde die Drohung wegnehmen, zumindest verringern, und darauf vertrauen, daß dann auch die Bedrohung weggenommen, wenigstens verringert wird. Wer Sicherheits- und Friedenspolitik in einem sagt, täuscht, die ihm zuhören. Die bisherige Sicherheitspolitik ist Selbstmordpolitik.

Aber die neuesten Raketen verhindern, selbst die ganze Rüstung abschaffen wollen, damit sie uns nicht abschafft, genügt noch nicht. Wer nur das will und nicht mehr, wird nicht durchkommen. Man kann keine Hydra besiegen, indem man ihr einen und den anderen Kopf abschlägt, während ihre inneren Säfte stets neue Köpfe hervortreiben. Wollen wir dem Ungeheuer den Bauch aufschlitzen, damit es wirklich eingeht, müssen wir vor allem seinen Namen wissen.

Es ist unser Industriesystem, unsere industrielle Lebensweise selbst. Wir sind nicht per Zufall dazu gekommen. Es ist unsere Tüchtigkeit, Natur zu verändern schlechthin, die uns jetzt den Pferdefuß zeigt. Wir hatten einmal so viel Erfolg mit der Arbeit, uns die ersten Lebensmittel selbst zu produzieren. Seither wiederholen wir uns auf immer größerer Stufe, nach der Olympiaformel "Höher, weiter, schneller, besser!", vor allem: "Immer mehr!"

Hier in Europa haben wir das Nonplusultra gefunden, die Wirtschaftsweise mit dem schärfsten Antrieb und der fürchter­lichsten Effizienz, auf die wir so stolz sind ...

Das steckt so von Grund auf in all den Wachstumskurven, die seit 1750 nicht mehr wie zuvor unmerklich ansteigen, sondern plötzlich senkrecht in die Höhe weisen, daß es eher verharmlosend ist, irgendeine spezielle Rüstungs­produktion auf irgendein spezielles Profitinteresse zurück­zuführen. Es stimmt natürlich, aber es geht um mehr. Bisher dachten diejenigen, die enteignen und damit alles lösen wollten, keineswegs daran, die Große Maschine anzuhalten. Das Kapitalverhältnis ist nicht die letzte Ursache, sondern nur das jüngste Mittel der Expansion. Es ist bloß der höchste Ast an dem Baum der menschlichen Produktionsweisen, und es wird sich als ganz unmöglich erweisen, ihn für sich alleine abzusägen.

Friede verlangt, daß wir die ganze Zivilisation neu beginnen, die Quelle für die Konkurrenz um knappe materielle Güter halbwegs verstopfen, indem wir allen materiellen Verbrauch und alle materielle Produktion auf das für annähernd gleiche Befriedigung der natürlichen Grundbedürfnisse notwendige Minimum zurückführen. Goethe hatte seinen Faust sagen lassen: "Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt: Tor! wer dorthin die Augen blinzelnd richtet... Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm." So ließ er ihn den Sumpf trockenlegen, der am Gebirge hinzog. Was nun, da wir damit zu Ende sind?

Wie es scheint, ist nach "drüben", "oben", "innen" und natürlich zum anderen Menschen hin die einzige Aussicht offen. Und wir müssen uns darauf konzentrieren, dort unsere Tüchtigkeit zu üben, weil es lebensgefährlich ist, weiter so viel Natur zu verändern, Wissen dafür aufzuhäufen und Schätze dabei zu sammeln. Halt! Nicht weiter! Jede neue Investition, nicht nur die in Raketen, ist teuflisch und tödlich zugleich

Der Friede beginnt damit, daß wir die Hände von dem größten Teil der Arbeit lassen, die die meisten von uns jeden Tag verrichten. Freilich hätten wir noch eine Weile mit dem Abbauen und Umbauen zu tun. Dort, wo die Pyramiden stehen geblieben sind, weil man sie nicht rechtzeitig abgerissen hat, leben keine Menschen mehr.

Resignieren nicht die meisten, weil sie Angst haben, durchaus möglichen Widerstand zu leisten? Mehr Angst vor dem täglichen als vor dem endgültigen Risiko? Ich denke an die Zeit des Widerstandes gegen Hitler. Wie wenig müßten die Bürger dieses Landes riskieren, um sehr wesentliche Veränderungen zu erreichen. Es müßten nicht mal alle zivil ungehorsam sein ... Wer jetzt nichts wagt, weiß nicht oder will nicht wissen, daß die Apokalypse höchst wahr­scheinlich ist, falls wir nicht allen Ernstes mit ihr rechnen und uns danach verhalten ... Wir müssen den Ausweg finden, und wir müssen so bedingungslos suchen, daß es schlimmstenfalls nicht an uns gelegen hat... 

Wir bilden uns nicht ein, die Taube auf dem Dach wird leicht zu fangen sein. Wir wissen nur, der Spatz in der Hand wird uns diesmal absolut nichts nützen. Was wir erreichen wollen, gleicht dem Versuch, eine Lawine zum Stehen zu bringen aus deren Innerem heraus. Wer den Vorgang von außen beobachten könnte, müßte diese Lawine wie von Geisterhand gebremst und angehalten sehen kurz vor dem Aufschlag. Das ist gegen das Gesetz der trägen Masse Beton und Stahl, die uns umhüllt. Also kann es nur eine Anstrengung aus dem Bewußtsein, aus den Seelen sein, eine so konzentrierte und von so vielen Menschen, wie sie in der Geschichte ohne Beispiel ist.

Wir müssen uns etwas vorstellen, wie den von Moses inspirierten Auszug aus Ägypten und wie die ersten Pfingsten nach der Auferstehung Christi — beides in eins gedacht und das durch die ganze Menschheit hin, beginnend aber in den reichen Ländern und vor allem in Europa. Denn wir waren der Zauberlehrling, der den Besen zuerst gerufen hat, uns machen sie alles nach, hier hat der Teufelskreis seinen Schwerpunkt, und unser Kontinent ist der verletzlichste.

Ich glaube, daß diese Umkehr möglich ist, weil der Mensch sich jetzt in seinem Selbsterhaltungstrieb bedroht fühlt. Da wächst die ursprünglich ohnehin in jedem Menschen vorhandene Neigung, sich einer letzten, äußersten Alternative anzuvertrauen, sei sie auch noch so ungewiß — weil nichts anderes mehr übrig bleibt. Die Entschließung kann plötzlich — morgen, übermorgen — über Millionen Menschen kommen und den Horizont des politisch Möglichen über Nacht erweitern. Kleinere und mittlere Katastrophen werden nicht verfehlen, uns an die Nähe der Zeiten zu erinnern.

Ich schlage vor, daß wir in Erwartung dieser Stunde jeder bei sich selbst und in seinem Umkreis die Unruhe und das Bereitsein nähren für die allgemeine Sinnesänderung. Entziehen wir der großen Maschine und ihren Dienern nicht nur unsere Wahlstimme. Wir müssen überhaupt aufhören, mitzuspielen, wo immer das möglich ist. Wir müssen allmählich alles lahmlegen, was in die alte Richtung läuft: Militäranlagen und Autobahnen, Atomkraftwerke und Flugplätze, Chemiefabriken und Großkranken­häuser, Supermärkte und Lernfabriken.

Laßt uns darüber nachdenken, wie wir uns unabhängig von der Großen Maschine nähren, wärmen, kleiden, bilden und gesund erhalten können. Beginnen wir daran zu arbeiten, ehe sie uns vollends durchgesteuert, einbetoniert, vergiftet, erstickt und eher früher als später atomar totalvernichtet hat.

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Die Aufgabe ist noch dieselbe. Da seither alles weiterläuft wie gehabt, ist unser Standort jetzt — falls wir nicht ganz aufhören wollen, von einem absehbaren Endknall aus die Zeit zurückzurechnen — fünf Jahre dichter am Abgrund. Und wir verdecken uns das — was soll das schlechte Leben nützen?! — 1986 wieder mit einem neuen Rekord im Weihnachtsumsatz.

Ich sehe die Dinge jetzt nicht sachlich, aber seelisch etwas anders. Ich habe ja in meinen Antworten damals so gesprochen, als müßten die Opfer nicht selber aufwachen, sondern aufgeweckt werden. "Immer ist Gethsemane, immer schlafen alle" (Pascal 5). Nun werden die Gefahren ja inzwischen wahrgenommen. Aber es fehlt in der Öffentlichkeit sehr an ernsthafter Reflexion, was wir tun können, wenn Abrüstungs­verhandlungen der Militärkomplexe und Umwelt­kosmetik der Behörden und Betriebe es nicht bringen. 

Es fehlt auch, daß wir genauer nachdenken, was alles nicht mehr genug ist, nichts mehr aufhält, nichts mehr rettet — und warum

Angeblich führt das zur Resignation. Doch wird uns erst die richtige Verzweiflung an aller Symptomkur, an allem, was weniger beabsichtigt als eine kulturelle Transformation, von innen wecken.

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 Die Absicht des Buches     

Mich interessiert also nur noch in zweiter Linie, was wir alles tun könnten, obwohl ich noch einmal kenntlich und verständlich machen will, mit der nötigen Zuspitzung, was not tut

Wenn wir alles das nicht wenigstens erst einmal ernsthaft in Betracht ziehen möchten, dann sagen wir, daß wir sterben wollen.*

Aber da ist auch eine Erfahrung, daß diese Predigt nicht verschlägt, auch weil sie noch zu materialistisch ist, zu objektfixiert. Indem wir Umwelt sagen, wollen wir außen etwas ändern, wollen dem Außen etwas Endursächliches zuschieben, das in Wirklichkeit in uns liegt. Als wäre die Bombe nicht von weither unser und als wüßten wir's nicht genau so gut wie Einstein, der zuletzt gesagt hat, nach soviel Befassung mit Physik, das wirkliche Problem sei das menschliche Herz.

Gegenwärtig ist die Ökologie- und Friedensbewegung vorübergehend wieder zur Unterströmung geworden. Sie wird sich regenerieren und mental radikalisieren, indem sie Kontakt zu den zahllosen spirituellen Rinnsalen aufnimmt, die zunächst unabhängig von ihr entstanden sind, aber viele aufgenommen haben, die schon früher an einer bloß politischen und auf zu bekämpfende Objekte und Feinde fixierten Praxis verzweifelt waren. Alles das wird zusammen wieder auftauchen und dann auch politisch viel stärker sein als beim vorigen Mal.

Es wird nämlich hinübergreifen in die wissenschaftlichen und bürokratischen Eliten. Deren Spaltung ist ausschlag­gebend dafür, ob die Todesspirale rechtzeitig angehalten werden kann. Ohne Verrat und Abfall in den Labors und Zentralen wird sie nicht stehenbleiben. Dort wiederum kann es zum lähmenden Patt nicht kommen ohne die Diskriminierung der <Challenger"-Logik> im Volke. Die Empörung über den ökologischen Ablaßhandel wird zusammen­kommen mit einer Spaltung der säkularen Kirche Wissenschaft, ihrer Priester aller Ränge, wie in der letzten Reformation. 

 

* (d-2011:)  Zu sterben wollen: Da wird immer gegengeredet mit "na, vielleicht bekehrt sich die Menschheit ja, und kehrt um, und denkt neu, usw." -- Aus prinzipiellen Überlegungen heraus antworte ich, dass ich keinen Grund kenne, um anzunehmen, dass spätere Menschen bessere Bedingungen für neues Denken haben als hier und jetzt und heute. Einfacher: Die Bedingungen für neues Denken können nur schlechter werden, denn für gemütliches Denken braucht es Muße und Sicherheit.

**  (d-2007:)  Vgl. auf Seite 52: "Der Tod der Challenger-Besatzung ist der Preis der Menschheit für den Fortschritt...."

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Inzwischen ist nichts wichtiger als die Ausbreitung und Vertiefung der geistigen und spirituellen Grund­lagen dafür, die auch in Zukunft, in Zeiten wieder sichtlicher Bewegung, Vorrang behalten muß. Denn dort liegt die Quelle der Kraft und — auch jetzt schon — der Kontinuität. Daß es dort zu einem Treffen der Wege kommt, ohne daß sich eine Psychokratie vorbereitet, eine Riege von Seelendompteuren, darin sehe ich die Verantwortung all derer, die von der Idee eines neuen Zeitalters jenseits der industriellen Megamaschine angerührt sind. Wir werden uns auf diesem Boden neu sammeln und ein bundesweites wie auch grenzüber­schreitendes Netz knüpfen, ohne wieder eine direkt politische Organisation zu schaffen.

Es ist jetzt klar, daß es keinen kurzen und direkten Anlauf zu einer ökologischen Politik gibt. Dem steht die Tiefenpsychologie des westlichen Menschen entgegen. Politik überhaupt ist daher nur der letzte Hilfsschlüssel für Tore, die zuerst anderweitig entriegelt werden müssen. Daß nun die Umweltschutzidee Gemeingut geworden ist, blockiert zunächst sogar das ökologische Denken, weil Ökologie und Umweltschutz verwechselt werden. Die Gesellschaft wird wieder ein paar Jahre brauchen, um zu erleben: Umweltschutz, Umweltschonung und was der schönen Worte mehr sind, dienen bloß als Ausputz­pflaster­steine für den breiten Weg zur Hölle, nicht etwa der Wiederversöhnung mit der Erde.

Daher schreibe ich dieses Buch nicht so sehr über ökologische Politik als über ihre Grundlagen, ihren geistigen Zusammenhang, die Verwurzelung der Katastrophe wie der möglichen Rettung im menschlichen Wesen. Nur von dort aus gibt es eine radikale und im genauen Sinne fundamentalistische Antwort. Die Bombe, Tschernobyl, das Elend der Welt, das mit der Ausbreitung unserer Zivilisation anwächst, sind nur Anstöße, allerdings unentrinnbare. 

Wir müssen die Logik der Selbstausrottung zurück­verfolgen bis ins menschliche Herz, weil auch nur von dort die Logik der Rettung ihren Ausgang nehmen kann.

Was wir tun, was wir uns und aller Kreatur antun, kann nur darin wurzeln, was wir sind. Wenn wir jetzt sehen, daß unser Dasein als denkende Wesen vor allem Störung der Weltharmonie, der Naturgleich­gewichte hervorruft, so kann das keine andere Ursache als die Verwirrung unseres eigenen Geistes und Herzens haben. 

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Genauer gesagt, wie auch immer diese Verwirrung ihrerseits verursacht sein mag, wir müssen in erster Linie nicht diese Umstände, sondern uns als die Wurzel sehen — wir könnten auch sagen, als den entscheidenden Durchgangspunkt all unserer Teufelskreise. Wie können wir die menschlichen Energien von all der falschen Arbeit in der Fabrik und im Büro abwenden, von all der Selbstmordarbeit jeden Tag?

Wenn ich von Logik der Selbstausrottung wie der Rettung spreche, dann setze ich zunächst voraus, daß es eine "implizite", eine "eingefaltete" Ordnung, einen Satz Gesetzmäßigkeiten im Kosmos und auf unserem Planeten gibt, und daß diese Ordnung als Verhaltensgrund in uns hineinreicht. Wir können deshalb auch immer soviel wissen, wie nötig ist, um eingefügt zu sein. Worte wie Logik, Logos oder Dau (Tao, bei Laotse bzw. Laudse, den ich besonders liebe, heißt etwa; die Übereinstimmung mit der impliziten Großen Ordnung, die in Natur und Gesellschaft dieselbe ist) weisen auf den menschlichen Zugang zu diesem Urgrund, zu seiner Entfaltung und Wirksamkeit. Unsere Praxis muß sich dem so Erfahrbaren anmessen, auch wo keine Ratio hinreicht. In dieser Richtung allein liegt das gesuchte Gleichgewicht, liegt die Kreislaufwirtschaft, bei der Zyklus über Entwicklung geht.

In der Logik der Selbstausrottung dagegen hat sich der Pfeil der Entwicklung, der Eroberung, der Expansion vom Zirkel der ewigen Wiederkehr losgerissen und mehr und mehr gegen den Urgrund gekehrt. Wir heben nicht auf, wir beuten aus, wo wir weitergehen. "In der Welt habt ihr Angst", steht geschrieben. Die sucht das Ich, besonders das männliche, mit Machterwerb und Sicherheitspolitik zu kompensieren. So haben wir Zug um Zug, immer außen und innen zugleich, diese selbstmörderischen Zivilisationen geschaffen, keine extremer als unsere, die ich als das Imperium des Weißen Mannes begreife.

Leicht ist es, ihre Übel zu verwerfen: Die Schlechten ins Kröpfchen, die Guten aber, die Errungenschaften, ins Töpfchen, um daran festzuhalten. Es läuft aber im Ganzen falsch, und so fängt die Logik der Rettung damit an, daß wir bereit sind, alles loszulassen, auch unsere Schätze, vor allem das Geldmachen und die Wissenschaft, die allem zugrunde liegen, aber auch diese bestimmte Art von verteilungs­kämpferischer Demokratie, die ebenfalls eine Phase der Schlinge um unseren Hals ist.

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Und die Logik der Rettung endet damit, daß wir unsern höchsten Schatz preisgeben, den Doktor Faustus in uns (Goethes "Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit" 6), der jeden Tag bereit ist, den Teufelspakt zu erneuern. 

Wir richten die Welt zugrunde, um uns einen Namen zu machen, um diese Spur zu ziehen, die "nicht in Äonen untergeht". 7)

Zwischen jenem Anfang und diesem Ende einer Rettungslogik aber, und nur davon umrahmt sinnvoll zu bestellen, liegt das Feld von Rettungspolitik, das Feld einer neuen Ordnungs-, einer Neuordnungspolitik. Was darauf wächst, wird von der Atmosphäre abhängen, die sich im vor- und überpolitischen Raum herausbildet.

Entsprechend der Absicht, Spiritualität und Politik zu verbinden, hat mein Buch nun zwei miteinander verflochtene Stränge, eine innere und eine äußere Linie der Annäherung an die Probleme einer Umkehr­bewegung.

Entscheidend ist die innere Linie. Insofern liegt das Hauptgewicht auf der Logik der Selbstausrottung und der Logik der Rettung, worunter ich verstehe, daß wir uns der Tiefenstaffelung sowohl der Selbst­zer­stör­ungs­kräfte als auch des Potentials für eine Heilung der Kultur bewußt sein sollten. Fehlt uns das, so reiben wir uns an den Symptomen auf und sammeln bloß Enttäusch­ungen an, weil die alte Logik nicht auf Anhieb nachgibt. 

Wir müssen den Schub verstehen, der die industrielle Mega­maschine vortreibt und auf diese Weise auch die Fallhöhe ihres Ausstoßes bestimmt. Auch müssen wir wissen, wie sehr wir mit eingerollt sind in die Lawine, die wir gleichwohl aufhalten möchten — wirklich keine konventionelle Aufgabe. 

Und was die Lösung betrifft, sind die nächstliegenden Vorstellungen, die alle von den Verhaltensmustern eines mehr oder weniger radikalen Klassenkampfes um den Anteil am verteilbaren Kuchen bestimmt sind, völlig untauglich. Wir müssen einen anderen Mechanismus erfinden, um der sozialen Gerechtigkeit nahezukommen; der jetzige heizt innen die ökonomische Expansion und nach außen die Ausbeutung der übrigen Menschheit, des Lebens und der Natur überhaupt an. 

Es geht zunächst um Erkenntnis, nicht vorschnell um das nächste Aktionsprogramm.

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Auch der andere, der äußere Strang soll nicht in einen Maßnahmeplan münden, sondern in Axiome und Prinzipien einer Rettungs­politik sowie in die Frage nach ihren Institutionen. An Handlungsanlässen ist wahrlich kein Mangel, die Dämme beginnen allerorten zu reißen, nur haben wir die Erfahrung, daß es uns an einer Behandlung gebricht, die aus dem Flickwerk am Status quo hinausführt. Rezepte bleiben Gedanken­experimente und wirken unrealistisch, solange die große Mehrheit trotz aller Nörgelei noch mit den ägyptischen Plagen aushält. Ja, Umweltschutzmaßnahmen haben, wenigstens verbal, Konjunktur, eine ökologische Reformation an Haupt und Gliedern hat sie noch nicht. Die Stunde für eine ökologische Wendepolitik wird aber kommen.

Beginnen wird sie wahrscheinlich als eine Art konservativer Revolution, für die aber die politische Kraft jetzt noch nicht annähernd formiert ist. Damit werden die Umorientierungs­prozesse in den beiden alten Hauptparteien, vor allem aber in dem konservativen Lager, wichtiger als die Entwicklung der auch ins bestehende Parteiensystem eingerückten Grünen. 

Ich lasse also die grüne Realpolitik beiseite, um mich auf den fundiertesten christdemokratischen Beitrag zur Einordnung des Umweltschutzes in unsere Wirtschafts- und Sozialverfassung einzulassen, dem überdies die Sozialdemokratie bisher nichts Gleichwertiges an die Seite zu stellen hat: auf Kurt Biedenkopfs Buch <Die neue Sicht der Dinge>. Im Gegensatz zu Lothar Späth aus derselben CDU, der auf einen Kopfsprung in die nächste Welle technologischer Innovation setzt, möchte Biedenkopf eine Logik wenigstens der Schadensbegrenzung installieren und daraufhin das alte institutionelle Kleid immerhin im Ganzen wenden. Wirklich aufhalten wird auch Biedenkopfs "ökologische Marktwirtschaft" die Katastrophe nicht, aber an dem Versuch, würde er konsequent durchgeführt, wäre mehr als an jeder anderen Realpolitik zu lernen.

Er wird scheitern. Es wird überhaupt jede aufs Ökonomische und Politische beschränkte Strategie scheitern. Insbesondere ist die Megamaschine ganz offensichtlich nicht durch Gegenmacht-Demonstrat­ionen aufzuhalten, aber ich glaube eben auch nicht an die endgültige Wirksamkeit rechtlicher bzw. staatlicher Eingriffe, so notwendig sie vorübergehend sind. Wir müssen der Megamaschine die Nahrung - die menschliche Energie - verweigern, statt sie mit dem Abwehrkampf von unten und mit regulativen Maßnahmen von oben sogar noch zu trainieren.

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Doch wohin mit den Energien, wohin mit dem aktiven Potential, das bisher auf diese Art Weltveränderung durch Sachenmachen und soziales Kämpfen programmiert ist? Wir werden gewiß Aktivität brauchen, um die neue Ordnung einzurichten, mit der wir in den begrenzten irdischen Naturzusammenhang passen. Aber sehr viel davon kann und darf einfach nicht mehr produktivistisch umgesetzt werden. So ist es eigentlich eine weitgehende Umwidmung des menschlichen Energieeinsatzes von den Tiefen der Person her, worauf wir noch Hoffnung setzen können. Dies muß von Grund auf geschehen, nicht erst aus dem Stau der Rest­energien, die keinen Auslauf mehr finden, vielmehr von der ursprünglichen Tendenz der Lebensenergie selbst her, die nach freudigem Auslaß strebt.

Bei genauerem Hinsehen bedeutet Spiritualität (versus Materialismus) vor allem, diese Umorientierung unserer Energien von einer Praxis vornehmlich äußeren zu einer Praxis vornehmlich inneren Handelns, vom Sachobjekt zum Subjekt, von der Konstruktion zur Kommunion.

Ohne spirituelle Perspektive wird sich der Ökopax-Ansatz doch nicht von der Logik der Selbst­aus­rottung lösen. Seine Helden werden im letzten Akt tot mit auf der Bühne liegen. Damit ist keineswegs gemeint, wir müßten uns nur ein bißchen euphorisches positive thinking einüben, und es würde sich alles von selbst wieder einrenken. 

Für die Logik der Rettung brauchen wir wieder Zugang zu den ältesten Weisheiten der Menschheit, die bis auf die Altsteinzeit zurückgehen, wo die Menschen die Urtatsachen ihrer Existenz und Einordnung in den Kosmos noch weitgehend frei von dem deformierenden Ballast ihrer späteren kulturellen Spezialisierung und Entfremdung gelebt und gefeiert haben. Wir müssen vor allem lernen, unsere Bewußtheit mehr auf uns selbst als auf die von uns gemachte Welt zu richten, und den Zusammenhang zwischen Innen und Außen präsent zu halten. Denn in uns ist alles, und wir sind in allem.

In der New-Age-Szene ist es üblich, sich darin zu versichern, daß wir eins mit den Wolken, den Bäumen, den Steinen und den Tieren sind. Richtig, wir sind alle Teil der Bäume, und die Bäume sind Teil von uns. Aber mindestens ebenso not tut uns zu wissen, daß und inwiefern wir — nach derselben Logik! — auch Teil der Megamaschine sind; und die Megamaschine ist Teil von uns. Die praktische Identifikation mit dem Auto, mit dem die Adepten auf den heutigen Monte Veritá fahren, könnte sich durchaus gewichtiger auswirken als die Baum­zeremonie dort oben.

Mit der Einsicht in die Mitverantwortung für die Selbstzerstörung fängt ein politisches Verhalten, das rettend sein kann, gerade an. Was immer wir im einzelnen tun oder lassen können, bekommt erst durch die Zuordnung auf das Ganze der menschlichen Praxis seinen Stellenwert zwischen Schädigung und Förderung des Lebens. Also ist die Wahrheit über uns selbst zu suchen die wichtigste politische Disziplin.

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