Max Frisch 

Stiller 

Homo faber 

Fragebogen 1966 

Audio 2010 dlf 

 

wikipedia.Autor    *1911 in Zürich bis 1991 (79) 

wikipedia  Homo_faber 

wikipedia  Der_Mensch_erscheint_im_Holozän  

 

detopia:  F.htm    Umweltbuch     Sterbejahr  

Friedrich Dürrenmatt   Karl Kraus   F.Fühmann    H.Böll    Lauterburg   Gruhl

 

Der Fragebogen 1966 

  1. Sind Sie sicher, daß Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?

  2. Warum? Stichworte genügen.

  3. Wieviele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?

  4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?

  5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber - die nicht davon zu wissen braucht - Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?

  6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?

  7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?

  8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?

  9. Wen hingegen nicht?

  10. Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?

  11. Wie alt möchten Sie werden?

  12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.

  13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?

  14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?

  15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, daß Sie klüger werden oder meinen Sie's noch? Angabe des Alters.

  16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik? 

  17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: wofür bitten Sie eher um Verzeihung?

  18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?

  19. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, daß der Verstorbenen zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?

  20. Lieben Sie jemand?

  21. Und woraus schließen Sie das?

  22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wir erklären Sie es sich, daß es dazu nie gekommen ist?

  23. Was fehlt Ihnen zum Glück?

  24. Wofür sind Sie dankbar?

  25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als gesundes Tier? Und als welches?

 

 

 

Zum hundertsten Geburtstag von M. Frisch

wurde der Fragebogen 'neu ausgefüllt'

in der FAZ 2011:  

faz   autoren/antworten-auf-max-frisch-was-fehlt-uns-zum-glueck

 

1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?

Jonathan Franzen: Nein und ja.

Alexander Kluge: Ich bin sicher.


2. Warum?

Jonathan Franzen: Nein, weil ich nicht glaube, dass man unserer Spezies die Verantwortung über unseren Planeten anvertrauen kann, ich glaube vielmehr, dass wir ihn am Ende komplett verschrotten werden. Ja, weil unsere Spezies darin einzigartig ist, ein Bewusstsein zu haben, und etwas an unserem Schicksal, die Wesen zu sein, durch welche das materielle Universum seiner selbst bewusst wird, wunderschön ist – in der aufeinander abgestimmten Komplexität von Universum und menschlichem Gehirn. Persönlich gibt es mir als Autor ein größeres Gefühl von Bedeutung, wenn ich mir vorstelle, dass etwas, das ich geschrieben habe, jemandem immer noch gefallen oder Trost spenden könnte, wenn jeder, den ich kenne und liebe, längst tot ist.

Alexander Kluge: Warum? Zum Menschengeschlecht zählen z. B. meine Vorfahren und meine Kinder. Auch viele Tote, die ich liebe und die Eideshelfer dafür sind, dass etwas an den Menschen, einem Mangelmutanten, sich eventuell noch verbessern lässt und überleben sollte.


3. Wie viele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?

Jonathan Franzen: Falls ich Kinder haben sollte – und ich bin mir ziemlich sicher, dass dem nicht so ist –, wurden sie sicher nicht absichtlich gezeugt.

Alexander Kluge: Die Frage habe ich mit Max Frisch direkt aufgrund einer Szene aus dem Film „Abschied von gestern“ ausgetauscht. Es ist keine Sache der Öffentlichkeit.


4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
Jonathan Franzen: Ganz ehrlich: niemanden.
Alexander Kluge: Allen Funktionären der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft.


5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
Jonathan Franzen: Ich bin mir bewusst, fast jedem gegenüber zumindest ein bisschen im Unrecht zu sein, aber „Hass“ würde ich nicht nennen, was ich da empfinde. „In der Schuld“ trifft es vielleicht besser.
Alexander Kluge: Ich hasse mich selbst dafür.


6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
Jonathan Franzen: Ja, wenn „absolut“ nicht „total“ heißt. Ein absolutes Gedächtnis gewährte mir anschaulichen Zugang zu jeder nützlichen Information, die ich je gelernt habe, und jeder interessanten Erfahrung, die ich je erlebt habe – unter Ausschluss aller schrecklichen Texte und Melodien von Popsongs, die ansonsten mein Hirn verstopfen.
Alexander Kluge: Nein. Das absolute Gehör hätte ich gern.


7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
Jonathan Franzen: Es liegt mir nicht, anderen Leuten Krankheit oder Tod zu wünschen, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass es so wäre, wenn ich in einem weniger begünstigten Land leben würde.
Alexander Kluge: Manche halte ich für ersetzbar. Auf das Ende der Amtszeit von George W. Bush habe ich gewartet. Über den Tod von Menschen, sagt der Vatikan, darf man sich aber nie freuen.


 

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